Prenzlauer Berg und die Wende: Kerzen, Kiez und Kastanien in Berlin

Von der Gethsemanekirche der Mahnwachen 1989 über Wasserturm, Synagoge Rykestraße und Kollwitzplatz bis zur Zionskirche und zum ältesten Biergarten Berlins

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  1. 1. Gethsemanekirche: Kerzen gegen den Staat

    Stargarder Straße 77, 10437 Berlin, Germany

    Vor dir steht eine dunkelrote Backsteinkirche mit spitzem Turm, eingeklemmt zwischen Altbauten, Spielplatz und Fahrradständern. Sieht aus wie hundert andere Kirchen in Berlin... aber im Herbst 1989 war das hier der lauteste stille Ort der ganzen DDR.

    Gebaut wurde die Gethsemanekirche Anfang der 1890er-Jahre nach Plänen von August Orth, für einen Arbeiterbezirk, der schneller wuchs, als die Gemeinden Kirchen hochziehen konnten. Knapp hundert Jahre später, Anfang Oktober 1989, öffnete die Gemeinde ihre Türen Tag und Nacht. Drinnen hielten Menschen Mahnwache für die, die bei Protesten verhaftet worden waren. Draußen auf den Stufen brannten Kerzen, erst Dutzende, dann Hunderte, dann so viele, dass der Bürgersteig glühte.

    Stell dir den Abend des 7. Oktober vor. Drüben in Mitte feiert die Staatsführung im Palast der Republik den 40. Jahrestag der DDR, Michail Gorbatschow ist Ehrengast. Und hier, in der Stargarder Straße, stehen Leute aus dem Kiez mit Kerzen in der Hand. In dieser Nacht und in der folgenden riegeln Polizei und Stasi die Straßen ab, knüppeln los und laden Menschen auf Lastwagen. Viele, die damals festgenommen wurden, erzählten später, wie sie stundenlang mit dem Gesicht zur Wand stehen mussten.

    Warum ausgerechnet eine Kirche? Weil sie in der DDR fast der einzige Raum war, den der Staat nicht ganz im Griff hatte. Hier trafen sich Friedensgruppen, Umweltleute, Punks und ganz normale Nachbarn, die einfach die Nase voll hatten. Gebetet haben längst nicht alle... zugehört haben alle. Und wer eine Kerze hält, hat keine Hand frei für einen Stein. Ein hoher SED-Funktionär soll später gesagt haben, man sei auf alles vorbereitet gewesen, nur nicht auf Kerzen und Gebete.

    Dann ging alles rasend schnell. Einen Monat später, am Abend des 9. November, öffnete sich der Grenzübergang Bornholmer Straße, knapp anderthalb Kilometer nördlich von hier, als erster in der ganzen Stadt. Manche aus diesem Kiez sind, so erzählt man sich, fast direkt von der Mahnwache in den Westen spaziert. Geh jetzt ein paar Blocks nach Südosten, zu dem Platz, den hier alle nur Helmi nennen.

  2. 2. Helmholtzplatz: Schwarzwohnen und Stuckfassaden

    Helmholtzplatz, 10437 Berlin, Germany

    Setz dich kurz auf eine Bank am Helmholtzplatz und schau dich um: ringsum fünfstöckige Mietshäuser aus der Kaiserzeit, frisch gestrichen, mit Stuck, Balkonen voller Tomatenpflanzen und unten Cafés mit Hafermilch auf der Karte. Vor fünfunddreißig Jahren hättest du an derselben Stelle vor allem eines gerochen: Braunkohle.

    Prenzlauer Berg ist ein Kind der Gründerzeit. Ab den 1870er-Jahren, als Berlin explodierte, wurden hier im Eiltempo Mietskasernen hochgezogen, mit Vorderhaus, Seitenflügel, Hinterhof und manchmal noch einem zweiten Hof dahinter. Die DDR baute lieber neu, draußen in Marzahn mit Fernheizung und Fahrstuhl. Die Altbauten hier ließ sie bröckeln. Kohleofen, Klo eine halbe Treppe tiefer, im Winter graue Luft über den Dächern. Wer Pech hatte, wusch sich in der Küche in einer Zinkwanne, die den Rest der Woche an einem Nagel im Flur hing.

