Wiesn, Bavaria und Westend: Münchens Festwiese und das alte Arbeiterviertel
Von der königlichen Hochzeit 1810 über das Attentat von 1980 und die Bronzeriesin auf der Theresienhöhe bis ins Glasscherbenviertel und zur ältesten Brauerei der Stadt
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1. St. Paul: Der Turm über der Wiesn
St.-Pauls-Platz 11, 80336 München, Germany
Leg den Kopf in den Nacken und folge dem Hauptturm hinauf, bis er sich in eine filigrane Spitze verjüngt, fast hundert Meter über dir. Wenn du schon einmal ein Foto vom Oktoberfest gesehen hast, mit Riesenrad und Zelten und dem Abendhimmel dahinter, dann kennst du diesen Turm... er steht nämlich auf fast jedem.
Die Paulskirche entstand zwischen 1892 und 1906, und ihr Architekt war Georg von Hauberrisser, derselbe Mann, der am Marienplatz das Neue Rathaus gebaut hat. Das merkt man: Auch hier Neugotik, Türmchen, Maßwerk, ein Bau, der aussieht, als wäre er fünfhundert Jahre alt, obwohl er jünger ist als die erste Straßenbahn der Stadt. Von außen wirkt sie fast wie eine Kathedrale, und ihr Hauptturm gehört zu den höchsten Kirchtürmen der Stadt. Die Ludwigsvorstadt wuchs damals rasant, und die vielen neuen Bewohner brauchten eine große Kirche.
Am 17. Dezember 1960 wurde dieser Turm zum Schauplatz einer Katastrophe. Ein amerikanisches Militärflugzeug, kurz zuvor in Riem gestartet, streifte bei schlechter Sicht die Turmspitze und stürzte ein paar Straßen weiter auf eine voll besetzte Straßenbahn. Mehr als fünfzig Menschen starben, die Insassen der Maschine und viele Fahrgäste und Passanten am Boden. Viele ältere Münchner erinnern sich bis heute an diesen Tag, und der reparierte Turm trägt diese Geschichte unsichtbar mit sich.
Und doch ist St. Paul vor allem eine Kirche des Alltags geblieben, mitten in einem Viertel, in dem einmal im Jahr die Welt zu Gast ist. Während der Wiesn liegt der Platz vor dir im Lärm von Fahrgeschäften und Blaskapellen, und drinnen in der Kirche ist es trotzdem erstaunlich still. Wer nach einem langen Abend im Zelt einen Ort zum Durchatmen braucht, findet ihn manchmal genau hier.
Jetzt lassen wir die Kirche hinter uns. Geh über den Platz nach Südwesten zum Bavariaring, hin zum Haupteingang der Theresienwiese. Dort steht ein Mahnmal, an dem man ein paar Minuten innehalten sollte.
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2. Mahnmal für das Oktoberfest-Attentat 1980
Bavariaring, 80336 München, Germany
Bleib hier am Rand des Haupteingangs stehen, wo die Menschen im Herbst in Strömen auf die Wiesn drängen, und schau auf das Mahnmal und die Tafeln daneben. Den Rest des Jahres gehen die meisten einfach daran vorbei. Genau deshalb lohnt es sich, kurz stehen zu bleiben.
Am Abend des 26. September 1980, kurz nach zehn Uhr, explodierte hier in einem Papierkorb eine Bombe. Es war ein Freitag, die Wiesn war voll, Familien waren auf dem Heimweg. Dreizehn Menschen starben, unter ihnen der Attentäter selbst, mehr als zweihundert wurden verletzt, viele von ihnen schwer und für ihr ganzes Leben. Unter den Toten waren Kinder, Jugendliche, Eltern, Besucher aus anderen Städten, Menschen, die einfach einen schönen Abend auf dem Volksfest verbringen wollten. Es ist einer der schwersten Terroranschläge in der Geschichte der Bundesrepublik.
