Callejón del Gato: Die Spiegel, in denen das Esperpento geboren wurde

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Bleib vor der Hauswand stehen und schau in die Spiegel. Der eine macht dich lang und dünn wie eine Bohnenstange, der andere klein und breit wie ein Weinfass. Kinder lachen sich hier kaputt, Erwachsene auch... und du stehst gerade mitten in einem Kapitel der spanischen Literaturgeschichte.

Key Facts

PlaceCallejón del Gato: Die Spiegel, in denen das Esperpento geboren wurde
AddressCalle de Álvarez Gato, 28012 Madrid, Spain
Geo Coordinates40.41510, -3.70180
Part of WalkLope, Cervantes und der Zerrspiegel: Madrids Literatenviertel rund um die Calle de las Huertas
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Bleib vor der Hauswand stehen und schau in die Spiegel. Der eine macht dich lang und dünn wie eine Bohnenstange, der andere klein und breit wie ein Weinfass. Kinder lachen sich hier kaputt, Erwachsene auch... und du stehst gerade mitten in einem Kapitel der spanischen Literaturgeschichte.

Offiziell heißt die Gasse Calle de Álvarez Gato, nach einem Dichter des 15. Jahrhunderts, doch alle sagen nur Callejón del Gato, Katzengasse. Gewölbte Spiegel hingen hier schon Anfang des 20. Jahrhunderts an einem Ladenlokal, als Kuriosität für Passanten. Die Spiegel, die du heute siehst, sind Nachfolger der alten, aber der Trick ist derselbe geblieben: Sie zeigen dich, nur eben ganz anders.

Berühmt gemacht hat sie Ramón del Valle-Inclán, in seinem Stück Luces de bohemia von 1920. Darin zieht ein blinder, verarmter Dichter namens Max Estrella eine letzte Nacht lang durch Madrid, von Kneipe zu Polizeiwache, von Café zu Redaktion. Er ist pleite, stolz bis zur Verzweiflung, und an seiner Seite schleicht der schmierige Don Latino, der ihn am Ende bestiehlt. In der zwölften Szene erklärt er seinem Begleiter, dass die klassischen Helden, betrachtet in den gewölbten Spiegeln dieser Gasse, zu Fratzen werden... und genau das sei das Esperpento.

Esperpento, so nannte Valle-Inclán seine neue Art, die Wirklichkeit zu zeigen: verzerrt, grotesk, absichtlich hässlich. Sein Max Estrella behauptet, Spanien selbst sei eine groteske Verzerrung der europäischen Zivilisation, und nur ein Zerrspiegel könne es deshalb ehrlich abbilden. Valle-Inclán sagte einmal, man könne Figuren kniend betrachten, auf Augenhöhe oder von oben herab, wie ein Puppenspieler... und er wählte den Blick von oben. Tragische Gestalten, die ins Lächerliche kippen, Würde, die zur Grimasse wird. Viele sehen darin einen Vorläufer jenes schwarzen Humors, der später auch das spanische Kino prägte.

Mach ruhig ein Foto von dir im Zerrspiegel, du bist damit in bester literarischer Gesellschaft. Den Mann, der diese Spiegel unsterblich machte, triffst du am Ende unseres Spaziergangs noch einmal. Jetzt aber geh ein paar Schritte nach Süden, bis zur Calle de Atocha, wo eine Kirche zwei Gesichter hat.

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