Montjuïc in Barcelona: Weltausstellung 1929, Barcelona-Pavillon und Olympia

Von der Stierkampfarena über Mies van der Rohes gläsernen Pavillon und den Magischen Brunnen bis zum Olympiastadion, zu Miró und zur Festung über dem Hafen: ein Berg, auf dem Barcelona sich immer wieder neu erfand

Barcelona · 11 stops · 29 min audio · Generated

  1. 1. Las Arenas: Die Stierkampfarena, die keine mehr ist

    Gran Via de les Corts Catalanes 373-385, 08015 Barcelona, Spain

    Vor dir steht ein runder Backsteinbau mit Hufeisenbögen, Zinnen und bunten Kacheln, als hätte jemand ein Stück Andalusien an die Gran Via geschoben. Oben auf dem Dach blitzt eine flache Kuppel, und an der Seite gleitet ein gläserner Aufzug die alte Fassade hinauf. Willkommen in Las Arenas, einer Arena, in der heute niemand mehr kämpft... höchstens um einen Platz im Aufzug.

    Gebaut wurde sie zwischen 1898 und 1900 nach Plänen von August Font i Carreras, im sogenannten neomudéjaren Stil, der maurische Formen mit Ziegeln und Keramik nachahmt. Damals lag hier noch der Stadtrand, mit Werkstätten, Fabriken und der alten Landstraße Richtung Sants. An Sonntagen strömten die Leute zu Tausenden hierher, zu Fuß und mit der Straßenbahn, und man kann sich gut vorstellen, wie es hier nach Staub, Tabak und Pferden roch.

    Der Stierkampf hatte in Katalonien allerdings nie dieselbe Selbstverständlichkeit wie im Süden Spaniens. 1977 fand hier die letzte Corrida statt, danach stand der Bau jahrzehntelang leer und verfiel langsam. 2010 beschloss das katalanische Parlament schließlich ein Verbot des Stierkampfs. Was macht man also mit einer Arena, in der es nichts mehr zu sehen gibt?

    Die Antwort kam vom britischen Architekten Richard Rogers. Er ließ die alte Fassade stehen, stützte sie während der Bauarbeiten ab und setzte dahinter ein völlig neues Haus mit Geschäften und Restaurants, das 2011 eröffnete. Ganz oben läuft eine runde Terrasse um die Kuppel. Fahr hinauf, wenn du kannst: Von dort siehst du zum ersten Mal, wohin dieser Spaziergang führt, die breite Achse, die Türme, den Palast mit der Kuppel und dahinter den grünen Rücken des Montjuïc.

    Ein kleiner Gedanke, bevor du weiterläufst. Fast alles, was du in den nächsten Stunden siehst, wurde für einen einzigen Anlass gebaut, für eine Ausstellung oder für zwei Wochen Olympische Spiele. Und fast alles hat überlebt, weil Barcelona sich weigerte, es wieder herzugeben. Las Arenas ist das erste Beispiel dafür. Überquer jetzt vorsichtig den Platz und geh auf die beiden roten Türme zu, die wie Wächter am Fuß des Berges stehen.

  2. 2. Plaça d'Espanya und die Venezianischen Türme: Das Tor zur Weltausstellung

    Avinguda de la Reina Maria Cristina, 08004 Barcelona, Spain

    Stell dich zwischen die beiden roten Backsteintürme und dreh dich einmal langsam um. Hinter dir braust der Verkehr um die Plaça d'Espanya, mit einem großen Brunnen in der Mitte. Vor dir öffnet sich eine schnurgerade Allee, die den Berg hinaufführt, bis zu einem Palast mit Kuppel. Das ist kein Zufall. Das ist eine Bühne, und du stehst an ihrem Eingang.

    Die Türme sind gut 47 Meter hoch, und wenn sie dir bekannt vorkommen, liegt das an Venedig. Der Architekt Ramon Reventós nahm sich den Campanile am Markusplatz zum Vorbild, deshalb heißen sie bis heute Torres Venecianes, die Venezianischen Türme. Sie entstanden für die Weltausstellung von 1929 und bildeten das Tor zum Gelände. Wer hier hindurchging, sollte spüren, dass er eine andere, glänzendere Welt betritt.

