Wien mit vollem Mund: Vom Schwedenplatz zum Naschmarkt
Eis, Schnitzel, Brötchen, Würstel und drei legendäre Kaffeehäuser: ein genussvoller Spaziergang durch die Wiener Küche, vom alten Mehlmarkt bis zum Flohmarkt an der Kettenbrückengasse
Vienna · 10 stops · 27 min audio · Generated
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1. Schwedenplatz & der Eissalon von 1886
Franz-Josefs-Kai 17, 1010 Wien, Austria
Stell dich an den Rand des Schwedenplatzes, den Donaukanal im Rücken, und schau auf die Ecke, an der sich im Sommer eine Schlange quer über den Gehsteig zieht. Dort, wo die Rotenturmstraße hinauf in die Innere Stadt führt, wird seit 1886 Eis verkauft... und die Wiener stehen dafür an, als ginge es um Opernkarten.
Der Eissalon am Schwedenplatz gehört zu den ältesten Eisgeschäften der Stadt, gegründet von Eismachern aus Norditalien. Das ist kein Zufall. Aus den Bergtälern um Belluno, aus dem Zoldo und dem Cadore, zogen im 19. Jahrhundert ganze Familien als Gelatieri über die Alpen, nach Wien, Prag oder Budapest. Viele fuhren im Winter heim und kamen im Frühling mit ihren Rezepten zurück. Manche Wiener erkennen den Frühling bis heute nicht am Kalender, sondern daran, dass am Schwedenplatz die Rollläden wieder oben sind.
Und der Platz selbst? Sein Name ist ein Dankeschön aus Hungerzeiten. Nach dem Ersten Weltkrieg war Wien eine ausgezehrte Hauptstadt ohne Reich, Kinder waren unterernährt, Milch und Fett kaum zu bekommen. Hilfsorganisationen aus Schweden schickten Lebensmittel und holten Wiener Kinder zum Aufpäppeln in den Norden. 1919 bekam der Platz am Kai deshalb seinen Namen. Wer hier ein Eis schleckt, steht also auf einem Denkmal für ein Stück Brot.
Ein kleiner Wiener Trick: Beobachte die Leute in der Schlange. Wer zum ersten Mal da ist, bestellt drei Kugeln in leuchtenden Farben. Die Stammgäste nehmen oft ganz unaufgeregt Vanille oder Schokolade, weil man an der einfachsten Sorte erkennt, ob jemand sein Handwerk beherrscht. Und kaum jemand isst sein Eis im Sitzen... das Eis vom Schwedenplatz wird gegangen, den Kai entlang oder hinauf in die Stadt.
Genau das machen wir jetzt auch. Dieser Spaziergang führt einmal quer durch den Wiener Magen, vom Eis über Schnitzel, Brötchen und Würstel bis zu drei Kaffeehäusern und einem Markt, der über einem Fluss liegt. Geh die Rotenturmstraße hinauf Richtung Stephansdom und bieg links in die Wollzeile ein. Dort, in einem schmalen Durchgang, wartet ein Schnitzel, das über den Tellerrand hängt.
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2. Figlmüller: Das Schnitzel über dem Tellerrand
Wollzeile 5, 1010 Wien, Austria
Bleib vor dem schmalen Durchhaus in der Wollzeile stehen, das hinüber zur Bäckerstraße führt. Es riecht nach heißem Fett und Zitrone, und durch die Fenster siehst du Teller, auf denen etwas Goldbraunes liegt, das an allen Seiten über den Rand hängt.
Das ist der Figlmüller. 1905 eröffnete Johann Figlmüller hier eine kleine Weinschenke, und mit der Zeit wurde das Schnitzel zur Hauptsache. Es wird so dünn geklopft, dass es am Ende größer ist als der Teller, gut dreißig Zentimeter. In der Pfanne wirft die Panier kleine Wellen, sie souffliert, wie man in Wiener Küchen sagt. Gebraten wird in reichlich heißem Fett, damit die Panier Platz zum Aufgehen hat, und ein gutes Schnitzel kommt trotzdem trocken auf den Teller, nicht triefend. Eine gute Panier liegt locker auf dem Fleisch wie ein zu großes Sakko, sie klebt nicht daran fest.
