Venedig abseits der Massen: Cannaregio, das Ghetto und Tintorettos Viertel
Von der Ponte delle Guglie in das erste Ghetto der Welt und zur deutschen Synagoge, weiter zu Tintorettos Grab, den steinernen Mauren, dem Marmorschrein der Miracoli und der goldenen Ca' d'Oro
Venice · 12 stops · 31 min audio · Generated
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1. Ponte delle Guglie: Das Tor nach Cannaregio
Ponte delle Guglie, Rio Terà San Leonardo, Cannaregio, 30121 Venezia VE, Italy
Bleib oben auf dem Scheitel der Brücke stehen und schau den breiten Kanal hinauf, Richtung Lagune. Vor dir liegt der Canale di Cannaregio, voller Boote und Lieferkähne, über den Fenstern hängt Wäsche, und an den Enden der Brücke ragen vier steinerne Spitzsäulen in den Himmel. Das sind die Guglie, die Nadeln, und sie haben der Brücke ihren Namen gegeben. Hier beginnt Cannaregio, das Viertel, in dem Venedig noch für die Venezianer selbst lebt.
Bevor 1846 die Eisenbahnbrücke über die Lagune eröffnet wurde, war dieser Kanal so etwas wie die Einfahrt in die Stadt. Wer vom Festland kam, wurde hier hereingerudert, an Palästen und Kirchen vorbei, bis der Kanal in den Canal Grande mündet. Schon im Mittelalter stand an dieser Stelle eine Holzbrücke. 1580 baute man sie in Stein neu, und 1777 wurde sie gründlich restauriert. Die Spitzsäulen waren also schon da, als Goethe 1786 nach Venedig kam.
Beug dich jetzt über die Brüstung und schau dir die Bögen an. Von dort grinsen dich steinerne Fratzen an, bärtige Köpfe mit offenen Mündern. Solche Masken sollten, so glaubte man, das Böse fernhalten, das mit dem Wasser hereinkommt. Und schau auf die Stufen: Ihre Kanten sind mit hellem istrischem Stein eingefasst, damit man im Nebel oder in der Dämmerung nicht stolpert. Venedig ist eine Stadt der Treppen, nicht nur der Kanäle.
Folge nun mit dem Blick dem Ufer auf der Seite, die dem Bahnhof abgewandt ist. Nach wenigen Dutzend Schritten öffnet sich zwischen den Häusern ein niedriger, dunkler Durchgang, ein Sotoportego. Man läuft leicht daran vorbei. Doch fast drei Jahrhunderte lang war das eine Grenze: Dahinter lag das Ghetto, und nachts wurden seine Tore verschlossen. Das Wort, das heute auf der ganzen Welt verstanden wird, ist in diesen Gassen entstanden.
Genau dorthin gehen wir jetzt. Steig von der Brücke hinunter auf die vom Bahnhof abgewandte Seite, halte dich links und folge der Fondamenta di Cannaregio am Kanal entlang. Dann tauch durch den Sotoportego del Ghetto. Achte auf die plötzliche Stille, die dich hinter dem Durchgang empfängt. Nach ein paar Metern weitet sich die Gasse zu einem kleinen Platz mit zwei unscheinbaren Fassaden.
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2. Ghetto Vecchio: Die Synagogen der Levantiner und Spanier
Campiello delle Scuole, Ghetto Vecchio, Cannaregio, 30121 Venezia VE, Italy
Du stehst jetzt auf einem kleinen, stillen Platz, dem Campiello delle Scuole, und dir fällt sicher auf, wie hoch die Häuser hier plötzlich sind. Zwei schlichte Fassaden blicken einander an, kaum verziert, mit hohen Fenstern im oberen Stock. Hinter ihnen verbergen sich zwei der schönsten Synagogen Europas, die Scuola Levantina und die Scuola Spagnola. Von außen verraten sie fast nichts... und genau das war Absicht.
