Trastevere und das Ghetto: Roms Dorf jenseits des Tibers
Von der Brücke eines eitlen Papstes durch die Gassen von Trastevere, zu Berninis Ludovica und der heiligen Cäcilie, über die Tiberinsel bis ins jüdische Ghetto von Rom: Brücken, Heilige, Artischocken und Erinnerung
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1. Ponte Sisto: Die Brücke des Papstes Sixtus
Ponte Sisto, 00186 Roma RM, Italy
Bleib mitten auf der Brücke stehen und dreh dich flussaufwärts. Über dem grünen Wasser, zwischen Platanen und Dächern, schwebt die Kuppel des Petersdoms. Unter deinen Füßen trägt ein Bogen aus Travertin und Ziegeln seit über fünfhundert Jahren Menschen von einem Rom ins andere: vom Rom der Paläste und Kardinäle hinüber ins Rom der Gassen, nach Trastevere.
Dass diese Brücke überhaupt steht, verdankt sie einer Katastrophe. Im Heiligen Jahr 1450 drängten sich die Pilger auf der Engelsbrücke, damals dem einzigen bequemen Weg zum Petersdom. Eine Panik brach aus, Menschen wurden erdrückt oder stürzten in den Fluss, weit über hundert starben. Als Papst Sixtus IV. das nächste Heilige Jahr vorbereitete, das von 1475, ließ er hier eine neue Brücke bauen, auf den Resten einer antiken, die seit Jahrhunderten zerstört im Wasser lag.
Es war die erste Brücke, die Rom seit der Antike neu errichtete. Sixtus, ein ehrgeiziger Franziskaner aus Ligurien, ließ in denselben Jahren im Vatikan auch eine Kapelle bauen, die bis heute seinen Namen trägt: die Sixtinische Kapelle. Bescheiden war er nicht. Eine lateinische Inschrift an der Brücke bittet dich, den Vorübergehenden, ganz ausdrücklich, Gott um ein langes Leben für den Papst zu bitten, dem du diesen trockenen Weg verdankst.
Jetzt schau auf den mittleren Pfeiler. Siehst du das runde Loch über dem Wasser? Die Römer nennen es Occhialone, die große Brille. Es macht die Brücke leichter und lässt bei Hochwasser den Fluss durch. Und die Leute am Ufer lasen daran den Tiber ab: Stieg das Wasser bis an dieses Auge, wusste man in Trastevere und drüben im Ghetto, dass man Betten und Vorräte schleunigst in den oberen Stock tragen sollte.
Heute gehört die Brücke den Fußgängern, den Straßenmusikern und den Paaren, die sich am Geländer fotografieren. Geh jetzt hinüber ans Südufer. Am Ende der Brücke öffnet sich ein Platz mit einem großen Brunnen und vielen Stufen... und dort beginnt das Dorf jenseits des Tibers.
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2. Piazza Trilussa: Der Brunnen, der über den Fluss zog
Piazza Trilussa, 00153 Roma RM, Italy
Setz dich ruhig einen Moment auf die Stufen des großen Brunnens. Abends ist hier kaum ein Platz frei: Studenten mit Bierflaschen, jemand mit Gitarre, Touristen mit Eis, und über allem das Rauschen des Wassers, das aus einem steinernen Bogen in das Becken stürzt. Der Brunnen sieht aus, als hätte er schon immer hier gestanden. Hat er aber nicht.
Gebaut wurde er 1613 unter Papst Paul V., als prächtiges Schaufenster für die Acqua Paola, eine antike Wasserleitung, die der Papst wiederherstellen ließ. Ursprünglich stand er auf der anderen Flussseite, am Ende der Via Giulia, angelehnt an ein Hospiz für Arme. Als Rom Ende des 19. Jahrhunderts die hohen Ufermauern gegen die Hochwasser baute, war er im Weg. Man nahm ihn Stein für Stein auseinander, und 1898 wurde er hier wieder aufgebaut... als hätte er einfach die Brücke überquert.