    Die Geschichte dieser Ausstellung ist länger als ihr Glanz. Schon vor dem Ersten Weltkrieg plante Barcelona eine große Schau der Elektroindustrie, doch der Krieg kam dazwischen, und die Pläne lagen jahrelang in der Schublade. Als die Ausstellung am 19. Mai 1929 endlich eröffnete, regierte in Madrid der Diktator Miguel Primo de Rivera, und König Alfonso XIII. kam persönlich. Gezeigt werden sollte ein modernes, aber vor allem ein geeintes Spanien. Für katalanische Symbole war in diesem Bild wenig Platz, wie du gleich am Brunnen sehen wirst.

    Der Brunnen mitten auf der Plaça d'Espanya stammt von Josep Maria Jujol, einem der engsten Mitarbeiter Gaudís. Seine Figurengruppen stehen für die großen Flüsse Spaniens und die Meere, in die sie münden. Jujol war eigentlich ein Meister des Verspielten, der Scherben und Farben liebte, und doch wirkt dieser Brunnen beinahe feierlich streng. Er wusste genau, für wen er hier baute.

    Bevor all das entstand, war dieser Ort ein unscheinbarer Kreuzungspunkt am Stadtrand, wo die alte Straße nach Madrid Barcelona verließ. Innerhalb weniger Jahre wurde daraus einer der größten Plätze Spaniens. Geh jetzt die Avinguda de la Reina Maria Cristina hinauf, zwischen den Messehallen hindurch, bis zu dem weiten Wasserbecken am Fuß der großen Treppen.

  3. 3. Font Màgica und die vier Säulen: Wasser, Licht und ein verbotenes Symbol

    Plaça de Carles Buïgas 1, 08038 Barcelona, Spain

    Jetzt stehst du am Rand eines riesigen, flachen Beckens, über dir eine Kaskade aus Treppen und Wasserstufen, ganz oben der Palast. Wenn das Wasser gerade ruht, sieht der Brunnen fast bescheiden aus, ein paar Düsen, ein paar Ringe aus Stein. Lass dich nicht täuschen. Am Abend verwandelt sich dieses Becken in eines der beliebtesten Schauspiele der ganzen Stadt.

    Die Font Màgica, der Magische Brunnen, ist das Werk von Carles Buïgas, einem Ingenieur, der von Licht und Wasser regelrecht besessen war. Für die Weltausstellung 1929 erdachte er ein System aus Pumpen, Düsen und farbigen Scheinwerfern, das Wasser in Fächer, Säulen und Schleier verwandelte. Gebaut wurde das alles in weniger als einem Jahr, mit Tausenden Arbeitern, damit am Eröffnungsabend alles rechtzeitig leuchtete.

    Seit den Achtzigerjahren tanzt das Wasser außerdem zur Musik, und aus dem technischen Wunder von 1929 wurde ein Ritual für Sommerabende. Wenn du an einem Sommerabend hier stehst, mit Tausenden Menschen auf den Stufen, mit Kindern auf den Schultern ihrer Väter und Liebespaaren am Beckenrand, verstehst du, warum die Leute aus Barcelona diesen Brunnen trotz aller Touristen lieben. Er ist kitschig, laut und bunt... und er funktioniert jedes Mal.

    Schau jetzt über den Brunnen hinweg den Hang hinauf. Dort ragen vier hohe, schlanke ionische Säulen in den Himmel, ohne Dach, ohne Tempel. Josep Puig i Cadafalch hatte sie 1919 errichten lassen, als Sinnbild für die vier roten Streifen der katalanischen Fahne. Für das Regime von Primo de Rivera war das zu viel Katalonien: 1928, kurz vor der Eröffnung der Ausstellung, ließ man sie abreißen.

    Die Säulen standen also, als die Weltausstellung geplant wurde, und waren verschwunden, als sie eröffnete. Über achtzig Jahre lang wussten nur noch Historiker und alte Leute, dass es sie je gegeben hatte. Erst 2010 wurden sie neu errichtet, ganz in der Nähe ihres alten Standorts, und heute stehen sie da, als wären sie nie fort gewesen. Geh nun rechts am Brunnen vorbei zu einem flachen Gebäude aus Glas und Marmor, das man leicht übersieht. Es ist vielleicht der wichtigste Bau auf dem ganzen Berg.

