Lope, Cervantes und der Zerrspiegel: Madrids Literatenviertel rund um die Calle de las Huertas
Durch das Barrio de las Letras in Madrid: von den Löwen des Parlaments über Goethes geliebten Calderón und Lopes Wohnhaus bis zur Druckerei des Don Quijote, zu Cervantes' Grab und in Valle-Incláns Lavapiés
Madrid · 11 stops · 28 min audio · Generated
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1. Círculo de Bellas Artes: Minerva über dem Viertel der Musen
Calle de Alcalá 42, 28014 Madrid, Spain
Stell dich auf die andere Seite der Calle de Alcalá und lass den Blick an diesem hellen Turm hinaufwandern, Stockwerk um Stockwerk, bis ganz nach oben. Dort steht sie, eine dunkle Bronzefigur mit Helm und Lanze, und wacht über Madrid: Minerva, die Göttin der Weisheit und der Künste.
Der Círculo de Bellas Artes wurde 1880 von Malern, Bildhauern und Schriftstellern gegründet, als eine Art Club für alle, die von der Kunst lebten oder wenigstens davon träumten. Sein heutiges Haus entwarf Antonio Palacios, derselbe Architekt, der Madrid den Palacio de Cibeles und die Eingänge der ersten Metrostationen geschenkt hat. 1926 wurde es eröffnet... ein senkrechter Palast der Künste, mit Theater, Kino, Ausstellungssälen und einem großen Café im Erdgeschoss. Palacios mischte hier Elemente ganz unterschiedlicher Stile, und das Ergebnis sieht aus wie kein anderes Haus der Stadt.
Die Minerva kam erst später dazu, in den Sechzigerjahren, eine Arbeit des Bildhauers Juan Luis Vassallo. Sie wiegt mehrere Tonnen und steht so hoch, dass du sie von vielen Dachterrassen der Stadt aus entdeckst. Wer hinauffährt, bekommt eine der schönsten Aussichten Madrids geschenkt: die Kuppeln der Gran Vía, an klaren Tagen die Berge am Horizont und direkt unter dir ein Gewirr aus Ziegeldächern.
Genau dieses Gewirr ist unser Ziel. Südlich von hier liegt ein kleines Viertel, das die Madrilenen Barrio de las Letras nennen, das Viertel der Buchstaben. Im Goldenen Zeitalter, um 1600, wohnten dort auf wenigen hundert Metern Lope de Vega, Miguel de Cervantes, Francisco de Quevedo und Luis de Góngora... Nachbarn, Rivalen und manchmal erbitterte Feinde. Quevedo und Góngora verspotteten sich jahrelang in giftigen Gedichten, über Verse, Herkunft und sogar Nasen. Selten hat es irgendwo so viel Literatur pro Quadratmeter gegeben.
Und der Círculo selbst? Hier wird bis heute gelesen, gestritten und gefeiert, und sein Maskenball zum Karneval ist eine Madrider Legende. Wer im Café unten sitzt, sitzt zwischen Säulen und Kronleuchtern, als hätte die Zeit irgendwann in den Zwanzigern beschlossen, einfach stehen zu bleiben. Geh jetzt hinunter Richtung Carrera de San Jerónimo, bis zu zwei bronzenen Löwen, die das spanische Parlament bewachen.
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2. Congreso de los Diputados: Die Löwen und der Dichter
Carrera de San Jerónimo s/n, 28014 Madrid, Spain
Vor dir liegt ein klassizistischer Tempel mit Säulen und Giebel, und auf der Treppe davor ruhen zwei mächtige Löwen aus Bronze, die Pranken auf Kugeln gelegt. Das ist der Congreso de los Diputados, das spanische Parlament... und die beiden Löwen sind aus Kriegsbeute gemacht.
Das Gebäude entstand zwischen 1843 und 1850 nach Plänen von Narciso Pascual y Colomer, an der Stelle eines alten Klosters. Die heutigen Löwen wurden 1865 gegossen, aus der Bronze von Kanonen, die im Krieg in Marokko erbeutet worden waren. Die Madrilenen nennen sie Daoíz und Velarde, nach zwei Offizieren, die beim Aufstand gegen Napoleons Truppen 1808 fielen. Wer hier über Gesetze streitet, geht also jeden Tag zwischen zwei Kanonen hindurch.
