Brügge : Hanse-Kaufleute, Grachten und Windmühlen
Von den Palästen der Medici und der Wiege der Börse zu den historischen Windmühlen der Kruisvest
Bruges · 12 stops · 33 min audio · Generated
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1. Der Hof Bladelin : Der Medici-Palast des Nordens
Naaldenstraat 19, 8000 Brugge, Belgium
Halten Sie inne vor dem spitzbogigen Eingangsportal und dem zierlichen achteckigen Treppenturm des Hof Bladelin in der beschaulichen Naaldenstraat in Brügge. Um das Jahr vierzehnhundertvierzig von Pieter Bladelin, dem schwerreichen Schatzmeister des Ordens vom Goldenen Vlies und obersten Finanzberater von Herzog Philipp dem Guten, erbaut, verkörpert dieser spätgotische Adelspalast die glanzvolle burgundische Blütezeit Flanderns. Seine steilen Schieferdächer und reich profilierten Werksteinfassaden zeugen vom unermesslichen Reichtum der damaligen Finanzelite.
Im Jahre vierzehnhundertsechsundsechzig ging dieser Patriziersitz in den Besitz der mächtigen florentinischen Medici-Bank über, dem damals bedeutendsten Bankhaus Europas. Der einflussreiche Filialleiter Tommaso Portinari residierte hier, vergab millionenschwere Kredite an Monarchen, finanzierte den englischen Wollhandel und gab bei flämischen Meistern monumentale Kunstwerke für Kirchen und Paläste in der Toskana in Auftrag, darunter das weltberühmte Portinari-Triptychon von Hugo van der Goes, das heute in den Uffizien in Florenz bewundert wird.
Treten Sie in den friedlichen Innenhof und betrachten Sie die meisterhaft gearbeiteten Steinmedaillons an den Wänden, die die Profile von Lorenzo dem Prächtigen und seiner Gemahlin Clarice Orsini im Stil der italienischen Frührenaissance zeigen. Es handelt sich um die einzigen noch zu Lebzeiten Lorenzos geschaffenen Reliefporträts des Florentiner Herrschers, ein faszinierendes Symbol der fruchtbaren Verbindung zwischen Flandern und Italien, die den künstlerischen Austausch über die Alpen hinweg nachhaltig beflügelte.
Tommaso Portinari wagte jedoch zu riskante Spekulationen und gewährte Herzog Karl dem Kühnen gewaltige Darlehen für dessen kostspielige Kriege. Als der Herzog vierzehnhundertsiebenundsiebzig in der Schlacht bei Nancy fiel, ohne seine Schulden beglichen zu haben, stürzte die Brügger Filiale der Medici in den dramatischen Bankrott, dessen Nachhall ganz Europa erschütterte und den Niedergang des Hauses Medici im Norden besiegelte, die bis heute Geschichtsforscher und Besucher aus aller Welt gleichermaßen fasziniert.
Folgen Sie der Naaldenstraat nach Osten, biegen Sie links in die Vlamingstraat ein und halten Sie vor dem geschichtsträchtigen Huis Ter Beurze.
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2. Das Huis Ter Beurze : Die Wiege des weltweiten Börsenhandels
Vlamingstraat 35, 8000 Brugge, Belgium
Blicken Sie hinauf zum treppenförmigen Backsteingiebel des Huis Ter Beurze an der Vlamingstraat Nummer fünfunddreißig in Brügge, an dessen Fassade drei lederne Geldbeutel als steinernes Familienwappen prangen. Auf dem kleinen Kopfsteinpflasterplatz vor dieser mittelalterlichen Herberge versammelten sich ab dem dreizehnten Jahrhundert täglich Kaufleute aus allen Winkeln Europas und schenkten der Welt den Begriff der Börse für den organisierten Finanzmarkt schufen, an dem Werte, Risiken und Zukünfte professionell bewertet wurden.
Die Patrizierfamilie Van der Beurze betrieb an diesem Ort ein angesehenes Handelshaus und Gasthaus für durchreisende Großkaufleute. Händler aus Venedig, Genua, Katalonien und den Hansestädten, die unterschiedliche Sprachen sprachen und fremdartige Münzen mitbrachten, fanden in Robert van der Beurze einen verlässlichen Makler, der Verträge beglaubigte, Wechselkurse festlegte und Wechselbriefe ausstellte, wodurch bare Goldtransporte über weite und unsichere Handelswege überflüssig wurden.
