Gràcia in Barcelona: Plätze, Märkte, Casa Vicens und der Park Güell

Durch das einstige Dorf, das nie Teil der Stadt sein wollte: rebellische Glocken, Märkte aus Eisen, Gaudís erstes Haus, Rodoredas Plaça del Diamant und zum Schluss die Gartenstadt, die keiner kaufen wollte

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  1. 1. Casa Fuster: Das teuerste Haus am Ende des Passeig de Gràcia

    Passeig de Gràcia 132, 08008 Barcelona, Spain

    Vor dir leuchtet ein Haus aus weißem Marmor, mit schlanken rosafarbenen Säulen, Balkonen wie Spitzenkragen und einem runden Eckturm, der wie ein Schmuckkästchen auf die Kreuzung schaut. Hinter dir endet der Passeig de Gràcia, die große Prachtstraße. Vor dir beginnen die engen Gassen. Du stehst genau auf der Grenze zwischen zwei Welten.

    Die Casa Fuster entstand zwischen 1908 und 1911 und ist das letzte große Wohnhaus, das Lluís Domènech i Montaner in Barcelona gebaut hat, der Architekt des Palau de la Música. Bauherr war Mariano Fuster, der es seiner Frau Consol Fabra schenken wollte. Zeitgenossen erzählten, es sei das teuerste Wohnhaus der Stadt gewesen. Ob das stimmt, weiß niemand genau, aber wenn du den Marmor, die Säulen und die feinen Steinmetzarbeiten siehst, glaubst du es sofort.

    Seine Lage ist kein Zufall. Der Passeig de Gràcia war ursprünglich ein Weg durch Felder, der das ummauerte Barcelona mit dem Dorf Gràcia verband. Gràcia war eine eigene Gemeinde mit eigenem Rathaus, eigenen Festen und einem ausgeprägten Eigensinn. 1897 wurde es gegen den Willen vieler Bewohner nach Barcelona eingemeindet, und manche im Viertel sagen bis heute, sie gingen nach Barcelona, wenn sie hinunter ins Zentrum fahren.

    Später, so erzählt man im Viertel, stand sogar ein Abriss zur Debatte, doch das Haus überstand alle Pläne. Heute ist es ein Hotel, und im Erdgeschoss liegt ein Café, in dem du unter hohen Säulen sitzen kannst, als wäre die Belle Époque nie zu Ende gegangen. Domènech i Montaner hat hier noch einmal alles gezeigt, was der Modernisme konnte, kurz bevor sich der Geschmack der Stadt wandelte.

    Merk dir dieses Gefühl der Schwelle. Ab jetzt wird alles kleiner: die Häuser niedriger, die Plätze intimer, die Straßen schmaler, und die Leute grüßen sich mit Namen. Geh die Gran de Gràcia ein Stück hinauf und bieg dann nach rechts in die Gassen, bis du auf einem Platz mit einem hohen, schlanken Glockenturm stehst.

  2. 2. Plaça de la Vila de Gràcia: Die Glocke, die nicht schweigen wollte

    Plaça de la Vila de Gràcia, 08012 Barcelona, Spain

    Mitten auf dem Platz steht ein schlanker, hoher Glockenturm, ganz allein, ohne Kirche. Am Rand sitzen Leute auf Terrassen, Kinder jagen Tauben, und auf der Fassade des alten Rathauses flattern Fahnen. Für Gràcia ist dieser Turm so etwas wie ein Herz, das man von außen sehen kann. Wenn hier etwas gefeiert, betrauert oder protestiert wird, dann meistens zu seinen Füßen.

    Der Campanar de Gràcia wurde in den 1860er-Jahren nach Plänen von Antoni Rovira i Trias gebaut, einem Architekten, dem du später auf diesem Spaziergang noch einmal begegnen wirst. Er sollte die Bürger an Feste erinnern, an Feuer warnen und die Stunden schlagen. Berühmt wurde er aber durch etwas ganz anderes, durch ein paar Tage, in denen seine Glocke einfach nicht mehr aufhörte.