Jetzt kommt die Wiener Spitzfindigkeit. Ein echtes Wiener Schnitzel ist nach dem österreichischen Lebensmittelbuch immer vom Kalb. Das berühmte Schnitzel hier ist traditionell vom Schwein, und so etwas heißt korrekt Schnitzel Wiener Art. Kein Wiener nimmt das übel, aber jeder Wiener weiß es. Dazu gehört Erdäpfelsalat, lauwarm, mit Essig, Zwiebel und einem Hauch Senf... und eine Zitronenspalte, niemals eine Sauce. Und es heißt Erdäpfel, nicht Kartoffeln, auch das gehört zum Ritual.
Und dann ist da die Legende. Feldmarschall Radetzky soll das Rezept 1857 aus Mailand mitgebracht haben, abgeschaut von der Cotoletta alla milanese. Eine schöne Geschichte, nur taucht sie in den Quellen erst im 20. Jahrhundert auf, und Sprachforscher halten sie für erfunden. Paniertes kannten Wiener Kochbücher schon viel früher, denk nur an das Backhendl. Wer zuerst paniert hat, Mailand oder Wien, darüber wird in beiden Städten bis heute mit vollem Mund gestritten.
Wirf beim Weitergehen noch einen Blick in die Bäckerstraße am anderen Ende des Durchgangs, ihr Name erinnert an die Bäcker, die hier schon im Mittelalter arbeiteten. Dann geh die Wollzeile zurück zum Stephansplatz, weiter über den Graben und rechts in die Bognergasse. Dort wartet ein Haus, das schon Gewürze verkaufte, als Wien noch von Stadtmauern umgeben war.
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3. Zum Schwarzen Kameel: Gewürze seit 1618
Bognergasse 5, 1010 Wien, Austria
Schau auf die dunkle, elegante Fassade in der Bognergasse, auf das Schild mit dem schwarzen Kamel und die Vitrinen dahinter. Mittags drängen sich hier Herren im Anzug und Damen mit Einkaufstaschen dicht an dicht und essen... Brötchen. Kleine belegte Brötchen, im Stehen, mit einem Glas Wein in der anderen Hand.
Zum Schwarzen Kameel gibt es seit 1618. Gegründet hat es ein Gewürzhändler namens Johann Baptist Cameel, und aus seinem Familiennamen wurde mit einem Augenzwinkern das Kamel auf dem Schild. Für einen Laden voller Pfeffer, Zimt und Muskat, die über Karawanenwege und Häfen nach Europa kamen, hätte man sich kein besseres Wappentier ausdenken können. 1618 ist übrigens das Jahr, in dem der Dreißigjährige Krieg begann. Wien war eine Festung mit Mauern und Basteien, und Gewürze waren reiner Luxus. Man wog sie in kleinen Mengen ab, fast wie Medizin.
Aus dem Gewürzladen wurde über die Jahrhunderte ein Delikatessengeschäft, eine Weinhandlung, ein Restaurant. Um 1900 bekam das Haus das Gesicht, das du heute siehst, mit Jugendstil-Holz, Messing und Kacheln. Man kommt aber nicht wegen eines großen Menüs hierher, sondern wegen einer sehr wienerischen Kunst: dem Brötchen. Ein Stück Weißbrot, darauf Beinschinken mit frisch geriebenem Kren oder ein bunter Aufstrich, gerade zwei Bissen groß. Am Tresen gilt dabei ein ungeschriebenes Gesetz: zügig bestellen, im Stehen essen, kurz plaudern und dann Platz machen für die Nächsten.
Der Kren, also der Meerrettich, ist Wiens heimliches Lieblingsgewürz. Er landet auf dem Schinken, als Apfelkren neben dem Tafelspitz und als Klecks neben dem Würstel. Ein Gewürzhändler von 1618 hätte sich gewundert: Die Wiener bewunderten das teure Gold aus dem Orient und machten dann doch eine scharfe Wurzel aus dem eigenen Garten zu ihrer Leidenschaft.
