Triana: Flamenco, Keramik und Seefahrer in Sevillas Viertel jenseits des Flusses
Über die Puente de Isabel II nach Triana: zu den Höfen der Schmiede und den Öfen der Töpfer, zu Saetas und Bruderschaften, zur Burg der Inquisition und zum Cachorro
Seville · 11 stops · 27 min audio · Generated
-
1. Puente de Isabel II: Die Brücke nach Triana
Puente de Isabel II, 41010 Sevilla, Spain
Stell dich an den Anfang der Brücke, auf der Seite Sevillas, und schau hinüber. Gusseiserne Ringe tragen die Fahrbahn über den Guadalquivir, und am anderen Ufer leuchtet ein kleiner Turm aus Ziegeln und Kacheln. Dahinter beginnt Triana, das Viertel, das sich nie ganz als Teil von Sevilla gefühlt hat.
Die Sevillaner nennen sie einfach Puente de Triana. Offiziell heißt sie Puente de Isabel II, nach der Königin, unter der sie 1852 eröffnet wurde. Gebaut haben sie zwei französische Ingenieure, Gustave Steinacher und Ferdinand Bernadet, nach dem Vorbild einer Pariser Brücke, des Pont du Carrousel, der längst verschwunden ist. Sie gilt als älteste erhaltene Eisenbrücke Spaniens.
Vorher gab es hier fast sieben Jahrhunderte lang nur eine Brücke aus Booten. Die Almohaden hatten 1171 Kähne nebeneinander vertäut und mit Planken belegt, und darüber lief alles: Händler, Soldaten, Prozessionen. Bei Hochwasser riss der Fluss die Boote fort, und Triana war abgeschnitten. Dieses Leben am Wasser hat das Viertel geprägt. Hier wohnten Seeleute, Fischer, Töpfer und Schmiede, und viele Familien von gitanos, den spanischen Roma.
Aus genau dieser Mischung ist das entstanden, wofür Triana heute berühmt ist: Es gilt als eine der Wiegen des Flamenco. Wann genau der Flamenco geboren wurde, weiß niemand, schriftliche Belege gibt es erst aus dem späten 18. und dem 19. Jahrhundert. Sicher ist, dass er in Niederandalusien entstand, zwischen Sevilla, Jerez und Cádiz, und dass die gitanos ihn entscheidend geprägt haben. Seit 2010 gehört er zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit.
Wenn du jetzt über die Brücke gehst, hör auf den Fluss. In der Karwoche ziehen die Bruderschaften Trianas mit ihren Heiligenbildern hier hinüber in die Stadt, und von Balkonen singen Menschen ihnen Saetas entgegen. Geh hinüber bis zu dem kleinen Ziegelturm am anderen Ende. Er hat einen Spitznamen, über den die Sevillaner bis heute schmunzeln.
-
2. Capillita del Carmen und Plaza del Altozano
Plaza del Altozano, 41010 Sevilla, Spain
Am Ende der Brücke steht er, der kleine Turm aus rotem Ziegel mit seiner gekachelten Kuppel und dem Bild der Virgen del Carmen. Die Sevillaner nennen ihn liebevoll el mechero, das Feuerzeug, und wenn du ihn dir genau anschaust, verstehst du warum.
Die Capillita del Carmen stammt aus den 1920er-Jahren und ist ein Werk von Aníbal González, dem Architekten, der für die Iberoamerikanische Ausstellung von 1929 die Plaza de España entwarf. Er liebte genau diese Mischung aus Ziegel, Keramik und Erinnerung an die Mudéjar-Kunst. Die Virgen del Carmen ist die Schutzpatronin der Seeleute, und an diesem Ufer, wo früher die Schiffe anlegten, ist sie gut aufgehoben.
Hinter der Kapelle öffnet sich die Plaza del Altozano, das Wohnzimmer Trianas. Hier steht ein Denkmal mit dem Titel Triana al arte flamenco, Triana für die Kunst des Flamenco, und ein paar Schritte weiter ein Torero aus Bronze: Juan Belmonte, geboren 1892 und aufgewachsen in Triana, ein schmächtiger Junge, der den Stierkampf veränderte, weil er nicht auswich, sondern stehen blieb und den Stier um sich herumführte.