Der Platz selbst trägt den Namen eines Dichters, den in Trastevere jedes Kind kennt. Such die Bronzefigur eines Mannes, der sich lässig an eine Mauer lehnt. Das ist Trilussa, mit bürgerlichem Namen Carlo Alberto Salustri; sein Künstlername ist ein Anagramm des Nachnamens. Er schrieb im Romanesco, dem Dialekt der kleinen Leute, Fabeln voller Tiere, die verdächtig nach Politikern klangen.
Sein berühmtester Spott gilt der Statistik: Wenn ich zwei Hühner esse und du keines, dann haben wir laut Statistik jeder eins gegessen. Unter dem Faschismus wagte er mit solchen Versen mehr als viele andere, und die Römer liebten ihn dafür. Am 1. Dezember 1950 ernannte ihn der Staatspräsident zum Senator auf Lebenszeit. Trilussa starb drei Wochen später. Ein Leben lang Satiriker, und am Ende beinahe selbst eine Pointe.
Trastevere kommt übrigens von trans Tiberim, jenseits des Tibers. Hier lebten Fischer, Flößer, Gerber und Handwerker, im Mittelalter auch ein großer Teil der jüdischen Gemeinde, und die Trasteveriner hielten sich für die einzig echten Römer. Geh jetzt in die schmale Via del Moro hinein und folge ihr bis zu einem kleinen Platz. Dort steht eine schlichte Kirchenfassade, an der sich einer der großen Kunstskandale Roms entzündet hat.
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3. Santa Maria della Scala: Caravaggios verschmähte Madonna
Piazza della Scala 23, 00153 Roma RM, Italy
Vor dir steht eine Kirchenfassade, so nüchtern, dass du fast an ihr vorbeigegangen wärst. Keine Kuppel, kein Marmorfeuerwerk, nur heller Putz und ein wenig Travertin. Doch an dieser unscheinbaren Kirche der Karmeliter hat sich einer der berühmtesten Skandale der Kunstgeschichte abgespielt.
Der Name kommt von einer Treppe, scala auf Italienisch. Der Überlieferung nach hing an einer Treppe in einem Haus dieses Viertels ein Marienbild, und als eine Mutter davor für ihr krankes Kind betete, wurde es gesund. Um das Bild herum entstand ab 1593 diese Kirche, und die Karmeliter zogen ein.
Wenige Jahre später bestellte ein päpstlicher Jurist namens Laerzio Cherubini für seine Kapelle hier ein Altarbild, und zwar beim gefährlichsten Maler Roms: Caravaggio. Das Thema war der Tod Marias. Caravaggio lieferte eine Tote. Eine Frau im roten Kleid, der Leib geschwollen, die Füße nackt, um sie herum Apostel, die weinen wie Nachbarn bei einer Beerdigung in Trastevere. Kein Himmel, keine Engel, keine Verklärung. Caravaggio war damals schon berühmt und berüchtigt, ständig in Raufereien verwickelt; 1606 musste er nach einem tödlichen Degenkampf aus Rom fliehen.
Die Mönche lehnten das Bild ab. Schon damals erzählte man sich, Caravaggio habe als Modell eine Ertrunkene aus dem Tiber genommen, vielleicht eine Kurtisane... beweisen lässt sich das nicht. Doch dann empfahl ein junger Maler aus Flandern, der gerade in Italien arbeitete, dem Herzog von Mantua, das verschmähte Bild sofort zu kaufen. Sein Name: Peter Paul Rubens, geboren übrigens im westfälischen Siegen. Heute hängt der Tod Marias im Louvre, und in der Kapelle hier siehst du an seiner Stelle ein braves Ersatzbild.
Gleich neben der Kirche lebt eine ganz andere Erinnerung weiter: die alte Apotheke der Karmeliter aus dem 17. Jahrhundert, wo die Brüder Kräuter mischten und Arzneien, so heißt es, bis in die päpstlichen Paläste lieferten. Die hölzernen Schränke und die Gefäße aus Majolika sind noch da. Geh jetzt die kurze Via della Paglia hinunter. Nach wenigen Schritten stehst du auf dem schönsten Platz von Trastevere.