Wenn du gleich wieder am Graben bist, wirf einen Blick auf das Feinkosthaus von Julius Meinl an der Ecke zum Kohlmarkt, noch so ein Tempel der Wiener Genussgeschichte. Wir aber folgen dem Graben ein Stück zurück und biegen rechts in die Seilergasse ein. Am Ende öffnet sich ein langer, ruhiger Platz mit einem Brunnen, an dem früher Säcke voller Mehl gestapelt wurden.
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4. Neuer Markt: Der alte Mehlmarkt & der Donnerbrunnen
Neuer Markt, 1010 Wien, Austria
Tritt hinaus auf den Neuen Markt, diesen lang gestreckten Platz, und geh bis zum Brunnen in der Mitte. Rund um das Becken liegen und lehnen Figuren aus grünlichem Metall, Flüsse in Menschengestalt, und oben thront eine Frau mit ruhigem, fast gelangweiltem Blick.
Der Name ist ein schöner Wiener Witz, denn neu ist hier gar nichts. Der Markt wurde schon im Hochmittelalter angelegt, als zweiter großer Marktplatz der Stadt neben dem älteren Hohen Markt, deshalb neu. Jahrhundertelang hieß er im Volksmund aber anders, nämlich Mehlmarkt. Hier wurde Mehl gehandelt, und Mehl ist in Wien kein Nebendarsteller. Ohne Mehl keine Semmel, keine Knödel, kein Strudel und keine Mehlspeise, und Mehlspeise ist auf Wienerisch das Wort für fast alles Süße, vom Gugelhupf bis zur Torte.
Der Brunnen stammt von Georg Raphael Donner, einem der großen Bildhauer des österreichischen Barock, und wurde 1739 vollendet. In der Mitte sitzt die Providentia, die Vorsehung, um sie herum vier Flüsse des Landes: Enns, Ybbs, March und Traun. Donner ließ die Figuren aus Blei gießen, ein ungewöhnlich weiches Material für einen Brunnen, und seine Gestalten sind ziemlich nackt. Sie wirken leicht und beweglich, als würden sie gleich ins Wasser gleiten, und gerade das war neu in einer Stadt voller schwerer, ernster Barockheiliger.
Genau das wurde ihnen zum Verhängnis. Unter Maria Theresia wurden die Figuren abgenommen, der Überlieferung nach, weil so viel nackte Haut auf einem Marktplatz als unschicklich galt. Später kehrten sie zurück, und im 19. Jahrhundert ersetzte man die angegriffenen Bleifiguren durch Bronzegüsse. Die Originale stehen heute im Belvedere, schön im Trockenen, weit weg von Mehlstaub und Marktgeschrei. Am südlichen Ende des Platzes liegt übrigens die Kapuzinergruft, wo die Habsburger ruhen, nur ein paar Schritte vom alten Mehlmarkt entfernt.
Von hier ist es nicht weit zu einem Kaffeehaus, das älter ist als fast alle anderen der Stadt. Geh über die Kärntner Straße hinüber und in die Himmelpfortgasse, vorbei an grauen Palais, bis zu einer bescheidenen Tür mit dem Namen Frauenhuber. Unterwegs kommst du an Adelspalais vorbei, deren Bewohner ihr Mehl wohl kaum selbst vom Markt nach Hause getragen haben.
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5. Café Frauenhuber: Kaffee seit 1824
Himmelpfortgasse 6, 1010 Wien, Austria
Drück die Tür in der Himmelpfortgasse auf und gib deinen Augen einen Moment, sich an das Halbdunkel zu gewöhnen. Rote Samtbänke, kleine Marmortische, Zeitungen auf Holzhaltern, und ein Ober, der dich ansieht, als hätte er schon auf dich gewartet.