Flamenco ist keine Folklore für Touristen, sondern eine strenge Kunst mit eigenen Formen, den palos. Jeder palo hat seinen Rhythmus, seine Stimmung, seine Herkunft. Triana hat diesem Kanon etwas Eigenes geschenkt: die soleares de Triana, eine Spielart der soleá, des langsamen, schweren Gesangs, dessen Name von soledad kommt, Einsamkeit. Die Sänger früherer Generationen, die sie geprägt haben, kennen wir oft nur noch aus Erzählungen und aus Strophen, die von Mund zu Mund gingen.
Bleib an einem Abend kurz auf dem Altozano stehen, und mit etwas Glück hörst du aus einem Hinterzimmer das Klatschen der palmas, das trockene Zählen in Zwölferschritten, auf dem die soleá ruht. Jetzt aber geh nach Süden in die Calle Pureza, die parallel zum Fluss verläuft. Nach ein paar Minuten stehst du vor einer Kapelle, in der die wohl meistgeliebte Madonna Trianas wohnt.
-
3. Calle Pureza und die Esperanza de Triana
Calle Pureza 53, 41010 Sevilla, Spain
Die Calle Pureza ist schmal, die Häuser sind niedrig und farbig, gelb, weiß, ochsenblutrot. Zwischen ihnen öffnet sich die Tür einer kleinen Barockkapelle, und oft steht davor eine Traube von Menschen, die nur kurz hineinschauen wollen. Das ist die Capilla de los Marineros, die Kapelle der Seeleute.
Gebaut hat sie im 18. Jahrhundert die Bruderschaft der Seeleute, die Hermandad de los Marineros. Heute ist sie das Zuhause der Esperanza de Triana, einer Madonna mit Tränen auf den Wangen, und Grün, die Farbe der Hoffnung, ist die Farbe ihrer Verehrer. Ihre Bruderschaft ist eine der traditionsreichsten der Stadt, und für viele Trianeros ist sie schlicht la Esperanza, die Hoffnung, als wäre es ein Familienname.
In der Nacht zum Karfreitag, der Madrugada, verlässt sie die Kapelle auf ihrem schwankenden Tragaltar, getragen von Männern, die unter dem Gestell unsichtbar bleiben, den costaleros. Sie zieht über die Brücke in die Stadt bis zur Kathedrale und kehrt erst im Laufe des Karfreitags zurück. Wenn sie wieder in Triana einbiegt, stehen die Menschen dicht an dicht, und irgendwo öffnet sich ein Balkon.
Dann erhebt sich eine einzelne Stimme, ohne Gitarre, ohne Begleitung, und die Menge verstummt. Das ist die Saeta, der Pfeil, ein Gebet, das gesungen wird wie ein Schrei. Alte Saetas gab es schon lange, aber die saeta flamenca, die heute die Prozessionen begleitet, bekam ihre Form erst im frühen 20. Jahrhundert, geprägt von großen Stimmen wie Manuel Torre aus Jerez. Sie verbindet den tiefen Gesang des cante jondo mit der Frömmigkeit der Karwoche. Für einen Moment bleiben die Träger stehen, und die Madonna hört zu.
Die Verbindung zum Wasser ist hier überall zu spüren. Von einer Anlegestelle auf der Triana-Seite, dem Muelle de las Mulas, sollen im August 1519 die Schiffe Magellans abgelegt haben, und Seeleute aus diesem Viertel fuhren auf unzähligen Schiffen nach Amerika. Geh jetzt hinunter zum Fluss, auf die Calle Betis, und ein Stück am Ufer entlang nach Süden. Von dort hast du den schönsten Blick auf Sevilla.