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4. Santa Maria in Trastevere: Goldmosaik und Ölquelle
Piazza di Santa Maria in Trastevere, 00153 Roma RM, Italy
Stell dich neben den achteckigen Brunnen in der Mitte des Platzes und schau zur Kirchenfassade hinauf. Ganz oben glänzt ein Band aus Goldmosaik: In der Mitte thront Maria mit dem Kind, und von links und rechts nähern sich Frauen mit Lampen in den Händen, als kämen sie zu einem Fest. Abends, wenn die Scheinwerfer angehen, leuchtet das Gold über den ganzen Platz.
Santa Maria in Trastevere gilt als eine der ältesten Marienkirchen Roms. Die Tradition führt ihre Gründung auf Papst Calixtus im dritten Jahrhundert zurück, als die Christen noch verfolgt wurden, und im vierten Jahrhundert stand hier sicher schon eine Basilika. Der Bau, den du siehst, stammt aus dem 12. Jahrhundert, errichtet unter Innozenz II., einem Papst aus einer Familie von Trastevere. Für das Innere ließ er mächtige antike Granitsäulen aus den Ruinen der alten Stadt holen.
Und dann ist da die seltsamste Legende des Viertels. Im Jahr 38 vor Christus, so erzählt man, sprudelte genau an dieser Stelle plötzlich Öl aus dem Boden und floss einen ganzen Tag lang zum Tiber. Die Christen deuteten das später als Vorzeichen für die Geburt Christi, des Gesalbten. Drinnen, nahe dem Altar, erinnert eine kleine Inschrift daran: Fons olei, die Ölquelle.
Wenn die Kirche offen ist, geh hinein und schau in die Apsis. Dort sitzt Christus auf einem Thron, und neben ihm, auf gleicher Höhe, seine Mutter. Er hat den Arm um ihre Schulter gelegt, eine zärtliche, beinahe familiäre Geste, die in der Kunst jener Zeit sehr selten ist. Darunter erzählen Mosaiken von Pietro Cavallini aus dem späten 13. Jahrhundert das Leben Marias, mit Häusern, Betten und Tieren, so lebendig, dass manche darin schon einen Vorboten Giottos sehen.
Der Brunnen hinter dir ist selbst ein Veteran: seit der Antike immer wieder erneuert, zuletzt Ende des 17. Jahrhunderts von Carlo Fontana in seine heutige Form gebracht. Er ist das Wohnzimmer des Viertels, hier trifft man sich, streitet, verabredet sich. Verlass den Platz jetzt nach Osten und folge der Via della Lungaretta, einer langen, geraden Gasse voller Trattorien, bis sie auf eine breite Straße mit Straßenbahngleisen trifft.
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5. San Crisogono & Torre degli Anguillara: Das Fest von uns anderen
Piazza Sidney Sonnino 44, 00153 Roma RM, Italy
Hier, wo die enge Via della Lungaretta plötzlich auf den breiten, lauten Viale di Trastevere stößt, spürst du einen Bruch. Straßenbahnen rattern vorbei, Autos hupen, und auf der anderen Seite geht die alte Gasse weiter, als wäre nichts gewesen. Diesen Boulevard schlug die Stadt nach 1870, als Rom Hauptstadt Italiens geworden war, mitten durch das Viertel. Ein Schnitt durch ein Dorf.
Schau nach dem wuchtigen Ziegelturm an der Ecke. Das ist die Torre degli Anguillara, ein Wohnturm aus dem Mittelalter, als die großen Familien Roms sich in befestigten Häusern verschanzten und gegeneinander Fehden führten. Die Anguillara waren Grafen und Söldnerführer, gefürchtet und gut vernetzt. Heute beherbergt das Gebäude die Casa di Dante, wo man in öffentlichen Lesungen der Göttlichen Komödie lauscht. Vom Fehdeturm zum Dichterhaus... Rom wirft nichts weg.