Am 23. Februar 1981 stürmte ein Oberstleutnant der Guardia Civil, Antonio Tejero, mit bewaffneten Männern den Plenarsaal, mitten in einer Abstimmung. Schüsse fielen in die Decke, die meisten Abgeordneten warfen sich hinter die Bänke, und eine Nacht lang hielt Spanien den Atem an. Eine Fernsehkamera im Saal lief einfach weiter, und so sah das ganze Land später die Bilder. Der Putschversuch scheiterte, die junge Demokratie hielt. Die Einschusslöcher in der Decke des Saals hat man bis heute nicht verputzt.
Jetzt dreh dich um zur kleinen Plaza de las Cortes. Dort steht auf einem hohen Sockel ein Mann in Bronze, mit Halskrause und Umhang: Miguel de Cervantes. Die Statue von Antonio Solá wurde 1835 aufgestellt und gilt als das älteste Denkmal, das Madrid seinem größten Schriftsteller gesetzt hat. Auf dem Sockel siehst du Reliefs mit Szenen aus dem Don Quijote, den Ritter, seinen Knappen und ihre Abenteuer.
Ein Parlament und ein Dichter, Auge in Auge... das passt, denn an diesem Platz beginnt das Viertel, in dem Cervantes seine letzten Jahre verbrachte. Du merkst es gleich: Die Straßen werden enger, die Häuser älter, mit schmiedeeisernen Balkonen und Hinterhöfen. Geh jetzt ein paar Häuser weit in die schmale Calle del Prado hinein, bis zu einer Tür, hinter der seit fast zweihundert Jahren über alles gestritten wird.
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3. Ateneo de Madrid: Das gelehrte Haus
Calle del Prado 21, 28014 Madrid, Spain
Von außen ist es nur eine elegante Fassade in der schmalen Calle del Prado, mit hohen Fenstern und einem Schriftzug über dem Tor. Doch wenn hinter dieser Tür Licht brennt, wird drinnen meistens gerade diskutiert... und das seit fast zweihundert Jahren.
Das Ateneo Científico, Literario y Artístico wurde 1835 gegründet, in einer Zeit, in der Spanien zwischen Absolutismus und Liberalismus hin und her geworfen wurde. Unter den Gründern waren liberale Schriftsteller und Politiker, von denen viele gerade erst aus dem Exil zurückgekehrt waren. Es war ein Ort, an dem man frei sprechen, lesen und widersprechen konnte, und genau das machte ihn so kostbar. 1884 zog der Verein in dieses Haus, und seitdem nennen die Madrilenen es halb ehrfürchtig, halb spöttisch die Docta Casa, das gelehrte Haus.
Das Herzstück ist die Bibliothek, eine der größten privaten Bibliotheken Spaniens, mit Galerien aus dunklem Holz und grünen Leselampen, unter denen Generationen von Studenten und Schriftstellern gebrütet haben. In einer eigenen Galerie hängen die Porträts berühmter Mitglieder, ein Gruppenbild der spanischen Geistesgeschichte. Und ein Saal trägt den Spitznamen La Cacharrería, der Trödelladen, weil dort die lautesten und hitzigsten Gesprächsrunden der Stadt zusammenkamen.
Fast jede politische Strömung des modernen Spanien ist irgendwann durch diese Räume gegangen. Manuel Azaña, später Präsident der Zweiten Republik, leitete das Ateneo von 1930 bis 1932, und in den Monaten um die Ausrufung der Republik 1931 war dieses Haus eines ihrer geistigen Zentren. Unter der Diktatur verlor es seine Unabhängigkeit, erst mit der Demokratie kehrte das freie Wort ganz zurück.
Stell dir vor, wie hier an einem Winterabend um 1900 jemand die Treppe hinaufstürmt, ein frisches Manuskript unter dem Arm, um es vor Publikum zu verteidigen. So funktioniert das Ateneo bis heute: Vorträge, Lesungen, Widerspruch. Folge jetzt der Calle del Prado nach Westen, an alten Häusern mit schmiedeeisernen Balkonen vorbei, bis sich die Straße zu einem großen, hellen Platz öffnet.
