Istanbul der Sultane: Topkapı, Gülhane und die Hohe Pforte

Vom Orient-Express-Bahnhof Sirkeci über das Tor, das einem Weltreich den Namen gab, durch den Rosengarten der Reformen bis in die Höfe des Topkapı-Palastes

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  1. 1. Bahnhof Sirkeci: Endstation Orient-Express

    Hocapaşa Mahallesi, Ankara Caddesi, 34110 Fatih/İstanbul, Türkiye

    Stell dich vor die Fassade aus hellem Stein und rotem Backstein und schau auf die großen Rundfenster, die Hufeisenbögen, die kleinen Türmchen an den Ecken. Das sieht aus wie ein orientalischer Palast, den sich jemand in Preußen ausgedacht hat... und genau das ist es. Willkommen in Sirkeci, dem Bahnhof, an dem Europa zu Ende war.

    Gebaut wurde der Bahnhof zwischen 1888 und 1890, und sein Architekt war ein Preuße: August Jasmund, der damals in Istanbul arbeitete. Er mischte, was Europäer für orientalisch hielten, also Hufeisenbögen, Ornamente und farbige Fenster, mit der Technik eines modernen Kopfbahnhofs. Seit 1889 fuhr der Orient-Express ohne Umsteigen von Paris bis nach Konstantinopel, und hier stiegen die Reisenden aus, mit Schrankkoffern, Hutschachteln und großen Erwartungen. Für viele von ihnen war das der erste Schritt in eine Welt, die sie nur aus Romanen kannten.

    Und jetzt der deutsche Faden dieser Geschichte. Während hier die Luxuszüge einfuhren, bauten deutsche Ingenieure auf der anderen Seite des Bosporus an einem viel größeren Traum: an der Anatolischen Bahn und später an der Bagdadbahn, finanziert von der Deutschen Bank, die das Reich bis nach Bagdad erschließen sollte. Ihr Ausgangspunkt war der Bahnhof Haydarpaşa auf der asiatischen Seite, ein wuchtiger Bau, den deutsche Architekten Anfang des 20. Jahrhunderts entwarfen. Zwei Bahnhöfe, zwei Kontinente, und beide tragen eine deutsche Handschrift.

    Natürlich darf Agatha Christie nicht fehlen. Ihr Roman Mord im Orient-Express erschien 1934 und beginnt in Istanbul, mit einem Zug, der von hier aus nach Westen fährt. Christie kannte die Strecke aus eigener Erfahrung. Und die Wirklichkeit lieferte ihr die Vorlage: Im Winter 1929 blieb ein Orient-Express in Ostthrakien tagelang im Schnee stecken... ein Stoff, wie gemacht für einen Kriminalroman, in dem niemand den Zug verlassen kann.

    Heute ist Sirkeci kein Endbahnhof für Fernzüge mehr. Seit 2013 fährt die Marmaray-Bahn tief unter dem Bahnhof durch einen Tunnel unter dem Bosporus hinüber nach Asien, und das alte Gebäude ist zu einem Denkmal seiner selbst geworden. Geh jetzt bergauf in Richtung Cağaloğlu... ja, es geht steil nach oben, Istanbul ist eine Stadt der Hügel. Oben wartet ein Bad, das ein Sultan bauen ließ, um eine Bibliothek zu bezahlen.

  2. 2. Cağaloğlu Hamamı: Das Bad, das eine Bibliothek bezahlte

    Alemdar Mahallesi, Prof. Kazım İsmail Gürkan Caddesi, 34110 Fatih/İstanbul, Türkiye

    Vor dir liegt ein niedriger Bau mit flachen Kuppeln, in denen kleine Glasaugen sitzen, und ein Eingang, der kaum verrät, wie groß es dahinter ist. Riechst du es? Feuchte Wärme, Seife, ein Hauch von nassem Marmor... selbst hier draußen. Das ist der Cağaloğlu Hamamı, ein Bad, in dem seit 1741 geschwitzt wird.