Auf der anderen Seite des Platzes steht die Kirche San Crisogono mit ihrem schlanken romanischen Glockenturm aus dem 12. Jahrhundert. Die Fassade ist barock, das Innere prächtig, aber das eigentliche Geheimnis liegt darunter. Eine Treppe führt hinab zu den Resten einer viel älteren Kirche aus frühchristlicher Zeit, einer der ersten Gemeindekirchen Roms, mit verblassten Fresken und Gräbern. Du stehst hier also auf mehreren Stockwerken Geschichte.
Jeden Juli wird es hier laut und fromm zugleich. Dann feiert Trastevere die Festa de' Noantri. Eine Statue der Madonna del Carmine wird aus der nahen Kirche Sant'Agata auf den Schultern der Männer des Viertels in einer Prozession durch die Gassen getragen und bleibt einige Tage hier in San Crisogono. Danach gibt es Musik, Essen an langen Tischen und Feuerwerk.
Der Name sagt alles über Trastevere. Noantri heißt wir anderen, und gemeint sind die Trasteveriner. Voantri, ihr anderen, das ist der ganze Rest von Rom auf der anderen Seite des Flusses. Hier sind selbst die Nachbarn Ausländer. Überquere jetzt vorsichtig den Viale, geh auf ihm ein Stück nach Süden und biege links in die Via di San Francesco a Ripa ein. Folge ihr bis zum Ende, zu einer großen Kirche an einem stillen Platz.
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6. San Francesco a Ripa: Berninis selige Ludovica
Piazza di San Francesco d'Assisi 88, 00153 Roma RM, Italy
Tritt in die Kirche, geh im linken Seitenschiff nach vorn bis zur letzten Kapelle und bleib dort stehen. Auf einem Lager aus Marmor liegt eine Frau, den Kopf zurückgeworfen, die Lippen leicht geöffnet, die Hände an die Brust gedrückt. Ihr Gewand wirft so wilde Falten, als fahre ein Sturm durch den Stein. Und von oben fällt Licht aus einem Fenster, das du nicht sehen kannst.
Das ist die selige Ludovica Albertoni, eine römische Adlige, die um 1500 hier in Trastevere lebte. Als ihr Mann starb, verschenkte sie ihr Vermögen an die Armen des Viertels und pflegte Kranke; als das Geld aufgebraucht war, so erzählt man, gab sie sogar ihre Kleider weg. Sie starb 1533. Fast anderthalb Jahrhunderte später wurde sie seliggesprochen, und ihre Familie, inzwischen eng mit dem regierenden Papst verbunden, wollte ein Denkmal.
Den Auftrag bekam Gian Lorenzo Bernini, damals über siebzig und unbestrittener Herrscher der römischen Kunst. Es ist eines seiner letzten großen Werke, vollendet um 1674, und eines seiner rätselhaftesten. Siehst du hier den Todeskampf einer Frau? Oder die Ekstase, den Augenblick, in dem die Seele mit Gott verschmilzt? Bernini lässt es offen, so wie bei seiner berühmten heiligen Teresa auf der anderen Seite der Stadt, und genau diese Zweideutigkeit verwirrt und fasziniert die Besucher seit Jahrhunderten.
Unter demselben Dach liegt ein ganz anderer Ort. Franz von Assisi soll bei einem seiner Besuche in Rom hier gewohnt haben, damals ein Hospiz für Pilger und Kranke. In seiner kleinen Zelle zeigen die Brüder einen Stein, den er als Kopfkissen benutzt haben soll. Der Heilige der Armut und die sinnlichste Skulptur Berninis, nur ein paar Mauern voneinander entfernt... so etwas bringt nur Rom fertig.
Ripa heißt übrigens Ufer. Ganz in der Nähe lag der Hafen Ripa Grande, wo bis ins 19. Jahrhundert die Schiffe vom Meer anlegten und Wein, Öl und Getreide brachten. Verlass jetzt die Kirche und geh die Via Anicia nach Nordosten, durch stille Gassen in Richtung Fluss. Hinter einem Tor mit Vorhof wartet die Schutzheilige der Musik.