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4. Plaza de Santa Ana & Teatro Español: Calderón, Lorca und ein Theater seit 1583
Calle del Príncipe 25, 28012 Madrid, Spain
Willkommen im Wohnzimmer des Viertels: Terrassen, Kinderlärm, Tauben, und an der Ostseite ein klassizistisches Theater mit Säulen und den Namen großer Dramatiker an der Fassade. Davor steht ein schlanker junger Mann aus Bronze, der in seinen Händen einen Vogel hält, als wollte er ihn gleich fliegen lassen... Federico García Lorca.
Das Teatro Español steht auf dem ältesten Theaterboden der Stadt. Schon 1583 öffnete hier der Corral del Príncipe, ein offener Innenhof, in dem das Volk stehend Komödien von Lope de Vega und später von Calderón sah, während die Frauen getrennt auf einer eigenen Galerie saßen. Die stehenden Männer im Hof, die mosqueteros, entschieden mit Pfiffen oder Beifall über Erfolg und Untergang eines Stücks. Aus dem Hof wurde ein Theater, es brannte, wurde neu gebaut und heißt seit 1849 Teatro Español. 1934 erlebte hier Lorcas Yerma ihre Uraufführung.
Und jetzt schau zum anderen Ende des Platzes. Dort steht auf hohem Sockel Pedro Calderón de la Barca, der Dichter von Das Leben ein Traum. Für uns Deutschsprachige ist er ein besonderer Gast, denn die Romantiker waren verrückt nach ihm. August Wilhelm Schlegel übersetzte seine Stücke, die Brüder Schlegel stellten ihn neben Shakespeare, und Goethe brachte 1811 in Weimar Calderóns Der standhafte Prinz auf die Bühne. Ein spanischer Barockdichter als Star der deutschen Klassik... wer hätte das gedacht.
Den Platz selbst verdankt Madrid übrigens einem Franzosen. 1810 ließ Joseph Bonaparte, Napoleons Bruder und damals König von Spanien, hier ein Kloster der Karmelitinnen abreißen, um Luft und Licht in die engen Gassen zu bringen. Die Madrilenen spotteten und tauften ihn Pepe Plazuelas, Josef der Plätzchenmacher. Heute sitzen sie mit Vergnügen auf seinen Plätzen.
An der Südseite findest du die Cervecería Alemana, eine Bierhalle von 1904, in der Ernest Hemingway Stammgast war. Der Name heißt wörtlich die Deutsche Bierstube... ein kleiner Gruß an dich, mitten in Madrid. Geh nun von der Nordwestecke des Platzes in die Calle de Núñez de Arce und gleich links in eine winzige Gasse, in der seltsame Spiegel an der Wand hängen.
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5. Callejón del Gato: Die Spiegel, in denen das Esperpento geboren wurde
Calle de Álvarez Gato, 28012 Madrid, Spain
Bleib vor der Hauswand stehen und schau in die Spiegel. Der eine macht dich lang und dünn wie eine Bohnenstange, der andere klein und breit wie ein Weinfass. Kinder lachen sich hier kaputt, Erwachsene auch... und du stehst gerade mitten in einem Kapitel der spanischen Literaturgeschichte.
Offiziell heißt die Gasse Calle de Álvarez Gato, nach einem Dichter des 15. Jahrhunderts, doch alle sagen nur Callejón del Gato, Katzengasse. Gewölbte Spiegel hingen hier schon Anfang des 20. Jahrhunderts an einem Ladenlokal, als Kuriosität für Passanten. Die Spiegel, die du heute siehst, sind Nachfolger der alten, aber der Trick ist derselbe geblieben: Sie zeigen dich, nur eben ganz anders.
Berühmt gemacht hat sie Ramón del Valle-Inclán, in seinem Stück Luces de bohemia von 1920. Darin zieht ein blinder, verarmter Dichter namens Max Estrella eine letzte Nacht lang durch Madrid, von Kneipe zu Polizeiwache, von Café zu Redaktion. Er ist pleite, stolz bis zur Verzweiflung, und an seiner Seite schleicht der schmierige Don Latino, der ihn am Ende bestiehlt. In der zwölften Szene erklärt er seinem Begleiter, dass die klassischen Helden, betrachtet in den gewölbten Spiegeln dieser Gasse, zu Fratzen werden... und genau das sei das Esperpento.
