Florenz von oben: Gärten, Stadtmauern und San Miniato al Monte

Vom Arno durch den Glyzinientunnel des Giardino Bardini, an Galileos Haus und den alten Mauern entlang hinauf nach San Miniato, zum Rosengarten und zum Piazzale Michelangelo, dann hinunter ins Dorf San Niccolò

Florence · 11 stops · 27 min audio · Generated

  1. 1. Ponte alle Grazie: Der Fluss und die Hügel

    Ponte alle Grazie, 50122 Firenze FI, Italy

    Bleib in der Mitte der Brücke stehen und schau flussaufwärts. Das Wasser des Arno rauscht über ein flaches Wehr, auf den Kiesbänken stehen oft graue Reiher reglos wie Statuen, und darüber steigen die Hügel an, grün, mit Zypressen und Olivenbäumen. Ganz oben leuchtet eine weiß-grüne Kirchenfassade: San Miniato al Monte. Dort willst du heute hin.

    Die erste Brücke an dieser Stelle entstand 1227 und hieß nach dem damaligen Stadtvogt Ponte Rubaconte. Später bauten Florentiner auf ihren Pfeilern kleine Kapellen und Häuschen, darunter ein Oratorium mit einem Marienbild, der Madonna alle Grazie, die der Brücke ihren heutigen Namen gab. In einigen dieser winzigen Zellen lebten fromme Frauen eingemauert, nur durch ein Fensterchen mit der Welt verbunden. Die Florentiner nannten sie die Murate, die Eingemauerten. Später zogen sie in ein Kloster in der Via Ghibellina, das bis heute Le Murate heißt.

    In der Nacht zum 4. August 1944 sprengten deutsche Truppen auf ihrem Rückzug alle Brücken von Florenz außer dem Ponte Vecchio, auch diese. Die heutige Brücke mit ihren schlanken, flachen Bögen wurde in den 1950er Jahren neu gebaut, nüchtern und modern. Und am 4. November 1966 stieg der Arno so hoch, dass er die Stadt überflutete, Kirchen, Werkstätten und Bibliotheken unter Schlamm begrub. Freiwillige aus ganz Europa kamen damals, um Bücher und Bilder zu retten. Am Ende dieses Weges, in San Niccolò, wirst du die Spuren noch an den Hauswänden finden.

    Wenn du genau hinsiehst, entdeckst du an manchen Tagen Kormorane, die auf den Steinen am Wehr ihre Flügel trocknen, und im Sommer Mauersegler, die in Scharen über das Wasser jagen. Mitten in einer der berühmtesten Kunststädte der Welt ist der Fluss ein Stück Wildnis geblieben.

    Dieser Spaziergang führt dich weg von den Menschenmassen, hinauf in Gärten, an alten Stadtmauern entlang und zu den schönsten Aussichten über Florenz. Es geht bergauf, also nimm dir Zeit. Geh jetzt über die Brücke ans südliche Ufer und gleich rechts auf die kleine Piazza de' Mozzi, wo ein Palast in einem ungewöhnlichen Blau auf dich wartet.

  2. 2. Museo Bardini: Das Haus des Antiquitätenfürsten

    Via dei Renai 37, 50125 Firenze FI, Italy

    Vor dir steht ein Palast, der aussieht, als hätte jemand Teile von fünf verschiedenen Gebäuden zusammengesetzt. Ein Fenster aus diesem Jahrhundert, ein Portal aus jenem, alles harmonisch und doch ein wenig zu schön, um wahr zu sein. Genau das ist er: das Museo Bardini, das Lebenswerk eines Mannes, den man den Fürsten der Antiquare nannte.

    Stefano Bardini war der vielleicht einflussreichste Kunsthändler des 19. Jahrhunderts. 1881 kaufte er hier eine aufgegebene Kirche mit Kloster und baute sie zu seinem Wohnhaus und Ausstellungsraum um. Als im Zentrum von Florenz damals ganze Viertel abgerissen wurden, sicherte er Türen, Kamine, Decken und Treppen und setzte sie hier wieder ein. Seine Kunden waren Museen und Sammler in Berlin, Paris, London und New York, und so manches florentinische Meisterwerk reiste über dieses Haus in die Welt. Bardini war ein Meister der Inszenierung: Er stellte Skulpturen, Truhen und Teppiche so zusammen, wie sich ein Käufer sie in seinem eigenen Palast vorstellen sollte.