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7. Santa Cecilia in Trastevere: Die Heilige im Marmor
Piazza di Santa Cecilia 22, 00153 Roma RM, Italy
Geh durch das Tor in den stillen Vorhof mit seinem Garten und schau auf die große antike Marmorvase in der Mitte. Dahinter liegt die Kirche, ein wenig zurückgesetzt, als wolle sie nicht auffallen. Doch unter ihrem Hochaltar wartet eine der ergreifendsten Skulpturen Roms.
Cäcilia war, so berichtet die Legende, eine junge Römerin aus vornehmer Familie, die Christin wurde und hier, in ihrem eigenen Haus, das Martyrium erlitt. Man versuchte, sie im heißen Dampf ihres Bades zu ersticken, doch sie überlebte. Dann sollte ein Henker sie enthaupten. Er schlug dreimal zu, mehr erlaubte das Gesetz nicht, und konnte den Kopf nicht vom Körper trennen. Drei Tage lang lebte sie noch, betete und verschenkte ihren Besitz.
Im Jahr 1599 ließ ein Kardinal ihren Sarkophag öffnen. Zeugen berichteten, der Körper sei unversehrt gewesen, auf der Seite liegend, das Gesicht abgewandt. Der junge Bildhauer Stefano Maderno hat sie genau so in Marmor gelegt: eine schmale Gestalt, die Knie leicht angezogen, das Gesicht zum Boden gedreht, und am Hals siehst du den feinen Schnitt der Klinge. An der einen Hand sind drei Finger ausgestreckt, an der anderen einer. Viele lesen darin ein letztes stummes Bekenntnis: drei Personen, ein Gott.
Und warum ist sie die Schutzheilige der Musik? Wegen eines einzigen Satzes in ihrer Legende. Während bei ihrer Hochzeit die Instrumente spielten, sang sie in ihrem Herzen allein für Gott. Aus diesem Bild wurde mit den Jahrhunderten die Heilige an der Orgel. Nach ihr sind Chöre und Musikakademien in aller Welt benannt, auch die berühmte Accademia di Santa Cecilia hier in Rom.
Im Kloster der Nonnen nebenan verbirgt sich noch ein Schatz: ein großes Fresko des Jüngsten Gerichts von Pietro Cavallini, gemalt um 1290 und erst um 1900 wiederentdeckt. Seine Engel tragen Flügel in schillernden Farbverläufen, wie Gefieder im Gegenlicht. Verlass den Vorhof jetzt und geh durch die Gassen nach Norden, Richtung Tiberinsel, bis zu einem kleinen, schiefen Platz kurz vor dem Fluss.
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8. Piazza in Piscinula: Die älteste Glocke und das Haus der Mattei
Piazza in Piscinula, 00153 Roma RM, Italy
Dieser kleine, unregelmäßige Platz hat etwas von einer Theaterkulisse. Auf der einen Seite ein mittelalterliches Haus mit Bogenfenstern, auf der anderen eine winzige Kirche mit einem Glockentürmchen, das wie ein Spielzeug aussieht. Kaum jemand bleibt hier stehen. Genau deshalb solltest du es tun.
Der Name klingt nach Schwimmbad, und das ist kein Zufall. Piscinula heißt kleines Becken, vermutlich gab es hier in der Antike ein öffentliches Bad. Die Kirche heißt San Benedetto in Piscinula. Die Überlieferung sagt, dass der junge Benedikt von Nursia hier wohnte, als er um das Jahr 500 in Rom studierte, bevor ihn das lockere Leben der Großstadt so abstieß, dass er in die Berge floh. Aus dieser Flucht wurden die Benediktiner und mit ihnen das abendländische Mönchtum.
Schau hinauf zum Glockenturm, einem der kleinsten romanischen Kirchtürme der Stadt. Darin hängt eine Glocke, die auf das Jahr 1069 datiert wird und als eine der ältesten Glocken Roms gilt. Fast tausend Jahre läutet sie über diesem Platz, über Pest, Hochwasser und Plünderungen hinweg. Wenn sie läutet, hört das halbe Viertel zu, und die Tauben auf dem Platz fliegen auf.
