Das Madrid der Habsburger: Von der Puerta del Sol zum Königspalast
Kaiserstöchter, Klosterschätze und ein Reiterstandbild, das Galileo berechnete: auf den Spuren der spanischen Habsburger durch das alte Madrid bis zum Palast der Bourbonen
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1. Puerta del Sol: Kilometer null
Puerta del Sol 7, 28013 Madrid, Spain
Schau auf den Boden vor dem Backsteinbau mit dem Uhrturm: Dort ist eine Steinplatte eingelassen, Kilómetro Cero. Von hier aus werden die großen Landstraßen Spaniens gemessen... du stehst also, ganz offiziell, im Mittelpunkt des Landes.
Dass ausgerechnet Madrid diese Mitte wurde, verdankt die Stadt einem Habsburger. 1561 verlegte Philipp II. seinen Hof hierher, in eine mittelgroße Stadt ohne Kathedrale und ohne großen Fluss. Die Gründe sind bis heute umstritten: die Lage in der Mitte der Halbinsel, Wasser, Wälder für die Jagd, und vielleicht auch, dass hier kein mächtiger Erzbischof residierte. Sein Vater war Karl V., in Spanien König Karl I., und zugleich Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Die Spanier nennen die Habsburger einfach los Austrias, die Österreicher, und das Viertel, durch das wir jetzt gehen, heißt bis heute Madrid de los Austrias.
Damals stand hier ein Tor in der Stadtmauer, nach Osten, der aufgehenden Sonne zugewandt, und daher kommt wohl der Name: das Sonnentor. Das Gebäude mit der Uhr, die Real Casa de Correos, kam erst in den 1760er-Jahren unter dem Bourbonen Karl III., und die Uhr, die heute alle Welt kennt, sogar erst im 19. Jahrhundert. Er steht übrigens selbst hier, als Reiterstandbild, und die Madrilenen nennen ihn bis heute ihren besten Bürgermeister.
Dieser Platz hat auch dunkle Tage gesehen. Am 2. Mai 1808 erhoben sich die Madrilenen gegen die Truppen Napoleons, und Goya hat den Kampf hier auf der Puerta del Sol gemalt. Später saß in der Casa de Correos lange die Polizei, auch in der Franco-Zeit, heute ist sie Sitz der Regionalregierung.
Und jedes Jahr am Silvesterabend schaut ganz Spanien auf diese Uhr: Zu jedem der zwölf Glockenschläge um Mitternacht isst man eine Weintraube, und wer alle schafft, hat Glück im neuen Jahr. Wirf noch einen Blick auf den Bären, der am Erdbeerbaum nascht, das Wappentier der Stadt. Dann geh nach Nordwesten, ein paar Minuten durch die Gassen, zur Plaza de las Descalzas. Dort wartet hinter einer schlichten Mauer der größte Schatz der Habsburger-Frauen.
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2. Descalzas Reales: Das Kloster der Kaisertöchter
Plaza de las Descalzas 3, 28013 Madrid, Spain
Vor dir steht eine schlichte, fast abweisende Fassade aus Ziegel und Stein, kaum Schmuck, ein paar vergitterte Fenster. Mitten im Einkaufsgewühl würdest du an diesem Haus einfach vorbeigehen... und genau das ist sein Geheimnis.
Das Monasterio de las Descalzas Reales gründete 1559 Johanna von Österreich, eine Tochter Kaiser Karls V. Sie war in diesem Gebäude zur Welt gekommen, damals ein Stadtpalast, und verwandelte es in ein Kloster für die barfüßigen Klarissen. Johanna war mit neunzehn Jahren Witwe eines portugiesischen Prinzen und regierte danach einige Jahre Spanien, während ihr Bruder Philipp II. im Ausland war. Ihr Sohn Sebastian, der junge König von Portugal, fiel 1578 in einer Schlacht in Marokko, und um sein Verschwinden ranken sich bis heute Legenden. Und sie ist, so erzählen es die Historiker, die einzige Frau, die je heimlich in den Jesuitenorden aufgenommen wurde, unter einem Männernamen.
