Sultanahmet und Byzanz: Von der Konstantinssäule über den Deutschen Brunnen zur Hagia Sophia in Istanbul
Ein Spaziergang durch das kaiserliche Istanbul: Zisterne, Hippodrom und Kaiserpalast, Sinans verborgene Moschee und der Brunnen, den Wilhelm II. dem Sultan schenkte
Istanbul · 11 stops · 29 min audio · Generated
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1. Konstantinssäule (Çemberlitaş)
Molla Fenari, Vezirhanı Cd., Fatih/İstanbul, Türkiye
Bleib kurz an der Straßenbahnhaltestelle stehen und leg den Kopf in den Nacken: Vor dir ragt eine rußschwarze Säule in den Himmel, umklammert von Eisenringen wie ein Fass, das man vor dem Platzen bewahren will. Die Tram rattert vorbei, Händler rufen, kaum jemand schaut hin. Dabei stehst du vor dem Geburtsmoment einer Stadt, die tausend Jahre lang das Zentrum der Welt sein wollte.
Im Jahr 330 weihte Kaiser Konstantin seine neue Hauptstadt am Bosporus ein, und genau diese Säule stand in der Mitte seines Forums, eines ovalen Platzes mit Säulenhallen. Die Trommeln sind aus Porphyr, dem purpurroten Stein der Kaiser. Ganz oben stand, so berichten spätere Quellen, eine Statue des Herrschers mit Strahlenkranz, ein Konstantin im Kostüm des Sonnengottes. Christlicher Kaiser und Sonnenkönig zugleich, so wollte er gesehen werden. Heute misst die Säule noch rund fünfunddreißig Meter, mit der Statue war sie einst deutlich höher, ein steinernes Ausrufezeichen für jeden, der über die Prachtstraße in die Stadt kam.
Und dann die Legende. Unter dem Sockel, heißt es, ließ Konstantin die kostbarsten Reliquien vergraben: Körbe von der Speisung der Fünftausend, das Beil, mit dem Noah die Arche gezimmert haben soll, sogar das Palladion, das alte Schutzbild Trojas, das über Rom hierher gewandert sei. Nachgewiesen ist davon nichts. Aber jede Hauptstadt braucht eine Geschichte, die stärker ist als ihre Mauern.
Die Statue überlebte nicht. Im Jahr 1106 riss ein Sturm sie herunter, später setzte man ein Kreuz auf die Säule, und nach der osmanischen Eroberung verschwand auch das. Die Eisenringe kamen, weil der Stein bröckelte, daher der türkische Name Çemberlitaş, der Stein mit den Reifen. Ein Großbrand im Jahr 1779 schwärzte die Säule so sehr, dass Reisende sie seitdem die Verbrannte Säule nennen.
Damit hast du den Anfangspunkt von Konstantinopel gesehen. Auf diesem Spaziergang folgen wir den Kaisern von Byzanz, aber auch einem deutschen Kaiser, der 1898 hier zu Gast war und ein Geschenk hinterließ, das du gleich sehen wirst. Geh jetzt die Divanyolu Caddesi entlang nach Osten, immer den Tramschienen nach, Richtung Sultanahmet. Diese Straße folgt der alten Prachtstraße Mese, und sie führt dich direkt zum Nullpunkt des Reiches.
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2. Milion und Basilika-Zisterne
Alemdar, Yerebatan Cd. 1/3, 34110 Fatih/İstanbul, Türkiye
Schau auf den unscheinbaren Marmorstumpf an der Ecke, gegenüber vom Eingang der Zisterne: ein Stück Pfeiler, kaum hüfthoch, hinter einem Gitter. Die meisten laufen vorbei und stellen sich gleich in die Schlange vor dem flachen Bau auf der anderen Straßenseite. Dabei ist dieser Stumpf vielleicht der wichtigste Stein des ganzen Byzantinischen Reiches.