    Genau deshalb zog hierher, wer nicht ins Raster passte. Maler, Dichter, Musiker, Aussteiger. Viele Wohnungen standen leer, und man zog einfach ein, ohne Zuweisung vom Amt. Schwarzwohnen hieß das. Schloss austauschen, irgendwann brav Miete überweisen, und oft passierte... gar nichts. In Hinterhofwohnungen wurden Lesungen und Ausstellungen veranstaltet, die es offiziell nicht gab. Und die Stasi saß mittendrin: Nach der Wende kam heraus, dass einige gefeierte Köpfe der Szene selbst Spitzel gewesen waren.

    Nach 1990 wurde Prenzlauer Berg eines der größten Sanierungsgebiete Deutschlands. Fassaden wurden gerichtet, Höfe begrünt, Bäder eingebaut, Öfen rausgerissen. Für die Häuser war das ein Segen, für viele alte Mieter das Ende im Kiez, weil sie sich die neuen Mieten nicht leisten konnten. In wenigen Jahrzehnten hat sich die Bewohnerschaft hier zum großen Teil ausgetauscht. Wer heute auf den Klingelschildern nach Namen von 1989 sucht, muss lange suchen.

    Und dann die Kinderwagen. Es hält sich hartnäckig das Gerücht, Prenzlauer Berg habe die höchste Geburtenrate Europas. Stimmt nicht, ist ein Mythos... aber wenn du hier fünf Minuten die Spielplätze beobachtest, verstehst du, wie er entstanden ist. Jetzt geht es weiter nach Süden, über die Danziger Straße, zu einer Burg aus Backstein, die einmal nur für Bier gebaut wurde.

  3. 3. Kulturbrauerei: Die Bierburg von Schultheiss

    Schönhauser Allee 36, 10435 Berlin, Germany

    Geh durch das Tor in den Hof, und plötzlich stehst du in einer kleinen Burg aus rotem und gelbem Backstein: Türmchen, Zinnen, Rundbögen, ein hoher Schornstein. Eine Burg, gebaut für eine einzige Sache... Bier.

    Das hier war die Brauerei von Schultheiss, einer der größten Biermarken Deutschlands. Ab Ende der 1880er-Jahre plante Franz Schwechten die Anlage, derselbe Architekt, der auch die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und den Anhalter Bahnhof entworfen hat. Dass so viele Brauereien gerade hier oben saßen, war kein Zufall: Der Prenzlauer Berg ist ein Hang, und in den Hang ließen sich tiefe, kühle Lagerkeller graben, lange bevor es Kühlmaschinen gab.

    Um 1900 war Berlin eine Bierstadt durch und durch. Die Brauereien hatten eigene Ausschänke mit riesigen Sälen, in denen Tausende Platz fanden, sonntags kamen ganze Familien. Rund um den Hof hier gab es Sudhaus, Mälzerei, Ställe für die Pferde der Bierkutscher und Wohnungen für die Arbeiter. Eine Stadt in der Stadt, mit eigenem Takt und eigenem Geruch nach Malz. Schwere Pferde zogen die Fässer hinaus in die Kneipen der ganzen Stadt, und wer hier arbeitete, bekam obendrein sein Freibier, den sogenannten Haustrunk.

    1967 wurde hier zum letzten Mal gebraut. Die DDR nutzte die Gebäude danach als Lager und für Betriebe, und manches verfiel. Nach der Wende gründete sich ein Verein, der daraus ein Kulturzentrum machte, und um das Jahr 2000 war das Gelände saniert. Heute gibt es hier Kino, Theater, Clubs und Konzerte, und im Winter einen Weihnachtsmarkt im Hof. Gerade die Mischung macht es aus: tagsüber Schulklassen im Museum, nachts Bässe aus den Kellern, in denen früher das Bier lagerte.

    Und mittendrin, seit 2013, die Ausstellung Alltag in der DDR des Hauses der Geschichte. Da steht die Schrankwand, da hängt der Einkaufsbeutel, und da liest du, dass man auf ein eigenes Auto oft mehr als zehn Jahre warten musste. Die Brauerei, in der man im Osten früher Bier gemacht hat, erklärt heute dem Westen den Osten. Verlass den Hof an der Knaackstraße und lauf ein paar Minuten nach Südosten, in die Rykestraße.

  4. 4. Synagoge Rykestraße: Das Gotteshaus im Hinterhof

    Rykestraße 53, 10405 Berlin, Germany

    Von der Straße aus siehst du fast nichts: ein ganz normales Mietshaus mit Toreinfahrt, Rykestraße 53, und davor meistens ein Polizeiwagen. Die Synagoge selbst versteckt sich hinten im Hof, so gut, dass viele Nachbarn jahrelang an ihr vorbeigelaufen sind, ohne es zu wissen.