Das Café Frauenhuber gilt als eines der ältesten Kaffeehäuser Wiens. Seit 1824 wird hier Kaffee ausgeschenkt, und viele nennen es das älteste, das bis heute ohne Unterbrechung offen hat. Seinen Namen bekam es von einem späteren Wirt namens Frauenhuber, der es gegen Ende des 19. Jahrhunderts übernahm. Vorher aber war in diesem Haus etwas ganz anderes untergebracht: die Gaststätte des Hoftraiteurs Ignaz Jahn, ein Feinkostwirt mit einem Saal für Bälle und Konzerte. Jahn hatte Gespür für sein Publikum: Bei ihm konnte man speisen, tanzen und Musik hören, alles unter einem Dach.
Und in diesem Saal trat im März 1791 Mozart auf, es war einer seiner letzten öffentlichen Auftritte als Pianist, nur Monate vor seinem Tod. Auch der junge Beethoven soll hier wenige Jahre später gespielt haben. Stell dir das vor: Kerzenlicht, Wiener Bürger mit Gläsern in der Hand, am Klavier zwei Männer, die die Musik verändern würden... und nebenan in der Küche wurde gebraten und gerührt.
Wie der Kaffee überhaupt nach Wien kam, darüber erzählen die Wiener gern eine Heldengeschichte. Nach der Türkenbelagerung von 1683 soll ein Kundschafter namens Kolschitzky die zurückgelassenen Kaffeesäcke der Osmanen bekommen und das erste Kaffeehaus eröffnet haben. Belegt ist etwas anderes: 1685 erhielt ein Armenier namens Johannes Diodato das Privileg, in Wien Kaffee auszuschenken. Die Legende ist schöner, die Urkunde ist ehrlicher, und beides gehört zu dieser Stadt.
Bestell hier ruhig eine Melange, und sag bitte nie einfach Kaffee mit Milch. Eine Melange ist ein Mokka mit heißer Milch und Milchschaum, und wer einen Einspänner will, bekommt Schlagobers obendrauf, serviert im Glas. Dann geh zurück zur Kärntner Straße und weiter Richtung Oper, bis sich rechts ein weiter Platz öffnet. Dort, zwischen Palais und Mahnmal, steht ein kleiner Stand, der für viele Wiener wichtiger ist als jede Haubenküche.
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6. Würstelstand am Albertinaplatz
Albertinaplatz, 1010 Wien, Austria
Folg deiner Nase über den Albertinaplatz, bis du vor einem kleinen Kiosk mit Glasfront stehst, aus dem es nach Gegrilltem, Senf und Bier riecht. Nach Vorstellungsende stehen hier Menschen in Abendkleid und Smoking, frisch aus der Oper, neben Taxifahrern und Studenten, alle mit derselben Pappschale in der Hand.
Willkommen am Würstelstand, der vielleicht demokratischsten Institution Wiens. Hier gibt es keine Reservierung und keinen Dresscode, dafür eine eigene Sprache. Eine Eitrige ist eine Käsekrainer, aus der beim Anbeißen der Käse quillt. Eine Burenwurst heißt kurz eine Haaße, das Endstück vom Brot ist das Scherzl, und das Sechzehnerblech ist eine Dose Bier aus Ottakring, dem sechzehnten Bezirk. Süßen oder scharfen Senf musst du dazusagen, sonst entscheidet der Mann hinter der Theke.
Würstel aus der Hand gibt es in Wien schon lange, aber der feste Stand an der Straßenecke ist vor allem ein Kind des 20. Jahrhunderts. Man erzählt sich gern, dass nach dem Ersten Weltkrieg Kriegsversehrte bevorzugt eine Konzession für einen Würstelstand bekamen, damit sie sich ein Auskommen sichern konnten. Ob jeder Stand so entstanden ist, weiß niemand genau. Die Idee aber passt: eine warme Mahlzeit, schnell, günstig und für alle, mitten auf der Straße und bis spät in die Nacht.
Bevor du weitergehst, schau auf die Skulpturengruppe auf dem Platz, das Mahnmal gegen Krieg und Faschismus von Alfred Hrdlicka aus dem Jahr 1988. Eine der Figuren zeigt einen am Boden knienden Juden, der den Gehsteig schrubbt, so wie Wiener Jüdinnen und Juden nach dem Anschluss im März 1938 gezwungen wurden, die Straßen zu reiben, umringt von johlenden Zuschauern. An dieser Stelle stand außerdem der Philipphof, ein Wohnhaus, das im März 1945 bei einem Bombenangriff einstürzte und viele Menschen in seinem Luftschutzkeller begrub.