Bleiben wir kurz bei einem Wort. Auf diesem Gelände lag im Mittelalter eine Gießerei der Republik, und der Guss hieß im Venezianischen geto, mit weichem G gesprochen. Die verbreitetste Erklärung lautet: Viele der ersten jüdischen Bewohner kamen aus deutschsprachigen Ländern, sprachen das G hart aus, und so wurde aus geto das Ghetto. Ein venezianisches Handwerkerwort ist zum Weltbegriff für Ausgrenzung geworden.
Und jetzt kommt das Paradox. Dieser Teil heißt Ghetto Vecchio, das alte Ghetto, und trotzdem ist er als jüdisches Wohnviertel jünger als das neue gleich nebenan. Die Namen stammen nämlich von den Gießereien, nicht von den Menschen: Hier lag die alte, drüben die neue. Eingesperrt wurden die Juden zuerst 1516 im Ghetto Nuovo, und erst 1541 kam dieser Bereich hinzu, für jüdische Kaufleute aus der Levante, also aus dem Osmanischen Reich.
Später folgten die Ponentini, sephardische Familien, deren Vorfahren aus Spanien und Portugal vertrieben oder dort zur Taufe gezwungen worden waren. Jede Gemeinschaft betete in ihrer eigenen Scuola, nach eigenem Ritus. Scuola heißt das Haus, weil es Ort des Gebets, des Lernens und der Versammlung zugleich war. Die Spagnola ist die größte Synagoge der Stadt, innen im 17. Jahrhundert prachtvoll erneuert, und beide werden bis heute für Gottesdienste genutzt.
Geh nun die Calle del Ghetto Vecchio weiter, vorbei an kleinen Werkstätten und Läden, bis zu einer Brücke über einen schmalen Kanal. Dieser Kanal war einst eine Grenze, die man nur bei Tag überqueren durfte. Und vergiss nicht, nach oben zu schauen: Manche Fenster sitzen so dicht übereinander, dass man sich fragt, wie Menschen in diesen Stockwerken aufrecht stehen konnten. Auf der anderen Seite wird das Licht plötzlich heller, und ein Platz öffnet sich, der dich überraschen wird.
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3. Campo del Ghetto Nuovo: Die deutsche Synagoge und das Mahnmal
Campo del Ghetto Nuovo, Cannaregio 2902/b, 30121 Venezia VE, Italy
Tritt hinaus auf den weiten, hellen Campo mit seinen drei Brunnen und den paar Bäumen, und dreh dich einmal langsam im Kreis. Die Häuser ringsum haben sechs, manchmal sieben Stockwerke, die Fenster sitzen niedrig und dicht übereinander. Für Venedig ist das ungewöhnlich hoch. Diese kleine Insel ist ringsum von Kanälen umschlossen, und genau deshalb wurde sie ausgewählt.
Am 29. März 1516 beschloss der Senat der Republik, dass alle Juden der Stadt hier wohnen müssen. Tore wurden gebaut, abends verschlossen und morgens wieder geöffnet, und die christlichen Wächter davor musste die jüdische Gemeinde selbst bezahlen. Weil die Insel nicht wachsen konnte, die Gemeinde aber wuchs, wuchsen die Häuser in die Höhe, Stockwerk um Stockwerk, mit erstaunlich niedrigen Decken. Erst 1797, nach dem Ende der Republik, wurden die Tore geöffnet.
Und jetzt zu dem Faden, der direkt zu dir führt. Im oberen Stock eines dieser Häuser, gleich beim Jüdischen Museum, liegt die Scuola Grande Tedesca, die deutsche Synagoge, gegründet 1528 und damit die älteste der Stadt. Ihre Gründer waren aschkenasische Juden, viele aus dem deutschsprachigen Raum, die über die Alpen gekommen waren. Sie betrieben die Pfandleihen, die die Republik ihnen erlaubte, und eine davon, der Banco Rosso, lag hier am Platz.
Geh jetzt zur Ziegelmauer mit den Bronzereliefs. Sie stammen von dem in Litauen geborenen jüdischen Künstler Arbit Blatas und erinnern an die Schoah. Ab Dezember 1943 wurden Venedigs Juden von der faschistischen Polizei verhaftet und von den deutschen Besatzern deportiert, die meisten nach Auschwitz. Über zweihundert Menschen kehrten nicht zurück, unter ihnen alte Menschen aus dem Altersheim an diesem Platz und der Oberrabbiner Adolfo Ottolenghi. Lies ihre Namen, still oder leise.
