Grünes Lissabon: Wasser, Gärten und Bäume von Amoreiras bis Estrela

Vom Ende des Aquädukts über den Botanischen Garten und die Riesenzeder von Príncipe Real bis zum Jardim da Estrela und Pessoas letzter Wohnung: ein Spaziergang durch Lissabons Gärten

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  1. 1. Jardim das Amoreiras & der Bogen des Aquädukts

    Praça das Amoreiras, 1250 Lisboa, Portugal

    Über die Bäume dieses kleinen Gartens zieht sich eine Reihe hoher Steinbögen, die irgendwo hinter den Häusern beginnt und hier, mitten in der Stadt, plötzlich endet. Unter den Kronen sitzen Rentner beim Kartenspiel, Kinder fahren Roller, und kaum jemand blickt nach oben.

    Diese Bögen sind das Ende einer gewaltigen Reise. Das Aqueduto das Águas Livres, das Aquädukt der freien Wasser, bringt Quellwasser aus den Hügeln nordwestlich von Lissabon in die Stadt. König João V. ließ es ab 1731 bauen, bezahlt mit einer Sondersteuer auf Fleisch, Wein und Olivenöl, und 1748 floss das erste Wasser. Draußen im Tal von Alcântara stehen seine höchsten Bögen, über sechzig Meter hoch. Mit allen Nebenleitungen war das Netz mehr als fünfzig Kilometer lang.

    Und dann kam 1755 das Erdbeben. Kirchen, Paläste, ganze Viertel stürzten ein... aber das Aquädukt blieb stehen. Für die Menschen damals war das fast ein Wunder, für Ingenieure ist es bis heute ein Lehrstück. Schau dir an dieser Stelle auch den Triumphbogen über der Straße an: Er feiert die Ankunft des Wassers, und in die Bögen ist sogar eine winzige Kapelle eingebaut.

    Der Name des Platzes erzählt eine zweite Geschichte. Amoreiras heißt Maulbeerbäume. Unter dem Marquês de Pombal wurden hier im 18. Jahrhundert Maulbeerbäume gepflanzt, weil ihre Blätter die Seidenraupen der königlichen Seidenmanufaktur im nahen Rato ernähren sollten. Portugal wollte keine teure Seide mehr importieren, sondern selbst weben, und dieser Garten war ein Teil davon.

    In den alten Werkstätten am Rand des Platzes ist heute ein Museum für die Malerin Maria Helena Vieira da Silva und ihren Mann Arpad Szenes untergebracht, Lissabonnerin die eine, Ungar der andere. Vieira da Silva malte Städte wie Labyrinthe aus Linien, und wer Lissabons Gassen kennt, versteht ihre Bilder sofort. Dieser Spaziergang folgt heute dem Wasser, den Bäumen und den Gärten von Lissabon. Geh jetzt ein paar Schritte die Mauer entlang zu dem massiven Steinbau am Ende des Platzes, in dem das Wasser des Aquädukts ankam.

  2. 2. Reservatório da Mãe d'Água das Amoreiras

    Praça das Amoreiras 10, 1250 Lisboa, Portugal

    Von außen sieht dieser Steinbau aus wie ein Lagerhaus oder eine Festung, schwer, fast fensterlos. Aber wenn du drinnen stehst, hörst du plötzlich Wasser plätschern, und vor dir liegt ein stiller, grünlich schimmernder See unter hohen Gewölben.

    Das ist die Mãe d'Água, die Mutter des Wassers, der Hauptspeicher am Ende des Aquädukts. Geplant wurde sie ab 1746 von Carlos Mardel, einem in Ungarn geborenen Architekten, der später auch beim Wiederaufbau der Baixa nach dem Erdbeben mitwirkte. Fertig wurde sie aber erst 1834, fast neunzig Jahre später. Der Bau zog sich durch Erdbeben, Kriege und leere Kassen. In Lissabon braucht gutes Wasser eben Geduld.