Der Würstelstand und das Mahnmal stehen nur ein paar Schritte voneinander entfernt, und auch das ist Wien. Geh nun an der Oper vorbei, über den Ring und die Operngasse hinunter, bis zur Ecke der Friedrichstraße. Dort liegt ein Kaffeehaus, das ein Architekt so radikal schlicht eingerichtet hat, dass die Wiener ihm einen bösen Spitznamen gaben.
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7. Café Museum: Das Café Nihilismus von Adolf Loos
Operngasse 7, 1010 Wien, Austria
Setz dich, wenn ein Platz frei ist, an einen der Tische am Fenster des Café Museum und schau dich um. Helle Wände, schlichte Lampen, Bugholzstühle, kaum Ornament. Nach den Stuck- und Plüschpalästen der Ringstraße wirkt dieser Raum beinahe wie eine Kampfansage.
Genau das war er auch. 1899 richtete der Architekt Adolf Loos das Café ein, derselbe Loos, der ein paar Jahre später mit seinem Vortrag Ornament und Verbrechen die Wiener Gesellschaft empörte. Loos hatte einige Jahre in Amerika verbracht und gesehen, wie praktisch und klar ein Raum sein kann, und er wollte den Wienern beweisen, dass Eleganz ohne Schnörkel auskommt. Er ließ den Raum klar und nüchtern, mit gebogenen Thonetstühlen und glatten Flächen, und die Wiener tauften das Lokal prompt Café Nihilismus. Für eine Stadt, die Dekor liebte wie ihr Schlagobers, war das eine Provokation.
Und trotzdem, oder gerade deshalb, wurde das Café ein Magnet. Die Akademie der bildenden Künste und die Secession liegen gleich um die Ecke, und so saßen hier Maler wie Gustav Klimt, Egon Schiele und Oskar Kokoschka, dazu Schriftsteller, Komponisten und Studenten, die sich keinen zweiten Kaffee leisten konnten. Sie zeichneten auf Papierfetzen, lasen sich gegenseitig Kritiken vor und warteten auf den nächsten Skandal in der Secession nebenan. Im Wiener Kaffeehaus ist das ausdrücklich erlaubt: Mit einer einzigen Melange stundenlang sitzen, lesen, schreiben, streiten.
Achte auf das Glas Wasser. Es kommt mit jedem Kaffee auf einem kleinen Silbertablett, und solange der Ober es ungefragt nachfüllt, bist du willkommen. Auch die Zeitungen kosten nichts, sie hängen eingespannt in hölzernen Haltern bereit. Das Café wurde im Lauf der Jahrzehnte mehrmals umgebaut und renoviert, und wie viel echter Loos heute noch drinsteckt, darüber diskutieren Architekturfans mit großer Hingabe. Die Idee aber hat überlebt: ein Raum, der nichts von dir will, außer dir einen Platz zu geben.
Jetzt geht es hinunter ins Wiental. Geh die Friedrichstraße entlang, vorbei an der Secession mit ihrer goldenen Blätterkuppel, über den Getreidemarkt und hinein in die Gumpendorfer Straße. Nach ein paar Minuten siehst du an einer Ecke hohe Fenster und dahinter grüne Billardtische.
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8. Café Sperl: Billard, Operette & Kulturerbe
Gumpendorfer Straße 11, 1060 Wien, Austria
Komm herein ins Café Sperl und bleib kurz an der Tür stehen. Hohe Fenster, Logen mit abgewetzten Samtbänken, Kristallluster, und hinten die Billardtische, auf denen die Kugeln mit einem trockenen Klacken aneinanderstoßen. Es riecht nach Kaffee, Zeitungspapier und ein bisschen nach altem Holz.