Bleib noch einen Moment, bevor du gehst. Dann verlässt du den Campo über die Brücke an der Nordseite und kommst auf die Fondamenta degli Ormesini, wo abends die Jugend von Cannaregio am Wasser sitzt. Überquere sie und geh durch die Gassen weiter nach Norden, fast bis an den Rand der Stadt, wo nur noch die Lagune kommt. Dort wartet eine stille Backsteinkirche.
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4. Sant'Alvise: Tiepolo am Rand der Lagune
Campo di Sant'Alvise, Cannaregio, 30121 Venezia VE, Italy
Hier oben, am nördlichen Saum von Cannaregio, wird es fast dörflich still. Vor dir steht eine schlichte gotische Backsteinkirche mit einem einfachen Portal, und ein paar Schritte weiter beginnt schon die Lagune, mit dem Blick hinüber nach Murano. Wäsche hängt über leeren Fondamenta, Katzen dösen auf den Stufen, und manchmal hörst du nur die Ruder eines vorbeifahrenden Bootes. Kaum eine Reisegruppe verirrt sich bis hierher... und genau das ist das Geschenk dieses Ortes.
Alvise ist die venezianische Form von Ludwig. Gemeint ist der heilige Ludwig von Toulouse, und die Gründungsgeschichte klingt wie ein Märchen: 1388, so erzählt man, erschien er der adligen Antonia Venier im Traum und bat um eine Kirche. Sie ließ sie bauen, mit einem Nonnenkloster daneben. Hinter diesen Mauern lebten Töchter aus den großen Familien der Stadt, und nicht alle waren freiwillig gekommen. Für eine teure Mitgift war das Kloster oft die billigere Lösung.
Wenn die Kirche offen ist, geh hinein und schau gleich über dem Eingang nach oben. Dort hängt eine Empore mit vergitterten Fenstern, der Barco, aus dem 15. Jahrhundert. Von dort folgten die Nonnen der Messe, ohne von den Gläubigen gesehen zu werden. An den Wänden hängen kleine, naive Tafeln mit biblischen Szenen. Der englische Kritiker John Ruskin hielt sie für Jugendwerke Carpaccios und nannte den Maler liebevoll Baby Carpaccio. Heute glaubt das kaum noch jemand.
Und dann, im vorderen Teil der Kirche, der Paukenschlag: Giambattista Tiepolos Weg nach Golgatha, ein riesiges Gemälde, um 1740 entstanden. Soldaten, Pferde, Fahnen, Schaulustige, und mitten im Getümmel bricht Christus unter dem Kreuz zusammen. Zwei weitere Bilder Tiepolos, die Geißelung und die Dornenkrönung, gehören zum selben Zyklus. Ein Maler, den später Fürsten in ganz Europa teuer bezahlen werden, hängt hier am stillen Rand der Stadt, fast unbemerkt.
Jetzt geht es nach Osten. Folge den Fondamenta am Wasser entlang, über ein, zwei kleine Brücken, vorbei an Werkstätten und Wäscheleinen. Nach rund dreihundert Metern erreichst du einen Campo mit einer roten Backsteinfassade voller Heiligenfiguren und einem Glockenturm, dessen Kuppel fast orientalisch aussieht. Dort hat ein Färbersohn seine letzte Ruhe gefunden.
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5. Madonna dell'Orto: Tintorettos Kirche
Campo della Madonna dell'Orto, Cannaregio, 30121 Venezia VE, Italy
Stell dich in die Mitte des Campo und schau an der Fassade hinauf: roter Backstein, weißer Stein, gotische Spitzbögen, ein großes Rundfenster, und an den Schrägen oben stehen die zwölf Apostel in ihren Nischen wie auf einer Galerie. Daneben steigt der Campanile auf, mit einer Zwiebelkuppel, die eher nach Konstantinopel aussieht als nach Venetien. Das ist Madonna dell'Orto, eine der schönsten gotischen Kirchen der Stadt.