Das ist das Milion, der Meilenstein Null. Von hier aus wurden die Entfernungen zu den Städten des Reiches gemessen, nach Rom, nach Antiochia, nach Alexandria. Über dem Stein erhob sich einst ein überkuppelter Torbau mit Statuen und Bildern der Kaiser. Übrig blieb nur dieses Fragment, und auch das war verschwunden, bis Ausgräber es in den 1960er-Jahren wieder freilegten. Ein Nullpunkt, der selbst verloren gegangen war.
Jetzt steig hinab in die Zisterne. Unten wird es plötzlich kühl und dunkel, Wasser tropft, und vor dir stehen Säulen in Reihen, so weit das Licht reicht. Kaiser Justinian ließ diesen Wasserspeicher um 532 unter einer alten Säulenhalle anlegen, der Basilika, daher der Name. 336 Säulen tragen die Gewölbe, viele davon aus älteren Bauten zusammengesucht. Die Türken nennen ihn Yerebatan Sarnıcı oder auch Yerebatan Sarayı, den versunkenen Palast.
Ganz hinten in der Ecke findest du zwei Medusenköpfe als Säulenbasen. Einer liegt auf der Seite, der andere steht auf dem Kopf. Warum? Niemand weiß es sicher. Vielleicht war es reiner Pragmatismus, vielleicht wollte man den bösen Blick bannen. Vergessen war die Zisterne trotzdem: In den 1540er-Jahren bemerkte der französische Gelehrte Pierre Gilles, dass Anwohner durch Löcher im Kellerboden Wasser schöpften und sogar Fische angelten. So entdeckte er sie für Europa neu. Rund achtzigtausend Kubikmeter Wasser konnte der Speicher fassen, genug, um den Kaiserpalast auch während einer Belagerung zu versorgen.
1963 ruderte hier ein Boot durch die Szene von James Bond 007, Liebesgrüße aus Moskau, zwischen genau diesen Säulen. Wenn du wieder oben bist, überquere die Tramschienen und geh nach Süden, auf den langen, schmalen Platz mit den Obelisken. Gleich an seinem Anfang steht ein achteckiger Pavillon mit grüner Kuppel. Der ist unser deutsches Kapitel.
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3. Deutscher Brunnen (Alman Çeşmesi)
Binbirdirek, Sultanahmet Meydanı, 34122 Fatih/İstanbul, Türkiye
Stell dich unter die Kuppel des achteckigen Pavillons und schau nach oben: Goldmosaik glänzt dir entgegen, dazwischen verschlungene Monogramme wie Siegel. Säulen tragen das Dach, ringsum sitzen Leute auf den Bänken und essen Simit, die Sesamkringel der Stadt. Für viele ist das einfach ein hübscher Brunnen. In Wahrheit ist er ein diplomatisches Telegramm aus Stein.
Im Herbst 1898 kam Kaiser Wilhelm II. zum zweiten Mal nach Konstantinopel, mit seiner Jacht Hohenzollern und großem Gefolge. Schon 1889 war er hier gewesen. Diesmal ging es um mehr als Höflichkeit. Deutschland wollte Einfluss im Orient, deutsche Banken und Ingenieure träumten von einer Bahn bis Bagdad, und Sultan Abdülhamid II. suchte einen Partner, der nicht wie Briten und Franzosen nach seinen Provinzen griff. Kaiserin Auguste Viktoria reiste mit, und die Stadt empfing das Paar mit Fahnen, Paraden und Feuerwerk.
Als Dank für die Gastfreundschaft schenkte Wilhelm diesen Brunnen. Entworfen wurde er in Deutschland, vom Architekten Max Spitta. Die Teile wurden dort gefertigt, per Schiff hergebracht und auf dem Platz zusammengesetzt. Eingeweiht wurde er am 27. Januar 1901, an Wilhelms Geburtstag, und das war kein Zufall. Schau dir die Mosaiken genau an: Das Monogramm des Kaisers und das Zeichen des Sultans wechseln sich ab, zwei Herrscher Schulter an Schulter, in Gold.