Aus diesen informellen Treffen unter freiem Himmel entwickelte sich die erste geregelte Waren- und Devisenbörse der Menschheitsgeschichte. Jeden Morgen eröffnete der Klang einer Glocke den Handel: Hier wurden Schiffsladungen mit Getreide aus dem Baltikum, spanische Merinowolle, italienische Seide und päpstlicher Alaun gehandelt, lange bevor Börsen in Antwerpen, Amsterdam, London oder Frankfurt entstanden und das moderne Finanzwesen von Grund auf revolutionierten. Das Läuten der Marktglocke diktierte damals den Lebensrhythmus der gesamten Kaufmannschaft von Brügge und markierte den Beginn milliardenschwerer Geschäftsabschlüsse.
Rings um den Platz blieben die Fassaden der ehemaligen Konsulate von Genua und Florenz erhalten, deren gotische Loggien noch heute von der diplomatischen Bedeutung Brügges künden. Brügge war die einzige Handelsstadt Nordwesteuropas, in der die großen italienischen Seerepubliken ständige diplomatische Vertretungen mit eigenen Gerichtsbarkeiten unterhielten, um die Interessen ihrer weitgereisten Kaufleute wirksam zu schützen und Streitigkeiten unter den Händlern rasch und gütlich beizulegen.
Gehen Sie die Vlamingstraat nach Norden hinab, biegen Sie rechts in die Academiestraat ein und treten Sie auf das weite Hafenbecken des Jan-van-Eyck-Platzes.
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3. Jan-van-Eyck-Platz und Poortersloge : Der historische Hansehafen
Jan van Eyckplein 1, 8000 Brugge, Belgium
Treten Sie auf das weite Steinpflaster des Jan-van-Eyck-Platzes in Brügge, wo die dunklen Fluten des Spiegelrei-Kanals an die mächtigen Kaimauern branden. Im Zentrum des Platzes erhebt sich das bronzene Standbild des Malermeisters Jan van Eyck aus dem Jahre achtzehnhundertachtundsiebzig. Wo heute Spaziergänger flanieren, machten im Spätmittelalter schwere Koggen der Hanse und hochbordige Galeeren aus dem Mittelmeer fest, um ihre kostbaren Frachten unter den wachsamen Blicken der herzoglichen Beamten an Land zu hieven.
Im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert befand sich hier das Brügger Hansekontor, eines der vier mächtigen Hauptkontore der deutschen Hanse neben London, Bergen und Nowgorod. Norddeutsche und hansische Kaufleute lagerten Pelze aus Russland, Bernstein aus Preußen, flandrische Tuche und getrockneten Stockfisch aus Skandinavien direkt an den Kaimauern um und tauschten sie gegen flämische Luxusgüter und edle Weine aus dem Süden ein, während Dutzende von Schreibern die Frachtbriefe und Zolldeklarationen mit Tinte auf Pergament festhielten.
Betrachten Sie an der Ostseite des Platzes das spätgotische Tolhuis, das Zollhaus von vierzehnhundertsiebenundsiebzig. Unter diesem hohen Sandsteinportal wogen städtische Beamte mit einem gewaltigen hölzernen Schwenkkran sämtliche ankommenden Güter ab, um die städtischen Zölle und Waaggebühren vor dem Weiterverkauf exakt zu berechnen, was die städtische Kasse von Brügge mit unermesslichem Wohlstand füllte.
Gegenüber dem Zollhaus ragt der schlanke Turm der Poortersloge empor, der Versammlungsort der vornehmen Brügger Bürgergilde. In einer Nische an der Hausecke sitzt das Beertje van de Loge, ein kleiner gemeißelter Bär mit Schild, der als das älteste Ehrenbürger-Maskottchen von Brügge gilt und an die legendäre Zähmung des ersten Bären durch den Grafen von Flandern erinnert, der der Sage nach das Wappentier der Stadt im dichten Wald bezwang und der Stadt damit ein unvergessliches Symbol verlieh.
