Amsterdams Jüdisches Viertel und die Plantage: Synagogen, Widerstand und Erinnerung

Vom Kaufmannspalast der De Pintos über die Portugiesische Synagoge von 1675 und den Dokwerker bis zur Hollandsche Schouwburg und dem Spiegelmonument im Wertheimpark: ein Spaziergang durch Blüte, Verfolgung und Gedenken in Amsterdam

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  1. 1. Huis de Pinto: Der Palast der portugiesischen Kaufleute

    Sint Antoniesbreestraat 69, 1011 HB Amsterdam, Netherlands

    Bleib auf der Sint Antoniesbreestraat vor dem hellen, streng gegliederten Haus mit der Nummer 69 stehen: glatte Fassade, flache Pilaster, oben eine Balustrade, als hätte sich ein italienischer Palazzo zwischen die Amsterdamer Backsteingiebel verirrt. Das ist das Huis de Pinto, und mit ihm beginnt dein Weg durch das alte jüdische Viertel Amsterdams.

    Die Familie De Pinto kam nicht freiwillig hierher. Ihre Vorfahren waren portugiesische Juden, die vor der Inquisition fliehen mussten, über Frankreich und Antwerpen, bis sie in Amsterdam landeten, einer Stadt, die sich für Handel mehr interessierte als für Glaubensfragen. 1651 kaufte Isaack de Pinto das Haus, das schon 1605 gebaut worden war. Sein Sohn David ließ es ab 1686 gründlich umbauen und gab ihm diese vornehme Front. Den Entwurf schreibt man Elias Bouman zu... merk dir den Namen, er begegnet dir auf diesem Weg noch einmal.

    Die De Pintos gehörten zu den reichsten Familien der Stadt, Bankiers und Kaufleute mit Verbindungen bis in die Kolonien. Drinnen flattern an den Decken bis heute gemalte Vögel durch goldene Ranken, ein Luxus, den man von der Straße aus nicht ahnt. Und ein späterer Isaac de Pinto, der in diesem Haus aufwuchs, wurde im 18. Jahrhundert ein Ökonom, über dessen Schriften zu Kredit und Staatsschulden man in ganz Europa stritt.

    Dass das Haus noch steht, ist fast ein kleines Wunder. Im 20. Jahrhundert sollte eine breite Verkehrsschneise durch das alte Viertel geschlagen werden, und das Huis de Pinto stand im Weg. Anwohner wehrten sich, die Pläne fielen, 1975 wurde das Haus restauriert. Danach war es fast vierzig Jahre lang eine öffentliche Bibliothek, bis 2012. Wer hier Bücher auslieh, las unter den Deckengemälden eines Bankiers aus dem Goldenen Zeitalter.

    Behalte für den ganzen Spaziergang einen Gedanken im Kopf: Dieses Viertel nannten die Amsterdamer jahrhundertelang einfach die Jodenhoek, die Judenecke. Hier begann jüdisches Leben in einer Freiheit, wie es sie in Europa sonst kaum gab... und hier endete es zwischen 1940 und 1945 fast vollständig. Geh jetzt die Straße hinunter nach Süden, über die Schleusenbrücke, und folge dann der Zwanenburgwal bis an die Amstel.

  2. 2. Monument Joods Verzet und Spinoza an der Amstel

    Amstel 1 (Ecke Zwanenburgwal), 1011 PN Amsterdam, Netherlands

    Am Ufer der Amstel, dort, wo die Zwanenburgwal in den Fluss mündet, steht eine schwarze Granitsäule mit steinernen Tafeln, schlicht und fast unscheinbar neben dem riesigen Bau aus Rathaus und Oper, den die Amsterdamer Stopera nennen. Die niederländische Inschrift erinnert an den Widerstand der jüdischen Bürger, die zwischen 1940 und 1945 gefallen sind.

    Dieses Denkmal widerspricht einem bequemen Bild. Lange wurde die Geschichte so erzählt, als hätten Juden die Verfolgung nur erlitten. Doch jüdische Amsterdamer kämpften: Sie fälschten Papiere, versteckten Kinder, schlossen sich Widerstandsgruppen an, und viele bezahlten dafür mit dem Leben. Enthüllt wurde die Säule erst im Oktober 1988, mehr als vierzig Jahre nach dem Krieg... so lange dauerte es, bis diese Geschichte einen eigenen Stein bekam.