    Das Becken fasst rund 5.500 Kubikmeter Wasser, bei einer Tiefe von etwa siebeneinhalb Metern. Das Wasser stürzt über eine künstliche Felskaskade in den Speicher, und von hier wurde es auf die Brunnen der Stadt verteilt. Drinnen ist es kühl, und das leise Rauschen hallt von den Steinwänden wider wie in einer Kathedrale. Steig, wenn du kannst, auf das Dach: Von oben siehst du die Stadt bis zum Tejo und die Linie, die das Wasser von hier aus bergab nahm.

    Das Aquädukt hat auch eine dunkle Legende. In den 1830er-Jahren soll ein Mann namens Diogo Alves Wanderer auf dem schmalen Fußweg über den Bögen von Alcântara ausgeraubt und in die Tiefe gestürzt haben. Wie viele Opfer es wirklich waren, weiß niemand genau, die Zahlen in den Erzählungen schwanken stark. Gehängt wurde er 1841 für andere Morde, und sein Kopf wird bis heute in einem Glas mit Konservierungsflüssigkeit an der Universität aufbewahrt... der Fußweg aber wurde danach gesperrt.

    Heute gehört die Mãe d'Água zum Wassermuseum, und in dieser Halle finden Ausstellungen und Konzerte statt. Bevor das Aquädukt kam, war sauberes Trinkwasser in Lissabon ein Luxus, und Krankheiten aus verschmutzten Brunnen gehörten zum Alltag. Folge dem Wasser jetzt die Rua das Amoreiras hinunter zum Largo do Rato, wo es an einem der alten Brunnen wieder ans Licht kam.

  3. 3. Chafariz do Rato

    Largo do Rato, 1250 Lisboa, Portugal

    Mitten im Verkehr des Largo do Rato steht ein steinerner Brunnen, an dem heute kaum jemand stehen bleibt. Busse fahren im Kreis, Autos hupen, und der alte Chafariz wirkt wie ein Gast, der sich in die falsche Epoche verirrt hat.

    Dabei war genau so ein Brunnen jahrhundertelang der wichtigste Ort jedes Viertels. Das Wasser aus der Mãe d'Água floss durch unterirdische Galerien zu Brunnen wie diesem, die in der Mitte des 18. Jahrhunderts in vielen Teilen der Stadt entstanden. Wasser im eigenen Haus hatte fast niemand. Man holte es am Chafariz, und dort traf man sich, stritt, flirtete und tauschte Neuigkeiten aus. Oft gab es eigene Tröge, an denen Pferde und Maultiere trinken konnten.

    Das Wasser in die Häuser trugen die Aguadeiros, die Wasserträger, mit Fässern auf den Schultern. Viele von ihnen kamen aus Galicien im Norden Spaniens, und sie hatten ihre eigene Bruderschaft und feste Plätze an den Brunnen. Wer sich vordrängelte, bekam Ärger. Bei Bränden waren sie verpflichtet, mit ihren Fässern zum Löschen zu kommen... eine Art Feuerwehr, lange bevor es eine gab.

    Und der Platz selbst? Hier stand im 18. Jahrhundert die königliche Seidenmanufaktur, die Real Fábrica das Sedas. Die Raupen fraßen die Blätter der Maulbeerbäume von den Amoreiras, die du gerade gesehen hast, und in den Hallen am Rato wurde daraus Stoff für Kirchen, Adel und Hof. Rund um die Manufaktur siedelten sich weitere Werkstätten an... ein kleines Industrieviertel, lange bevor es in Portugal überhaupt Dampfmaschinen gab.