    Gestiftet hat ihn Sultan Mahmud I., und zwar aus einem sehr praktischen Grund. Er hatte in der Hagia Sophia eine Bibliothek eingerichtet, und eine Bibliothek braucht Geld: für Bücher, für Bibliothekare, für Reparaturen. Also ließ er ein Bad bauen, dessen Einnahmen die Bibliothek finanzierten. So funktionierte das osmanische Stiftungswesen: Ein Bad, eine Ladenzeile oder ein Markt bezahlte eine Moschee, eine Schule oder eine Armenküche. Wer hier schwitzte, finanzierte also ganz nebenbei das Lesen.

    Es ist ein Doppelbad, mit getrennten Eingängen und Hallen für Männer und Frauen. Drinnen öffnet sich der heiße Raum unter einer großen Kuppel, durchbrochen von sternförmigen Lichtöffnungen, und in der Mitte liegt der Nabelstein, der Göbektaşı, eine erhitzte Marmorplatte, auf der man liegt, bis man glaubt zu schmelzen. Der Hamam gilt als eines der letzten großen Bäder, die in der osmanischen Hauptstadt entstanden, in einer Zeit, in der europäische Barockformen schon langsam in die Architektur einsickerten.

    Man wird dir hier eine lange Liste berühmter Badegäste aufzählen, von Filmstars bis zu gekrönten Häuptern, und manchmal fällt sogar der Name Kaiser Wilhelms II. Nicht jede dieser Geschichten ist belegt, und manche ist wohl eher in der Werbung gewachsen als im Dampf. Wahr ist aber, dass der Hamam für die Stadt viel mehr war als ein Ort zum Waschen. Hier wurde verhandelt, getratscht und vor Hochzeiten gefeiert, und für Frauen war er einer der wenigen Orte, an denen sie sich ganz unter sich treffen konnten.

    Übrigens schlug rund um diesen Hügel im 20. Jahrhundert das Herz der türkischen Presse. Die großen Zeitungen hatten hier ihre Redaktionen und Druckereien, bis sie in den 1980er- und 1990er-Jahren an den Stadtrand zogen. Geh jetzt die Straße ein Stück nach Osten, in Richtung des Gülhane-Parks. Nach wenigen Minuten stehst du vor einem Tor mit einem geschwungenen Dach, das einem ganzen Weltreich seinen Namen gab.

  3. 3. Die Hohe Pforte: Ein Tor als Name eines Weltreichs

    Alemdar Mahallesi, Alemdar Caddesi, 34110 Fatih/İstanbul, Türkiye

    Vor dir steht ein Tor mit einem weit ausladenden, geschwungenen Dach, davor Wachposten, dahinter ein Verwaltungsgebäude. Heute residiert hier der Gouverneur der Provinz Istanbul. Aber wenn europäische Diplomaten im 18. und 19. Jahrhundert schrieben, sie hätten mit der Hohen Pforte verhandelt, dann meinten sie genau diesen Ort.

    Bab-ı Âli heißt wörtlich das Hohe Tor. Hier, gegenüber dem Palast, lag seit dem 17. Jahrhundert der Amtssitz des Großwesirs, des Mannes, der im Namen des Sultans das Reich regierte. Mit der Zeit wurde der Name des Tores zum Namen der Regierung selbst, so wie man heute Downing Street oder Weißes Haus sagt und eine ganze Regierung meint. Diplomaten in Wien, Paris oder Berlin verhandelten nicht einfach mit dem Osmanischen Reich. Sie verhandelten mit der Pforte.

    Das Tor hat dramatische Tage gesehen. Am 23. Januar 1913, mitten in den Balkankriegen, stürmte eine Gruppe von Offizieren des Komitees für Einheit und Fortschritt unter Enver Bey die Hohe Pforte. Der Kriegsminister Nazım Pascha wurde erschossen, die Regierung zum Rücktritt gezwungen. Dieser Staatsstreich ebnete den Weg zur Herrschaft der Jungtürken, die das Reich im Herbst 1914 an der Seite Deutschlands in den Ersten Weltkrieg führten. Was hier an einem Wintertag geschah, veränderte am Ende die Landkarte eines ganzen Kontinents.

