Sevillas verborgene Altstadt: Von der Macarena über die Setas zur Casa de Pilatos
Almohadische Mauern, Klostersüßigkeiten aus dem Torno, der Zitronenbaum von Antonio Machado und römische Ruinen unter einem hölzernen Pilzdach: das Sevilla, das die meisten Besucher nie sehen
Seville · 11 stops · 29 min audio · Generated
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1. Basílica de la Macarena & Arco de la Macarena
Calle Bécquer 1, 41002 Sevilla, Spain
Stell dich vor das gelb gestrichene Stadttor mit dem kleinen Glockengiebel, und du stehst genau auf einer Grenze. Draußen rauscht der Verkehr der Ronda, drinnen beginnt die Macarena, das stolzeste und eigensinnigste Viertel von Sevilla. Und nur ein paar Schritte daneben wohnt die berühmteste Madonna Andalusiens.
Woher der Name Macarena kommt, weiß niemand so genau. Die einen denken an einen römischen Grundbesitzer namens Macarius, andere erzählen von einer maurischen Prinzessin... Belege gibt es für keine der beiden Geschichten. Sicher ist nur: Das Tor gehörte zum Mauerring aus der Zeit der Almohaden, sein heutiges Gesicht bekam es bei einem Umbau im 18. Jahrhundert. Und die Mauer, die rechts davon weiterläuft, ist das längste Stück, das Sevilla von seiner Stadtmauer geblieben ist.
Jetzt geh hinüber zur Basilika. Über dem Hauptaltar steht die Esperanza Macarena, eine Marienfigur aus dem 17. Jahrhundert, deren Bildhauer bis heute unbekannt ist. Auf ihren Wangen glänzen Tränen aus Glas, und doch scheint sie zugleich zu lächeln... genau dieses Schwanken zwischen Schmerz und Hoffnung macht die Sevillaner verrückt nach ihr. In der Nacht auf Karfreitag, der Madrugada, verlässt sie die Kirche und kehrt erst am nächsten Tag zurück, und die Menge ruft ihr zu: Guapa, du Schöne! Der Stierkämpfer Joselito el Gallo schenkte ihr Smaragdbroschen, und als er 1920 in der Arena von Talavera starb, legte man der Madonna Trauer an. Im Viertel heißt es, das sei das einzige Mal gewesen.
Die Basilika selbst ist jünger, als sie aussieht. Bis 1936 stand die Madonna nebenan in der Pfarrkirche San Gil. Im Juli 1936, in den ersten Tagen des Bürgerkriegs, wurde San Gil in Brand gesteckt; die Figur hatten Brüder der Bruderschaft rechtzeitig versteckt. Die neue Kirche entstand in den 1940er Jahren, und sie barg lange ein unbequemes Grab: das von General Queipo de Llano, der Sevilla 1936 für die Putschisten einnahm und für eine blutige Welle der Repression verantwortlich war. Im November 2022 wurden seine sterblichen Überreste nach dem spanischen Gesetz über das demokratische Gedenken aus der Basilika entfernt.
Geh nun an der Mauer entlang nach Osten, die Ronda de Capuchinos hinunter. Zähl die Türme, während du gehst... am Ende der Mauer wartet ein zweites Tor, an das sich eine kleine Kirche schmiegt wie ein Schwalbennest.
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2. Almohadische Stadtmauer & Puerta de Córdoba
Ronda de Capuchinos, 41003 Sevilla, Spain
Du stehst am östlichen Ende der Mauer, vor einem schlichten Torbogen, an den sich eine kleine Kirche lehnt. Hinter dir liegen einige hundert Meter Wehrmauer, ockerfarben und rau, mit wuchtigen viereckigen Türmen und einer niedrigeren Vormauer davor. Das ist die Puerta de Córdoba, das Tor, durch das einst die Straße nach Córdoba die Stadt verließ.
Schau dir die Oberfläche der Mauer genau an. Sie ist nicht aus Steinquadern gebaut, sondern aus Stampflehm, auf Spanisch Tapial: Erde, Kalk und Kies, Schicht für Schicht in Holzschalungen festgestampft. Die Löcher, in denen die Balken der Schalung steckten, siehst du stellenweise noch. Die Almohaden, eine Berberdynastie aus Marokko, machten Sevilla im 12. Jahrhundert zu ihrer Hauptstadt in Al-Andalus und verstärkten den Mauerring, der die ganze Stadt umschloss... rund sieben Kilometer lang, mit vielen Dutzend Türmen.
