Wo der Fado geboren wurde: Mouraria, Graça und die Stimmen Lissabons
Von den Kacheln am Largo do Intendente durch die Gassen der Maria Severa hinauf zu den Aussichtspunkten von Graça und bis zum Grab von Amália Rodrigues: ein Spaziergang durch das musikalische Herz Lissabons
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1. Largo do Intendente & die Kachelfassade der Viúva Lamego
Largo do Intendente Pina Manique, 1100 Lisboa, Portugal
Stell dich in die Mitte des Platzes und dreh dich langsam einmal um dich selbst, bis dein Blick an einem Haus hängen bleibt, das ganz mit Kacheln bekleidet ist. Zwischen den Fenstern stehen Figuren in blauen und gelben Farbtönen, exotische Gestalten, Ranken, fast wie ein Bühnenbild, das jemand an die Hauswand geklebt hat.
Das ist das alte Haus der Fabrik Viúva Lamego, der Witwe Lamego. Die Manufaktur wurde 1849 gegründet und brannte Ziegel, Töpferwaren und vor allem Azulejos, die bemalten Fliesen, ohne die Lissabon nicht Lissabon wäre. Die Fassade war Werbeplakat und Musterkatalog zugleich: Wer hier vorbeikam, sah sofort, was die Werkstatt konnte. Stell dir eine Zeit ohne Prospekte vor... die Hauswand war das Schaufenster. Die Firma gibt es übrigens bis heute, nur längst nicht mehr an diesem Platz.
Der Platz selbst trägt den Namen von Diogo Inácio de Pina Manique, dem gefürchteten Polizeiintendanten unter Königin Maria I. im späten 18. Jahrhundert. Er ließ Straßen beleuchten, jagte Freidenker und gründete 1780 die Casa Pia, ein Heim für verwaiste Kinder. Ein Mann der Ordnung also. Ausgerechnet sein Platz wurde im 20. Jahrhundert zu einer der verrufensten Ecken der Stadt, mit Drogenhandel, Straßenstrich und Häusern, aus denen die Menschen wegzogen.
Dann geschah etwas Ungewöhnliches. 2011 verlegte der damalige Bürgermeister António Costa sein Amtszimmer demonstrativ hierher, an den Largo do Intendente. Plätze wurden saniert, Ateliers und Musiklokale zogen ein, und abends spielt heute oft jemand Gitarre auf den Bänken. Neben jungen Familien sitzen dort alte Nachbarn, die den Platz noch aus seinen schlimmsten Jahren kennen. Ob das eine Rettung ist oder der Anfang der Verdrängung, darüber streiten die Nachbarn bis heute... beides ist ein bisschen wahr.
Merk dir diesen Platz als Tor. Hinter dir liegt das neue Lissabon der breiten Avenidas, vor dir beginnt die Mouraria, das Viertel, in dem der Fado laut Überlieferung seine ersten Lieder sang. Geh jetzt die Rua do Benformoso hinunter, eine der ältesten Straßen des Viertels, voller Gewürzläden und Sprachen aus halb Asien, bis sich der Blick auf einen langen, offenen Platz öffnet.
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2. Praça do Martim Moniz
Praça do Martim Moniz, 1100 Lisboa, Portugal
Vor dir liegt ein langer, offener Platz, an dessen Rand die gelben Straßenbahnen der Linie 28 quietschend ihre Kurve nehmen. Hör kurz hin: Bengali, Mandarin, Hindi, Kreolisch und Portugiesisch mischen sich hier in einem einzigen Satz, und über allem thront oben auf dem Hügel die Burg.
Der Platz trägt den Namen eines Mannes, der vielleicht nie gelebt hat. 1147 belagerte Afonso Henriques, der erste König Portugals, mit Kreuzfahrern aus Nordeuropa das muslimische Lissabon. Die Legende erzählt, dass der Ritter Martim Moniz sah, wie sich ein Burgtor kurz öffnete, und sich mit seinem eigenen Körper in den Spalt warf. Er wurde erschlagen, aber das Tor blieb offen, und die Christen stürmten hinein. Oben an der Burg heißt eine Pforte bis heute nach ihm. Historiker zweifeln, ob es ihn je gab, aber in Lissabon ist eine gute Legende oft stärker als jede Urkunde.