    Gebaut wurde sie 1903 und 1904 nach Plänen von Johann Hoeniger, aus rotem Backstein, mit Rundbögen und einem großen Saal für rund zweitausend Menschen. Damit ist sie die größte Synagoge Deutschlands. Dass sie im Hinterhof steht, war in Berlin nichts Ungewöhnliches: Jüdische Gemeinden bauten oft auf Grundstücken hinter Wohnhäusern, zurückhaltend, ohne große Geste zur Straße. Von außen sollte niemand ahnen, wie groß und festlich der Raum dahinter ist: drei Schiffe, Emporen, farbige Fenster und an der Stirnseite der hohe Toraschrein.

    Genau diese Lage hat sie im November 1938 gerettet. In der Pogromnacht drangen SA-Männer ein, verwüsteten den Innenraum und schändeten die Torarollen. Richtig angezündet wurde das Gebäude nicht, weil das Feuer auf die umliegenden Wohnhäuser hätte übergreifen können. Der Rabbiner und Gemeindemitglieder wurden verhaftet und ins Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt. Im Krieg nutzte die Wehrmacht den Bau als Lager und Pferdestall.

    Im Juli 1953 wurde die Synagoge wieder geweiht. Die jüdische Gemeinde in Ost-Berlin war winzig geworden, oft nur ein paar hundert Mitglieder, und für Jahrzehnte war dieser Saal ihr wichtigstes Gotteshaus. Man stelle sich das vor: ein Raum für zweitausend, und an einem gewöhnlichen Sabbat saß vielleicht ein Dutzend Menschen darin. Viele jüdische Familien waren geflohen, ermordet worden oder in den Westteil der Stadt gegangen. Wer blieb, hielt hier die Tradition am Leben, mit erstaunlich wenigen Händen.

    Nach der Wiedervereinigung kamen neue Mitglieder, viele aus der früheren Sowjetunion. Von 2004 bis 2007 wurde die Synagoge aufwendig restauriert, mit der alten Farbigkeit, den Leuchtern und der Frauenempore, und 2007 feierlich wiedereröffnet. Ein Haus, das niemand sehen sollte, und das genau deshalb überlebt hat. Wenn du wieder auf der Straße stehst, schau nach rechts: Am Ende der Rykestraße ragt schon ein dicker runder Turm über die Bäume.

  5. 5. Wasserturm: Der Dicke Hermann und das Jahr 1933

    Knaackstraße / Belforter Straße, 10405 Berlin, Germany

    Über dir thront ein dicker, runder Backsteinturm auf einem kleinen Hügel, umgeben von Bäumen, Wiesen und Bänken. Die Berliner nennen ihn liebevoll den Dicken Hermann, und er ist so etwas wie das Wahrzeichen des Prenzlauer Bergs.

    Bevor hier Wasser gespeichert wurde, drehten sich auf diesem Hügel Windmühlen, und in der ganzen Gegend klapperten noch etliche mehr. Der Hügel ist einer der höchsten Punkte in der Innenstadt, und genau deshalb baute man in den 1870er-Jahren hier oben Berlins ersten Wasserturm. Englische Ingenieure waren damals an der Berliner Wasserversorgung beteiligt, und von hier floss das Wasser mit eigenem Druck in die neuen Mietshäuser ringsum. Das Schönste daran: Im Turm wurde von Anfang an gewohnt, ursprünglich vom Personal des Wasserwerks. Die Wohnungen sind rund geschnitten wie Tortenstücke, und es gibt sie bis heute.

    Doch dieser idyllische Hügel hat auch eine dunkle Seite. Im Frühjahr 1933, wenige Wochen nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, richtete die SA im damaligen Maschinenhaus neben dem Turm eines der frühen, sogenannten wilden Konzentrationslager ein. Kommunisten, Sozialdemokraten und andere Gegner des Regimes wurden hierher verschleppt, verhört und gequält, mitten in einem dicht bewohnten Viertel. Das Maschinenhaus steht nicht mehr, aber ein Gedenkstein erinnert an die Opfer.