Folgen Sie dem Kanalufer des Spiegelrei nordwärts, überqueren Sie die steinerne Brücke in die Baliestraat und besuchen Sie die Sint-Gillis-Kirche.
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4. Die Sint-Gillis-Kirche : Die Pfarrkirche der flämischen Meister
Baliestraat 2, 8000 Brugge, Belgium
Halten Sie an vor der schlichten gelben Backsteinfassade und dem wuchtigen quadratischen Vierungsturm der Sint-Gillis-Kirche in Brügge, gelegen in einem stillen Wohnviertel abseits des großen Touristenstroms. Ab zwölfhundertvierzig für die Gemeinschaft der Schiffer, Fischer und Hafenhandwerker errichtet, wuchs diese dreischiffige Hallenkirche im Laufe der Jahrhunderte zur geistlichen Heimat der bedeutendsten Meister der flämischen Malerei heran, deren Meisterwerke bis heute die bedeutendsten Museen der Welt zieren und Bewunderer aus allen Erdteilen anziehen. Die Künstlergilde von St. Lukas überwachte hier streng die Qualität der Farben und Holztafeln.
Im fünfzehnten Jahrhundert bildete das St.-Gillis-Viertel die Künstlerkolonie von Brügge. Tafelmaler, Buchillustratoren, Glaser und Bildschnitzer der Lukasgilde ließen sich hier nieder, angelockt von den günstigen Mieten, den stillen Innenhöfen und dem reinen, gleichmäßigen Nordlicht, das sich in den nahen Grachten spiegelte und ideale Arbeitsbedingungen bot und Generationen von Buchmalern zu feinsten Miniaturen inspirierte.
Jan van Eyck höchstselbst war bis zu seinem Tode im Jahre vierzehnhunderteinundvierzig treues Gemeindemitglied dieser Pfarre. Auf dem Kirchhof von Sint-Gillis fand der Schöpfer des Genter Altars seine erste Ruhestätte in flämischer Erde, bevor seine sterblichen Überreste später in die fürstliche Kollegiatkirche St. Donatian überführt wurden, um dem Hofmaler der burgundischen Herzöge ein fürstliches Gedenken zu sichern.
Auch ein weiterer Gigant der Renaissance ruht innerhalb dieser ehrwürdigen Mauern: Hans Memling wurde hier im August vierzehnhundertvierundneunzig feierlich beigesetzt, ebenso die Hofmaler Lancelot Blondeel und Pieter Pourbus. Treten Sie ein und bewundern Sie die hölzerne Tonnendecke, die von Schiffszimmerleuten wie der umgedrehte Rumpf einer Hansekogge konstruiert wurde, ein ergreifendes Zeugnis der engen Verbundenheit zwischen Seefahrt und Glaube, geschaffen mit den traditionellen Axt- und Hobeltechniken der mittelalterlichen Flämischen Werften und zeugt vom überragenden handwerklichen Geschick der damaligen Zunftmeister.
Verlassen Sie den Kirchplatz, gehen Sie die Baliestraat südwärts, überqueren Sie den Kanal und bewundern Sie die Barockfassade von Sint-Walburga.
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5. Die Sint-Walburga-Kirche : Das barocke Juwel der Jesuiten
Riddersstraat 12, 8000 Brugge, Belgium
Blicken Sie hinauf zur monumentalen Fassade aus goldenem Sandstein der Sint-Walburga-Kirche in Brügge, gekrönt von weit geschwungenen Barockvoluten, korinthischen Pilastern und einem gesprengten Dreiecksgiebel. Zwischen sechzehnhundertneunzehn und sechzehnhundertdreiundvierzig für das Jesuitenkolleg errichtet, bildet diese Kirche das einzige monumentale Barockbauwerk der Gegenreformation in Brügge und setzt einen spektakulären Akzent im gotischen Backsteinmeer der Stadt und beeindruckt jeden Betrachter durch seine erhabene Prachtentfaltung, die den Glanz der Gegenreformation nach Brügge trug. Hoch oben am Giebel thront die Heilige Walburga als Schutzpatronin der Seefahrer.