-
4. Calle Betis: Das Ufer Trianas
Calle Betis, 41010 Sevilla, Spain
Lehn dich an die Brüstung über dem Fluss. Hinter dir reihen sich die Häuser der Calle Betis auf, in Gelb, Rosa, Ocker und Weiß. Vor dir, auf der anderen Seite des Guadalquivir, glänzt der zwölfeckige Torre del Oro, und dahinter ragt die Giralda auf. Es ist der Blick, für den selbst die Sevillaner hierherkommen.
Betis ist der alte römische Name des Flusses, Baetis, und nach ihm hieß die ganze römische Provinz Baetica. Die Araber nannten ihn später al-wadi al-kabir, den großen Fluss, und daraus wurde Guadalquivir. In diesem einen Straßennamen steckt also die Antike, und im Fluss davor das Mittelalter. Sogar einer der beiden großen Fußballklubs der Stadt, Real Betis, trägt diesen Namen.
Jedes Jahr im Juli verwandelt sich diese Straße in ein Volksfest, die Velá de Santiago y Santa Ana, deren Wurzeln bis ins Mittelalter reichen. Dann stehen Buden am Ufer, es wird gegessen, getrunken und getanzt, und auf kleinen Bühnen erklingen Sevillanas und Flamenco. Höhepunkt ist die cucaña, ein eingefetteter Balken, der über den Fluss ragt. Wer bis ans Ende balanciert und das Fähnchen greift, ist der Held des Abends. Die meisten landen unter großem Jubel im Wasser.
Die Sevillanas, die du dort hörst, sind übrigens nicht dasselbe wie Flamenco, auch wenn beides oft in einem Atemzug genannt wird. Sie stammen von alten Seguidillas ab, werden paarweise in vier festen Teilen getanzt, und fast jeder in Sevilla kann sie, vom Kind bis zur Großmutter. Flamenco dagegen ist eine Kunst für Profis und Kenner, mit Improvisation und tiefem Ernst. Auf der Feria im Frühling und hier am Ufer verschwimmen die Grenzen, und das ist gut so.
Bevor du weitergehst, noch ein Blick auf das Wasser. Von diesem Fluss brachen die Schiffe nach Amerika auf, und Triana gab nach der Überlieferung dem Mann seinen Namen, der als Erster von Kolumbus' Flotte Land sah: Rodrigo de Triana, Matrose auf der Pinta, am 12. Oktober 1492. Die versprochene Belohnung, so wird erzählt, strich am Ende Kolumbus selbst ein. Geh nun durch eine der Quergassen zurück ins Viertel, zur Kirche Santa Ana, deren Turm du schon über den Dächern siehst.
-
5. Real Parroquia de Santa Ana: Die Kathedrale von Triana
Plaza de Santa Ana, 41010 Sevilla, Spain
Vor dir steht eine Kirche, die eher nach Festung aussieht als nach Gotteshaus: dicke Mauern, Strebepfeiler, ein wuchtiger Turm mit Kacheln an der Spitze. Die Trianeros nennen sie stolz la catedral de Triana. Es ist Santa Ana, die älteste Pfarrkirche von ganz Sevilla.
Gegründet hat sie König Alfonso X., der Weise, in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Die Überlieferung erzählt, er habe an einer schweren Augenkrankheit gelitten und der heiligen Anna, der Mutter Marias, eine Kirche versprochen, falls er geheilt würde. Er wurde geheilt, und er hielt Wort. Damit ist Santa Ana älter als der gotische Bau der Kathedrale auf der anderen Seite des Flusses. Der Bau ist gotisch und schlicht, aber innen haben ihn die Jahrhunderte mit Altären und Bildern gefüllt.
Das wichtigste Kunstwerk liegt beinahe zu deinen Füßen. Es ist die Grabplatte eines gewissen Íñigo López, 1503 auf Keramik gemalt von Niculoso Pisano, einem Italiener aus Pisa, der sich Ende des 15. Jahrhunderts in Triana niederließ. Er brachte eine kleine Revolution mit. Statt Muster in Fliesen zu pressen, wie es die maurischen Meister taten, malte er mit dem Pinsel auf glatte, glasierte Flächen, wie auf eine Leinwand. Ohne ihn gäbe es die Bildkacheln nicht, die dir überall in Sevilla begegnen.
