Madrids Kunstmeile: Von Guernica über den Prado bis zum Kristallpalast im Retiro
Picasso, Dürer, Bosch und die Sammlung einer Ruhr-Dynastie: ein Spaziergang über den Paseo del Prado, vorbei an Göttinnen, Königstoren und Gärten, bis zu einem Glashaus im Retiro
Madrid · 11 stops · 29 min audio · Generated
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1. Museo Reina Sofía: Vom Krankenhaus zu Guernica
Calle de Santa Isabel 52, 28012 Madrid, Spain
Vor dir steht ein langer, strenger Bau aus Granit und hellem Putz, und an seiner Fassade kleben zwei gläserne Türme, in denen Aufzüge lautlos auf und ab gleiten. Unten das 18. Jahrhundert, außen das 20. Jahrhundert, das an den alten Mauern hochklettert... Willkommen im Museo Reina Sofía, dem südlichen Ende von Madrids Kunstmeile.
Dieses Haus war nie als Museum gedacht. Unter König Karl III. plante der Architekt Francesco Sabatini hier ein riesiges Krankenhaus, das Hospital de San Carlos, für die Kranken und Armen der Stadt. Fast zwei Jahrhunderte lang wurde hinter diesen Mauern geboren, operiert und gestorben. Dann stand der Bau leer, und es war ernsthaft vom Abriss die Rede. Gerettet hat ihn die junge Demokratie: 1986 öffnete hier ein Kunstzentrum, 1992 wurde daraus das Nationalmuseum für die Kunst des 20. Jahrhunderts. Die Glastürme kamen außen dazu, damit man die alten Treppenhäuser nicht zerstören musste.
Im zweiten Stock hängt das Bild, wegen dem so viele Menschen hierherkommen: Guernica von Pablo Picasso. Am 26. April 1937, mitten im Spanischen Bürgerkrieg, bombardierte die deutsche Legion Condor, unterstützt von italienischen Flugzeugen, die baskische Kleinstadt Gernika. Es war Markttag. Picasso lebte in Paris und malte in wenigen Wochen eine fast acht Meter breite Leinwand für den Pavillon der Spanischen Republik auf der Weltausstellung. Kein Flugzeug ist darauf zu sehen, keine einzige Bombe... nur ein schreiendes Pferd, ein Stier, eine Mutter mit ihrem toten Kind, alles in Schwarz, Weiß und Grau.
Picasso hatte verfügt, dass das Bild erst nach Spanien gehen dürfe, wenn hier wieder Freiheit herrsche. Also blieb es jahrzehntelang im Museum of Modern Art in New York. Erst 1981, acht Jahre nach Picassos Tod und sechs Jahre nach dem Tod Francos, kam es nach Madrid, zuerst hinter Panzerglas, 1992 dann in dieses Haus. Wer aus Deutschland kommt, steht hier still vor dem berühmtesten Bild, das je über einen deutschen Luftangriff gemalt wurde.
Gleich daneben warten Dalí, Miró und Juan Gris, und hinten schließt seit 2005 ein roter Anbau des Franzosen Jean Nouvel einen stillen Innenhof ein. Wenn du wieder ins Licht trittst, geh hinüber zum Paseo del Prado und dort nach Norden. Nach ein paar Minuten siehst du eine rostrote Fassade, an der ein Garten senkrecht in den Himmel wächst.
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2. CaixaForum: Das schwebende Kraftwerk
Paseo del Prado 36, 28014 Madrid, Spain
Schau dir diese Wand an: Farne, Gräser und Sträucher, viele Meter hoch, senkrecht an eine Brandmauer geheftet, als hätte jemand eine Wiese aufgestellt. Und gleich daneben ein Backsteinblock, der über dem Boden zu schweben scheint, gekrönt von rostbraunem, durchlöchertem Stahl. Mitten in einer Stadt aus Stein ist das fast eine Provokation.
Die grüne Wand ist ein vertikaler Garten des französischen Botanikers Patrick Blanc. Die Pflanzen wachsen ohne Erde, ihre Wurzeln stecken in einer Art Filz, und ein feines Netz aus Schläuchen versorgt sie mit Wasser und Nährstoffen. Rund 15.000 Pflanzen von etwa 250 Arten sollen es sein. Im Sommer, wenn Madrid glüht, ist dieses Stück Mauer der kühlste Fleck am ganzen Paseo... und eines der meistfotografierten.