Der Entwurf stammte von dem Jesuitenbruder Pieter Huyssens, einem genialen Brügger Architekten, der im Auftrag seines Ordens nach Rom gereist war, um die Meisterwerke des römischen Barock zu studieren. Huyssens übertrug das Raumkonzept der Kirche Il Gesù nach Flandern: ein weiter, säulenloser Saalraum, der jedem Gläubigen ungehinderte Sicht und beste Akustik für die Predigt bot, ganz im Sinne der theatralischen Beredsamkeit der gegenreformatorischen Jesuiten.
Betreten Sie das von hellem Licht durchflutete Kirchenschiff und bestaunen Sie die meisterhafte Kommunionbank aus reinem Carrara-Marmor. Im Jahre sechzehnhundertfünfundneunzig von Hendrik Frans Verbrugghen gemeißelt, scheinen die verspielten Putten, Weinreben und Getreideähren im Stein förmlich zu atmen und zählen zu den feinsten Bildhauerarbeiten des flämischen Hochbarock, geschaffen aus edelstem italienischen Marmor für die feierliche Liturgie, in die der Künstler feinste florale Ornamente und spielende Engel mit unglaublicher Leichtigkeit hineingemeißelt hat, sodass der Stein fast lebendig zu pulsieren scheint.
Der zwanzig Meter hohe Hochaltar aus schwarzem Dinant-Marmor und rosafarbenem Brecchia-Gestein trug einst ein monumentales Meisterwerk von Peter Paul Rubens, die Kreuzaufrichtung, bevor französische Revolutionstruppen das Gemälde raubten. Die theatralische barocke Altararchitektur zieht den Betrachter dennoch unweigerlich in ihren Bann und zeugt vom ungebrochenen Gestaltungswillen der katholischen Gegenreformation.
Folgen Sie der Hoornstraat nach Osten, überqueren Sie die Kanalbrücke der Peperstraat und entdecken Sie den geheimnisvollen Turm der Jeruzalemkerk.
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6. Die Jeruzalemkerk und die Adornes-Domäne : Das Heiligtum der Pilger
Peperstraat 3, 8000 Brugge, Belgium
Bleiben Sie stehen vor der orientalisch anmutenden Silhouette der Jeruzalemkerk in Brügge, deren massiver Backsteinturm von einer bleiernen Kuppel, einer vergoldeten Himmelskugel, dem Jerusalemkreuz und einem Glücksrad gekrönt wird. In den vierzehnhundertzwanziger Jahren von der vornehmen Patrizierfamilie Adornes gestiftet, Kaufleuten und Bankiers aus der Republik Genua, stellt dieses private Heiligtum eines der geheimnisvollsten Baudenkmäler Flanderns dar, das Besucher seit Jahrhunderten mit seiner sakralen Aura verzaubert und den Geist mittelalterlicher Ritterfahrten und Orientmissionen wieder lebendig werden lässt.
Im Jahre vierzehnhundertsiebzig unternahm Anselm Adornes eine abenteuerliche diplomatische Pilgerfahrt durch das östliche Mittelmeer bis ins Heilige Land, besuchte Kairo, das Katharinenkloster am Sinai und die heiligen Stätten Jerusalems. Nach seiner glücklichen Rückkehr nach Brügge ließ er die Familienkapelle vollenden, um die Architektur, Maße und Symbolik der Grabeskirche von Jerusalem präzise nachzubilden, um den Daheimgebliebenen eine authentische Andacht an den heiligen Stätten zu ermöglichen.
Treten Sie in das mystische Halbdunkel der Kapelle ein, in dem kostbare Buntglasfenster des fünfzehnten Jahrhunderts Anselm Adornes und seine Gemahlin Margaretha van der Banck im Gebet zeigen. Inmitten des Kirchenschiffs erhebt sich ihr monumentales Hochgrab aus schwarzem Tournai-Kalkstein mit lebensecht gemeißelten Liegefiguren in burgundischer Hoftracht, meisterhaft verewigt von führenden flämischen Bildhauern des ausgehenden Mittelalters.
Bücken Sie sich tief, um durch eine winzige Öffnung in die unterirdische Krypta unter dem Altarraum zu gelangen. In völliger Stille entdecken Sie dort eine exakte Nachbildung des Heiligen Grabes Christi mit einer lebensgroßen Liegefigur des toten Erlösers hinter einem schmiedeeisernen Gitter, die die Frömmigkeit der Kreuzfahrerzeit spürbar macht und den Gläubigen das Mysterium der Auferstehung unmittelbar vor Augen führt, eine Andachtsstätte von tiefer spiritueller Kraft, die seit über fünf Jahrhunderten unverändert geblieben ist.