  4. 4. Barcelona-Pavillon: Mies van der Rohe, Lilly Reich und ein deutsches Manifest

    Avinguda de Francesc Ferrer i Guàrdia 7, 08038 Barcelona, Spain

    Steig die paar Stufen auf die helle Travertinterrasse und bleib einen Moment stehen. Ein flaches Dach, das zu schweben scheint, Wände aus grünem Marmor und honigfarbenem Onyx, ein stilles Wasserbecken, in dem sich der Himmel spiegelt. Keine Tür, die dich empfängt, kein Eingang im klassischen Sinn. Du gehst einfach hinein, und der Raum fließt um dich herum.

    Das ist der Deutsche Pavillon der Weltausstellung von 1929, entworfen von Ludwig Mies van der Rohe und Lilly Reich. Die Weimarer Republik wollte gut zehn Jahre nach dem Krieg ein neues Deutschland zeigen: offen, nüchtern, demokratisch. Also stellte man einfach nichts aus. Der Pavillon selbst war das Exponat, ein Ort zum Durchgehen und Innehalten. Acht schlanke, verchromte Stützen mit kreuzförmigem Querschnitt tragen das Dach, und die Wände tragen gar nichts. Sie stehen nur da und lenken deinen Weg.

    Für die feierliche Eröffnung entwarfen Mies und Reich einen Sessel aus gebogenem Stahl mit Lederpolstern, gedacht für das spanische Königspaar. Man erzählt sich, Alfonso XIII. und Königin Victoria Eugenia hätten sich nie hineingesetzt. Der Barcelona-Sessel wurde trotzdem zur Ikone und steht heute in Foyers auf der ganzen Welt. Dass Lilly Reich an diesem Erfolg großen Anteil hatte, hat die Designgeschichte lange übersehen und erst spät gewürdigt.

    Und jetzt das Überraschende: Das Original gibt es nicht mehr. Nach dem Ende der Ausstellung wurde der Pavillon 1930 abgebaut, die kostbaren Materialien verschwanden. Jahrzehntelang kannte die Welt dieses Schlüsselwerk der Moderne nur aus Schwarzweißfotos und Plänen, ein berühmtes Gebäude, das niemand mehr betreten konnte. Erst in den Achtzigerjahren bauten katalanische Architekten ihn nach den alten Unterlagen wieder auf. 1986 war er zurück, genau hundert Jahre nach der Geburt von Mies in Aachen.

    Geh bis ans hintere Ende, zum kleinen Becken im Hof. Dort steht eine Bronzefrau nach Georg Kolbes Figur Der Morgen und hebt die Arme, als wollte sie das Licht abwehren. Sie ist das einzig Geschwungene in dieser Welt aus Linien. Wenn du wieder hinaustrittst, siehst du gegenüber eine rote Backsteinfabrik mit Türmchen, die alte Textilfabrik Casaramona von Puig i Cadafalch, heute das CaixaForum. Zwei Antworten auf die Frage, was modern ist, nur wenige Schritte voneinander entfernt. Folge nun der Straße bergauf, zu einem Dorf, das es eigentlich gar nicht gibt.

  5. 5. Poble Espanyol: Ein ganzes Land in einem Dorf

    Avinguda de Francesc Ferrer i Guàrdia 13, 08038 Barcelona, Spain

    Vor dir ragen zwei wuchtige Türme mit Zinnen auf, dazwischen ein Stadttor, das aussieht, als stünde es seit dem Mittelalter in Kastilien. Tut es nicht. Es steht seit 1929 auf dem Montjuïc, und es ist die Nachbildung eines Tores aus der Stadtmauer von Ávila. Dahinter liegt das Poble Espanyol, das Spanische Dorf, ein ganzes Land im Kleinformat.

    Die Idee war so einfach wie ehrgeizig: Für die Weltausstellung sollte die Bauweise aller Regionen Spaniens an einem einzigen Ort versammelt werden. Die Architekten Francesc Folguera und Ramon Reventós, derselbe Reventós wie bei den Venezianischen Türmen, reisten dafür mit dem Maler Xavier Nogués und dem Kunstkritiker Miquel Utrillo kreuz und quer durchs Land. Sie fotografierten, zeichneten und vermaßen Häuser, Plätze, Kirchen und Treppen, monatelang, mit staubigen Schuhen und vollen Skizzenbüchern.

