Fenster, Tunnel, Todesstreifen: Die Berliner Mauer an der Bernauer Straße und im Mauerpark

Von der Gedenkstätte Berliner Mauer über Tunnel 57 und den Sprung von Conrad Schumann bis zur Hinterlandmauer im Mauerpark: wie eine Straße in Berlin zur Grenze wurde

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  1. 1. Sophienfriedhof an der Bergstraße

    Bergstraße 29, 10115 Berlin, Germany

    Hinter dem Tor an der Bergstraße wird es mit einem Schlag grün und leise: alte Grabsteine, Efeu, hohe Bäume, Vogelgezwitscher. Ein paar Schritte weiter, wo der Friedhof an die Bernauer Straße stößt, beginnt der Teil der Stadt, um den es auf diesem Spaziergang geht. Aber bleib erst einmal hier, zwischen den Toten, die schon lange vor der Mauer da waren.

    Das ist der Friedhof II der Sophiengemeinde, angelegt im 19. Jahrhundert, als hier noch der Stadtrand war. Und hier liegen Leute, deren Namen du kennst: der Opernkomponist Albert Lortzing, der Klavierbauer Carl Bechstein, und Wilhelm Friedrich Ernst Bach, ein Enkel von Johann Sebastian Bach. Ein Bach an der Bernauer Straße... das hätte man in dieser Gegend eher nicht vermutet.

    Dann kam der 13. August 1961. Die Grenze zwischen dem sowjetischen und dem französischen Sektor verlief entlang der Bernauer Straße, und dieser Friedhof lag auf der Ostseite, direkt an der Linie. Ein Streifen des Geländes wurde Teil der Grenzanlagen, Gräber mussten verlegt werden, und wer die Gräber seiner Angehörigen nahe der Mauer besuchen wollte, brauchte zeitweise eine besondere Genehmigung. Trauern nur mit Passierschein, so absurd war das.

    Friedhöfe an der Grenze waren für die DDR ein echtes Problem. Grabsteine, Grüfte und alte Bäume boten Deckung, und von hier aus waren es nur ein paar Dutzend Meter bis in den Westen. Deshalb wurde an der Grenzseite abgeräumt, gerodet und eingeebnet, bis das Gelände übersichtlich war. Die Toten durften bleiben, aber zu nah an die Mauer durften auch sie nicht.

    Heute ist der Friedhof ein Ort voller Leben, mit Bänken, Kastanienlaub im Herbst und Leuten aus dem Kiez, die hier in der Mittagspause ein Buch lesen. Viele Berliner kennen ihn gar nicht, obwohl sie täglich an seiner Mauer vorbeiradeln. Geh jetzt nach Norden, hinüber zur Bernauer Straße. Dort, auf dem ehemaligen Grenzstreifen, steht eine rostrote Wand voller Gesichter.

  2. 2. Fenster des Gedenkens

    Bernauer Straße, 10115 Berlin, Germany

    Vor dir steht eine lange Wand aus rostbraunem Stahl, in die viele kleine Fenster eingelassen sind. In den meisten ein Foto, ein Gesicht: junge Männer mit Frisuren aus den Sechzigern, eine ältere Frau mit Brille, Jugendliche, ein kleiner Junge. Unter jedem Bild ein Name und zwei Daten. Mehr nicht, und das ist genug.

    Das ist das Fenster des Gedenkens. Es erinnert an die Menschen, die zwischen 1961 und 1989 an der Berliner Mauer ums Leben kamen. Nach den Forschungen der Gedenkstätte waren es mindestens 140: erschossen bei der Flucht, verunglückt beim Klettern oder Springen, ertrunken in Spree und Havel, oder getötet, obwohl sie gar nicht fliehen wollten, einfach weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

    Schau dir die Daten an. Viele waren keine zwanzig, als sie starben. Unter den Toten waren auch Kinder aus West-Berlin, die am Kreuzberger Spreeufer spielten, ins Wasser fielen und ertranken, weil der Fluss dort vollständig zur DDR gehörte. Retter aus dem Westen durften nicht ins Wasser, und die Grenzer drüben griffen nicht rechtzeitig ein. Erst nach mehreren solchen Unglücken wurde eine Regelung für Rettungseinsätze vereinbart.

