Edinburgh New Town und Calton Hill: Georgianische Plätze und die Schottische Aufklärung
Vom Charlotte Square über Stevensons Kinderzimmer und das Scott Monument bis zu Humes Grab und dem Athen des Nordens auf dem Calton Hill: die geplante Stadt, in der Europa das Denken neu lernte
Edinburgh · 11 stops · 28 min audio · Generated
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1. Charlotte Square & Georgian House
Charlotte Square, Edinburgh EH2 4DR, UK
Stell dich an das Gitter des runden Gartens und dreh dich zur Nordseite des Platzes. Du siehst eine einzige, lange Fassade aus hellem Sandstein, mit Säulen in der Mitte, einem Giebel und zwei vorspringenden Flügeln... ein Palast, könnte man meinen. Tatsächlich sind es lauter einzelne Stadthäuser, die sich nur eine gemeinsame Maske teilen.
Diesen Trick hat Robert Adam erfunden, der gefeierte schottische Architekt, der in London Herrenhäuser für den Hochadel baute. 1791 zeichnete er die Pläne für den Charlotte Square, den westlichen Abschluss der New Town. Ein Jahr später war er tot. Gebaut wurde nach seinen Zeichnungen noch fast drei Jahrzehnte lang, und du stehst damit vor dem Vermächtnis eines Mannes, der sein schönstes Werk nie gesehen hat.
Hinter der Tür mit der Nummer 7 liegt das Georgian House. Der National Trust for Scotland hat es so eingerichtet, wie eine wohlhabende Familie um 1800 hier lebte: oben Porzellan, Gemälde und ein gedeckter Esstisch, unten im Souterrain die Küche, in der Dienstboten vom frühen Morgen bis spät in die Nacht schufteten. Gleich daneben, in Nummer 6, dem Bute House, wohnt heute der Erste Minister Schottlands. Hinter dieser vornehmen Ruhe wird also tatsächlich regiert.
Und jetzt eine Spur nach Deutschland. Der Platz sollte ursprünglich St George's Square heißen, doch weil es im Süden der Stadt schon einen George Square gab, taufte man ihn um, nach Königin Charlotte, der Frau Georgs des Dritten. Sie stammte aus Mecklenburg-Strelitz. Ein paar Schritte südlich, in der South Charlotte Street, kam 1847 übrigens Alexander Graham Bell zur Welt, der spätere Erfinder des Telefons, und im Haus Nummer 9 wohnte eine Zeit lang Joseph Lister, der Pionier der keimfreien Chirurgie.
Die New Town war ein Fluchtplan. Oben in der mittelalterlichen Altstadt lebten Herzog und Fischweib übereinander in zehnstöckigen Häusern, mit Abwasser auf der Gasse. Hier unten sollten Licht, Luft und Ordnung herrschen... zumindest für die, die es sich leisten konnten. Verlass den Platz an seiner Nordwestecke und folge der Glenfinlas Street bergab, bis sich die Häuser zu einem großen Rund schließen.
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2. Moray Place: Der zwölfeckige Platz
Moray Place, New Town, Edinburgh EH3, UK
Geh ein paar Schritte in die Mitte des Bürgersteigs und drehe dich einmal langsam um dich selbst. Rund um dich schließt sich eine Wand aus dunklem Sandstein, mit Säulen, die über zwei Stockwerke reichen, und in der Mitte ein eingezäunter Garten voller alter Bäume. Zähl die Seiten, wenn du Lust hast: Es sind zwölf.
Moray Place ist kein Platz, der langsam gewachsen ist. Er ist ein Stück Immobilienstrategie. Das Land gehörte dem Earl of Moray, und als die New Town in den 1820er-Jahren immer weiter nach Norden drängte, ließ er es parzellieren. Der Architekt James Gillespie Graham entwarf eine Abfolge aus Halbmond, Oval und Zwölfeck... Randolph Crescent, Ainslie Place und Moray Place, wie Perlen auf einer Schnur. Wer hier bauen wollte, musste sich an die vorgegebene Fassade halten. Dahinter durfte jeder tun, was er wollte.