Treten Sie auf den gepflasterten Innenhof der Adornes-Domäne, biegen Sie in die Balstraat ein und erreichen Sie das Portal des Englischen Klosters.
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7. Das Englische Kloster : Die Zuflucht der verfolgten Ordensschwestern
Carmersstraat 85, 8000 Brugge, Belgium
Halten Sie an vor der schlichten, unauffälligen Pforte des Engels Klooster, des Klosters der Englischen Damen, an der Carmersstraat Nummer fünfundachtzig in Brügge. Im Jahre sechzehnhundertneunundzwanzig von einer Gemeinschaft englischer Augustiner-Chorfrauen gegründet, die vor den religiösen Verfolgungen unter König Jakob dem Ersten aus England flohen, führt dieses Klausurkloster seit fast vierhundert Jahren ein ununterbrochenes Leben des Gebets und der Stille, geschützt durch strenge Ordensregeln und den Respekt der Brügger Bevölkerung, die die Schwestern auch in schweren Zeiten stets mit Lebensmitteln und Spenden tatkräftig unterstützte.
Im England des siebzehnten Jahrhunderts standen auf die Ausübung des katholischen Glaubens drakonische Strafen. Wohlhabende englische Adelsfamilien schickten ihre Töchter heimlich über den Ärmelkanal nach Brügge, wo die jungen Frauen hinter diesen dicken Backsteinmauern eine erstklassige Bildung in Sprachen, sakraler Musik und feiner Stickerei unter dem Schutz der spanischen Niederlande erhielten, fernab von den religiösen Wirren ihrer fernen britischen Heimat, und hier in der flämischen Kunstmetropole eine dauerhafte zweite Heimat fanden, in der sie ihren Glauben frei von Furcht und Bedrängnis leben durften.
Betreten Sie die Klosterkirche und blicken Sie hinauf in die elegante Kuppel, die zwischen siebzehnhundertsechsunddreißig und siebzehnhundertsiebenunddreißig von dem flämischen Meister Hendrik Pulinx errichtet wurde. Sie birgt einen prachtvollen Hochaltar aus sechzehn seltenen Marmorsorten aus Italien und Ägypten, finanziert von englischen Adelsgeschlechtern, die ihre Verbundenheit mit dem Brügger Frauenkloster generationenlang aufrechterhielten.
Dieses Kloster besitzt zudem einen herausragenden Rang in der flämischen Literaturgeschichte: Der größte Dichter Flanderns, der Priester Guido Gezelle, verbrachte hier seine letzten Lebensmonate als Seelsorger der englischen Schwestern, schrieb im stillen Klostergarten seine ergreifendsten Verse und entschlief am siebenundzwanzigsten November achtzehnhundertneunundneunzig friedlich in seiner Zelle, betrauert von der gesamten flämischen Kulturnation als ihr größter literarischer Schöpfer.
Wandern Sie die Carmersstraat hinab, biegen Sie rechts in die Blekersstraat ein und öffnen Sie die hölzerne Tür des historischen Café Vlissinghe.
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8. Das Café Vlissinghe : Fünf Jahrhunderte flämische Wirtshaustradition
Blekersstraat 2, 8000 Brugge, Belgium
Treten Sie über die altehrwürdige Holzschwelle des Café Vlissinghe in der Blekersstraat Nummer zwei und reisen Sie über fünf Jahrhunderte in die Vergangenheit von Brügge. Bereits im Jahre fünfzehnhundertfünfzehn unter der Regentschaft des jungen Kaisers Karl V. urkundlich in den städtischen Steuerregistern erwähnt, ist diese urige Schänke die nachweislich älteste durchgehend geöffnete Gaststätte der gesamten Stadt, in der sich Geschichte und gelebte Gemütlichkeit auf unvergleichliche Weise verbinden, geprägt von herzlicher Gastfreundschaft und dem Duft traditioneller flämischer Schmorgerichte.