    Im April 1870 weigerten sich viele Familien in Gràcia, ihre Söhne zum Militärdienst zu schicken, denn wer kein Geld hatte, um sich freizukaufen, musste gehen. Die Bewohner errichteten Barrikaden, Regierungstruppen belagerten das Dorf und beschossen es tagelang. Und während dieser ganzen Zeit läutete die Glocke im Turm, immer weiter, als Zeichen, dass Gràcia sich nicht ergab. Am Ende siegten die Truppen, Häuser waren beschädigt, es gab Tote und Verhaftete. Aber das Läuten blieb im Gedächtnis, und bis heute erzählen die Alten im Viertel davon, als wären sie selbst dabei gewesen.

    Noch im selben Jahr erschien eine satirische Wochenzeitung, die sich La Campana de Gràcia nannte, die Glocke von Gràcia. Über Jahrzehnte nahm sie Politiker, Generäle und Bischöfe aufs Korn und wurde eine der bekanntesten Zeitschriften Kataloniens. Das Rathaus am Platz stammt übrigens von Francesc Berenguer, einem engen Mitarbeiter Gaudís, dessen Spuren du im ganzen Viertel finden wirst.

    Wenn du am Abend wiederkommst, ist dieser Platz einer der lebendigsten von Gràcia, und nur ein paar Schritte nördlich liegt die Plaça del Sol, wo die Nächte noch länger sind. Jetzt aber geh nach Westen, quer über die Gran de Gràcia und durch die schmalen Straßen, bis du vor einer eisernen Markthalle mit bunten Wappen stehst.

  3. 3. Mercat de la Llibertat: Eisen, Wappen und ein Architekt ohne Diplom

    Plaça de la Llibertat 27, 08012 Barcelona, Spain

    Ein luftiges Gerippe aus grün gestrichenem Eisen, Glas und Ziegeln, mit geschwungenen Trägern und runden Wappen an den Giebeln. Drinnen stapeln sich Tomaten, Oliven, Fisch auf Eis und Würste, und die Händler rufen sich über die Gänge hinweg Witze zu. Das ist der Mercat de la Llibertat, der Markt der Freiheit, und er ist seit über hundert Jahren das Wohnzimmer dieses Viertels.

    Der Name ist kein Zufall. Gràcia war im 19. Jahrhundert ein Dorf von Handwerkern, Arbeitern und überzeugten Republikanern, und das sieht man bis heute an den Straßenschildern: Llibertat, Progrés, Fraternitat. Freiheit, Fortschritt, Brüderlichkeit, mitten in einem katholischen Land. Die Leute hier haben ihre Ideale buchstäblich an die Hauswände geschrieben.

    Die heutige Halle wurde 1893 eröffnet, und hinter ihr steckt eine schöne Ungerechtigkeit. Entworfen hat sie Francesc Berenguer, ein begnadeter Baumeister und Gaudís treuester Mitarbeiter. Nur hatte Berenguer nie ein Architekturdiplom gemacht. Also durfte er seine eigenen Pläne nicht unterschreiben, und offiziell stand der Name eines anderen, des Stadtarchitekten Miquel Pascual i Tintorer, auf den Dokumenten. Schau dir die Wappen von Gràcia an den Giebeln an: Berenguer hat sie liebevoll eingefügt, als wollte er seine Heimat signieren, wenn er schon den Plan nicht signieren durfte.

    Märkte wie dieser waren damals ein Zeichen des Fortschritts. Statt unter freiem Himmel im Staub zu verkaufen, bekamen die Händler ein Dach, Wasser und Ordnung, und die Stadtväter konnten zeigen, wie modern ihr Dorf war. Später wurde die Halle mehrfach renoviert, aber das Eisenskelett blieb, und die Familien, die hier Stände führen, kennen ihre Kunden oft schon in der zweiten oder dritten Generation.

    Wenn du Hunger hast, ist jetzt ein guter Moment für eine Handvoll Oliven oder ein Stück Käse. Danach geh nach Norden, die Gran de Gràcia hinauf, und bieg links in die Carrer de les Carolines. Dort wartet ein Haus voller gelber Blumen, das erste Haus eines jungen Architekten namens Antoni Gaudí.