Der Backsteinbau war einmal ein Kraftwerk, die Central Eléctrica del Mediodía vom Ende des 19. Jahrhunderts, die diesen Teil der Stadt mit Strom versorgte. Als die Stiftung der katalanischen Sparkasse La Caixa hier ein Kulturzentrum wollte, taten die Basler Architekten Herzog & de Meuron etwas Verrücktes: Sie entfernten den steinernen Sockel einfach. Seit der Eröffnung 2008 steht der alte Ziegelblock wie auf Zehenspitzen, und darunter entsteht ein schattiger Platz, auf dem man sich trifft, bevor man hinaufgeht.
Kommt dir diese Handschrift bekannt vor? Dieselben Architekten haben die Elbphilharmonie in Hamburg gebaut und die Allianz Arena in München. In Hamburg setzten sie einen gläsernen Konzertsaal auf einen alten Kaispeicher, hier setzen sie rostigen Stahl auf ein altes Kraftwerk. Das Prinzip ist dasselbe: das Schwere bleibt, das Leichte kommt obendrauf, und dazwischen entsteht etwas Neues.
Drinnen gibt es keine feste Sammlung, sondern wechselnde Ausstellungen, und die Treppe aus Stahl windet sich wie eine Skulptur nach oben. Von der Straße aus siehst du, wie das Licht durch die Löcher im Stahl fällt, fast wie durch eine Spitzendecke. Damit hat die Kunstmeile neben Prado, Thyssen und Reina Sofía einen vierten Mitspieler. Überquere jetzt den Paseo del Prado. Auf der anderen Seite liegt hinter einem hohen Gitter ein Garten, den ein König für die Wissenschaft anlegen ließ.
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3. Real Jardín Botánico: Der Garten der Expeditionen
Plaza de Murillo 2, 28014 Madrid, Spain
Hinter dem hohen Gitter wird es plötzlich still: Kieswege, Beete in strengen Rechtecken, alte Bäume, und es riecht nach feuchter Erde, mitten neben einer der lautesten Straßen der Stadt. Kräuter, Rosen, Obstbäume, und in den Gewächshäusern Kakteen und Farne aus Ländern, die Spanien einst beherrschte oder erforschte.
Der Real Jardín Botánico wurde 1755 unter Ferdinand VI. gegründet, damals noch draußen vor der Stadt am Fluss Manzanares. Sein Nachfolger Karl III. holte ihn hierher, 1781 war der Umzug geschafft. Karl hatte einen Plan: Der Paseo del Prado sollte eine Allee der Wissenschaften werden, mit einem Naturkundekabinett, einer Sternwarte und diesem Garten. Entworfen haben ihn Francesco Sabatini und Juan de Villanueva... und derselbe Villanueva plante gleich nebenan das Gebäude, in dem heute der Prado hängt. Das Museum war also ursprünglich für Steine, Pflanzen und Tiere gedacht.
Von hier aus schickte die spanische Krone Botaniker in die Welt: nach Peru und Chile, nach Mexiko, nach Neugranada, dem heutigen Kolumbien. Die Expedition des Arztes José Celestino Mutis dauerte Jahrzehnte, und seine Maler hinterließen Tausende farbiger Pflanzenbilder, so genau wie Porträts. Viele davon liegen heute im Archiv dieses Gartens. Für eine Kunstmeile ist das kein Umweg: Damals war Botanik auch Malerei, und die besten Zeichner Spaniens arbeiteten für die Wissenschaft.
Und jetzt kommt ein Deutscher ins Spiel. 1799 erhielt Alexander von Humboldt in Spanien die seltene Erlaubnis, die amerikanischen Kolonien zu bereisen, ein Privileg, das kaum ein Ausländer bekam. Zwei Jahre später, 1801, besuchte er in Bogotá den alten Mutis persönlich und bestaunte dessen Sammlung. Ohne die Neugier dieses Hofes hätte es den großen Humboldt, wie wir ihn kennen, vielleicht nie gegeben.
