Michelangelo in Florenz: Vom Skulpturengarten zum David bis nach Santa Croce

Ein Spaziergang durch Florenz auf den Spuren eines Steinmetzsohns: Savonarolas Kloster, der Garten der Medici, der David in der Accademia, das Findelhaus, die Pietà Bandini und das Grab in Santa Croce

Florence · 12 stops · 30 min audio · Generated

  1. 1. Museo di San Marco: Fra Angelicos Zellen und Savonarolas Kloster

    Piazza San Marco 3, 50121 Firenze FI, Italy

    Vor dir liegt eine schlichte Klosterfassade an einem Platz voller Busse, Studenten und Tauben, und nichts daran verrät, dass dahinter eines der stillsten Kunstwerke Europas wartet. Geh durch den Kreuzgang, steig die Treppe hinauf, und oben hält dich ein Engel an: die Verkündigung von Fra Angelico, so zart, als hätte jemand Licht auf die Wand gehaucht.

    Cosimo de' Medici, der Alte, ließ das Kloster ab 1437 von seinem Architekten Michelozzo neu errichten, und die Dominikaner bekamen dafür mehr als nur Mauern. Ein Mönch aus ihren eigenen Reihen, Fra Angelico, malte in den folgenden Jahren in jede der kleinen Zellen ein Fresko. Keine Prunkbilder für Besucher, sondern Bilder zum Beten, für einen einzigen Mann und eine Pritsche. Cosimo hatte hier sogar eine eigene Doppelzelle, um sich zurückzuziehen... der reichste Bankier der Stadt als Teilzeitmönch.

    Ein halbes Jahrhundert später wurde dieses friedliche Haus zum Zentrum eines Sturms. 1491 wurde der Ferrareser Girolamo Savonarola hier Prior. Er predigte gegen Luxus, Bankiers und die Medici selbst, und unter seinem Einfluss brannten auf der Piazza della Signoria die berühmten Scheiterhaufen der Eitelkeiten: Spiegel, Spielkarten, Schminke, Bücher, Bilder. Am 23. Mai 1498 wurde er auf derselben Piazza gehängt und verbrannt. Seine Zelle kannst du heute noch sehen, mit seinem Porträt von der Hand Fra Bartolomeos.

    Und unter den Zuhörern in den vollen Kirchen saß ein junger Bildhauer namens Michelangelo Buonarroti. Sein Biograf Ascanio Condivi berichtet, Michelangelo habe Savonarolas Schriften sein Leben lang gelesen und die Stimme des Predigers noch im Alter im Ohr gehabt. Wer später vor seinen düsteren, ringenden Figuren steht, ahnt, dass diese Stimme nie ganz verklungen ist.

    Noch ein Detail, das kaum jemand bemerkt: Im Obergeschoss liegt die Bibliothek, die Michelozzo für Cosimo baute, eine helle Halle mit zwei Säulenreihen. Cosimo machte die Büchersammlung für Gelehrte zugänglich, für damalige Verhältnisse eine kleine Revolution. Jetzt geh über den Platz zur Via Cavour und ein kleines Stück nach Norden, und such die Stelle, an der ein vierzehnjähriger Junge zum ersten Mal Marmor bearbeitet hat.

  2. 2. Der Garten von San Marco: Wo Michelangelo Bildhauer wurde

    Via Camillo Cavour 57, 50129 Firenze FI, Italy

    Bleib vor dem langen, strengen Palast an der Via Cavour stehen, mit seinen vergitterten Fenstern und dem Portal, das eher nach Behörde als nach Kunst aussieht. Das ist das Casino Mediceo, gegen Ende des 16. Jahrhunderts von Bernardo Buontalenti gebaut. Aber was dich hier interessiert, ist das, was davor an dieser Stelle lag: ein Garten.