  4. 4. Casa Vicens: Gaudís erstes Haus und die gelben Blumen

    Carrer de les Carolines 20-26, 08012 Barcelona, Spain

    Bleib vor dem Gitter stehen und schau genau hin. Das Eisen ist zu fächerförmigen Palmblättern geformt, und dahinter steigt ein Haus auf, das aussieht, als hätte jemand ein Schachbrett mit einem orientalischen Teppich gekreuzt: grüne und weiße Kacheln, Streifen aus Ziegeln, Erker, kleine Türmchen, und überall gelbe Blumen auf weißem Grund.

    Das ist die Casa Vicens, das erste große Haus von Antoni Gaudí. Den Auftrag bekam er 1883, mit gerade einmal 31 Jahren, vom Börsenmakler Manuel Vicens, der hier, damals noch weit vor der Stadt, ein Sommerhaus haben wollte. Gaudí war noch kein Star, nur ein ehrgeiziger junger Architekt mit vielen Ideen. Und er hat sie offenbar alle auf einmal ausprobiert.

    Eine Geschichte, die man sich erzählt: Als Gaudí das Grundstück zum ersten Mal besuchte, soll es voller gelber Studentenblumen gewesen sein, und eine Zwergpalme stand darauf. Er habe beides einfach ins Haus geholt, die Blumen auf die Kacheln und die Palmblätter ins Eisengitter. Ob es genau so war, weiß niemand. Aber schöner kann man nicht erklären, warum dieses Haus aussieht wie ein Garten, der beschlossen hat, sich in Stein zu verwandeln.

    Wenn du die Casa Vicens mit Gaudís späteren Werken vergleichst, wirst du staunen. Hier gibt es noch kaum Kurven, kaum fließende Formen, dafür Ziegel, Kacheln und Ornamente, die an die maurische Kunst Andalusiens und an Bilder aus dem Orient erinnern. Und doch steckt schon alles drin, was ihn später ausmacht: die Liebe zur Natur, zur Farbe und zum Handwerk. Seit 2005 gehört das Haus zum UNESCO-Welterbe, und seit 2017 ist es als Museum geöffnet.

    Lange Zeit war die Casa Vicens ein Privathaus, das man nur durch das Gitter sehen konnte. Generationen von Gaudí-Fans standen genau dort, wo du jetzt stehst, und reckten die Hälse. Geh jetzt zurück zur Gran de Gràcia, überquere sie und folge der Carrer de l'Astúries nach Osten, bis zu einem kleinen, gepflasterten Platz, den eine Schriftstellerin unsterblich gemacht hat.

  5. 5. Plaça del Diamant: Colometa, die Tauben und ein Bunker unter dem Platz

    Plaça del Diamant, 08012 Barcelona, Spain

    Ein kleiner, gepflasterter Platz, ein paar Bänke, Wäsche auf den Balkonen. Auf den ersten Blick ist hier nichts Besonderes. Und doch kennen Leser auf der ganzen Welt diesen Ort, ohne je hier gewesen zu sein, weil er in einem einzigen Buch eine Hauptrolle spielt. Such die Skulptur einer Frau, die mit ausgebreiteten Armen schreit, umgeben von Tauben.

    Das ist Colometa, die Heldin des Romans La plaça del Diamant von Mercè Rodoreda, erschienen 1962. Auf Deutsch heißt er Auf der Plaça del Diamant. Der Roman beginnt genau hier, beim Tanz der Festa Major, des großen Sommerfests von Gràcia. Eine junge Frau namens Natàlia lernt einen selbstbewussten Mann kennen, Quimet, der ihr ungefragt einen neuen Namen gibt: Colometa, Täubchen.