Nach ihr kamen andere Frauen aus der Familie, und sie brachten mit, was Habsburger eben so besaßen. Die Tochter Philipps II., Isabella Clara Eugenia, Statthalterin in Brüssel, ließ für das Kloster eine Serie riesiger Wandteppiche nach Entwürfen von Rubens weben, den Triumph der Eucharistie. Dazu Gemälde, Reliquien, Kapellen voller Gold, alles hinter dieser grauen Mauer. Viele Nonnen stammten selbst aus dem Hochadel und brachten ihre Mitgift mit, oft in Form von Kunst.
Eine der Bewohnerinnen verbindet Madrid direkt mit Wien. Kaiserin Maria, ebenfalls eine Tochter Karls V., war mit Kaiser Maximilian II. verheiratet und lebte lange in Wien. Als Witwe kehrte sie nach Madrid zurück und zog hierher, zu ihrer Tochter, die Nonne geworden war. Für ihr Begräbnis 1603 komponierte ihr Kaplan und Organist des Klosters, Tomás Luis de Victoria, ein Requiem, das zu den schönsten Werken der Renaissance gehört. Die kleine Straße gleich um die Ecke trägt seinen Namen.
Bis heute leben hier Nonnen in strenger Klausur, mitten zwischen Kaufhäusern und Straßenmusikern. Jetzt geh nach Süden, quer über die Calle del Arenal und die Calle Mayor, bis du durch einen Torbogen auf einen riesigen, rundum geschlossenen Platz trittst.
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3. Plaza Mayor: Die Bühne Philipps III.
Plaza Mayor, 28012 Madrid, Spain
Tritt aus dem Torbogen und bleib einen Moment stehen: Ein riesiges Rechteck, rundum geschlossen, rote Fassaden, Reihe um Reihe Balkone mit schwarzen Eisengittern, und in der Mitte ein König zu Pferd. Seit gut vierhundert Jahren stehen diese Mauern, und sie haben fast alles gesehen.
Die Plaza Mayor wurde 1619 unter Philipp III. vollendet, nach Plänen des Hofarchitekten Juan Gómez de Mora. Vorher lag hier ein unordentlicher Marktplatz vor den Toren der alten Stadt. Die Habsburger machten daraus eine Bühne, und auf dieser Bühne spielte sich das ganze Leben des Hofes ab: Stierkämpfe, Theater, Heiligsprechungen, Hinrichtungen und die Glaubensprozesse der Inquisition. Die Balkone wurden dabei vermietet wie Logen in der Oper. Neun Torbögen führen auf den Platz, und jeder öffnet sich auf eine andere Gasse des alten Madrid.
Das Reiterstandbild in der Mitte zeigt Philipp III. selbst. Begonnen hat es der Flame Giambologna in Florenz, vollendet sein Schüler Pietro Tacca, ein Geschenk aus der Toskana an den spanischen König. Auf diesen Platz kam es aber erst 1848. Und gebrannt hat es hier mehrmals schwer, zuletzt 1790; danach schloss Juan de Villanueva die Ecken, und so entstand das geschlossene Rechteck, das du heute siehst.
Über das Pferd erzählt man sich eine makabre Geschichte. Im Bronzemaul gab es eine Öffnung, und jahrzehntelang sollen kleine Vögel hineingeflogen sein, ohne wieder herauszufinden. Als das Standbild 1931 beschädigt wurde, so die Geschichte, rieselten Hunderte winziger Vogelknochen heraus. Danach wurde das Maul verschlossen.
Schau noch auf die Casa de la Panadería mit ihren bunten Fresken, dem einzigen bemalten Haus am Platz, einst Sitz der Bäckerzunft. Dann verlass den Platz durch den Torbogen auf der Westseite und folge der Calle Mayor nach Westen. Wenn du die steile Treppe des Arco de Cuchilleros siehst, denk daran: Dort unten liegt Sobrino de Botín, seit 1725 in Betrieb, eines der ältesten Restaurants der Welt. Unser Ziel ist aber ein kleiner Platz mit einem mittelalterlichen Turm.