    Die Gebäude dahinter brannten im Lauf der Zeit mehrmals ab und wurden neu errichtet; das Tor mit seinem geschwungenen Dach stammt aus dem 19. Jahrhundert. Und die Straße, die hier vorbeiführt, wurde im 20. Jahrhundert zu einem Begriff ganz eigener Art. Babıali, das stand in der Türkei für die Presse, so wie Fleet Street in London. Die Journalisten saßen buchstäblich dem Regierungssitz gegenüber und schrieben über ihn.

    Und jetzt dreh dich um und schau schräg gegenüber auf die hohe Mauer des Palastgartens. Siehst du den kleinen, vieleckigen Pavillon, der wie ein Erker auf der Mauer sitzt? Von dort aus konnte der Sultan genau auf dieses Tor blicken. Der Großwesir regierte, aber er wurde beobachtet. Geh die paar Schritte hinüber, dort schauen wir uns dieses Verhältnis genauer an.

  4. 4. Alay Köşkü: Der Logenplatz des Sultans

    Alemdar Mahallesi, Alemdar Caddesi, Gülhane Parkı girişi, 34110 Fatih/İstanbul, Türkiye

    Schau hinauf zu dem eleganten, vieleckigen Pavillon, der auf der Ecke der hohen Gartenmauer sitzt, mit breiten Fenstern und einem weit vorspringenden Dach. Alay Köşkü heißt er, der Paradepavillon. Von außen wirkt er beinahe verspielt... aber er war ein Instrument der Macht.

    Hier, an der Grenze zwischen Palast und Stadt, saß der Sultan hinter Gittern und Vorhängen und schaute hinaus, ohne selbst gesehen zu werden. Unter ihm zogen Prozessionen vorbei: Zünfte mit ihren Abzeichen, Truppen, die zu einem Feldzug aufbrachen, Gesandtschaften mit Geschenken. Und direkt gegenüber lag die Hohe Pforte. Ein Blick aus dem Fenster genügte, um zu sehen, wer beim Großwesir ein und aus ging, wer lange blieb und wer verärgert herauskam.

    Diese Nähe hatte eine dunkle Seite. Das Amt des Großwesirs war eines der gefährlichsten im ganzen Reich, und mancher verlor nicht nur seinen Posten, sondern auch sein Leben. Man erzählt sich, dass Sultane von diesem Fenster aus der Menge zusahen, wenn sie gegen einen verhassten Minister tobte. Was sich hier im Einzelnen abgespielt hat, ist oft Legende. Aber die Architektur erzählt die Wahrheit ganz ohne Worte: Der Herrscher sah alles, und alle wussten es.

    Der heutige Bau stammt aus dem frühen 19. Jahrhundert, aus der Zeit Sultan Mahmuds II., der das Reich gründlich umkrempelte, die Janitscharen abschaffte und seinen Beamten den Fes verordnete. Ältere Pavillons standen an dieser Stelle schon lange vorher. Und heute? Heute wohnen hier Bücher. Der Pavillon beherbergt eine Literatur-Museumsbibliothek, benannt nach Ahmet Hamdi Tanpınar, einem der feinsten türkischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, der über Istanbul geschrieben hat wie kaum ein anderer.

    Gleich neben dem Pavillon öffnet sich das große Tor zum Gülhane-Park, dem einstigen äußeren Garten des Topkapı-Palastes. Geh hinein und folge der breiten Allee unter den Platanen ein Stück nach Norden, leicht bergab. Zwischen Blumenbeeten und Spaziergängern wurde hier 1839 ein Text verlesen, der das Osmanische Reich verändern sollte.