    Schau dich um. Wo heute die Stopera steht, lag einst die Insel Vlooienburg, ein dichtes Gewirr aus Gassen, Werften und Hinterhöfen, in dem sich seit dem 17. Jahrhundert jüdische Familien niederließen. Hier richteten die portugiesischen Juden ihre ersten Betsäle ein, versteckt in gewöhnlichen Wohnhäusern, lange bevor sie es wagten, prächtige Synagogen zu bauen. Im Hungerwinter 1944 auf 1945 rissen frierende Menschen Holz aus den leeren Häusern der Deportierten, Dielen, Treppen, Türrahmen, nur um heizen zu können. In den Jahrzehnten danach verschwand vom alten Viertel vieles unter Abrissbaggern und Neubauten.

    Ein paar Schritte weiter am Wasser steht ein Mann aus Bronze in einem weiten Mantel, auf dem Vögel und Pflanzen wachsen: Baruch de Spinoza. Er wurde 1632 hier in der Gegend geboren, als Sohn portugiesisch-jüdischer Kaufleute, und lernte in der Schule der Gemeinde Hebräisch und die Schriften. 1656 belegte ihn seine eigene Gemeinde mit dem Bann, dem Cherem, wegen seiner Gedanken über Gott und Natur. Ausgerechnet der Ausgestoßene wurde einer der einflussreichsten Philosophen Europas, und Goethe las ihn später mit Begeisterung.

    Freiheit und Ausgrenzung, Blüte und Zerstörung, das liegt in diesem Viertel immer dicht beieinander. Geh jetzt an der Stopera vorbei auf den Waterlooplein mit seinen Marktständen, bis zu der großen hellen Kirche mit den zwei Türmen.

  3. 3. Mozes en Aäronkerk und der Waterlooplein

    Waterlooplein 205, 1011 PG Amsterdam, Netherlands

    Vor dir erhebt sich eine Kirche, die aussieht wie ein antiker Tempel: helle Säulen, ein Dreiecksgiebel, darüber zwei Türme. Und ausgerechnet diese katholische Kirche mitten im alten jüdischen Viertel trägt die Namen zweier Gestalten der hebräischen Bibel: Mozes en Aäron, Mose und Aaron.

    Der Name ist älter als das Gebäude. Nach der Reformation durften Katholiken in Amsterdam lange keine öffentlichen Gottesdienste feiern, also trafen sie sich in versteckten Hauskirchen. Eine davon lag in einem Haus, das an der Fassade Giebelsteine mit Mose und Aaron trug, und von dort hat die Gemeinde ihren Namen. Die heutige Kirche wurde erst 1841 fertig, als Katholiken längst wieder sichtbar beten durften.

    Jetzt dreh dich zum Waterlooplein um. Bis 1882 floss hier Wasser, die Houtgracht und die Leprozengracht. Dann wurden die Kanäle zugeschüttet, und auf dem neuen Platz entstand ein Markt, der zum lautesten Ort der Jodenhoek wurde. Händler riefen Stoffe, alte Kleider, Eisenwaren und Fisch aus. Am Freitagnachmittag wurde es besonders hektisch, denn vor Sonnenuntergang und dem Beginn des Schabbat musste alles verkauft und eingepackt sein. Arm war das Viertel, eng und überfüllt, aber voller Witz, und viele Wörter von damals stecken bis heute im Amsterdamer Dialekt: mazzel für Glück, mesjogge für verrückt, und Mokum, vom hebräischen Wort für Ort, der liebevolle Spitzname der ganzen Stadt.

    Im Februar 1941 ließen die deutschen Besatzer das Viertel abriegeln. Brücken wurden hochgezogen, Schilder mit der Aufschrift Joodsche Wijk aufgestellt. Schritt für Schritt drängte man jüdische Händler aus dem Wirtschaftsleben, verbot ihnen Berufe, Parks, Straßenbahnen. Als der Krieg vorbei war, gab es die Welt, die diesen Markt getragen hatte, nicht mehr. Nur wenige der früheren Händler kehrten zurück, andere übernahmen die Stände, und der Markt lebte weiter, als hätte er sein Gedächtnis verloren.

