Albertopolis: Prinz Alberts Traum von Wissenschaft und Kunst in London
Von Kensington Palace über das Albert Memorial und die Royal Albert Hall bis zu Science Museum, Natural History Museum und V&A: wie ein Coburger mit dem Gewinn der Weltausstellung von 1851 Londons Museumsviertel South Kensington erfand
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1. Kensington Palace: Wo Victoria geboren wurde
Kensington Palace, Kensington Gardens, London W8 4PX, United Kingdom
Vor dir steht ein überraschend bescheidener Palast aus rotem Backstein, eher ein vornehmes Landhaus als ein Königsschloss. Davor sitzt auf einem Sockel eine junge Frau aus weißem Marmor, mit Krone und Zepter: Königin Victoria im Krönungsornat, mit gerade einmal achtzehn Jahren. Gemeißelt hat sie ihre eigene Tochter, Prinzessin Louise, eine ausgebildete Bildhauerin, und das allein ist schon eine kleine Sensation.
In diesem Palast kam Victoria am 24. Mai 1819 zur Welt. Ihre Mutter war eine Deutsche, Victoria von Sachsen-Coburg-Saalfeld, ihr Vater der Herzog von Kent, ein Sohn Georgs III. Der Vater starb, als sie acht Monate alt war, und die kleine Victoria wuchs hier unter einem strengen Regime auf. Sie schlief im Zimmer ihrer Mutter und durfte keine Treppe hinuntergehen, ohne dass ein Erwachsener ihre Hand hielt... ihre Mutter und deren Berater John Conroy wollten sie ganz unter Kontrolle halten.
Im Mai 1836 bekam die Siebzehnjährige Besuch aus Coburg: zwei Cousins, Ernst und Albert, die Söhne des Bruders ihrer Mutter. In ihr Tagebuch schrieb sie, Albert sei außerordentlich gut aussehend, und lobte seine schöne Nase. Hinter dem Treffen steckte ein Heiratsplaner mit langem Atem, ihr Onkel Leopold, inzwischen König der Belgier.
Ein Detail, das wie erfunden klingt: Dieselbe deutsche Geburtshelferin, Charlotte von Siebold, half beiden auf die Welt, im Mai 1819 Victoria hier in London und drei Monate später Albert bei Coburg. Und am frühen Morgen des 20. Juni 1837 weckte man Victoria in diesem Palast: Ihr Onkel Wilhelm IV. war gestorben. Im Morgenmantel empfing sie den Erzbischof von Canterbury und erfuhr, dass sie Königin war. Mit achtzehn.
Das Königreich Hannover bekam sie übrigens nicht: Dort durften nur Männer erben, und so trennten sich 1837 nach 123 Jahren die Kronen von London und Hannover. Doch ihre deutsche Welt kehrte drei Jahre später zurück, als sie Albert heiratete. Und mit ihm ein Traum, den du auf diesem Spaziergang Stück für Stück sehen wirst. Geh jetzt über die breite Allee vor dem Palast nach Osten in die Kensington Gardens hinein, bis zu dem großen runden Teich.
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2. Round Pond: Königin Caroline und der Streit um den Raum
Round Pond, Kensington Gardens, London W2 2UH, United Kingdom
Vor dir liegt ein großer, flacher Teich, um den Schwäne, Gänse und Möwen ihre Runden ziehen, und wenn der Wind passt, lassen Kinder und ältere Herren hier ihre Modellboote segeln. Dreh dich um: Von hier aus siehst du den Palast genau in der Achse. Diese Ordnung hat sich eine Deutsche ausgedacht, und sie war einer der klügsten Köpfe an einem europäischen Hof.
Caroline von Brandenburg-Ansbach, die Frau Georgs II., ließ diese Gärten in den 1720er und 1730er Jahren gründlich umgestalten. Der runde Teich wurde 1730 angelegt, und auf ihre Anweisung staute man den kleinen Fluss Westbourne zu jenem langen, gebogenen See, der nur wenige hundert Meter von hier liegt, dem Serpentine. Die Arbeiten waren teuer, und es heißt, ein Teil des Geldes sei diskret aus der Staatskasse geflossen, ohne dass der König genau wusste, wie viel.