Der Name erzählt eine Legende. Ursprünglich, im 14. Jahrhundert, war die Kirche dem heiligen Christophorus geweiht. Dann, so heißt es, fand man in einem Gemüsegarten in der Nähe, einem orto, eine Marienstatue, der bald Wunder zugeschrieben wurden. Die Gläubigen strömten herbei, die Statue kam in die Kirche, und die Venezianer sprachen bald nur noch von der Madonna aus dem Garten. Die Statue steht noch heute drinnen.
Aber eigentlich ist das die Kirche eines Malers. Jacopo Robusti, genannt Tintoretto, der kleine Färber, weil sein Vater Tuchfärber war, gehörte zu dieser Pfarrei und wohnte gleich um die Ecke. Für den Chor malte er zwei gewaltige Leinwände, das Jüngste Gericht und die Anbetung des Goldenen Kalbs, jede über vierzehn Meter hoch. Man erzählt, er habe sie fast nur zum Preis der Farben angeboten, um die Konkurrenz auszustechen.
In einer Kapelle rechts vom Chor liegt Tintoretto begraben, gestorben 1594. Und noch eine Geschichte gehört hierher, eine traurige: 1993 wurde aus dieser Kirche eine kleine Madonna mit Kind von Giovanni Bellini gestohlen. Sie ist bis heute verschwunden. Kunstraub klingt nach Kino, nach eleganten Dieben und schnellen Booten. Hier sieht man, was er wirklich bedeutet: eine Lücke an einem Ort, an dem Generationen von Menschen gebetet haben.
Jetzt sind es nur ein paar Schritte. Geh über die Brücke nach Süden und halte Ausschau nach einem kleinen Platz, an dessen Hauswänden steinerne Männer mit Turbanen stehen. Einer von ihnen hat eine eiserne Nase. Und gleich daneben, an der Fondamenta, wohnte der Mann, dessen Grab du gerade gesehen hast. Er musste nur über eine einzige Brücke gehen, um von seiner Haustür zu seiner Kirche zu kommen.
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6. Campo dei Mori: Die steinernen Kaufleute
Campo dei Mori, Cannaregio, 30121 Venezia VE, Italy
Schau dich auf dem kleinen Campo um, und du entdeckst sie an den Hausecken: Männer aus Stein, mit Turbanen, langen Gewändern und ziemlich mürrischen Gesichtern. Drei stehen hier am Platz, ein vierter ein Stück weiter an der Fondamenta. Einer von ihnen trägt eine Nase aus Eisen, blank gerieben von unzähligen Händen. Willkommen auf dem Campo dei Mori, dem Platz der Mauren.
Wer waren sie? Die Überlieferung sagt: die Brüder Mastelli, Rioba, Sandi und Afani, Kaufleute aus der Morea, dem heutigen Peloponnes, die um 1112 nach Venedig kamen und hier ihren Palast bauten. Die Venezianer nannten sie Mori, Mauren, weil sie aus dem Osten kamen und Turbane trugen. Ihr Palazzo Mastelli steht noch am Rio della Madonna dell'Orto, mit einem Relief, das einen Mann mit einem Kamel zeigt.
Und dann gibt es die Legende, die man sich in Cannaregio lieber erzählt. Die Brüder sollen gierig gewesen sein. In einer Version kaufte eine Frau bei ihnen Stoff, und sie betrogen sie. Die Frau betete, und Gott hörte sie: Die Brüder erstarrten zu Stein, mitten in ihrem Geschäft. Seitdem stehen sie hier, als ewige Mahnung an alle Händler der Stadt, die Waage ehrlich zu halten.
Der mit der Eisennase heißt Sior Antonio Rioba, und er war Venedigs Spottfigur. Wie dem Pasquino in Rom heftete man ihm nachts anonyme Verse und Zettel an, bissige Witze über Mächtige und Beamte. Wer etwas zu sagen hatte, sich aber nicht traute, ließ es eben Sior Antonio sagen. Die eiserne Nase ersetzt die steinerne, die irgendwann verloren ging. Reib sie ruhig, man sagt, es bringe Glück.