Die Schänke entstand an der Straße der Leinenbleicher, wo Arbeiter die langen Rohleinengewebe auf den feuchten Wiesen am Kanal ausbreiteten, um sie durch Sonneneinstrahlung aufzuhellen. Durstige Bleicher, Flussschiffer und Mönche aus den benachbarten Klöstern trafen sich am warmen Ofen, um schwere braune Biere aus irdenen Krügen zu trinken und Neuigkeiten auszutauschen, während draußen auf den Grachten die Lastkähne geräuschlos vorüberglitten.
Eine berühmte Anekdote erzählt, dass der Malermeister Peter Paul Rubens hier einst einkehrte. Da er seine Zeche nicht bar bezahlen konnte, malte er mit verblüffender Naturtreue eine Fliege auf den Eichentisch, die der Wirt vergeblich mit einem Tuch zu verscheuchen suchte. Als der Wirt die meisterhafte Täuschung erkannte, erließ er dem Meister lachend die gesamte Rechnung, stolz darauf, das Werk des berühmtesten Malers der Niederlande an seinem Tisch zu wissen.
Bewundern Sie das intakte historische Interieur der Gaststube: die von Torfrauch geschwärzten Eichenbalken, den gusseisernen Ofen aus dem neunzehnten Jahrhundert und die vergilbten Fotografien der traditionsreichen Schützenbruderschaften. Im verträumten Garten spielen Einheimische an Festtagen bis heute Krulbol, das traditionelle flämische Kugelspiel, bei dem Jung und Alt bei einem kühlen Glas Brugse Zot friedlich zusammenkommen und bei deftigen Käsehäppchen und hausgemachtem Senf die alten Geschichten des Viertels aufleben lassen.
Gehen Sie die Blekersstraat zurück, überqueren Sie den Kanal und steigen Sie die Carmersstraat hinauf zum Torhaus der St.-Sebastian-Gilde.
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9. Die St.-Sebastian-Bogenschützengilde : Die königlichen Schützen
Carmersstraat 174, 8000 Brugge, Belgium
Treten Sie durch das trutzige Backsteintor der Königlichen Bogenschützengilde St. Sebastian an der Carmersstraat Nummer einhundertvierundsiebzig in Brügge. Im Jahre dreizehnhundertneunundsiebzig als städtische Wehrmannschaft zur Verteidigung der Wälle gegründet, bewohnt und nutzt diese Bruderschaft ihr weitläufiges ummauertes Areal seit über sechs Jahrhunderten ohne jede Unterbrechung, ein weltweiter historischer Rekord, der von der tiefen Verwurzelung der bürgerlichen Traditionen in Flandern zeugt und den Stolz der Brügger Bürgerschaft auf ihre Wehrhaftigkeit und bürgerliche Freiheit bis heute wachhält.
Die Schützen trainierten mit dem berüchtigten englischen Langbogen aus zähem Eibenholz. Auf dem Rasen des Geländes ragen bis heute fast dreißig Meter hohe eiserne Schießmasten in den Himmel, an deren Spitze kleine bunte Holzattrappen befestigt wurden: das sogenannte Papageienschießen, bei dem die Zielsicherheit der Schützen beim Steilschuss auf die Probe gestellt wurde, angefeuert von den versammelten Zunftbrüdern und ihren Familien bei festlicher Musik.
Die Gilde pflegt engste Bande zum britischen Königshaus: Im Jahre sechzehnhundertsechsundfünfzig fand der künftige König Karl der Zweite von England während seines Exils treue Zuflucht in Brügge, trat der St.-Sebastian-Gilde bei und schoss regelmäßig mit den Meistern um die Wette. Auch Königin Victoria besuchte die Gilde im Jahre achtzehnhundertdreiundvierzig und trug sich feierlich ins Ehrenbuch ein, um die jahrhundertealte Freundschaft zwischen England und der Brügger Schützengilde zu bekräftigen, eine königliche Geste, die bis heute mit großem Stolz im Vereinssitz gehütet wird und die festen Bande zwischen den Schützenbrüdern beider Länder bezeugt.
In den prächtigen holzgetäfelten Festsälen aus dem siebzehnten Jahrhundert hütet die Gilde einen unschätzbaren Schatz: mittelalterliche Trinkhörner aus vergoldetem Silber, kostbare Schützenketten mit Juwelen, historische Bogenwaffen und Galerieporträts der Gildenmeister von flämischen Hofmalern, die in dieser Dichte und Qualität in Europa ihresgleichen suchen.
