Prag verborgen: Kleinseite, Kampa und der Garten der Botschaft
Vom Botschaftsgarten der Flüchtlinge von 1989 über barocke Terrassengärten, das Prager Jesulein und die Schützeninsel bis zur Teufelsbach-Gasse und zur John-Lennon-Mauer
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1. Deutsche Botschaft im Palais Lobkowicz: Der Garten von 1989
Vlašská 19, 118 00 Praha 1, Czechia
Bleib vor dem Gittertor in der Vlašská stehen und schau auf die helle Barockfassade mit dem Bundesadler neben dem Eingang. Ein stilles Palais, ein Wachmann, dahinter ein Garten, der sich den Hang des Petřín hinaufzieht... und genau hier hat die deutsche Geschichte im Herbst 1989 eine Abzweigung genommen.
Das Palais Lobkowicz entstand zu Beginn des 18. Jahrhunderts nach Plänen von Giovanni Battista Alliprandi, einem jener italienischen Baumeister, denen die ganze Gasse ihren Namen verdankt: Vlašská heißt nichts anderes als die Welsche, die Italienische Gasse. Seit den 1970er-Jahren residiert hier die Botschaft der Bundesrepublik. Und ein paar Häuser weiter unten, im Palais Schönborn, sitzen die Amerikaner. Diplomatie wohnt auf der Kleinseite gern Tür an Tür.
Im Sommer 1989 begannen DDR-Bürger, über den Zaun dieses Gartens zu klettern. Ungarn hatte seine Grenze zu Österreich durchlässig gemacht, und wer über Prag in den Westen wollte, suchte Zuflucht bei der westdeutschen Botschaft. Ende September lebten Tausende Menschen im Garten, Familien mit kleinen Kindern, in Zelten, im Regen, im knöcheltiefen Schlamm. Pragerinnen und Prager reichten Brot und Decken über den Zaun. Helfer stellten Zelte und Feldküchen auf, und selbst auf den Treppen im Inneren des Palais schliefen Menschen, weil draußen kein Platz mehr war.
Am Abend des 30. September trat Außenminister Hans-Dietrich Genscher auf den Balkon über dir. Er stammte selbst aus Halle an der Saale und war 1952 aus der DDR in den Westen gegangen. Sein berühmter Satz begann mit den Worten, man sei gekommen, um mitzuteilen, dass heute die Ausreise... und weiter kam er nicht, der Rest ging im Jubel unter. Sonderzüge brachten die Menschen dann quer durch die DDR nach Hof in Bayern. Keine sechs Wochen später fiel die Mauer.
Hinten im Garten steht noch ein Zeuge: ein Trabi auf vier menschlichen Beinen, eine Fassung von David Černýs Skulptur Quo vadis. Hunderte Trabis blieben damals herrenlos in den Gassen der Kleinseite zurück. Wer oben am Hang des Petřín entlangspaziert, kann ihn durch den Zaun erspähen. Jetzt geh die Vlašská hinunter, an den Amerikanern vorbei, bis zur Karmelitská, wo sich hinter einem schlichten Tor ein ganzer Berg aus Treppen versteckt.
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2. Vrtba-Garten: Ein Barockberg hinter einem Hoftor
Karmelitská 25, 118 00 Praha 1, Czechia
Vor dir in der Karmelitská öffnet sich ein Durchgang in einen Hof, und nichts verrät, was dahinter beginnt. Geh ein paar Schritte hinein und heb den Blick: Treppen, Balustraden und Terrassen schieben sich Stufe um Stufe den Hang hinauf, und ganz oben wartet ein Blick über die roten Dächer der Kleinseite bis zum Veitsdom.
Der Vrtba-Garten entstand um 1720 für Graf Jan Josef von Vrtba, einen der höchsten Würdenträger im barocken Böhmen. Entworfen hat ihn der Prager Baumeister František Maxmilián Kaňka. Die steinernen Götter auf den Balustraden stammen aus der Werkstatt von Matthias Bernhard Braun, einem Bildhauer aus Tirol, dessen Figuren du in Prag an vielen Ecken begegnest, wenn du einmal auf seine bewegten, fast tanzenden Gewänder achtest. Braun ließ seine Figuren nicht steif dastehen, er zeigte sie in Bewegung, als wären sie mitten in einem Satz erstarrt.