    Bleib einen Moment stehen und schau dir die Szene heute an: Kinder rennen den Hang hinunter, im Winter wird hier gerodelt, Leute liegen mit einem Buch im Gras. Unter deinen Füßen liegen alte unterirdische Wasserspeicher, große gemauerte Gewölbe, die gelegentlich für Kunst und Konzerte geöffnet werden. Ein Ort, an dem Berlin gleichzeitig seine schönste und seine schlimmste Seite zeigt, wenige Meter voneinander entfernt. Und die Wohnungen im Turm? Halb Prenzlauer Berg träumt davon, einmal in so einem Tortenstück mit Blick über die Dächer zu wohnen. Frei wird dort so gut wie nie etwas.

    Und jetzt zu einer Frau, die in dieser Gegend über fünfzig Jahre gelebt und gezeichnet hat. Lauf die Knaackstraße ein Stück nach Norden, bis sich rechts ein grüner Platz mit einer Bronzefigur öffnet.

  6. 6. Kollwitzplatz: Käthe, Schrippen und Spätzle

    Kollwitzplatz, 10405 Berlin, Germany

    Mitten auf dem Platz sitzt eine Frau aus Bronze, schwer und nachdenklich, die Hände im Schoß. Und auf diesem Schoß sitzt mit ziemlicher Sicherheit gerade ein Kind, das sich von ihr fotografieren lässt.

    Das ist Käthe Kollwitz. Von 1891 bis 1943 wohnte sie an der Ecke gegenüber, damals Weißenburger Straße, zusammen mit ihrem Mann Karl, einem Arzt. Er behandelte die Arbeiterfamilien des Viertels, und im Wartezimmer seiner Praxis fand sie ihre Modelle: erschöpfte Mütter, hungrige Kinder, alte Gesichter. Aus diesen Begegnungen wurden Radierungen und Zeichnungen, die heute in Museen auf der ganzen Welt hängen. 1919 wurde sie als erste Frau Mitglied der Preußischen Akademie der Künste und bekam den Professorentitel. 1933 zwangen die Nationalsozialisten sie, die Akademie zu verlassen, und bald durfte sie kaum noch ausstellen.

    1914 fiel ihr jüngerer Sohn Peter, achtzehn Jahre alt, in den ersten Kriegswochen in Flandern. Den Schmerz darüber hat sie ihr Leben lang verarbeitet, in Zeichnungen, Plastiken, Tagebüchern. Eine vergrößerte Fassung ihrer Skulptur Mutter mit totem Sohn steht seit 1993 in der Neuen Wache Unter den Linden. Das Haus hier am Platz wurde 1943 von Bomben zerstört, und Käthe Kollwitz starb im April 1945 in Moritzburg bei Dresden, wenige Tage vor Kriegsende. 1947 bekam der Platz ihren Namen, 1958 kam die Figur von Gustav Seitz dazu.

    Nach der Wende wurde der Kollwitzplatz dann zum Schauplatz eines ganz anderen Kampfes, nämlich um Brötchen. Ende 2012 beschwerte sich ein bekannter Politiker, der selbst hier wohnte, dass die zugezogenen Schwaben beim Bäcker Wecken sagen statt Schrippe. Halb Deutschland diskutierte mit. Und Anfang 2013 bewarfen Unbekannte die Bronzefigur von Käthe Kollwitz mit Spätzle, als Protest gegen die Schwabenschelte, so jedenfalls lasen es alle.

    Das ist der Prenzlauer Berg in einer Nussschale: eine Künstlerin, die das Elend der Arbeiter gezeichnet hat, umgeben von sanierten Altbauten, in denen sich kaum noch ein Arbeiter die Miete leisten kann. Lauf jetzt die Wörther Straße nach Westen bis zur Schönhauser Allee und halte dich dort links, zum alten jüdischen Friedhof.

  7. 7. Jüdischer Friedhof Schönhauser Allee: Liebermanns letzte Ruhe

    Schönhauser Allee 23-25, 10435 Berlin, Germany

    Hinter der Mauer an der Schönhauser Allee wird es plötzlich still: Efeu, hohe Bäume, schiefe Grabsteine, viele mit hebräischen und deutschen Inschriften nebeneinander. Männer setzen sich am Eingang eine Kopfbedeckung auf, so ist es auf jüdischen Friedhöfen Brauch.