Das Sperl wurde 1880 eröffnet, und das Erstaunliche ist, wie wenig sich seither verändert hat. Die Einrichtung stammt zu großen Teilen noch aus der Gründerzeit, die Thonetstühle, die Marmortische, die Holzvertäfelung. Es war ein Treffpunkt für Offiziere, Künstler und Leute vom Theater an der Wien, das gleich ums Eck steht. Wer hier saß, sprach über Rollen, Premieren und Gagen, und die Operette lag sozusagen in der Luft. Schau dir die Logen an: In diesen halb abgeschirmten Nischen konnte man gesehen werden, ohne belauscht zu werden, ideal für Verhandlungen über Gagen und Herzensangelegenheiten.
Ein Detail für Filmfans: In Richard Linklaters Before Sunrise aus dem Jahr 1995 spielen Ethan Hawke und Julie Delpy in einem Wiener Café ein Telefonat, das gar keines ist, mit Hörern, die nur aus ihren Händen bestehen. Gedreht wurde diese Szene hier im Sperl. Die beiden flirten also in einem Raum, der schon über hundert Jahre erste Rendezvous und letzte Aussprachen gesehen hatte. Bis heute kommen Besucher genau wegen dieser kurzen Szene und setzen sich ans Fenster, in der Hoffnung, die richtige Loge erwischt zu haben.
Das Kaffeehaus ist in Wien mehr als ein Lokal. 2011 wurde die Wiener Kaffeehauskultur ins österreichische Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen. Beschrieben wird sie dort als ein Ort, an dem Zeit und Raum konsumiert werden, aber nur der Kaffee auf der Rechnung steht. Genau das ist der Kern: Du bezahlst eine Tasse und bekommst dafür einen ganzen Nachmittag, samt Zeitung, Wasserglas und der Erlaubnis, nichts zu tun. Dazu gehört auch der Herr Ober, der Stammgäste gern mit Titel anspricht, Herr Doktor, Frau Magister, ganz egal, ob jemand je promoviert hat.
Wenn du so weit bist, geh nach links und durch die Lehárgasse hinunter zur Linken Wienzeile, die Gasse trägt übrigens den Namen eines Komponisten, der gleich nebenan Triumphe feierte. Unten steht das Theater an der Wien, Emanuel Schikaneders Haus von 1801, in dem Beethovens Fidelio, die Fledermaus und die Lustige Witwe ihre Premiere erlebten. Wirf einen Blick hinauf zu seiner Fassade, dann dreh dich um: Vor dir beginnt der Naschmarkt, eine lange Straße aus Ständen, Dächern und Gerüchen, und wir halten mitten im Gewühl.
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9. Naschmarkt: Ein Markt über dem Fluss
Naschmarkt, 1060 Wien, Austria
Atme einmal tief ein, mitten auf dem Naschmarkt. Oliven und Essiggurken, frisches Brot, gebratener Fisch, Gewürze in offenen Säcken, Zimt, Paprika, Kardamom. Links und rechts reihen sich die Stände mit ihren grünen Dächern und Markisen, und an jeder zweiten Ecke hält dir jemand eine Kostprobe hin.
Einen Markt gibt es in dieser Gegend seit dem späten 18. Jahrhundert. Damals hieß er Aschenmarkt, und woher dieser Name kommt, ist bis heute nicht ganz geklärt. Eine beliebte Erklärung führt zu den Milchkübeln aus Eschenholz, die man Asch nannte, denn anfangs wurde hier vor allem Milch verkauft. Im 19. Jahrhundert setzte sich dann der Name Naschmarkt durch, und der passt natürlich wunderbar zu einem Ort, an dem man von Stand zu Stand nascht. Naschen heißt auf Wienerisch so viel wie von etwas Gutem kosten, ein bisschen hier, ein bisschen dort.
Das Verrückte ist: Du stehst gerade über einem Fluss. Unter dem Markt fließt der Wienfluss, der der Stadt ihren Namen gab. Um 1900 wurde er beim Bau der Stadtbahn hier eingewölbt, also überdeckt, und auf dem neuen Gewölbe bekam der Markt seinen heutigen Platz. Die einheitlichen Stände entstanden in den Jahren danach. Otto Wagner hatte an dieser Stelle von einem Prachtboulevard bis nach Schönbrunn geträumt. Gebaut wurde stattdessen ein Markt, und vielleicht war das die bessere Idee.