    Heute fließt das Wasser von Lissabon aus ganz anderen Quellen, vor allem aus dem großen Stausee von Castelo do Bode, und das Aquädukt ist seit Langem außer Betrieb. Aber die Brunnen sind geblieben, als Erinnerung an eine Stadt, die einmal um jeden Eimer kämpfen musste. Die großen Bögen über dem Tal von Alcântara kannst du übrigens bis heute begehen, als Teil des Wassermuseums. Geh jetzt die Rua da Escola Politécnica entlang bergab, gut 450 Meter, bis zu einem Tor, hinter dem ein ganz anderer Wald beginnt.

  4. 4. Jardim Botânico de Lisboa

    Rua da Escola Politécnica 54, 1250 Lisboa, Portugal

    Kaum bist du durch das Tor, wird die Luft feucht und kühl, und der Lärm der Straße ist weg, als hätte jemand eine Tür geschlossen. Über dir Palmen, Farne so hoch wie Bäume, Luftwurzeln, die bis zum Boden hängen, und unten am Hang ein Gewirr aus Grün, durch das schmale Wege nach unten führen.

    Dieser Garten ist ein Kind der Wissenschaft. Er wurde ab 1873 für die Escola Politécnica angelegt, die Polytechnische Schule, deren Gebäude du an der Straße gesehen hast. Der Ort hat eine lange Gelehrtentradition: Vorher stand hier das Colégio dos Nobres, ein 1761 gegründetes Kolleg für junge Adlige. Die Studenten sollten Botanik nicht aus Büchern lernen, sondern an lebenden Pflanzen aus allen Erdteilen. An der Anlage arbeiteten unter anderem der deutsche Gärtner Edmund Goeze und der Franzose Jules Daveau, und sie nutzten einen großen Vorteil: Lissabon kennt fast keinen Frost.

    Deshalb wachsen hier Pflanzen, die in Mitteleuropa nur im Gewächshaus überleben würden. Achte auf die Drachenbäume mit ihren schirmförmigen Kronen, auf die uralt wirkenden Palmfarne, die zu den ältesten Pflanzengruppen der Erde gehören, und auf die Palmenallee, die den Hang hinunterführt. Der Garten hat zwei Ebenen: oben die geordnete Classe mit den Beeten nach System, unten das wilde Arboretum. Im unteren Teil gibt es sogar ein Schmetterlingshaus.

    Am 18. März 1978 brannte das Gebäude der Fakultät oberhalb des Gartens. Mit ihm verbrannte ein großer Teil der naturkundlichen Sammlungen, die über ein Jahrhundert zusammengetragen worden waren: Herbarbelege, Tiere, Mineralien. Der Garten selbst überlebte, und heute gehört er zum Nationalmuseum für Naturgeschichte und Wissenschaft der Universität Lissabon.

    Wenn du stillstehst, hörst du Vögel, die man mitten in einer Hauptstadt kaum erwartet. Hier haben Generationen von Liebespaaren, Studenten und Malern ihre Ruhe gefunden. Verlass den Garten wieder zur Rua da Escola Politécnica und geh die Straße ein kurzes Stück weiter bis zu einem Platz, auf dem ein einziger Baum ein ganzes Dach bildet.

  5. 5. Jardim do Príncipe Real & die Riesenzeder

    Praça do Príncipe Real, 1250 Lisboa, Portugal

    Geh unter das grüne Dach in der Mitte des Gartens. Ein einziger Baum hat hier seine Äste horizontal über ein rundes Eisengerüst ausgebreitet, wie einen riesigen Sonnenschirm, und darunter sitzen Männer und spielen Karten, so wie hier seit Generationen Karten gespielt wird.