    Drinnen sind die Wände in einem tiefen, satten Blau gestrichen. Bardini hatte entdeckt, dass Marmor, Bronze und Gold vor dieser Farbe besonders leuchten, und heute heißt der Ton in Florenz einfach Bardini-Blau. Und in einem der Säle steht ein alter Bekannter: der bronzene Eber von Pietro Tacca, der Porcellino. Das Tier, dem Touristen am Mercato Nuovo die Schnauze reiben, ist eine Kopie. Das Original wohnt hier, in Ruhe.

    Gegenüber, an der anderen Seite des Platzes, stehen die alten, wehrhaften Häuser der Mozzi, einer der reichsten Familien des Mittelalters. 1273 wohnte bei ihnen Papst Gregor der Zehnte, als er versuchte, Frieden zwischen den verfeindeten Parteien der Stadt zu stiften. Der Frieden hielt nicht lange.

    Bardini starb 1922 und vermachte das Haus der Stadt Florenz. Er besaß aber noch etwas anderes, viel Größeres, direkt hinter diesen Mauern, am steilen Hang: einen Garten, den er wie seine Kunstwerke behandelte. Geh jetzt die Via de' Bardi ein kleines Stück entlang zum unteren Eingang des Giardino Bardini und steig hinauf.

  3. 3. Giardino Bardini: Der Glyzinientunnel

    Via de' Bardi 1r, 50125 Firenze FI, Italy

    Atme durch, die Treppe ist steil. Vor dir steigt eine barocke Freitreppe den Hang hinauf, gesäumt von Statuen und Brunnenbecken, links ein Obstgarten, rechts ein schattiges Wäldchen. Du bist im Giardino Bardini, und mit jedem Absatz wird die Stadt unter dir kleiner und der Himmel größer.

    Der Garten ist älter als sein Name. Lange gehörte der Hang den Mozzi, deren Palast unten am Fluss steht, und im 17. Jahrhundert entstand oben an der Costa San Giorgio eine Villa. 1913 kaufte Stefano Bardini das Ganze und gestaltete es nach seinem Geschmack um. Nach seinem Tod verwilderte vieles, bis der Garten aufwendig restauriert und 2007 wieder für Besucher geöffnet wurde.

    Und dann kommst du zum berühmtesten Ort des Gartens, dem Laubengang aus Glyzinien. Ein langer Bogen aus Metall, überwuchert von knorrigen Ranken, und im Frühling, meist im April, hängen von oben Tausende violetter Blütentrauben herab. Der Duft ist schwer und süß, Bienen summen, und durch die Blüten hindurch siehst du die Kuppel des Doms. Es gibt Menschen, die eigens für diese zwei, drei Wochen nach Florenz reisen. Dabei ist die Pflanze hier eine junge Zuwanderin: Glyzinien stammen aus China und Japan und kamen erst im 19. Jahrhundert nach Europa.

    Achte auch auf das, was leiser ist. Hortensien in Blau und Rosa im Sommer, Iris an den Terrassenkanten, alte Rosensorten, Zitrusbäume in Töpfen, und dazwischen Eidechsen, die auf den warmen Steinmauern liegen. Der Garten hat sogar einen Gemüse- und Obstgarten mit alten toskanischen Sorten, wie ihn reiche Familien früher hielten, um sich selbst zu versorgen.

    Von der obersten Terrasse, dem Belvedere, liegt dir die Stadt zu Füßen: der Arno, die Dächer, die Türme, die Kuppel, und dahinter die Hügel von Fiesole. Viele Florentiner sagen, das sei der schönste Blick der Stadt, schöner als vom Piazzale, weil er näher ist. An klaren Tagen erkennst du sogar die Zinnen des Palazzo Vecchio und einzelne Glockentürme. Verlass den Garten oben durch den Ausgang an der Villa Bardini und tritt hinaus auf die steile Gasse der Costa San Giorgio.