    Lorenzo de' Medici, den man den Prächtigen nannte, besaß hier in der Nähe von San Marco einen Garten, in dem antike Statuen und Fragmente aufgestellt waren. Ein alter Bildhauer namens Bertoldo di Giovanni, einst Schüler Donatellos, soll sich um die Sammlung gekümmert haben. So jedenfalls erzählen es Giorgio Vasari und Ascanio Condivi, und sie machen daraus beinahe eine Kunstakademie. Historiker sind heute vorsichtiger: Den Garten gab es, aber wie viel Unterricht dort wirklich stattfand, ist umstritten.

    Die schönste Geschichte gehört trotzdem hierher. Um 1490 soll der junge Michelangelo, gerade aus der Werkstatt des Malers Ghirlandaio gekommen, in diesem Garten den Kopf eines alten Fauns aus Marmor gemeißelt haben, mit lachendem Mund und allen Zähnen. Lorenzo blieb stehen und meinte scherzhaft, ein so alter Faun hätte doch nicht mehr alle Zähne. Kaum war er weg, schlug Michelangelo einen Zahn heraus und vertiefte sogar das Zahnfleisch. Lorenzo war so begeistert, dass er den Jungen in seinen Palast aufnahm und an seinem Tisch essen ließ.

    Den Faunskopf gibt es nicht mehr, oder niemand weiß, wo er ist. Aber was danach kam, ist belegt: Michelangelo wuchs zwischen Dichtern und Philosophen auf, neben Lorenzos Sohn Giovanni und seinem Neffen Giulio, die beide später Päpste wurden. Hier lernte ein Steinmetzsohn aus der Provinz, dass Marmor eine Sprache der Mächtigen sein kann.

    Und der Palast, der den Garten verschluckt hat, passt seltsam gut dazu: Großherzog Francesco de' Medici richtete im Casino Werkstätten ein, in denen man um 1575 versuchte, chinesisches Porzellan nachzumachen. Geh jetzt die Via Ricasoli hinunter, nach Süden. Nach ein paar Minuten siehst du eine Schlange vor einer unscheinbaren Tür. Dahinter wartet der Riese.

  3. 3. Galleria dell'Accademia: Der David und die Gefangenen

    Via Ricasoli 58/60, 50129 Firenze FI, Italy

    Stell dich in die Schlange vor dieser schmucklosen Tür an der Via Ricasoli und schau dir die Gesichter an: Leute aus aller Welt, die alle wegen eines einzigen Mannes hier sind. Er ist nackt, über fünf Meter groß, und er wartet seit über fünfhundert Jahren auf einen Gegner, der nie kommt.

    Der Marmorblock für den David war ein Problemfall. Schon 1464 hatte Agostino di Duccio damit angefangen und aufgegeben, später versuchte sich Antonio Rossellino daran. Jahrzehntelang lag der verhauene Block im Hof der Domwerkstatt, und die Florentiner nannten ihn nur den Riesen. 1501 bekam ihn der sechsundzwanzigjährige Michelangelo, und drei Jahre später war daraus das berühmteste Standbild der Welt geworden.

    Achte auf die Hände. Die rechte Hand ist auffallend groß, die Adern treten hervor, der Blick unter den zusammengezogenen Brauen ist gespannt. Michelangelo zeigt nicht den Sieger mit Goliaths Kopf, wie Donatello und Verrocchio vor ihm, sondern den Moment davor, die Sekunde der Entscheidung. Für die Republik Florenz war das ein politisches Bild: der Kleine, der sich gegen die Großen behauptet. Deshalb stellte man ihn 1504 vor den Palazzo Vecchio, und nicht hoch oben auf den Dom, wie ursprünglich geplant.

    Dort stand er fast vier Jahrhunderte unter freiem Himmel. Bei einem Aufruhr 1527 flog eine Bank aus einem Fenster des Palazzo Vecchio und brach seinen linken Arm in drei Teile, die zwei junge Künstler auflasen und aufbewahrten, einer davon Giorgio Vasari. 1873 holte man ihn schließlich hierher, in die eigens für ihn gebaute Tribuna.