Wenn du Zeit hast, geh einmal hinein und such dir ein ruhiges Eck unter den Bäumen... die Madrilenen nennen diesen Garten nicht umsonst eine Oase. Unser Weg führt aber weiter: Geh die kleine Straße hinter dem Prado hangaufwärts. Oben auf dem Hügel wartet eine Kirche mit spitzen Türmchen, in der Könige geheiratet haben.
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4. San Jerónimo el Real: Die Kirche der Königshochzeiten
Calle de Moreto 4, 28014 Madrid, Spain
Steig die Stufen hinauf und dreh dich um: Unter dir liegen die Dächer des Prado, und hinter dir ragt eine gotische Kirche mit spitzen Türmchen auf, die aussieht, als hätte sie sich aus einer anderen Stadt hierher verirrt.
San Jerónimo el Real gehörte zu einem Kloster der Hieronymiten-Mönche, das die Katholischen Könige 1503 an diesen Hang verlegen ließen. Neben den Mönchen richteten sich später die Könige Zimmer ein, eine Art Rückzugsort, und aus dieser bescheidenen Wohnung wuchs unter Philipp IV. der gewaltige Palast des Buen Retiro. Über Jahrhunderte wurden in dieser Kirche die spanischen Thronfolger als Prinzen von Asturien vereidigt. Die Türmchen, die du siehst, sind übrigens jünger: Sie stammen aus einer Restaurierung des 19. Jahrhunderts.
Am 31. Mai 1906 heiratete hier König Alfons XIII. die Prinzessin Victoria Eugenie von Battenberg, eine Enkelin der Königin Victoria, aus einer Familie mit hessischen Wurzeln. Auf dem Rückweg zum Palast warf ein Anarchist in der Calle Mayor eine Bombe, versteckt in einem Blumenstrauß, von einem Balkon auf den Hochzeitszug. Mehr als zwanzig Menschen starben, Zuschauer und Soldaten. Das Brautpaar blieb unverletzt, das Kleid der Königin war mit Blut bespritzt.
Hinter der Kirche lag einst der Kreuzgang des Klosters, verfallen und halb vergessen. Als Rafael Moneo den Prado erweiterte, ließ er ihn Stein für Stein abbauen, restaurieren und im Inneren seines Neubaus wieder aufrichten, der 2007 eröffnete. Wer heute im Prado die Treppen hinaufsteigt, geht also durch den Kreuzgang dieser Mönche, nur eben unter einem neuen Dach. Und 1975, nach seiner Proklamation, feierte Juan Carlos I. hier die Messe, mit der seine Regentschaft begann.
Diese Kirche erzählt also die ganze Geschichte der Kunstmeile in einem Satz: Erst kamen die Mönche, dann die Könige, dann die Bilder. Von den Stufen aus hast du übrigens einen der schönsten Blicke auf die Dächer des Prado und den Paseo dahinter. Geh jetzt die Stufen wieder hinunter, hinüber zu dem langen Bau mit den Säulen. Vor seinem Mittelportal sitzt ein Maler aus Bronze und wartet auf dich.
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5. Museo del Prado: Dürer, Bosch und Velázquez
Paseo del Prado s/n, 28014 Madrid, Spain
Vor dir sitzt Diego Velázquez in Bronze, die Palette in der Hand, und hinter ihm zieht sich fast zweihundert Meter lang die Fassade aus Backstein und hellem Stein: das Museo del Prado. Velázquez schaut nicht auf dich, sondern ein wenig zur Seite, als prüfe er gerade das Licht.
Gebaut wurde das Haus ab 1785 von Juan de Villanueva, im Auftrag Karls III., als Kabinett für Naturgeschichte. Dann kamen die napoleonischen Kriege, französische Truppen nutzten den halbfertigen Bau als Kaserne, und er wurde schwer beschädigt. Erst am 19. November 1819 öffnete es neu, diesmal als königliches Museum für Gemälde. Die Bilder stammen zum größten Teil aus den Sammlungen der spanischen Könige, und die haben drei Jahrhunderte lang gesammelt wie besessen. Heute besitzt der Prado Tausende Gemälde, von denen nur ein Teil gleichzeitig an den Wänden hängt.