    Was folgt, ist das Leben einer einfachen Frau aus Gràcia durch Ehe, Armut, Bürgerkrieg und Hunger, erzählt in ihrer eigenen, schlichten, unvergesslichen Stimme. Rodoreda, die in Barcelona geboren wurde, schrieb das Buch im Exil in Genf, Jahrzehnte nachdem sie Katalonien verlassen hatte. Viele halten es für den wichtigsten katalanischen Roman des 20. Jahrhunderts, und er wurde in Dutzende Sprachen übersetzt.

    Und unter deinen Füßen liegt noch eine zweite Geschichte. Während des Bürgerkriegs gruben die Nachbarn hier einen Luftschutzbunker, Gänge tief unter dem Platz, um sich vor den Bombenangriffen auf Barcelona zu schützen. Jahrzehntelang war er vergessen, erst 1992 stieß man bei Bauarbeiten wieder auf ihn. Colometa schreit also über genau den Tunneln, in denen sich Menschen wie sie damals versteckt haben.

    Wenn du im August nach Gràcia kommst, verwandelt sich dieser Platz und mit ihm das ganze Viertel. Zur Festa Major schmücken die Nachbarn ihre Straßen seit dem 19. Jahrhundert mit selbstgebastelten Dekorationen aus Pappe, Plastik und Draht, und jede Straße will die schönste sein. Geh jetzt nach Südosten, durch die schmalen Gassen, bis zu einem langgestreckten Platz mit einem sehr langen Namen.

  6. 6. Plaça de la Revolució und Mercat de l'Abaceria: Ein Platz für eine Revolution

    Plaça de la Revolució de Setembre de 1868, 08012 Barcelona, Spain

    Ein langer, rechteckiger Platz, eingerahmt von niedrigen Häusern, mit Bänken und ein paar Bäumen. Familien mit Kinderwagen, ältere Herren beim Zeitungslesen, Studenten mit Kaffee. Und dann schaust du auf das Straßenschild und liest: Plaça de la Revolució de Setembre de 1868. Einer der längsten Platznamen der Stadt, für einen der friedlichsten Plätze.

    Im September 1868 erhoben sich in Spanien Generäle, Liberale und Republikaner gegen Königin Isabella II., die nach Frankreich fliehen musste. Die Spanier nennen dieses Ereignis La Gloriosa, die Glorreiche Revolution. Es folgten sechs wilde Jahre mit einer neuen Verfassung, einem importierten König aus Italien und sogar einer kurzlebigen Republik. In Gràcia, dem Dorf der Republikaner, war die Begeisterung groß, und so taufte man diesen Platz nach dem Ereignis, das alles in Bewegung brachte.

    Die Leute hier nennen ihn einfach la Revolució. Und das ist typisch für Gràcia: große Geschichte, klein und alltäglich gemacht. Wo anderswo Denkmäler auf Sockeln stehen, spielen hier Kinder Fußball zwischen den Bänken, und die Revolution ist der Ort, an dem man sich nach der Arbeit auf ein Bier trifft.

    Gleich an der Ecke, an der Travessera de Gràcia, liegt der zweite große Markt des Viertels, der Mercat de l'Abaceria Central. Er geht auf das Jahr 1892 zurück, und sein Name erzählt schon, worum es geht: Eine abaceria ist ein altes katalanisches Wort für einen Laden mit Lebensmitteln des täglichen Bedarfs. Hier kaufen die Leute aus der Nachbarschaft, nicht die Touristen, und genau deshalb lohnt sich ein Blick hinein. Am Samstagvormittag ist es am vollsten, wenn halb Gràcia mit Einkaufswagen und Gesprächsstoff unterwegs ist.

    Zwei Märkte, ein Rathaus, ein eigener Glockenturm, eigene Feste... Gràcia hatte alles, was eine Stadt braucht. Kein Wunder, dass viele hier die Eingemeindung von 1897 nie ganz verziehen haben. Geh jetzt nach Norden, durch die Nachbargassen, bis zu einem Platz mit einer Kirche und einem Namen, der bis nach Peru führt.