    Und vergiss auf dem Weg zum David nicht die Gefangenen im langen Saal davor. Michelangelo hatte sie für das Grabmal von Papst Julius II. begonnen und nie vollendet. Die Körper winden sich aus dem rohen Stein, als wollten sie sich selbst befreien... vielleicht ehrlicher als jedes fertige Werk. Wenn du wieder draußen bist, geh zurück Richtung Piazza San Marco und biege rechts in die Via Cesare Battisti, bis sich vor dir der schönste Platz von Florenz öffnet.

  4. 4. Basilica della Santissima Annunziata: Das Wunderbild und die Gruft der Künstler

    Piazza della Santissima Annunziata, 50121 Firenze FI, Italy

    Geh unter den Bogengang an der Stirnseite des Platzes und tritt in den kleinen Vorhof, bevor du die Kirche betrittst. Rings um dich an den Wänden: Fresken von Andrea del Sarto, Pontormo und Rosso Fiorentino, gemalt von jungen Männern, die hier gegeneinander antraten, als wäre es ein Wettbewerb. Eigentlich war es auch einer. Vasari erzählt, die Mönche hätten Andrea del Sarto dafür kläglich wenig bezahlt, und er habe trotzdem einige seiner schönsten Bilder hier gemalt.

    Die Kirche gehört den Serviten, einem Orden, den der Überlieferung nach sieben Florentiner Kaufleute im 13. Jahrhundert gründeten. Berühmt wurde sie durch ein Fresko der Verkündigung. Die Legende erzählt, der Maler sei 1252 verzweifelt eingeschlafen, weil ihm das Gesicht der Madonna nicht gelingen wollte... und beim Aufwachen sei es fertig gewesen, gemalt von einem Engel.

    Von da an kamen Pilger in Massen. Wer geheilt worden war, ließ als Dank ein Votivbild aufhängen, und bald hingen in der Kirche lebensgroße Figuren aus Wachs, mit echten Kleidern und echtem Haar, sogar Päpste und Fürsten. Bis ins 18. Jahrhundert soll es so voll gewesen sein, dass man die Figuren an Seilen unter die Decke hängen musste. Florentiner Brautpaare legen bis heute oft ihren Brautstrauß vor dem Wunderbild nieder.

    Für unseren Spaziergang ist aber eine stille Kapelle wichtiger, die Cappella di San Luca. 1563 gründeten Giorgio Vasari und Großherzog Cosimo I. die Accademia delle Arti del Disegno, eine der ersten Kunstakademien Europas. Zu ihren Häuptern wählte man Cosimo und einen Mann, der damals schon in Rom lebte und fast neunzig war: Michelangelo. Diese Kapelle wurde die Grabstätte der Akademiemitglieder, und hier liegt unter anderen Benvenuto Cellini, der Schöpfer des Perseus.

    Auch Giambologna ruht in dieser Kirche, in einer Kapelle hinter dem Chor, die er für sich selbst gestaltet hat. Draußen auf dem Platz reitet seine letzte große Bronze, Großherzog Ferdinando I., in Richtung Dom. Geh jetzt hinaus und nach links, zu dem Säulengang mit den himmelblauen Medaillons.

  5. 5. Piazza della Santissima Annunziata und das Ospedale degli Innocenti

    Piazza della Santissima Annunziata 13, 50121 Firenze FI, Italy

    Lauf langsam an der Säulenhalle entlang und zähl die blauen Medaillons über den Bögen: In jedem liegt ein Baby, fest in Wickelbänder geschnürt, die Arme ausgestreckt, als wollte es hochgenommen werden. Diese Terrakotten von Andrea della Robbia sind das Wappen eines Hauses, das ganz Florenz am Herzen lag.

    Das Ospedale degli Innocenti, das Spital der Unschuldigen, war ein Findelhaus. Bezahlt hat es die reiche Zunft der Seidenhändler, und 1419 begann Filippo Brunelleschi mit dem Bau, derselbe Mann, der gerade die Domkuppel plante. Diese Loggia mit ihren schlanken Säulen, den Halbkreisbögen und den klaren Proportionen gilt vielen als das erste Bauwerk der Renaissance. Kein gotischer Spitzbogen mehr, sondern Maß und Ordnung wie bei den alten Römern.