    Die Geschichte der Mauertoten ist nicht immer einfach zu erzählen. Auch Grenzsoldaten der DDR kamen an der Mauer ums Leben, durch Flüchtende, durch Fluchthelfer, manchmal durch Kugeln aus den eigenen Reihen. Die Gedenkstätte erzählt auch ihre Geschichten, sachlich und ohne sie gegeneinander aufzurechnen. Und hinter jeder Zahl stehen Familien, die oft jahrelang belogen wurden, wie ihre Angehörigen wirklich gestorben waren.

    Nimm dir Zeit für ein, zwei Gesichter. Lies einen Namen, vielleicht halblaut, wenn du magst. Die Gedenkstätte Berliner Mauer zieht sich insgesamt rund 1,4 Kilometer an der Bernauer Straße entlang, und dieses Fenster ist ihr stilles Herz. Dann geh weiter Richtung Ackerstraße. Auf der anderen Straßenseite steht ein moderner Bau mit Aussichtsturm, und von dort oben siehst du, wie die Grenze hier wirklich aussah.

  3. 3. Dokumentationszentrum und Blick auf den Grenzstreifen

    Bernauer Straße 111, 13355 Berlin, Germany

    Steig auf den Turm des Dokumentationszentrums und schau hinunter auf die andere Straßenseite. Zwischen zwei hohen, rostigen Stahlwänden liegt ein Stück Grenze wie eingefroren: eine Mauer, ein heller Sandstreifen, ein Plattenweg für Patrouillen, Lampenmasten und ein Wachturm. So sah es hier bis 1989 aus, nur ohne die Touristen.

    Von oben verstehst du sofort, dass die Berliner Mauer nie nur eine Mauer war. Es war ein ganzes System, an vielen Stellen Dutzende Meter tief. Ganz hinten, zur Ostseite, die sogenannte Hinterlandmauer. Dann ein Signalzaun, der bei Berührung Alarm auslöste. Dann der Kolonnenweg für die Fahrzeuge der Grenztruppen, die Lichttrasse und ein Kontrollstreifen aus geharktem Sand, in dem man jeden Fußabdruck sah. Und ganz vorn, zum Westen hin, die eigentliche Grenzmauer, die du von Postkarten kennst.

    Hier an der Bernauer Straße war alles enger als anderswo, weil die Häuser auf der Ostseite direkt an der Grenze standen. Erst wurden Türen und Fenster zugemauert, dann die Bewohner zwangsweise umgesiedelt, und in den Sechzigerjahren wurden die Häuser abgerissen. Eine Zeit lang bildeten die stehengelassenen Fassaden selbst die Mauer, Fensterhöhlen voller Ziegel. Ende der Siebziger verschwanden auch sie.

    Das Dokumentationszentrum selbst ist das ehemalige Gemeindehaus der Versöhnungsgemeinde. Die Gemeinde hatte ihre Kirche drüben im Grenzstreifen verloren und ihr Gemeindehaus hier, auf der Weddinger Seite, behalten. 1999 wurde daraus ein Ort der Dokumentation, mit Ausstellung, Archiv und diesem Turm. Das Denkmal unter dir, die beiden Stahlwände der Architekten Kohlhoff und Kohlhoff, wurde schon 1998 eingeweiht, und darüber wurde damals heftig gestritten: zu glatt, zu kunstvoll, zu wenig echte Mauer, sagten die einen.

    Das Verrückte ist: Fast überall in Berlin wollte man die Mauer nach 1989 so schnell wie möglich loswerden. Mauerspechte hämmerten Souvenirs heraus, Bagger räumten auf, und nach ein paar Jahren suchten Besucher vergeblich nach ihr. Dass hier überhaupt etwas stehen blieb, verdankt die Stadt Menschen, die früh darauf bestanden, dass man sich erinnern muss. Geh jetzt wieder hinunter und über die Straße. Ein Stück weiter östlich steht ein runder Bau aus Lehm und Holz, an der Stelle einer Kirche, die gesprengt wurde.

  4. 4. Kapelle der Versöhnung

    Bernauer Straße 4, 10115 Berlin, Germany

    Vor dir steht ein ovaler Bau mit einer Hülle aus senkrechten Holzlatten, und dahinter schimmert eine Wand aus gestampftem Lehm. Daneben hängen in einem schlichten Holzgestell alte Kirchenglocken. Das ist die Kapelle der Versöhnung, und sie steht genau dort, wo bis 1985 eine große Backsteinkirche mit hohem Turm stand.