Die Trianeros nennen diese Platte la losa del negro, und warum, dafür gibt es verschiedene Erklärungen. Um sie rankt sich ein Brauch: Unverheiratete Frauen, so erzählt man, sollen ihr einen kleinen Tritt geben, dann finden sie bald einen Mann. Den alten Kacheln hat dieser Brauch nicht gutgetan... aber er zeigt, wie lebendig eine fünfhundert Jahre alte Grabplatte in Triana sein kann.
Die heilige Anna ist auch die Patronin der großen Velá im Juli, und rund um diese Kirche schlägt das Herz des alten Triana. Von hier gehst du ein paar Schritte nach Westen in die lange Calle Pagés del Corro. Sie sieht unscheinbar aus, aber in ihren Höfen wurde Flamencogeschichte geschrieben.
-
6. Calle Pagés del Corro: Die Cava der gitanos
Calle Pagés del Corro, 41010 Sevilla, Spain
Geh langsam die Calle Pagés del Corro entlang. Sie ist lang und leicht gebogen, und wenn du durch eine offene Haustür schaust, siehst du manchmal einen Innenhof mit Blumentöpfen, Kacheln und Wäscheleinen. Nichts hier sieht nach Bühne aus, und doch ist das einer der wichtigsten Orte des Flamenco.
Die Straße folgt dem Verlauf eines alten Grabens, der cava, und ein Abschnitt hieß im Volksmund lange die Cava de los Gitanos. Hier lebten im 18. und 19. Jahrhundert viele gitano-Familien, oft Schmiede. In ihren Werkstätten, den fraguas, schlugen sie Eisen, und mit dem Rhythmus von Hammer und Amboss verbindet man eine der ältesten Formen des Flamencogesangs: den martinete. Er wird ohne Gitarre gesungen, manchmal nur begleitet vom Schlag eines Hammers auf Metall.
Die Geschichte der gitanos in Spanien ist auch eine Geschichte der Verfolgung. Am 30. Juli 1749 ließ die Krone in einer landesweiten Razzia, der Gran Redada, Tausende gitanos verhaften, Männer, Frauen und Kinder. Die Männer wurden in Arsenale und Werften geschickt, die Frauen in Arbeitshäuser, und viele kamen erst nach Jahren frei. Viele Kenner sagen, dass der Ernst, den man im cante jondo, dem tiefen Gesang, bis heute hört, aus solchen Erfahrungen kommt.
Gesungen wurde in den corrales de vecinos, Gemeinschaftshöfen, in denen Dutzende Familien um einen einzigen Patio mit Brunnen wohnten. Hier wurden Taufen gefeiert und Tote betrauert, und es wurde gesungen, für sich, nicht für Publikum. Namen aus jener Zeit wie La Andonda oder Ramón el Ollero, der Töpfer, leben in den soleares de Triana weiter, doch Aufnahmen von ihnen gibt es nicht. Wir kennen ihre Stimmen nur aus den Strophen, die andere weitergesungen haben.
In den 1950er- und 1960er-Jahren ging diese Welt zu Ende. Viele corrales wurden abgerissen oder umgebaut, und die meisten gitano-Familien mussten Triana verlassen, hinaus in neue Siedlungen am Stadtrand. Der Flamenco überlebte, aber er zog auf die Bühnen und in die peñas, die Flamencovereine. Geh jetzt nach Norden bis zur Calle Antillano Campos. Dort wartet die andere große Kunst Trianas, die aus dem Feuer kommt: die Keramik.
-
7. Centro Cerámica Triana: Die Öfen von Santa Ana
Calle Antillano Campos 14, 41010 Sevilla, Spain
Vor dir liegt ein altes Fabrikgebäude an der Calle Antillano Campos, und drinnen öffnen sich dunkle Kammern aus Ziegel: Brennöfen, in denen über Generationen Ton zu Keramik gebrannt wurde. Es riecht nicht mehr nach Rauch, aber die Hitze kannst du dir noch vorstellen.