    Der Friedhof wurde 1827 angelegt, weil der alte jüdische Friedhof in der Großen Hamburger Straße voll war. Damals lag das hier draußen vor der Stadt, zwischen Feldern und Windmühlen. Über zwanzigtausend Menschen sind hier begraben, darunter der Komponist Giacomo Meyerbeer, der Verleger Leopold Ullstein und James Simon, der Mäzen, der den Berliner Museen unter anderem die Büste der Nofretete geschenkt hat. Als 1880 der große Friedhof in Weißensee eröffnete, wurden hier nur noch Familiengräber belegt. Die Steine erzählen nebenbei eine Geschichte der Emanzipation: Die ältesten tragen nur hebräische Schrift, spätere sind zweisprachig, und die jüngsten sehen aus wie jedes bürgerliche Grabmal in Charlottenburg, mit Säulen, Marmor und deutschen Versen.

    Und dann ist da Max Liebermann, der berühmteste Maler Berlins seiner Zeit, Präsident der Preußischen Akademie der Künste. Als am Abend des 30. Januar 1933 der Fackelzug der Nationalsozialisten am Brandenburger Tor vorbeizog, direkt vor seinem Haus, soll er gesagt haben: Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte. Er starb im Februar 1935. Zu seiner Beerdigung kamen nur wenige, die Behörden beobachteten jeden. Eine der wenigen war Käthe Kollwitz. Seine Witwe Martha nahm sich 1943 das Leben, kurz bevor sie deportiert werden sollte.

    Wenn du später hinten an der Kollwitzstraße vorbeikommst, wirst du einen schmalen Weg zwischen Friedhofsmauer und Hinterhöfen sehen. Er heißt Judengang. Die Legende sagt, Trauerzüge hätten diesen Hintereingang nehmen müssen, damit der König auf der Schönhauser Allee nicht von ihnen gestört werde. Belegt ist das nicht... wahrscheinlicher war es einfach ein Wirtschaftsweg. Aber die Geschichte erzählt viel darüber, was man den Preußen zutraute.

    Viele Grabsteine tragen noch Einschläge aus den letzten Kriegstagen 1945, als hier gekämpft wurde. Draußen, nur ein paar Schritte die Schönhauser Allee hinunter, wartet ein Mann auf einem Sockel, dessen Namen du spiegelverkehrt lesen musst.

  8. 8. Senefelderplatz: Ein Name in Spiegelschrift

    Senefelderplatz, 10119 Berlin, Germany

    Auf dem kleinen dreieckigen Platz steht ein weißes Marmordenkmal: oben ein Mann mit Lockenkopf, unten zwei Kinder, und eines davon schreibt seinen Namen auf den Sockel... in Spiegelschrift. Du hast richtig gelesen, das ist kein Fehler des Steinmetzes.

    Der Mann ist Alois Senefelder, und er hat Ende des 18. Jahrhunderts in München den Steindruck erfunden, die Lithografie. Die Geschichte ist herrlich: Senefelder wollte eigentlich Theaterstücke schreiben, konnte sich aber den Druck nicht leisten. Also experimentierte er herum, mit Tinte, Säure und Kalksteinplatten aus Solnhofen in Bayern, aus demselben Gestein, in dem man später den Urvogel Archaeopteryx gefunden hat, bis er merkte, dass Fett und Wasser sich auf dem Stein nicht mischen. Auf diesem simplen Prinzip beruht ein Druckverfahren, das die Welt verändert hat.

    Und jetzt verstehst du die Spiegelschrift: Wer auf den Stein schreibt, muss alles seitenverkehrt schreiben, damit es auf dem Papier richtig herum erscheint. Das Denkmal von 1892 erklärt also seine eigene Erfindung, ohne ein einziges Wort zu viel. Plakate, Landkarten, Noten, Etiketten, später auch die Werbung der Brauereien rund um diesen Platz: all das wurde lange lithografiert.

    Schau dich weiter um. Unter dir fährt die U2, die hier 1913 eröffnet wurde, und ein paar Stationen weiter nördlich kommt sie ans Tageslicht und rattert als Hochbahn über die Schönhauser Allee. Die Allee selbst ist uralt, sie war der Weg hinaus nach Pankow zum Schloss Schönhausen, wo nach dem Krieg der erste und einzige Präsident der DDR, Wilhelm Pieck, seinen Amtssitz hatte. Und auf der anderen Straßenseite, oben auf dem Hang, liegt mit dem Pfefferberg noch eine ehemalige Brauerei, heute ein Ort für Architektur, Kunst und Biergarten.