Das Ergebnis ist vielleicht das theatralischste Stück Stadtplanung in ganz Edinburgh. Die erste New Town rund um die George Street ist ein nüchternes Rechteck. Hier, eine Generation später, haben die Planer gelernt, mit Kurven zu spielen, und den Hang zum Fluss Water of Leith ganz bewusst zu nutzen. Hinter den Häusern der Nordseite fällt das Gelände steil ab, und dort unten liegen weitere private Gärten, die man von der Straße aus kaum ahnt.
Den Garten in der Mitte darfst du übrigens nicht betreten. Wie viele Gärten der New Town gehört er den Anwohnern, und nur sie haben einen Schlüssel. Unter diesen Anwohnern war im 19. Jahrhundert Francis Jeffrey, Richter und Mitbegründer der Edinburgh Review, jener Zeitschrift, die mit ihren scharfen Kritiken Autoren in ganz Großbritannien zittern ließ. Man stellt sich vor, wie hinter diesen strengen Fenstern Rezensionen geschrieben wurden, die Karrieren beendeten.
Grandios ist der Platz, aber auch ein wenig einschüchternd... genau so war er gemeint. Hier wohnte, wer es geschafft hatte, und das sollte man sehen. Verlass den Platz nach Osten, über die Darnaway Street und die Great Stuart Street, bis du in eine lange, gerade Häuserzeile gegenüber einem Park kommst: Heriot Row.
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3. 17 Heriot Row: Robert Louis Stevensons Elternhaus
17 Heriot Row, Edinburgh EH3 6HP, UK
Such auf der Häuserzeile die Nummer 17, eine Tür wie alle anderen, mit Fächerfenster darüber und einer Laterne vor dem Eingang. Auf der anderen Straßenseite rauschen die Bäume der Queen Street Gardens hinter ihrem Zaun. In diesem Haus wuchs der Junge auf, der später die Schatzinsel schreiben sollte.
Robert Louis Stevenson war sechs Jahre alt, als seine Familie 1857 hier einzog. Sein Vater Thomas und sein Großvater Robert waren Ingenieure, die Leuchttürme an Schottlands wildesten Küsten bauten, und man erwartete, dass der Sohn das Familiengeschäft übernimmt. Doch Louis war ein kränkliches Kind. Viele Nächte lag er wach, hustend, und seine Kinderfrau Alison Cunningham, die er Cummy nannte, saß an seinem Bett und erzählte ihm Geschichten, oft düstere, voller Sünde und Verdammnis.
Vom Fenster aus sah er jeden Abend den Laternenanzünder kommen, der mit seiner Stange die Gaslampen der Straße entzündete. Aus dieser Erinnerung wurde später ein Gedicht in seinem Band A Child's Garden of Verses, über den Laternenmann Leerie. Und eine Legende erzählt, dass der kleine Teich im Garten gegenüber ihn zu der Insel in der Schatzinsel inspiriert habe. Beweisen lässt sich das nicht, aber wer will es einem Kinderblick verbieten?
Stevenson studierte erst Ingenieurwesen, dann Jura, und wurde schließlich das, was sein Vater am meisten fürchtete: Schriftsteller. 1886 erschien Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde, die Geschichte eines Mannes mit zwei Gesichtern. Viele Leser sehen darin Edinburgh selbst: die geordnete, respektable New Town hier unten und die dunklen Gassen der Altstadt dort oben, zwei Welten, zehn Gehminuten voneinander entfernt.
Die Straße trägt übrigens den Namen von George Heriot, dem Goldschmied und Bankier König Jakobs des Sechsten, dessen Stiftung das Land hier gehörte. Stevenson starb 1894 auf Samoa, fern von Edinburgh, aber nie ohne Heimweh nach dieser grauen, windigen Stadt. Geh jetzt nach Osten und dann rechts die Hanover Street hinauf, ein kurzer Anstieg, bis zur Kreuzung mit der George Street, wo ein bronzener König mitten auf der Straße steht.