Nach der Eroberung mussten die Muslime, die in der Stadt blieben, außerhalb der Mauern leben, genau hier, am Hang unterhalb der Burg. So entstand die Mouraria, das Viertel der Mauren. Jahrhunderte später, als sie längst vertrieben oder zwangsgetauft waren, blieb der Name, und mit ihm der Ruf: ein Viertel der Armen, der Seeleute, der Tavernen. Genau in solchen Tavernen, sagt man, wurde im 19. Jahrhundert der Fado zum ersten Mal gesungen.
Was du heute als weiten Platz siehst, war bis ins 20. Jahrhundert ein dichtes Gewirr aus Gassen, Kirchen und Häusern. Das Estado-Novo-Regime ließ ab den 1940er-Jahren große Teile der unteren Mouraria abreißen, um Platz für Verkehr und moderne Bauten zu schaffen. Viele Fadosänger haben diesem verlorenen Viertel später Lieder gewidmet, voller Wehmut über eine Straße, die es nicht mehr gibt.
Und doch ist der Platz heute lebendiger als je zuvor. Einwanderer aus Bangladesch, China, Indien und Nepal haben die Mouraria wieder zu dem gemacht, was sie im Mittelalter war: ein Viertel der Fremden mitten in der Stadt. An manchen Abenden riecht es hier nach Curry, Teigtaschen und gegrilltem Fisch zugleich. Geh jetzt zum südlichen Ende des Platzes, dorthin, wo die Rua da Mouraria beginnt und eine kleine weiße Kapelle steht.
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3. Capela de Nossa Senhora da Saúde
Rua da Mouraria, 1100 Lisboa, Portugal
Bleib vor der schlichten weißen Kapelle mit dem kleinen Glockenaufsatz stehen, eingeklemmt zwischen Häusern und dem Verkehr des Platzes. Sie ist so unscheinbar, dass die meisten Menschen achtlos vorbeigehen... und doch ist sie eines der wenigen Gebäude hier, die älter sind als das große Erdbeben.
Ursprünglich war das eine Kapelle des heiligen Sebastian, des Schutzpatrons gegen die Pest. 1569 traf Lissabon eine Seuche, die die Chronisten die Große Pest nannten, und Zehntausende starben in wenigen Monaten. Wer es sich leisten konnte, floh aufs Land, die Armen der Mouraria aber blieben. Als die Krankheit nachließ, gelobten die Überlebenden der Muttergottes der Gesundheit, Nossa Senhora da Saúde, eine jährliche Prozession. 1570 zog sie zum ersten Mal aus, und seitdem fast in jedem Jahr.
Das macht sie zu einer der ältesten Prozessionen Lissabons, über 450 Jahre alt. Jedes Jahr im Frühling, meist Ende April oder Anfang Mai, wird die Statue aus der Kapelle getragen, begleitet von Blaskapellen, Soldaten in Uniform und Nachbarn in Sonntagskleidung. Traditionell marschiert dabei auch Militär mit, eine Erinnerung an die Artilleristen, die mit der Kapelle seit Jahrhunderten verbunden sind.
Und warum gehört so ein Ort auf einen Fado-Spaziergang? Weil der Fado nie nur in Konzertsälen lebte, sondern in genau dieser Welt: Prozessionen, Volksfeste, Nachbarschaft, Glaube und Aberglaube. Viele alte Fados erzählen von Heiligen, von Gelübden, von Müttern, die für ihre Söhne auf See beten. Dieselben Menschen, die nachts in der Taverne sangen, trugen am Sonntag die Kerzen in der Prozession. Wenn die Prozession durch die Mouraria zieht, hängen an manchen Fenstern Decken und Tücher, so wie es schon Maria Severa gesehen haben muss.