Das Centro Cerámica Triana wurde 2014 in der ehemaligen Fabrik der Cerámica Santa Ana eröffnet, einer der traditionsreichsten Werkstätten des Viertels. Getöpfert wurde in Triana aber schon viel länger, wohl seit der Antike. Den Ton gab das Flussufer her, und der Fluss trug die fertige Ware in die Welt. Ganze Straßen hießen nach diesem Handwerk, die Calle Alfarería zum Beispiel, die Töpferstraße.
Sogar die beiden Schutzheiligen Sevillas waren Töpferinnen aus Triana: Justa und Rufina. Der Legende nach weigerten sie sich im 3. Jahrhundert, ihre Gefäße für ein heidnisches Fest herzugeben, stürzten ein Götterbild und starben als Märtyrerinnen. Auf vielen Bildern halten die beiden die Giralda zwischen sich, denn man erzählt, sie hätten den Turm bei einem Erdbeben festgehalten. Wenn du in Sevilla zwei Frauen mit Tonkrügen und einem Turm siehst, weißt du jetzt, wer sie sind.
Im 20. Jahrhundert erlebte die Keramik Trianas noch einmal eine große Blüte. Für die Iberoamerikanische Ausstellung von 1929 brannten die Werkstätten Unmengen von Kacheln, für die Plaza de España, für Fassaden, Bänke, Brunnen und Kapellen in der ganzen Stadt. Schau um die Ecke auf die gekachelten Fassaden der Calle San Jorge, dann siehst du, wie sich die Werkstätten selbst ihr Schaufenster bauten.
Und was hat das alles mit Flamenco zu tun? Mehr, als man denkt. Töpfer und Schmiede, gitanos und andere Familien lebten hier Tür an Tür, arbeiteten mit Feuer und Rhythmus, und ihre Lieder wanderten von Hof zu Hof. Nicht umsonst hieß einer der Sänger der alten soleares el Ollero, der Töpfer. Geh jetzt durch die Calle San Jorge nach Osten bis zur Calle Castilla und biege in die schmale Gasse neben der Markthalle. Dort beginnt das dunkelste Kapitel Trianas.
-
8. Castillo de San Jorge und Callejón de la Inquisición
Callejón de la Inquisición, 41010 Sevilla, Spain
Du stehst in einem schmalen, gepflasterten Gang zwischen hohen Mauern, der von der Calle Castilla hinunter zum Fluss führt. Er heißt Callejón de la Inquisición. Gleich daneben summt der Mercado de Triana, mit Ständen voller Oliven, Schinken, Fisch und Kacheln. Und unter diesem Markt liegen die Grundmauern einer Burg.
Das Castillo de San Jorge bewachte seit dem Mittelalter den Zugang zur Schiffsbrücke. 1481 zog hier das erste Tribunal der neuen spanischen Inquisition ein. Im Februar 1481 fand in Sevilla das erste Autodafé statt, und sechs Menschen wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Die Opfer jener ersten Jahre waren vor allem conversos, getaufte Juden und ihre Nachkommen, denen man vorwarf, heimlich am alten Glauben festzuhalten.
Durch diese Gasse, so erzählt man, wurden Gefangene geführt. Die Kerker lagen in der Burg, die Verhöre fanden hinter diesen Mauern statt. Die Inquisition blieb hier mehr als dreihundert Jahre, bis 1785. Erst als der Fluss die feuchten Mauern immer weiter zerstörte, zog sie in die Stadt um. Im 19. Jahrhundert wurde die Burg abgetragen, und auf ihren Resten entstand der Markt. Später traf das Tribunal nicht mehr nur conversos, sondern auch Moriscos, also getaufte Muslime, vermeintliche Protestanten, Frauen, denen man Zauberei vorwarf, und Menschen, die nur ein unbedachtes Wort gesagt hatten.