Der Stil ist neobyzantinisch, also eine deutsche Vorstellung davon, wie Byzanz ausgesehen haben könnte, aufgestellt mitten in der echten byzantinischen Rennbahn. Das hat seine eigene Ironie. Und die Freundschaft, die hier gefeiert wurde, führte keine zwanzig Jahre später beide Reiche gemeinsam in den Ersten Weltkrieg. An dessen Ende waren das Deutsche Kaiserreich und das Osmanische Reich Geschichte.
Übrigens reiste Wilhelm 1898 weiter nach Jerusalem und Damaskus und erklärte sich dort öffentlich zum Freund der Muslime in aller Welt. In Europa hörte man sehr genau hin. Jetzt dreh dich um und geh den Platz entlang nach Südwesten. Dieser Platz war das Hippodrom von Konstantinopel, und die Monumente in seiner Mitte sind älter als alles, was du heute noch sehen wirst.
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4. Hippodrom: Theodosius-Obelisk, Schlangensäule und gemauerter Obelisk
Binbirdirek, Sultanahmet Meydanı, 34122 Fatih/İstanbul, Türkiye
Stell dich vor den rosafarbenen Granitobelisken und lies die Hieroglyphen von unten nach oben: Falken, Schlangen, Königsnamen in Kartuschen, so scharf geschnitten, als wären sie gestern fertig geworden. Sie sind rund dreieinhalbtausend Jahre alt. Um dich herum liegt ein langer Platz, aber eigentlich stehst du auf der Spina, der Mittelinsel einer Rennbahn, um die einst die Wagen donnerten. Die Bahn war fast vierhundertfünfzig Meter lang, und die Osmanen nannten den Platz später Atmeydanı, den Pferdeplatz.
Pharao Thutmosis III. ließ den Obelisken in Karnak aufstellen. Kaiser Theodosius holte ihn im Jahr 390 hierher, allerdings nur das obere Stück. Der Rest ging vermutlich beim Transport oder beim Aufrichten zu Bruch. Schau dir den Marmorsockel an: Da sitzt Theodosius in seiner Loge mit Familie und Hofstaat, und auf einer Seite siehst du, wie der Obelisk selbst aufgerichtet wird. Die Byzantiner waren sichtlich stolz auf ihre Ingenieure.
Daneben, tiefer im Boden, windet sich eine Bronzesäule aus drei ineinander gedrehten Schlangenleibern. Sie stand ursprünglich in Delphi und erinnerte an den Sieg der Griechen über die Perser bei Plataiai im Jahr 479 vor Christus. Konstantin ließ sie in seine neue Hauptstadt bringen. Die Köpfe sind längst abgebrochen, wahrscheinlich um 1700. Ein Stück von einem Kiefer liegt heute im Archäologischen Museum, nicht weit von hier.
Und dann die dunkle Seite der Spiele. Die Zuschauer waren in Parteien organisiert, die Blauen und die Grünen, halb Fanclub, halb politische Bewegung. Im Jahr 532 verbündeten sie sich gegen Justinian, und der Nika-Aufstand legte halb die Stadt in Schutt und Asche. Justinian ließ die Menge im Hippodrom einschließen, und nach dem Bericht des Historikers Prokop starben rund dreißigtausend Menschen. Auf den Trümmern dieses Aufstands baute er dann die neue Hagia Sophia.
Weiter südlich steht der dritte Gefährte, der gemauerte Obelisk, gut dreißig Meter hoch, aus grob behauenen Steinen. Im 10. Jahrhundert ließ Kaiser Konstantin VII. ihn mit vergoldeten Bronzeplatten verkleiden, die Kreuzfahrer rissen sie 1204 ab und schmolzen sie ein. Die Löcher der Halterungen siehst du bis heute. Geh an ihm vorbei und dann bergab nach Südwesten, durch die steile Gasse Şehit Mehmet Paşa Yokuşu. Achte auf deine Knie.