Das eigentliche Kunststück ist der Platz. Der Hang ist steil, das Grundstück winzig, eingeklemmt zwischen Nachbarhäusern. Kaňka machte daraus eine Bühne: Jede Terrasse ist wie ein Rang im Theater, jede Treppe lenkt den Blick weiter nach oben, bis du plötzlich nicht mehr in einem Hinterhof stehst, sondern über der Stadt schwebst. Im Sommer duften unten die Beete, oben rauschen die Bäume des Petřín. Wer oben angekommen ist, versteht, warum barocke Adlige Gärten wie Theater bauten: Hier wurde nicht einfach spazieren gegangen, hier wurde gesehen und gesehen werden.
Das Palais vorn an der Straße hat eine dunklere Vorgeschichte. Eines der Häuser, aus denen es zusammengefügt wurde, gehörte Kryštof Harant, einem Reisenden, Schriftsteller und Komponisten, der bis nach Jerusalem und Ägypten gekommen war. Nach der Schlacht am Weißen Berg wurde er 1621 mit den anderen Anführern des böhmischen Ständeaufstands auf dem Altstädter Ring hingerichtet. Sein Besitz wurde eingezogen, und die Sieger bauten auf seinen Mauern ihre Barockträume.
So ist es oft auf der Kleinseite: Unter den schönsten Gärten liegt eine Geschichte von Gewinnern und Verlierern. Geh zurück auf die Karmelitská und ein paar Schritte nach links, zu einer Kirche, die ihren Namen genau dieser Schlacht verdankt und in der ein winziges Kind aus Wachs die halbe Welt anzieht.
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3. Maria vom Siege: Das Prager Jesulein
Karmelitská 9, 118 00 Praha 1, Czechia
Tritt durch das Portal und geh langsam nach vorn: Rechts, in einem silbernen Altar hinter Glas, steht eine Figur, kaum größer als dein Unterarm. Ein Kind mit Krone, die rechte Hand zum Segen erhoben, in der linken eine kleine Weltkugel, gekleidet in einen bestickten Mantel. Dieses Kind ist das Prager Jesulein, und Pilger kommen seinetwegen von anderen Kontinenten.
Die Kirche selbst erzählt eine Geschichte der Ironie. Gebaut wurde sie zwischen 1611 und 1613 von deutschen Lutheranern als Dreifaltigkeitskirche, eine der ersten frühbarocken Kirchen Prags. Nach der Schlacht am Weißen Berg 1620 bekamen die katholischen Karmeliter das Gebäude, und sie tauften es um: Maria vom Siege, zur Erinnerung an genau den Sieg, der die Erbauer vertrieben hatte.
Das Jesulein kam aus Spanien. Die Figur aus Wachs über einem hölzernen Kern gehörte einer spanischen Adelsfamilie, kam mit einer Braut nach Böhmen und wurde 1628 von Polyxena von Lobkowicz den Karmelitern geschenkt. Im Dreißigjährigen Krieg wurde das Kloster geplündert, und die Figur landete beschädigt im Schutt. Die Legende erzählt, ein Pater habe sie gefunden und eine Stimme gehört: Gib mir meine Hände zurück, und ich will euch segnen. Die Hände wurden ersetzt, und seitdem, so glauben die Gläubigen, hält das Kind sein Versprechen.
Heute besitzt das Jesulein eine Garderobe, um die es jede Königin beneiden würde: weit über hundert Gewänder, geschenkt aus aller Welt, darunter, so heißt es, eines, das Kaiserin Maria Theresia mit eigener Hand bestickt haben soll. Die Ordensschwestern kleiden die Figur je nach Kirchenjahr um, in Grün, Weiß, Rot oder Violett. Kopien stehen in Kirchen von Lateinamerika bis Asien, und viele Gläubige dort wissen gar nicht, wo Prag liegt.