Der Täter war ein junger Mann, der Verbindungen zur rechtsextremen Szene hatte, unter anderem zur damals aktiven Wehrsportgruppe Hoffmann. Trotzdem legten die Ermittler den Fall Anfang der 1980er-Jahre als Tat eines verzweifelten Einzelnen zu den Akten. Wichtige Spuren wurden nie verfolgt, Beweisstücke später sogar vernichtet, und viele Fragen sind bis heute offen. Überlebende, Angehörige, ein beharrlicher Journalist und ihre Anwälte gaben jahrzehntelang nicht auf. 2014 wurden die Ermittlungen wieder aufgenommen, und 2020 kam die Bundesanwaltschaft zu dem Schluss: Es war ein rechtsextremistisch motivierter Anschlag.
Zum vierzigsten Jahrestag wurde das Mahnmal um einen Dokumentationsort erweitert. Dort stehen die Namen der Toten und die Geschichten von Menschen, die überlebt haben und mit den Folgen weiterleben mussten. Nimm dir einen Moment für sie. Diese Stelle erinnert daran, dass Gedenken manchmal auch heißt, unbequeme Wahrheiten erst nach Jahrzehnten aussprechen zu können.
Wenige Schritte weiter beginnt die Festwiese, und es ist ein merkwürdiges Gefühl, vom Ernst dieses Ortes direkt in die Welt der Bierzelte zu treten. Aber genau so ist München: Beides gehört zu dieser Wiese. Geh jetzt durch den Eingang auf die Wirtsbudenstraße, die breite Hauptachse der Wiesn, ein paar Schritte nach Süden.
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3. Wirtsbudenstraße: Eine Stadt, die jedes Jahr neu gebaut wird
Wirtsbudenstraße, 80336 München, Germany
Schau dich um: eine breite, asphaltierte Straße mitten auf einer riesigen, kahlen Fläche, ein paar Laternen, ein paar Hydranten, vielleicht ein Skater oder jemand, der Fahrradfahren übt. Kaum zu glauben, dass hier im Herbst die berühmteste Festmeile der Welt verläuft.
Das ist die Wirtsbudenstraße, das Rückgrat der Wiesn. Links und rechts stehen während des Oktoberfests die großen Festhallen der Münchner Brauereien und Wirte, manche mit Platz für mehrere tausend Gäste. Und das Erstaunliche: Fast nichts davon ist fest gebaut. Schon im Hochsommer rollen die Lastwagen an, und wochenlang wachsen hier Zelte mit Galerien, Küchen und Schänken aus dem Boden, eine ganze Stadt aus Holz, Stahl und Stoff. Nach dem Fest wird alles wieder abgebaut, bis nur dieser Asphalt übrig bleibt.
Eines der ersten Zelte nach dem Haupteingang ist das Schottenhamel, und dort beginnt das Fest. Punkt zwölf Uhr am ersten Wiesnsamstag schlägt der Oberbürgermeister mit einem Holzschlegel einen Zapfhahn in ein Fass und ruft: O'zapft is! Die Tradition ist jünger, als viele denken. Erst 1950 führte Oberbürgermeister Thomas Wimmer sie ein, und er brauchte, so wird erzählt, ganze neunzehn Schläge, bis das Bier floss. Heute zählt halb München mit, und manchem Oberbürgermeister reichen zwei.
Schon am Vormittag ziehen die Wiesnwirte mit geschmückten Brauereigespannen und Kutschen durch die Stadt auf die Wiese, Pferde mit Blumen im Geschirr, Bedienungen winkend auf den Wagen. Nach dem Anstich donnern Böllerschüsse über die Wiese, das Zeichen für alle anderen Zelte, dass auch sie ausschenken dürfen. Vorher darf nirgends ein Tropfen Wiesnbier über den Tresen gehen... eine der wenigen Regeln, an die sich hier wirklich jeder hält.
Wenn du im Herbst wiederkommst, stell dich an diese Stelle und vergleich das Bild mit dem, was du jetzt siehst. Dazwischen liegen ein paar Wochen Arbeit und ein paar Millionen Besucher. Geh jetzt die Wirtsbudenstraße weiter nach Süden, in die Mitte der großen Wiese, dorthin, wo die Bronzefigur auf der Anhöhe dich schon im Blick hat.