Jetzt dreh dich zur Fondamenta dei Mori. Am Haus mit der Nummer 3399 erinnert eine Tafel daran, dass hier Tintoretto lebte und 1594 starb. Die steinernen Kaufleute dürften jeden Morgen seine ersten Zuschauer gewesen sein. Und nun geht es weiter nach Süden: über die Brücke zur Fondamenta della Misericordia und dann am Wasser entlang nach Osten, bis ein gewaltiger, roher Backsteinbau vor dir aufragt.
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7. Scuola Grande della Misericordia: Der ewige Rohbau
Fondamenta della Misericordia, Cannaregio, 30121 Venezia VE, Italy
Bleib am Ufer stehen und lass den Bau auf dich wirken: ein riesiger Block aus nacktem Backstein, mit einer Fassade, die nie ihre Marmorverkleidung bekommen hat. Er sieht aus, als hätten die Bauleute gestern Feierabend gemacht und wären nie zurückgekommen. Ringsum, an der Fondamenta della Misericordia und weiter westlich an den Ormesini, sitzen abends Venezianer mit einem Glas Wein auf der Ufermauer, die Beine über dem Wasser. Das ist die Scuola Grande della Misericordia, und ihre Geschichte ist eine Geschichte vom Geld.
Die Scuole Grandi waren reiche Laienbruderschaften, Vereinigungen von Bürgern, die Kranke pflegten, Mitgliedern in Not halfen, armen Mädchen eine Mitgift gaben und mit ihren Prozessionen und Bauten miteinander wetteiferten. Die Bruderschaft der Misericordia gehörte zu den ältesten. Ihr erster Sitz, die alte Scuola mit gotischer Fassade, steht nur ein paar Schritte entfernt neben der Abteikirche. Im 16. Jahrhundert wollte man größer bauen, viel größer.
Den Entwurf lieferte ab 1532 Jacopo Sansovino, der große Architekt der Republik, derselbe Mann, der die Bibliothek an der Piazzetta baute. Gebaut wurde jahrzehntelang, und der Saal im Obergeschoss wurde einer der größten Innenräume der Stadt. Nur für die Marmorfassade reichte das Geld nie. Als die Republik 1797 unterging, löste man unter Napoleon die Bruderschaften auf, und der Riese stand leer.
Im 20. Jahrhundert bekam der Saal eine überraschende Rolle: Er diente als Sporthalle, und die Basketballer von Reyer Venezia trugen hier ihre Spiele aus. Stell dir das vor, Körbe und Tribünen zwischen Sansovinos Säulen, Pfiffe und quietschende Sohlen, wo einst die Brüder ihre Versammlungen hielten. Nach einer langen Restaurierung öffnet der Saal heute für Ausstellungen und Veranstaltungen.
Jetzt wird es Zeit für einen Kontrast. Geh weiter nach Osten, durch die Gassen Richtung Fondamenta Nove, über zwei, drei kleine Brücken, bis sich ein breiter Campo öffnet. An seinem Ende steht eine Barockfassade, so überladen mit Statuen, dass sie fast aus dem Rahmen fällt. Drinnen wartet ein Trick, den du erst glaubst, wenn du die Wand berührst.
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8. I Gesuiti: Vorhänge aus Marmor
Campo dei Gesuiti, Cannaregio, 30121 Venezia VE, Italy
Vor dir türmt sich eine Fassade aus weißem Stein, Säulen, Giebel und ganz oben Engel und Heilige, die sich in den Himmel recken. Der Campo davor ist breit und oft windig, denn gleich dahinter beginnt die offene Lagune mit der Friedhofsinsel San Michele. Das ist Santa Maria Assunta, die alle Venezianer nur I Gesuiti nennen, die Jesuiten. Geh hinein, wenn sie geöffnet ist, und bleib im Mittelschiff stehen. Du wirst glauben, jemand habe die ganze Kirche mit grün-weißem Damast ausgeschlagen.
Die Jesuiten und Venedig, das war eine schwierige Beziehung. 1606 verhängte der Papst das Interdikt über die Republik, und als die Jesuiten sich auf die Seite Roms stellten, wies Venedig sie aus. Erst 1657 durften sie zurückkehren. Sie kauften die Kirche eines aufgelösten Ordens, der Kreuzträger, und ließen sie zu Beginn des 18. Jahrhunderts von Grund auf neu bauen, prächtig, laut und selbstbewusst.