Für dich als Deutschsprachigen gibt es drinnen eine besondere Begegnung: Albrecht Dürers Selbstbildnis von 1498. Ein junger Mann mit langen Locken, gestreifter Mütze und feinen Handschuhen schaut dich an, selbstbewusst wie ein Edelmann. Daneben hat er auf Deutsch geschrieben, dass er sich nach seiner Gestalt gemalt habe, sechsundzwanzig Jahre alt. Das Bild gehörte einst dem englischen König Karl I., und nach dessen Hinrichtung kaufte es der spanische Hof für Philipp IV. Dürers Adam und Eva hängen übrigens ebenfalls hier.
Und dann ist da Hieronymus Bosch. Sein Garten der Lüste ist ein Triptychon voller nackter Menschen, Riesenerdbeeren, Vögel und Musikinstrumente, die zu Folterwerkzeugen werden. Philipp II., der fromme und strenge König, liebte diese Bilder und ließ sie in den Escorial bringen. Klapp die Flügel in Gedanken zu: Außen ist die Welt am dritten Schöpfungstag gemalt, grau, still, als eine gläserne Kugel.
Und natürlich Las Meninas, 1656, das Bild, in dem Velázquez sich selbst beim Malen zeigt und der König nur als Spiegelbild auftaucht. Dazu Goyas schwarze Bilder, die er auf die Wände seines Landhauses malte. Jetzt geh aber am Museum entlang nach Norden, bis zum großen Kreisverkehr. Dort steht ein Meeresgott auf einem Muschelwagen.
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6. Fuente de Neptuno: Der Meeresgott im Kreisverkehr
Plaza de Cánovas del Castillo, 28014 Madrid, Spain
Mitten im Verkehr steht Neptun auf einem Wagen in Form einer Muschel, gezogen von zwei Seepferden, den Dreizack in der Hand, und um ihn herum spritzt das Wasser, als würde er gleich losfahren.
Der Brunnen gehört zu einem großen Plan Karls III. Im 18. Jahrhundert ließ er den Paseo del Prado, damals eine staubige Senke mit Bächen und Wiesen, zu einem eleganten Salon unter freiem Himmel umbauen. Der Architekt Ventura Rodríguez entwarf drei Brunnen: im Norden Kybele, die Göttin der Erde, im Süden Neptun, den Herrn der Meere, und dazwischen Apollo. Den Neptun meißelte der Bildhauer Juan Pascual de Mena in den 1780er-Jahren. Erde und Meer, und in der Mitte die Kunst... das war die Botschaft. Die Spaziergänger sollten sehen, dass hier ein aufgeklärter König regierte, der Natur, Wissenschaft und Schönheit in eine Ordnung brachte.
Heute hat der Gott eine ganz andere Aufgabe. Wenn Atlético Madrid einen Titel gewinnt, strömen die Fans hierher, klettern auf den Brunnen und feiern bis in den Morgen. Die Anhänger von Real Madrid feiern dagegen ein Stück weiter oben bei der Kybele. So ist die Stadt sogar beim Jubeln sauber aufgeteilt, und jede Seite hat ihre eigene Gottheit.
Dreh dich einmal im Kreis. Auf der einen Seite der Prado, auf der anderen das Thyssen, und ein paar Minuten weiter südlich das Reina Sofía. Die Madrilenen nennen das den Triángulo del Arte, das Goldene Dreieck der Kunst. Seit 2021 gehören der Paseo del Prado und der Retiro zum Welterbe der UNESCO, als Landschaft der Künste und Wissenschaften. Gleich gegenüber steht übrigens das Hotel Palace, 1912 eröffnet, an der Stelle, wo einst der Palast der Herzöge von Medinaceli stand.
Achte beim Weitergehen auf die Platanen: Sie stehen dort, wo zur Zeit Karls III. die Madrilenen abends flanierten, um zu sehen und gesehen zu werden. Damals war das hier der Laufsteg der Stadt: Kutschen, Fächer, Blicke, Gerüchte. Geh nun quer über den Platz zur Ecke im Nordwesten. Dort steht hinter einem Gartengitter ein Palast mit rötlichem Putz.
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7. Museo Thyssen-Bornemisza: Eine Ruhr-Dynastie in Madrid
Paseo del Prado 8, 28014 Madrid, Spain
Hinter dem Gittertor liegt ein kleiner Garten, und dahinter ein Palast in warmem, rötlichem Ton, der Palacio de Villahermosa. Von außen wirkt er fast bescheiden... drinnen hängt eine der bedeutendsten Privatsammlungen, die je ein Staat gekauft hat.