    1445 wurde das erste Kind aufgenommen, ein Mädchen, das man Agata Smeralda nannte. Später gab es am Ende der Halle eine Drehlade, die ruota, in die Mütter ihre Neugeborenen legen konnten, ohne gesehen zu werden. Sie wurde erst 1875 geschlossen. Viele Kinder bekamen den Nachnamen Innocenti oder Nocentini, und wenn du in Florenz jemanden mit diesem Namen triffst, steckt dahinter oft diese Geschichte.

    Jetzt dreh dich um und betrachte den ganzen Platz. Auf zwei Seiten antworten spätere Säulenhallen auf Brunelleschi, als hätten sich Architekten über zwei Jahrhunderte darauf geeinigt, nicht zu stören. In der Mitte reitet Ferdinando I. von Giambologna, und die Inschrift behauptet, die Bronze stamme aus erbeuteten türkischen Kanonen. Die beiden verspielten Brunnen mit den Meeresungeheuern schuf Pietro Tacca. Und im Inneren des Findelhauses hängt bis heute eine Anbetung der Könige von Domenico Ghirlandaio aus dem Jahr 1488, mit den unschuldigen Kindern im Vordergrund.

    Für Michelangelos Florenz ist dieser Platz der Grundton: Brunelleschi hat hier die Sprache erfunden, mit der Michelangelo später spielte, die er brach und verbog. Am Abend des 7. September füllt sich der Platz übrigens mit Kindern und Papierlaternen, zum Fest der Rificolona. Geh nun ein kurzes Stück die Via dei Servi hinunter und biege rechts in die Via degli Alfani, zu einem Haus, in dem Stein zu Malerei wird.

  6. 6. Opificio delle Pietre Dure: Gemälde aus Stein

    Via degli Alfani 78, 50121 Firenze FI, Italy

    Von außen ist es nur ein ehemaliges Kloster in einer schmalen Straße, aber tritt ein und beug dich über einen der Tische: Du siehst Blumen, Vögel, Früchte, Landschaften, so fein schattiert, dass du sie für Malerei hältst. Fahr mit dem Blick ganz nah heran... und du merkst, dass jedes Blütenblatt ein zugeschliffenes Stück Stein ist.

    Diese Technik heißt commesso fiorentino, und sie war eine Spezialität der Medici. 1588 gründete Großherzog Ferdinando I. eine Hofwerkstatt für Arbeiten in Halbedelsteinen. Jaspis, Achat, Lapislazuli, Chalcedon wurden so lange gesägt und geschliffen, bis die natürliche Maserung des Steins zu einem Wolkenhimmel oder zu den Falten eines Kleides wurde. Ein einziger Tisch konnte Jahre, manchmal Jahrzehnte dauern.

    Der größte Auftrag war die Fürstenkapelle bei San Lorenzo, das Mausoleum der Großherzöge, ganz mit Stein ausgekleidet. Dort arbeitete die Werkstatt über Generationen, so lange, dass die Medici ausstarben, bevor alles fertig war. Und hier wird ein Paradox sichtbar: Michelangelo hatte nebenan in der Neuen Sakristei gezeigt, was ein einzelner Bildhauer mit einem Block weißen Marmors anfangen kann. Seine Erben setzten auf das Gegenteil, auf Farbe, Kostbarkeit und unendliche Geduld.

    Heute ist das Opificio vor allem eines der wichtigsten Restaurierungsinstitute der Welt. Nach der Flut vom 4. November 1966, als der Arno Kirchen und Museen überschwemmte, wurden hier und in anderen Florentiner Werkstätten unzählige beschädigte Werke gerettet, darunter das große Kruzifix von Cimabue aus Santa Croce, das zu einem Symbol der Katastrophe wurde. Jahrzehnte später restaurierte das Opificio auch Leonardos unvollendete Anbetung der Könige.