  7. 7. Plaça de la Virreina: Die Witwe des Vizekönigs von Peru

    Plaça de la Virreina, 08024 Barcelona, Spain

    Hier ist es plötzlich still. Ein Platz mit Bäumen und Bänken, eine helle Kirchenfassade aus Stein, ein paar Terrassen, an denen die Nachbarn ihren Vermut trinken. Die Plaça de la Virreina gehört zu den ruhigsten Plätzen von Gràcia, und ihr Name klingt, als gehöre er in ein Märchen: der Platz der Vizekönigin.

    Gemeint ist, so heißt es, die Witwe von Manuel d'Amat i de Junyent, einem katalanischen Adligen, der im 18. Jahrhundert Vizekönig von Peru war. Nach Jahren in Lima kehrte er reich nach Barcelona zurück, heiratete eine viel jüngere Frau und ließ sich an der Rambla einen Palast bauen, den du vielleicht schon kennst: den Palau de la Virreina. Amat starb wenige Jahre später, und seine Witwe blieb als Virreina im Gedächtnis der Stadt, mit Besitz bis hinauf in die Felder von Gràcia.

    Und jetzt die pikante Fußnote. In Lima hatte Amat eine berühmte Geliebte gehabt, eine Schauspielerin namens Micaela Villegas, die alle La Perricholi nannten. Ihre Liebesgeschichte war ein Skandal, über den man in Peru bis heute erzählt. Offenbach hat sogar eine Operette darüber komponiert, La Périchole. Eine Liebesaffäre aus Lima, ein Palast in Barcelona und ein stiller Platz in Gràcia, alles verbunden durch einen einzigen Mann.

    Die Kirche am Platz ist Sant Joan de Gràcia, die Pfarrkirche des alten Dorfes. Sie wurde im 20. Jahrhundert in unruhigen Zeiten schwer beschädigt und wieder aufgebaut, wie viele Kirchen in Barcelona. Heute ist sie eher Kulisse für Hochzeiten und für Kinder, die auf den Stufen spielen. Und wenn die Glocken läuten, flattern die Tauben vom Dach auf und landen zwei Minuten später wieder genau dort, wo sie waren.

    Wenn du Lust hast, setz dich ein paar Minuten. Gràcia lebt von solchen Pausen, und niemand hier hat es eilig. Danach geh weiter nach Norden durch die Gassen, bis du auf einem kleinen Platz einen Mann aus Bronze auf einer Bank sitzen siehst, der nachdenklich auf den Boden schaut.

  8. 8. Plaça de Rovira i Trias: Der Mann, der die Eixample hätte bauen sollen

    Plaça de Rovira i Trias, 08024 Barcelona, Spain

    Auf einer Bank sitzt ein Mann aus Bronze und schaut nachdenklich vor sich hin. Folg seinem Blick nach unten: Ins Pflaster sind Linien eingelassen, ein Stadtplan, der strahlenförmig von einem Zentrum ausgeht. Das ist Antoni Rovira i Trias, und das ist die Stadt, die er Barcelona schenken wollte.

    Mitte des 19. Jahrhunderts erstickte Barcelona hinter seinen mittelalterlichen Mauern. Als sie endlich fallen durften, schrieb die Stadt 1859 einen Wettbewerb für die Erweiterung aus, die Eixample. Rovira i Trias, ein Architekt aus Barcelona und damals ein angesehener Mann, gewann ihn mit einem Plan, der wie ein Fächer von der Altstadt ausging, mit großen Boulevards und Plätzen.

    Doch dann kam Madrid. Die Zentralregierung entschied sich für einen anderen Entwurf, den Plan des Ingenieurs Ildefons Cerdà, ein riesiges, gleichmäßiges Raster mit abgeschrägten Ecken. Das ist die Eixample, die du heute kennst, mit dem Passeig de Gràcia und den Häuserblöcken, die von oben aussehen wie Waffeln. In Barcelona empfanden viele das als Einmischung von oben, und Rovira i Trias blieb der Mann, der gewonnen hatte und trotzdem verlor.