  5. 5. Gülhane-Park: Rosengarten und das Edikt von 1839

    Gülhane Parkı, Cankurtaran Mahallesi, 34122 Fatih/İstanbul, Türkiye

    Geh langsam unter den alten Platanen entlang und hör hin: Kinder, Tauben, irgendwo ein Teeverkäufer, im Frühling ganze Wellen von Tulpen in den Beeten. Kaum zu glauben, dass dieser Park jahrhundertelang hinter Mauern verborgen lag. Gülhane heißt Rosenhaus, und hier war der äußere Garten des Sultanspalastes.

    Am 3. November 1839 versammelten sich hier Würdenträger, Geistliche, Vertreter der christlichen und jüdischen Gemeinden und ausländische Diplomaten. Der Außenminister Mustafa Reşid Pascha verlas im Namen des jungen Sultans Abdülmecid, gerade sechzehn Jahre alt, ein feierliches Edikt, das Hatt-ı Şerif von Gülhane. Es versprach allen Untertanen, gleich welcher Religion, Sicherheit für Leben, Ehre und Eigentum, eine geordnete Besteuerung und eine geregelte Wehrpflicht. Für ein Reich, in dem vieles von der Gnade Einzelner abhing, waren das unerhörte Worte.

    Damit begann die Epoche der Tanzimat, der Neuordnung. Das Reich, militärisch geschwächt und von den europäischen Mächten bedrängt, wollte sich modernisieren, ohne sich selbst aufzugeben. Was folgte, waren Jahrzehnte voller Widersprüche: neue Schulen, Gerichte und Ministerien, aber auch Widerstand, Staatsbankrott und wachsender ausländischer Einfluss. Und doch: Hier, in einem Rosengarten, sprach ein osmanischer Herrscher öffentlich von Rechten, die für alle gelten sollten.

    Öffentlich zugänglich wurde der Garten erst 1912. Der Bürgermeister Cemil Topuzlu, im Hauptberuf ein angesehener Chirurg, ließ ihn als Park für die Istanbuler öffnen. Plötzlich spazierten ganz normale Familien dort, wo früher nur Gärtner, Pagen und Höflinge den Weg kannten. Wenn du nach rechts schaust, siehst du über den Bäumen die Mauern und Dächer des Palastes; der Park liegt ihm buchstäblich zu Füßen, am Hang hinunter zum Wasser.

    Achte auf die Tulpen, wenn du im April hier bist. Die Tulpe war ein osmanisches Lieblingsmotiv, lange bevor sie in Holland zur Spekulationsblase wurde, und eine ganze Epoche des frühen 18. Jahrhunderts trägt ihren Namen, die Tulpenzeit. Von ihr hörst du später noch. Folge jetzt der Allee weiter nach Norden, Richtung Meer. Am oberen Ende des Parks steht eine Säule, die womöglich schon stand, bevor die Stadt Konstantinopel hieß.

  6. 6. Die Gotensäule: Ein Siegesmal über Germanen

    Gülhane Parkı, Cankurtaran Mahallesi, 34122 Fatih/İstanbul, Türkiye

    Zwischen den Bäumen ragt eine einzelne graue Marmorsäule auf, gekrönt von einem korinthischen Kapitell, ein wenig verwittert, ein wenig vergessen. Die meisten Spaziergänger laufen vorbei, ohne den Kopf zu heben. Bleib du stehen. Diese Säule gehört zu den ältesten Monumenten der ganzen Stadt.

    Sie ist gut achtzehn Meter hoch und trägt eine lateinische Inschrift, die man kaum noch lesen kann: Fortunae reduci ob devictos Gothos. Auf Deutsch etwa: Der heimführenden Fortuna, wegen der besiegten Goten. Wer sie errichten ließ, ist umstritten. Manche denken an Kaiser Claudius II., der im 3. Jahrhundert den Beinamen Gothicus erhielt, andere an Konstantin den Großen im 4. Jahrhundert. Sicher ist nur, dass sie einen Sieg Roms über die Goten feiert.