Die Geschichte beginnt an der Ruhr. August Thyssen baute im 19. Jahrhundert eines der großen Stahl- und Kohleimperien Deutschlands auf. Aus Hütten, Zechen und Walzwerken wuchs ein Vermögen, aus dem später einer der großen Kunstschätze Europas werden sollte. Sein Sohn Heinrich heiratete eine ungarische Adlige, wurde von deren Vater, einem Baron Bornemisza, adoptiert, und so entstand dieser Doppelname. In den 1920er-Jahren begann Heinrich, Alte Meister zu kaufen, in großem Stil, und brachte sie in seine Villa am Luganer See.
Sein Sohn Hans Heinrich führte die Sammlung weiter und öffnete sie für die Moderne: Impressionisten, amerikanische Malerei, und vor allem deutsche Expressionisten. Kirchner, Nolde, Franz Marc, Maler, die die Nationalsozialisten als entartet verfemt hatten, hängen hier in großer Zahl. Ausgerechnet in Madrid findest du also eine der schönsten Expressionismus-Sammlungen außerhalb Deutschlands.
Und dann kam die Liebe ins Spiel. 1985 heiratete der Baron Carmen Cervera, eine frühere Miss Spanien. Viele sagen, sie habe ihn überzeugt, seine Sammlung nach Spanien zu bringen, obwohl auch andere Länder um sie warben. 1992 öffnete das Museum hier, nach einem Umbau von Rafael Moneo, und 1993 kaufte der spanische Staat den Kern der Sammlung, mehr als siebenhundert Werke, für rund 350 Millionen Dollar. Das galt damals schon als Schnäppchen.
Carmen Cervera hat inzwischen ihre eigene Sammlung in einem Anbau hinzugefügt, und von Duccio bis Hopper kannst du hier in einem Nachmittag durch sieben Jahrhunderte gehen. Das Haus ist so gedacht, dass du oben bei den ältesten Bildern beginnst und dich Stockwerk für Stockwerk bis in die Gegenwart hinunterarbeitest. Wenn du wieder draußen bist, geh den Paseo del Prado nach Norden. Unterwegs plätschert der Apollobrunnen mit seinen vier Jahreszeiten, und an der großen Kreuzung wartet eine Göttin, die von zwei Löwen gezogen wird.
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8. Plaza de Cibeles: Die Göttin und der Zuckerbäckerpalast
Plaza de Cibeles, 28014 Madrid, Spain
Vor dir thront eine Göttin auf einem Wagen, gezogen von zwei Löwen, und hinter ihr erhebt sich ein weißer Palast mit Türmchen und Zinnen, der aussieht wie eine riesige Hochzeitstorte.
Die Göttin ist Kybele, die Mutter der Erde, und ihr Brunnen gehört zum selben Plan wie Neptun und Apollo, entworfen von Ventura Rodríguez unter Karl III. Die Figur der Göttin schuf Francesco Gutiérrez, die Löwen der Franzose Roberto Michel. Ursprünglich stand der Brunnen am Rand des Platzes und schaute zum Prado, erst Ende des 19. Jahrhunderts rückte man ihn in die Mitte. Die Löwen haben eine eigene Geschichte: Im Mythos sind es Atalante und Hippomenes, ein Liebespaar, das die Götter beleidigte und zur Strafe verwandelt wurde... nun ziehen sie für immer den Wagen der Göttin, ohne einander je anschauen zu dürfen.
Der weiße Palast war ursprünglich die Hauptpost, der Palacio de Comunicaciones von Antonio Palacios und Joaquín Otamendi, eröffnet 1919. Die Madrilenen tauften ihn spöttisch Nuestra Señora de las Comunicaciones, Unsere Liebe Frau der Post. Seit 2007 sitzt hier das Rathaus der Stadt, und vom Turm hast du einen der schönsten Blicke über Madrid. Die alte Schalterhalle ist heute ein offenes Kulturzentrum, in das jeder hineingehen kann. Rundherum stehen die Banco de España, die Casa de América und das Hauptquartier des Heeres: Geld, Kultur und Militär an einer Kreuzung.