    Aber er hat seine Spuren hinterlassen. Den Glockenturm auf der Plaça de la Vila, an dem du vorhin standest, hat er entworfen, und unten in der Stadt den großen eisernen Mercat de Sant Antoni. Und hier in Gràcia hat man ihm diesen Platz gewidmet, mit einem Denkmal, das kein Held auf einem Sockel ist, sondern ein Nachbar auf einer Bank, der über seinen Traum nachdenkt.

    Setz dich ruhig neben ihn, das machen alle. Und wenn du auf den Plan im Boden schaust, stell dir vor, wie anders Barcelona aussehen könnte, mit Fächern statt Rastern. Jetzt wird es steiler: Geh weiter nach Norden bis zur Travessera de Dalt und dann hinüber zur Carrer de Larrard, der Straße, die direkt zum Park Güell hinaufführt.

  9. 9. Carrer de Larrard: Aufstieg zur Muntanya Pelada

    Carrer de Larrard, 08024 Barcelona, Spain

    Die Straße steigt an, und du merkst es in den Waden. Links und rechts Läden mit Postkarten und Wasserflaschen, über dir ein Streifen Himmel, und ganz oben, am Ende der Steigung, ahnst du schon Bäume und eine Mauer mit bunten Medaillons. Die Carrer de Larrard ist der klassische Weg hinauf zum Park Güell, und die meisten gehen sie, ohne zu wissen, wem sie den Namen verdankt.

    Als Eusebi Güell um 1899 dieses Gelände kaufte, sah der Hügel ganz anders aus. Die Leute nannten ihn Muntanya Pelada, den kahlen Berg: trockene Hänge, Steine und ein altes Landhaus, die Casa Larrard, nach der diese Straße heißt. Kein Ort, an dem man eine Zukunft vermutet hätte. Güell aber sah etwas anderes.

    Güell war Textilindustrieller, einer der reichsten Männer Kataloniens, und vor allem Gaudís großer Förderer. Er kannte England gut und bewunderte die Idee der Gartenstadt: Wohnen im Grünen, mit Luft und Licht, fern vom Rauch der Fabriken. Auf diesem Hügel sollte eine solche Siedlung entstehen, für wohlhabende Familien, mit rund sechzig Grundstücken, Wegen, einem Markt und einem großen Platz. Er nannte sie Park Güell, mit englischem k, weil er an das englische Vorbild dachte.

    Güell zog selbst in die Casa Larrard, die er umbauen ließ, und lebte dort bis zu seinem Tod 1918. Doch das Geschäft ging nicht auf. Der Hügel lag damals weit draußen, die Wege waren steil, die Bauregeln streng, und die Barceloniner mit Geld wohnten lieber in der neuen Eixample. Am Ende wurden nur zwei Häuser gebaut, und eines davon kaufte ausgerechnet Gaudí selbst.

    Heute würde man sich um diese Grundstücke reißen, mit Blick über die ganze Stadt bis zum Meer. Damals wollte sie niemand, und genau deshalb gehört der Park jetzt allen. Geh weiter bergauf bis zum Ende der Straße und dann rechts an der Mauer entlang, bis zu zwei Häuschen mit Dächern, die aussehen wie mit Zuckerguss überzogen.

  10. 10. Park Güell: Pförtnerhäuser, Drache und die Halle der hundert Säulen

    Carrer d'Olot 5, 08024 Barcelona, Spain

    Zwei Häuschen rahmen das Tor, mit welligen Dächern aus Bruchkeramik, weißen Kuppeln und Türmchen, die wie Pilze aussehen. Vor dir steigt eine doppelte Freitreppe an, und mitten darauf liegt ein bunter Drache aus Kachelscherben, der Wasser speit und geduldig für tausend Fotos pro Stunde stillhält. Willkommen im Park Güell.

    Eines der Häuschen war für den Pförtner gedacht, das andere als Empfang für Besucher. Man sagt, Gaudí habe sich von Humperdincks Oper Hänsel und Gretel inspirieren lassen, und wenn du die Dächer ansiehst, glaubst du das sofort. Ob es wirklich stimmt, ist nicht sicher belegt. Aber ein Pfefferkuchenhaus am Eingang einer Gartenstadt, das wäre ganz nach Gaudís Geschmack gewesen.