Das Erdbeben von 1755 hat diese kleine Kapelle der Überlieferung nach fast unbeschadet überstanden, während ringsum Kirchen einstürzten. Die Menschen hier haben das nie für einen Zufall gehalten. Dreh dich jetzt nach links, wo neben der Kapelle eine steile Treppe den Hang hinaufführt, und schau dir die Wände dort genau an.
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4. Escadinhas da Saúde: die Fado-Treppe
Escadinhas da Saúde, 1100 Lisboa, Portugal
Nimm die ersten Stufen der Treppe und lass dir Zeit, denn die Wände links und rechts erzählen eine Geschichte in Farbe. Die Wandbilder sind dem Fado gewidmet: Die Mouraria hat ihrer berühmtesten Tochter, der Musik, hier eine Galerie unter freiem Himmel geschenkt.
Was ist der Fado eigentlich? Das Wort kommt vom lateinischen fatum, Schicksal. Er taucht in Lissabon in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts auf, in Hafenkneipen, Bordellen und Hinterhöfen, gesungen von Seeleuten, Prostituierten, Kutschern und Wäscherinnen. Woher er genau kommt, weiß niemand sicher: von afrobrasilianischen Tänzen, von Matrosenliedern, von maurischen Melodien? Jede Theorie hat ihre Anhänger, und Fadistas streiten darüber mit großer Leidenschaft.
Hör dir einmal genau an, was die Begleitung macht. Da ist die portugiesische Gitarre, birnenförmig, mit zwölf Metallsaiten in Paaren, die hell und fast weinend klingt. Sie spielt keine Begleitung im Hintergrund, sie antwortet der Stimme, wie in einem Gespräch. Daneben die Viola, eine gewöhnliche spanische Gitarre, die den Rhythmus hält, und manchmal ein Bass. Mehr braucht ein Fado nicht... nur eine Stimme, die etwas zu verlieren hat.
Und dann ist da das Wort, das sich nicht übersetzen lässt: saudade. Sehnsucht trifft es nicht ganz, Wehmut auch nicht. Es ist das Gefühl, etwas zu vermissen, das vielleicht nie zurückkommt, und dieses Vermissen trotzdem zu lieben. Wenn in einem alten Lokal ein Fado beginnt, wird es still, die Lichter werden gedimmt, und wer weiterredet, bekommt böse Blicke. Im Fado hört man zu, man unterhält sich nicht.
Am 27. November 2011 erklärte die UNESCO den Fado zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit. Für die alten Sängerinnen und Sänger der Mouraria war das späte Gerechtigkeit, denn jahrzehntelang galt ihre Musik als Lied der Gosse. Und die Mouraria singt weiter: Mariza, eine der bekanntesten Fadosängerinnen unserer Zeit, ist hier aufgewachsen, in der Taverne ihrer Eltern. Steig jetzt weiter die Stufen hinauf und bieg dann in die Gassen rechts ab, bis du auf einen kleinen, ruhigen Platz kommst.
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5. Largo dos Trigueiros
Largo dos Trigueiros, 1100 Lisboa, Portugal
Hier wird es plötzlich still. Ein kleiner, unregelmäßiger Platz, Wäsche an den Leinen, Blumentöpfe auf den Fensterbänken, und irgendwo läuft ein Radio. Setz dich ruhig einen Moment auf eine Stufe, das machen die Nachbarn auch.
Die obere Mouraria hat, anders als der Platz unten, die Abrissbagger des 20. Jahrhunderts überlebt. Deshalb siehst du hier noch das mittelalterliche Muster des Viertels: Gassen, die sich nach keinem Plan richten, Treppen statt Straßen, Häuser, die sich gegenseitig stützen. Ein Stadtplan aus dem 16. Jahrhundert und einer von heute sehen an dieser Stelle verblüffend ähnlich aus. Die Gassen sind so schmal, dass sich Nachbarn von Fenster zu Fenster etwas reichen können.