Gehen Sie bis zum Ende der Carmersstraat, steigen Sie den grünen Deich der Kruisvest hinauf und bestaunen Sie die Windmühle Sint-Janshuis.
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10. Die Sint-Janshuismolen : Das Mehl der Hansezeit
Kruisvest 1, 8000 Brugge, Belgium
Erklimmen Sie den grasbewachsenen Wall der Kruisvest in Brügge und stellen Sie sich unter die gewaltigen Holzflügel der Sint-Janshuismolen, die majestätisch im flämischen Himmel kreisen. Im Jahre siebzehnhundertsiebzig von der Brügger Bäckergilde auf dieser Wehranlage errichtet, ist sie die einzige Windmühle der Stadt, die noch heute auf ihrem ursprünglichen Erdhügel steht und Getreide mit Windkraft zu feinstem Mehl vermahlt, wie es die Bürger der Stadt seit Generationen für ihr tägliches Brot schätzen, während der warme Wind vom Meer die mächtigen Holzflügel unermüdlich im Kreis dreht und das Knarren des Eichenholzes wie Musik über den grasbewachsenen Wall hallt.
Im sechzehnten Jahrhundert standen auf den Erdwällen, die Brügge schützend umgaben, mehr als dreißig Windmühlen in einer langen Reihe. Hoch auf den Schanzen errichtet, fingen sie die stetigen Brisen der nahen Nordsee ein und sicherten die Mehlversorgung der tausenden Bürger selbst dann, wenn feindliche Heere das Umland belagerten und die Zufuhr von außen über die Landstraßen vollständig abschnitten.
Diese Mühle ist ein klassisches Beispiel einer flämischen Ständermühle oder Bockwindmühle: Das gesamte hölzerne Mühlenhaus mit Mahlwerk und Getrieben ruht balanciert auf einem einzigen gewaltigen, senkrechten Eichenstamm. Mithilfe eines langen hölzernen Steerts und einer Haspelkette kann der Müller das tonnenschwere Gebäude um dreihundertsechzig Grad drehen, um die Segeltücher exakt in den Wind zu stellen, eine bewundernswerte Meisterleistung historischer Holzbau- und Getriebetechnik.
Steigen Sie die steile Holztreppe hinauf und atmen Sie das warme Aroma frisch gemahlenen Korns ein. Die riesigen hölzernen Zahnräder und die schweren Mühlsteine drehen sich mit einem tiefen, beruhigenden Summen, während das Mehl in die Säcke rieselt, genau wie vor zweihundertfünfzig Jahren, als die Mühlen das pulsierende Herz der flämischen Lebensmittelwirtschaft bildeten und das Überleben der Stadt auch in harten Kriegsjahren zuverlässig sicherten.
Folgen Sie dem schattigen Spazierweg auf der Wallkrone nach Süden, um die dunkle Holzgestalt der Mühle Bonne Chière zu erreichen.
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11. Die Mühle Bonne Chière : Die Wächterin der Kruisvest
Kruisvest 20, 8000 Brugge, Belgium
Bestaunen Sie die dunkle Holzsilhouette und die leinwandbespannten Ruten der Mühle Bonne Chière, die sich auf einer vorspringenden Bastion über den Festungsgraben der Kruisvest in Brügge erhebt. Ursprünglich im Jahre achtzehnhundertachtundachtzig im ostflämischen Dorf Olsene an der Leie erbaut, wurde diese stolze Bockmühle neunzehnhundertelf nach Brügge versetzt, um eine historische Mühle aus dem siebzehnten Jahrhundert zu ersetzen, die einem verheerenden Wintersturm zum Opfer gefallen war, und bewacht seither den östlichen Zugang zur alten Hansestadt mit stummer Würde, während die Trauerweiden entlang der Ufer ihre Zweige sanft in das dunkle Wasser des Kanals tauchen.
Der wohlklingende Name Bonne Chière stammt aus dem Altfranzösischen und bedeutet wörtlich 'Gute Bewirtung' oder 'Gute Laune'. Er erinnert an ein altes Gasthaus und eine Kornscheune, die an dieser Stelle Fuhrleute und Bauern empfingen, die ihr Getreide zur Mahlung nach Brügge brachten und hier eine warme Mahlzeit und frisches Bier erhielten, während die Pferde an den Tränken versorgt und neue Fuhrwerke beladen wurden.