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4. George Street & das Denkmal Georgs IV.
George Street at Hanover Street, Edinburgh EH2, UK
Bleib an der Kreuzung stehen, wo der bronzene König auf seinem Sockel steht, und schau die George Street entlang. Sie ist schnurgerade, breit wie ein Boulevard, und an ihren beiden Enden schließt je ein Platz die Perspektive ab. So sieht die Aufklärung aus, wenn man sie in Stein übersetzt.
Den Plan dafür zeichnete 1766 ein junger, kaum bekannter Architekt namens James Craig, der einen Wettbewerb der Stadt gewann. Drei parallele Straßen, verbunden durch Querstraßen, an den Enden zwei Plätze. Und lies einmal die Straßennamen: George Street für König Georg den Dritten, Hanover Street für sein Herrscherhaus aus Hannover, Frederick Street für einen Prinzen, Queen Street für Königin Charlotte. Princes Street sollte zuerst St Giles Street heißen, doch der König lehnte ab... der Name erinnerte ihn an ein verrufenes Viertel in London.
Das Ganze war eine politische Liebeserklärung. Nur zwanzig Jahre zuvor hatten die Jakobiten versucht, die Stuarts zurück auf den Thron zu bringen, und waren 1746 bei Culloden vernichtend geschlagen worden. Mit dieser Stadt bekannte sich Edinburgh zum Königshaus aus Deutschland, zur Union mit England und zu einer neuen, protestantischen, geschäftstüchtigen Zukunft.
Der Mann auf dem Sockel ist Georg der Vierte. 1822 besuchte er Schottland, als erster regierender Monarch seit fast zwei Jahrhunderten, und Walter Scott inszenierte den Besuch als großes Tartan-Spektakel. Der König erschien im Kilt, und es wird erzählt, dass er darunter fleischfarbene Strumpfhosen trug. Seitdem gilt Tartan als Nationaltracht, obwohl er bis dahin vor allem die Kleidung der Highlands gewesen war.
Ein paar Schritte westlich liegen die Assembly Rooms von 1787. Dort gestand Walter Scott 1827 bei einem Festessen öffentlich, dass er der anonyme Autor der Waverley-Romane war, was ohnehin halb Europa vermutete. Und gegenüber, in der Kirche St Andrew's and St George's West, begann 1843 die Disruption, als Hunderte Geistliche die Staatskirche verließen. Geh nun die Hanover Street hinunter Richtung Princes Street, bis zu dem griechischen Tempel am Fuß des Erdwalls.
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5. The Mound & Royal Scottish Academy
The Mound, Edinburgh EH2 2EL, UK
Vor dir stehen zwei Tempel aus hellem Sandstein, mit dorischen Säulen, wie aus Athen hierher versetzt, und auf dem Dach des vorderen thront Königin Victoria. Dahinter steigt eine Straße in einem Bogen zur Altstadt hinauf. Was du nicht siehst: Du stehst auf einem Berg aus Bauschutt.
Wo heute die Gärten der Princes Street liegen, lag früher der Nor Loch, ein stinkender, aufgestauter See, in den die Altstadt jahrhundertelang ihren Unrat kippte. Ab 1759 wurde er trockengelegt. Und um 1781 begann ein Tuchhändler namens George Boyd, Erde über den Sumpf schütten zu lassen, damit er nicht jedes Mal den Umweg machen musste... die Leute nannten das Geordie Boyds Schlammbrücke.
Dann hatte die Stadt eine Idee. Beim Bau der New Town wurden Tausende Keller ausgehoben, und irgendwohin musste der Aushub. Also kippte man ihn hierher, Jahrzehnt um Jahrzehnt. Schätzungen sprechen von rund zwei Millionen Wagenladungen. Die New Town hat sich ihre eigene Brücke zur Altstadt sozusagen aus dem Keller geholt.