  4. 4. Costa San Giorgio: Galileos Gasse

    Costa San Giorgio 19, 50125 Firenze FI, Italy

    Du stehst auf einer der steilsten Gassen von Florenz. Links und rechts hohe Mauern, über deren Kanten Feigenblätter, Efeu und Glyzinien quellen, das Pflaster glatt getreten, und alle paar Meter ein schweres Holztor. Das ist die Costa San Giorgio, und in einem dieser Häuser erinnert eine Tafel an einen Mann, der den Himmel neu vermessen hat: Galileo Galilei.

    Im Januar 1610 richtete Galileo in Padua sein selbstgebautes Fernrohr auf den Jupiter und sah vier kleine Lichtpunkte, die ihre Position von Nacht zu Nacht veränderten. Monde! Monde, die nicht um die Erde kreisten. Er veröffentlichte die Entdeckung im März 1610 und nannte die Monde die Mediceischen Gestirne, zu Ehren des jungen Großherzogs Cosimo des Zweiten und seiner Brüder.

    Diese Widmung war kein Zufall, sondern eine Bewerbung. Und sie funktionierte: Noch im selben Jahr holte Cosimo ihn als Hofmathematiker und Philosophen nach Florenz. In den Jahren danach wohnte Galileo hier an der Costa San Giorgio, nur ein paar Schritte von der Stadtmauer, mit freiem Blick nach Süden über die Hügel.

    Stell dir die Nächte vor. Kein elektrisches Licht in der Stadt, nur Öllampen und Kerzen, und darüber ein Himmel, der so dunkel war, dass man die Milchstraße wie einen Nebelstreifen sah. Mit dem Fernrohr hatte Galileo gezeigt, dass der Mond Berge und Täler hat und dass dieser Nebelstreifen aus unzähligen einzelnen Sternen besteht. Galileo beobachtete die Phasen der Venus und die Flecken der Sonne... Später zog er nach Bellosguardo und schließlich nach Arcetri, auf die Hügel jenseits der Mauer, wo er nach dem Prozess von 1633 unter Hausarrest lebte und 1642 starb.

    Die Medici haben Galileo groß gemacht, und sie konnten ihn am Ende nicht vor der Inquisition schützen. Doch diese Gasse sieht noch fast so aus wie damals, und an Frühlingsabenden riecht sie nach Jasmin und feuchtem Stein. Geh jetzt die letzten steilen Meter hinauf bis zum Stadttor ganz oben, wo gleich daneben die Mauern einer sternförmigen Festung beginnen.

  5. 5. Forte di Belvedere und Porta San Giorgio

    Via di San Leonardo 1, 50125 Firenze FI, Italy

    Vor dir öffnet sich ein Stadttor mit einem schlichten Bogen, und auf seiner Außenseite kämpft ein heiliger Georg aus Stein mit einem Drachen. Das ist die Porta San Giorgio, entstanden um 1324, und sie gilt als das älteste erhaltene Tor der Stadtmauer von Florenz. Gleich daneben ragen die schrägen, glatten Mauern einer Festung auf.

    Das ist das Forte di Belvedere, gebaut zwischen 1590 und 1595 von Bernardo Buontalenti für Großherzog Ferdinando den Ersten. Offiziell sollte es die Stadt gegen Angreifer schützen. Aber schau, wohin die Bastionen zeigen: auch nach innen, auf die Dächer von Florenz. Die Festung war eine Versicherung der Medici gegen die eigenen Bürger, und sie schützte zugleich den Palazzo Pitti, der direkt unterhalb liegt. Ihr Grundriss ist ein unregelmäßiger Stern, damit jede Mauer von einer anderen aus mit Kanonen bestrichen werden konnte, und in der Mitte steht ein kleiner Palast, viel eleganter als die rauen Wälle.

    Natürlich ranken sich Legenden um diesen Ort. Man erzählt, die Großherzöge hätten im Inneren einen geheimen Tresor für ihren Staatsschatz angelegt, und nur wenige Eingeweihte hätten den Weg dorthin gekannt. Bewiesen ist davon nichts, aber die Vorstellung passt zu einer Familie, die ihr Vermögen nie ganz aus den Augen ließ.