Esperpento, so nannte Valle-Inclán seine neue Art, die Wirklichkeit zu zeigen: verzerrt, grotesk, absichtlich hässlich. Sein Max Estrella behauptet, Spanien selbst sei eine groteske Verzerrung der europäischen Zivilisation, und nur ein Zerrspiegel könne es deshalb ehrlich abbilden. Valle-Inclán sagte einmal, man könne Figuren kniend betrachten, auf Augenhöhe oder von oben herab, wie ein Puppenspieler... und er wählte den Blick von oben. Tragische Gestalten, die ins Lächerliche kippen, Würde, die zur Grimasse wird. Viele sehen darin einen Vorläufer jenes schwarzen Humors, der später auch das spanische Kino prägte.
Mach ruhig ein Foto von dir im Zerrspiegel, du bist damit in bester literarischer Gesellschaft. Den Mann, der diese Spiegel unsterblich machte, triffst du am Ende unseres Spaziergangs noch einmal. Jetzt aber geh ein paar Schritte nach Süden, bis zur Calle de Atocha, wo eine Kirche zwei Gesichter hat.
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6. Iglesia de San Sebastián: Lopes verlorenes Grab
Calle de Atocha 39, 28012 Madrid, Spain
Die Kirche vor dir hat zwei Eingänge, einen an der lauten Calle de Atocha und einen an der stillen Seitengasse, und genau damit beginnt ein großer Roman. Benito Pérez Galdós eröffnete 1897 sein Buch Misericordia mit der Beobachtung, dass die Pfarrei San Sebastián zwei Gesichter habe, so wie manche Menschen.
Galdós interessierte sich weniger für die Kirche als für die Menschen vor ihrer Tür: die Bettler, die hier jeden Morgen saßen und um Almosen baten. Seine Heldin Benina, eine alte Dienstmagd, bettelt heimlich an dieser Kirche, um ihre verarmte Herrin durchzubringen, ohne dass die es merkt. Sie gilt als eine der warmherzigsten Figuren der spanischen Literatur... und ihre Bühne ist dieser Gehweg.
Für die Literaturgeschichte ist San Sebastián aber vor allem ein Grab, das es nicht mehr gibt. 1635 starb Lope de Vega, der gefeiertste Dramatiker seiner Zeit, und halb Madrid folgte seinem Sarg. Er wurde hier beigesetzt, in einer Gruft, für die regelmäßig gezahlt werden musste. So wird erzählt, dass irgendwann niemand mehr zahlte, die Gebeine in ein Sammelgrab wanderten... und seitdem weiß niemand, wo Lope liegt.
Auch die Kirche selbst hat schwere Zeiten hinter sich. Im Bürgerkrieg, 1936, wurde sie von Bomben getroffen und schwer beschädigt, vieles von dem, was du heute siehst, ist Wiederaufbau. Geblieben ist das Gedächtnis auf Papier: In den alten Kirchenbüchern stehen Taufen, Hochzeiten und Begräbnisse von Dichtern, Schauspielern und Architekten. Die Pfarrei war so etwas wie das Standesamt der Madrider Kultur.
Jetzt nimm die Calle de las Huertas, die gleich neben der Kirche beginnt, und geh sie bergab nach Osten. Achte auf den Boden: Ins Pflaster sind in goldenen Buchstaben Zitate der Autoren eingelassen, die hier gelebt haben. Unterwegs kommst du an der Casa Alberto vorbei, einer Taverne, die es seit 1827 gibt. An der Calle del León biegst du links ab, dann rechts in die Calle de Cervantes, und schon stehst du vor Lopes Haus.
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7. Casa Museo Lope de Vega: Das Haus des Monsters der Natur
Calle de Cervantes 11, 28014 Madrid, Spain
Ein schlichtes Haus mit Holztür und vergitterten Fenstern in der Calle de Cervantes, nichts Auffälliges... bis du weißt, wer hier ein Vierteljahrhundert lang am Schreibtisch saß. Und ist dir an der Ecke eben die Gedenktafel aufgefallen? Dort, an der Kreuzung mit der Calle del León, starb 1616 Miguel de Cervantes. Die beiden größten Schriftsteller Spaniens wohnten nur einen Steinwurf voneinander entfernt.