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5. Sokollu-Mehmed-Pascha-Moschee
Küçük Ayasofya, Şehit Mehmet Paşa Yokuşu, 34122 Fatih/İstanbul, Türkiye
Steig die Stufen hinauf, die unter einem Gebäude hindurch in einen Innenhof führen, und bleib oben stehen. Plötzlich öffnet sich ein stiller Hof mit einem Brunnen in der Mitte, umrahmt von kleinen Kuppeln, den Zellen einer alten Medrese. Kaum zu glauben, dass ein paar hundert Meter entfernt die Reisebusse parken.
Diese Moschee ist ein Werk von Mimar Sinan, dem größten Baumeister der Osmanen, vollendet um 1572. Sinan war damals schon um die achtzig und arbeitete gleichzeitig in Edirne an seinem Meisterwerk, der Selimiye. Sinan hatte ein schwieriges Grundstück, einen steilen Hang, und machte daraus einen Trick: Der Hof liegt auf Terrassen, die Medrese umarmt ihn von drei Seiten, und du betrittst die Anlage von unten, als würdest du auf eine Bühne steigen. Bauherren waren Großwesir Sokollu Mehmed Pascha und seine Frau Esmahan Sultan, eine Tochter Sultan Selims II.
Drinnen leuchten Fliesen aus İznik, in Blau, Türkis und jenem tiefen Tomatenrot, das die Töpfer nur wenige Jahrzehnte lang so beherrschten. Und dann etwas, das du in kaum einer anderen Moschee findest: Über dem Eingang, am Mihrab und an der Kanzel sind kleine schwarze Steinsplitter eingelassen. Der Überlieferung nach stammen sie vom Schwarzen Stein der Kaaba in Mekka. Gläubige berühren sie im Vorbeigehen, ganz leise.
Sokollu selbst ist eine Geschichte für sich. Geboren um 1505 als christlicher Junge in einem Dorf in Bosnien, wurde er durch die Knabenlese, die Devşirme, nach Istanbul geholt. Er stieg bis zum Großwesir auf und diente drei Sultanen. In seiner Heimat ließ er die Brücke über die Drina in Višegrad bauen, die Ivo Andrić später zur Heldin eines Romans machte. 1579 wurde Sokollu in Istanbul von einem Attentäter erstochen.
Ein Großwesir, der als Bauernjunge vom Balkan kam, und eine Sultanstochter, die mit ihm stiftete... diese Moschee ist ihr gemeinsames Porträt. Verlass den Hof durch das untere Tor und folge der Gasse weiter bergab nach Süden, Richtung Meer und Bahnlinie. Dort wartet eine kleine Kirche, die so etwas wie die ältere Schwester der Hagia Sophia ist.
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6. Kleine Hagia Sophia (Küçük Ayasofya)
Küçük Ayasofya, Küçük Ayasofya Cd., 34122 Fatih/İstanbul, Türkiye
Geh durch den kleinen Garten mit den Grabsteinen und den Teetischen und tritt unter die Kuppel: Der Raum ist achteckig, zweigeschossig, und die Säulen stellen sich wie ein Kreis aus Tänzern um die Mitte. Draußen rattert ab und zu die Vorortbahn vorbei, drinnen ist es fast unwirklich still.
Das ist die ehemalige Kirche der Heiligen Sergius und Bakchus, gebaut zwischen 527 und 536 unter Justinian und seiner Frau Theodora. Damit ist sie ein paar Jahre älter als die große Hagia Sophia, und die Istanbuler nennen sie deshalb Küçük Ayasofya, die kleine Hagia Sophia. Gern wird erzählt, sie sei die Generalprobe für das große Werk gewesen. Beweisen lässt sich das nicht, aber die Verwandtschaft der Kuppelideen ist unübersehbar.