Im Juni verwandelt sich all das. In den Nächten um den Tag des heiligen Antonius, am 13. Juni, hängen bunte Girlanden über den Gassen, es riecht nach gegrillten Sardinen, und auf improvisierten Bühnen wird gesungen. Jedes Viertel schickt seine eigene Marcha auf die Avenida da Liberdade, eine Parade mit Kostümen, Liedern und Bögen. Die Mouraria nimmt diesen Wettbewerb sehr ernst... und verliert nicht gern. Verliebte schenken sich in diesen Tagen ein Töpfchen Basilikum, den Manjerico, mit einer Papierblume und einem kleinen Liebesvers darin.
Zwischen Sardinen und Rotwein lebt hier auch der Fado vadio, der vagabundierende Fado. Das ist der Fado der Amateure: Ein Taxifahrer, eine Köchin, ein Rentner stehen auf, singen ein einziges Lied und setzen sich wieder hin. Keine Stars, keine Bühne, nur die Nachbarn. Aus dieser Welt kam Fernando Maurício, 1933 in der Mouraria geboren, den man hier bis heute den König des Fado der Mouraria nennt. Er sang zeitlebens lieber in kleinen Lokalen als in großen Sälen.
Die Mouraria war lange arm, und sie ist es teilweise noch. Steigende Mieten und Ferienwohnungen setzen den alten Bewohnern zu, und manche Fados, die hier heute gesungen werden, handeln genau davon. Geh jetzt die Gassen bergab, Richtung Rua dos Cavaleiros, bis du an eine Straße kommst, deren Wände mit Porträts von Sängern gesäumt sind.
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6. Rua do Capelão & Largo da Severa
Rua do Capelão, 1100 Lisboa, Portugal
Du stehst in der Rua do Capelão, einer schmalen Gasse, die sich zum kleinen Largo da Severa öffnet. An den Wänden hängen Porträts von Fadosängerinnen und -sängern, und mitten im Gassengewirr steht eine riesige portugiesische Gitarre aus Metall, das Denkmal für das Instrument, ohne das es keinen Fado gäbe.
Diese Gasse gehört einer Frau: Maria Severa Onofriana. Sie wurde 1820 geboren, war die Tochter einer Tavernenwirtin und verdiente ihr Geld, wie viele Frauen hier, auch als Prostituierte. Aber vor allem sang sie, mit einer Stimme, von der man sich in Lissabon noch Jahrzehnte später erzählte. Sie gilt als die erste Fadosängerin, deren Name überliefert ist.
Und dann kam der Skandal. Ein Aristokrat, der Graf von Vimioso, ein berühmter Stierkämpfer zu Pferd, verliebte sich in sie. Ein Graf und eine Sängerin aus der Mouraria, das war für die feine Gesellschaft unerhört, und gerade deshalb liebte das Volk diese Geschichte. Er nahm sie mit zu Stierkämpfen und in die Häuser des Adels, und plötzlich sang man den Fado der Gosse auch in den Salons.
Das Ende war kurz und traurig. 1846 starb Maria Severa mit nur 26 Jahren, wahrscheinlich an Tuberkulose, in einem Haus hier in der Rua do Capelão. Seitdem tragen viele Fadistas ein schwarzes Schultertuch, das Xaile, und eine alte Erzählung behauptet, es sei Trauer um die Severa. Ob das stimmt, ist ungewiss, aber man glaubt es hier gern. 1931 wurde ihre Geschichte zum Stoff des ersten portugiesischen Tonfilms, A Severa. Vorlage war ein Theaterstück von Júlio Dantas aus dem Jahr 1901, das ihre Legende endgültig unsterblich gemacht hatte.
Schau dir die Gesichter an den Wänden noch einmal an: Sie alle stehen in der Linie dieser einen Frau. Die ganze Gasse ist eine Bühne, auf der seit fast zwei Jahrhunderten dieselbe Liebesgeschichte gespielt wird. Jetzt kommt der anstrengendste Teil des Weges: Über die Rua dos Cavaleiros und steile Treppen geht es gut 350 Meter bergauf, bis ganz nach oben, zum höchsten Aussichtspunkt der Gegend.