Die Tempel darauf sind das Werk von William Henry Playfair, dem Architekten, der Edinburgh den Beinamen Athen des Nordens am deutlichsten auf den Leib schrieb. Vorne die Royal Scottish Academy, in den 1820er-Jahren als Royal Institution entstanden, dahinter die Scottish National Gallery, eröffnet 1859. Dort hängt übrigens eines der beliebtesten Bilder Schottlands: ein Pfarrer, der in Schwarz über das Eis des Duddingston Loch gleitet, der Skating Minister. Wenn du eines Tages den Spaziergang zum Arthur's Seat machst, wirst du an diesem See vorbeikommen.
Der Nor Loch hat auch eine dunkle Seite. Es wird erzählt, dass dort Menschen, die der Hexerei beschuldigt waren, ins Wasser getaucht wurden, und tatsächlich wurden in Edinburgh im 16. und 17. Jahrhundert Hunderte Frauen und Männer angeklagt, viele davon hingerichtet. Wo heute Touristen Eis essen, war einmal ein Ort der Angst. Geh jetzt die Princes Street nach Osten entlang, mit der Burg zu deiner Rechten, bis zu dem schwarzen, gotischen Turm im Park.
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6. Scott Monument an der Princes Street
East Princes Street Gardens, Edinburgh EH2 2EJ, UK
Leg den Kopf in den Nacken: Vor dir schießt ein gotischer Turm in den Himmel, mit Spitzbögen, Fialen und Treppchen, schwarz wie verkohlt, über sechzig Meter hoch. Unten, unter einem Baldachin aus Stein, sitzt ein Mann aus weißem Marmor, ein Buch auf dem Knie, einen Hund zu seinen Füßen. Das ist Sir Walter Scott, und das ist sein Denkmal.
Es ist eines der größten Denkmäler, die je einem Schriftsteller errichtet wurden. Nach Scotts Tod 1832 schrieb die Stadt einen Wettbewerb aus, und den Sieg holte ein Mann, den niemand kannte: George Meikle Kemp, ein Zimmermann und Zeichner, der sich die Gotik selbst beigebracht hatte, indem er durch Schottland wanderte und Abteien vermaß. Er reichte seinen Entwurf unter falschem Namen ein, John Morvo, nach einem mittelalterlichen Baumeister der Abtei von Melrose.
Kemp hat seinen Turm nie vollendet gesehen. In einer nebligen Nacht im März 1844 fiel er auf dem Heimweg in den Union Canal und ertrank. Zwei Jahre später, 1846, wurde das Monument eingeweiht. Die Marmorstatue stammt von John Steell und zeigt Scott mit seinem Hirschhund Maida, und rundherum, in den Nischen, stehen Dutzende Figuren aus seinen Romanen.
Warum ist der Turm so schwarz? Der Sandstein hat über Generationen den Ruß der Kohlefeuer aufgesogen, die Edinburgh den Spitznamen Auld Reekie, die alte Verräucherte, eingebracht haben. Eine gründliche Reinigung würde den Stein beschädigen, und so trägt Scott die Rauchspuren seiner Stadt bis heute. Wer gut zu Fuß ist, kann über 287 enge Stufen bis zur obersten Galerie hinaufsteigen.
Für deutsche Leser war Scott im 19. Jahrhundert ein Star. Seine Romane prägten das Bild von Schottland als Land der Clans, Burgen und Nebel, und 1858 reiste Theodor Fontane hierher und schrieb darüber sein Reisebuch Jenseit des Tweed. Viele kamen damals nach Edinburgh, weil sie Scott gelesen hatten. Geh jetzt über die Princes Street und die St David Street hinauf nach Norden, bis zu einem großen Platz mit einer hohen Säule.
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7. St Andrew Square & Melville Monument
St Andrew Square, Edinburgh EH2, UK
Mitten auf dem Platz steigt eine schlanke Säule über vierzig Meter in die Höhe, und ganz oben steht ein Mann in Robe, so weit weg, dass du sein Gesicht nicht erkennen kannst. Vielleicht ist das ganz passend. Über Henry Dundas wird in Edinburgh heute wieder gestritten.