    Die Versöhnungskirche wurde 1894 geweiht, gebaut für die Arbeiterfamilien in den neuen Mietshäusern ringsum. Ihre Gemeinde reichte über die Bernauer Straße hinweg bis in den Wedding. Als 1961 die Mauer kam, stand die Kirche plötzlich auf der Ostseite, mitten im Sperrgebiet. Die Gemeindemitglieder im Westen kamen nicht mehr hinein, und bald durften auch die im Osten nicht mehr hin. Eine Kirche, die niemand betreten konnte, mitten im Todesstreifen.

    Über zwanzig Jahre stand sie so da, leer, verriegelt, bewacht, ein Bau, den man aus dem Westen jeden Tag sah und nie erreichen konnte. Im Januar 1985 ließ die DDR die Kirche sprengen, zuerst das Kirchenschiff und einige Tage später den Turm. Die Bilder des fallenden Turms gingen um die Welt, und für viele war das ein Zeichen, dass dieser Staat nicht einmal vor einem Gotteshaus haltmachte.

    Und dann die Geschichte der neuen Kapelle. Die Architekten Rudolf Reitermann und Peter Sassenroth bauten sie aus Stampflehm, und in diesen Lehm mischten sie zerkleinerte Ziegel aus den Trümmern der alten Kirche. Die alte Kirche steckt also buchstäblich in den Wänden der neuen. Geweiht wurde die Kapelle am 9. November 2000, auf den Tag genau elf Jahre nach dem Mauerfall. Ein Lehmbau mitten in der Hauptstadt, das war damals eine kleine Sensation.

    In der Kapelle wird regelmäßig an Menschen erinnert, die an der Mauer gestorben sind, jedes Mal wird eine Lebensgeschichte vorgelesen. Und rund um die Kapelle wächst in manchen Jahren sogar Roggen, ein kleines Feld auf dem ehemaligen Todesstreifen. Geh jetzt weiter an der Bernauer Straße entlang nach Osten, bis zur Strelitzer Straße. Dort, in einem Hinterhof, endete einer der erfolgreichsten Fluchttunnel Berlins.

  5. 5. Tunnel 57 an der Strelitzer Straße

    Strelitzer Straße 55, 10115 Berlin, Germany

    Bieg in die Strelitzer Straße ein und such die Nummer 55: ein ganz normales Wohnhaus, ein Hof dahinter, Fahrräder, Mülltonnen. Nichts deutet darauf hin, dass hier im Oktober 1964 eine der spektakulärsten Fluchten des Kalten Krieges stattfand. Unter deinen Füßen, rund zwölf Meter tief, verlief damals ein Tunnel in den Westen.

    Gegraben haben ihn junge Leute aus West-Berlin, viele davon Studenten, angeführt unter anderem von Wolfgang Fuchs, einem der bekanntesten Fluchthelfer der Stadt. Sie begannen im Keller einer stillgelegten Bäckerei auf der Westseite der Bernauer Straße und gruben monatelang mit Spaten, schoben die Erde in kleinen Wagen zurück, kämpften gegen Lehm und Grundwasser. Rund 145 Meter lang wurde der Gang, so eng, dass man nur auf allen vieren hindurchkam.

    In zwei Nächten, vom 3. auf den 4. und vom 4. auf den 5. Oktober 1964, kamen die Flüchtlinge durch. Sie meldeten sich mit einem Codewort, gingen in diesen Hof, stiegen in einen alten Toilettenschuppen und von dort hinab in den Schacht. Männer, Frauen, alte Leute und ein paar Kinder krochen durch die Dunkelheit, bis sie auf der anderen Seite in einem Keller im Wedding wieder ans Licht kamen. Am Ende waren es 57 Menschen, und daher hat der Tunnel seinen Namen.