    Daraus entstand ein Dorf mit weit über hundert Gebäuden, mit Gassen, Treppen, einer Plaza Mayor samt Rathaus und einem andalusischen Viertel mit weißgekalkten Wänden. Häuser aus dem regnerischen Norden stehen nur ein paar Schritte von Fassaden aus dem sonnigen Süden entfernt. Geografisch ist das völliger Unsinn. Und trotzdem fühlt es sich an wie ein echtes Dorf, mit Schatten, Ecken und kleinen Überraschungen hinter jeder Biegung.

    Eigentlich sollte das Dorf nach der Ausstellung wieder verschwinden, wie die meisten Pavillons, auch der deutsche, den du gerade gesehen hast. Doch die Leute mochten es zu sehr, und so blieb es stehen. Heute arbeiten hier Kunsthandwerker in kleinen Werkstätten, Glasbläser, Töpfer und Schmuckmacher, und in einem der Häuser hängt sogar eine Sammlung moderner Kunst, die man an diesem Ort kaum erwarten würde.

    Und eine Fußnote, die kaum jemand kennt: Miquel Utrillo, einer der vier Väter dieses Dorfes, gab 1891 einem kleinen Jungen in Paris seinen Nachnamen, dem Sohn der Malerin Suzanne Valadon. Dieser Junge wurde später als Maurice Utrillo berühmt, der Maler der Gassen von Montmartre. Zwei Utrillos, zwei Arten, Gassen zu lieben. Geh jetzt zurück auf die Straße und folge den Wegen bergauf nach Osten, zum großen Palast über dem Brunnen.

  6. 6. Palau Nacional und MNAC: Die geretteten Fresken der Pyrenäen

    Palau Nacional, Parc de Montjuïc, 08038 Barcelona, Spain

    Dreh dich auf der Terrasse vor dem Palast um, bevor du ihn überhaupt ansiehst. Unter dir liegt alles, was du bisher gegangen bist: der Brunnen, die Allee, die roten Türme, die runde Arena, und dahinter die ganze Stadt bis zu den Hügeln der Collserola. An klaren Tagen ist das einer der großzügigsten Blicke Barcelonas, und er kostet nichts als ein paar Treppenstufen.

    Der Palau Nacional wurde als Hauptgebäude der Weltausstellung 1929 errichtet, mit einer mächtigen Kuppel und Türmen, die an große Barockbauten erinnern. In seinem riesigen Ovalen Saal wurde die Ausstellung feierlich eröffnet. Auch dieser Palast sollte eigentlich nur für ein paar Monate stehen. Doch wie so vieles auf diesem Berg blieb er, und 1934 zog das Museum der katalanischen Kunst ein. Heute heißt es Museu Nacional d'Art de Catalunya, kurz MNAC.

    Sein größter Schatz klingt zunächst unspektakulär: romanische Wandmalereien aus kleinen Kirchen in den Pyrenäen. Aber diese Bilder aus dem 12. Jahrhundert gehören zu den bedeutendsten ihrer Art in ganz Europa. Der Christus Pantokrator aus Sant Climent de Taüll, einer Kirche, die 1123 geweiht wurde, schaut dich mit riesigen, mandelförmigen Augen an, streng und zugleich erstaunlich modern. Kein Wunder, dass Künstler des 20. Jahrhunderts in diesen flächigen Figuren ihre eigenen Ideen wiederzuerkennen glaubten.

    Dass diese Bilder hier hängen und nicht in Amerika, verdankt Barcelona einer Rettungsaktion in letzter Minute. Um 1919 begannen Händler, ganze Apsiden aus den abgelegenen Bergkirchen zu kaufen, und die Malereien aus Santa Maria de Mur landeten tatsächlich in Boston. Die katalanischen Behörden reagierten: Italienische Restauratoren lösten mit einer Technik namens Strappo die Farbschicht von den Wänden, zogen sie auf Leinwand und brachten sie in die Stadt. So wanderten Wandbilder aus vielen Dorfkirchen ins Museum.

    Wenn du später hineingehst, achte auf die Säle, in denen die Apsiden nachgebaut sind. Man steht darin wie in einer Dorfkirche, nur dass draußen nicht die Berge liegen, sondern eine Millionenstadt. Von hier geht es weiter, am Palast vorbei und bergauf zum Olympischen Ring, wo ein weißer Turm schräg in den Himmel ragt.