    Heute ist der Waterlooplein ein Flohmarkt mit alten Schallplatten, Lederjacken und Kuriositäten... und, ohne dass es die meisten merken, ein Stück Erinnerung. Geh jetzt über den Platz nach Süden zur Nieuwe Amstelstraat, zu dem Ensemble aus Backsteinbauten, in dem einst vier Synagogen standen.

  4. 4. Jüdisches Museum: Vier Synagogen der Aschkenasim

    Nieuwe Amstelstraat 1, 1011 PL Amsterdam, Netherlands

    Vor dir stehen mehrere Backsteinbauten, die zu einem einzigen Museum zusammengewachsen sind: die Große Synagoge von 1671 und daneben ihre jüngeren Schwestern, bis hin zur Neuen Synagoge von 1752 mit ihrer Kuppel und den hohen Säulen. Von außen kannst du noch erkennen, wie die Häuser einzeln gewachsen sind, eins nach dem anderen.

    Hier beteten die Aschkenasim, die Juden aus Mittel- und Osteuropa. Viele kamen aus deutschen Ländern und aus Polen, sprachen Jiddisch und waren meist deutlich ärmer als die portugiesischen Juden auf der anderen Seite des Platzes. Die Portugiesen nannten sie mitunter etwas herablassend Tudescos, Deutsche, ganz gleich, ob sie aus Hamburg, Frankfurt oder Krakau kamen. Die beiden Gemeinden lebten Tür an Tür und doch in getrennten Welten, mit eigenen Synagogen, eigenen Friedhöfen, eigenen Melodien. Und die Große Synagoge war 1671 fertig, vier Jahre bevor die Portugiesen ihren Prachtbau einweihten.

    Im Krieg wurden die Gemeinden zerschlagen und die Synagogen geplündert. Nach 1945 standen die Gebäude leer und beschädigt, und es gab keine Gemeinde mehr, die sie hätte füllen können. Jahrzehntelang verfielen sie. Erst 1987 zog das Jüdische Museum hier ein, das schon 1932 gegründet worden war und dessen Sammlung die Besatzer zu großen Teilen geraubt hatten. Manche Ritualgegenstände tauchten erst Jahre später wieder auf, in Depots, bei Händlern, auf Auktionen, viele aber nie.

    Drinnen steht in der Großen Synagoge noch der marmorne Toraschrein, und bei Bauarbeiten kam ein altes rituelles Tauchbad ans Licht, eine Mikwe. Doch das Museum erzählt nicht nur vom Tod. Es erzählt vom Leben: von Diamantschleifern und Straßenhändlern, von Gemeinden auf dem Land, von Hochzeiten, Feiertagen und Familienrezepten, von Menschen, die Amsterdam mitgeprägt haben. Und es gibt ein eigenes Kindermuseum, in dem Kinder jüdischen Alltag mit allen Sinnen entdecken können.

    Zusammen mit der Portugiesischen Synagoge und dem neuen Holocaust-Museum bildet das Museum heute das Jüdische Kulturviertel der Stadt. Geh jetzt hinüber zu dem mächtigen Backsteinbau mit den hohen Bogenfenstern, auf der anderen Seite des Jonas Daniël Meijerplein.

  5. 5. Portugiesische Synagoge: Tausend Kerzen seit 1675

    Mr. Visserplein 3, 1011 RD Amsterdam, Netherlands

    Hinter einer niedrigen Mauer und einem stillen Innenhof erhebt sich ein gewaltiger Backsteinkasten mit hohen Bogenfenstern: die Portugiesische Synagoge, die Esnoga. Als sie am 2. August 1675 eingeweiht wurde, galt sie als größte Synagoge der Welt, und halb Amsterdam kam, um zu staunen.