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4. Plaza de la Villa: Der gefangene König von Frankreich
Plaza de la Villa 5, 28005 Madrid, Spain
Dieser kleine Platz wirkt wie ein Bilderbuch der Madrider Geschichte: links ein Turm aus dem 15. Jahrhundert mit einem gotischen Portal, gegenüber das alte Rathaus mit seinen Türmchen, und in der Mitte ein Admiral in Bronze.
Die Plaza de la Villa war über Jahrhunderte das Herz der Stadtverwaltung. Die Casa de la Villa, das Rathaus mit den spitzen Schieferhelmen, wurde im 17. Jahrhundert begonnen, wieder von Juan Gómez de Mora geplant. Daneben steht die Casa de Cisneros aus dem 16. Jahrhundert. Und der Admiral auf dem Sockel ist Álvaro de Bazán, einer der Helden der Seeschlacht von Lepanto 1571, ein Werk von Mariano Benlliure.
Der wahre Star ist aber der Turm, die Torre de los Lujanes. 1525 besiegten die Truppen Karls V. bei Pavia in Italien die Franzosen und nahmen ihren König Franz I. gefangen. Der wurde nach Madrid gebracht, und die Überlieferung sagt, er habe zuerst genau in diesem Turm gesessen. Historiker meinen, er habe die meiste Zeit im Alcázar verbracht, aber die Madrilenen erzählen die Turmgeschichte bis heute mit Vergnügen.
Man erzählt sich auch, Franz habe sich geweigert, sich vor Karl zu verbeugen, und so habe man die Tür seines Zimmers absichtlich niedrig gebaut... damit er sich bücken musste. Ob das stimmt, ist zweifelhaft. Sicher ist: Im Januar 1526 unterschrieb Franz hier in Madrid einen Friedensvertrag, verzichtete auf Burgund und ließ seine beiden Söhne als Geiseln zurück. Kaum zu Hause, erklärte er den Vertrag für ungültig.
Für Karl V. war das ein Triumph mitten in einem Leben voller Kriege, vom Rhein bis nach Tunis. Und für Madrid war es der erste große Auftritt auf der europäischen Bühne, noch bevor es Hauptstadt war. Geh nun weiter die Calle Mayor nach Westen, bis zur Calle de Bailén, und dann links hinunter zur Cuesta de la Vega. Dort zeigt sich das allererste Madrid. Der Weg ist kurz, aber er führt dich mehr als tausend Jahre zurück.
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5. Muralla árabe: Wo Madrid begann
Cuesta de la Vega, 28005 Madrid, Spain
Unter der Kathedrale, an einem kleinen grünen Hang, ziehen sich grobe Mauern aus Feuerstein und Kalkstein entlang. Sie sehen unscheinbar aus, fast wie eine Gartenmauer... dabei sind sie das Älteste, was Madrid besitzt.
Im 9. Jahrhundert ließ der Emir von Córdoba, Muhammad I., auf diesem Felsen über dem Fluss Manzanares eine Festung bauen. Sie sollte den Weg nach Toledo schützen, gegen die christlichen Königreiche im Norden. Die Siedlung darum herum hieß Mayrit, ein Name, der vermutlich mit Wasser zu tun hat, mit den unterirdischen Kanälen, die die Stadt versorgten. Mayrit war kein großer Ort, eher ein Grenzposten mit Moschee, Häusern und Gärten an den Hängen zum Fluss. Aus Mayrit wurde Madrid.
Um 1085 kam die Stadt unter die Herrschaft des kastilischen Königs Alfons VI. Die Festung blieb, wurde umgebaut und erweitert, und aus ihr wuchs der Alcázar, die Burg der kastilischen Könige. Karl V. ließ ihn vergrößern, und als Philipp II. 1561 den Hof nach Madrid holte, zog er genau dort ein, wo einst die Festung des Emirs gestanden hatte. Die Habsburger regierten ein Weltreich also von einer umgebauten maurischen Burg aus. Wer hier oben stand, sah weit über das Tal und konnte jeden Reiter kommen sehen, der von Norden über den Fluss wollte.