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4. Theresienwiese: Eine Hochzeit, die nie aufgehört hat
Theresienwiese, 80336 München, Germany
Stell dich mitten auf die Wiese und dreh dich einmal im Kreis: Rundherum Häuserfronten, Bäume, Kirchtürme, im Westen die Anhöhe mit der Bronzefigur, und dazwischen eine Fläche, so groß wie Dutzende Fußballfelder. Über vierzig Hektar misst sie, und im Winter verirren sich hier manchmal nur ein paar Spaziergänger. Die Münchner nennen sie einfach die Wiesn. Den Namen verdankt sie einer jungen Frau.
Im Oktober 1810 heiratete Kronprinz Ludwig, der spätere König Ludwig I., die Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen. Die Hochzeit war am 12. Oktober, und München feierte tagelang. Krönender Abschluss war ein Pferderennen auf einer Wiese vor den Toren der Stadt, und zu Ehren der Braut taufte man die Wiese Theresens-Wiese. Aus Theresens-Wiese wurde Theresienwiese, und aus Theresienwiese die Wiesn.
Das Fest gefiel so gut, dass man es im nächsten Jahr wiederholte, und im Jahr danach, und immer weiter. Zuerst gab es Rennen, Schießen, Musik, ein paar Buden mit Bier. Später kamen Karussells, Schaubuden und am Ende des 19. Jahrhunderts die großen Bierhallen der Brauereien. Und weil die Abende Ende Oktober oft schon bitterkalt waren, rückte man den Beginn allmählich in den September vor. Deshalb feiert München sein Oktoberfest heute größtenteils im September, ein Paradox, das jeder Münchner erklären kann und kaum ein Gast versteht.
Ganz ungebrochen war die Geschichte allerdings nicht. Wegen Cholera, Kriegen und Inflation fiel die Wiesn im Lauf der Zeit mehr als zwanzig Mal aus, zuletzt 2020 und 2021 wegen der Corona-Pandemie. Und zwischen 1933 und 1945 machten auch die Nationalsozialisten das Fest zur Bühne ihrer Propaganda.
Und Therese? Sie wurde Königin, bekam viele Kinder und war beim Volk beliebt, auch wenn ihr Mann alles andere als treu war. Ihr Name aber ist heute bekannter als der fast jeder anderen Königin, weil Millionen Menschen jedes Jahr auf ihrer Wiese anstoßen. Geh jetzt weiter nach Süden in den hinteren Teil der Wiese, wo es auf dem Fest etwas gemütlicher und altmodischer zugeht.
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5. Südteil der Wiesn: Pferderennen, Landwirtschaftsfest und Oide Wiesn
Theresienwiese Südteil, 80339 München, Germany
Hier im Süden wird die Wiese ruhiger, offener, fast ländlich, und an manchen Tagen siehst du nur ein paar Hunde, die über das leere Gelände toben. Genau hier fühlt man noch am ehesten, was die Theresienwiese ursprünglich war: eine Weide vor der Stadt, auf der Pferde laufen konnten.
Denn das allererste Oktoberfest war vor allem ein Pferderennen. Im Oktober 1810 donnerten hier die Pferde über eine lange Rennbahn, und Zehntausende Zuschauer standen auf dem Hang, der heute die Theresienhöhe ist, wie auf einer natürlichen Tribüne. Wem die Idee zu dem Rennen kam, darüber gibt es verschiedene Geschichten, und jede Erzählung hat ihren eigenen Helden. Die Rennen blieben über viele Jahrzehnte ein fester Teil des Fests, bevor sie im 20. Jahrhundert verschwanden.
Schon 1811, im zweiten Jahr, kam etwas dazu, das bis heute existiert: ein Landwirtschaftsfest. Bauern zeigten ihre besten Rinder und Pferde, es gab Preise für Zucht und Ernte, und man wollte damit die Landwirtschaft im jungen Königreich fördern. Daraus wurde ein Fest für ganz Bayern, auf dem bis heute Landwirte, Maschinenbauer und Stadtkinder zusammenkommen, die zum ersten Mal einer Kuh in die Augen schauen. In manchen Jahren findet das Zentral-Landwirtschaftsfest noch heute parallel zur Wiesn auf diesem Südteil statt, mit Traktoren statt Fahrgeschäften und Kühen statt Achterbahnen.