    Und da stehst du nun, als Deutschsprachiger, vor einem Siegesdenkmal über einen germanischen Stamm. Die Goten waren aus dem Norden bis ans Schwarze Meer gezogen und hatten im 3. Jahrhundert die Grenzen des Römischen Reiches immer wieder durchbrochen, Städte geplündert und sogar Flotten gebaut. Für Rom waren sie der Albtraum aus dem Norden. Und im Jahr 410 sollten Westgoten unter Alarich die Stadt Rom selbst plündern, ein Schock, von dem die antike Welt sich nie ganz erholte.

    Noch älter ist der Boden, auf dem du stehst. Dies ist die Spitze der Landzunge, auf der griechische Siedler aus Megara der Überlieferung nach im 7. Jahrhundert vor Christus Byzantion gründeten. Ihr Anführer soll Byzas geheißen haben, daher der Name. Hier lag die Akropolis der alten Stadt, mit Tempeln und Heiligtümern, lange bevor es Kaiser, Sultane oder Paläste gab. Die Säule ist eines der wenigen sichtbaren Zeichen dieser frühen Geschichte, die hier noch über der Erde stehen.

    Ein paar Schritte weiter siehst du zwischen den Bäumen das Wasser, die Stelle, an der Bosporus, Goldenes Horn und Marmarameer zusammenfließen: Sarayburnu, die Palastspitze. Jetzt aber kehren wir um. Nimm den Weg am östlichen Rand des Parks zurück nach Süden, an der Palastmauer entlang. Wo links ein steiler Weg bergauf abzweigt, folge ihm; er führt zu einem Museum, das ein Maler gegründet hat.

  7. 7. Archäologische Museen: Osman Hamdi Bey und der Alexandersarkophag

    Cankurtaran Mahallesi, Osman Hamdi Bey Yokuşu Sokağı, 34122 Fatih/İstanbul, Türkiye

    Vor dir steht ein neoklassizistischer Bau mit Säulen und Giebel, als hätte jemand einen griechischen Tempel in einen osmanischen Palastgarten gestellt. Schau genau hin: Die Fassade erinnert an die Form eines antiken Sarkophags. Das ist kein Zufall, denn für Sarkophage wurde dieses Haus gebaut.

    Der Mann dahinter hieß Osman Hamdi Bey. Er hatte in Paris studiert, war Maler und Beamter und ab 1881 Direktor des kaiserlichen Museums. 1887 leitete er Ausgrabungen in einer Königsnekropole bei Sidon im heutigen Libanon und stieß auf eine Reihe prachtvoller Marmorsarkophage. Um sie würdig zu zeigen, ließ er dieses Gebäude errichten. Es öffnete 1891, entworfen vom Architekten Alexandre Vallaury. Zum ersten Mal hatte das Reich ein Museum, das wie ein Museum aussah.

    Der berühmteste Fund ist der Alexandersarkophag aus dem späten 4. Jahrhundert vor Christus. Auf seinen Seiten sieht man Alexander den Großen im Kampf gegen die Perser und bei der Löwenjagd, so lebendig gemeißelt, dass Pferde und Krieger aus dem Stein zu springen scheinen. An manchen Stellen haften noch Reste der ursprünglichen Farben. Und das Rätsel: Alexander liegt nicht darin. Vermutlich gehörte der Sarkophag einem König von Sidon, wahrscheinlich Abdalonymos, den Alexander selbst eingesetzt hatte.

    Und hier kommt wieder Deutschland ins Spiel. In denselben Jahren grub Carl Humann in Pergamon an der Westküste Kleinasiens, und die Reliefs des Pergamonaltars gelangten mit Genehmigung der osmanischen Regierung nach Berlin, wo sie bis heute zu sehen sind. Osman Hamdi wollte solche Verluste beenden: Eine Altertümerverordnung von 1884, an der er maßgeblich mitwirkte, erklärte Funde im Reich zum Staatseigentum und schränkte ihre Ausfuhr stark ein. Ein Maler war zum Hüter eines ganzen Erbes geworden.