Während des Bürgerkriegs, als Madrid belagert und bombardiert wurde, verschwand Kybele unter einem schützenden Mantel aus Ziegeln und Sandsäcken. Die Madrilenen retteten ihre Göttin, wie man ein Kunstwerk im Museum rettet. Und über die Tresore der Bank unter deinen Füßen erzählt man sich bis heute Legenden, angeblich könnten sie bei Gefahr mit Wasser geflutet werden.
Wenn Real Madrid einen Titel holt, klettern die Spieler hier auf den Brunnen und hängen der Göttin einen Schal um. Für die Fans ist das ein heiliger Ort, für die Stadtreinigung eine lange Nacht. Erinnerst du dich? Atlético feiert unten beim Neptun. Geh nun die Calle de Alcalá bergauf nach Osten. Mitten auf dem nächsten Platz steht ein Tor, durch das niemand mehr in die Stadt muss.
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9. Puerta de Alcalá: Älter als das Brandenburger Tor
Plaza de la Independencia, 28001 Madrid, Spain
Mitten im Kreisverkehr steht ein Tor aus hellem Granit, mit fünf Durchgängen, drei runden und zwei eckigen, und darüber Wappen, Trophäen und Engel, als würde gleich ein siegreiches Heer einziehen.
Die Puerta de Alcalá ließ Karl III. bauen, entworfen von seinem Lieblingsarchitekten Francesco Sabatini, eingeweiht 1778. Hier begann damals die Straße nach Alcalá de Henares, und wer aus dem Osten kam, betrat durch dieses Tor die Hauptstadt. Der Name kommt also schlicht von der Richtung: Das Tor zeigte den Weg zur Universitätsstadt, in der Miguel de Cervantes geboren wurde. Es ersetzte ein älteres, viel bescheideneres Tor. Karl, der aus Neapel gekommen war, wollte, dass Madrid endlich wie eine europäische Residenz aussah.
Geh einmal um das Tor herum und vergleiche die beiden Seiten: Sie sind nicht gleich. Säulen, Schmuck und Proportionen der Stadtseite unterscheiden sich von denen der Seite zum Retiro hin. Die Legende erzählt, Sabatini habe dem König zwei Entwürfe vorgelegt, und Karl habe sich nicht entscheiden können... also nahm er einfach beide, einen für jede Seite. Ob es wirklich so war, weiß niemand. Aber es ist eine schöne Ausrede für ein Tor mit zwei Gesichtern.
Und jetzt etwas für deinen Stolz: Die Puerta de Alcalá ist älter als das Brandenburger Tor, das erst 1791 fertig wurde, und viel älter als der Pariser Triumphbogen. Die Madrilenen erinnern Besucher gern daran, dass sie den ersten großen Triumphbogen dieser Art nach der Antike in Europa hätten. Ganz unumstritten ist das nicht, aber in Berlin solltest du es lieber nicht laut sagen. Das Brandenburger Tor hat übrigens ebenfalls fünf Durchgänge... sicher nur ein Zufall.
1986 machten Ana Belén und Víctor Manuel das Tor mit einem Lied unsterblich, dessen Refrain ganz Spanien mitsingen kann, über ein Tor, das seit Jahrhunderten die Zeit an sich vorbeiziehen sieht. Jetzt geh durch das große Gitter hinter dir in den Retiro und folge dem breiten Weg geradeaus. Nach ein paar Minuten öffnet sich ein großer See mit Ruderbooten.
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10. Estanque del Retiro: Ein König über dem See
Estanque Grande del Retiro, Parque del Retiro, 28009 Madrid, Spain
Vor dir liegt ein großer, rechteckiger See voller Ruderboote, auf der anderen Seite eine halbrunde Kolonnade aus Marmor, und hoch darüber reitet ein König aus Bronze in den Himmel.
Der Retiro war nicht immer ein Park für alle. In den 1630er-Jahren ließ der Graf-Herzog von Olivares für seinen König Philipp IV. hier den Palast des Buen Retiro errichten, einen Ort der Erholung, der guten Zurückgezogenheit. Dieser See stammt aus jener Zeit: Auf ihm fuhr der Hof in Gondeln, und man inszenierte sogar Seeschlachten zum Vergnügen. Vom Palast aus blickte der König auf eine ganze Landschaft aus Gärten, Kapellen, Teichen und Grotten, gebaut, um Gäste zum Staunen zu bringen. Erst 1868 wurde der Park Eigentum der Stadt, und seitdem rudern hier Verliebte, Kinder und Rentner statt Höflinge.