Bevor wir zu ihm kommen, eine kleine Geschichte von der Ecke, wo die St David Street auf den Platz trifft. Dort wohnte in seinen letzten Jahren der Philosoph David Hume, der berühmteste Skeptiker Europas. Die Legende erzählt, dass eine junge Frau zum Spaß St David Street an seine Hauswand schrieb, um den Gottlosen heiligzusprechen. Humes Magd war empört, doch er soll gelassen gesagt haben, schon viel bessere Männer seien zu Heiligen gemacht worden.
Schau nach Osten zu dem eleganten Palais hinter seinem Vorhof. Nach James Craigs Plan sollte dort eine Kirche stehen, als Gegenstück zur Kirche am Charlotte Square. Doch Sir Lawrence Dundas, ein steinreicher Geschäftsmann, sicherte sich das Grundstück und baute sich in den 1770er-Jahren sein Stadthaus darauf. Die Kirche musste in die George Street ausweichen. Heute ist das Haus der Sitz der Royal Bank of Scotland, und in ihrer Schalterhalle wölbt sich eine Kuppel voller Sterne.
Und nun zur Säule. Henry Dundas, später Viscount Melville, war um 1800 der mächtigste Mann Schottlands, so mächtig, dass man ihn spöttisch Heinrich den Neunten nannte. 1792, als das Parlament in London über das Ende des Sklavenhandels debattierte, setzte er durch, dass es schrittweise abgeschafft werden sollte. Kritiker sagen, dass sich damit das Ende um Jahre verzögerte, in denen weiter Menschen über den Atlantik verschleppt wurden. Eine neue Tafel am Sockel benennt das seit den frühen 2020er-Jahren offen, und Dundas' Nachfahren haben ihr widersprochen.
So steht hier auf engstem Raum die ganze Zwiespältigkeit der New Town: Aufklärung und Geschäftssinn, Skepsis und Macht, und Geld, dessen Herkunft man lieber nicht so genau wissen wollte. Verlass den Platz an seiner Südostecke und geh hinunter zur Princes Street, zu dem Kuppelbau mit dem Reiterstandbild davor.
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8. General Register House
2 Princes Street, Edinburgh EH1 3YY, UK
Vor dir reitet der Herzog von Wellington auf einem bronzenen Pferd, das sich aufbäumt, und hinter ihm erhebt sich ein langer, ruhiger Bau mit flacher Kuppel und zwei kleinen Ecktürmen. Er sieht aus wie ein Landsitz, der sich in die Stadt verirrt hat. Tatsächlich ist es ein Tresor für Papier.
Das General Register House ist eines der ältesten eigens dafür gebauten Archivgebäude der Welt, das noch immer seinem Zweck dient. Entworfen hat es wieder Robert Adam, derselbe Architekt wie am Charlotte Square, und der Grundstein wurde 1774 gelegt. Bis dahin lagerten Schottlands Urkunden, Gesetze und Gerichtsakten in feuchten Kellern unter dem Parlament in der Altstadt, wo sie verschimmelten.
Die Finanzierung hat eine bittere Pointe. Ein großer Teil des Geldes stammte aus den Ländereien jakobitischer Adliger, die nach dem Aufstand von 1745 enteignet worden waren. Die Verlierer der Geschichte bezahlten also das Haus, in dem die Sieger ihre Geschichte aufbewahrten. Und weil das Geld bald knapp wurde, stand der Bau jahrelang halbfertig da, so dass Spötter ihn das prächtigste Taubenhaus Europas nannten.
Unter der Kuppel liegt ein runder Saal, und in den Regalen dieses Hauses und seiner Nachbargebäude lagern heute die Bestände der National Records of Scotland, von mittelalterlichen Urkunden bis zu Volkszählungen. Viele Menschen aus aller Welt, deren Vorfahren Schottland einmal verlassen haben, suchen hier nach ihren Wurzeln. Das Reiterstandbild davor stammt übrigens von John Steell, demselben Bildhauer, der den marmornen Walter Scott geschaffen hat.