In den anderen Jahren steht hier meistens die Oide Wiesn. Sie entstand 2010 zum zweihundertsten Geburtstag des Oktoberfests und kam so gut an, dass sie geblieben ist. Historische Karussells, alte Schaustellerbuden, Blasmusik zum Mitsingen und Tanzböden, auf denen Menschen in Tracht Walzer tanzen... Viele Münchner flüchten genau hierher, wenn ihnen das Gedränge in den großen Zelten zu viel wird.
Außerhalb der Festzeit gehört dieser Teil Spaziergängern, Drachenfliegern und Hunden, fast wie vor zweihundert Jahren, als hier noch eine Weide vor der Stadt lag. So hat die Wiese zwei Gesichter: vorne das laute Weltereignis, hinten die Erinnerung daran, wie alles begann. Und über beiden wacht seit 1850 eine Frau aus Bronze. Geh jetzt nach Westen auf die Treppen der Theresienhöhe zu, hinauf zur Bavaria.
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6. Bavaria & Ruhmeshalle: Eine Riesin, in deren Kopf man steigen kann
Theresienhöhe 16, 80339 München, Germany
Steig die breite Treppe hinauf und bleib vor ihr stehen: eine Frau aus dunkler Bronze, gut achtzehn Meter hoch, ein Bärenfell über der Schulter, einen Löwen an ihrer Seite, und in der erhobenen Hand einen Kranz aus Eichenlaub. Das ist die Bavaria, die Schutzfigur Bayerns, und sie schaut seit mehr als 170 Jahren auf die Wiesn hinunter.
Ihr Auftraggeber war Ludwig I., derselbe Ludwig, dessen Hochzeit das Oktoberfest ausgelöst hatte. Entworfen hat sie der Bildhauer Ludwig Schwanthaler, gegossen wurde sie in der Königlichen Erzgießerei in München, Stück für Stück, über mehrere Jahre. Schwanthaler starb 1848 und hat die fertige Figur nie gesehen. 1850 wurde sie enthüllt, und sie gilt als eine der ersten Kolossalstatuen seit der Antike, die vollständig in Bronze gegossen wurde. Angeblich stammt ein Teil des Metalls von erbeuteten Kanonen, aber diese Geschichte ist schwer zu prüfen.
Und jetzt das Beste: Die Bavaria ist innen hohl. Durch den Sockel führt eine enge Wendeltreppe durch ihren Körper hinauf bis in den Kopf. Oben sitzt man auf einer kleinen Bank und schaut durch Öffnungen hinaus über die Theresienwiese bis zu den Türmen der Altstadt. Im Sommer wird es da drin heiß wie in einer Sauna, denn die Sonne heizt die Bronze kräftig auf.
Hinter ihr steht die Ruhmeshalle, eine lange Säulenhalle im dorischen Stil, gebaut von Leo von Klenze und um die Mitte des 19. Jahrhunderts fertiggestellt. In ihr reihen sich Büsten berühmter Bayern, Gelehrte, Künstler, Erfinder, Feldherren, und lange waren es fast ausschließlich Männer. Ludwig I. wollte damit zeigen, dass Bayern eine Kulturnation ist, und die Bavaria sollte diese Ahnengalerie bewachen.
Bemerkenswert: Die Statue blickt genau über die Festwiese hinweg. Vielleicht ist sie deshalb die einzige Dame Bayerns, die bei jedem Oktoberfest in der ersten Reihe sitzt. Geh jetzt hinter der Ruhmeshalle in den Bavariapark und quer hindurch nach Norden, zu den alten Messehallen.
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7. Bavariapark & Alte Messe: Vom Ausstellungsgelände zum Verkehrszentrum
Am Bavariapark 5, 80339 München, Germany
Komm aus dem Schatten der alten Bäume des Bavariaparks heraus und schau auf die langen Hallen vor dir: hohe Fenster, eiserne Dachkonstruktionen, Fassaden, die nach Aufbruch und Industriezeitalter aussehen. Wenn du durch die Glasflächen spähst, siehst du vielleicht Lokomotiven, Oldtimer und Fahrräder.