    Der Ort ist also beides: eine Schatzkammer des Luxus und eine Klinik für verletzte Kunst. Im Museum siehst du übrigens auch die alten Werkbänke, die Sägen aus Draht und die Schubladen mit Steinproben, sortiert nach Farbe wie die Palette eines Malers. Geh jetzt die Via dei Servi hinunter, Richtung Süden. Am Ende der Straße taucht plötzlich die Kuppel vor dir auf, und du hältst genau darauf zu.

  7. 7. Museo dell'Opera del Duomo: Die Pietà, die Michelangelo zerschlagen wollte

    Piazza del Duomo 9, 50122 Firenze FI, Italy

    Du stehst hinter der Apsis des Doms, an einer Fassade, an der die meisten Menschen achtlos vorbeigehen, weil sie nach oben zur Kuppel schauen. Genau hier lag die Bauhütte der Domverwaltung, die Opera del Duomo, mit Werkstätten, Lagerplätzen und einem Hof voller Steine.

    Und in diesem Hof, hinter einem Bretterzaun, hat Michelangelo zwischen 1501 und 1504 den David gemeißelt. Die Domverwaltung war der Auftraggeber, ihr gehörte der verhauene Riesenblock. Stell dir vor, wie die Florentiner versuchten, durch die Ritzen zu spähen, während drinnen ein junger Mann mit Meißel und Bohrer aus einem Problemfall ein Wunder machte. Der Transport der fertigen Statue zur Piazza della Signoria dauerte übrigens mehrere Tage.

    Im Museum wartet heute ein ganz anderer Michelangelo: ein alter Mann. Die Pietà Bandini schuf er um 1550 in Rom, mit über siebzig Jahren, und er wollte sie auf seinem eigenen Grab sehen. Der gebückte Mann mit der Kapuze, der den toten Christus stützt, ist Nikodemus, und man ist sich weitgehend einig, dass Michelangelo ihm seine eigenen Züge gegeben hat.

    Dann geschah etwas Rätselhaftes. Eines Tages schlug Michelangelo mit dem Hammer auf die Gruppe ein und zerbrach sie. Vasari meint, der Marmor habe einen Fehler gehabt, andere vermuten Verzweiflung oder einen misslungenen Schenkel. Sein Diener verkaufte die Trümmer an den Florentiner Francesco Bandini, und ein junger Bildhauer namens Tiberio Calcagni setzte sie zusammen und vollendete die Maria Magdalena, die neben den anderen Figuren seltsam glatt und fremd wirkt. Schau dir die Bruchstellen an, du findest sie, wenn du weißt, wo du suchen musst.

    Das Museum lohnt aber nicht nur deswegen. Hier stehen die Originale von Ghibertis Paradiestür, die Büßende Magdalena aus Holz von Donatello und die beiden Sängerkanzeln von Donatello und Luca della Robbia. Es ist die Werkstatt, aus der der Dom kam... und Michelangelos Weg führt mitten hindurch. Geh nun die Via Bufalini nach Osten, bis sich ein ruhiger Platz mit einem langen Säulengang öffnet.

  8. 8. Ospedale di Santa Maria Nuova: Leonardo, die Toten und der Rivale

    Piazza di Santa Maria Nuova 1, 50122 Firenze FI, Italy

    Hier ist es plötzlich ruhig: ein Platz, ein langer Säulengang, Krankenwagen statt Reisegruppen, Ärzte im Kittel auf dem Weg zum Kaffee. Das Ospedale di Santa Maria Nuova ist seit über siebenhundert Jahren ein Krankenhaus, und es ist es bis heute geblieben.

    Gegründet hat es 1288 Folco Portinari, ein reicher Bankier. Wenn dir der Name bekannt vorkommt: Er war der Vater jener Beatrice, die Dante unsterblich gemacht hat. Später erfüllte ein anderer Portinari, Tommaso, Bankier der Medici in Brügge, der Spitalkirche Sant'Egidio einen besonderen Wunsch: Er ließ von Hugo van der Goes ein riesiges flämisches Altarbild malen. Als es um 1483 hier ankam, staunten die Florentiner Maler über die Hirten mit ihren groben, echten Gesichtern... und lernten davon.