Die kleine Kirche am Tor ist dem heiligen Hermenegild geweiht. Er war ein westgotischer Prinz, der im 6. Jahrhundert vom arianischen Glauben seines Vaters zum katholischen übertrat und sich gegen ihn erhob. Sein Vater, König Leovigild, belagerte Sevilla und nahm den Sohn gefangen, und im Jahr 585 wurde Hermenegild getötet. Die Sevillaner Überlieferung sagt, er sei genau hier, im Tor, gefangen gehalten und hingerichtet worden. Die alten Chronisten nennen allerdings Tarragona. Sevilla hält trotzdem an seiner Version fest.
Dass du diese Mauer überhaupt noch siehst, ist fast ein Glücksfall. Nach der Revolution von 1868 riss Sevilla den größten Teil seiner Befestigung ab, im Namen von Luft, Licht und Verkehr. Tore, die jahrhundertelang gestanden hatten, verschwanden in wenigen Jahren. Heute leben viele von ihnen nur noch als Namen weiter: Puerta de Jerez, Puerta Osario, Puerta de la Carne... Die Sevillaner verabreden sich an Toren, die es gar nicht mehr gibt. Dieses Stück im Norden blieb, und mit ihm das Gefühl, wie eng und geschlossen die Stadt einmal war.
Geh jetzt durch das Tor in die Stadt hinein und dann nach Südwesten, durch die stillen Gassen bis zur Calle San Luis. Halt Ausschau nach zwei schlanken Türmen und einer Kuppel, die über die Dächer ragt.
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3. San Luis de los Franceses
Calle San Luis 37, 41003 Sevilla, Spain
Bleib auf der Calle San Luis stehen und schau auf die Fassade gegenüber: zwei schlanke Türme, dazwischen eine mächtige Kuppel. Die Straße ist eng und alltäglich, mit Wäsche an den Balkonen und Mopeds vor den Haustüren. Und mittendrin steht eine der kühnsten Barockkirchen Spaniens, an der viele einfach vorbeilaufen.
Gebaut haben sie die Jesuiten, zwischen 1699 und 1731, als Noviziat, also als Ausbildungshaus für junge Ordensmänner. Der Architekt war Leonardo de Figueroa, der den Sevillaner Spätbarock prägte wie kaum ein anderer. Geweiht ist die Kirche Ludwig dem Neunten, dem Kreuzfahrerkönig von Frankreich, der 1297 heiliggesprochen wurde. Daher der Name: San Luis de los Franceses, der heilige Ludwig der Franzosen.
Wenn du hineinkommst, stehst du in einem runden Raum, der dich förmlich nach oben zieht. Die Kuppel ist ganz mit Fresken bemalt, an denen Lucas Valdés arbeitete, der Sohn des Malers Juan de Valdés Leal, und gedrehte Säulen und Gold umrahmen die Altäre. Für Novizen, die Armut gelobt hatten, war das ein erstaunlicher Ort... aber genau so war es gedacht. Hier sollten die jungen Männer den Himmel sehen, bevor man sie in die Welt hinausschickte, oft bis nach Amerika.
Lange konnten die Jesuiten ihr Werk nicht genießen. 1767 wies König Karl der Dritte den Orden aus allen spanischen Ländern aus, und das Gebäude wechselte danach mehrfach Besitzer und Zweck. Über Generationen war die Kirche für die Öffentlichkeit kaum zugänglich, bis die Provinzverwaltung von Sevilla, der das Ensemble gehört, sie aufwendig restaurieren ließ und wieder öffnete. Viele Sevillaner haben sie erst in den letzten Jahren zum ersten Mal betreten. Zum Ensemble gehört auch eine kleine Hauskapelle der Novizen, deren Wände voller Reliquiare sind, und darunter eine Krypta... ein ganzes verborgenes Stockwerk unter einer Straße, auf der die Nachbarn ihre Einkäufe nach Hause tragen.