    Wenn die Festung geöffnet ist, oft im Sommer für Ausstellungen zeitgenössischer Kunst, dann steig auf die Bastionen. Auf der einen Seite liegt die ganze Stadt vor dir, auf der anderen eine Landschaft, die sich seit Jahrhunderten kaum verändert hat: Olivenhaine, Zypressenreihen, Villen und Bauernhäuser auf sanften Hügeln. Genau hier, an dieser Mauer, endet Florenz und beginnt die Toskana.

    Wirf vor dem Weitergehen einen Blick durch das Tor nach Süden in die Via di San Leonardo. Sie läuft zwischen Mauern und Olivenbäumen davon wie ein Weg auf dem Land, und Ende 1878 wohnte Pjotr Tschaikowsky einige Wochen in einer Villa an dieser Straße. Wir aber gehen nach links, die Via di Belvedere hinunter, immer an der alten Stadtmauer entlang nach Osten.

  6. 6. Via di Belvedere und Porta San Miniato: Entlang der Mauer

    Via di San Miniato, 50125 Firenze FI, Italy

    Du kommst den Hang herunter, links die hohe, zinnenbewehrte Stadtmauer, rechts Olivenbäume, die sich silbern im Wind drehen. Unten öffnet sich ein kleines, schlichtes Tor in der Mauer, ohne Turm, fast unscheinbar. Das ist die Porta San Miniato, und hinter ihr beginnt der Weg hinauf zu der Kirche, die du vom Fluss aus gesehen hast.

    Die Mauer, an der du entlanggegangen bist, entstand zwischen dem späten 13. und dem frühen 14. Jahrhundert. Zu ihr gehörten einst zahlreiche Türme und Tore, und sie umschloss beide Ufer des Flusses. Nördlich des Arno wurde sie im 19. Jahrhundert fast vollständig abgerissen, als Florenz Hauptstadt Italiens war und breite Ringstraßen bekam. Hier auf dem Hügel aber blieb sie stehen, weil das Gelände zu steil war und niemand an dieser Stelle Boulevards brauchte. So siehst du hier, wie die ganze Stadt einmal umschlossen war.

    1529 kam ein Heer des Kaisers und des Papstes Clemens des Siebten, eines Medici, um die Republik Florenz zu belagern und die Familie zurück an die Macht zu bringen. Die Florentiner befestigten diesen Hang in aller Eile, und der Mann, der die Verteidigungswerke plante, war ausgerechnet Michelangelo. Die Belagerung dauerte fast ein Jahr. Im August 1530 musste die Stadt kapitulieren, und die Medici kehrten zurück.

    Lehn dich einen Moment an die warme Mauer und hör hin. Im Frühling zwitschern in den Olivenhainen Grünfinken und Meisen, im Sommer sirren die Zikaden, und die Eidechsen huschen in die Fugen der Steine, sobald dein Schatten auf sie fällt. Mitten in der Stadt fühlt es sich hier an wie auf dem Land. Die Olivenbäume tragen übrigens wirklich Früchte, und im Spätherbst siehst du manchmal Netze unter ihnen ausgebreitet, wenn geerntet wird.

    Jetzt geht es noch einmal bergauf, und zwar ordentlich. Geh durch das Tor, überquer die Straße und nimm die Via del Monte alle Croci, dann die breite Treppe mit den Kreuzwegstationen hinauf. Der Name des Hügels erinnert an diese Kreuze. Oben wartet eine der schönsten Kirchen Italiens.

  7. 7. San Miniato al Monte: Die Kirche auf dem Berg

    Via delle Porte Sante 34, 50125 Firenze FI, Italy

    Dreh dich auf der obersten Stufe einmal um. Unter dir liegt ganz Florenz, und vor dir leuchtet eine Fassade aus weißem und grünem Marmor, so klar gezeichnet wie ein Schachbrett, ganz oben ein goldenes Mosaik und ein kupferner Adler. Das ist San Miniato al Monte, und viele halten sie für die schönste Kirche der Stadt.