    Gebaut hat sie Elias Bouman, derselbe Baumeister, dem man die Fassade des Huis de Pinto zuschreibt, mit dem dein Weg begonnen hat. Die Sepharden, Nachfahren der aus Portugal und Spanien vertriebenen Juden, wollten zeigen, was sie in dieser Stadt geworden waren: wohlhabende, selbstbewusste Bürger, die sich nicht mehr verstecken mussten. Vier Jahre dauerte der Bau, von 1671 bis 1675. Und wie fast alles in Amsterdam ruht der Bau auf Holzpfählen im weichen Boden.

    Im großen Saal brennt bis heute kein elektrisches Licht. Vier riesige Messingleuchter tragen zusammen rund tausend Kerzen, und wenn sie bei besonderen Gottesdiensten alle brennen, sieht der Raum aus wie vor dreihundertfünfzig Jahren. Auf dem Holzboden liegt feiner Sand, der die Schritte dämpft und Schmutz und Feuchtigkeit aufnimmt. Der mächtige Toraschrein ist aus dunklem Jacarandaholz aus Brasilien geschnitzt, ein stummer Zeuge dafür, wie weit die Handelsnetze dieser Gemeinde reichten. Im Hof liegt außerdem die Bibliothek Ets Haim, gegründet 1616, die als älteste noch arbeitende jüdische Bibliothek der Welt gilt.

    Und das Erstaunlichste: Das Gebäude hat den Krieg fast unversehrt überstanden. Warum die Besatzer es nicht plünderten und zerstörten, ist bis heute nicht ganz geklärt. Doch die Gemeinde, die es füllte, wurde zum größten Teil ermordet. Ein Haus, das stehen blieb, während seine Menschen verschwanden... vielleicht ist das das stillste Mahnmal im ganzen Viertel. Nach dem Krieg haben die Überlebenden es wieder geöffnet, und es wird bis heute genutzt. Im Winter, wenn sich der große Saal kaum heizen lässt, weicht die Gemeinde in die kleinere Wintersynagoge im Hof aus.

    Geh jetzt ein Stück die Weesperstraat hinunter nach Süden. Nach knapp zweihundert Metern siehst du ein Labyrinth aus rotbraunen Ziegelmauern, auf denen spiegelnde Buchstaben glänzen.

  6. 6. Nationales Holocaust-Namensdenkmal

    Weesperstraat, 1018 DN Amsterdam, Netherlands

    Zwischen den Ziegelmauern dieses Labyrinths wird es plötzlich still, obwohl nebenan auf der Weesperstraat der Verkehr rauscht. Geh hinein und schau dir einen einzelnen Stein genau an: Darauf stehen ein Name, ein Geburtsdatum und ein Alter.

    Das Nationale Holocaust-Namensdenkmal trägt mehr als 102.000 solcher Steine, einen für jede Jüdin und jeden Juden aus den Niederlanden, die im Holocaust ermordet wurden. Entworfen hat es Daniel Libeskind, der Sohn polnisch-jüdischer Überlebender. Im September 2021 hat König Willem-Alexander es eröffnet. Bis dahin gab es im ganzen Land keinen Ort, an dem all diese Namen gemeinsam standen. Weil die Namen alphabetisch geordnet sind, stehen ganze Familien Stein an Stein nebeneinander, Eltern, Kinder, Großeltern.

    Von oben betrachtet formen die Mauern vier hebräische Buchstaben, die zusammen ein Wort ergeben: zum Gedenken. Oben auf den Wänden glänzen diese Buchstaben aus spiegelndem Edelstahl, und wenn du hineinschaust, siehst du dich selbst zwischen den Namen. Lies die Altersangaben. Manche Steine gehören Säuglingen, die nicht einmal ein Jahr alt wurden, andere Menschen, die über neunzig waren.

    Um dieses Denkmal ist lange gerungen worden, über den Ort, die Größe, die Kosten. Anwohner zogen sogar vor Gericht, und erst ein Urteil machte den Weg frei. Angestoßen hatte es das Niederländische Auschwitz Komitee, dessen Vorsitzender Jacques Grishaver sich jahrelang dafür einsetzte. Tausende Menschen adoptierten einen Namen, mit einer kleinen Spende für jeweils einen Stein, und haben das Denkmal so mitgetragen. Viele Familien, die hier einen Stein berühren, haben nie ein Grab gehabt, an dem sie trauern konnten. Für sie ist dieser Stein das Grab.