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7. Miradouro da Senhora do Monte
Rua da Senhora do Monte, 1170 Lisboa, Portugal
Atme erst einmal durch, du hast es geschafft. Die Menschen, die hier wohnen, steigen diesen Hang jeden Tag mit Einkaufstüten hinauf... Respekt. Von diesem Platz unter den Pinien aus siehst du die ganze Stadt wie auf einem Teller: die Burg zum Greifen nah, darunter die Baixa, rechts die Hügel von Chiado und Bairro Alto, und hinten schimmert der Tejo bis zur roten Brücke.
Das ist einer der höchsten Punkte des alten Lissabon, und trotzdem ist es hier oft ruhiger als an den bekannteren Aussichtspunkten. Dreh dich um zur kleinen weißen Kapelle, der Ermida de Nossa Senhora do Monte. Der Überlieferung nach geht sie auf das Jahr 1147 zurück, auf die Zeit gleich nach der Eroberung der Stadt, auch wenn das heutige Gebäude nach dem Erdbeben von 1755 neu errichtet wurde.
In der Kapelle steht ein alter Steinstuhl, die Cadeira de São Gens, der Stuhl des heiligen Gens. Die Legende sagt, dass eine Schwangere, die sich darauf setzt, eine leichte Geburt haben wird. Über Jahrhunderte kamen Frauen aus der ganzen Stadt den steilen Hügel herauf, und es heißt, auch Königinnen von Portugal hätten vor der Geburt ihrer Kinder auf diesem Stuhl gesessen.
Und von hier oben verstehst du auch etwas über den Fado. Schau, wie die Mouraria unter dir am Hang klebt, wie eng die Dächer stehen, wie nah das Wasser ist. Lissabon war jahrhundertelang eine Stadt, aus der die Männer aufs Meer fuhren und die Frauen am Fenster warteten. Viele Fadotexte singen vom Fluss, von Schiffen, von Abschied... und von genau diesem Blick, auf eine Stadt, die man liebt und verlassen muss.
Wenn du zur Abendzeit hier bist, wirst du Paare, Gitarrenspieler und Nachbarn sehen, die einfach nur auf den Sonnenuntergang warten. Bleib, so lange du magst. Dann geh die Rua da Senhora do Monte hinunter und bieg in die Rua do Sol à Graça ein, wo hinter einem unscheinbaren Tor eine kleine, verborgene Straße liegt.
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8. Vila Berta
Rua do Sol à Graça, 1170 Lisboa, Portugal
Bieg in die schmale Seitenstraße ein und bleib stehen, sobald sie sich vor dir öffnet. Zwei Reihen Häuser, mit Balkonen aus Gusseisen, Kacheln an den Fassaden und Topfpflanzen, die jemand jeden Morgen gießt. Es wirkt wie eine Theaterkulisse, aber hier wohnen ganz normale Menschen.
Das ist eine Vila, eine Arbeitersiedlung. Als Lissabon im späten 19. Jahrhundert zu einer Industriestadt wurde, strömten Tausende Menschen aus den Dörfern in die Fabriken am Fluss, in die Tabakfabrik, die Spinnereien, die Werften. Unternehmer bauten für sie solche geschlossenen Höfe, oft hinter einem Tor, oft mit nur einem Eingang. Ganze Familien lebten dort oft in zwei Zimmern, mit einer Waschstelle für alle. Vila Berta entstand in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts und gehört zu den schönsten, die erhalten sind.
Den Namen hat sie, so erzählt man hier, von der Tochter des Bauherrn, eines Mannes namens Joaquim Francisco Tojal. Er baute Wohnungen für Arbeiter, gab ihnen aber gusseiserne Balkone und Zierkacheln, wie man sie sonst nur an Bürgerhäusern sah. Man kann darüber streiten, ob das Fürsorge war oder Eitelkeit... wahrscheinlich ein bisschen von beidem. Schau dir die Details an: die Geländer, die Konsolen unter den Balkonen, die Türen, alles mit einer Sorgfalt gemacht, die man bei Arbeiterhäusern nicht erwartet.