    Kaum jemand bleibt hier stehen, alle eilen zur U-Bahn. Dabei ist das einer der witzigsten Denkmal-Tricks der Stadt. Probier es aus: Fotografier den Sockel mit dem Handy und spiegle das Bild, dann steht da plötzlich ganz ordentlich Senefelder. Jetzt geh nach Westen, durch die ruhigen Seitenstraßen vorbei am Teutoburger Platz, bis vor dir ein Kirchturm mitten auf einem runden Platz auftaucht.

  9. 9. Zionskirche: Bonhoeffer und die Umweltbibliothek

    Zionskirchplatz, 10119 Berlin, Germany

    Die Kirche steht auf einem kleinen Hügel mitten im Platz, wie eine Figur auf einer Torte, und alle Straßen ringsum laufen sternförmig auf sie zu. Rundherum Bäume, Bänke, ein paar Cafés, und abends sitzen hier Leute auf den Stufen und schauen in den Himmel.

    Entstanden ist die Zionskirche aus einem Dank. 1861 überlebte König Wilhelm von Preußen in Baden-Baden ein Attentat, und als Dank dafür wurde hier eine Kirche gebaut, geweiht 1873. Der Architekt war August Orth, derselbe, der zwanzig Jahre später die Gethsemanekirche entwarf, an der du heute gestartet bist. Der Hang hier war damals noch ziemlich leer, und an seinem Fuß wurde früher sogar Wein angebaut, daher heißt die Straße nebenan bis heute Weinbergsweg. Ja, Berliner Wein. Er soll ungefähr so sauer gewesen sein wie die Laune der Berliner im Februar.

    1931 und 1932 kam ein junger Pfarrer hierher, Dietrich Bonhoeffer. Er sollte eine Konfirmandenklasse übernehmen, rund fünfzig Jungen aus dem Arbeiterkiez, die als unbändig galten und ihren vorherigen Pfarrer angeblich aufgerieben hatten. Bonhoeffer gewann sie, indem er ihnen Geschichten aus Harlem erzählte, wo er gerade ein Jahr in New York verbracht hatte. Für eine Weile zog er sogar in die Oderberger Straße, um in ihrer Nähe zu sein. Später ging er in den Widerstand gegen Hitler und wurde am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg ermordet.

    Und dann, mehr als fünfzig Jahre später: Im Keller des Gemeindehauses gegenüber richteten junge Oppositionelle 1986 die Umweltbibliothek ein. Sie sammelten verbotene Bücher und druckten heimlich ihre Umweltblätter. In der Nacht vom 24. auf den 25. November 1987 stürmte die Stasi die Räume, beschlagnahmte die Druckmaschine und nahm Leute fest. Doch statt Ruhe gab es Mahnwachen, Kerzen, Solidarität aus dem ganzen Land, und nach wenigen Tagen kamen die Festgenommenen frei. Ein Staat, der zurückweicht, das hatte es so noch nicht gegeben. Wenige Wochen vorher hatten Neonazis hier ein Punkkonzert überfallen.

    Von dieser Kirche führt also ein roter Faden zur Gethsemanekirche und zum Herbst 1989. Jetzt nimm die Kastanienallee, die vom Platz aus schräg den Hang hinauf nach Nordosten führt.

  10. 10. Kastanienallee: Von der Castingallee zum besetzten Haus

    Kastanienallee / Schwedter Straße, 10435 Berlin, Germany

    Du stehst auf der Kastanienallee, die schräg den Hang hinaufläuft: in der Mitte Straßenbahngleise, links und rechts breite Bürgersteige, Kastanien, kleine Läden und Leute mit Sonnenbrillen, die aussehen, als würden sie gleich gecastet. Nicht umsonst haben die Berliner der Straße in den Nullerjahren den Spitznamen Castingallee verpasst.

    Dabei ist sie älter als fast alles ringsum. Als hier noch Felder und Windmühlen standen, war die Kastanienallee schon ein Weg hinaus aufs Land. Das Haus Kastanienallee 77 aus dem Jahr 1848 gilt als ältestes erhaltenes Wohnhaus im ganzen Prenzlauer Berg. Seine Fassade hat man nach der Wende absichtlich unverputzt gelassen, und Künstler haben Gesichter und Figuren daraufgesetzt.