  7. 7. Torre Calatrava und der Olympische Ring: Barcelona 1992

    Carrer de Pierre de Coubertin, 08038 Barcelona, Spain

    Ein schneeweißer Turm, schräg gestellt wie ein Körper mitten im Schwung, oben ein Ring und eine lange Nadel. Daneben die flache, metallisch graue Kuppel einer Sporthalle, davor eine weite, helle Plaza. Du bist mitten in der Anella Olímpica, dem Olympischen Ring, den Barcelona für die Spiele von 1992 auf den Montjuïc gebaut hat.

    Der Turm heißt offiziell Torre de Comunicacions de Montjuïc, aber alle nennen ihn nur Torre Calatrava, nach seinem Architekten Santiago Calatrava aus Valencia. Er ist rund 136 Meter hoch und sollte die Fernsehbilder der Spiele in die Welt schicken. Calatrava soll dabei an einen Athleten gedacht haben, der die olympische Fackel emporhält. Schau ihn dir von der Seite an: Mit ein bisschen Fantasie siehst du das gebeugte Bein und den gestreckten Arm.

    Und dann ist da noch dieses Spiel mit dem Licht. Man sagt, die Neigung des Turms sei so berechnet, dass sein Schatten wie der Zeiger einer riesigen Sonnenuhr über den Platz wandert. Ob das hier im Alltag jemand nutzt, ist eine andere Frage, aber wenn die Sonne scheint, lohnt es sich, dem Schatten ein paar Minuten zuzusehen.

    Die flache Halle daneben ist der Palau Sant Jordi des japanischen Architekten Arata Isozaki. Ja, derselbe Isozaki, der unten am Berg den modernen Eingang des CaixaForum gestaltet hat. Das Dach seiner Halle wurde am Boden zusammengesetzt und dann als Ganzes in die Höhe gestemmt, ein Verfahren, das damals viel Aufsehen erregte. 1992 turnten hier die besten Athletinnen und Athleten der Welt, und heute finden hier die ganz großen Konzerte der Stadt statt.

    Die Spiele haben Barcelona verändert wie kaum ein anderes Ereignis seit der Weltausstellung. Die Stadt öffnete sich zum Meer, bekam Strände, Ringstraßen und neue Viertel, und der Montjuïc bekam diesen Ring. Doch die Geschichte des Stadions nebenan beginnt viel früher, mit einer Olympiade, die nie stattgefunden hat. Geh über die Plaza nach Osten, zur langen Fassade des Stadions.

  8. 8. Estadi Olímpic Lluís Companys: Die Volksolympiade, die nie stattfand

    Passeig Olímpic 15-17, 08038 Barcelona, Spain

    Vor dir zieht sich eine lange, helle Fassade mit Bögen, Säulen und Figuren, fast ein bisschen altmodisch für ein Olympiastadion. Das liegt daran, dass sie viel älter ist als die Spiele von 1992. Dieses Stadion wurde für die Weltausstellung von 1929 gebaut, und hinter seiner Fassade steckt eine der seltsamsten Sportgeschichten Europas.

    Barcelona träumte schon früh von Olympischen Spielen. Für 1936 bewarb sich die Stadt, mit genau diesem Stadion als Herzstück. 1931 entschied das Internationale Olympische Komitee jedoch anders: Die Spiele gingen nach Berlin. Als dort wenige Jahre später die Nationalsozialisten herrschten und die Spiele zur Propagandaschau machten, beschloss man in Barcelona, ein Gegenfest auszurichten, die Olimpíada Popular, die Volksolympiade.

    Sie sollte im Juli 1936 beginnen, kurz vor den Spielen in Berlin. Tausende Sportlerinnen und Sportler aus vielen Ländern meldeten sich an, darunter Arbeitersportvereine und politische Emigranten. Doch unmittelbar vor der Eröffnung putschte ein Teil des Militärs gegen die Republik, und in Barcelona wurde auf den Straßen gekämpft. Der Spanische Bürgerkrieg hatte begonnen, und die Volksolympiade fand nie statt. Einige der angereisten Athleten blieben und schlossen sich den Verteidigern der Republik an.

    Sechsundfünfzig Jahre später kam das olympische Feuer dann doch. Für 1992 wurde das Stadion innen fast vollständig neu gebaut, nur die alte Fassade blieb stehen, und das Spielfeld wurde tief abgesenkt, um Platz für mehr Ränge zu schaffen. Bei der Eröffnungsfeier am 25. Juli 1992 schoss der Paralympics-Bogenschütze Antonio Rebollo einen brennenden Pfeil in Richtung der Schale, und die Flamme loderte auf. Weltweit hielten Millionen Menschen vor den Fernsehern den Atem an.