    Gegenüber steht übrigens der Çinili Köşk, der Fliesenpavillon, um 1472 unter Mehmed II. erbaut und einer der ältesten erhaltenen osmanischen Profanbauten der Stadt. Und Osman Hamdi Bey hat auch ein berühmtes Gemälde geschaffen, den Schildkrötenerzieher, der auf der anderen Seite des Goldenen Horns hängt. Geh jetzt den Weg weiter bergauf. Er mündet in den ersten Hof des Topkapı-Palastes.

  8. 8. Topkapı-Palast: Vor dem Tor der Begrüßung

    Cankurtaran Mahallesi, Topkapı Sarayı, Babüsselam, 34122 Fatih/İstanbul, Türkiye

    Vor dir erhebt sich ein Tor mit zwei spitzen, achteckigen Türmen, fast wie aus einer mittelalterlichen Burg. Das ist Babüsselam, das Tor der Begrüßung, der Eingang zum zweiten Hof des Topkapı-Palastes. Bis hierher durfte im Osmanischen Reich beinahe jeder kommen. Ab hier wurde es ernst.

    Durch dieses Tor ritt nur einer: der Sultan. Alle anderen, ob Großwesir oder ausländischer Botschafter, stiegen vorher vom Pferd und gingen zu Fuß weiter. Mehmed II., der Eroberer, ließ den Palast nach 1453 auf dieser Landspitze errichten, und fast vier Jahrhunderte lang war er das Zentrum der Macht. Erst 1856 zog Sultan Abdülmecid in den neuen Dolmabahçe-Palast am Bosporus um. Seit 1924 ist Topkapı ein Museum.

    Hinter dem Tor liegt der zweite Hof mit dem Divan, dem Kuppelsaal, in dem der kaiserliche Rat tagte. Der Sultan konnte durch ein vergittertes Fenster hoch über den Wesiren zuhören, ohne gesehen zu werden; keiner wusste, ob er gerade dahinter saß. Gleich daneben beginnt der Harem, eine Stadt für sich mit Hunderten von Räumen, Höfen und Korridoren. Dort lebten die Mutter des Sultans, die Valide Sultan, seine Frauen, Kinder und Dienerinnen, bewacht von Eunuchen.

    Dort lag auch der berüchtigte Kafes, der Käfig: Gemächer, in denen ab dem 17. Jahrhundert die Prinzen lebten, abgeschirmt von der Welt, damit sie dem regierenden Sultan nicht gefährlich wurden. Manche verbrachten Jahrzehnte dort und kamen als Fremde auf den Thron. Europa malte sich den Harem dagegen als Ort der Fantasie aus. Mozarts Entführung aus dem Serail, 1782 in Wien uraufgeführt, spielt genau mit diesen Bildern... mit dem Alltag dieses Hauses hatte sie wenig zu tun.

    Noch weiter innen, im dritten und vierten Hof, liegen die Schatzkammer mit dem berühmten Topkapı-Dolch und dem Löffelmacher-Diamanten, die Kammer der heiligen Reliquien und Pavillons mit Blick über den Bosporus. Du musst nicht hineingehen, um die Ordnung des Ganzen zu verstehen: Je weiter innen, desto näher am Sultan, desto weniger Menschen. Dreh dich jetzt um und geh im ersten Hof zurück, vorbei an alten Platanen, zu einer Kirche aus rotem Ziegel.

  9. 9. Hagia Irene: Die Kirche, die nie Moschee wurde

    Cankurtaran Mahallesi, Topkapı Sarayı Birinci Avlu, 34122 Fatih/İstanbul, Türkiye

    Vor dir steht ein massiger Bau aus rotem Ziegel und grauem Stein, mit einer flachen Kuppel und Mauern, die tiefer liegen als der Hof um sie herum. Kein Minarett, keine Kalligrafie über dem Eingang. Die Hagia Irene sieht noch fast so aus, wie die Byzantiner sie verlassen haben... und das ist in dieser Stadt eine kleine Sensation.