Im Juni wird diese kleine Straße zu einem der beliebtesten Festplätze von Graça. Dann stehen Tische und Grills auf dem Pflaster, Lichterketten hängen von Balkon zu Balkon, und bis spät in die Nacht wird gegessen, getrunken, getanzt und gesungen. Genau in solchen Höfen lebte der Fado der Arbeiter, gesungen nach der Schicht, zwischen Wäscheleinen und Gemüsebeeten. Wer neu einzieht, wird spätestens im Juni zu Sardinen eingeladen, so erzählen es die Bewohner.
Heute sind solche Vilas begehrte Adressen, und viele frühere Arbeiterwohnungen gehören inzwischen anderen Menschen als jenen, für die sie gebaut wurden. Bitte geh deshalb leise und fotografiere niemandem ins Fenster. Verlass die Vila wieder und geh die Rua do Sol à Graça hinunter bis zum großen Platz vor der Kirche von Graça.
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9. Igreja e Miradouro da Graça
Largo da Graça, 1170 Lisboa, Portugal
Unter den Pinien der Terrasse vor der Kirche öffnet sich der Blick nach Westen: die Burg links, gegenüber das Bairro Alto, unten die Dächer der Baixa. Hinter dir steht eine große, ernste Kirche mit einem schlanken Glockenturm, und auf der Terrasse sitzen Leute mit einem Glas in der Hand.
Die Augustiner ließen sich hier schon im 13. Jahrhundert nieder, 1271, auf dem Hügel, der damals noch weit vor der Stadt lag. Ihr Kloster wurde eines der reichsten Lissabons. Das Erdbeben von 1755 zerstörte große Teile davon, und was du heute siehst, ist weitgehend ein Wiederaufbau aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
In der Kirche wird eine Christusfigur verehrt, der Senhor dos Passos da Graça, der sein Kreuz trägt. Seit dem späten 16. Jahrhundert zieht mit ihm in der Fastenzeit eine Prozession durch die Straßen, und an diesem Tag ist der Platz voller Menschen in Violett. Sie erinnert an den Leidensweg Christi und gehört zu den feierlichsten der Stadt. Nachdem 1834 die Klöster in Portugal aufgelöst wurden, wurde das Kloster nebenan zur Kaserne, ein ziemlich krasser Rollenwechsel für einen Ort des Gebets.
Die Aussichtsterrasse trägt offiziell den Namen von Sophia de Mello Breyner Andresen, einer der großen Dichterinnen Portugals. Sie schrieb über das Meer, das Licht und die Freiheit, und eines ihrer Gedichte über den 25. April 1974 wird bis heute an Schulen gelesen. Musik und Dichtung liegen in Lissabon eng beieinander: Viele Fados, die Amália Rodrigues später sang, waren Gedichte großer Autoren, die erst durch sie auf die Straße kamen.
Graça war immer das Viertel der Arbeiter, der Feste und der Tavernen, ein wenig höher und ein wenig luftiger als die Mouraria. An Sommerabenden hört man von den Terrassen und aus den Tavernen immer noch Gitarren. Jetzt geht es ostwärts: Folge der Rua da Voz do Operário gut 350 Meter bergab, bis vor dir die weiße Fassade eines riesigen Klosters mit zwei Türmen auftaucht.
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10. Mosteiro de São Vicente de Fora
Largo de São Vicente, 1100 Lisboa, Portugal
Vor dir steigt eine helle Fassade mit zwei Türmen auf, streng und gleichmäßig, als hätte jemand Ordnung in das Chaos der Hügel bringen wollen. Der Name verrät schon die Lage: São Vicente de Fora, der heilige Vinzenz von außerhalb, weil das Kloster einst vor den Stadtmauern lag.
Die Geschichte beginnt wieder 1147. Afonso Henriques gründete hier nach der Eroberung ein Kloster für die Kreuzfahrer, die bei der Belagerung gefallen waren. Der heutige Bau ist viel jünger: Er entstand ab 1582, als Portugal unter der spanischen Krone stand und König Philipp II. sich in Lissabon mit einem prächtigen Bau in Erinnerung bringen wollte. Ein portugiesisches Nationalsymbol, bezahlt von einem spanischen König... auch das ist Lissabon. Der heilige Vinzenz ist übrigens der Stadtpatron: Der Legende nach begleiteten zwei Raben das Boot mit seinen Reliquien nach Lissabon, und bis heute segeln sie im Stadtwappen.