Aber Caroline war mehr als eine Gartenfreundin. Als junges Mädchen war sie am Hof in Berlin aufgewachsen und hatte dort Gottfried Wilhelm Leibniz kennengelernt, den großen Philosophen und Mathematiker. In London wurde sie dann zur Vermittlerin in einem der berühmtesten Gelehrtenstreite überhaupt: 1715 und 1716 wechselten Leibniz und Samuel Clarke, ein Vertrauter Isaac Newtons, Briefe über die Natur von Raum, Zeit und Gott... und die Briefe liefen über ihren Schreibtisch.
Ist der Raum ein absoluter Behälter, in dem die Dinge schwimmen, wie Newton meinte? Oder nur eine Ordnung zwischen den Dingen, wie Leibniz sagte? Der Briefwechsel endete erst mit Leibniz' Tod 1716, doch die Frage beschäftigte Physiker noch bis zu Einstein. Eine Prinzessin aus Ansbach, die zwischen den Lagern zweier Genies Briefe weiterreicht... das ist der erste Wissenschaftsmoment unseres Spaziergangs.
Mehr als hundert Jahre später kam ein anderer Deutscher an diesen Hof, der von Wissenschaft für alle träumte: Prinz Albert. Sein Denkmal kannst du schon erkennen, ein goldener Funke zwischen den Bäumen im Südosten. Geh jetzt schräg durch den Park darauf zu, über die Wiesen, bis du vor dem vergoldeten Prinzen unter seinem gotischen Baldachin stehst.
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3. Albert Memorial: Der Prinz mit dem Katalog
Albert Memorial, Kensington Gardens, London SW7 2AP, United Kingdom
Da sitzt er, ganz in Gold, unter einem gotischen Baldachin, der über fünfzig Meter in den Himmel ragt: Prinz Albert, sitzend und trotzdem über vier Meter hoch, den Blick nach Süden gerichtet. Auf seinem Knie liegt ein Buch. Es ist kein Gebetbuch, sondern der Katalog der Weltausstellung von 1851... Victoria wollte ihn so zeigen: als den Mann, der die Welt nach London geholt hatte.
Albert starb am 14. Dezember 1861 auf Schloss Windsor, mit nur 42 Jahren, offiziell an Typhus. Victoria trug von da an bis zu ihrem eigenen Tod 1901 Schwarz, fast vierzig Jahre lang. Dieses Denkmal entwarf George Gilbert Scott, 1872 wurde es eröffnet, die vergoldete Statue kam erst einige Jahre später dazu. Rundherum sind 169 Künstler, Dichter, Architekten und Komponisten in Marmor gemeißelt, der sogenannte Fries des Parnass.
Such auf dem Fries die Musiker: Bach, Händel, Mozart, Beethoven... die Deutschen sind auffällig stark vertreten. An den äußeren Ecken stehen Figurengruppen für die vier Erdteile, weiter innen für Landwirtschaft, Handel, Industrie und Ingenieurskunst. Das ist Alberts Weltbild in Stein: Fortschritt durch Wissen, Fleiß und Austausch zwischen den Völkern.
Und jetzt die eigentliche Geschichte. 1851 stand östlich von hier im Hyde Park der Kristallpalast, ein Gebäude aus Eisen und rund dreihunderttausend Glasscheiben, über einen halben Kilometer lang und in wenigen Monaten errichtet. Mehr als sechs Millionen Besuche zählte die Weltausstellung zwischen Mai und Oktober. Aus Essen schickte Alfred Krupp einen Gussstahlblock von rund zwei Tonnen, über den die Ingenieure staunten. Und am Ende blieb ein Gewinn von rund 186.000 Pfund, ein Vermögen.
Albert wusste genau, was man damit macht: Land kaufen, hier im damals noch halb ländlichen South Kensington, und darauf ein ganzes Viertel für Wissenschaft, Kunst und Bildung bauen. Museen, Hochschulen, eine große Halle für Konzerte und Versammlungen. Spötter nannten es Albertopolis, und der Name blieb. Dreh dich um: Die erste Erfüllung dieses Traums siehst du schon, ein riesiges rundes Gebäude auf der anderen Straßenseite.