Ein paar Schritte die Straße hinauf siehst du den Turm von Santa Marina, einer gotisch-mudéjaren Kirche aus dem 14. Jahrhundert, die im Juli 1936 ebenfalls brannte und wieder aufgebaut wurde. Von hier gehst du nach Südosten, durch ruhige Gassen, bis zu einem kleinen Platz mit einem Klosterportal, das funkelt wie ein Schmuckkasten.
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4. Convento de Santa Paula: Keramikportal & Torno
Plaza de Santa Paula 11, 41003 Sevilla, Spain
Auf dem kleinen Platz vor dir öffnet sich ein Portal, das du so schnell nicht vergisst: Backstein, darüber glasierte Keramik in Blau, Grün, Gelb und Weiß, Medaillons mit Figuren und Wappen. Dahinter liegt das Kloster Santa Paula, seit über fünfhundert Jahren bewohnt von Hieronymitinnen, Nonnen, die in strenger Klausur leben. Gegründet wurde es 1475 von einer adligen Witwe.
Die Keramik des Portals stammt aus dem Jahr 1504 und ist ein Werk von Niculoso Pisano, einem Töpfer aus Pisa, der sich in Triana niedergelassen hatte. Er brachte eine kleine Revolution mit. Statt Muster aus farbigen Feldern zusammenzusetzen, die durch Stege getrennt waren, malte er mit dem Pinsel direkt auf die flache Fliese, wie auf eine Leinwand. Ein Italiener, der den Sevillanern beibrachte, auf Kacheln zu malen... und damit die Fliesenkunst der Stadt für Jahrhunderte veränderte.
Und jetzt das kleine Geheimnis des Klosters. Im Inneren gibt es einen Torno, eine hölzerne Drehlade in der Wand. Du klingelst, eine Stimme grüßt dich mit Ave María Purísima, du antwortest sin pecado concebida, und dann legst du dein Geld in die Lade. Sie dreht sich, und zurück kommen Gebäck und Marmeladen aus der Klosterküche. Die Nonne selbst siehst du dabei nie. Der Torno wurde erfunden, damit Frauen in strenger Klausur mit der Welt draußen Dinge austauschen konnten, ohne gesehen zu werden. Es ist ein Gespräch mit einer Wand... und eines der zärtlichsten Rituale von Sevilla.
Santa Paula ist in Sevilla vor allem für seine Marmeladen bekannt, auch aus Bitterorangen, den Früchten, die überall an den Straßenbäumen der Stadt hängen. Roh sind sie fast ungenießbar, so sauer und bitter... und genau deshalb eignen sie sich so gut zum Einkochen. Mit jedem Glas, das durch den Torno kommt, finanzieren die Schwestern ein Leben hinter Mauern, das sich seit dem 15. Jahrhundert erstaunlich wenig verändert hat.
Wenn du dein Glas hast, geh nach Westen, nur ein paar Gassen weiter. Bald erhebt sich vor dir ein Kirchturm, dessen obere Hälfte mit einem Netz aus Backsteinrauten überzogen ist.
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5. San Marcos: Der kleine Bruder der Giralda
Plaza de San Marcos 10, 41003 Sevilla, Spain
Vor dir ragt der Turm von San Marcos auf, und wenn er dir bekannt vorkommt, liegt das an seinem großen Bruder. Im oberen Teil überzieht ihn ein Netz aus Backsteinrauten, ein Muster, das die Spanier Sebka nennen und das du in groß an der Giralda wiederfindest. Darunter öffnet sich ein Portal, in dem gotische Spitzbögen und maurische Ornamente ineinandergreifen.
San Marcos ist ein Musterbeispiel für das, was man in Sevilla Gotik-Mudéjar nennt. Christen bauten im 14. Jahrhundert ihre Kirchen, doch viele Handwerker und ihre Formen kamen aus der islamischen Tradition. Beim Turm geht man sogar noch weiter: Viele vermuten, dass in seinem unteren Teil das Minarett einer Moschee steckt, die vorher an dieser Stelle stand. Bewiesen ist das nicht, aber es würde passen... nach der christlichen Eroberung von 1248 wurden in Sevilla zahlreiche Moscheen zu Kirchen.