    In der zweiten Nacht flog das Unternehmen auf. Stasi-Leute und Grenzsoldaten kamen in den Hof, es fielen Schüsse, und der 21 Jahre alte Unteroffizier Egon Schultz wurde getötet. Die DDR machte ihn zum Helden und die Fluchthelfer zu Mördern, Straßen und Schulen wurden nach ihm benannt. Erst nach 1990 zeigten die Akten, dass ihn die tödliche Kugel aus der Kalaschnikow eines eigenen Kameraden getroffen hatte. Ein Fluchthelfer hatte ihn zuvor mit einer Pistole an der Schulter verletzt. Auch das gehört zur ganzen Wahrheit.

    Und noch ein Detail, das kaum jemand kennt: Einer der jungen Männer, die damals unter der Bernauer Straße buddelten, war Reinhard Furrer. Gut zwanzig Jahre später flog er als Astronaut ins All, mit der deutschen Spacelab-Mission D1 im Jahr 1985. Vom Loch unter einer Berliner Straße bis in die Erdumlaufbahn... das ist mal ein Lebenslauf. Geh jetzt zurück zur Bernauer Straße und weiter nach Osten bis zur großen Kreuzung mit der Brunnenstraße.

  6. 6. Ida Siekmann und die Fenstersprünge an der Brunnenstraße

    Bernauer Straße / Brunnenstraße, 10115 Berlin, Germany

    An der Kreuzung mit der Brunnenstraße stehst du an einer Stelle, an der sich der Irrsinn der Teilung bis ins Kleinste zeigt. Die Häuser auf der Südseite der Bernauer Straße gehörten zu Ost-Berlin, der Gehweg direkt davor aber schon zum Westen. Wer aus der Haustür trat, stand in einem anderen Staat.

    In den Tagen nach dem 13. August 1961 merkten die Bewohner schnell, dass sich die Falle schloss. Die Hauseingänge wurden zugemauert, Polizisten bewachten die Treppenhäuser. Also flohen die Menschen durch die Fenster. Sie seilten sich an Bettlaken ab, sprangen aus dem ersten, zweiten, dritten Stock, und unten hielten West-Berliner Feuerwehrleute Sprungtücher auf. Fotografen standen daneben, und die Bilder gingen um die Welt.

    Ida Siekmann wohnte in der Bernauer Straße 48. Sie war Krankenschwester, 58 Jahre alt, und ihre Schwester lebte nur ein paar Straßen weiter im Westen. Am 22. August 1961 warf sie Bettzeug und ein paar Habseligkeiten aus dem Fenster und sprang hinterher. Sie verletzte sich schwer und starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Ida Siekmann gilt als das erste Todesopfer an der Berliner Mauer. Am nächsten Tag wäre sie 59 Jahre alt geworden.

    Nach ihr starben an dieser Straße weitere Menschen bei Sprüngen aus Fenstern und von Dächern, darunter ein junger Mann, der das Sprungtuch verfehlte. Ab Herbst 1961 räumte die DDR die Häuser, die Bewohner wurden umgesiedelt, oft mit kaum Vorwarnung, und Jahre später fielen die Gebäude. An Ida Siekmann erinnert heute ein Gedenkstein an der Bernauer Straße, und die Gedenkstätte macht entlang der Straße sichtbar, wo die verschwundenen Häuser einmal standen.

    Und unter deinen Füßen fährt die U8. Während der Teilung rollten ihre West-Berliner Züge von hier aus weiter nach Süden, unter Ost-Berlin hindurch, ohne anzuhalten, durch dunkle, bewachte Geisterbahnhöfe. Die Brunnenstraße selbst hat ihren Namen von einer Heilquelle weiter nördlich, dem Gesundbrunnen, nach dem ein ganzer Ortsteil heißt. Für den nächsten Halt biegst du in eine der kleinen Straßen nach Süden ab, zu einem Platz mit hohen Bäumen, Spielplatz und Kinderlärm.

  7. 7. Arkonaplatz

    Arkonaplatz, 10435 Berlin, Germany

    Auf einmal bist du mitten im Kiez: ein grüner Platz mit Spielplatz, Bänken und hohen Bäumen, ringsum Altbauten mit Stuck und Balkonen, unten kleine Läden und Cafés. Kinder schreien, Hunde bellen, jemand übt Gitarre bei offenem Fenster. Kaum zu glauben, dass die Mauer keine zweihundert Meter von hier verlief.