Wenn du genau hinsiehst, erkennst du den Wechsel der Steine: Feuerstein und Kalkstein, Schicht um Schicht. Feuerstein heißt auf Spanisch pedernal, und ein altes Wappenmotto behauptet stolz, Madrid sei auf Feuer gebaut, seine Mauern seien aus Feuer. Gemeint sind wohl die Funken, die Feuerstein schlägt. Die Archäologen entdecken bis heute weitere Abschnitte unter Häusern und Kellern.
Der kleine Park, in dem du stehst, ist nach dem Emir benannt, mit dem alles begann. Seit 1954 steht dieses Mauerstück unter Denkmalschutz, und an Sommerabenden finden auf dem kleinen Platz manchmal Konzerte statt. Jetzt geh die Treppe neben der Mauer hinauf, zurück zur Calle de Bailén. Über dir erhebt sich die Kathedrale der Stadt, und in ihr wohnt eine Madonna, die angeblich genau in dieser Mauer gefunden wurde.
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6. Catedral de la Almudena: Die Madonna aus der Mauer
Calle de Bailén 10, 28013 Madrid, Spain
Vor dir erhebt sich eine helle Kathedrale mit einer mächtigen Kuppel, außen klassizistisch, streng, ganz auf den Königspalast gegenüber ausgerichtet. Sie sieht alt aus, aber lass dich nicht täuschen: Sie ist jünger als der Eiffelturm, und zwar um mehr als ein Jahrhundert, wenn man die Weihe zählt.
Madrid war jahrhundertelang Hauptstadt eines katholischen Weltreichs und hatte keine Kathedrale. Die Stadt gehörte zum Erzbistum Toledo, und Toledo wollte seine Macht nicht teilen. Erst 1883 legte König Alfons XII. den Grundstein, nach Plänen des Marqués de Cubas, zunächst als neugotischer Bau gedacht. Bistum wurde Madrid 1885. Geld fehlte, Kriege kamen, die Pläne änderten sich, und erst 1993 weihte Papst Johannes Paul II. die fertige Kirche. Wer aus Köln kommt, lächelt darüber nur: Dort hat man über sechshundert Jahre an einem Dom gebaut.
Ihr Name stammt von einer Legende. Als die Muslime kamen, sollen Christen ein Bild der Muttergottes in der Stadtmauer versteckt haben, nahe dem Getreidespeicher, auf Arabisch almudayna. Als Alfons VI. die Stadt eroberte, so erzählt man, brach ein Stück Mauer von selbst auf, und das Bild kam zum Vorschein, mit zwei Kerzen, die noch immer brannten. Seitdem ist die Virgen de la Almudena die Schutzpatronin Madrids.
Drinnen überrascht dich eine Decke in kräftigen, fast poppigen Farben, ganz anders als in den alten Kirchen Spaniens. Hier ruht auch María de las Mercedes, die erste Frau Alfons' XII., die 1878 mit achtzehn Jahren starb, nur wenige Monate nach einer Hochzeit aus Liebe, die halb Madrid gerührt hatte. Und 2004 heirateten hier der damalige Kronprinz Felipe und Letizia Ortiz, das heutige Königspaar.
So schließt die Kathedrale einen Kreis: von der Legende in der maurischen Mauer bis zur Hochzeit des heutigen Königs. Von ihrer Kuppel aus reicht der Blick über den Palast bis zu den Bergen der Sierra de Guadarrama. Tritt jetzt aus dem Portal und geh über den großen Platz zum Palast gegenüber. Er ist so riesig, dass du ihn kaum auf ein Foto bekommst.
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7. Palacio Real: Wo der Alcázar brannte
Calle de Bailén s/n, 28071 Madrid, Spain
Du stehst auf der Plaza de la Armería, einem riesigen Hof aus hellem Stein, und vor dir breitet sich die Südfassade des Palacio Real aus, Säule an Säule, Fenster an Fenster. Auf der anderen Seite des Hofes öffnet sich eine Balustrade über das grüne Tal des Manzanares.