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4. Royal Albert Hall: Echo, Pilze und Wagner
Royal Albert Hall, Kensington Gore, London SW7 2AP, United Kingdom
Überquere die Straße und stell dich vor dieses gewaltige Oval aus rotem Backstein und Terrakotta, das aussieht wie ein römisches Amphitheater mit gläsernem Deckel. Folge mit den Augen dem Band unter der Kuppel: Ein rund 240 Meter langes Mosaik zeigt den Triumph der Künste und Wissenschaften, und darüber läuft eine Inschrift in riesigen Buchstaben einmal um das ganze Haus.
Eigentlich sollte die Halle ganz nüchtern Central Hall of Arts and Sciences heißen. Doch als Victoria 1867 den Grundstein legte, verkündete sie überraschend einen neuen Namen: Royal Albert Hall. Bei der Eröffnung am 29. März 1871 war sie so bewegt, dass sie kein Wort herausbrachte, und so erklärte ihr Sohn, der Prince of Wales, die Halle für eröffnet.
Und dann kam der Schreck: das Echo. Schon bei der Eröffnung hallten Reden und Töne zurück, und bald machte der Spruch die Runde, die Halle sei der einzige Ort, an dem ein britischer Komponist sicher sein könne, sein Werk zweimal zu hören. Fast hundert Jahre lang kämpfte man dagegen an, bis man 1969 jene großen runden Schallschirme unter die Kuppel hängte, die alle nur die Pilze nennen.
Im Mai 1877 stand hier ein Deutscher am Pult, der dringend Geld brauchte: Richard Wagner. Die ersten Festspiele in Bayreuth hatten ein riesiges Defizit hinterlassen, also kam er nach London und dirigierte eine Reihe von Konzerten mit seiner Musik. Künstlerisch wurde es ein Ereignis, finanziell eher eine Enttäuschung. Heute ist die Halle die Heimat der Proms, eines der größten Festivals für klassische Musik der Welt, jeden Sommer seit 1941 hier.
Geh jetzt um die Halle herum auf ihre Rückseite. Auf einer breiten Treppe steht dort ein weiteres Denkmal für die Weltausstellung, und ganz oben, natürlich, noch einmal Albert. Diesmal stehend, aus dunkler Bronze, hoch über dem Viertel, das er erträumt hat. Steig die Stufen hinunter, bis du an der Prince Consort Road vor einem Backsteinschloss mit spitzen Türmchen stehst.
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5. Royal College of Music: Albert, Mendelssohn und Fanny
Royal College of Music, Prince Consort Road, London SW7 2BS, United Kingdom
Vor dir steht das Royal College of Music, ein verspielter Bau aus rotem Backstein mit Türmchen und Giebeln, der eher nach flämischem Rathaus als nach Hochschule aussieht. Wenn ein Fenster offen steht, hörst du vielleicht jemanden üben: eine Geige, eine Tonleiter, immer wieder dieselbe schwierige Stelle. Die Straße, an der du stehst, heißt übrigens Prince Consort Road, nach Alberts Titel als Prinzgemahl.
Musik war Alberts große Leidenschaft. Er spielte Orgel und Klavier, er komponierte selbst Lieder, und am Hof brachte er Werke zur Aufführung, die in England noch kaum jemand kannte. 1842 empfing das junge Paar Felix Mendelssohn Bartholdy im Buckingham Palace, den gefeiertsten deutschen Komponisten seiner Zeit.
Was dann geschah, beschrieb Mendelssohn selbst in einem Brief an seine Mutter. Albert spielte ihm auf der Orgel vor, und Victoria sang eines seiner Lieder, und zwar sehr schön. Nur hatte nicht Felix dieses Lied geschrieben, sondern seine Schwester Fanny Hensel. Es war unter seinem Namen erschienen, weil eine Frau aus gutem Hause damals nicht als Komponistin auftreten sollte. Mendelssohn gestand es der Königin. Heute wird Fanny als eine der großen Komponistinnen ihres Jahrhunderts wiederentdeckt.
Die Hochschule vor dir wurde 1882 gegründet, zwanzig Jahre nach Alberts Tod, aber ganz in seinem Sinn: Begabte junge Leute sollten hier ausgebildet werden, auch wenn ihre Eltern kein Geld hatten, dafür gab es Stipendien. Eröffnet hat sie 1883 der Prince of Wales, Alberts ältester Sohn, und der Backsteinbau vor dir kam 1894 dazu. Erster Direktor war George Grove, der Mann hinter dem berühmten Musiklexikon. Gustav Holst und Ralph Vaughan Williams studierten hier, später auch Benjamin Britten.