    Aber die Geschichte, die dich hierher führt, spielt nachts, im Leichenkeller. Um 1507 sezierte Leonardo da Vinci in diesem Spital Tote. Er beschrieb selbst, wie er einen alten Mann untersuchte, der kurz zuvor behauptet hatte, über hundert Jahre alt zu sein, und der dann friedlich gestorben war. Leonardo wollte wissen, warum, und zeichnete dabei die verhärteten Adern, als einer der Ersten. Viele seiner anatomischen Zeichnungen liegen heute in der königlichen Sammlung in Windsor.

    Leonardo und Michelangelo konnten sich nicht ausstehen. 1503 und 1504 bekamen beide den Auftrag, im großen Ratssaal des Palazzo Vecchio je eine Schlacht zu malen, Leonardo die Schlacht von Anghiari, Michelangelo die von Cascina. Ein Duell der Giganten, das keiner von beiden vollendete. Auch Michelangelo sezierte übrigens, so erzählt Condivi, in einem Kloster jenseits des Arno, bei Santo Spirito... zwei Rivalen, die jeder für sich den menschlichen Körper von innen verstehen wollten.

    Schau dich auf dem Platz um: kein Museum, sondern Klinikalltag, mitten in einem Gebäude voller Geschichte. Kunst und Medizin, hier waren sie nie getrennt. Geh jetzt die Via Sant'Egidio und dann die Via Pietrapiana weiter nach Osten, durch das alte Viertel der Handwerker, bis zu einer Kirche an einem Marktplatz.

  9. 9. Sant'Ambrogio: Das Grab von Leonardos Lehrer

    Piazza di Sant'Ambrogio, 50121 Firenze FI, Italy

    Riechst du das? Ein paar Schritte weiter ist der Markt von Sant'Ambrogio, wo die Florentiner selbst einkaufen, und vor dir steht eine schlichte Kirche mit einer Fassade aus dem 19. Jahrhundert, die keinen Reiseführer aus der Ruhe bringt. Genau deshalb kommen hierher fast keine Touristen.

    Sant'Ambrogio ist eine der ältesten Pfarreien der Stadt, und in einer Seitenkapelle wird ein Wunder verehrt. Im Jahr 1230, so die Überlieferung, vergaß ein Priester, den Kelch nach der Messe richtig auszuwischen, und am nächsten Morgen fand man darin Blut. Die Kapelle, die dafür entstand, ist ein kleines Schatzhaus: ein Marmortabernakel von Mino da Fiesole und ein großes Fresko von Cosimo Rosselli mit einer Prozession, in der die Gesichter von Florentinern des 15. Jahrhunderts zu sehen sind.

    Aber das eigentliche Geheimnis liegt im Boden. Hier ist Andrea del Verrocchio begraben, Bildhauer, Maler, Goldschmied, und der Lehrer Leonardos da Vinci. Er starb 1488 in Venedig, während er am Reiterdenkmal des Colleoni arbeitete, und sein Schüler Lorenzo di Credi ließ ihn nach Florenz zurückbringen.

    Verrocchio hat einen eigenen David gemacht, eine Bronze, heute im Bargello. Ein schlanker, fast frecher Junge mit Goliaths Kopf zu Füßen und einem kleinen Lächeln. Seit Langem erzählt man sich, der junge Leonardo habe ihm Modell gestanden, beweisen kann es niemand. Und Vasari behauptet, Verrocchio habe das Malen aufgegeben, nachdem sein Schüler in der Taufe Christi einen Engel gemalt hatte, der schöner war als alles, was er selbst konnte.

    Denk an diesen kleinen bronzenen David, wenn du an Michelangelos Riesen zurückdenkst. Zwischen den beiden liegen nur etwa dreißig Jahre, aber eine ganze Welt: hier der elegante Sieger, dort der angespannte Mensch vor der Tat. Und so liegt Leonardos Lehrer in einer stillen Marktkirche, während sein Schüler und dessen Rivale die Welt erobert haben. Nimm nun die Via de' Macci nach Süden und biege rechts in die Via Ghibellina. Dort wartet Michelangelos eigenes Haus.