    Jeder Name hier war ein Mensch mit einer Adresse, mit Nachbarn, mit einem Lieblingsweg zur Arbeit, und viele dieser Adressen liegen nur ein paar Straßen entfernt. Geh jetzt zurück nach Norden zum großen Platz zwischen den Synagogen, wo ein Mann aus Bronze breitbeinig auf seinem Sockel steht.

  7. 7. De Dokwerker: Der Februarstreik von 1941

    Jonas Daniël Meijerplein, 1011 RH Amsterdam, Netherlands

    Auf dem Jonas Daniël Meijerplein steht ein Mann aus Bronze, breitbeinig, die schweren Hände ein wenig vom Körper weg, den Kopf gereckt, als wolle er sagen: bis hierhin und nicht weiter. Das ist De Dokwerker, der Hafenarbeiter, und er erinnert an einen der mutigsten Tage in der Geschichte Amsterdams.

    Am 22. und 23. Februar 1941 trieben deutsche Polizisten genau auf diesem Platz jüdische Männer zusammen, rund vierhundert, die meisten zwischen achtzehn und fünfunddreißig Jahre alt. Sie wurden geschlagen, auf Lastwagen geladen und deportiert, über Schoorl nach Buchenwald und weiter nach Mauthausen. Fast keiner von ihnen kam zurück. Mindestens hundert von ihnen wurden, wie Historiker erst vor wenigen Jahren nachwiesen, im Schloss Hartheim bei Linz mit Gas ermordet. Vorausgegangen waren Straßenkämpfe im Viertel, und die Besatzer wollten ein Exempel statuieren.

    Die Antwort der Stadt kam zwei Tage später. Am 25. Februar 1941 legten Straßenbahnfahrer, Hafenarbeiter, Werftarbeiter und Büroangestellte die Arbeit nieder, aufgerufen von der verbotenen Kommunistischen Partei, deren Flugblätter in der Nacht vervielfältigt und an Fabriktoren verteilt worden waren. Die Trams blieben im Depot, Amsterdam stand still, und der Streik sprang auf Zaandam, Haarlem und Utrecht über. Das war der Februarstreik, der erste große öffentliche Protest gegen die Judenverfolgung im besetzten Europa.

    Nach zwei Tagen schlugen die Besatzer ihn brutal nieder, es gab Tote, Verhaftungen und später Hinrichtungen. Vergessen wurde er nie. Die Statue von Mari Andriessen enthüllte Königin Juliana im Dezember 1952, und jedes Jahr am 25. Februar versammeln sich hier Tausende zum Gedenken. Seit 1947 trägt Amsterdam außerdem drei Worte in seinem Wappen, verliehen von Königin Wilhelmina: Heldhaftig, Vastberaden, Barmhartig, heldenhaft, entschlossen, barmherzig.

    Wirf noch einen Blick auf den Namen des Platzes: Jonas Daniël Meijer wurde 1796 als erster Jude in den Niederlanden als Anwalt zugelassen. Geh jetzt nach Osten in die Plantage Middenlaan, die breite Allee unter den Bäumen, bis zum Tor des Botanischen Gartens auf der rechten Seite.

  8. 8. Hortus Botanicus: Die Kaffeepflanze, die die Welt eroberte

    Plantage Middenlaan 2a, 1018 DD Amsterdam, Netherlands

    Hinter dem schmiedeeisernen Tor an der Plantage Middenlaan beginnt eine andere Welt: Palmen hinter Glas, Teiche, alte Bäume und ein Gewächshaus mit drei Klimazonen. Nach den schweren Stationen eben darfst du hier einmal tief durchatmen. Der Hortus Botanicus ist einer der ältesten botanischen Gärten der Welt.

    Gegründet wurde er 1638 als Kräutergarten für Ärzte und Apotheker, in einer Zeit, in der die Pest immer wieder durch die Stadt zog und Heilpflanzen Leben retten konnten. 1682 zog er hierher in die Plantage, damals ein neues Viertel am Stadtrand mit Gärten und Ausflugslokalen. Dann brachten die Schiffe der Ostindien-Kompanie Samen und Setzlinge aus Asien, Afrika und Amerika mit, und der Garten wurde zu einem Labor der Welt.