Warum gerade diese beiden Heiligen? Die Legende erzählt: Als Justinian noch ein junger Mann am Hof seines Onkels Justin war, geriet er in Verdacht, an einer Verschwörung beteiligt zu sein, und sollte sterben. Da erschienen Sergius und Bakchus, zwei römische Soldaten und Märtyrer, dem Herrscher im Traum und bürgten für ihn. Justinian überlebte, und zum Dank baute er ihnen diese Kirche. Manche Forscher vermuten außerdem, dass Theodora in einem benachbarten Palast Mönche beherbergte, die in Glaubensfragen anders dachten als ihr Mann, und dass die Kirche auch ihnen diente.
Schau hoch zum Gesims unter der Galerie. Dort läuft ein Band mit griechischen Buchstaben einmal rundum, ein Gedicht, das Justinian preist und, ungewöhnlich genug, auch Theodora mit Namen nennt. Eine Frau, die als Schauspielerin begonnen hatte, steht hier im Stein neben dem Kaiser. Um 1500 ließ Hüseyin Ağa, der Oberste der weißen Eunuchen am Hof Bayezids II., die Kirche in eine Moschee umwandeln. Sein Grab liegt draußen im Garten.
Erdbeben und die Eisenbahn, die im 19. Jahrhundert direkt an der Mauer vorbeigeführt wurde, setzten dem Bau schwer zu. Erst eine gründliche Restaurierung in den 2000er-Jahren hat ihn gerettet. Geh jetzt unter der Bahnlinie hindurch zur Uferstraße und dann links am Meer entlang nach Osten. Halte nach Marmorfenstern in der Stadtmauer Ausschau, die scheinbar ins Nichts führen.
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7. Ruinen des Bukoleon-Palastes
Sultan Ahmet, Kennedy Cd., 34122 Fatih/İstanbul, Türkiye
Bleib an der Uferstraße stehen und schau auf die Stadtmauer: große Fensteröffnungen mit Marmorrahmen, darunter Steinkonsolen für einen Balkon, und dahinter... nichts. Kein Saal, kein Dach, nur Himmel und ein paar Büsche, die aus den Fugen wachsen. Autos rauschen vorbei, Angler stehen an der Kaimauer. Das ist alles, was vom Bukoleon-Palast geblieben ist.
Der Bukoleon gehörte zum Großen Palast der byzantinischen Kaiser, der sich vom Hippodrom bis hinunter ans Marmarameer zog, eine Stadt in der Stadt. Kaiser Theophilos baute ihn im 9. Jahrhundert prächtig aus. Den Namen gab ihm eine Statue an seinem kleinen Privathafen, ein Stier im Kampf mit einem Löwen, auf Griechisch bous und leon. Damals reichte das Wasser bis an die Mauer, und der Kaiser konnte vom Palast direkt ins Boot steigen. Bei klarer Sicht erkennst du draußen die Prinzeninseln, wohin byzantinische Herrscher gern unbequeme Rivalen und gestürzte Vorgänger verbannten.
Hinter diesen Mauern geschah einer der berühmtesten Morde von Byzanz. In einer Dezembernacht des Jahres 969 drangen Verschwörer um Johannes Tzimiskes in die Gemächer von Kaiser Nikephoros II. Phokas ein und töteten ihn. Die Kaiserin Theophano soll ihnen den Weg geöffnet haben. Der Feldherr, der den Arabern Kreta abgenommen hatte, starb im eigenen Schlafgemach, und sein Mörder bestieg den Thron.
1204 nahmen die Ritter des Vierten Kreuzzugs den Palast ein und plünderten ihn, danach verfiel er langsam. Den Rest besorgte die Moderne: Im 19. Jahrhundert legte man die Eisenbahn quer durch das Gelände, später kam die Uferstraße auf aufgeschüttetem Land, und das Meer rückte von den Mauern ab. Die Fenster, aus denen Kaiser einst auf ihre Flotte blickten, schauen heute auf den Verkehr.