Bevor du gehst, schau noch einmal auf die Fassade: Sie gilt als eine der ersten barocken in ganz Prag, gebaut von denen, die den Krieg verloren. Folge nun der Karmelitská nach Süden, wo sie den Namen Újezd annimmt, bis zu einem langen Palais auf der linken Seite, in dem eine der größten Volksbewegungen Böhmens ihr Zuhause hat.
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4. Tyrš-Haus: Die Turner des Sokol im Michna-Palais
Újezd 450/40, 118 00 Praha 1, Czechia
Auf der linken Seite der Újezd zieht sich hinter einer Mauer ein langgestrecktes Palais entlang, darüber ein Schild mit dem Namen Tyršův dům. Vielleicht hörst du durch ein offenes Fenster einen Ball aufprallen oder eine Trillerpfeife. In diesem Adelspalast wird geturnt, und das seit mehr als hundert Jahren.
Seine barocke Gestalt erhielt das Palais im 17. Jahrhundert für die Familie Michna von Vacínov, die nach der Schlacht am Weißen Berg mit eingezogenen Gütern der Verlierer reich geworden war. Später diente es lange als Kaserne und Zeughaus und verfiel. 1921 kaufte es der Sokol, der tschechische Turnverband, und machte es zu seinem Hauptquartier. Benannt ist es nach Miroslav Tyrš, einem der beiden Gründer. Wo einst Kanonen und Musketen lagerten, liegen heute Turnhallen, in denen Kinder Purzelbäume schlagen.
Und jetzt kommt die Pointe, die auf keiner Gedenktafel steht. Tyrš kam als Friedrich Emanuel Tirsch in Tetschen an der Elbe zur Welt, in einer deutschsprachigen Familie. Sein Mitstreiter Jindřich Fügner hieß ursprünglich Heinrich Fügner und war ein deutschsprachiger Prager Kaufmann. Zwei Männer aus deutschen Häusern gründeten 1862 die Bewegung, die zum Inbegriff des tschechischen Nationalgefühls wurde. Ihre Mitglieder trugen rote Hemden und duzten sich als Brüder und Schwestern.
Der Sokol war mehr als Sport. Bei den großen Sletfesten turnten Zehntausende gleichzeitig im Takt, ein Bild, das ganz Europa staunen ließ. Ein Turner mit gesundem Körper, so die Idee, sei auch ein freier Bürger. Beim Slet von 1948, wenige Monate nach der kommunistischen Machtübernahme, zogen die Turner an der Tribüne der neuen Machthaber vorbei, und viele zeigten offen, dass ihr Herz beim abgesetzten Präsidenten Beneš war.
Genau deshalb war er jedem Regime verdächtig. Die nationalsozialistischen Besatzer lösten den Sokol 1941 auf, viele Mitglieder kamen in Konzentrationslager oder wurden hingerichtet. Nach 1948 legten ihn die Kommunisten an die Kette, erst 1990 durfte er wieder frei arbeiten. Geh jetzt weiter die Újezd hinunter, bis zum Fuß des Petřín, wo Bronzefiguren eine Treppe herabsteigen.
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5. Denkmal für die Opfer des Kommunismus und die Hungermauer
Újezd, 118 00 Praha 1, Czechia
Am Fuß des Petřín steigen Männer aus Bronze eine Betontreppe herab, einer hinter dem anderen. Der oberste ist noch ganz. Je weiter unten du hinschaust, desto mehr fehlt: ein Arm, ein Bein, ein Stück Brust, bis vom letzten fast nur noch ein Schatten übrig ist.
Das Denkmal für die Opfer des Kommunismus schuf der Bildhauer Olbram Zoubek, enthüllt wurde es 2002. Zoubek wusste, wovon er erzählte: Er war es, der 1969 die Totenmaske von Jan Palach abnahm, dem Studenten, der sich aus Protest gegen die Besetzung nach dem Prager Frühling selbst verbrannt hatte. Die Figuren zeigen, was ein System aus Menschen macht, die nicht mitspielen wollen. Sie verschwinden Stück für Stück. Und sie stehen nicht zufällig auf einer Treppe: Sie kommen den Hang herab, als kämen sie aus der Vergangenheit direkt auf dich zu.