Und dann gibt es eine Geschichte, die man hier gern erzählt. Miguel de Cervantes, der viele Jahre in Sevilla lebte, soll gelegentlich auf diesen Turm gestiegen sein. Die einen sagen, er habe von oben nach einer Frau Ausschau gehalten, die ihm gefiel; die anderen, er habe einfach die Aussicht über die Dächer geliebt. Belegen kann es niemand. Aber es ist eine sehr sevillanische Legende: der größte Dichter Spaniens, heimlich auf einem Kirchturm.
Im Juli 1936, in den ersten Tagen des Bürgerkriegs, brannte San Marcos, wie mehrere Kirchen in diesen Arbeitervierteln im Norden der Altstadt. Das Feuer zerstörte Altäre, Bilder und Holzdecken. Bei der Restaurierung entschied man sich, die nackten Bögen und Mauern zu zeigen, und so ist das Innere heute schlichter und vielleicht ehrlicher als in vielen anderen Kirchen der Stadt. Die Narbe gehört zur Geschichte des Viertels. Und das Viertel weiß das: Wer hier wohnt, nennt die Kirche nicht einfach San Marcos, sondern spricht von ihr wie von einer alten Nachbarin, die viel durchgemacht hat und immer noch jeden Morgen ihre Glocken läutet.
Von hier gehst du nach Südwesten, durch ein paar Gassen bis zur Calle Dueñas. Dort wartet ein Tor, durch das du einen langen Gang siehst und, wenn du Glück hast, leuchtend violette Bougainvillea.
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6. Palacio de las Dueñas: Der Hof von Antonio Machado
Calle Dueñas 5, 41003 Sevilla, Spain
Durch das Eingangstor fällt dein Blick in einen langen, schattigen Gang, an dessen Ende Licht, Grün und violette Bougainvillea leuchten. Das ist der Palacio de las Dueñas, seit Jahrhunderten im Besitz der Herzöge von Alba, einer der berühmtesten Adelsfamilien Spaniens.
Der Name kommt nicht vom Palast, sondern von einem Nachbarn, den es nicht mehr gibt: dem Kloster Santa María de las Dueñas, das 1868 abgerissen wurde. Der Palast selbst entstand Ende des 15. Jahrhunderts und mischt alles, was Sevilla damals konnte: gotische Bögen, maurischen Stuck, Säulen der Renaissance, dazu Gärten mit Zitronen- und Orangenbäumen. Drinnen hängen Gemälde, Fotos und Andenken der Familie, von Stierkampfplakaten bis zu Porträts, und die Räume wirken eher bewohnt als museal... als hätte gerade jemand den Raum verlassen.
Im 19. Jahrhundert vermieteten die Albas Wohnungen im Palast, und in einer davon wurde am 26. Juli 1875 ein Junge geboren: Antonio Machado, später einer der größten Dichter Spaniens. Sein berühmtes Selbstporträt beginnt mit der Erinnerung an einen Innenhof in Sevilla und einen hellen Garten, in dem der Zitronenbaum reift. Dieser Hof und dieser Garten sind hier. Wenn du hineingehst, such den Zitronenbaum.
Machados Leben endete bitter. Er stand im Bürgerkrieg auf der Seite der Republik, floh im Januar 1939 mit Hunderttausenden über die Pyrenäen und starb im Februar im französischen Küstenort Collioure. In seiner Manteltasche fand man einen Zettel mit einem letzten Vers über blaue Tage und die Sonne der Kindheit. Sein älterer Bruder Manuel, ebenfalls Dichter und ebenfalls in Sevilla geboren, stand auf der anderen Seite des Krieges. Zwei Brüder aus demselben Hof, getrennt für immer.
In jüngerer Zeit war der Palast das Lieblingshaus von Cayetana, der 18. Herzogin von Alba, einer Frau mit mehr Adelstiteln als fast jeder andere Mensch. Mit 85 Jahren tanzte sie auf ihrer dritten Hochzeit barfuß vor dem Tor. Sie starb hier 2014, und kurz darauf öffnete die Familie den Palast für Besucher. Von hier gehst du nach Westen, bis sich plötzlich ein langer, breiter Platz voller Bäume öffnet.