Diese Hallen wurden für ein großes Ereignis gebaut: die Ausstellung München 1908. Die Stadt wollte damals zeigen, dass sie nicht nur Bier und Barock kann, sondern auch modernes Kunsthandwerk, Design und Technik. Der Bavariapark direkt daneben wurde dafür zur Kulisse, mit Pavillons, Gaststätten und Promenaden. Die Ausstellung war ein Erfolg, und aus dem Gelände auf der Theresienhöhe wurde für fast das ganze 20. Jahrhundert Münchens Messe.
Neun Jahrzehnte lang kamen hierher Aussteller aus aller Welt, mit Baumaschinen, Sportartikeln, Möbeln, Mode. Doch die Stadt wuchs um das Gelände herum, die Hallen wurden zu klein, der Verkehr zu dicht. 1998 zog die Messe hinaus nach Riem, auf das Gelände des alten Flughafens. Und plötzlich lag mitten in der Stadt eine riesige Fläche frei, um die Planer, Investoren und Nachbarn lange gerungen haben.
Die meisten Hallen wurden abgerissen, und auf der Theresienhöhe entstand ein neues Wohnviertel. Drei der historischen Hallen aber blieben stehen, weil sie unter Denkmalschutz standen, und das Deutsche Museum zog ein. Seit 2003 zeigt es hier sein Verkehrszentrum: Eisenbahnen, Autos, Fahrräder, Straßenbahnen, die ganze Geschichte der Mobilität, in genau den Hallen, in denen einst die Zukunft ausgestellt wurde. Ein schöner Zufall: Die Halle, die 1908 die Moderne zeigen sollte, zeigt heute, wie diese Moderne sich bewegt hat.
Wenn du im Sommer zurückkommst, lohnt sich ein Abstecher in den Bavariapark selbst, mit seinen alten Bäumen, Skulpturen und Wiesen, wo kaum ein Tourist hinfindet, obwohl die Wiesn gleich nebenan liegt. Jetzt aber geht es ins Westend. Folge der Straße nach Nordwesten, hinein in das alte Arbeiterviertel bis zum Gollierplatz mit seiner Kirche.
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8. Gollierplatz & St. Rupert: Das Herz des Westends
Gollierplatz, 80339 München, Germany
Setz dich einen Moment auf eine der Bänke unter den Bäumen und lass den Platz auf dich wirken: Kinder auf dem Spielplatz, alte Männer beim Ratschen, Mietshäuser mit Erkern ringsherum und mittendrin eine stattliche Kirche, die den ganzen Platz beherrscht.
Das ist St. Rupert, kurz nach 1900 nach Plänen von Gabriel von Seidl gebaut, einem der gefragtesten Münchner Architekten jener Zeit. Und der Name ist kein Zufall. Der heilige Rupert ist der Schutzpatron von Salzburg und wird oft mit einem Salzfass dargestellt. Salz, das war das Gold, auf dem München einst gegründet wurde, und ein großer Teil davon kam über die alten Handelswege aus dem Salzburger Land. So erinnert ausgerechnet die Kirche des Arbeiterviertels an den Reichtum der alten Stadt.
Reich war hier nämlich niemand. Als die Eisenbahn im 19. Jahrhundert ihre Gleise und Werkstätten nördlich von hier anlegte und Brauereien und Fabriken entstanden, wuchs auf der Anhöhe ein Viertel für die Arbeiter. Die Häuser wurden schnell und dicht gebaut, viele Familien teilten sich kleine Wohnungen, die Toiletten lagen auf dem Gang. Offiziell heißt der Stadtbezirk Schwanthalerhöhe, nach dem Bildhauer der Bavaria, aber für die Münchner war und ist das hier das Westend.