Schau auf das Bronzeband, das in den Boden eingelassen ist. Dort stehen nüchterne Zahlen: mehr als 205.000 Verurteilte, 248 Hingerichtete, rund 4.500 in Gefängnissen Gestorbene, 327 an der Grenze Erschossene, mehr als 170.000, die ins Exil gingen. Hinter jeder Zahl stehen ein Name, eine Familie, ein Küchentisch, an dem plötzlich jemand fehlte.
Nun heb den Blick zum Hang. Dort zieht sich eine zinnenbewehrte Mauer den Petřín hinauf: die Hungermauer. Kaiser Karl IV. ließ sie um 1360 als Teil der neuen Befestigung der Kleinseite errichten. Ihren Namen verdankt sie einer Legende: Der Kaiser habe in einer Hungersnot die Armen damit beschäftigt, damit sie Lohn und Brot bekamen. Historiker sind skeptisch, aber die Prager lieben die Geschichte vom Bauwerk aus Barmherzigkeit. Über einen Kilometer zieht sich die Mauer den Hügel hinauf bis nach Strahov, wie ein steinerner Reißverschluss im Grün.
Zwei Mauern also, nur ein paar Schritte voneinander entfernt, eine aus Stein und eine aus Angst. Geh jetzt zur Legionärsbrücke hinüber, die gleich hier beginnt, und nimm auf halbem Weg über den Fluss die Treppe hinunter auf eine grüne Insel.
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6. Schützeninsel und Legionärsbrücke
Střelecký ostrov, 110 00 Praha 1, Czechia
Unten auf der Insel wird es plötzlich still. Über dir rumpeln die Straßenbahnen über die Bögen der Legionärsbrücke, um dich herum stehen Kastanien und Bänke, und am Ufer gegenüber leuchtet das goldene Dach des Nationaltheaters.
Die Insel heißt Střelecký ostrov, die Schützeninsel. Jahrhundertelang übten hier die Prager Schützen das Zielen, mitten im Fluss, wo eine verirrte Kugel niemandem schaden konnte. Im 19. Jahrhundert wurde daraus ein Ort für Feste, Tanz und Versammlungen. Im Sommer spielten Kapellen zum Tanz, und an warmen Abenden war die Insel der Ort, an dem sich Prag traf. 1882 fand hier das allererste große Treffen des Sokol statt, dessen Haus du eben gesehen hast.
Die Brücke über dir hat ihren Namen mehrmals gewechselt, und jeder Name erzählt ein Kapitel. Gebaut wurde sie zwischen 1898 und 1901 und hieß zunächst nach Kaiser Franz I. Nach 1918 erhielt sie den Namen der Tschechoslowakischen Legionen, jener Freiwilligen, die im Ersten Weltkrieg in Russland, Frankreich und Italien für einen eigenen Staat gekämpft hatten. In Russland zogen sie zu Zehntausenden mit der Transsibirischen Eisenbahn bis an den Pazifik, eine der abenteuerlichsten Heimkehren der Militärgeschichte. Die deutschen Besatzer und später die Kommunisten tauften sie um. Erst 1990 kehrten die Legionäre zurück.
Und nun das Theater gegenüber. Auf seinem Bühnenportal steht Národ sobě, die Nation sich selbst. Die Tschechen hatten das Haus mit Spenden aus dem ganzen Land finanziert, bis hin zu Groschen von Dienstmädchen und Bauern. 1881, kurz nach den ersten Vorstellungen, brannte es aus. Innerhalb weniger Wochen kam erneut genug Geld zusammen, und 1883 öffnete es ein zweites Mal.
Setz dich kurz auf eine Bank an der Inselspitze und schau dem Wasser zu, das hier schneller fließt, als man denkt. Dann steig wieder hinauf auf die Brücke, geh zurück zum Kleinseitner Ufer und biege rechts in den Park der Kampa ein, bis zu einer alten Mühle, vor der drei sehr große Babys krabbeln.
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7. Museum Kampa und David Černýs Babys
U Sovových mlýnů 2, 118 00 Praha 1, Czechia
Drei Babys krabbeln vor dir über den Rasen, jedes größer als ein Erwachsener, dunkel und glänzend. Geh nah heran und schau ihnen ins Gesicht... sie haben keins. Wo Augen, Nase und Mund sein sollten, sitzt eine Art Schlitz, wie ein Strichcode oder ein Münzeinwurf.