Der Naschmarkt ist ein Spiegel der Stadt. Früher kamen Bäuerinnen aus dem Umland mit Gemüse, Eiern und Butter. Heute verkaufen Familien mit Wurzeln in der Türkei, am Balkan, in Asien und im Nahen Osten neben alteingesessenen Wiener Standlern. Und Wien ist eine der wenigen Großstädte, in deren Grenzen noch ernsthaft Gemüse angebaut wird, mit eigenen Weinbergen dazu, aus denen der Wiener Gemischte Satz kommt, ein Wein aus mehreren Rebsorten, die im selben Weingarten wachsen und gemeinsam gelesen werden.
Geh nun weiter durch die Marktgassen stadtauswärts, immer über dem Fluss, der unter deinen Füßen verborgen fließt, bis zum Ende des Marktes bei der Kettenbrückengasse. Unterwegs riechst du Falafel, frischen Fisch und Kaffee, manchmal alles gleichzeitig. Dort wartet das letzte Kapitel dieses Spaziergangs, und es ist ein ziemlich buntes.
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10. Kettenbrückengasse: Flohmarkt, Otto Wagner & Schubert
Kettenbrückengasse, 1050 Wien, Austria
Am Ende des Naschmarkts, wo die Kettenbrückengasse den Markt kreuzt, öffnet sich eine Fläche, die unter der Woche fast leer wirkt. Am Samstag aber verwandelt sie sich in einen der größten Flohmärkte der Stadt, mit alten Schallplatten, Silberbesteck, Kaffeemühlen und Dingen, von denen niemand mehr weiß, wozu sie einmal gut waren.
Schau dir die Kaffeemühlen und Zuckerdosen auf den Tischen an. Viele stammen aus Wiener Haushalten, aus Küchen, in denen über Generationen Rindsuppe gekocht und Kipferl gebacken wurden. Auf diesem Flohmarkt kannst du die Wiener Küche gewissermaßen rückwärts lesen: Gugelhupfformen, Fleischklopfer, Krenreiben, Kaffeeservice mit Goldrand. Jedes Stück ein kleines Kapitel Alltagsgeschichte, und manches davon hat mehr Familienfeste erlebt als du und ich zusammen.
Dreh dich jetzt zur Linken Wienzeile und schau hinüber auf zwei Häuser, die aus der Reihe tanzen. Eines ist mit Blumenranken aus Keramikfliesen überzogen, das andere mit goldenen Medaillons geschmückt. Otto Wagner baute sie Ende der 1890er-Jahre, als Auftakt zu seiner nie verwirklichten Prachtstraße. Gleich daneben liegt die Station Kettenbrückengasse, auch sie aus Wagners Stadtbahnzeit, grün, weiß und streng elegant. Das Haus mit den Fliesen nennen die Wiener wegen seiner Keramik Majolikahaus, die goldenen Medaillons am Nachbarhaus entwarf Koloman Moser.
Ein paar Schritte die Gasse hinauf, im Haus Kettenbrückengasse 6, liegt eine stille Adresse. In der Wohnung seines Bruders Ferdinand starb im November 1828 Franz Schubert, mit gerade einmal einunddreißig Jahren. Er hatte kaum je Geld, und mit seinen Freunden saß er oft in einfachen Gasthäusern und Kaffeehäusern, bei Wein, Würsteln und Gesprächen bis tief in die Nacht, nicht so verschieden von denen, an denen du heute vorbeigekommen bist.
Und damit schließt sich der Kreis. Vom Eis am Schwedenplatz über Schnitzel, Gewürze, Mehl und Würstel, durch drei Kaffeehäuser und an einem Opernhaus vorbei bis zum Markt über dem Fluss. Die Wiener Küche ist kein Museum, sie ist ein Gespräch zwischen Kulturen, das seit Jahrhunderten mit vollem Mund geführt wird. Hol dir zum Abschluss etwas Gutes von einem der Stände, such dir einen Platz und lass es dir schmecken. Mahlzeit!