    Die Legende erzählt von Minias, einem frühen Christen, der um das Jahr 250 unten am Arno enthauptet wurde. Er soll seinen Kopf aufgehoben haben, über den Fluss gegangen und diesen Hügel hinaufgestiegen sein, bis zu der Höhle, in der er als Einsiedler gelebt hatte. Dort erst sei er gestorben. Über diesem Ort steht heute die Kirche, begonnen 1018 von Bischof Hildebrand, mit Unterstützung Kaiser Heinrichs des Zweiten.

    Und der Adler oben auf dem Giebel? Er hält einen Stoffballen in den Klauen. Das ist das Zeichen der Calimala, der mächtigen Zunft der Tuchhändler, die ab dem 13. Jahrhundert die Kirche verwaltete und bezahlte. Geld und Glaube, wieder einmal Hand in Hand. Darunter funkelt das Mosaik mit Christus zwischen Maria und Minias, entstanden im 13. Jahrhundert.

    Innen liegt im Boden des Mittelschiffs ein Marmorteppich mit Tierkreiszeichen von 1207, und darüber erhebt sich ein Chor, so hoch, dass die Krypta darunter ganz offen liegt. Seit 1373 leben hier Olivetaner, Benediktinermönche, und wenn du gegen Abend kommst, hörst du manchmal ihren gregorianischen Gesang durch den Raum ziehen. Während der Belagerung von 1529 diente der Glockenturm als Geschützstand, und man erzählt, Michelangelo habe ihn mit Matratzen und Wollballen gegen die Kanonenkugeln polstern lassen.

    Rund um die Kirche liegt der Friedhof der Porte Sante, ein stiller Garten aus Grabkapellen, Zypressen und Marmorengeln. Hier ist auch Carlo Collodi begraben, der Erfinder des Pinocchio. Und in der Kirche selbst ruht in einer prachtvollen Renaissancekapelle ein junger Kardinal aus Portugal, der 1459 auf einer Reise in Florenz starb. Wenn du genug geschaut hast, geh die Treppe hinunter und dann links an der Kirche San Salvatore al Monte vorbei zum großen Platz, auf dem ein bronzener Riese steht.

  8. 8. Piazzale Michelangelo: Die Terrasse über der Stadt

    Piazzale Michelangelo, 50125 Firenze FI, Italy

    Tritt an die Brüstung und lass den Blick einfach laufen. Links der Arno mit seinen Brücken, in der Mitte die rote Kuppel des Doms, der schlanke Turm des Palazzo Vecchio, die Kirchtürme, und dahinter die Hügel von Fiesole. Das ist der Piazzale Michelangelo, die berühmteste Postkarte von Florenz, und hinter dir wacht ein bronzener David über die Szene.

    Dieser Platz ist jünger, als er aussieht. Als Florenz ab 1865 Hauptstadt Italiens war, bekam der Architekt Giuseppe Poggi den Auftrag, die Stadt zu modernisieren. Er legte die Viale dei Colli an, eine geschwungene Allee über die Hügel, und als ihren Höhepunkt diese Terrasse, eröffnet um 1869. Die Allee ist mehrere Kilometer lang und von Platanen, Steineichen und Zypressen gesäumt. Die Bronzekopie des David kam 1873 hierher, umgeben von Kopien der Figuren aus Michelangelos Neuer Sakristei.

    Poggi plante dazu eine Loggia als Museum für Michelangelos Werke. Das Museum kam nie, und die Loggia beherbergt heute ein Restaurant. Michelangelo, der zeitlebens um Geld stritt, hätte darüber wahrscheinlich nur den Kopf geschüttelt.

    Jetzt die Natur. Gleich östlich des Platzes, unterhalb der Straße, liegt der Giardino dell'Iris, der Iris-Garten, seit 1954 angelegt und nur im Frühling geöffnet, wenn Hunderte Sorten blühen. Warum gerade Iris? Weil die rote Lilie im Wappen von Florenz eigentlich eine Iris ist. Die Hügel rund um die Stadt waren einst voller Schwertlilien, und aus ihren Wurzeln gewann man ein Pulver, das in Parfums und Seifen ganz Europas landete. Bis heute veranstaltet der Garten jedes Jahr einen internationalen Wettbewerb für neue Iris-Züchtungen.