Das Museum im Haus hütet einen besonderen Schatz: eines der ältesten erhaltenen Tasteninstrumente mit Saiten überhaupt, ein aufrecht stehendes Clavicytherium aus der Zeit um 1480, vermutlich aus Süddeutschland. Hinter der Hochschule ragt schon ein weißer Turm mit grünen Kupferkuppeln in die Höhe. Geh die Prince Consort Road ein Stück nach Osten und dann rechts hinein auf den Campus des Imperial College, bis du am Fuß dieses Turms stehst.
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6. Queen's Tower & Imperial College: Hofmann und die Farbe Mauve
Imperial College London, Exhibition Road, London SW7 2AZ, United Kingdom
Leg den Kopf zurück: Vor dir steigt ein schlanker weißer Turm fast neunzig Meter in die Höhe, gekrönt von Kupferkuppeln, die längst grün geworden sind. Ringsum stehen nüchterne Hochschulbauten aus Glas und Beton, und der Turm wirkt zwischen ihnen wie ein Gast aus einem anderen Jahrhundert. Genau das ist er auch.
Der Queen's Tower ist der letzte Rest des Imperial Institute, eines prächtigen Baus, der zum goldenen Thronjubiläum Victorias 1887 begonnen wurde. In den 1950er und 1960er Jahren riss man das Institut ab, um Platz für das wachsende Imperial College zu schaffen. Nur der Turm blieb, nach Protesten, an denen sich auch der Dichter John Betjeman beteiligte. In ihm hängen zehn Glocken, die bis heute an königlichen Jahrestagen läuten.
Nun zur Wissenschaft, und zu einem Deutschen, den Albert nach London holte. 1845 wurde das Royal College of Chemistry gegründet, eine der Wurzeln des heutigen Imperial College. Mit Alberts Unterstützung wurde ein junger Chemiker ihr Direktor, August Wilhelm Hofmann, ausgebildet in Gießen beim großen Justus von Liebig. Rund zwanzig Jahre lehrte er in London und machte die Chemie hier zu einer Wissenschaft des Experiments.
Einer seiner Studenten war ein Londoner Junge namens William Perkin. In den Osterferien 1856, mit achtzehn Jahren, versuchte er in einem behelfsmäßigen Labor zu Hause, aus Bestandteilen des Steinkohlenteers das Malariamittel Chinin herzustellen. Es misslang gründlich. Übrig blieb ein schwarzer Schmier... und darin eine leuchtend violette Farbe. Perkin hatte den ersten synthetischen Farbstoff entdeckt, das Mauvein, und plötzlich trugen die Damen von London und Paris Kleider in Mauve.
Die Ironie der Geschichte: Die Teerfarbenindustrie, die hier in London begann, wurde schon bald in Deutschland groß, bei Firmen wie BASF, Bayer und Hoechst, und Hofmann selbst kehrte 1865 nach Berlin zurück. Wissen wandert, damals wie heute. Imperial College zählt inzwischen zu den besten Hochschulen der Welt. Geh jetzt hinüber zur Exhibition Road, der Straße, die nach der Weltausstellung benannt ist, und dort nach rechts zum Eingang des Science Museum.
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7. Science Museum: Lokomotiven, Apollo und Babbage
Science Museum, Exhibition Road, London SW7 2DD, United Kingdom
Du stehst an der Exhibition Road, einer Straße, die eigentlich ein Programm ist: Links und rechts reihen sich Museen und Institute, und Gehweg und Fahrbahn gehen fast nahtlos ineinander über, damit Fußgänger hier Vorrang haben. Vor dir liegt der Eingang des Science Museum, eines der bedeutendsten Technikmuseen der Welt.
Seine Wurzeln reichen direkt zur Weltausstellung zurück. Mit dem Gewinn von 1851 entstand 1857 das South Kensington Museum, und viele seiner frühen Stücke waren Maschinen und Erfindungen, die die Welt im Kristallpalast bestaunt hatte. Erst 1909 trennten sich Kunst und Technik: Die Kunst blieb im heutigen Victoria and Albert Museum, die Wissenschaft bekam ihr eigenes Haus, das Science Museum.