Das eigentliche Wunder sind die Kacheln. In den Kreuzgängen und Gängen des Klosters hängt eine der größten Sammlungen barocker Azulejos der Welt, blau und weiß, aus dem 18. Jahrhundert. Besonders berühmt sind die Kachelbilder zu den Fabeln von La Fontaine: der Fuchs und der Rabe, die Grille und die Ameise, als hätte jemand ein Kinderbuch an die Wand gekachelt.
Im alten Speisesaal ruhen die Könige der Dynastie Bragança, die Portugal von 1640 bis zum Ende der Monarchie 1910 regierte. Unter ihnen liegen auch König Carlos I. und sein Sohn, der Thronfolger Luís Filipe, die 1908 auf der Praça do Comércio erschossen wurden. Zwei Jahre später war Portugal eine Republik.
Und auf dem Campo de Santa Clara hinter dem Kloster liegt dienstags und samstags die Feira da Ladra, der Flohmarkt der Diebin, wo zwischen alten Schallplatten oft Fado-Aufnahmen aus den 1950er-Jahren liegen. Wer sucht, findet manchmal eine alte Single von Amália für ein paar Münzen. Geh jetzt am Kloster vorbei die Straße hinunter in Richtung Campo de Santa Clara, bis eine gewaltige weiße Kuppel vor dir auftaucht.
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11. Panteão Nacional: das Grab von Amália Rodrigues
Campo de Santa Clara, 1100 Lisboa, Portugal
Vor dir erhebt sich eine weiße Kirche mit einer gewaltigen Kuppel, die über den ganzen Osten der Stadt wacht. Das ist Santa Engrácia, heute das Panteão Nacional, und wenn ein Lissabonner von einer Baustelle sagt, sie sei wie die Obras de Santa Engrácia, dann meint er: Die wird nie fertig.
Der Spruch hat einen guten Grund. Mit dem Bau der Kirche wurde 1682 begonnen, und fertig wurde sie erst 1966, unter dem Estado Novo, fast drei Jahrhunderte später. Dazwischen lagen Geldmangel, Erdbeben, Revolutionen und mehrere Generationen von Baumeistern. Die Kuppel, die du heute siehst, kam erst ganz am Ende hinzu. Und erst im 20. Jahrhundert wurde die unvollendete Kirche zum Nationalpantheon bestimmt.
Im Inneren ruhen Menschen, denen Portugal nationale Ehre erweist: Präsidenten, Schriftsteller, der Fußballer Eusébio. Und eine Frau, mit der dieser Spaziergang enden muss: Amália Rodrigues. Sie wurde 1920 in Lissabon geboren, verkaufte als Mädchen Obst am Hafen und wurde zur Stimme, die den Fado in die Welt trug, von Paris bis New York und Tokio. Lieder wie Barco Negro machten sie in den 1950er-Jahren international berühmt.
Als sie am 6. Oktober 1999 starb, ordnete die Regierung drei Tage Staatstrauer an, und Zehntausende begleiteten ihren Sarg. 2001 wurde sie hierher überführt, als erste Frau im Nationalpantheon. Ihr Grab liegt nur wenige Hundert Meter von den Gassen entfernt, in denen Maria Severa anderthalb Jahrhunderte zuvor gesungen hatte. Von der Taverne zur Kuppel, vom Lied der Gosse zur Nationalehre: Das ist der ganze Weg des Fado.
Wenn du die Treppen bis zur Terrasse unter der Kuppel hinaufsteigst, siehst du den Tejo, das Hafenviertel und das Dächermeer, durch das du heute gelaufen bist. Irgendwo dort unten wird heute Abend wieder jemand eine Gitarre stimmen, das Licht dämpfen und um Ruhe bitten. Geh hin, setz dich dazu und hör zu... denn den Fado versteht man nicht beim Lesen, sondern nur mit geschlossenen Augen.