Tunnel 57 an der Strelitzer Straße

Why is it significant?

Bieg in die Strelitzer Straße ein und such die Nummer 55: ein ganz normales Wohnhaus, ein Hof dahinter, Fahrräder, Mülltonnen. Nichts deutet darauf hin, dass hier im Oktober 1964 eine der spektakulärsten Fluchten des Kalten Krieges stattfand.

Key Facts

PlaceTunnel 57 an der Strelitzer Straße
AddressStrelitzer Straße 55, 10115 Berlin, Germany
Geo Coordinates52.53620, 13.39410
Part of WalkFenster, Tunnel, Todesstreifen: Die Berliner Mauer an der Bernauer Straße und im Mauerpark
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Bieg in die Strelitzer Straße ein und such die Nummer 55: ein ganz normales Wohnhaus, ein Hof dahinter, Fahrräder, Mülltonnen. Nichts deutet darauf hin, dass hier im Oktober 1964 eine der spektakulärsten Fluchten des Kalten Krieges stattfand. Unter deinen Füßen, rund zwölf Meter tief, verlief damals ein Tunnel in den Westen.

Gegraben haben ihn junge Leute aus West-Berlin, viele davon Studenten, angeführt unter anderem von Wolfgang Fuchs, einem der bekanntesten Fluchthelfer der Stadt. Sie begannen im Keller einer stillgelegten Bäckerei auf der Westseite der Bernauer Straße und gruben monatelang mit Spaten, schoben die Erde in kleinen Wagen zurück, kämpften gegen Lehm und Grundwasser. Rund 145 Meter lang wurde der Gang, so eng, dass man nur auf allen vieren hindurchkam.

In zwei Nächten, vom 3. auf den 4. und vom 4. auf den 5. Oktober 1964, kamen die Flüchtlinge durch. Sie meldeten sich mit einem Codewort, gingen in diesen Hof, stiegen in einen alten Toilettenschuppen und von dort hinab in den Schacht. Männer, Frauen, alte Leute und ein paar Kinder krochen durch die Dunkelheit, bis sie auf der anderen Seite in einem Keller im Wedding wieder ans Licht kamen. Am Ende waren es 57 Menschen, und daher hat der Tunnel seinen Namen.

In der zweiten Nacht flog das Unternehmen auf. Stasi-Leute und Grenzsoldaten kamen in den Hof, es fielen Schüsse, und der 21 Jahre alte Unteroffizier Egon Schultz wurde getötet. Die DDR machte ihn zum Helden und die Fluchthelfer zu Mördern, Straßen und Schulen wurden nach ihm benannt. Erst nach 1990 zeigten die Akten, dass ihn die tödliche Kugel aus der Kalaschnikow eines eigenen Kameraden getroffen hatte. Ein Fluchthelfer hatte ihn zuvor mit einer Pistole an der Schulter verletzt. Auch das gehört zur ganzen Wahrheit.

Und noch ein Detail, das kaum jemand kennt: Einer der jungen Männer, die damals unter der Bernauer Straße buddelten, war Reinhard Furrer. Gut zwanzig Jahre später flog er als Astronaut ins All, mit der deutschen Spacelab-Mission D1 im Jahr 1985. Vom Loch unter einer Berliner Straße bis in die Erdumlaufbahn... das ist mal ein Lebenslauf. Geh jetzt zurück zur Bernauer Straße und weiter nach Osten bis zur großen Kreuzung mit der Brunnenstraße.

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