Drinnen stehen Dinge, bei denen selbst Ingenieure ehrfürchtig werden. Puffing Billy, die älteste erhaltene Dampflokomotive der Welt, gebaut um 1814. Die komplette Werkstatt von James Watt, genau so, wie man sie nach seinem Tod 1819 auf seinem Dachboden fand, mit Werkzeugen und halbfertigen Modellen. Eine ganze Galerie erzählt, wie die Welt modern wurde, von der Dampfmaschine bis zum Mikrochip. Und mittendrin steht die Kommandokapsel von Apollo 10, die im Mai 1969 den Mond umkreiste, als Generalprobe für die erste Landung, mit den Brandspuren vom Wiedereintritt in die Atmosphäre.
Mein Lieblingsstück aber ist eine Maschine, die erst fast anderthalb Jahrhunderte nach ihrem Entwurf gebaut wurde. Charles Babbage, ein Londoner Mathematiker, zeichnete Ende der 1840er Jahre eine riesige mechanische Rechenmaschine, die Differenzmaschine Nummer zwei. Gebaut hat er sie nie, Geld und Geduld reichten nicht. 1991, zu seinem zweihundertsten Geburtstag, bauten Ingenieure des Museums sie nach seinen Originalplänen nach... und sie rechnete fehlerfrei. Rund achttausend Einzelteile, etwa fünf Tonnen schwer, gekurbelt von Hand. Babbage hatte recht gehabt.
Ein etwas schauriges Detail dazu: Babbages Gehirn ist bis heute erhalten. Eine Hälfte liegt im Hunterian Museum der Chirurgen, die andere wurde lange hier im Science Museum gezeigt. Der Mann hat der Wissenschaft wirklich alles gegeben. Geh jetzt die Exhibition Road nach Süden und dann rechts in die Cromwell Road, bis vor dir eine Kathedrale aus Terrakotta auftaucht.
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8. Natural History Museum: Owen, Darwin und der Urvogel
Natural History Museum, Cromwell Road, London SW7 5BD, United Kingdom
Vor dir steht eine Kathedrale, aber gebetet wird hier zur Natur. Die Fassade des Natural History Museum ist ganz mit honiggelber und blaugrauer Terrakotta verkleidet, und wenn du genau hinsiehst, klettern darauf Affen, Fische, Vögel und Fossilien. Im Westflügel lebende Arten, im Ostflügel ausgestorbene, so hatte es sich der Gründungsdirektor gewünscht.
Dieser Direktor war Richard Owen, ein brillanter und berüchtigt streitlustiger Anatom. 1842 erfand er das Wort Dinosaurier, schreckliche Echse. Lange lagen die naturkundlichen Sammlungen im British Museum in Bloomsbury, hoffnungslos beengt. Owen kämpfte jahrzehntelang für ein eigenes Haus, und 1881 öffnete dieses hier, gebaut von Alfred Waterhouse auf Land der Kommission von 1851.
Und jetzt eine deutsche Sensation. 1861 fand man in den Kalksteinbrüchen um Solnhofen in Bayern ein Fossil, das die Welt elektrisierte: ein Tier mit Federn und Flügeln, aber mit Zähnen, Krallen an den Fingern und einem langen knöchernen Schwanz. Der Urvogel Archaeopteryx. Owen griff sofort zu, und 1862 kaufte das British Museum das Stück für 700 Pfund, damals ein kleines Vermögen. Bis heute ist dieses Londoner Exemplar einer der kostbarsten Schätze des Hauses.
Der Zeitpunkt war unglaublich. Nur zwei Jahre vorher, 1859, hatte Charles Darwin seine Entstehung der Arten veröffentlicht. Und nun lag da ein Wesen, halb Reptil, halb Vogel... wie bestellt als Beleg für die Evolution. Owen, ein erbitterter Gegner Darwins, beschrieb es trotzdem schlicht als Vogel. Heute sitzt Darwin als Marmorstatue oben auf der großen Treppe der Haupthalle, und Owens Statue musste 2008 an einen bescheideneren Platz umziehen.