Jetzt geh zu einer Säule oder zur Kanzel und leg die Hand darauf. Kalt. Hart. Das ist kein Stoff, das ist Marmor. Die Vorhänge, die Falten, die Quasten, die schweren Draperien an der Kanzel, alles ist aus Einlegearbeiten in grünem und weißem Marmor gemacht, so fein geschnitten, dass das Auge sich weigert, es zu glauben. Ein barocker Scherz, über den man seit dreihundert Jahren staunt.
Und dann, am ersten Altar links, ein Bild, das ganz anders ist: Tizians Martyrium des heiligen Laurentius, um 1558 gemalt. Es ist Nacht. Ein Feuer brennt unter dem Rost, auf dem der Heilige liegt, Fackeln flackern, ein Lichtstrahl fällt von oben. Tizian malte hier eine der ersten großen Nachtszenen der venezianischen Kunst, und das Licht scheint aus dem Bild selbst zu kommen. Fast fünfhundert Jahre alt und noch immer unheimlich modern.
Von hier geht es nach Süden. Folge den Gassen Richtung Campo Santa Maria Nova, über eine Brücke oder zwei, und plötzlich stehst du vor einer Kirche, die aussieht wie ein Schmuckkästchen aus farbigem Marmor, umflossen von einem Kanal. Brautpaare lieben sie, und du wirst gleich verstehen, warum.
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9. Santa Maria dei Miracoli: Der Marmorschrein
Campo dei Miracoli, Cannaregio, 30121 Venezia VE, Italy
Stell dich an den Rand des Campiello und schau: eine ganze Kirche, umhüllt von Marmor in Rosa, Grau, Weiß und Grün, mit runden Scheiben aus Porphyr wie eingelegte Edelsteine. Eine Seite steigt direkt aus dem Wasser des Kanals. Santa Maria dei Miracoli ist klein, aber wer sie einmal gesehen hat, vergisst sie nicht.
Am Anfang war ein Bild. Eine Madonna, gemalt um 1409, hing an einer Hauswand in der Nähe, und um 1480 begann man, ihr Wunder zuzuschreiben, so erzählt die Überlieferung. Spenden flossen in solchen Mengen, dass man ihr ein eigenes Haus bauen konnte. Zwischen 1481 und 1489 errichtete der Bildhauer und Architekt Pietro Lombardo mit seinen Söhnen diese Kirche, als Schrein für ein einziges kleines Gemälde. Die Kirche wurde also nicht für eine Pfarrei gebaut, sondern für ein Bild, und dieses Bild ist bis heute in ihr zu sehen.
Die Marmorplatten sollen, so heißt es, von Resten anderer Bauten stammen, sogar vom Markusdom. Ob das stimmt, weiß niemand genau, aber die Geschichte passt zu Venedig, der Stadt, die alles wiederverwertet. Achte auf die Pilaster am Eingang: winzige Meerwesen, Ranken, Kinderköpfe, alles so fein gemeißelt, als wäre es aus Elfenbein. Innen ist die gewölbte Decke mit Dutzenden Bildnissen von Propheten in vergoldeten Kassetten bedeckt.
Die Venezianer nennen sie liebevoll eine Hochzeitskirche, viele lassen sich hier trauen. Ende des 20. Jahrhunderts wurde sie über ein Jahrzehnt lang restauriert, weil das salzige Wasser im Marmor aufstieg und ihn von innen zerfraß. Ein Schrein aus Stein, der in einer Stadt aus Wasser steht und von diesem Wasser langsam aufgezehrt wird... das ist Venedigs ewiger Widerspruch, im Kleinen.
Weiter geht es nach Westen. Folge den Gassen über ein, zwei Brücken Richtung Strada Nova, bis du auf einen lebhaften Campo mit einem hohen Glockenturm kommst. Dreh dich von der Brücke aus noch einmal um: Von dort sieht die Kirche aus, als würde sie auf dem Wasser schwimmen. Dort, wohin du gehst, kreuzen sich die Wege aller, die zwischen Bahnhof und Rialto unterwegs sind, und dort ruht der Vater einer Königin.