Der Volksmund gab ihm noch einen anderen Namen: Glasscherbenviertel. Warum genau, darüber gehen die Erklärungen auseinander, die einen denken an zerbrochene Fenster und Wirtshausraufereien, die anderen einfach an Armut. Später, ab den 1960er-Jahren, zogen viele Familien aus Griechenland, der Türkei, Jugoslawien und Italien hierher, die als sogenannte Gastarbeiter gekommen waren. Zeitweise hatte das Westend einen der höchsten Anteile ausländischer Bewohner in ganz München.
Heute ist das Viertel begehrt, die Mieten sind gestiegen, und in alten Werkstätten sitzen Cafés und Ateliers. Aber auf diesem Platz spürst du noch das alte Westend: Nachbarschaft, Kinderlärm, viele Sprachen. Geh jetzt nach Osten in die Ligsalzstraße, mitten hinein in die Straßen mit ihren Hinterhöfen.
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9. Ligsalzstraße: Hinterhöfe des Glasscherbenviertels
Ligsalzstraße, 80339 München, Germany
Lauf langsam und schau in die Toreinfahrten: Hinter vielen Fassaden öffnet sich ein zweiter, verborgener Hof, manchmal ein dritter, mit Werkstattgebäuden, Treppenhäusern und Fahrradständern. Die Straße vorne ist nur die Hälfte der Wahrheit. Die andere Hälfte liegt hinten.
Die Ligsalzstraße trägt den Namen einer alten Münchner Patrizierfamilie, der Ligsalz, die im Mittelalter in der Altstadt zu den Reichen gehörte. Eine ironische Wahl für eine Straße, in der um 1900 vor allem Menschen wohnten, die von ihrer Hände Arbeit lebten. Eine Wohnung mit eigenem Bad war die große Ausnahme, gebadet wurde im öffentlichen Bad oder eben gar nicht. Schlosser, Schreiner, Bahnarbeiter, Brauereiknechte, Näherinnen, sie lebten oft dicht gedrängt, mehrere Kinder in einem Zimmer, und manchmal teilte man das Bett mit einem Schlafgänger, der es nur für ein paar Stunden mietete.
In den Hinterhöfen wurde nicht nur gewohnt, sondern gearbeitet. Kleine Betriebe hämmerten, sägten, lackierten, und der Lärm hallte durch die Höfe bis in die Küchen. Für die Stadtplanung des 20. Jahrhunderts war das lange ein Problem, man sprach von Sanierung und dachte dabei an Abriss. Am Ende wurde vieles erneuert statt abgerissen, Höfe wurden begrünt, Werkstätten umgebaut. Heute sind manche dieser Höfe kleine grüne Oasen, die man von der Straße aus nie vermuten würde.
Bitte respektiere dabei, dass hier Menschen wohnen: Schau gern durch ein offenes Tor, aber geh nicht ungefragt hinein. Gerade diese Zurückhaltung gehört zum Westend, das nie ein Ort für Touristen war und sich trotzdem verändert hat. Wo früher Schlafgänger lebten, wohnen heute Familien, die sich die Innenstadt nicht mehr leisten können, neben Studierenden und Kreativen.
Und jetzt riechst du vielleicht schon, wohin es weitergeht. Wenn der Wind richtig steht, weht ein süßlicher Duft von Malz durch die Straßen. Folge ihm nach Norden bis zur Landsberger Straße, wo hinter einer langen Fassade eine der ältesten Brauereien der Stadt arbeitet.
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10. Augustiner-Bräu an der Landsberger Straße
Landsberger Straße 31, 80339 München, Germany
Vor dir zieht sich eine lange Fassade aus Backstein und Putz die Landsberger Straße entlang, mit Toren und langen Fensterreihen. Lastwagen fahren ein und aus, und es riecht, wenn gerade gebraut wird, nach warmem Malz, ein bisschen wie frisches Brot.
Hier braut Augustiner, und das ist in München mehr als eine Biermarke, das ist fast eine Weltanschauung. Die Geschichte beginnt 1328, als Augustinermönche in der Altstadt ein Kloster mit Brauerei betrieben. Damit ist Augustiner die älteste noch bestehende Brauerei der Stadt, und das Stammhaus in der Neuhauser Straße, mitten in der Fußgängerzone, erinnert bis heute an diese Anfänge in der Altstadt. Als das Kloster bei der Säkularisation aufgelöst wurde, ging die Brauerei in weltliche Hände über, und in den 1880er-Jahren zog die Produktion hierher an die Landsberger Straße, wo Platz war und die Eisenbahn gleich nebenan.