    Komm, wenn du kannst, zum Sonnenuntergang wieder. Dann färben sich die Dächer orange, die Kuppel glüht, und der Platz füllt sich mit Menschen, die auf einmal ganz still werden. Und an klaren Morgen siehst du im Norden die Ausläufer des Apennin, über die viele Reisende aus Deutschland einst nach Florenz kamen. Geh jetzt auf der Stadtseite der Terrasse ein paar Schritte nach Westen, zur Treppe, die in einen terrassierten Garten voller Rosen hinabführt.

  9. 9. Giardino delle Rose: Rosen über den Dächern

    Viale Giuseppe Poggi 2, 50125 Firenze FI, Italy

    Hier wird es auf einmal leise. Terrassen fallen sanft zum Fluss hin ab, auf jeder Ebene Rosenbeete und Rosenbögen, dazwischen Olivenbäume und Kieswege, und über allem schwebt die Kuppel des Doms, als gehörte sie dazu. Du bist im Giardino delle Rose, dem Rosengarten von Florenz. Selbst im Hochsommer, wenn die Stadt unten in der Hitze kocht, weht hier oben oft ein leichter Wind.

    Auch diesen Garten verdankt die Stadt Giuseppe Poggi, der ihn 1865 zusammen mit seinen Hügelalleen plante. Öffentlich zugänglich wurde er 1895, und seitdem pflegen Gärtner hier Hunderte von Sorten, von alten Duftrosen bis zu modernen Züchtungen, manche kletternd, manche als Busch. Die beste Zeit ist der Mai: Dann blühen die meisten Stöcke zugleich, und der Duft liegt schwer über den Terrassen.

    Zwischen den Beeten wirst du merkwürdige Gestalten entdecken. Ein Mann mit Hut, der auf einen Koffer schaut, eine Katze, eine Figur, deren Kopf eine Wolke zu sein scheint. Es sind Bronzeskulpturen des belgischen Künstlers Jean-Michel Folon, die hier aufgestellt wurden, verträumt und ein bisschen melancholisch. Sie wirken, als seien sie selbst nur zu Besuch und hätten vergessen, wieder zu gehen. Folon war einer der bekanntesten Zeichner und Plakatkünstler seiner Zeit und starb 2005.

    Ganz am Rand gibt es eine kleine japanische Ecke mit Steinen, Wasser und einer Laterne, ein stiller Winkel, der zeigt, wie weit die Freundschaften dieser Stadt reichen. Und schau auf die Bienen und Schmetterlinge über den Blüten. In einem Garten mitten in der Stadt, ohne Autos und Lärm, finden sie, was ihnen anderswo fehlt.

    Rosen sind in Florenz übrigens nie bloß Zierde gewesen. Aus ihren Blüten destillierten die Klosterapotheken Rosenwasser für Medizin und Parfum, und reiche Familien zogen sie in ihren Gärten als Zeichen von Geschmack und Wohlstand. Rosenwasser gehört bis heute zu den klassischen Düften der alten Florentiner Apotheken. Verlass den Garten am unteren Ende und folg der Straße nach Osten, bis die breiten Rampen mit ihren Brunnen und Grotten zum Fluss hinabführen.

  10. 10. Rampe del Poggi und Torre San Niccolò

    Piazza Giuseppe Poggi, 50125 Firenze FI, Italy

    Lausch dem Wasser. Es plätschert aus Grotten, fällt über Steinstufen, sammelt sich in Becken, und links und rechts winden sich breite Rampen den Hang hinunter. Das sind die Rampe del Poggi, und unten an ihrem Fuß steht ganz allein auf einem Platz ein hoher, kantiger Turm aus Stein.

    Die Rampen entstanden in den 1870er Jahren, wieder nach Plänen von Giuseppe Poggi. Er wollte, dass man vom Fluss aus nicht einfach eine Straße hinaufsteigt, sondern einen Garten erklimmt, mit künstlichen Felsen, Brunnen und kleinen Wasserfällen, wie in einem romantischen Landschaftspark. Das Wasser kommt aus einem Speicher oberhalb, und wenn die Kaskaden laufen, kühlt die Luft an heißen Tagen spürbar ab.