Hier stand der Alcázar, die alte Burg, in der die Habsburger fast zwei Jahrhunderte lang regiert hatten. 1700 starb Karl II., der letzte spanische Habsburger, ohne Kinder. Um sein Erbe brach ein europäischer Krieg aus: Auf der einen Seite der Bourbone Philipp von Anjou, ein Enkel Ludwigs XIV., auf der anderen Erzherzog Karl von Österreich, der spätere Kaiser Karl VI. Die Truppen der Habsburger-Partei besetzten Madrid sogar zweimal, aber am Ende siegte der Bourbone als Philipp V.
Und dann, in der Weihnachtsnacht 1734, brannte der alte Alcázar ab. Das Feuer wütete tagelang, und mit dem Gebäude verbrannten auch zahllose Gemälde der königlichen Sammlung. Manche Bilder wurden in letzter Minute gerettet, Las Meninas von Velázquez gehörte zu den Glücklichen. Für Philipp V. war es vielleicht kein großer Verlust: Er hatte in Versailles gelernt, wie ein Palast auszusehen hat, und die düstere Burg der Habsburger nie gemocht.
Der neue Palast wurde von 1738 an aus Stein gebaut, damit nie wieder etwas brennen könnte, nach Plänen von Juvarra und Sacchetti. Karl III. war 1764 der erste König, der darin wohnte. Mit über dreitausend Räumen gehört er zu den größten Palästen Europas. Die Königsfamilie wohnt übrigens nicht hier, sondern im kleineren Palacio de la Zarzuela vor der Stadt; dieser Palast dient für Staatsakte. Und gleich nebenan zeigt seit 2023 die Galería de las Colecciones Reales die Schätze der Krone.
Achte beim Weitergehen auf den Blick über die Balustrade nach Westen: Dort unten liegen die Gärten des Campo del Moro und der Fluss. Geh nun am Palast entlang nach Norden, um die Ecke auf seine Ostseite. Dort öffnet sich ein Garten-Platz mit einem bronzenen Pferd, das auf zwei Hinterbeinen steht, und dahinter hat Galileo Galilei mitgerechnet.
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8. Plaza de Oriente: Das Pferd, das Galileo berechnete
Plaza de Oriente, 28013 Madrid, Spain
Mitten im Garten bäumt sich ein Pferd aus Bronze auf, nur auf den Hinterbeinen, und oben sitzt ganz gelassen ein König mit Feldherrnstab. Schau es dir von der Seite an, dann siehst du, wie wenig von dieser Bronze den Sockel berührt. Das sieht leicht aus... war aber im 17. Jahrhundert fast unmöglich.
Der Reiter ist Philipp IV., der König, unter dem Velázquez Hofmaler war. Der Graf-Herzog von Olivares wollte für ihn ein Standbild, das alles in den Schatten stellt, und bestellte es in Florenz bei Pietro Tacca, demselben Bildhauer, der das Pferd Philipps III. auf der Plaza Mayor vollendet hatte. Als Vorlage schickte man aus Madrid ein Bildnis von Velázquez, und für den Kopf eine Büste des Bildhauers Juan Martínez Montañés. Fertig war das Werk um 1640.
Das Problem war die Physik: Ein steigendes Pferd aus tonnenschwerer Bronze, das nur auf zwei Hinterbeinen und dem Schweif ruht, kippt nach vorne. Die Lösung, so erzählt man, kam von Galileo Galilei. Der Vorderteil wurde hohl gegossen, die Hinterbeine und der hintere Körper massiv, so lag der Schwerpunkt genau über den Hinterhufen. Es war wohl das erste große Reiterstandbild dieser Art überhaupt, und es steht bis heute.
Rund um den Platz stehen steinerne Könige, Herrscher aus dem Mittelalter, ursprünglich gedacht für die Balustrade auf dem Dach des Palastes. Man holte sie wieder herunter, angeblich, weil eine Königin geträumt hatte, sie würden auf sie herabstürzen. Wahrscheinlicher ist, dass sie einfach zu schwer waren. Den Platz selbst ließ übrigens Joseph Bonaparte freiräumen, Napoleons Bruder, der für ein paar Jahre König von Spanien war; die Madrilenen nannten ihn spöttisch den Plätzekönig.