    Hagia Irene bedeutet Heiliger Frieden. An dieser Stelle stand schon eine der ersten Kirchen Konstantinopels, und im Jahr 381 tagte hier, so die Überlieferung, das Zweite Ökumenische Konzil. Es erweiterte jenes Glaubensbekenntnis, das Christen bis heute in ihren Gottesdiensten sprechen. Der Bau, den du siehst, geht auf Kaiser Justinian zurück, der ihn nach dem verheerenden Nika-Aufstand von 532 neu errichten ließ. Nach einem Erdbeben im 8. Jahrhundert wurde er noch einmal erneuert.

    Im Inneren, in der Apsis, hat sich etwas sehr Seltenes erhalten: ein großes, schlichtes Kreuz aus der Zeit des Bilderstreits, als Darstellungen von Heiligen verboten waren und nur das Kreuz als Schmuck erlaubt war. Kaum irgendwo sonst sieht man diese Epoche so deutlich. Und die Akustik unter der Kuppel ist so gut, dass hier heute Konzerte stattfinden, unter anderem während des Istanbuler Musikfestivals.

    Warum wurde sie nie zur Moschee? Weil sie innerhalb der Palastmauern lag und die Osmanen sie für etwas ganz anderes brauchten: als Arsenal, als Waffenkammer. Hier lagerten Waffen und Beutestücke. Im 19. Jahrhundert begann man, alte Waffen und schließlich auch Antiken hier geordnet auszustellen, und aus dieser Sammlung ging das Museum hervor, das du gerade gesehen hast. Die Kirche des Friedens als Waffenlager und Wiege eines Museums... Istanbul liebt solche Widersprüche.

    Schau dich im Hof nach den mächtigen alten Platanen um. Unter einer von ihnen, so erzählt man, versammelten sich die Janitscharen, wenn sie gegen den Sultan rebellierten. Ob es genau dieser Baum war, weiß niemand; alt genug, um es zu behaupten, sind sie allemal. Geh jetzt durch den Hof nach Westen auf das große Tor zu, durch das du den Palastbezirk verlässt. Draußen wartet ein Brunnen, so verspielt wie ein Schmuckkästchen.

  10. 10. Bab-ı Hümayun und der Brunnen Ahmeds III.

    Cankurtaran Mahallesi, Bab-ı Hümayun Caddesi, 34122 Fatih/İstanbul, Türkiye

    Dreh dich um, wenn du durch das Tor getreten bist, und schau zurück: ein mächtiger Marmorbogen, eingefasst von Inschriften, mit Nischen links und rechts. Das ist Bab-ı Hümayun, das Kaiserliche Tor, der Haupteingang zum Palastbezirk. Und vor dir, auf dem kleinen Platz, steht ein Brunnen, der aussieht, als hätte ihn ein Konditor entworfen.

    Das Tor ließ Mehmed II. errichten; die Inschrift über dem Bogen nennt das Jahr 1478. Früher trug es noch ein Obergeschoss, einen hölzernen Pavillon, der im 19. Jahrhundert verschwand. Durch dieses Tor kamen Gesandte, Händler, Bittsteller und die Bewohner der Stadt in den ersten Hof. Und in den Nischen, so berichten Reisende, wurden manchmal die Köpfe Hingerichteter zur Schau gestellt, als stumme Warnung an alle, die hier vorbeigingen.

    Und jetzt der Brunnen. Sultan Ahmed III. ließ ihn 1728 bauen, mitten in der sogenannten Tulpenzeit, als der Hof Gartenfeste feierte, Tulpenzwiebeln zu Höchstpreisen gehandelt wurden und Gesandte aus Paris neue Moden mitbrachten. Schau dir die Oberfläche an: Blumenranken, Fruchtschalen, Ornamente, alles in Marmor gemeißelt und einst bunt und vergoldet. An den Ecken sitzen vergitterte Fenster, aus denen Diener Wasser an Vorübergehende ausgaben, an Festtagen angeblich auch Scherbet.