Das Haus gegenüber, die Casa dei Mattei, gehörte einer der mächtigen Familien Roms. Die Mattei hatten hier im Mittelalter ihren Stammsitz, bevor sie auf die andere Flussseite zogen. Warum, darüber erzählt man sich in Trastevere eine finstere Geschichte: Bei einer Hochzeit im Haus sei ein Streit eskaliert, Degen wurden gezogen, und es floss so viel Blut, dass die Familie dem Viertel für immer den Rücken kehrte. Ob es stimmt? Niemand weiß es. Aber die Trasteveriner erzählen es gern.
Von hier aus sind es nur noch ein paar Schritte bis zum Ufer. Vor dir, mitten im Fluss, liegt eine Insel, geformt wie ein Schiff, mit einem Krankenhaus, einer Kirche und einem mittelalterlichen Turm. Geh über die kleine Brücke direkt vor dir, die Ponte Cestio, auf die Tiberinsel und bleib vor der Kirche auf dem Inselplatz stehen.
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9. Tiberinsel: Ponte Cestio, Ponte Rotto und Ponte Fabricio
Piazza di San Bartolomeo all'Isola, 00186 Roma RM, Italy
Bleib auf dem kleinen Platz vor der Kirche San Bartolomeo stehen und schau dich um. Du stehst auf einer Insel mitten im Tiber, kaum dreihundert Meter lang, und links und rechts rauscht das Wasser an den Ufermauern entlang. Hinter dir liegt die Ponte Cestio, über die du gerade gekommen bist. Vor dir wartet die älteste Brücke Roms, die noch genau so benutzt wird wie vor zweitausend Jahren.
Seit der Antike ist diese Insel ein Ort der Heilung. Im Jahr 293 vor Christus wütete in Rom eine Seuche, und die Römer schickten ein Schiff nach Epidauros in Griechenland, zum Heiligtum des Heilgottes Äskulap. Die Legende erzählt, dass eine heilige Schlange an Bord kroch, in Rom ins Wasser glitt und genau hier an Land schwamm. Also baute man dem Äskulap auf der Insel einen Tempel und gab ihr mit Travertinblöcken die Form eines Schiffes. Am Südende sind noch Reste dieses steinernen Bugs zu sehen.
Die Heilung hat die Insel nie verlassen. Seit 1584 betreiben hier die Barmherzigen Brüder, die Fatebenefratelli, ihr Krankenhaus. Und im Herbst 1943, als die SS in Rom Juden jagte, erfanden Ärzte dieses Hospitals eine Krankheit, die es nicht gab, den Morbus K. Sie versteckten Verfolgte auf einer Station mit angeblich hochansteckenden Patienten, und die deutschen Soldaten wagten sich nicht hinein. Der Arzt Giovanni Borromeo wurde später als Gerechter unter den Völkern geehrt.
Schau jetzt flussabwärts. Dort steht mitten im Wasser ein einzelner, einsamer Bogen: die Ponte Rotto, die kaputte Brücke. Sie war einmal die Pons Aemilius, die erste Steinbrücke Roms, aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus. Immer wieder wurde sie repariert und wieder fortgerissen, bis das große Hochwasser von 1598 sie endgültig zerbrach. Seither steht der Rest da wie ein Denkmal für die Geduld des Flusses.
Und nun zur Brücke im Norden, der Ponte Fabricio. Ein Beamter namens Lucius Fabricius ließ sie 62 vor Christus bauen, und sein Name steht noch heute in der Inschrift auf dem Bogen. Die Römer nennen sie Ponte dei Quattro Capi, wegen der vierköpfigen Steinpfeiler am Geländer. Der Volksmund erzählt, Papst Sixtus V. habe vier zerstrittene Baumeister köpfen lassen und ihre Gesichter hier verewigt... reine Legende. Geh über diese Brücke ans andere Ufer. Direkt vor dir erhebt sich eine große Kuppel, aber sie gehört keiner Kirche.