Am Sonntag sitzen hier Familien auf den Bänken, und Straßenmusiker spielen vor der Kulisse des Palastes. Vom östlichen Ende des Gartens siehst du schon ein großes Theater, das genau dem Palast gegenüberliegt, als würden sich König und Publikum anschauen. Geh am Café de Oriente vorbei auf das Theater zu und dann um den Bau herum auf seine andere Seite, zur Plaza de Isabel II.
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9. Teatro Real: Die Oper gegenüber dem König
Plaza de Isabel II s/n, 28013 Madrid, Spain
Vor dir steht die schlichtere Seite des Teatro Real, zur kleinen Plaza de Isabel II hin, mit der Königin selbst auf ihrem Sockel. Die prächtige Seite schaut zum Palast... ein Opernhaus mit zwei Gesichtern, eines für den Hof und eines für die Stadt.
Das Theater hat eine lange, mühsame Geburt hinter sich. Begonnen wurde es schon unter Ferdinand VII., aber Geld und Politik bremsten den Bau über Jahrzehnte. An dieser Stelle stand vorher ein älteres Theater, der Caños del Peral, benannt nach einem alten Brunnen. Unter der Metrostation Ópera nebenan kannst du heute noch Reste der alten Wasserleitungen sehen. Erst 1850 eröffnete seine Tochter, Königin Isabel II., das Haus mit einer Oper von Donizetti. Von da an war es der Treffpunkt der feinen Gesellschaft, und in der Königsloge saß der Hof, genau gegenüber vom eigenen Palast.
Die Oper hat am spanischen Hof eine lange Vorgeschichte, die bis zu den Habsburgern zurückreicht. Philipp IV. liebte Theater und Musik, und in einem kleinen Jagdschloss vor der Stadt, dem Palacio de la Zarzuela, ließ er musikalische Stücke aufführen, für die auch Calderón de la Barca schrieb. Aus dem Namen dieses Schlosses wurde der Name einer ganzen Gattung: die Zarzuela, die spanische Operette. Und in genau jenem Palacio de la Zarzuela wohnt heute die Königsfamilie.
Das Teatro Real selbst hatte weniger Glück. 1925 musste es wegen schwerer Bauschäden schließen, und für Jahrzehnte blieb die Bühne stumm. Ab 1966 diente es als Konzertsaal, und erst 1997, nach einem langen, teuren Umbau, kehrte die Oper zurück. Heute gilt es wieder als eines der wichtigsten Opernhäuser Europas, mit einer Bühnentechnik, die zu den modernsten gehört.
Von der Plaza de Isabel II ist es nur ein kurzer Weg zu einem stillen, fast vergessenen Ort der Habsburger. Geh nach Norden, die Calle de la Unión und dann die kleinen Gassen hinauf, bis zur Plaza de la Encarnación. Unterwegs wird es plötzlich ruhig, als hätte jemand die Stadt leiser gedreht. Dort steht ein Kloster, das eine Königin aus Graz gegründet hat.
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10. Monasterio de la Encarnación: Die Königin aus Graz
Plaza de la Encarnación 1, 28013 Madrid, Spain
Auf diesem stillen Platz steht eine Kirche mit einer klaren, ruhigen Fassade aus hellem Stein und rötlichem Ziegel, davor ein kleiner Garten. Kaum ein Tourist verirrt sich hierher, und doch war dieser Ort einmal direkt mit dem Königsschloss verbunden. Die Fassade aus dem frühen 17. Jahrhundert wurde zum Vorbild für viele spätere Klosterkirchen in Madrid.
Das Real Monasterio de la Encarnación gründeten Philipp III. und seine Frau Margarete von Österreich, und Margarete kam aus Graz. Sie war eine Tochter des Erzherzogs Karl von Innerösterreich, eine Habsburgerin aus der Steiermark, die mit vierzehn Jahren einen Cousin aus der spanischen Linie heiratete. Ihr Vater regierte von Graz aus die Steiermark, Kärnten und Krain, und am Grazer Hof wuchs Margarete streng katholisch auf. Die Habsburger heirateten so oft untereinander, dass die beiden Zweige der Familie, Madrid und Wien, fast eine einzige Großfamilie waren.