Und jetzt kommt die schönste Pointe der Madrider Straßennamen. Lope de Vega wohnte, wie du siehst, in der Calle de Cervantes. Cervantes dagegen liegt begraben in der Calle de Lope de Vega, nur eine Straße weiter. Im 19. Jahrhundert benannte die Stadt die Gassen nach den beiden um und gab dabei jedem die Straße des anderen. Dabei waren die zwei zu Lebzeiten Rivalen, die sich gegenseitig spitze Bemerkungen zuwarfen.
Lope war ein Phänomen. Er behauptete, weit über tausend Theaterstücke geschrieben zu haben, mehr als hundert davon angeblich in jeweils vierundzwanzig Stunden, und rund vierhundert sind tatsächlich erhalten. Cervantes nannte ihn, halb bewundernd, halb giftig, ein Monstrum der Natur. Lope war Soldat in der Armada, Liebhaber, Familienvater, Priester... 1614 ließ er sich weihen und verliebte sich wenig später in eine verheiratete Frau, Marta de Nevares.
Das Haus kaufte er 1610, und heute ist es als Museum so eingerichtet, wie es zu seiner Zeit ausgesehen haben könnte: das Arbeitszimmer, das kleine Hausoratorium, die Betten, die Stube der Familie. Hinten liegt ein winziger Garten mit Brunnen und Obstbäumen, den Lope über alles liebte und in seinen Briefen beschrieb. 1935, zum 300. Todestag, öffnete das Haus als Museum.
Lopes Tochter Marcela trat als junge Frau in das nahe Kloster der Trinitarierinnen ein, und es heißt, sein Trauerzug sei 1635 eigens an ihrem Kloster vorbeigeführt worden, damit sie den Vater ein letztes Mal sehen konnte. Zu diesem Kloster kommen wir noch. Vorher aber geh bergab zur Calle de Atocha, zu dem Haus, in dem der Don Quijote zum ersten Mal gedruckt wurde.
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8. Imprenta de Juan de la Cuesta: Die Druckerei des Don Quijote
Calle de Atocha 87, 28012 Madrid, Spain
Hier an der Calle de Atocha, zwischen Autos und Ladenfronten, halt Ausschau nach dem Haus mit der Gedenktafel. Kaum jemand bleibt stehen. Dabei ist an dieser Stelle das vielleicht wichtigste Buch der spanischen Sprache zum ersten Mal aus der Presse gekommen.
In diesem Haus betrieb Juan de la Cuesta eine Druckerei. Ende 1604 setzten seine Gehilfen hier, Buchstabe für Buchstabe, den ersten Teil von El ingenioso hidalgo don Quijote de la Mancha, und Anfang 1605 kam das Buch in den Handel. Es war sofort ein Erfolg: Noch im selben Jahr erschienen weitere Ausgaben in Lissabon und Valencia, und bald lachte man in ganz Europa über den Ritter von der traurigen Gestalt.
Gedruckt wurde schnell und nicht immer sorgfältig. In der ersten Ausgabe wird Sancho Panza sein Esel gestohlen, und ein paar Kapitel später reitet er wieder fröhlich darauf, ohne jede Erklärung. Die Leser bemerkten den Fehler, und Cervantes rächte sich elegant: Im zweiten Teil lässt er seine Figuren über die Pannen ihres eigenen Buches diskutieren. Ein Roman, der seine Druckfehler kommentiert... das war vierhundert Jahre vor der Postmoderne.
Dieser zweite Teil hat eine kuriose Vorgeschichte. 1614 erschien eine falsche Fortsetzung, geschrieben von einem Unbekannten, der sich Alonso Fernández de Avellaneda nannte. Cervantes war gekränkt, beeilte sich mit seiner eigenen Fortsetzung, und 1615 kam sie heraus, wieder aus der Werkstatt von Juan de la Cuesta. Darin lässt er Don Quijote sogar einer Figur aus dem gefälschten Buch begegnen, die bestätigen muss, dass der falsche Quijote ein Hochstapler war.