Unter der Decke dieser Halle schwebt heute kein Dinosaurier mehr, sondern das Skelett eines Blauwals, rund fünfundzwanzig Meter lang, das man Hope getauft hat. Ein Tier, das fast ausgerottet wurde und sich langsam erholt. Bis 2017 begrüßte an ihrer Stelle Dippy die Besucher, der Gipsabguss eines Diplodocus, ein Geschenk des Industriellen Andrew Carnegie aus dem Jahr 1905. Geh nun die Cromwell Road nach Osten, über die Exhibition Road hinweg, bis zu dem langen Palast mit dem kronenförmigen Turm.
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9. Victoria and Albert Museum: Semper in South Kensington
Victoria and Albert Museum, Cromwell Road, London SW7 2RL, United Kingdom
Vor dir erstreckt sich eine lange Fassade aus rotem Backstein und hellem Stein, und über dem Haupteingang erhebt sich ein Turm wie eine riesige Krone, auf der eine Figur der Fama steht. Es ist das Victoria and Albert Museum, das größte Museum für Kunst und Design der Welt, mit Schätzen aus fünf Jahrtausenden.
Angefangen hat alles 1852 als Museum der Manufakturen, wieder mit Ausstellungsstücken und Geld von 1851. Albert und sein Mitstreiter Henry Cole wollten britischen Handwerkern und Fabrikanten zeigen, was gutes Design ist. 1857 zog das Museum hierher und war seiner Zeit voraus: Mit Gaslicht konnte es abends öffnen, damit auch Arbeiter nach Feierabend kamen, und es gilt als das erste Museum der Welt mit eigenem Restaurant.
Und hier taucht ein Deutscher auf, der später Architekturgeschichte schreiben sollte: Gottfried Semper. Nach dem Maiaufstand von 1849 musste er aus Dresden fliehen und landete schließlich in London, mittellos. Für die Weltausstellung gestaltete er mehrere Länderabteilungen, darunter die Kanadas, und Henry Cole holte ihn als Lehrer an seine Designschule. Für Albert soll Semper sogar Ideen für ein Museumsviertel hier in South Kensington skizziert haben... gebaut wurden sie so nie.
Semper blieb nur bis 1855, dann ging er nach Zürich, später baute er in Dresden seine zweite berühmte Oper und in Wien die großen Museen und das Burgtheater. Aber was er in London gesehen hatte, Industrie, Handwerk und Waren aus aller Welt unter einem Glasdach, floss in sein großes Buch über den Stil in den Künsten ein. So reicht der Einfluss dieses Museums bis an die Wiener Ringstraße.
Den Namen Victoria and Albert gab die Königin dem Museum 1899, als sie den Grundstein für diese Fassade legte. Es war einer ihrer letzten großen öffentlichen Auftritte, knapp zwei Jahre vor ihrem Tod, und sie wollte Alberts Namen gleichberechtigt neben ihrem sehen. Geh jetzt weiter nach Osten, dort, wo die Cromwell Road in die Brompton Road übergeht, bis links hinter einem kleinen Garten eine mächtige Barockkuppel auftaucht.
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10. Brompton Oratory: Rom in Knightsbridge
Brompton Oratory, Brompton Road, London SW7 2RP, United Kingdom
Plötzlich bist du in Rom. Vor dir erhebt sich eine helle Fassade mit Säulen und darüber eine mächtige Kuppel, ganz im italienischen Barock, mitten zwischen den Backsteinhäusern von Knightsbridge. Das ist das Brompton Oratory, offiziell die Kirche des Unbefleckten Herzens Mariä, nach der Westminster Cathedral die zweitgrößte katholische Kirche Londons.
Gebaut wurde sie in den 1880er Jahren, 1884 geweiht, nach den Plänen eines jungen, kaum bekannten Architekten, Herbert Gribble, der den Wettbewerb gegen erfahrene Kollegen gewann. Bis zur Eröffnung der Westminster Cathedral 1903 war sie die größte katholische Kirche der Stadt. Die Gemeinde gehört zu den Oratorianern, einer Gemeinschaft, die im 16. Jahrhundert in Rom von Philipp Neri gegründet wurde. Nach England brachte sie John Henry Newman, ein Oxforder Gelehrter, der vom Anglikaner zum katholischen Kardinal wurde und heute als Heiliger verehrt wird.