  10. 10. Casa Buonarroti: Das Haus der Familie

    Via Ghibellina 70, 50122 Firenze FI, Italy

    Vor dir steht ein ruhiges Bürgerhaus an der Ecke von Via Ghibellina und Via Buonarroti, ein bisschen streng, ein bisschen vornehm. Kein Palast, kein Prunk. Und doch steckt hinter diesen Mauern so viel Michelangelo wie nirgends sonst in Florenz, außer vielleicht im Marmor der Accademia.

    Michelangelo kaufte hier 1508 mehrere Häuser, als Investition und als Sitz für seine Familie, um die er sich sein Leben lang kümmerte, mit Geld, Briefen und Vorwürfen. Er selbst wohnte kaum hier, die meiste Zeit war er in Rom. Aber sein Neffe Leonardo lebte im Haus, und dessen Sohn, Michelangelo Buonarroti der Jüngere, machte daraus ab 1612 ein Denkmal für seinen berühmten Großonkel, mit Gemälden, die dessen Leben feiern.

    Das Kostbarste hängt in einem kleinen Raum: zwei Marmorreliefs, die Michelangelo als Teenager gemacht hat. Die Madonna an der Treppe, flach wie ein Hauch, Maria mit dem Kind auf einer Steintreppe sitzend, ganz in der Art Donatellos. Und daneben die Kentaurenschlacht, ein Gewühl aus nackten, kämpfenden Körpern, entstanden um 1492 im Haus Lorenzos de' Medici. Den Stoff soll ihm der Dichter Angelo Poliziano vorgeschlagen haben. Michelangelo hat dieses Relief nie aus der Hand gegeben, und als er es im Alter wiedersah, soll er bedauert haben, sich nicht ganz der Bildhauerei gewidmet zu haben.

    Es gibt hier noch mehr: das große Holzmodell für eine Fassade von San Lorenzo, die nie gebaut wurde, und eine Sammlung seiner Zeichnungen, die so lichtempfindlich sind, dass sie nur abwechselnd gezeigt werden. Die Familie hat über Generationen gesammelt, und der letzte Nachfahre, Cosimo Buonarroti, vermachte das Haus 1858 der Stadt.

    Stell dir vor, wie Michelangelo aus Rom Briefe an diese Adresse schrieb, voller Sorge um Geld, Gesundheit und den Familiennamen. Er war der berühmteste Künstler der Welt und blieb trotzdem der älteste Bruder, der für alle zahlen musste. Geh jetzt ein paar Schritte nach Süden, bis sich vor dir ein riesiger Platz öffnet.

  11. 11. Piazza Santa Croce: Fußball während der Belagerung

    Piazza di Santa Croce, 50122 Firenze FI, Italy

    Tritt hinaus auf den Platz und lass ihn wirken: ein weites Rechteck, auf der einen Seite die weiße Fassade der Kirche, auf den anderen Paläste mit vorkragenden Obergeschossen. Sieh dir die bemalte Fassade des Palazzo dell'Antella an der Südseite an... und such darunter eine runde Marmorscheibe in der Wand.

    Diese Scheibe markiert die Mittellinie eines Spielfelds. Auf diesem Platz wird seit Jahrhunderten Calcio storico gespielt, eine Mischung aus Fußball, Rugby und Faustkampf, siebenundzwanzig Mann pro Mannschaft, die vier alten Stadtviertel gegeneinander. Jedes Jahr im Juni wird der Platz mit Sand bedeckt, und das Finale findet am 24. Juni statt, am Tag des Stadtpatrons Johannes des Täufers. Gespielt wird fünfzig Minuten lang, und der traditionelle Preis für die Sieger ist ein Kalb.