Margarete erlebte die Vollendung ihres Klosters nicht. Sie starb 1611, mit sechsundzwanzig Jahren, nach der Geburt ihres achten Kindes. Philipp III. heiratete nie wieder. Er ließ das Kloster zu Ende bauen, die Kirche wurde 1616 geweiht, und es wurde zu einem Lieblingsort der königlichen Frauen. Ein überdachter Gang verband es mit dem Alcázar, sodass die Königinnen hierherkommen konnten, ohne je die Straße zu betreten.
Das berühmteste Stück im Inneren ist ein Reliquienraum, vollgestellt mit Hunderten von Reliquien in Gold und Silber. Darunter ein Glasgefäß mit dem Blut des heiligen Pantaleon. Die Überlieferung sagt, es werde jedes Jahr am 27. Juli, seinem Festtag, wieder flüssig. Und die Madrilenen erzählen, wenn es einmal nicht flüssig werde, stehe der Stadt ein Unglück bevor. Ob man daran glaubt oder nicht: An diesem Tag warten viele Menschen geduldig vor der Kirche.
Bis heute leben hier Augustinerinnen in Klausur, gleich neben dem Senat und nur wenige Schritte vom Palast. Für den Schluss unseres Weges geh nun nach Westen, auf die Calle de Bailén zu und dann rechts. Dort liegen unter dem Nordflügel des Palastes Gärten mit geschnittenen Hecken, der schönste Platz für den Sonnenuntergang.
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11. Jardines de Sabatini: Sonnenuntergang unter dem Palast
Calle de Bailén 2, 28013 Madrid, Spain
Vor dir liegen streng geschnittene Hecken, ein langer Wasserspiegel, Statuen auf Sockeln, und darüber erhebt sich die Nordwand des Königspalastes wie eine Klippe aus Stein. Am Abend färbt die Sonne sie golden, und der ganze Garten wird zur Bühne.
Diese Gärten tragen den Namen von Francesco Sabatini, dem Architekten Karls III., den du heute schon an mehreren Stellen getroffen hast. Aber nicht, weil er sie angelegt hat. Hier standen die königlichen Stallungen, die Sabatini entworfen hatte, denn ein Hof brauchte damals so viele Pferde und Kutschen wie heute eine Stadt Autos. In den 1930er-Jahren wurden sie abgerissen, man begann mit dem Garten, und fertig wurde er erst Jahrzehnte später. 1978 öffnete König Juan Carlos I. ihn für alle.
Schau von hier aus noch einmal hinauf. Du hast heute die Geschichte der spanischen Habsburger durchwandert, vom Kilometerstein an der Puerta del Sol bis hierher. Du hast die Töchter Karls V. in ihrem Kloster besucht, die Bühne Philipps III. betreten, den gefangenen König von Frankreich getroffen, das galileische Pferd Philipps IV. gesehen und die Königin aus Graz. Und du stehst unter dem Palast, den die Bourbonen genau dort bauten, wo die Burg der Habsburger verbrannte.
Die Spanier sagen manchmal, die Habsburger hätten Spanien zu einem Weltreich gemacht und die Bourbonen hätten ihm einen Palast gebaut. Das ist natürlich zu einfach. Aber wenn du in diesem Garten stehst, siehst du beides gleichzeitig: den Stein der Bourbonen über dir und unter deinen Füßen den Felsen, auf dem Emir, Kaiser und Könige ihre Burgen hatten.
Setz dich auf eine Bank am Wasser und warte auf den Sonnenuntergang hinter der Casa de Campo, dem alten Jagdrevier der Könige auf der anderen Seite des Flusses. Erworben hat es Philipp II., der erste König, der Madrid zum Hof machte, und heute ist es der größte Park der Stadt. Wenn die Fassade über dir rot wird, ist dieser Spaziergang zu Ende... und das alte Madrid der Austrias gehört ganz dir.