    Achte mal auf die Straßenbahn, die hier entlangrumpelt. West-Berlin hat seine Straßenbahn bis 1967 komplett abgeschafft, weil Busse und Autos als modern galten. Ost-Berlin hat sie behalten. Deshalb fahren Straßenbahnen bis heute fast nur im Osten der Stadt, und wenn du irgendwo in Berlin Gleise siehst, weißt du ziemlich sicher, auf welcher Seite der Mauer du gerade stehst. Seit der Wende sind ein paar Strecken wieder in den Westen verlängert worden, nach Moabit und zum Hauptbahnhof, aber das Muster ist geblieben.

    Nach dem Mauerfall standen in Ost-Berlin Hunderte Altbauten leer, und 1990 wurden viele von ihnen besetzt, vor allem hier im Prenzlauer Berg und in Friedrichshain. Im November 1990 räumte die Polizei die besetzten Häuser in der Mainzer Straße in Friedrichshain, mit Wasserwerfern und Hubschraubern, nach regelrechten Straßenschlachten. Viele Besetzer hier im Kiez verhandelten dagegen und bekamen Verträge. An der Kastanienallee steht bis heute ein Haus, das 1990 besetzt wurde und seitdem ein selbstverwaltetes Wohnprojekt ist, mit Transparenten an der Fassade.

    So hat jede Epoche ihre Spur in dieser Straße hinterlassen: das Bauernhaus von 1848, die Mietshäuser der Kaiserzeit, die Besetzer der Wende, die Cafés von heute. Und die Kastanien gibt es wirklich: Im Herbst knallen sie auf Autodächer und Fahrradsättel, und die Kinder aus dem Kiez sammeln sie tütenweise. Lauf jetzt die Kastanienallee weiter bergauf. Kurz vor der Kreuzung mit der Eberswalder Straße wartet unter alten Kastanien das letzte Ziel.

  11. 11. Prater Garten: Berlins ältester Biergarten

    Kastanienallee 7-9, 10435 Berlin, Germany

    Unter alten Kastanien stehen lange Holzbänke und Klapptische, Kies knirscht unter den Füßen, und vorne am Ausschank wird gezapft wie seit Generationen. Willkommen im Prater, dem ältesten Biergarten Berlins.

    Angefangen hat alles 1837, als die Gegend hier noch vor den Toren der Stadt lag. Den Namen hat man sich in Wien geborgt, beim großen Vergnügungspark Prater, ein bisschen Größenwahn gehörte schon damals zu Berlin. Am Sonntag zogen die Familien aus der engen Stadt hier heraus, mit Kind und Kegel, um im Grünen ein Bier zu trinken und Musik zu hören. Später kamen Säle dazu für Theater, Tanz und Varieté.

    Im Prater wurde aber nicht nur gefeiert. In den Sälen versammelten sich Arbeitervereine und Gewerkschaften, hier wurde über Löhne, Wahlrecht und Streiks gestritten. Zu DDR-Zeiten war der Prater ein Kulturhaus des Stadtbezirks. Und nach der Wende spielte die Volksbühne viele Jahre lang hier auf ihrer zweiten Bühne, experimentell, laut, oft bis tief in die Nacht. Der Prater hat also jede Epoche dieses Viertels mitgemacht, ohne je den Biergarten aufzugeben.

    Lass die Strecke noch einmal an dir vorbeiziehen. Du hast an der Gethsemanekirche begonnen, wo 1989 Kerzen gegen einen ganzen Staat standen. Du hast am Helmi und an der Kastanienallee gesehen, was aus den grauen Altbauten wurde, und in der Rykestraße eine Synagoge, die sich verstecken musste, um zu überleben. Du warst am Wasserturm, auf dem Friedhof bei Max Liebermann und bei Käthe Kollwitz, die mit einem Kind auf dem Schoß auf ihren Platz schaut. Und an der Zionskirche, wo Bonhoeffer predigte und junge Leute in einem Keller die Wende vorbereiteten, ohne es zu wissen.

    Also: Hol dir ein Bier oder eine Apfelschorle, such dir einen Platz auf einer der Bänke und lehn dich zurück. Über dir rascheln die Kastanien, nebenan rattert die U-Bahn über das Viadukt an der Schönhauser Allee. Prost auf alle, die hier gelebt, gestritten und mit Kerzen in der Hand eine Mauer zum Einsturz gebracht haben. Der Prenzlauer Berg hat sich verändert wie kaum ein anderer Kiez... aber der Prater steht noch.