    Die verrückteste Geschichte gehört einer Kaffeepflanze. 1706 kam ein Kaffeestrauch aus Java hierher und gedieh im Gewächshaus prächtig. 1714 schenkte die Stadt Amsterdam einen jungen Ableger dem französischen König Ludwig XIV. Von Frankreich aus gelangten Nachkommen dieser Pflanze in die Kolonien in Amerika, und so erzählt man es hier mit einigem Stolz: Ein großer Teil des Kaffees aus Mittel- und Südamerika stammt von diesem einen Amsterdamer Strauch ab. Deine nächste Tasse Kaffee hat also womöglich Vorfahren in der Plantage.

    Ein weiterer Star des Gartens ist ein Palmfarn aus Südafrika, ein Brotpalmfarn, der als über dreihundert Jahre alt gilt und zu den ältesten Topfpflanzen der Welt gezählt wird. Pflanzen wie er sehen aus, als hätten sie schon die Dinosaurier gekannt, und ihre Verwandten haben das tatsächlich.

    Und doch liegt auch dieser Garten mitten in der Geschichte des Viertels. Die Plantage war vor dem Krieg ein bürgerliches Wohnviertel mit vielen jüdischen Familien, Lehrern, Händlern, Diamantarbeitern. Viele von ihnen wurden deportiert, und manche Wohnungen rund um den Garten standen nach dem Krieg lange leer. Geh jetzt weiter die Plantage Middenlaan entlang, bis du auf der linken Seite ein Theater siehst, von dem nur noch die Fassade steht.

  9. 9. Hollandsche Schouwburg und Nationales Holocaust-Museum

    Plantage Middenlaan 27, 1018 DB Amsterdam, Netherlands

    Auf der einen Straßenseite siehst du die Fassade eines Theaters, dahinter einen Hof, über dem kein Dach mehr liegt. Auf der anderen Seite ein langes, nüchternes Schulgebäude. Zwischen diesen beiden Häusern, nur durch die Plantage Middenlaan getrennt, spielte sich eine der dunkelsten und zugleich mutigsten Geschichten Amsterdams ab.

    Die Hollandsche Schouwburg war seit 1892 ein beliebtes Theater. 1941 machten die Besatzer daraus die Joodsche Schouwburg, in der nur noch jüdische Künstler vor jüdischem Publikum auftreten durften. Ab Juli 1942 wurde sie zur Sammelstelle: Mehr als 46.000 Menschen wurden hier zusammengepfercht, oft tagelang, ehe man sie über die Lager Westerbork und Vught in den Tod schickte. Wo einst Operetten und Lustspiele liefen, lagen nun Menschen dicht an dicht auf dem Boden, mit Koffern, die sie in aller Eile selbst gepackt hatten. Heute ist der Ort eine Gedenkstätte, an einer Wand stehen die Familiennamen der Ermordeten.

    Kinder trennte man von ihren Eltern und brachte sie gegenüber in eine Kinderkrippe. Hier beginnt die Geschichte von Walter Süskind, einem deutschen Juden aus Lüdenscheid, der vor den Nazis nach Amsterdam geflohen war und nun im Auftrag des Jüdischen Rats die Schouwburg verwaltete. Mit der Leiterin der Krippe, Henriëtte Pimentel, und Johan van Hulst, dem Direktor der benachbarten Lehrerschule, schmuggelte er Kinder hinaus: in Wäschekörben, in Rucksäcken, durch den Schulgarten. Man erzählt, sie warteten, bis eine Straßenbahn vorbeifuhr und den Wachen für Sekunden die Sicht nahm.

    Fast sechshundert Kinder wurden so gerettet. Henriëtte Pimentel wurde in Auschwitz ermordet, Walter Süskind starb 1945, kurz vor Kriegsende. Johan van Hulst überlebte, wurde von Yad Vashem als Gerechter unter den Völkern geehrt und starb 2018 mit hundertsieben Jahren.