Und doch: Wer genau hinschaut, entdeckt Ansätze von Gewölben und Reste von Säulen. Von hier geht es wieder bergauf, ein ordentlicher Anstieg, durch die Gassen von Cankurtaran Richtung Blaue Moschee. Oben, an einer schmalen Ladenstraße, wartet ein Museum, in dem der Fußboden des Kaiserpalastes noch zu sehen ist, Steinchen für Steinchen.
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8. Mosaikenmuseum und Arasta-Basar
Sultan Ahmet, Torun Sk., 34122 Fatih/İstanbul, Türkiye
Lauf die schmale Ladenstraße mit den Teppichen und Keramikschalen entlang und tritt dann durch die unscheinbare Tür ins Museum. Vor dir liegt ein Fußboden, der vor rund fünfzehnhundert Jahren gelegt wurde: ein Hirte, der eine Ziege melkt, ein Elefant im Kampf mit einem Löwen, ein Adler, der eine Schlange in den Fängen hält.
Die Ladenstraße heißt Arasta-Basar. Sie wurde im 17. Jahrhundert als Teil der Stiftung der Blauen Moschee angelegt, und die Mieten der Läden halfen, die Moschee zu unterhalten. Ein kluges System: Frömmigkeit und Geschäft gingen Hand in Hand. Arasta ist übrigens genau das Wort für eine solche Ladenzeile, die zu einer Moschee gehört. Unter genau diesen Läden aber lag ein Teil des Großen Palastes der byzantinischen Kaiser, vergessen unter Schutt und Häusern.
In den 1930er-Jahren gruben Archäologen der schottischen Universität St Andrews hier und stießen auf den Mosaikboden eines riesigen Säulenhofs. Er besteht aus unzähligen winzigen Steinwürfeln und stammt vermutlich aus dem 5. oder 6. Jahrhundert. Kein Heiliger, keine Bibelszene, sondern Jagd, Landleben, Fabelwesen, Kinder beim Spiel. Das ist das weltliche Vergnügen eines Kaiserhofs, mit einem Blick für Tiere, der fast modern wirkt.
Als man den Boden fand, war er in schlechtem Zustand, und Feuchtigkeit nagte an ihm. In den 1980er- und 1990er-Jahren lösten österreichische Restauratoren die Mosaiken Stück für Stück ab, festigten sie und legten sie wieder zurück. Mühsame Arbeit, aber so blieb ein seltenes Stück Alltag erhalten: der Boden, über den Höflinge, Diener und Kaiser tatsächlich gegangen sind. Stell dir vor, wie hier Gesandte aus Persien oder aus dem Frankenreich warteten, bis man sie vorließ, und dabei auf die Tiere zu ihren Füßen starrten. Erhalten ist nur ein Bruchteil des ursprünglichen Bodens, der Rest liegt vermutlich noch unter den Häusern ringsum.
Mein Lieblingsdetail ist ein bärtiges Gesicht zwischen Akanthusranken, dessen Schnurrbart sich in Blätter zu verwandeln scheint. Niemand weiß sicher, wen es darstellt. Wenn du wieder draußen bist, geh am Ende der Ladenstraße die Treppen hinauf. Über dir erheben sich Kuppel um Kuppel und sechs Minarette: die Blaue Moschee.
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9. Blaue Moschee (Sultanahmet Camii)
Sultan Ahmet, Atmeydanı Cd. No:7, 34122 Fatih/İstanbul, Türkiye
Geh in den großen Innenhof und stell dich unter die Arkaden: Kuppel um Kuppel stapelt sich vor dir wie eine Kaskade, bis hinauf zur mächtigen Hauptkuppel, und an den Ecken stechen sechs Minarette in den Himmel. Tauben flattern über den Brunnen in der Mitte. Sechs Minarette, das war zu seiner Zeit eine Provokation.