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7. Alameda de Hércules
Alameda de Hércules, 41002 Sevilla, Spain
Vor dir stehen zwei gewaltige antike Säulen, jede mit einer Statue obendrauf, und dahinter erstreckt sich ein langer Platz mit Bäumen, Bänken und Cafés. Das ist die Alameda de Hércules, das Wohnzimmer des jungen, bunten und ein wenig rebellischen Sevilla.
Hier war einmal Sumpf. Ein alter Arm des Guadalquivir hinterließ eine Senke, in der sich bei jedem Hochwasser das Wasser sammelte. 1574 ließ der Graf von Barajas, der königliche Statthalter der Stadt, das Gelände trockenlegen und Pappeln pflanzen, auf Spanisch álamos. Daher der Name Alameda, Pappelallee. Sie gilt als eine der ältesten öffentlichen Promenaden Europas. Man legte Brunnen an, und an heißen Sommerabenden kamen die Sevillaner hierher, um im Schatten zu flanieren, zu sehen und gesehen zu werden. Aus einem stinkenden Tümpel war ein Salon unter freiem Himmel geworden.
Die beiden Säulen sind echte römische Säulen. Sie stammen von einem antiken Bauwerk in der Calle Mármoles, ein paar Straßen von hier, wo drei weitere Säulen noch heute stehen, einige Meter unter dem heutigen Straßenniveau. Obendrauf stellte man Herkules, den mythischen Gründer der Stadt, und Julius Caesar, der sie der Legende nach mit Mauern umgab. Man erzählt sich, der Bildhauer habe Herkules die Züge Kaiser Karls des Fünften gegeben und Caesar die seines Sohnes Philipp.
Die Alameda hat ein bewegtes Leben hinter sich. Lange war sie ein Ort der Feste und Spaziergänge, im 20. Jahrhundert dann ein Viertel der Flamenco-Lokale und der Bohème, und in den 1980er Jahren ein Ort von Drogen und Prostitution, den viele Sevillaner mieden. Nach einer großen Umgestaltung Ende der 2000er Jahre kamen Familien, Studenten und Bars zurück. Heute ist sie lebendig, ein bisschen rau und sehr sevillanisch.
Am anderen, nördlichen Ende stehen übrigens zwei weitere Säulen aus dem 18. Jahrhundert, mit Löwen obendrauf. Du gehst aber in die Gegenrichtung: nach Süden, Richtung Plaza de la Encarnación. Schau unterwegs in die Seitenstraßen, wo sich Secondhandläden, alte Tabernas und Graffiti mischen... bis über den Dächern riesige hölzerne Pilze auftauchen.
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8. Metropol Parasol (Las Setas) & Antiquarium
Plaza de la Encarnación, 41003 Sevilla, Spain
Stell dich unter das riesige Dach aus Holz, das sich über dir wölbt wie ein Wald aus Pilzen, mit Stämmen, Hüten und Waben, durch die das Licht fällt. Die Sevillaner nennen es schlicht las Setas, die Pilze. Offiziell heißt es Metropol Parasol, und es gilt als eines der größten Holzbauwerke der Welt.
Entworfen hat es ein Berliner, der Architekt Jürgen Mayer H., der den internationalen Wettbewerb gewann. Eröffnet wurde es 2011. Das Dach ist rund 150 Meter lang, 70 Meter breit und bis zu etwa 26 Meter hoch, gebaut aus verleimtem Holz mit einer Schutzschicht aus Kunststoff. Es wurde deutlich teurer und später fertig als geplant, und viele Sevillaner schimpften anfangs darüber. Heute steht es auf den Postkarten neben der Giralda.
Warum dieser Platz so lange leer war, ist eine eigene Geschichte. Hier stand ein Kloster, das während der napoleonischen Besetzung abgerissen wurde. Dann kam eine Markthalle, die in den 1970er Jahren ebenfalls fiel, und danach war die Plaza de la Encarnación lange eine Brache. In den 1990er Jahren sollte hier eine Tiefgarage entstehen. Doch kaum begannen die Bagger zu graben, stießen sie auf die Antike.