    Seit 2001 trägt das Stadion den Namen von Lluís Companys, dem Präsidenten der katalanischen Regierung in den Dreißigerjahren. Warum gerade er, erfährst du am Ende dieses Spaziergangs, oben auf der Festung. Jetzt aber geht es zur Kunst: Folge der Avinguda de l'Estadi nach Osten, zwischen Kiefern hindurch, bis zu einem weißen Gebäude, aus dessen Dach gebogene Oberlichter wachsen.

  9. 9. Fundació Joan Miró: Sterne, Vögel und ein Brunnen aus Quecksilber

    Parc de Montjuïc s/n, 08038 Barcelona, Spain

    Weiße Wände, Terrakottaböden, gebogene Oberlichter, die das Tageslicht wie mit großen Löffeln in die Säle schöpfen. Die Fundació Joan Miró sieht aus wie ein mediterranes Haus, das ein bisschen zu groß geraten ist, und genau das war die Idee. Kein Tempel für Kunst, sondern ein Ort, an dem Licht, Garten und Bilder gemeinsam atmen.

    Gebaut hat es Josep Lluís Sert, ein Architekt aus Barcelona, der viele Jahre in den USA lehrte und mit Miró eng befreundet war. Für ihn hatte Sert schon das große Atelier auf Mallorca entworfen. Eröffnet wurde die Stiftung 1975, wenige Monate vor Francos Tod. Miró wollte keinen Schrein für sich selbst, sondern einen Ort, an dem auch junge Künstler ausstellen und experimentieren können, und dieses Versprechen gilt bis heute.

    Miró, 1893 in Barcelona geboren, hat diese Stadt nie losgelassen, und sie ihn auch nicht. Seine Sterne, Monde, Vögel und Frauen in Rot, Gelb, Blau und Schwarz findest du überall: auf dem großen Bodenmosaik mitten auf der Rambla, über das jeden Tag Tausende laufen, ohne es zu bemerken, und in der berühmten Sonne, die seit den Achtzigerjahren für Urlaub in Spanien wirbt. Hier oben aber kannst du verfolgen, wie aus einem jungen Maler einer wurde, der die Malerei neu buchstabierte.

    In einem der Säle plätschert ein Kunstwerk, das gar nicht von Miró stammt und trotzdem perfekt hierher gehört: der Quecksilberbrunnen von Alexander Calder. Calder schuf ihn 1937 für den Pavillon der Spanischen Republik auf der Weltausstellung in Paris, mitten im Bürgerkrieg, als Erinnerung an die umkämpften Quecksilberminen von Almadén. Im selben Pavillon hing zum ersten Mal Picassos Guernica, und auch Miró malte dafür ein riesiges Wandbild, das später verloren ging. Und der Architekt jenes Pavillons hieß... Josep Lluís Sert.

    Zwei Weltausstellungen, Barcelona 1929 und Paris 1937, und beide Fäden laufen auf diesem Berg zusammen. Wenn du Zeit hast, geh auf die Dachterrasse mit den Skulpturen und den Blick über die Stadt. Danach geht es weiter, die Straße entlang nach Osten zu einem schattigen Garten, in dem es früher laut, bunt und sehr fröhlich zuging.

  10. 10. Jardins de Joan Brossa: Wo früher die Achterbahn ratterte

    Plaça de la Sardana, 08038 Barcelona, Spain

    Kiefern, sanfte Wiesen, verschlungene Wege und ein paar Spielplätze, auf denen Kinder herumklettern. Die Jardins de Joan Brossa wirken heute wie ein ganz gewöhnlicher, angenehm schattiger Stadtpark, in dem Hunde ausgeführt und Bücher gelesen werden. Aber versuch dir an dieser Stelle einmal Lärm vorzustellen: quietschende Fahrgeschäfte, kreischende Teenager, Musik aus Lautsprechern und den süßen Geruch von Zuckerwatte.