Seit 2009 kannst du unter dem Markt ein Museum besuchen, das die Ruinen zeigt und die Geschichte der Inquisition erzählt, nüchtern und eindringlich: wie Denunziation funktionierte, wie Angst ein ganzes Viertel durchdrang. Es ist kein Ort für Schauergeschichten, sondern für Fragen. Wer wurde beschuldigt? Wer profitierte davon? Und warum schwiegen die Nachbarn?
Oben im Markt geht das Leben laut weiter, und genau das ist Triana: Über den Ruinen der Angst wird gehandelt, gelacht und gegessen. Probier eine Handvoll Oliven oder schau bei den Keramikständen vorbei. Dann geh die Calle Castilla hinauf nach Nordwesten, bis zu einer Barockkirche mit einem gekachelten Turm.
-
9. Calle Castilla und die Iglesia de la O
Calle Castilla 30, 41010 Sevilla, Spain
Geh die Calle Castilla entlang, eine lange, leicht gekrümmte Straße mit niedrigen Häusern, Türen aus dunklem Holz und Balkonen voller Geranien. Rechts öffnet sich eine Kirchenfassade mit einem gekachelten Turm: Nuestra Señora de la O.
Der Name klingt seltsam, la O, einfach der Buchstabe O. Er stammt aus der Liturgie. In den Tagen vor Weihnachten singt die Kirche alte Antiphonen, die alle mit dem Ausruf O beginnen, O Weisheit, O Morgenstern. Die Virgen de la O ist die Madonna der Erwartung, die Mutter kurz vor der Geburt. Die Kirche entstand Ende des 17. Jahrhunderts, und ihre Bruderschaft verehrt auch einen Christus mit dem Kreuz, der dem großen Bildhauer Pedro Roldán zugeschrieben wird.
Diese Straße hat auch eine musikalische Seite. Triana hat nicht nur Sänger hervorgebracht, sondern auch große Tänzerinnen. Eine der bedeutendsten des 20. Jahrhunderts, Matilde Coral, wurde 1935 in Triana geboren. Sie stand für die Eleganz der Sevillaner Schule, mit dem Schultertuch und dem Kleid mit langer Schleppe, der bata de cola, und sie unterrichtete Generationen von Tänzerinnen. Als sie 2023 starb, nahm ganz Sevilla Abschied.
Und dann ist da eine ganz andere Musik, die den Namen dieses Viertels in die Welt trug. In den 1970er-Jahren gründeten drei junge Musiker in Sevilla eine Band, die Rock mit Flamenco mischte, mit Keyboards, E-Gitarre und der rauen Stimme des cante. Sie nannten sich schlicht Triana. Der Name war ein Programm: Flamenco musste nicht im Museum bleiben, er konnte sich mit allem verbinden. Der sogenannte rock andaluz wurde zum Soundtrack einer Generation, die nach Francos Tod 1975 endlich frei atmen wollte.
Wenn du hier abends unterwegs bist, hörst du manchmal aus einem Hinterhof eine Gitarre, und du weißt nicht, ob es eine soleá ist oder ein Rocksong von damals. Beides gehört hierher. Biege jetzt links in die Gassen ab, hinüber zur Calle Alfarería, der alten Straße der Töpfer.
-
10. Calle Alfarería: Die Straße der Töpfer
Calle Alfarería, 41010 Sevilla, Spain
Die Calle Alfarería trägt ihr Handwerk im Namen, denn alfarería heißt Töpferei. Schau dir die Fassaden an: Kachelbilder mit Heiligen, Hausnummern aus Keramik, Ornamente in Kobaltblau, Gelb und Grün. Hier und in den Nachbarstraßen standen über Jahrhunderte die Werkstätten und Öfen Trianas.
Die Formen, die du hier siehst, haben eine lange Geschichte. Die maurischen Fliesenmacher arbeiteten mit Techniken wie der cuerda seca, bei der eine fetthaltige Linie die Farben voneinander trennt, und der arista, bei der erhabene Grate die Farbfelder bilden. Dann kam Niculoso Pisano mit seinem Pinsel, und später die Fabriken des 19. Jahrhunderts mit ihren Serienmustern. All das findest du in diesem Viertel, manchmal an einer einzigen Hauswand. Und das Wort azulejo kommt übrigens nicht von azul, blau, sondern vom arabischen az-zulaij, dem kleinen polierten Stein.