Unter deinen Füßen liegt das Antiquarium, ein Museum genau dort, wo die Funde gemacht wurden. Du gehst auf Stegen über die Grundmauern römischer Häuser mit Mosaiken und Wasserbecken und über die Reste von Häusern aus der Zeit der Almohaden. Das ganze Projekt wurde umgeplant, damit diese Ruinen bleiben konnten. Auf Straßenhöhe kehrte auch der Markt der Encarnación zurück, mit Ständen für Fisch, Fleisch und Gemüse, wie früher an diesem Platz. Und ganz oben, auf dem Dach, führt ein geschwungener Weg mit Blick über die ganze Altstadt... Antike unten, Zukunft oben, der Markt dazwischen.
Wenn du genug von Pilzen hast, geh nach Südwesten zur Plaza de la Campana und bieg dort in die schmale, belebte Einkaufsstraße ein, die jeder in Sevilla kennt: die Calle Sierpes.
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9. Calle Sierpes: Schlangen, Prozessionen & Cervantes
Calle Sierpes, 41004 Sevilla, Spain
Du stehst in der Calle Sierpes, einer schmalen Fußgängerstraße, in der sich Fächerläden, Hutgeschäfte und Konditoreien aneinanderreihen. An ihrem nördlichen Ende, an der Plaza de la Campana, verkauft die Confitería La Campana seit 1885 Süßes. Im Sommer spannen die Sevillaner Sonnensegel quer über die Straße, und die Calle Sierpes wird zu einem langen, kühlen Zelt.
Sierpe heißt Schlange, und natürlich gibt es dazu eine Legende. Im 16. Jahrhundert, so erzählt man, verschwanden in der Gegend immer wieder Kinder. Ein Gefangener bot an, das Rätsel zu lösen, wenn man ihm dafür die Freiheit schenke. Er stieg in die Abwasserkanäle hinab und kam mit einer riesigen toten Schlange zurück. Eine nüchternere Erklärung führt den Namen auf ein altes Wirtshausschild zurück. Aber welches Schild könnte mit dieser Geschichte mithalten?
Weiter unten, an der Ecke zur Calle Entrecárceles, stand das Königliche Gefängnis, die Cárcel Real. 1597 saß hier Miguel de Cervantes ein. Er war damals Steuereintreiber im Dienst der Krone, und als ein Bankier, bei dem er Gelder hinterlegt hatte, pleiteging, fehlte in seiner Abrechnung Geld. Im Vorwort zum Don Quijote schreibt Cervantes, das Buch sei in einem Gefängnis gezeugt worden, einem Ort, an dem jede Unbequemlichkeit ihren Sitz und jedes traurige Geräusch seine Wohnung habe. Viele glauben, er meinte genau dieses. Der berühmteste Roman der Welt, empfangen zwischen Schuldnern und Dieben, ein paar Schritte von den heutigen Schaufenstern.
In der Karwoche verwandelt sich die Straße völlig. Die Calle Sierpes gehört zur Carrera Oficial, dem offiziellen Weg, den die Prozessionen zur Kathedrale nehmen. Dann tragen Träger, unsichtbar unter den schweren Schaugerüsten, die Figuren durch diese enge Gasse, Zentimeter um Zentimeter. Die Stühle entlang der Strecke werden als Abonnement vergeben, und manche Familien halten ihre Plätze seit Generationen. Und manchmal singt jemand von einem Balkon eine Saeta, ein plötzliches, schneidendes Klagelied, und die ganze Straße hält den Atem an.
Verlass die Sierpes nach links, durch eine der Seitengassen nach Osten, bis sich ein Platz voller Tische und eine mächtige Barockkirche vor dir öffnen: die Plaza del Salvador.
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10. Iglesia del Salvador: Die Kirche über der ersten Moschee
Plaza del Salvador 3, 41004 Sevilla, Spain
Auf der Plaza del Salvador stehen die Leute mit einem Glas in der Hand vor den Bars, und über ihnen erhebt sich die Fassade der zweitgrößten Kirche der Stadt. Mitten auf dem Platz steht ein Denkmal für Juan Martínez Montañés, den Bildhauer, den die Sevillaner den Gott des Holzes nannten. Am Abend trinkt hier halb Sevilla im Stehen ein Bier, denn Sitzplätze gibt es kaum, und die Kirchenstufen werden zur Tribüne.