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10. Tempio Maggiore: Die Große Synagoge von Rom
Lungotevere de' Cenci, 00186 Roma RM, Italy
Du stehst vor dem Tempio Maggiore, der Großen Synagoge von Rom, und das Erste, was dir auffällt, ist die Kuppel. Sie ist nicht rund, sondern viereckig, mit Aluminium gedeckt, in einem matten Blaugrau, und in der ganzen Stadt gibt es keine zweite wie sie. Zwischen hundert Kirchenkuppeln sagt sie jedem, der vom Gianicolo oder vom Aventin herüberschaut: Wir sind auch noch da.
Und das schon sehr lange. Die jüdische Gemeinde Roms gilt als die älteste ununterbrochen bestehende jüdische Gemeinde Europas. Bereits im zweiten Jahrhundert vor Christus kamen jüdische Gesandte nach Rom, und seither hat es in dieser Stadt immer Juden gegeben, länger als es Päpste gibt. Sie pflegen einen eigenen Ritus, weder sefardisch noch aschkenasisch, sondern italienisch, mit Melodien, die nirgendwo sonst gesungen werden.
Die Synagoge wurde 1904 eingeweiht, und ihr Bau war ein Akt der Befreiung. Über drei Jahrhunderte lang hatten die Juden Roms hinter den Mauern des Ghettos leben müssen. Erst 1870, als Rom zum Königreich Italien kam, fielen die Schranken, und in den folgenden Jahrzehnten wurde das alte Ghetto abgerissen. Auf dem frei gewordenen Gelände setzten die Architekten Vincenzo Costa und Osvaldo Armanni diesen Bau in einem bewusst fremden, orientalisch anmutenden Stil hin: stolz, sichtbar, unübersehbar.
Zwei Daten gehören zu diesem Ort. Am 9. Oktober 1982 griffen palästinensische Terroristen nach dem Gottesdienst die Gläubigen vor der Synagoge an. Der zweijährige Stefano Gaj Taché starb, Dutzende wurden verletzt. Und am 13. April 1986 kam Johannes Paul II. hierher; zum ersten Mal in der überlieferten Geschichte betrat ein Papst eine Synagoge. Er nannte die Juden unsere älteren Brüder. Für eine Gemeinde, die Päpste jahrhundertelang in ein Ghetto gesperrt hatten, war das ein Satz von großem Gewicht.
Im Untergeschoss erzählt das Jüdische Museum diese Geschichte weiter, mit kostbaren Torarollen, Textilien und Dokumenten aus dem Ghetto. Vor dem Eingang siehst du wahrscheinlich bewaffnete Wachen; sie gehören hier zum Alltag. Geh jetzt links an der Synagoge vorbei in die Via del Portico d'Ottavia, die alte Hauptstraße des Ghettos, bis zu den antiken Säulen an ihrem Ende.
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11. Portikus der Octavia: Fischmarkt, Ghetto und der 16. Oktober 1943
Via del Portico d'Ottavia 29, 00186 Roma RM, Italy
Vor dir ragen die Ruinen einer antiken Säulenhalle aus dem Pflaster: korinthische Säulen, ein Giebel, dazwischen Ziegelflicken aus späterer Zeit, und mitten hinein gebaut der Eingang einer kleinen Kirche. Rundherum Tische von Restaurants, Kinder auf Rollern, alte Männer im Gespräch. Das ist der Portikus der Octavia, und er erzählt gleich drei Geschichten.
Die erste ist kaiserlich. Augustus ließ diese Säulenhalle für seine Schwester Octavia errichten, eine riesige Anlage mit Tempeln, Bibliotheken und Kunstwerken. Nach einem Brand wurde sie um 200 nach Christus erneuert. Im Mittelalter wurde daraus der Fischmarkt Roms. Such die Marmortafel an der Wand: Sie bestimmte, dass von jedem Fisch, der länger war als die Tafel, der Kopf an die Stadtväter abzuliefern war. Fischköpfe galten als Delikatesse für die Suppe.