    Die Tulpenzeit endete abrupt. 1730 brach ein Aufstand los, angeführt von Patrona Halil, einem ehemaligen Janitscharen albanischer Herkunft, und zwang Ahmed III. zur Abdankung. Der Großwesir Nevşehirli Damat İbrahim Pascha, der Architekt dieser verspielten Epoche, wurde getötet. So steht der Brunnen heute wie ein Denkmal für eine kurze, heitere Zeit, die mit Gewalt zu Ende ging.

    Übrigens hat auch Deutschland in dieser Gegend einen Brunnen hinterlassen. Kaiser Wilhelm II. schenkte nach seinem Besuch von 1898 einen achteckigen Brunnen, der 1901 eingeweiht wurde und ein paar hundert Meter weiter am alten Hippodrom steht. Zwei Brunnen, zwei Monarchen, zwei Arten, Freundschaft in Stein zu fassen. Geh jetzt an der Palastmauer entlang in die schmale, gepflasterte Gasse, die gleich neben dem Tor beginnt und nach Norden führt. Sie ist unsere letzte Station.

  11. 11. Soğukçeşme Sokağı: Holzhäuser an der Palastmauer

    Cankurtaran Mahallesi, Soğukçeşme Sokağı, 34122 Fatih/İstanbul, Türkiye

    Spür das Kopfsteinpflaster unter den Füßen und schau dich um: auf der einen Seite die hohe, graue Mauer des Palastes, auf der anderen eine Reihe schmaler Holzhäuser in Pastellfarben, Rosa, Gelb, Hellblau, mit Erkern und kleinen Fenstern. Hinter dir ragen die Kuppeln der Hagia Sophia auf. Stiller als hier wird es in diesem Viertel kaum.

    Soğukçeşme heißt Kalter Brunnen, nach einem Brunnen an dieser Gasse. Die Häuser stehen in der Tradition des 18. und 19. Jahrhunderts, aber was du siehst, ist zu einem großen Teil Rekonstruktion. In den 1980er-Jahren ließ der Türkische Touring- und Automobilclub unter Çelik Gülersoy die verfallenen Häuser restaurieren, teilweise neu errichten und zu Gästehäusern machen. Gülersoy war ein leidenschaftlicher Bewahrer des alten Istanbul, und diese Gasse wurde sein Schaufenster.

    Das Projekt war nicht unumstritten. Kritiker sagten, hier sei eine Kulisse entstanden, hübscher, als die Vergangenheit je war; Befürworter antworteten, ohne die Restaurierung gäbe es gar nichts mehr zu sehen. Beide hatten ein bisschen recht. In ganz Istanbul sind die meisten alten Holzhäuser Bränden, Abriss und Betonbauten zum Opfer gefallen. Diese Gasse zeigt, wie Straßen einst ausgesehen haben könnten... gereinigt, frisch gestrichen und ein wenig idealisiert.

    Unter einem der Häuser verbirgt sich übrigens eine byzantinische Zisterne, ein kleiner Verwandter der großen unterirdischen Wasserspeicher der Stadt, der bei der Restaurierung ebenfalls freigelegt wurde. Byzanz unter der Erde, die Osmanen aus Holz darüber, daneben die Palastmauer und im Rücken die Hagia Sophia. Mehr Schichten passen kaum in eine einzige Gasse.

    Damit endet unser Weg durch das Herz der osmanischen Macht. Du hast den Bahnhof gesehen, an dem Europa ankam, das Bad, das eine Bibliothek bezahlte, das Tor, das einer Regierung den Namen gab, den Pavillon des wachsamen Sultans, den Garten der Reformen, eine römische Säule über besiegte Goten, ein Museum voller Könige, den Palast selbst, eine Kirche als Waffenkammer und einen Brunnen der Tulpenzeit. Am Ende dieser Gasse liegen wieder der Alay Köşkü und gegenüber die Hohe Pforte... der Kreis schließt sich. Gute Reise durch Istanbul.