Das ist natürlich David Černý, derselbe Mann, der den Trabi auf Beine gestellt hat. Ursprünglich hat er seine Babys für den Fernsehturm in Žižkov geschaffen, wo seit dem Jahr 2000 eine ganze Reihe von ihnen in schwindelnder Höhe die Betonröhren hinaufklettert. Ein Turm, den viele Prager als Bausünde verachteten, bekam so plötzlich Bewohner. Die drei hier unten sind ihre Geschwister zum Anfassen.
Hinter den Babys steht ein langes Gebäude mit einem Schornstein: die Sova-Mühlen. Sova heißt auf Tschechisch Eule, aber der Name stammt von einem früheren Besitzer. Jahrhundertelang wurde hier mit der Kraft der Moldau Getreide gemahlen. Heute ist es das Museum Kampa, gegründet von Meda Mládková, einer Pragerin, die nach dem kommunistischen Umsturz von 1948 nicht mehr in die Heimat zurückkehrte und im Ausland Werke von Künstlern sammelte, die zu Hause nicht gezeigt werden durften. Ihr Mann Jan Mládek arbeitete als Ökonom beim Internationalen Währungsfonds, und von Washington aus unterstützte das Paar Künstler hinter dem Eisernen Vorhang.
Ihr Herzstück ist František Kupka, ein Böhme, der in Paris zu einem der allerersten Maler der reinen Abstraktion wurde. Mládková sammelte seine Bilder über Jahrzehnte und brachte sie nach der Samtenen Revolution nach Hause. Daneben zeigt das Museum Otto Gutfreund, einen der ersten kubistischen Bildhauer überhaupt. Das Museum öffnete 2003, ein Jahr nach dem großen Hochwasser, das auch die Kampa überflutet hatte.
Setz dich kurz auf die Ufermauer hinter der Mühle: Von hier aus siehst du die Karlsbrücke von der Seite, ohne in ihrem Gedränge zu stecken. Geh nun durch den Park nach Norden, an der Villa des Schauspielers Jan Werich vorbei, bis zu einem langen Platz unter den Bögen einer berühmten Brücke.
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8. Na Kampě: Ein Dorfplatz unter der Brücke
Na Kampě, 118 00 Praha 1, Czechia
Vor dir liegt ein langer Platz mit Bäumen, Laternen und pastellfarbenen Häusern, der eher an einen Dorfanger erinnert als an das Zentrum einer Hauptstadt. Am nördlichen Ende schwingen sich die Bögen der Karlsbrücke über den Platz, und von oben führt eine Treppe herunter. Die Massen strömen über die Brücke... und fast niemand steigt hinab.
Die Kampa ist eine Insel, auch wenn man es kaum merkt. Gut einen halben Kilometer ist sie lang und an manchen Stellen nur ein paar Dutzend Meter breit. Auf der einen Seite die Moldau, auf der anderen ein schmaler Kanal, die Čertovka. Woher der Name Kampa kommt, weiß niemand genau. Manche denken an das lateinische campus, das freie Feld, andere erzählen von Soldaten, die hier ihr Lager aufschlugen. Sicher ist nur: Lange war das hier sumpfiges Land, Gärten und Mühlen, und Häuser kamen erst nach und nach. Hier wohnten nicht die Grafen vom Berg, sondern Müller, Fischer, Wäscherinnen und Handwerker.
Auf diesem Platz fanden früher Töpfermärkte statt. Händler kamen mit Kähnen und Wagen und breiteten Krüge, Schüsseln und Kacheln auf dem Pflaster aus. Wenn du dir die Autos wegdenkst, siehst du die Szene noch vor dir: Stroh, Geschirr, feilschende Hausfrauen und das Klappern von Ton.
Schau dir die Hausmauern genauer an. An manchen Ecken markieren kleine Tafeln, wie hoch das Wasser stand. Im August 2002 überflutete die Moldau die ganze Insel, und die Bewohner kamen nur noch mit Booten an ihre Haustüren. Die Kampa lebt seit jeher mit dem Fluss, mit seinem Segen und seiner Wut.