    Der Arkonaplatz ist nach Kap Arkona benannt, der Nordspitze der Insel Rügen. Und auch die Straßen ringsum tragen Namen aus dem Norden und Osten, Ruppiner, Granseer, Wolliner Straße, nach Orten in Brandenburg und Pommern. Das Viertel entstand in den Jahrzehnten nach dem Hobrecht-Plan von 1862, als Berlin sich in die Felder vor der Stadt hineinfraß und Mietskasernen mit Vorderhaus, Seitenflügel und Hinterhöfen hochzog, für die Arbeiter der neuen Fabriken.

    In diesen Höfen lebten Familien eng gedrängt, oft mehrere Generationen in zwei Zimmern, die Toilette auf halber Treppe. Zu DDR-Zeiten verfiel vieles, weil der Staat lieber Plattenbauten am Stadtrand hochzog, als alte Häuser zu sanieren. Und wer hier wohnte, lebte im Schatten der Grenze, das Sperrgebiet direkt um die Ecke, Kontrollen inklusive. Besuch aus dem Westen? Nur mit Genehmigung, und auch dann wurde genau hingeschaut.

    Nach der Wende kamen erst die Studenten, die Künstlerinnen und die Hausbesetzer, dann die jungen Familien, und mit ihnen die Sanierung. Heute ist der Arkonaplatz einer der gemütlichsten Plätze in Mitte. Regelmäßig gibt es hier einen kleinen Flohmarkt, viel entspannter als der große im Mauerpark, mit Kisten voller Schallplatten, DDR-Geschirr und alten Lampen. Die Alteingesessenen sagen mit leichtem Augenrollen, man müsse sich hier inzwischen eher vor Kinderwagen in Acht nehmen als vor der Volkspolizei.

    Wenn du genau hinschaust, erkennst du an den Fassaden noch, welche Häuser früh saniert wurden und welche lange gewartet haben, an Farbe, Fenstern und Stuck. Der Platz ist ein kleines Lehrbuch Berliner Stadtgeschichte, aufgeschlagen zwischen zwei Sandkästen. Jetzt geh die Ruppiner Straße hinauf nach Norden, zurück zur Bernauer Straße. An der Ecke passierte zwei Tage nach dem Mauerbau etwas, das eines der berühmtesten Fotos des Kalten Krieges werden sollte.

  8. 8. Conrad Schumanns Sprung an der Ruppiner Straße

    Bernauer Straße / Ruppiner Straße, 10115 Berlin, Germany

    An der Ecke Ruppiner Straße und Bernauer Straße siehst du heute nur einen Gehweg, ein paar Bäume, abgestellte Fahrräder. Stell dir stattdessen eine Rolle Stacheldraht vor, quer über die Kreuzung, und auf der Ostseite junge Männer in Uniform mit Maschinenpistolen. Es ist der 15. August 1961, zwei Tage nach dem Mauerbau, ein warmer Sommertag.

    Einer dieser Männer ist Conrad Schumann, 19 Jahre alt, Bereitschaftspolizist aus einem Dorf in Sachsen. Auf der Westseite stehen Schaulustige, und der Überlieferung nach rufen ihm einige zu, er solle doch rüberkommen. Schumann geht auf und ab, raucht, schaut. Der Stacheldraht ist an dieser Stelle noch niedrig, die Mauer aus Beton gibt es hier noch gar nicht.

    Und dann rennt er los. Er springt über den Draht, wirft im Sprung die Maschinenpistole ab und läuft zu einem West-Berliner Polizeiwagen, der mit offener Tür auf ihn wartet. Auf der Westseite steht der Fotograf Peter Leibing, und er drückt genau im richtigen Moment ab. Das Bild des springenden Soldaten, den Stahlhelm auf dem Kopf, die Waffe in der Luft, wird zur Ikone, zum Symbol für die Flucht aus der DDR, gedruckt auf Postern und Buchumschlägen in aller Welt.

    Sein Leben danach war weniger heldenhaft, als das Foto verspricht. Schumann zog nach Bayern, arbeitete viele Jahre bei Audi in Ingolstadt und gründete eine Familie. Aber die Angst vor der Stasi wurde er nie ganz los, und als er nach der Wende seine alte Heimat besuchte, soll er sich dort nicht willkommen gefühlt haben. 1998 nahm er sich das Leben. Das Foto hat ihn berühmt gemacht, aber nicht frei.