Das Besondere an Augustiner ist, was die Brauerei alles nicht tut. Sie macht kaum Werbung, gehört keinem internationalen Konzern und ist doch in ganz München und weit darüber hinaus Kult. Die Mehrheit gehört seit den 1990er-Jahren einer gemeinnützigen Stiftung, die auf das Testament einer Erbin der Brauerfamilie zurückgeht, und die Erträge fließen zu einem guten Teil in soziale und kulturelle Zwecke. Wer in München ein Augustiner öffnet, trinkt also ein bisschen für den guten Zweck.
Und auf der Wiesn halten die Augustiner an einer alten Tradition fest: In ihrem Festzelt wird das Bier aus Holzfässern ausgeschenkt, den sogenannten Hirschen, die man im Zelt aufbaut. Viele Münchner schwören, dass es genau deshalb besser schmeckt, und das Zelt gilt als eines der Lieblingszelte der Einheimischen. Ob das stimmt, lässt sich wissenschaftlich schwer beweisen... aber versuchen kann man es ja.
Diese Fassade ist also nicht nur ein Industriebau, sondern ein Stück lebendiger Stadtgeschichte, vom Klosterkeller bis ins Westend. Für den letzten Blick des Spaziergangs geh die Landsberger Straße nach Osten bis zur großen stählernen Brücke über die Gleise, der Hackerbrücke.
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11. Hackerbrücke: Stahlbögen über den Gleisen
Hackerbrücke, 80335 München, Germany
Stell dich ans Geländer in der Mitte der Brücke und schau nach Osten: Unter dir fächern sich Dutzende Gleise auf, Züge gleiten heran und verschwinden in der großen Halle des Hauptbahnhofs, und dahinter stehen die Türme der Frauenkirche am Horizont. Um dich herum spannen sich genietete Stahlbögen, flach und elegant, wie die Rippen eines riesigen Tieres.
Die Hackerbrücke wurde in den 1890er-Jahren gebaut, als die Eisenbahn das Westend und die Innenstadt wie eine eiserne Mauer trennte. Ihren Namen hat sie vom Hackerbräu, einer der alten Münchner Brauereien, die heute im Namen Hacker-Pschorr weiterlebt. Vorher mussten Fuhrwerke und Fußgänger große Umwege um das wachsende Gleisfeld machen. Ihre Konstruktion aus genietetem Stahl war damals hochmodern, und heute steht sie unter Denkmalschutz, einer der schönsten Ingenieurbauten der Stadt.
Während des Oktoberfests verwandelt sich die Gegend in ein Nadelöhr. Der S-Bahnhof Hackerbrücke liegt nur wenige Minuten von der Theresienwiese entfernt, und Hunderttausende steigen hier in den Wiesnwochen aus und ein, in Dirndl und Lederhosen, auf dem Hinweg fröhlich, auf dem Rückweg... sagen wir, fröhlicher. Daneben liegt seit 2009 der Zentrale Omnibusbahnhof, von dem Fernbusse in halb Europa starten.
An Sommerabenden passiert hier etwas, das in keinem Reiseführer steht: Junge Leute setzen sich auf die flachen Bögen, mit einer Flasche Bier, und schauen zu, wie die Sonne hinter den Gleisen untergeht und die Türme der Altstadt rot färbt. Ganz ungefährlich ist das nicht, aber die Münchner lieben diesen Ort trotzdem.
Und damit endet unser Spaziergang: Du hast eine Hochzeitswiese gesehen, die zum größten Volksfest der Welt wurde, einen Ort des Terrors und des späten Erinnerns, eine Riesin aus Bronze, alte Messehallen, ein Arbeiterviertel und die älteste Brauerei der Stadt. All das liegt nur einen Steinwurf vom Hauptbahnhof entfernt, und doch kennen es viele Besucher nur für zwei Wochen im Jahr. Jetzt kennst du es besser. Servus... und pfiat di.