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10. Santi Apostoli: Der Vater der Königin von Zypern
Campo dei Santi Apostoli, Cannaregio, 30121 Venezia VE, Italy
Auf dem Campo Santi Apostoli ist plötzlich wieder Betrieb: Menschen mit Rollkoffern und Einkaufstaschen, Schulkinder, Lieferanten mit Sackkarren, alle auf dem Weg zwischen Bahnhof und Rialto. Über allem ragt ein schlanker Campanile auf, im 17. Jahrhundert vollendet. Die Kirche selbst wirkt schlicht, fast versteckt. Geh trotzdem hinein, denn drinnen liegt eine Familiengeschichte, die bis nach Zypern reicht.
Eine Legende erzählt, im siebten Jahrhundert seien die zwölf Apostel dem heiligen Magnus, einem Bischof aus Oderzo auf dem Festland, im Traum erschienen und hätten ihm diesen Ort gezeigt. So entstand der Überlieferung nach eine der ältesten Pfarreien Venedigs. Die Kirche, die du heute siehst, wurde allerdings im 16. Jahrhundert neu gebaut und im 18. noch einmal umgestaltet.
Auf der rechten Seite öffnet sich die Cappella Corner, eine elegante Grabkapelle der Frührenaissance. Hier liegt Marco Corner, der Vater von Caterina Cornaro. Caterina wurde als junges Mädchen mit dem König von Zypern verheiratet, wurde Witwe, wurde Königin, und 1489 musste sie ihre Insel an die Republik abtreten. Zum Trost bekam sie das Städtchen Asolo im Hinterland, wo sie einen kleinen Hof voller Dichter hielt. Nach ihrem Tod wurde sie zunächst hier in der Familienkapelle beigesetzt.
Am Altar der Kapelle hängt ein Bild von Giambattista Tiepolo, die letzte Kommunion der heiligen Lucia. Die Heilige sitzt da, bleich, verwundet, und neigt sich dem Priester entgegen, mit einer Ruhe, die mehr sagt als jedes Blut. Und noch eine Geschichte gehört zu diesem Ort: Gleich an der Brücke über den Kanal steht ein Palast, den die Überlieferung dem Dogen Marino Falier zuschreibt. Er wurde 1355 wegen Verschwörung gegen die Republik enthauptet.
Von hier folgst du der Strada Nova nach Westen, an Obstständen und Bäckereien vorbei, und biegst nach links in die schmale Calle Ca' d'Oro. Sie führt dich hinunter zum Canal Grande, zu einem Palast, der einst wirklich vergoldet war. Die Strada Nova selbst ist die breiteste Straße von Cannaregio, und am Ende dieses Spaziergangs erfährst du, warum sie so gar nicht venezianisch aussieht.
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11. Ca' d'Oro: Das goldene Haus am Canal Grande
Calle di Ca' d'Oro, Cannaregio 3932, 30121 Venezia VE, Italy
Am Ende der schmalen Calle stehst du vor einem unscheinbaren Tor. Wenn du das Museum betrittst und bis zur Loggia am Canal Grande gehst, siehst du von innen, was die Gondolieri von außen bewundern: Bögen wie aus Spitze, feines Maßwerk, Zinnen wie aus Zuckerguss. Das ist die Ca' d'Oro, das goldene Haus, einer der schönsten gotischen Paläste der Welt.
Gebaut wurde sie etwa zwischen 1421 und 1440 für den Kaufmann Marino Contarini, und er wollte, dass ganz Venedig hinschaut. Die Fassade war mit Blattgold belegt, Teile waren mit Ultramarin und Rot bemalt, Ultramarin war damals eines der kostbarsten Pigmente überhaupt. Dass wir von dem Gold überhaupt wissen, verdanken wir erhaltenen Bauabrechnungen. In der Sonne muss der Palast geleuchtet haben wie ein Reliquienschrein. Heute ist die Farbe verschwunden, nur der Name ist geblieben.