    Jetzt zum Turm. Das ist die Torre San Niccolò, ein Torturm der alten Stadtmauer aus dem 14. Jahrhundert. Im 16. Jahrhundert ließ man die hohen Tortürme von Florenz kappen, weil sie für Kanonen ein zu leichtes Ziel waren und man oben Geschütze aufstellen wollte. Dieser hier blieb in voller Höhe stehen, geschützt durch den Hügel in seinem Rücken. Er ist der einzige seiner Art, und deshalb siehst du an ihm, wie hoch die Tore der Stadt einmal waren.

    Dass er heute so frei steht, wie ein Leuchtturm ohne Meer, liegt wieder an Poggi. Er ließ die Mauern rechts und links abreißen, um Platz für den Verkehr am Fluss zu schaffen, und rettete den Turm als Denkmal. An manchen Sommertagen kann man ihn besteigen und von oben auf den Arno schauen.

    Unten am Fluss liegt das Wehr von San Niccolò, und an warmen Abenden sitzen die Florentiner auf der Uferböschung, die Füße im Gras, mit Blick aufs Wasser. Im Sommer wird das Ufer manchmal zu einem kleinen Stadtstrand. Von hier sind es nur noch wenige Schritte bis ins Herz des Viertels. Geh durch das Tor unter dem Turm in die Via di San Niccolò, eine schmale Gasse, die sich wie ein Dorf anfühlt.

  11. 11. San Niccolò Oltrarno: Das Dorf in der Stadt

    Via di San Niccolò, 50125 Firenze FI, Italy

    Die Gasse wird enger, die Häuser rücken zusammen, aus einer offenen Werkstatt riecht es nach Holz und Leim. Vor dir steht eine schlichte Kirche mit einem kleinen Platz davor: San Niccolò Oltrarno, die Pfarrkirche dieses Viertels, das sich bis heute wie ein Dorf am Fuß der Hügel anfühlt.

    Mit diesem Ort verbindet sich eine Geschichte über Michelangelo. Als Florenz im August 1530 kapitulierte und die Medici zurückkehrten, musste der Mann, der gegen sie die Mauern befestigt hatte, um sein Leben fürchten. Eine Florentiner Überlieferung sagt, er habe sich im Glockenturm dieser Kirche versteckt, andere vermuten sein Versteck unter der Neuen Sakristei von San Lorenzo. Sicher ist nur: Papst Clemens vergab ihm bald, denn er brauchte ihn für die Gräber seiner Familie.

    Schau an den Hauswänden entlang. Hier und da findest du kleine Tafeln mit einer Linie und einem Datum, dem 4. November 1966. Die Markierungen zeigen, wie hoch das Wasser des Arno damals stand, und in diesem tief gelegenen Viertel war es mehr, als ein Mensch groß ist. Die Handwerker verloren Werkzeug, Holz, ganze Werkstätten, und viele haben trotzdem wieder angefangen, genau hier.

    Am Abend erwacht die Via di San Niccolò. In den kleinen Lokalen trinkt man ein Glas Chianti, und Florentiner, Studenten und ein paar wenige Reisende stehen draußen auf dem Pflaster. Es ist eines der Viertel, in denen die Stadt noch ganz sich selbst gehört. Wer genau hinsieht, findet hier noch Rahmenmacher, Restauratoren und Schreiner, Berufe, die in der Altstadt fast verschwunden sind.

    Und damit schließt sich dein Kreis. Du bist durch Gärten gestiegen, an einer Mauer entlang, die das Land von der Stadt trennt, und hast Florenz von oben gesehen, mit Glyzinien, Rosen, Iris und Olivenbäumen als Begleitern. Geh die Via di San Niccolò weiter bis zum Ende, dann rechts zum Fluss, und von der Brücke, auf der du begonnen hast, schau noch einmal hinauf zu San Miniato... jetzt weißt du, wie es dort oben duftet.