Am südlichen Ende des Platzes, in einer Villa im Park, lebte jahrzehntelang Jan Werich, einer der beliebtesten Schauspieler und Satiriker des Landes, der mit seinem Partner Jiří Voskovec schon in den Dreißigerjahren über Hitler spottete und 1939 nach Amerika fliehen musste. Geh jetzt unter den Bögen der Karlsbrücke hindurch nach Norden, in die Gasse U Lužického semináře, und halte Ausschau nach einer Ampel, wo keine hingehört.
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9. Die Gasse mit der Ampel und die Čertovka
U Lužického semináře 24, 118 00 Praha 1, Czechia
Zwischen zwei Häusern öffnet sich ein Spalt, kaum breiter als deine Schultern, und daneben hängt, kein Scherz, eine Fußgängerampel. Rot heißt warten, Grün heißt gehen. Denn in dieser steilen Treppengasse kommen zwei Menschen nicht aneinander vorbei, und wer sich in der Mitte trifft, muss rückwärts wieder hinaus.
Man nennt sie die engste Gasse Prags, auch wenn sie streng genommen nur ein Durchgang hinunter zum Wasser ist. Probier ruhig, ob du mit Rucksack durchpasst... Die Ampel ist kein Gag der Stadtverwaltung, sondern bitter nötig, denn wer mit Gepäck auf halber Treppe steckenbleibt, blockiert alle. Unten stößt du auf den Kanal, der dich seit der Kampa begleitet hat: die Čertovka.
Die Čertovka ist kein natürlicher Flussarm, sondern ein künstlicher Mühlgraben, wohl schon im Mittelalter angelegt, um Wasserräder anzutreiben. Zeitweise drehten sich an ihm mehrere Mühlen hintereinander. Ihr Klappern war über Jahrhunderte der Herzschlag dieser Insel. Wegen der Häuser, die direkt aus dem Wasser wachsen, nennen die Reiseführer sie gern Prags Klein-Venedig.
Und der Name? Čertovka heißt Teufelin, und dazu gibt es eine Legende. In einem Haus am Malteserplatz, das den Namen Zu den sieben Teufeln trägt, soll einst eine Frau gelebt haben, so zänkisch und so laut, dass die Nachbarn sagten, in ihr steckten sieben Teufel. Den Bach vor ihrer Tür benannte man nach ihr, und die Teufelin ist ihn bis heute nicht losgeworden. Andere vermuten nüchterner, das Wasser sei hier einfach so wild durch die Mühlräder geschossen, als wäre der Teufel selbst darin.
Von unten siehst du, wie die Čertovka unter den Bögen der Karlsbrücke hervorkommt und gleich danach wieder in die Moldau mündet,vorbei an Gärten, Balkonen und Holztüren, die direkt über der Strömung hängen. Geh zurück auf die Straße, unter der Brücke hindurch über die Míšeňská und die Lázeňská nach Süden, bis zu einem kleinen Platz, an dem eine bunte Mauer auf dich wartet und sich ein Mühlrad dreht.
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10. Großprioratsplatz und die John-Lennon-Mauer
Velkopřevorské náměstí, 118 00 Praha 1, Czechia
Eine Mauer, so dicht bemalt, dass kein Zentimeter Putz mehr zu sehen ist: Friedenszeichen, Liedzeilen, Herzen, Namen in einem Dutzend Sprachen, und irgendwo dazwischen ein Gesicht mit runder Brille. Menschen lassen sich davor fotografieren, jemand spielt Gitarre, und fast immer erklingt irgendwann Imagine.
Als John Lennon im Dezember 1980 in New York erschossen wurde, malte jemand hier sein Porträt auf die Mauer. Für junge Tschechen war Lennon kein Popstar, sondern ein Versprechen von Freiheit, in einem Land, in dem westliche Musik verdächtig war und Musiker der Band Plastic People of the Universe ins Gefängnis kamen. Die Polizei ließ das Porträt überstreichen. Am nächsten Tag stand es wieder da, mit neuen Sprüchen. Dazu kamen Beatles-Zeilen, kleine Gedichte, Klagen über das Regime und Bitten um die Freiheit zu reisen.