Dann kamen schlechte Zeiten. Der Palast wechselte die Besitzer, und im 19. Jahrhundert ließ ihn die berühmte Ballerina Maria Taglioni umbauen. Dabei verschwanden die gotische Freitreppe im Hof und der kostbare Brunnenkopf, der verkauft wurde. Ein Kunstwerk, zerlegt in Einzelteile wie ein altes Möbelstück, und niemand schien es zu stören. Erst Jahrzehnte später begriff man, was da verloren gegangen war.
Gerettet hat ihn Baron Giorgio Franchetti. Er kaufte die Ca' d'Oro 1894, holte den alten Brunnenkopf zurück, restaurierte jahrelang und schenkte den Palast 1916 mit seiner ganzen Sammlung dem italienischen Staat. Heute ist hier die Galleria Franchetti, und ihr berühmtestes Werk ist Andrea Mantegnas heiliger Sebastian, von Pfeilen durchbohrt, mit einem Blick, der dich nicht loslässt. Ein Sammler, der einem Palast sein Gold zurückgab, wenn auch nicht auf der Fassade.
Geh nun zurück zur Strada Nova und folge ihr weiter nach Westen. Nach ein paar Minuten öffnet sie sich zu einem kleinen Campo mit dem Bronzedenkmal eines Mönchs, gleich neben einer Brücke. Dort endet unser Weg, mit einem Attentat und einem Wortspiel. Unterwegs lohnt ein Blick auf die Obststände und Bäckereien: Die Strada Nova ist die Einkaufsstraße der Venezianer, nicht nur der Besucher.
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12. Campo Santa Fosca und die Strada Nova: Sarpi und das Stilett
Campo Santa Fosca, Cannaregio, 30121 Venezia VE, Italy
Du stehst auf dem Campo Santa Fosca, und um dich herum fließt der Strom der Strada Nova: breit, gerade, voller Menschen, ganz anders als die verwinkelten Gassen, durch die du gekommen bist. Auf einem Sockel steht ein Mönch in Bronze, im schlichten Ordensgewand, den Blick ernst. Das ist Paolo Sarpi, und er ist der richtige Mann, um diesen Spaziergang zu beenden.
Zuerst zur Straße. Die Strada Nova ist eine der wenigen breiten, geraden Straßen Venedigs, und sie ist jung. Nachdem Venedig 1866 Teil des Königreichs Italien geworden war, wurde sie zwischen 1867 und 1871 durch das Viertel gebrochen: Kanäle wurden zugeschüttet, Häuser abgerissen, damit man vom Bahnhof schneller zum Rialto kam. Die Eisenbahn veränderte sogar eine Stadt ohne Straßen.
Und nun zu Sarpi. Er war Servitenmönch, Gelehrter, Naturforscher und Freund Galileis, und während des päpstlichen Interdikts von 1606 der wichtigste Berater der Republik. Er vertrat die Ansicht, dass der Staat in weltlichen Dingen nicht dem Papst unterstehe. Im Oktober 1607, ganz in der Nähe, an der Brücke von Santa Fosca, fielen Attentäter über ihn her und stachen mit einem Stilett auf ihn ein. Er überlebte schwer verletzt.
Die Überlieferung legt ihm danach einen wunderbaren Satz in den Mund. Als man die Wunden untersuchte, soll Sarpi auf Latein gesagt haben: Ich erkenne den Stil der römischen Kurie. Stilus heißt Griffel, Schreibweise, und eben auch Stilett. Ein Wortspiel, gesprochen mit einer Wunde im Gesicht. Ob er es wirklich gesagt hat? Vielleicht nicht. Aber Venedig hat es nie vergessen, und Ende des 19. Jahrhunderts bekam er hier sein Denkmal.
Schau zurück auf deinen Weg: vom Ghetto, wo Menschen hinter Toren leben mussten, über Tintorettos Grab und die steinernen Mauren bis zu einem Mönch, der für die Unabhängigkeit seiner Republik beinahe gestorben wäre. Cannaregio ist das Venedig der Gegensätze. Wenn du der Strada Nova weiter nach Westen folgst, stehst du in wenigen Minuten wieder an der Ponte delle Guglie... und der Kreis schließt sich.