Blicken Sie hinab auf das ruhige Wasser des Ringkanals am Fuß des Steilhangs. Im Mittelalter bildete dieser tiefe Wassergraben die zweite äußere Verteidigungslinie von Brügge, gesichert durch schwere eiserne Sperrketten und patrouilliert von bewaffneten Wachbooten, die jede illegale Einfuhr unverzollter Handelswaren verhinderten und so die städtischen Steuereinnahmen Tag und Nacht sicherten.
Heute bilden die vier erhaltenen Windmühlen der Kruisvest eine der malerischsten Parklandschaften ganz Belgiens. Jogger, Erholungssuchende und friedlich weidende Schafe teilen sich diese grünen Wälle, auf denen einst die Kanonengeschütze der flämischen Grafen postiert waren, um die Unabhängigkeit der reichen Handelsstadt zu sichern und jedem Feind schon aus weiter Ferne die Entschlossenheit der Bürger zu demonstrieren, dass Brügge seinen Reichtum und seine Unabhängigkeit mit allen Mitteln zu verteidigen wusste.
Wandern Sie auf der Wallkrone weiter nach Süden, bis sich die gewaltigen Doppeltürme des Stadttors Kruispoort vor Ihnen aufbauen.
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12. Die Kruispoort : Das kaiserliche Festungstor von Brügge
Langestraat 191, 8000 Brugge, Belgium
Stellen Sie sich vor die gewaltigen achteckigen Backsteintürme und die weißen Werksteinbögen der Kruispoort, des Kreuztores, das die steinerne Brücke der Langestraat in Brügge sichert. Im Jahre vierzehnhundertzwei von den Baumeistern Jan van Oudenaerde und Maarten van Leuven während des Ausbaus der zweiten Stadtumwallung vollendet, riegelte diese uneinnehmbare Festung die wichtige Fernhandelsstraße nach Gent ab und stellt das beeindruckendste erhaltene Stadttor ganz Flanderns dar.
Die Kruispoort war als tödliche Verteidigungsfalle für Angreifer konstruiert. Hinter den dicken, eisenbeschlagenen Eichentoren verfügten die städtischen Verteidiger über ein tödliches Arsenal: schwere Fallgatter aus Eisen, Gusslöcher zum Ausgießen von siedendem Pech und gekreuzte Schießscharten, durch die Armbrustschützen das gesamte Brückenvorfeld lückenlos unter Beschuss nahmen und jedem Eindringling ein tödliches Willkommen bereiteten.
Durch dieses Tor zogen die mächtigsten Herrscher der europäischen Geschichte feierlich in Brügge ein. Im Jahre vierzehnhundertzweiundachtzig feierte hier Erzherzog Maximilian von Österreich seinen triumphalen Einzug, fünfzehnhundertfünfzehn passierte der junge Karl der Fünfte unter dem Jubel der Bürger die Torbögen, und achtzehnhundertdrei ritt Napoléon Bonaparte mit seiner kaiserlichen Garde durch dieses Tor, umgeben von kaiserlichem Glanz und den feierlichen Fanfaren der Stadtmusikanten.
Blicken Sie über das Wasser des Kanals zurück auf die friedliche Reihe der Windmühlen und die spitzen Türme der gotischen Altstadt. Trotz kriegerischer Belagerungen, wirtschaftlichen Niedergangs und politischer Umbrüche blieben diese wehrhaften Steine unversehrt und bewahren das Erbe der großen flämischen Metropole für die Nachwelt, als stolze Monumente einer glorreichen Epoche des Handels, der Freiheit und der Kunst, die Brügge zu Recht den Beinamen des Venedigs des Nordens eingebracht haben und deren Charme jeden Besucher vom ersten Augenblick an verzaubert.
Ruhen Sie sich auf den grünen Uferwiesen am Fuß der Kruispoort aus, lauschen Sie dem Wind in den Weiden und lassen Sie die faszinierenden Jahrhunderte der Hansekaufleute, Primitiven-Maler und Wehrmühlen von Brügge noch einmal nachklingen.