So ging das jahrelang, ein Katz-und-Maus-Spiel mit Pinsel und Tünche. Wachen patrouillierten, und trotzdem fand sich immer eine Hand, die nachts schrieb. Ende der Achtzigerjahre versammelten sich hier an Lennons Todestag junge Leute, sangen und forderten Freiheit, bis die Polizei sie auseinandertrieb. Ein Jahr später war das Regime Geschichte.
Das Kurioseste ist der Eigentümer. Die Mauer gehört zum Garten des Großpriorats des Malteserordens, eines Ritterordens, der seit dem 12. Jahrhundert auf der Kleinseite sitzt. Ausgerechnet katholische Ritter sind also Hausherren der berühmtesten Protestwand Mitteleuropas, und sie dulden das Ganze seit Jahrzehnten. Und die Mauer verändert sich bis heute jede Woche: Was du jetzt siehst, gibt es morgen schon nicht mehr, weil jemand darübermalt. Gegenüber, im Palais Buquoy, residiert übrigens die französische Botschaft.
Geh noch die paar Schritte zum kleinen Brückchen über die Čertovka. Dort dreht sich das hölzerne Rad der Großpriorsmühle, gemächlich und tropfend, wie seit Jahrhunderten an diesem Bach. Dann wende dich nach Westen, um die Ecke, auf einen stillen Platz mit einem Täufer auf einer Säule und einer Kirche, die keine Mitte hat.
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11. Malteserplatz und Maria unter der Kette
Maltézské náměstí, 118 00 Praha 1, Czechia
Du stehst auf einem ruhigen, leicht schiefen Platz zwischen Adelspalais, und in seiner Mitte erhebt sich auf einem Brunnen Johannes der Täufer. Hinter dir ragen zwei wuchtige, dunkle Türme auf, die so gar nicht zu den eleganten Barockfassaden passen wollen. Sie sind viel älter als alles andere hier.
Die Statue des Täufers schuf Ferdinand Maximilian Brokoff 1715, als Dank für das Ende einer Pestepidemie. Johannes ist kein Zufall: Er ist der Schutzpatron der Johanniter, die man heute Malteser nennt. Ihnen gehörte dieser ganze Winkel der Kleinseite, und der Platz trägt bis heute ihren Namen. Ringsum ließen sich Adelsfamilien ihre Palais bauen, gern in der Nähe des Ordens, und an manchen Fassaden wehen heute die Fahnen von Botschaften.
Die Ritter kamen schon um 1169 nach Prag und bekamen eine besondere Aufgabe: Sie sollten die steinerne Judithbrücke bewachen, die Vorgängerin der Karlsbrücke. Ihre Kirche heißt Maria unter der Kette, und eine Erklärung lautet, dass hier eine Kette die Zufahrt zum Kloster oder zur Brücke sperrte. Geh durch das Tor zwischen den Türmen und schau dich um: Du stehst in einem offenen Hof. Hier sollte ein gotisches Langhaus entstehen, doch es wurde nie vollendet. Die Kirche hat einen Eingang und einen Altar, aber keine Mitte.
Erinnerst du dich an die Teufelin aus dem Bach? Die Legende verlegt ihr Haus Zu den sieben Teufeln genau an diesen Platz. So schließt sich der Kreis: Die Legenden der Kleinseite wohnen alle nur ein paar Schritte voneinander entfernt, und wer langsam geht, hört sie einander zuflüstern.
Schau zurück auf den Weg, den du gegangen bist. Ein Botschaftsgarten, in dem eine Nation aufbrach. Ein Wachskind, das die Welt bereist. Turner mit deutschen Namen und tschechischen Herzen. Bronzefiguren, die zerfallen, und eine Mauer, die niemand zum Schweigen bringen konnte. Das ist die verborgene Kleinseite, wenige Minuten von den Menschenmassen entfernt. Die Kleinseitner Brückentürme sind nur ein paar Schritte nördlich, wenn du jetzt weiterziehen möchtest... oder du bleibst einfach noch auf dem Brunnenrand sitzen.