Das Denkmal drüben ist Alfons XII. gewidmet, der 1885 mit nur siebenundzwanzig Jahren starb. Entworfen hat es der Architekt José Grases Riera, das Reiterstandbild oben stammt von Mariano Benlliure, einem der großen spanischen Bildhauer seiner Zeit. Eingeweiht wurde es erst 1922, und an den Figuren rundherum arbeiteten viele verschiedene Künstler mit. Ein ganzes Bildhauer-Kollektiv für einen jungen König.
Vom Palast des Buen Retiro ist fast nichts geblieben, aber zwei Teile stehen noch am Rand des Parks. Für einen davon, den Salón de Reinos, malte Velázquez Reiterbildnisse der Königsfamilie und die Übergabe von Breda, eines seiner berühmtesten Bilder. Heute hängt es im Prado, nur ein paar hundert Meter von hier. Der andere erhaltene Teil ist der Casón del Buen Retiro, einst ein Ballsaal, mit einer prachtvollen Deckenmalerei des Italieners Luca Giordano. Der Park, die Museen, die Kirche, alles gehörte einmal zu einer einzigen königlichen Welt.
Seit 2021 ist dieser Park zusammen mit dem Paseo del Prado Welterbe der UNESCO. Wenn du magst, setz dich kurz auf die Stufen der Kolonnade und schau den Ruderern zu. Danach geh am Südufer des Sees entlang und dann weiter nach Süden, unter den Bäumen hindurch. Bald glitzert zwischen den Zweigen ein Haus aus Glas.
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11. Palacio de Cristal: Das Glashaus im Retiro
Paseo República de Cuba 4, 28009 Madrid, Spain
Vor dir spiegelt sich ein Haus aus Glas und Eisen in einem kleinen See, und aus dem Wasser ragen Sumpfzypressen, deren Wurzeln wie Knie aus der Oberfläche stoßen. Wenn die Sonne tief steht, scheint der ganze Palast aus Licht gebaut. Und im Winter, wenn Nebel über dem Teich liegt, wirkt er wie eine Erscheinung.
Der Palacio de Cristal entstand 1887 für eine Ausstellung über die Philippinen, damals noch spanische Kolonie. Entworfen hat ihn Ricardo Velázquez Bosco, und das Vorbild war unverkennbar der Kristallpalast der Londoner Weltausstellung. Gedacht war er als Gewächshaus für tropische Pflanzen von den Inseln. Eisen und Glas waren damals das Material der Zukunft, so baute man Bahnhöfe und Markthallen, und dieses Glashaus sollte zeigen, dass Madrid mit London und Paris mithalten konnte.
Zu dieser Ausstellung gehört auch ein dunkles Kapitel. Man brachte Menschen von den Philippinen nach Madrid und stellte sie im Park zur Schau, wie Ausstellungsstücke. Einige von ihnen starben in jenem Jahr hier in der Stadt. Es ist gut, sich daran zu erinnern, während man dieses schöne Haus bewundert.
Heute gehört der Palast zum Museo Reina Sofía, mit dem dieser Spaziergang begonnen hat. Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt bekommen ihn für ihre Installationen, und jede muss mit derselben Herausforderung fertig werden: Es gibt keine Wände, nur Licht, Himmel und Bäume. Gleich in der Nähe steht übrigens ein zweiter Bau desselben Architekten, der Palacio de Velázquez von 1883, auch er ein Ausstellungshaus. Und ein paar Minuten südlich, am Paseo de Coches, stürzt Luzifer aus Bronze vom Himmel, der gefallene Engel von Ricardo Bellver. Madrilenen erzählen gern, er stehe auf genau 666 Metern Höhe, nachgemessen hat das kaum jemand.
Du hast heute an einem Krankenhaus mit Guernica begonnen und endest in einem Haus aus Glas. Dazwischen lagen Dürer und Bosch, eine Ruhr-Dynastie, zwei Göttinnen und ein Tor mit zwei Gesichtern. Setz dich ans Ufer, schau den Enten zu, und lass die Bilder des Tages noch ein wenig nachklingen... Madrid hat Zeit, und du jetzt auch.