Heute gehört das Haus der Sociedad Cervantina, die hier die Erinnerung an die Druckerei wachhält. Stell dir das Knarren der Pressen vor, den Geruch von Druckerschwärze und feuchtem Papier, die Bögen, die zum Trocknen an Schnüren hingen, und dazwischen einen Autor, der vermutlich nervös auf seine Fahnen wartete. Dann geh wieder bergauf nach Norden, durch die stillen Seitenstraßen bis zur Calle de Lope de Vega. Dort wartet Cervantes selbst.
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9. Convento de las Trinitarias: Das Grab des Miguel de Cervantes
Calle de Lope de Vega 18, 28014 Madrid, Spain
Vor dir erstreckt sich eine lange, ziemlich abweisende Ziegelmauer mit kleinen Fenstern, darüber die Kuppel einer Kirche. Kein Café, kein Souvenirladen, nur Stille. Und doch liegt hinter diesen Mauern, irgendwo, der Mann, der den Don Quijote geschrieben hat.
Miguel de Cervantes starb im April 1616 in seinem Haus an der Ecke der Calle del León, wenige Schritte von hier, wo heute eine Tafel an ihn erinnert. Das Haus selbst wurde 1833 abgerissen, obwohl der Schriftsteller Ramón de Mesonero Romanos öffentlich dagegen protestierte. Ein paar Schritte weiter, im strengen Bau von Juan de Villanueva, sitzt heute die Real Academia de la Historia, die Hüterin des spanischen Gedächtnisses... eine Nachbarschaft, die Cervantes vermutlich amüsiert hätte.
Warum aber dieses Kloster? Weil Cervantes den Trinitariern seine Freiheit verdankte. 1575 hatten Korsaren ihn auf dem Heimweg vom Militärdienst gefangen genommen und nach Algier verschleppt. Fünf Jahre lang war er dort Gefangener, versuchte viermal zu fliehen, und erst 1580 kauften ihn Mönche des Trinitarierordens frei. Seine Erfahrungen in Algier kehren später in seinen Werken wieder, etwa in der Erzählung des Gefangenen im ersten Teil des Don Quijote. Er hat das nie vergessen und wollte bei ihren Schwestern begraben sein.
Bei Umbauten der Kirche gegen Ende des 17. Jahrhunderts gingen seine Gebeine verloren, vermischt mit anderen Toten in der Krypta. Jahrhundertelang wusste niemand, wo genau Cervantes lag. 2015 stieg ein Team von Forensikern mit Bodenradar in die Krypta hinab und fand Knochenreste, die sie Cervantes und seiner Frau Catalina zuordneten. Seitdem erinnert ein schlichtes Grabmal in der Kirche an ihn.
Hinter denselben Mauern lebte auch Lopes Tochter Marcela als Nonne, und bis heute wohnen hier Trinitarierinnen in Klausur. Die beiden großen Rivalen sind sich an diesem Ort also doch noch nahegekommen. Wenn du dich losreißen kannst, geh nach Westen zur Calle del León, an der Plaza de Antón Martín vorbei durch die Calle de la Magdalena, bis zu einem Platz voller Blumenstände.
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10. Plaza de Tirso de Molina: Der Mönch, der Don Juan erfand
Plaza de Tirso de Molina, 28012 Madrid, Spain
Zwischen Blumenständen, Bäumen und dem Eingang zur Metro steht auf einem hohen Sockel ein Mönch im Ordensgewand. Er wirkt fromm, ernst, ein bisschen streng... und doch hat ausgerechnet dieser Mann die berühmteste Verführerfigur der Weltliteratur erfunden.
Tirso de Molina war ein Künstlername. Eigentlich hieß er Gabriel Téllez, und er war Mönch im Mercedarierorden, einem Orden, der wie die Trinitarier christliche Gefangene freikaufte. Genau an diesem Platz stand das große Kloster der Mercedarier von Madrid, in dem er zeitweise lebte. Neben seinen geistlichen Pflichten schrieb er Dutzende Theaterstücke, voller Witz, Intrigen und erstaunlich selbstbewusster Frauenfiguren. Nicht allen gefiel das: 1625 empfahl eine königliche Reformkommission sogar, ihn wegen seiner allzu weltlichen Komödien aus Madrid zu entfernen.