Wenn du dich jetzt umdrehst, siehst du jenseits der Gleise die Altstadt auf ihrem Felsrücken, und dazwischen die North Bridge, die beide Welten verbindet. Unweit von hier verbrachte Adam Smith, der Autor des Wohlstands der Nationen, seine letzten Jahre als Zollkommissar, und sein Buch war wenige Jahre nach 1776 schon auf Deutsch zu lesen. Folge nun der Straße nach Osten in die Waterloo Place, und halte nach einem Tor auf der rechten Seite Ausschau, hinter dem alte Grabsteine stehen.
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9. Old Calton Burial Ground: David Humes Grab
Waterloo Place, Edinburgh EH1, UK
Tritt durch das Tor in der Mauer, und der Lärm der Waterloo Place bleibt hinter dir zurück. Zwischen schiefen Grabsteinen erhebt sich ein runder, wuchtiger Turm aus grauem Stein, ohne Kreuz, ohne Engel, fast wie ein römisches Grabmal. Darin liegt David Hume.
Hume, 1711 in Edinburgh geboren, war der radikalste Kopf der Schottischen Aufklärung. Er fragte, woher wir eigentlich wissen, dass auf eine Ursache immer dieselbe Wirkung folgt, und kam zu dem Schluss: Wir wissen es nicht, wir sind es nur gewohnt. Sein erstes großes Werk, der Traktat über die menschliche Natur, fiel nach seinen eigenen Worten tot aus der Druckerpresse. Kaum jemand las es.
Einer aber las ihn sehr genau, in Königsberg. 1783 schrieb Immanuel Kant in seinen Prolegomena: Ich gestehe frei, die Erinnerung des David Hume war eben dasjenige, was mir vor vielen Jahren zuerst den dogmatischen Schlummer unterbrach. Ohne den Skeptiker aus Edinburgh vielleicht keine Kritik der reinen Vernunft. Deutsche Philosophie, so könnte man sagen, wurde auf diesem Friedhof geweckt.
Hume starb 1776, und ganz Edinburgh wartete darauf, ob der berühmte Ungläubige im Angesicht des Todes doch noch bereuen würde. James Boswell besuchte ihn kurz vor dem Ende und war verstört, wie heiter Hume blieb. Adam Smith, sein engster Freund, beschrieb dieses ruhige Sterben in einem Brief, der ihm, wie er später klagte, mehr Anfeindungen einbrachte als sein ganzes Buch über den Wohlstand der Nationen. Für sein Grab, das Robert Adam entwarf, verfügte Hume nur Name und Jahreszahlen... den Rest überlasse er der Nachwelt.
Schau dich noch um: Ein Obelisk erinnert an Reformer, die in den 1790er-Jahren wegen ihres Einsatzes für das Wahlrecht nach Australien deportiert wurden, und ein Denkmal für schottisch-amerikanische Soldaten trägt eine Statue von Abraham Lincoln. Beim Bau der Waterloo Place schnitt man diesen Friedhof übrigens einfach entzwei. Geh nun zurück auf die Straße und steig über die Treppen hinauf auf den Calton Hill, es geht ordentlich bergauf, bis zu den Säulen auf dem Gipfel.
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10. National Monument & Nelson Monument
Calton Hill, Edinburgh EH7 5AA, UK
Hol erst einmal Luft nach dem Aufstieg und stell dich zwischen die riesigen Säulen. Zwölf Stück, dorisch, auf einem gewaltigen Sockel, mit einem Architrav darüber... und dann hört es einfach auf. Kein Dach, keine Wände, nur der Wind, der vom Firth of Forth herüberweht.
Das ist das National Monument, und es sollte eine Kopie des Parthenon in Athen werden, eine Gedenkstätte für die schottischen Soldaten und Seeleute der Napoleonischen Kriege. Den Grundstein legte man 1822, während des Besuchs Georgs des Vierten, gebaut wurde ab 1826 nach Plänen von Charles Robert Cockerell und William Henry Playfair. Edinburgh nannte sich damals stolz das Athen des Nordens, und dieser Hügel sollte seine Akropolis sein.