    Das berühmteste Spiel fand im Winter statt, am 17. Februar 1530. Florenz war eingeschlossen von den Truppen des Kaisers und des Papstes, der selbst ein Medici war und seine Familie zurück an die Macht bringen wollte. Um zu zeigen, dass sie keine Angst hatten, spielten die Florentiner hier Fußball, mit Musik, so laut, dass es die Belagerer hören konnten.

    Und wo war Michelangelo? Mittendrin. Die Republik hatte ihn 1529 zum Generalkommissar für die Befestigungen ernannt. Der Bildhauer des David entwarf Bastionen und ließ den Glockenturm von San Miniato, auf dem die Republik Geschütze aufgestellt hatte, mit Matratzen und Wollballen gegen die Kanonenkugeln polstern. Florenz hielt fast ein Jahr durch und kapitulierte im August 1530. Michelangelo versteckte sich eine Zeit lang, bis ihm der Papst verzieh, weil er ihn als Künstler brauchte.

    Ein letzter Blick, bevor du zur Kirche gehst: An manchen Hauswänden rund um den Platz erinnern Marken daran, wie hoch das Wasser am 4. November 1966 stand. Santa Croce liegt tief, und hier gehörte die Flut zu den schlimmsten der Stadt. Links vor der Kirche steht Dante, aus Marmor, finster, mit einem Adler zu Füßen. Geh an ihm vorbei, die Stufen hinauf und hinein.

  12. 12. Basilica di Santa Croce: Michelangelos Grab

    Piazza di Santa Croce 16, 50122 Firenze FI, Italy

    Geh durch das Hauptportal hinein und bleib einen Moment stehen: eine riesige, helle Halle mit offenem Dachstuhl aus Holz, gebaut für Prediger, die zu Tausenden sprechen wollten. Dann geh rechts das Seitenschiff entlang. Schon das erste große Grabmal ist das, für das du gekommen bist.

    Michelangelo starb am 18. Februar 1564 in Rom, fast neunundachtzig Jahre alt. Der Papst wollte ihn in Rom begraben, im Petersdom, an dem er bis zuletzt gebaut hatte. Aber Michelangelo hatte sich gewünscht, in Florenz zu ruhen. Also ließ sein Neffe Leonardo den Leichnam heimlich aus Rom schaffen, verpackt wie eine Warenlieferung. Als man den Sarg in Florenz öffnete, berichtet Vasari, sah der Tote aus, als schliefe er.

    Die Stadt richtete ihm eine prachtvolle Totenfeier in San Lorenzo aus, organisiert von der jungen Kunstakademie, deren Grabkapelle du in der Santissima Annunziata gesehen hast. Das Grabmal selbst entwarf Giorgio Vasari: Oben die Büste Michelangelos, darunter drei trauernde Frauen, die Malerei, die Bildhauerei und die Architektur. Es heißt, Michelangelo habe genau hier liegen wollen, damit er am Jüngsten Tag beim Aufstehen als Erstes Brunelleschis Kuppel durch das Portal sieht. Eine schöne Legende, und die Kuppel ist wirklich nicht weit.

    Schau dich um, in wessen Gesellschaft er liegt. Gegenüber Galileo Galilei, erst 1737 in ein Ehrengrab umgebettet. Weiter vorn Niccolò Machiavelli und Gioachino Rossini. Und daneben ein leerer, gewaltiger Sarkophag für Dante, der in Ravenna begraben ist und den Florenz nie zurückbekommen hat. Der französische Schriftsteller Stendhal bekam hier 1817 so heftiges Herzklopfen vor Schönheit, dass man später ein ganzes Syndrom nach ihm benannte.

    Und damit schließt sich der Kreis: vom Jungen im Garten von San Marco über den Riesen der Accademia bis zum alten Mann, der seine eigene Pietà zerschlug, und hierher. Bevor du gehst, wirf noch einen Blick in die Pazzi-Kapelle im Kreuzgang, wieder Brunelleschi, wieder Maß und Ruhe. Draußen wartet die Piazza, und irgendwo in der Nähe ein Espresso. Du hast ihn dir verdient.