    Die Treppe führt hinauf zu einer Halle mit Dutzenden dorischer Säulen, ein ganzer Wald aus Stein. Hier sollte der Markt der Siedlung stattfinden. Die Säulen sind nicht nur Dekoration: Sie tragen den großen Platz darüber, und durch einige von ihnen läuft das Regenwasser in eine Zisterne unter der Treppe. Der Drache ist also, wenn man so will, auch ein Teil der Wasserleitung.

    Oben auf dem Platz windet sich die berühmte lange Bank um den Rand wie eine Schlange, bedeckt mit Scherben aus Keramik und Glas. Viele dieser Mosaike stammen von Josep Maria Jujol, demselben Jujol, dessen Brunnen auf der Plaça d'Espanya steht. Er setzte Bruchstücke von Tellern, Flaschen und Fliesen zusammen und kratzte manchmal sogar kleine Zeichen und Worte hinein. Schau genau hin, und du findest Muster, die aussehen wie Sterne, Blumen oder Gesichter.

    1922 kaufte die Stadt Barcelona den Park von der Familie Güell, und wenige Jahre später wurde er als öffentlicher Park eröffnet. Aus der Gartenstadt für Reiche wurde ein Garten für alle, und seit 1984 gehört er zum UNESCO-Welterbe. Zum Schluss geh noch ein kleines Stück weiter, an der Säulenhalle vorbei, zu einem rosafarbenen Haus mit einem spitzen Turm. Dort hat der Mann gewohnt, der all das erdacht hat.

  11. 11. Casa-Museu Gaudí: Das Haus, in dem Gaudí zwanzig Jahre lebte

    Carretera del Carmel 23A, 08024 Barcelona, Spain

    Ein rosafarbenes Haus, umgeben von Bäumen, und darauf ein schlanker, spitzer Turm. Es sieht freundlich aus, beinahe bescheiden, verglichen mit dem Drachen und den Mosaiken weiter unten. Und genau das passt zu dem Mann, der hier gewohnt hat.

    Gebaut hat das Haus nicht Gaudí selbst, sondern sein treuer Mitarbeiter Francesc Berenguer, derselbe Berenguer, der den Mercat de la Llibertat entworfen hat. Es sollte ein Musterhaus sein, damit Kaufinteressenten sehen konnten, wie schön man in der Gartenstadt wohnen würde. Nur kam niemand. Also kaufte Gaudí es 1906 selbst und zog mit seinem alten Vater und seiner Nichte ein.

    Glück brachte ihm das Haus nicht nur. Sein Vater starb noch im selben Jahr, die Nichte einige Jahre später. Gaudí blieb, immer einsamer, immer frommer, und widmete sich fast nur noch einem Werk: der Sagrada Família. Ende 1925 zog er ganz in seine Werkstatt auf der Baustelle. Im Juni 1926 wurde er auf dem Weg zur Kirche von einer Straßenbahn erfasst und starb wenige Tage später, so ärmlich gekleidet, dass man ihn zunächst für einen Bettler hielt.

    Seit 1963 ist das Haus ein Museum. Drinnen findest du Möbel, die Gaudí für andere Häuser entworfen hat, geschwungene Stühle und Bänke, die sich an den Körper schmiegen, und sein schlichtes Schlafzimmer mit einem einfachen Bett. Ein Mann, der Paläste für die Reichsten der Stadt baute, lebte selbst wie ein Mönch, umgeben von einem Park, der eigentlich niemandem gefallen wollte.

    Und damit endet dein Spaziergang. Du bist vom Marmorhaus am Passeig de Gràcia durch ein Dorf gegangen, das nie Teil der Stadt sein wollte, über Plätze voller Revolutionen, Romane und vergessener Pläne, bis hinauf auf den kahlen Berg, der zum Garten wurde. Wenn du noch Kraft hast, steig zum höchsten Punkt des Parks hinauf, dem Hügel der drei Kreuze. Von dort liegt Barcelona dir zu Füßen, von Gràcia bis zum Meer.