    In dieser Schule, der früheren Hervormde Kweekschool, wurde im März 2024 das Nationale Holocaust-Museum der Niederlande eröffnet. Es zeigt Briefe, Fotos und Alltagsdinge und erzählt, wie die Verfolgung Schritt für Schritt geschah, Verordnung um Verordnung. Geh jetzt weiter nach Osten, die Allee entlang, bis zum Zoo, dessen Tore schon seit fast zweihundert Jahren offen stehen.

  10. 10. Artis: Verstecke hinter dem Affenfelsen

    Plantage Kerklaan 38-40, 1018 CZ Amsterdam, Netherlands

    Hinter dem Zaun hörst du vielleicht schon Vogelrufe oder das Schnauben großer Tiere: Das ist Artis, der älteste Zoo der Niederlande, gegründet 1838. Über dem Eingang stehen die Worte Natura Artis Magistra, die Natur ist die Lehrmeisterin der Kunst, und die Amsterdamer haben sich einfach das Wort Artis gemerkt.

    Artis war von Anfang an mehr als ein Tierpark. Die drei Gründer wollten eine Gesellschaft für Wissenschaft und Bildung, mit Bibliothek, Museum und später einem Aquarium. Mitglieder flanierten sonntags zwischen den Gehegen, hörten Konzerte und bestaunten die Tiere, die Amsterdams Schiffe aus aller Welt mitbrachten. Lange kamen fast nur zahlende Mitglieder hinein, und die Mitgliedskarte war ein Statussymbol des Bürgertums. Das Aquariumgebäude von 1882 gehört bis heute zu den ältesten öffentlichen Aquarien der Welt.

    Im Krieg wurde der Zoo zu einem Versteck. Nach heutigen Schätzungen hielten sich über die Jahre rund hundertfünfzig Menschen hier verborgen: Juden, Widerstandskämpfer, junge Männer, die nicht zur Zwangsarbeit nach Deutschland wollten. Sie schliefen in Ställen, Lagerräumen und zwischen Futtervorräten. Ein Tierpfleger erzählte später, wie er bei einer Razzia jüdische Nachbarn zum Affenfelsen brachte und ein Brett über das Wasser legte. Dass dort Menschen saßen, ahnten die Deutschen nicht.

    Und das mitten zwischen zwei Polen der Besatzung: auf der einen Seite die Hollandsche Schouwburg, auf der anderen das Gebäude des heutigen Tropenmuseums, in dem deutsche Polizei untergebracht war. Mut sah hier manchmal ganz unscheinbar aus, wie ein Tierpfleger mit einem Brett unter dem Arm. Auch die Tiere litten: Im Hungerwinter 1944 auf 1945 fehlte das Futter, und die Pfleger kämpften um jedes Gehege.

    Heute ist Artis wieder ein Ort für Familien, und kaum ein Besucher ahnt, was am Affenfelsen geschah. Wenn du an den alten Ställen vorbeigehst, denk daran, dass jeder Schuppen damals auch ein Versteck sein konnte. Geh jetzt zum Haupteingang an der Plantage Kerklaan. Fast direkt gegenüber steht ein Gebäude mit Säulen und dem stolzen Namen Plancius.

  11. 11. Verzetsmuseum im Plancius-Gebäude

    Plantage Kerklaan 61A, 1018 CX Amsterdam, Netherlands

    Vor dir steht ein Bau mit Säulen und einer großen Inschrift: Plancius. Man könnte eine Bank dahinter vermuten oder einen Konzertsaal, und das Zweite liegt gar nicht so falsch. 1876 ließ der jüdische Gesangverein Oefening Baart Kunst, Übung macht Kunst, das Haus als Vereinsgebäude errichten, mit einem Saal für über tausend Menschen.

    Hier wurde gesungen, gefeiert und getanzt, es gab Konzerte und auch Gottesdienste. Das Gebäude erzählt vom jüdischen Bürgertum der Plantage, das sich vor dem Krieg ganz selbstverständlich als Teil Amsterdams fühlte. Den Namen Plancius übernahm der Verein von einem älteren Haus an dieser Stelle; er erinnert an Petrus Plancius, den Theologen und Kartografen, der die ersten niederländischen Fahrten nach Ostindien mit Karten versorgte. Seit 1999 ist hier das Verzetsmuseum zu Hause, das Museum des Widerstands.