Diese Straßen sind auch die Bühne für ein Fest, das ganz Andalusien in Bewegung bringt. Jedes Jahr vor Pfingsten bricht die Rocío-Bruderschaft von Triana zur Wallfahrt ins Dorf El Rocío auf, am Rand der Marschen von Doñana, mehrere Tage lang zu Fuß, zu Pferd und mit Wagen. Begleitet wird der Zug von Flöte und Trommel und vor allem von Sevillanas rocieras, Liedern, die man unterwegs singt, abends am Feuer und morgens wieder auf dem Weg.
Im Mittelpunkt steht der simpecado, ein Banner mit dem Bild der Madonna, auf einem prächtigen Wagen, den Ochsen ziehen. Wenn er durch Triana rollt, stehen die Nachbarn mit Blumen in den Türen, und Frauen in Flamencokleidern tanzen auf der Straße. Es ist der Moment, in dem Volksmusik, Glaube und Nachbarschaft zu einem einzigen großen Lied werden.
Wenn du hier einen Teller oder eine Kachel mitnimmst, nimmst du ein Stück dieser langen Geschichte mit nach Hause. Jetzt geh weiter nach Norden, zurück zur Calle Castilla und bis an ihr Ende. Dort wartet die letzte Station, ein Christus, um den sich die berühmteste Legende Trianas rankt.
-
11. Basílica del Cristo de la Expiración: Der Cachorro
Calle Castilla 182, 41010 Sevilla, Spain
Am Ende der Calle Castilla stehst du vor der Basilika, in der Triana seinen berühmtesten Christus verwahrt. Drinnen hängt er am Kreuz, den Kopf nach oben gewandt, den Mund halb geöffnet, im letzten Atemzug. Die Sevillaner nennen ihn nicht bei seinem offiziellen Namen, Cristo de la Expiración, sondern einfach el Cachorro.
Geschnitzt hat ihn 1682 der junge Bildhauer Francisco Antonio Gijón. Und um sein Gesicht rankt sich die schönste und traurigste Legende Trianas. Man erzählt, ein gitano mit dem Spitznamen el Cachorro, das Hündchen, sei Nacht für Nacht über die Brücke gegangen, um heimlich eine Geliebte zu besuchen. Eines Nachts wurde er niedergestochen, und Gijón, der davon hörte, eilte zu ihm und zeichnete das Gesicht des Sterbenden. Aus dieser Skizze, so die Legende, entstand der Christus.
Ob es stimmt, weiß niemand, aber die Legende sagt etwas Wahres über Triana: dass hier ein Mann von der Straße, ein gitano, zum Gesicht Gottes werden konnte. Am Nachmittag des Karfreitags verlässt der Cachorro seine Basilika und zieht über die Brücke in die Stadt. Wenn er sich über dem Fluss gegen den Himmel abzeichnet, wird es an beiden Ufern still.
Und dann kommen die Saetas. Jemand tritt an ein Fenster oder auf einen Balkon, und ohne Gitarre, ohne Mikrofon, mit nichts als der eigenen Stimme, singt er dem sterbenden Christus seine Strophe entgegen. Wer das einmal erlebt hat, versteht, dass Flamenco nicht nur Unterhaltung ist. Er ist die Art, wie dieses Viertel betet, trauert und sich erinnert.
Damit endet dein Weg durch Triana. Du hast die Brücke überquert, die Kapelle der Seeleute gesehen, die Höfe der Schmiede, die Öfen der Töpfer und die Mauern der Inquisition. Die gitano-Familien, die diesen Gesang so tief geprägt haben, leben heute größtenteils nicht mehr hier, doch ihre Stimmen sind in den Straßen geblieben. Geh zurück zum Fluss, und wenn die Sonne untergeht, schau hinüber auf Sevilla, so wie es die Trianeros seit Jahrhunderten tun... von ihrer Seite des Wassers aus.