Sultan Ahmed I. war kaum zwanzig, als er 1609 den Bau begann. Große Siege hatte er nicht vorzuweisen, die Kriege gegen Habsburg und Persien waren zäh verlaufen. Trotzdem wollte er eine Moschee, die der Hagia Sophia direkt gegenüber die Stirn bietet. Die Gelehrten murrten, denn eine Sultansmoschee wurde traditionell aus Kriegsbeute bezahlt. Ahmed baute trotzdem, mit Geld aus der Staatskasse. Man erzählt, der junge Sultan habe am Bau selbst Erde getragen, um seine Frömmigkeit zu zeigen. Zur Anlage gehörten außerdem eine Medrese, eine Armenküche, ein Krankenhaus und Läden, eine kleine Stadt rund um das Gebet.
Und die sechs Minarette? Eine beliebte Legende sagt, der Sultan habe goldene Minarette bestellt, altın auf Türkisch, und der Architekt habe altı verstanden, sechs. Andere erzählen, in Mekka habe man danach ein weiteres Minarett bauen müssen, damit die heilige Moschee dort nicht übertroffen werde. Beides sind Geschichten, aber gute. Der Architekt hieß Sedefkâr Mehmed Ağa, ein Schüler Sinans, der als Perlmutt-Einleger angefangen hatte.
Drinnen verstehst du den europäischen Spitznamen: Über zwanzigtausend Fliesen aus İznik bedecken die Wände, vor allem in den oberen Zonen, in Blau, Grün und Türkis, mit Tulpen, Nelken und Zypressen. Licht fällt durch mehr als zweihundert Fenster. Auf Türkisch heißt sie einfach Sultanahmet Camii, und sie gab dem ganzen Viertel seinen Namen.
Ahmed I. starb 1617, nur kurz nach der Fertigstellung, mit 27 Jahren. Er liegt in einer Grabkuppel an der Nordseite der Anlage, zum Park hin. Für deinen Weg: Verlass den Hof in Richtung Park, zur Hagia Sophia hin, und halte dich dann rechts. Dort steht ein langgestrecktes Badehaus mit zwei Kuppelgruppen, gebaut für die mächtigste Frau ihres Jahrhunderts.
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10. Hürrem-Sultan-Hamam
Cankurtaran, Ayasofya Meydanı, 34122 Fatih/İstanbul, Türkiye
Stell dich vor das lange, symmetrische Gebäude zwischen den beiden Riesen, der Blauen Moschee auf der einen und der Hagia Sophia auf der anderen Seite: zwei Kuppelgruppen, zwei Eingänge, schlichte Mauern aus Stein und Ziegel. Viele halten es für den Seitenflügel von irgendetwas. In Wahrheit ist es eines der schönsten Badehäuser, die Mimar Sinan je gebaut hat.
Errichtet wurde der Hamam 1556 im Auftrag von Hürrem Sultan, die man in Europa Roxelane nannte. Sie stammte aus Ruthenien, aus dem Gebiet der heutigen Ukraine, wurde von Tataren verschleppt und als Sklavin an den Hof gebracht. Süleyman der Prächtige ließ sie frei und heiratete sie, etwas, das kein Sultan seit Generationen getan hatte. Venezianische Gesandte schrieben staunend über den Einfluss dieser Frau.
Das Besondere ist die Anlage als Doppelbad. Männer und Frauen hatten vollkommen getrennte Hälften mit eigenen Eingängen an den beiden Stirnseiten, und beide Abteilungen liegen auf einer einzigen Achse hintereinander. So entsteht diese lange, ruhige Front von gut 75 Metern. Drinnen folgt jede Hälfte der klassischen Abfolge: zuerst der kühle Empfangsraum mit Brunnen, dann ein lauer Zwischenraum, schließlich die heiße Halle mit dem warmen Marmorstein in der Mitte, auf dem man schwitzt und eingeseift wird. Der Hamam diente den Gläubigen der Hagia Sophia, die seit 1453 Moschee war, und zugleich dem ganzen Viertel als Treffpunkt.