    Es stellt eine Frage, die einfacher klingt, als sie ist: Was hättest du getan? Die Ausstellung zeigt, dass die meisten Menschen im besetzten Amsterdam weder Helden noch Verräter waren, sondern sich anpassten, abwarteten, wegschauten. Und sie zeigt die wenigen, die etwas wagten: Fälscher von Ausweisen und Lebensmittelkarten, Drucker von Untergrundzeitungen, Familien, die Untergetauchte in Hinterzimmern und auf Dachböden versorgten, oft monatelang, mit der Angst vor jedem Klingeln. Auch der Februarstreik, den du am Dokwerker kennengelernt hast, hat hier seinen Platz.

    Eine der kühnsten Taten geschah im März 1943, nur wenige Schritte von hier an der Plantage Kerklaan. Widerstandskämpfer, darunter der Bildhauer Gerrit van der Veen und der Künstler Willem Arondeus, verkleideten sich als Polizisten und legten Feuer im Amsterdamer Melderegister, um die Karteikarten zu vernichten, mit denen die Besatzer Juden und Untergetauchte aufspürten. Der Brand zerstörte nur einen Teil, und die meisten Beteiligten wurden gefasst und erschossen. Arondeus, der offen schwul lebte, soll vor seiner Hinrichtung gesagt haben, man solle wissen, dass Homosexuelle keine Feiglinge seien.

    Wenn du später zurückkommst, nimm dir Zeit für dieses Museum. Jetzt aber geh die Plantage Parklaan nach Westen, zu einem stillen Park am Wasser. Dort endet dein Weg.

  12. 12. Wertheimpark: Nooit meer Auschwitz

    Plantage Parklaan, 1018 ST Amsterdam, Netherlands

    Zwischen alten Bäumen, gleich am Wasser der Nieuwe Herengracht, liegen sechs große Glasplatten flach auf dem Boden, zersprungen und spiegelnd. Ringsum stehen hohe Bäume und Bänke, und auf der Gracht gleiten Boote vorbei, als wüssten sie von nichts. Tritt nah heran und schau hinein: Du siehst den Himmel, aber in Scherben.

    Das ist das Auschwitz-Denkmal des Schriftstellers und Künstlers Jan Wolkers, 1993 hierher in den Wertheimpark versetzt und erweitert. Im Glas stehen die Worte Nooit meer Auschwitz, nie wieder Auschwitz. Wolkers sagte, die zerbrochenen Spiegel bedeuteten, dass der Himmel nach Auschwitz nie wieder unversehrt sein werde. Unter dem Denkmal liegt eine Urne mit Asche, die bei einer internationalen Gedenkfeier in Auschwitz-Birkenau gesammelt wurde. Oft liegen Blumen am Rand des Glases, manchmal auch kleine Steine, wie man sie auf jüdische Gräber legt.

    Der Park selbst trägt den Namen von Abraham Carel Wertheim, einem jüdischen Bankier und Philanthropen des 19. Jahrhunderts, der Krankenhäuser, Schulen und Hilfsvereine förderte und zu den einflussreichsten Bürgern der Stadt gehörte. Er steht für ein Amsterdam, in dem jüdische Bürger die Stadt mitgestalten konnten, wie es anderswo in Europa kaum möglich war.

    Jedes Jahr Ende Januar, rund um den Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, kommen hier Überlebende, Nachfahren, Schulklassen und Politiker zusammen. Von den rund achtzigtausend Juden, die vor dem Krieg in Amsterdam lebten, wurden die meisten ermordet. Unter ihnen waren auch viele Deutsche, die nach 1933 hierher geflohen waren, in der Hoffnung, in Amsterdam sicher zu sein. Die Familie Frank kam aus Frankfurt am Main, und Annes Geschichte, die die Welt aus ihrem Tagebuch kennt, begann als Geschichte einer Flucht.

    Du bist am Ende dieses Weges angekommen, vom prachtvollen Haus der De Pintos bis zu diesem Himmel aus Scherben. Bleib noch einen Moment und hör auf die Stille unter den Bäumen. Dann geh hinaus in eine Stadt, die heldenhaft, entschlossen und barmherzig in ihrem Wappen trägt... und nimm die Namen mit, die du heute gehört hast.