Drinnen stehen die zwölf Apostel in weißem Marmor, überlebensgroß, und sie sind viel älter als die Kirche. Ein italienischer Bildhauer, Giuseppe Mazzuoli, meißelte sie im späten 17. Jahrhundert für den Dom von Siena. Als Siena sie loswerden wollte, kaufte die Londoner Gemeinde sie 1895. Ein Stück italienischer Barock auf Reisen, ganz im Geist dieses Viertels, in dem man die Schätze der Welt sammelte.
Und dann gibt es die Geschichte, die man hier lieber leise erzählt. Im Kalten Krieg soll der sowjetische Geheimdienst die Kirche als toten Briefkasten benutzt haben: Nahe dem Eingang, so heißt es, versteckten Agenten Nachrichten für ihre Kontaktleute. Ob jeder, der hier ein Kreuz schlug, wirklich betete... das weiß nur der Himmel.
Bemerkenswert ist die Nachbarschaft: Ein paar hundert Meter von hier erzählt ein Museum die Geschichte der Evolution, und in dieser Kirche werden bis heute Messen auf Latein gefeiert. Albertopolis hatte Platz für beides, für das Fragen und für das Glauben. Folge nun der Brompton Road weiter nach Nordosten, an Läden und Cafés vorbei, bis rechts ein riesiges Kaufhaus mit rotbrauner Terrakottafassade auftaucht.
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11. Harrods: Von der Weltausstellung zur ersten Rolltreppe
Harrods, 87-135 Brompton Road, London SW1X 7XL, United Kingdom
Vor dir steht ein Kaufhaus wie ein Palast: Terrakotta in warmem Rotbraun, Kuppeln, Fahnen, und am Abend zeichnen Tausende kleiner Glühbirnen jede Linie der Fassade nach. Das ist Harrods, die vielleicht berühmteste Einkaufsadresse der Welt. Und ja, auch dieses Haus gehört zu unserer Geschichte von Prinz Albert, der Weltausstellung und der Technik.
1849 übernahm ein Teehändler namens Charles Henry Harrod hier in Knightsbridge einen kleinen Lebensmittelladen. Die Gegend war damals noch halb ländlich. Doch dann kam 1851, und Millionen Besucher strömten über diese Straße zur Weltausstellung im Hyde Park... ein Glücksfall für jeden Krämer am Weg. Aus dem einen Raum wurde ein Geschäft, aus dem Geschäft im Lauf der Jahrzehnte ein ganzes Kaufhaus. Sein Motto ist bis heute lateinisch: Omnia Omnibus Ubique, alles für alle, überall.
Im Dezember 1883 brannte das Haus vollständig nieder, mitten im Weihnachtsgeschäft. Der Sohn des Gründers, Charles Digby Harrod, versprach seinen Kunden trotzdem, alle Bestellungen pünktlich zu liefern, und er hielt Wort. Das Jahr endete mit einem Rekordumsatz, und der Name war in aller Munde. Das Gebäude, vor dem du stehst, entstand danach Stück für Stück, um 1900 herum.
Und nun zur Technik. Im November 1898 eröffnete Harrods etwas, das London noch nie gesehen hatte: eine Rolltreppe, damals eher ein schräg ansteigendes Förderband aus Leder mit einem Handlauf. Viele Kunden trauten sich kaum hinauf. Also stand oben ein Angestellter bereit und bot den Mutigen nach der Fahrt ein Glas Brandy oder Riechsalz zur Erholung an. Fortschritt für alle, ganz wie Albert es wollte, nur mit einer kleinen Stärkung.
Damit endet unser Spaziergang durch Albertopolis. Vom Palast, in dem Victoria geboren wurde, über Leibniz' Briefe, Krupps Stahl und Perkins Farbe bis zur ersten Rolltreppe: Alles hier erzählt von einem Mann aus Coburg, der glaubte, dass Wissen und schöne Dinge allen gehören sollten. Wenn du magst, wirf noch einen Blick in die prachtvollen Lebensmittelhallen... oder spaziere ein paar Minuten nach Norden in den Hyde Park, dorthin, wo einst der Kristallpalast stand.