Sein berühmtestes Stück ist El burlador de Sevilla, der Verführer von Sevilla, erschienen um 1630 und meist ihm zugeschrieben. Darin tritt zum ersten Mal Don Juan auf, der Frauen betört und betrügt, bis ihn am Ende ein steinerner Gast in die Hölle zieht. Von hier aus begann Don Juan seine Reise durch Europa, über Molière bis nach Prag, wo 1787 Mozarts Don Giovanni uraufgeführt wurde. Und E.T.A. Hoffmann schrieb 1813 eine Erzählung über einen Abend mit dieser Oper.
Das Kloster selbst überlebte das 19. Jahrhundert nicht. Mit der Enteignung der Kirchengüter in den 1830er Jahren wurde es abgerissen, und auf dem freien Gelände entstand ein Platz. Er hieß zunächst Plaza del Progreso, Platz des Fortschritts, und bekam ein Denkmal für Juan Álvarez Mendizábal, ausgerechnet den Minister, dessen Gesetze die Klöster enteignet hatten. Nach dem Bürgerkrieg verschwand Mendizábal vom Sockel, und der Platz wurde nach dem Mönch benannt, der hier einst gelebt hatte.
So erzählt dieser unscheinbare Platz in wenigen Sätzen ein ganzes Stück spanischer Geschichte: Kloster, Revolution, Gegenrevolution, Blumenmarkt. Kauf dir ruhig ein paar Nelken, Tirso hätte nichts dagegen. Folge dann der Calle de Mesón de Paredes bergab nach Süden, hinein ins Viertel Lavapiés, bis zu einem Platz, an dem ein Theater den Namen eines bärtigen Dichters trägt.
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11. Plaza de Lavapiés & Teatro Valle-Inclán: Der Bohemien mit dem einen Arm
Plaza de Lavapiés, 28012 Madrid, Spain
Du bist unten angekommen, auf der Plaza de Lavapiés, im Herzen des vielleicht buntesten Viertels von Madrid. Stimmen in Dutzenden Sprachen, Gerüche aus aller Welt, Kinder, Hunde, alte Männer auf Bänken, und an einer Seite ein moderner, kantiger Theaterbau: das Teatro Valle-Inclán.
Das Theater wurde 2006 eröffnet und ist eine Bühne des Centro Dramático Nacional, des staatlichen Theaters für spanisches Gegenwartsdrama. Benannt ist es nach Ramón del Valle-Inclán, dem Mann, der den Zerrspiegeln im Callejón del Gato ihren Ruhm verschaffte. Und es passt hierher, denn Valle-Inclán war der Dichter der Madrider Armut, der Hinterhöfe, der Cafés und der langen Nächte.
Valle-Inclán war eine wandelnde Legende: ein Galicier mit gewaltigem Bart und runder Brille, der durch die Cafés zog und Geschichten über sich selbst erfand. Seinen linken Arm verlor er 1899 nach einem Streit in einem Café, bei dem ihm ein Manschettenknopf das Handgelenk verletzte. Die Wunde entzündete sich, der Arm musste amputiert werden. Er selbst erzählte später, je nach Laune, ganz andere und viel abenteuerlichere Versionen. Er stritt mit Kritikern, Verlegern und Politikern und lebte trotz seines Ruhms oft am Rand der Armut.
Die Figur des blinden Max Estrella aus Luces de bohemia hat ein reales Vorbild: Alejandro Sawa, einen Dichter und Bohemien, der 1909 blind und verarmt in Madrid starb. Valle-Inclán machte aus seinem Freund ein Denkmal für alle Künstler, die diese Stadt gefeiert und dann vergessen hat. Lavapiés selbst, lange ein Viertel der Handwerker, Tagelöhner und Zugewanderten, war genau die Welt, in der solche Geschichten spielten.
Damit schließt sich der Kreis dieses Spaziergangs: von Lope und Cervantes, die um 1600 ein paar Straßen weiter um Ruhm und Brot kämpften, bis zu den Bohemiens, die drei Jahrhunderte später dasselbe taten. Setz dich auf eine Bank, bestell dir etwas zu trinken und lass das Gehörte nachklingen... die Geschichten des Viertels der Buchstaben enden hier nicht, sie werden nur ein bisschen leiser.