Dann ging das Geld aus. 1829 wurde die Arbeit eingestellt, und seither steht hier das, was die Edinburgher abwechselnd Schottlands Torheit oder die Schande Edinburghs nennen. Immer wieder gab es Pläne, den Tempel zu vollenden. Keiner wurde umgesetzt, und heute würde wohl niemand mehr auf diese berühmteste Ruine, die nie eine war, verzichten wollen.
Dreh dich jetzt zu dem gedrungenen Turm gleich nebenan, der aussieht wie ein auf den Kopf gestelltes Fernrohr. Das ist das Nelson Monument, zwischen 1807 und 1815 errichtet zu Ehren des Admirals, der bei Trafalgar fiel. Oben auf dem Mast sitzt eine große Kugel, der Zeitball. Seit 1852 fällt sie jeden Tag um ein Uhr mittags, damit die Schiffe unten im Hafen von Leith ihre Chronometer stellen konnten, und seit 1861 feuert die Burg im selben Moment die One O'Clock Gun ab, für alle, die die Kugel bei Nebel nicht sehen.
Und am 21. Oktober, dem Jahrestag der Schlacht, flattern am Mast Signalflaggen mit Nelsons berühmtem Befehl. Hinter dir siehst du außerdem die Kuppel des alten Observatoriums, ebenfalls von Playfair, heute ein Ort für zeitgenössische Kunst. Geh nun am Observatorium vorbei zum Westrand des Hügels, zu einem kleinen runden Tempel, von dem aus dir die ganze Stadt zu Füßen liegt.
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11. Dugald Stewart Monument: Der Blick über Edinburgh
Calton Hill, Edinburgh EH7 5AA, UK
Stell dich neben den kleinen runden Tempel mit seinen korinthischen Säulen und schau nach Westen. Vor dir liegt das ganze Edinburgh: die Burg auf ihrem Felsen, der Turm von St Giles' mit seiner Krone, das schwarze Scott Monument, und rechts davon das Raster der New Town, durch das du gerade gegangen bist. Es ist die Postkarte, nur in echt, und meistens mit Wind.
Der Tempel ehrt Dugald Stewart, einen Mann, den heute kaum jemand kennt, der aber zu seiner Zeit einer der einflussreichsten Lehrer Europas war. Er war Professor für Moralphilosophie an der Universität Edinburgh, und in seinen Vorlesungen saßen junge Männer, die später Großbritannien regieren sollten, unter ihnen zwei künftige Premierminister, Lord Palmerston und Lord John Russell. Stewart schrieb auch die erste Lebensbeschreibung seines Freundes Adam Smith.
Das Denkmal entwarf 1831 wieder William Henry Playfair, und er nahm sich ein antikes Vorbild: das Lysikrates-Monument in Athen. Auf diesem Hügel steht also ein Stück Athen neben dem anderen, ein unvollendeter Parthenon, ein Observatorium mit griechischen Säulen, und dieser kleine Rundtempel. Edinburgh wollte nicht nur Athen heißen. Es wollte so aussehen.
Und schau einmal auf die Uhr am Turm des großen Hotels am Ostende der Princes Street, des Balmoral von 1902. Sie geht absichtlich drei Minuten vor, damit die Reisenden ihren Zug im Bahnhof darunter nicht verpassen. Nur einmal im Jahr, an Hogmanay, dem Silvesterabend, zeigt sie die richtige Zeit, damit das neue Jahr pünktlich beginnt.
Von hier oben verstehst du, worum es auf diesem Spaziergang ging. Eine Stadt, die im 18. Jahrhundert eng, schmutzig und arm war, hat sich selbst neu entworfen, mit Lineal und Zirkel, mit Philosophen, Architekten und Bankiers, und mit Geld, dessen Herkunft nicht immer sauber war. Hume, Smith, Stewart und Scott haben von hier aus Europa verändert, und ein Professor in Königsberg ist davon aufgewacht. Bleib noch ein wenig, bis die Sonne hinter der Burg sinkt... schöner endet kein Tag in Edinburgh.