Was du nicht siehst, ist das, was hier vorher stand. An dieser Stelle ließ der Richter Ibn Adabbas um das Jahr 830 die erste große Moschee Sevillas errichten. Fast vierhundert Jahre lang war sie das religiöse Herz der Stadt, bis die Almohaden im 12. Jahrhundert eine noch größere bauten, dort, wo heute die Kathedrale steht. Nach der christlichen Eroberung 1248 wurde die alte Moschee zur Kirche des Erlösers, des Salvador.
Und die Christen beteten darin noch über vierhundert Jahre lang, zwischen Säulen und Hufeisenbögen, bis das Gebäude im 17. Jahrhundert so baufällig war, dass es abgerissen wurde. Ganz verschwunden ist die Moschee aber nicht. Im Hof neben der Kirche stehen noch Säulen und Bögen des alten Moscheehofs, und im unteren Teil des Glockenturms steckt das Minarett. Ein Stück des 9. Jahrhunderts, mitten zwischen Tapas-Bars. Bei der großen Restaurierung zu Beginn dieses Jahrhunderts gruben Archäologen unter dem Kirchenboden und fanden Reste der Moschee und darunter noch ältere Schichten der Stadt.
Die neue Kirche, gebaut zwischen 1674 und 1712, ist ein Fest des Barock, mit vergoldeten Altaraufsätzen, die vom Boden bis unter das Gewölbe reichen. In einer Kapelle steht der Jesús de la Pasión, eine Christusfigur aus dem frühen 17. Jahrhundert, die Martínez Montañés zugeschrieben wird und in der Karwoche durch die Stadt getragen wird. Der Mann auf dem Denkmal draußen und sein Werk drinnen schauen sich gewissermaßen durch die Mauer hindurch an.
Jetzt geh nach Osten, über die Plaza de la Alfalfa und dann durch die Calle Águilas, zum letzten und vielleicht schönsten Palast dieses Spaziergangs.
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11. Casa de Pilatos
Plaza de Pilatos 1, 41003 Sevilla, Spain
Tritt durch das Marmorportal in den großen Innenhof, und für einen Moment weißt du nicht mehr, in welchem Land und in welchem Jahrhundert du bist. Stuck wie in einem maurischen Palast, Kacheln in leuchtenden Farben, ein Renaissancebrunnen in der Mitte, und in den Ecken stehen römische Göttinnen aus Marmor.
Der seltsame Name hat eine Erklärung. 1518 brach Fadrique Enríquez de Ribera, der erste Marqués de Tarifa, zu einer Pilgerreise nach Jerusalem auf. Nach seiner Rückkehr legte er 1521 einen Kreuzweg an, der von seinem Haus bis zu einem Kreuz vor der Stadt führte, der Cruz del Campo. Der Überlieferung nach entsprach die Strecke genau dem Weg vom Haus des Pilatus bis nach Golgatha. Und so nannten die Sevillaner das Haus, an dem die Passion begann, einfach das Haus des Pilatus.
Die Wände sind mit Fliesen aus dem 16. Jahrhundert überzogen, eine der größten Sammlungen dieser Art überhaupt. Das Portal, durch das du gekommen bist, wurde 1529 in Genua aus Carrara-Marmor gefertigt und per Schiff nach Sevilla gebracht. Die antiken Statuen holte später ein anderer Familienangehöriger, Per Afán de Ribera, der als Vizekönig von Neapel in Italien Altertümer sammelte.
Hinter dieser Pracht steht auch die andere Seite des Sevillaner Reichtums. Ab 1503 lenkte die Casa de Contratación von Sevilla aus den gesamten Handel mit Amerika, und die Stadt wurde eine der reichsten Europas. Durch den Hafen kamen Silber und Gold, aber auch versklavte Menschen, und im 16. Jahrhundert lebten in Sevilla so viele Versklavte wie in kaum einer anderen Stadt Europas. Von diesem Handel lebte die ganze Stadt, ihr Adel eingeschlossen.
Hier endet dein Spaziergang durch das Sevilla hinter der Giralda: von der Mauer der Almohaden über Klöster, Kirchtürme und den Hof eines Dichters bis zu diesem Palast, der bis heute der Stiftung des Hauses Medinaceli gehört. Nimm dir noch einen Moment im Garten... und dann lass dich treiben. In Sevilla findest du die schönsten Dinge, wenn du dich ein bisschen verläufst.