    Heute erinnert eine Markierung der Gedenkstätte an seinen Sprung, und Leute aus aller Welt stellen sich genau hierhin, um das berühmte Foto nachzustellen, meistens mit weniger Eleganz. Lass sie springen. Und dann folge der Bernauer Straße weiter nach Osten. Wo sie auf die Schwedter Straße trifft, öffnet sich links ein weites, hügeliges Gelände: der Mauerpark, das Sonntagswohnzimmer von halb Prenzlauer Berg.

  9. 9. Mauerpark und Hinterlandmauer

    Mauerpark, Gleimstraße 55, 10437 Berlin, Germany

    Du stehst am Hang des Mauerparks, und vor dir zieht sich ein langes Stück Betonmauer den Hügel entlang, über und über besprüht, Farbe auf Farbe auf Farbe. Irgendwo zischt gerade eine Spraydose, irgendwo spielt jemand Gitarre, und unten auf der großen Wiese liegen Leute in der Sonne. Ein friedlicheres Bild an einem gefährlicheren Ort kann man sich kaum vorstellen.

    Das hier ist keine Grenzmauer, sondern ein Rest der Hinterlandmauer, also der Mauer, die den Todesstreifen nach Osten abschloss. Die eigentliche Grenze lag weiter westlich, dort, wo heute die große Wiese ist. Das Gelände war früher ein Güterbahnhof, und mit der Teilung wurde aus dem Bahngelände ein breiter, leerer Grenzstreifen zwischen Prenzlauer Berg im Osten und dem Wedding im Westen.

    Nach 1990 setzten sich Anwohner dafür ein, dass hier ein Park entsteht und keine Bürohäuser. Mit Geld unter anderem von einer Umweltstiftung wurde 1994 der Mauerpark eröffnet, entworfen vom Landschaftsarchitekten Gustav Lange. Und dann passierte, was in Berlin immer passiert: Die Leute machten etwas daraus, was kein Planer vorgesehen hatte. Flohmarkt, Trommler, Jongleure, Grillrauch, und im kleinen Amphitheater singen beim Karaoke wildfremde Menschen vor einem riesigen, gnadenlos jubelnden Publikum.

    Dieses Stück Mauer ist heute eine der bekanntesten Wände Berlins, an denen Sprayer legal arbeiten dürfen. Ein Bauwerk, das Menschen einsperren sollte, ist zur Leinwand geworden, die ständig neu bemalt wird. Die Farbschichten sind inzwischen so dick, dass manche Berliner witzeln, die Mauer werde langsam wieder breiter... nur dass diesmal niemand etwas dagegen hat.

    Von oben auf dem Hügel siehst du über die Dächer von Wedding und Prenzlauer Berg, zwei Stadtteile, die fast drei Jahrzehnte lang nicht zueinander konnten und heute einen gemeinsamen Park teilen. Auf der anderen Seite der Mauer liegt der Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark, wo zu DDR-Zeiten Fußball gespielt wurde, quasi mit Grenzblick. Geh jetzt am oberen Rand des Parks entlang nach Norden, bis zur Gleimstraße. Dort verschwindet die Straße in einem merkwürdigen, dunklen Tunnel.

  10. 10. Gleimtunnel

    Gleimstraße, 10437 Berlin, Germany

    Vor dir verschwindet die Gleimstraße in einem langen, halbdunklen Tunnel. Reihen von alten Eisensäulen tragen die Decke, an der der Ruß von Jahrzehnten klebt, und über dir rumpeln ab und zu Züge. Selbst an einem hellen Mittag fühlt es sich an, als würdest du in einen alten Schwarz-Weiß-Film hineinlaufen. Hör mal genau hin: Jeder Schritt hallt hier ein bisschen nach.

    Eigentlich ist der Gleimtunnel gar kein richtiger Tunnel, sondern eine lange Unterführung unter einem breiten Bahngelände hindurch. Gebaut wurde er Anfang des 20. Jahrhunderts, damit die Gleimstraße die Gleise unterqueren konnte, die hier in einem dichten Bündel liegen. Er verbindet Prenzlauer Berg mit Gesundbrunnen im Wedding, zwei Arbeiterviertel, die damals einfach nebeneinander lagen und miteinander lebten. Man ging hindurch zur Arbeit, zum Einkaufen, zu Verwandten, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden.