Die zweite Geschichte ist bitter. 1555 sperrte Papst Paul IV. die Juden Roms in ein Ghetto, ein paar Gassen am Fluss, die bei jedem Hochwasser überschwemmt wurden. Nachts wurden die Tore verschlossen. In die Kirche Sant'Angelo in Pescheria, hier im Portikus, mussten Juden zu Bekehrungspredigten erscheinen. Man erzählt, manche hätten sich Wachs in die Ohren gesteckt, um kein Wort hören zu müssen.
Die dritte Geschichte trägt ein Datum: 16. Oktober 1943. Wenige Wochen zuvor hatte der SS-Chef in Rom, Herbert Kappler, von der Gemeinde fünfzig Kilo Gold verlangt, binnen sechsunddreißig Stunden. Römer, Juden wie Nichtjuden, brachten das Gold zusammen. Es half nichts. Im Morgengrauen jenes Samstags umstellten deutsche Soldaten das Viertel, und über tausend Menschen wurden nach Auschwitz deportiert. Nur sechzehn von ihnen kehrten zurück.
Der kleine Platz hier heißt heute Largo 16 ottobre 1943. Und schau vor einigen Hauseingängen zu Boden: kleine Messingplatten im Pflaster, mit Namen, Geburtsjahr und dem Tag der Deportation. Es sind Stolpersteine, eine Idee des deutschen Künstlers Gunter Demnig. Bleib bei einem stehen und lies den Namen leise vor. Dann geh weiter in die schmale Via della Reginella, die von der Hauptstraße nach Norden abzweigt.
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12. Via della Reginella: Die Gasse, die das Ghetto überlebte
Via della Reginella, 00186 Roma RM, Italy
Geh langsam durch diese enge Gasse und schau an den Fassaden hinauf: hohe, schmale Häuser, dicht aneinandergedrängt, mit Fenstern bis unter das Dach. Die Via della Reginella ist eine der wenigen Straßen, die vom alten Ghetto übrig geblieben sind. So eng und so hoch war hier einmal alles.
Das Ghetto war winzig, nur wenige Hektar groß, und darin lebten zeitweise mehrere tausend Menschen. Weil man nicht in die Breite bauen durfte, baute man in die Höhe, Stockwerk um Stockwerk. Jahrhundertelang war den Juden fast jeder Beruf verboten, außer dem Handel mit Altkleidern und Trödel. Also flickten, nähten und verkauften sie, und aus Resten machten sie etwas Neues. Genau das taten sie auch in der Küche.
Die jüdisch-römische Küche ist eine Kunst der Armut. Am berühmtesten sind die Carciofi alla giudia, Artischocken nach jüdischer Art: im Ganzen in Olivenöl frittiert, bis sie sich öffnen wie eine bronzene Blüte und knistern wie Pergament. Dazu kommen frittierte Zucchiniblüten und zum Nachtisch die dunkle Pizza ebraica, ein hartes, süßes Gebäck voller Mandeln, Pinienkerne und kandierter Früchte. Wenn du in diesen Gassen eine Bäckerei mit einer Schlange davor siehst, stell dich einfach an.
Erst 1870 wurde das Ghetto aufgelöst, als letztes in Westeuropa, und bald darauf ließ die Stadt die meisten seiner Häuser abreißen, auch um die Hochwassergefahr zu bannen. Mit den neuen Ufermauern verschwand ein ganzes Labyrinth. Was blieb, ist dieses kleine Viertel, das die Römer bis heute einfach il Ghetto nennen, ohne Bitterkeit, fast zärtlich. Hier wohnen noch immer jüdische Familien, hier gibt es Schulen, koschere Läden und das Leben einer Gemeinde.
Damit endet dein Weg durch das Dorf jenseits des Tibers und wieder zurück. Du bist über die Brücke eines eitlen Papstes gekommen, hast eine Heilige im Marmor schlafen sehen, eine Insel der Heilung betreten und Namen im Pflaster gelesen. Rom erzählt seine Geschichten nicht nacheinander, sondern übereinander, Schicht auf Schicht. Und wenn du dir jetzt hier eine Artischocke bestellst... dann bist du für einen Moment selbst ein Teil davon.