    Genau das war hier. Von 1966 bis 1998 lag auf diesem Teil des Montjuïc ein Vergnügungspark, der Parc d'Atraccions de Montjuïc. Für Generationen von Kindern aus Barcelona war ein Sonntag hier oben das große Abenteuer, oft mit einer Fahrt in der Seilbahn, mit Karussells und dem Blick hinunter auf den Hafen. Wer hier in den Siebzigerjahren aufgewachsen ist, kann dir wahrscheinlich bis heute sagen, welche Bahn die schlimmste war.

    Als der Park schloss, entschied sich die Stadt gegen neue Bauten und für einen Garten. Er öffnete 2003 und trägt den Namen von Joan Brossa, einem Dichter aus Barcelona, der Gedichte nicht nur schrieb, sondern baute, aus Buchstaben, Alltagsgegenständen und Theater. Brossa liebte Zauberkünstler, Verwandlungskünstler und das Varieté. Es passt also wunderbar, dass ausgerechnet ein alter Rummelplatz seinen Namen trägt.

    Gleich nebenan, auf der Plaça de la Sardana, steht ein Denkmal für den katalanischen Nationaltanz: eine Gruppe von Tänzern, die sich an den Händen halten und im Kreis bewegen. Die Sardana wird bis heute auf Plätzen in ganz Katalonien getanzt, und jeder darf sich in den Kreis einreihen, wenn er die Schritte kennt. Und weiter unten, zum Meer hin, wachsen in den Jardins de Mossèn Costa i Llobera Kakteen in allen Größen an einem sonnigen Hang, als läge Mexiko gleich neben dem Hafen.

    Auf dem Montjuïc liegen Leichtigkeit und Ernst oft dichter beieinander, als man denkt. Nur ein paar Minuten weiter oben wartet ein Ort mit einer ganz anderen Geschichte. Folge dem Weg den Hang hinauf, bis zur Festung auf dem Gipfel.

  11. 11. Castell de Montjuïc: Festung, Gefängnis, Ort der Erinnerung

    Carretera de Montjuïc 66, 08038 Barcelona, Spain

    Über eine Brücke, durch ein schweres Tor, und schon stehst du auf den Mauern einer sternförmigen Festung ganz oben auf dem Montjuïc. Unter dir der Hafen mit seinen Kränen und Containerschiffen, dahinter das offene Meer, und auf der anderen Seite die ganze Stadt, ausgebreitet bis zum Tibidabo. Ein wunderschöner Ort. Und einer mit einer schweren Geschichte.

    Die erste Befestigung entstand 1640, während des Aufstands der Schnitter, als sich Katalonien gegen die spanische Krone erhob. Was du heute siehst, stammt größtenteils aus dem 18. Jahrhundert. Die Kanonen hier oben schauten allerdings nicht nur aufs Meer hinaus, sondern auch auf die Stadt selbst. 1842 ließ General Espartero Barcelona von hier aus beschießen, um einen Aufstand niederzuschlagen. Für viele Menschen in der Stadt wurde die Festung so zum Sinnbild der Macht, die über ihnen thronte.

    Im 19. und 20. Jahrhundert diente die Anlage immer wieder als Gefängnis, für Anarchisten, Gewerkschafter und politische Gegner ganz unterschiedlicher Regierungen. Der dunkelste Moment kam nach dem Bürgerkrieg. Lluís Companys, der Präsident der katalanischen Regierung, war 1939 nach Frankreich ins Exil gegangen. Im August 1940 wurde er im besetzten Frankreich von der Gestapo verhaftet und an das Franco-Regime ausgeliefert.

    Nach einem Schnellverfahren vor einem Militärgericht wurde Companys am 15. Oktober 1940 hier im Festungsgraben von Santa Eulàlia erschossen. An der Stelle erinnert heute eine schlichte Gedenkstätte an ihn. Das Stadion, an dem du vorhin vorbeigekommen bist, trägt seit 2001 seinen Namen, und so tragen auf diesem Berg zwei Orte denselben Namen.

    Erst 2007 übergab das Militär die Festung an die Stadt, und seitdem gehört sie den Menschen von Barcelona. Heute picknicken hier Familien, und am Abend schauen Paare auf die Lichter des Hafens. Du hast einen Berg erlebt, auf dem sich Barcelona immer wieder neu erfunden hat: als Weltausstellung, als Olympiastadt, als Garten, als Ort der Erinnerung. Hier oben endet dein Spaziergang... und wenn du magst, nimm die Seilbahn hinunter, mit der ganzen Stadt zu deinen Füßen.