    Mit dem Mauerbau wurde der Tunnel zur Sackgasse. Die Grenze verlief genau hier, und der Durchgang wurde abgeriegelt. Fast drei Jahrzehnte lang endete die Gleimstraße für die einen und für die anderen an einer Sperre, mitten im Halbdunkel. Erst nach dem Mauerfall wurde der Weg wieder frei, und die Leute aus beiden Vierteln konnten einfach wieder hindurchgehen, als wäre nichts gewesen.

    Und dann ist da noch der Name. Die Gleimstraße heißt nach Johann Wilhelm Ludwig Gleim, einem Dichter des 18. Jahrhunderts aus Halberstadt. Berühmt war er vor allem für seine Freundschaften: Er schrieb unzählige Briefe an andere Dichter und sammelte ihre Porträts in seinem Haus. Ein Dichter der Freundschaft als Namensgeber für einen Tunnel, der jahrzehntelang zwei Hälften einer Stadt voneinander trennte... die Geschichte hat manchmal einen bitteren Humor.

    Weil er so düster und eigenartig ist, lieben Fotografen und Filmteams den Gleimtunnel, und Anwohner haben sich lange dafür eingesetzt, dass er rau und alt bleiben darf, statt glattsaniert zu werden. Für das letzte Stück gehst du wieder hinauf an den Rand des Mauerparks und ein kleines Stück nach Norden. Dort führt eine schmale Fußgängerbrücke über die Gleise, mit einem der besten Blicke auf Berlins Ringbahn.

  11. 11. Schwedter Steg und Ringbahn

    Schwedter Steg, 10437 Berlin, Germany

    Von dieser schmalen Fußgängerbrücke schaust du hinunter auf ein breites Bündel aus Gleisen. S-Bahnen gleiten in beide Richtungen, ab und zu schiebt sich ein langer Güterzug vorbei, und in der Ferne ragt der Fernsehturm in den Himmel. Unter dir läuft die Ringbahn, Berlins große Schleife. Und genau unter dieser Brücke war sie fast drei Jahrzehnte lang kaputt.

    Die Ringbahn ist so etwas wie der Gürtel der Innenstadt: Sie umrundet das Zentrum in einer großen Schleife, die wegen ihrer Form auf dem Plan Hundekopf genannt wird. Fertig war der Ring 1877. Wer innerhalb des Rings wohnt, sagen manche Berliner nicht ganz ohne Arroganz, wohnt in Berlin. Wer außerhalb wohnt, wohnt natürlich auch in Berlin... aber das sagt man hier drinnen nicht so gern laut.

    Mit der Teilung zerbrach auch der Ring. Genau hier, zwischen den Bahnhöfen Gesundbrunnen und Schönhauser Allee, lief die Grenze, und die Gleise wurden gekappt. Jahrzehntelang war der Ring kein Ring mehr, sondern ein Bogen, dessen Enden an der Mauer stumpf aufhörten. Und nach dem großen Streik der Eisenbahner im Jahr 1980 legte die Ost-Berliner Reichsbahn, die auch die S-Bahn im Westen betrieb, den Westteil des Rings fast ganz still.

    Erst am 16. Juni 2002 war der Ring wieder geschlossen. Seitdem fahren die Züge der Linien S41 und S42 wieder in beide Richtungen im Kreis, rund eine Stunde braucht eine Runde. Berliner nutzen das gern, auch ohne Ziel: einsteigen, Kopfhörer auf, einmal ganz herum, und die Stadt zieht vorbei wie ein Film, Hinterhöfe, Kleingärten, Brandwände, Kräne. Die Ringbahn ist das billigste Kino der Stadt, und das Programm wechselt mit jeder Jahreszeit.

    Und damit endet dein Spaziergang an der ehemaligen Grenze. Du hast eine Kirche gesehen, die gesprengt wurde, Fenster, aus denen Menschen sprangen, einen Tunnel unter dem Asphalt und eine Mauer, die zur Leinwand wurde. Hier oben, wo die Grenze einst die Gleise zerschnitt, rollen die Züge heute einfach durch, als wäre nie etwas gewesen... und genau deshalb lohnt es sich, sich zu erinnern.