Ganz in der Nähe lagen schon in byzantinischer Zeit die berühmten Bäder des Zeuxippos, voller antiker Bronzestatuen. Das Badevergnügen hat an diesem Ort also eine sehr lange Tradition. Im 20. Jahrhundert allerdings diente Sinans Meisterwerk lange als Verkaufsraum für Teppiche. Erst nach einer gründlichen Restaurierung öffnete es 2011 wieder als Hamam, und heute dampft es dort wie vor fast fünfhundert Jahren.
Für das Ende dieses Spaziergangs brauchst du nur noch ein paar Schritte nach Norden über den Platz. Vor dir wartet der Bau, den Justinian auf den Trümmern des Nika-Aufstands errichten ließ und der seitdem fast fünfzehnhundert Jahre lang die Stadt beherrscht. Lass dir Zeit beim Hingehen und schau, wie die Kuppel mit jedem Schritt größer wird.
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11. Hagia Sophia (Ayasofya)
Sultan Ahmet, Ayasofya Meydanı No:1, 34122 Fatih/İstanbul, Türkiye
Tritt durch das Portal in den großen Raum und bleib einfach stehen: Über dir schwebt eine Kuppel von über dreißig Metern Durchmesser, getragen scheinbar von nichts als einem Kranz aus vierzig Fenstern. Das Licht kommt von oben, und alles darunter wirkt plötzlich leicht. Der Geschichtsschreiber Prokop meinte, sie hänge an einer goldenen Kette vom Himmel.
Justinian ließ die Hagia Sophia nach dem Nika-Aufstand in nur fünf Jahren bauen, von 532 bis 537. Seine Baumeister waren eher Mathematiker als Architekten im heutigen Sinn: Anthemios von Tralleis und Isidor von Milet. Bei der Einweihung soll Justinian gerufen haben, er habe Salomon übertroffen, wahrscheinlich eine spätere Ausschmückung. Die Kuppel war tatsächlich zu kühn: 558 stürzte sie nach Erdbeben ein und wurde höher und steiler neu errichtet.
Wenn die Galerie geöffnet ist, geh nach oben und such auf der Marmorbrüstung nach eingeritzten Zeichen. Dort hat sich im Mittelalter ein Skandinavier verewigt, mit Runen, die man als den Namen Halvdan liest. Vermutlich ein Söldner der kaiserlichen Garde, der sich während eines langen Gottesdienstes langweilte. Rund tausend Jahre alt, und im Grunde nichts anderes als ein Graffito. Unten im Hauptraum wartet noch eine Legende: die schwitzende Säule mit einem Loch im Bronzemantel. Wer den Daumen hineinsteckt und die Hand einmal im Kreis dreht, dem soll ein Wunsch in Erfüllung gehen.
1453 eroberte Sultan Mehmed II. die Stadt, die Kirche wurde zur Moschee, nach und nach kamen Minarette hinzu, und die Mosaiken verschwanden unter Putz. 1934 beschloss die junge Republik unter Atatürk, sie in ein Museum umzuwandeln, das 1935 öffnete. Seit Juli 2020 ist die Hagia Sophia wieder eine Moschee. Jede Epoche hat hier ihre Spuren hinterlassen, und keine konnte die anderen ganz auslöschen.
Damit schließt sich der Kreis. Du hast die Säule gesehen, mit der Konstantin seine Stadt gründete, den Brunnen, mit dem ein deutscher Kaiser um Freundschaft warb, und die Kuppel, an der sich alle späteren Baumeister gemessen haben, Sinan eingeschlossen. Setz dich noch einen Moment in den Park zwischen den beiden großen Moscheen und hör hin: Zur Gebetszeit rufen die Muezzine beider Häuser, manchmal fast im Wechsel. Das ist Istanbul.