    Die Lissabonner nennen ihn den Cedro, die Zeder. Botanisch ist es allerdings eine Mexikanische Zypresse, Cupressus lusitanica, ein Baum, der seinen lateinischen Namen paradoxerweise Portugal verdankt, weil er hier, im Wald von Buçaco, so früh und so prächtig gedieh, dass man ihn lange für einheimisch hielt. Seine Krone misst über zwanzig Meter im Durchmesser. Wie alt er genau ist, weiß niemand sicher, gepflanzt wurde er wohl in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

    Der Platz hat eine bewegte Vorgeschichte. Nach dem Erdbeben von 1755 sollte hier eine neue Patriarchalkirche entstehen, die Hauptkirche des Patriarchen von Lissabon. Doch 1769 brannte die Baustelle nieder, und der Ort hieß lange einfach die verbrannte Patriarchalkirche. Erst im 19. Jahrhundert wurde daraus ein Garten, benannt nach dem Príncipe Real, dem königlichen Prinzen, wie in Portugal der Thronfolger hieß.

    Und unter deinen Füßen liegt ein Geheimnis. Unter dem Garten verbirgt sich das Reservatório da Patriarcal, ein achteckiger Wasserspeicher aus den 1860er-Jahren, getragen von schlanken Steinsäulen. Er gehört heute zum Wassermuseum und verteilte einst das Wasser in die Altstadt. Ein unterirdischer Gang führt von hier Richtung Bairro Alto, und manchmal kann man ihn besichtigen.

    Rund um den Garten stehen bunte Paläste aus dem 19. Jahrhundert, in denen heute Galerien und Läden sind, und am Wochenende gibt es hier oft einen kleinen Bio-Markt. Das Viertel gilt seit Jahrzehnten als eines der offensten Lissabons, auch für die queere Szene der Stadt. Setz dich vorher noch einen Moment in den Schatten und hör dem Klatschen der Spielkarten zu. Geh jetzt auf der anderen Seite des Platzes hinunter über die Rua da Imprensa Nacional, gut 300 Meter bergab, bis zu einem stillen Platz in einer Senke.

  6. 6. Praça das Flores

    Praça das Flores, 1200 Lisboa, Portugal

    Unten in der Senke angekommen, stehst du auf einem Platz, der sich wie ein Dorfanger anfühlt: hohe Bäume, ein kleiner Brunnen, ein Kiosk, Bänke, und rundherum Häuser mit Kachelfassaden und schmiedeeisernen Balkonen. Hier läuft niemand schnell. Am Kiosk trinken Nachbarn ihre Bica, wie die Lissabonner ihren Espresso nennen.

    Die Praça das Flores, der Platz der Blumen, liegt in einem kleinen Tal zwischen zwei Hügeln. Lissabon ist voller solcher versteckten Mulden, die man erst bemerkt, wenn man sie zu Fuß durchquert und die Beine merken, dass es gleich wieder bergauf geht. Das macht diesen Platz so geschützt: Der Wind vom Fluss kommt kaum herein, und im Sommer liegt er im Schatten der Baumkronen.

    Wenn du im Frühsommer hier bist, schau dich um nach violetten Blüten. Die Jacarandás, ursprünglich aus Südamerika, blühen in Lissabon im Mai und Juni so üppig, dass ganze Straßen lila leuchten und der Boden aussieht, als hätte jemand Konfetti gestreut. Sie sind Einwanderer wie so vieles in dieser Stadt und heute so lissabonnerisch wie gegrillte Sardinen.

    Ein paar Straßen weiter, in der Rua de São Bento, lebte Amália Rodrigues, die Königin des Fado, von 1955 bis zu ihrem Tod 1999. Sie empfing dort Musiker, Dichter und Freunde zu langen Abenden, an denen oft bis in die Nacht gesungen wurde. Ihr Haus ist heute ein Museum, und die Rua de São Bento ist bekannt für ihre Antiquitätenläden, in denen alte Möbel, Kacheln und Kronleuchter auf neue Besitzer warten.

    Das ist das Lissabon der Nachbarschaften, wie es Reisende selten finden: Kinder spielen Ball, Hunde werden ausgeführt, jemand liest Zeitung, und der Kioskbesitzer kennt alle beim Namen. Nimm dir einen Moment auf einer Bank, bevor es weitergeht. Wer hier wohnt, braucht für fünfzig Meter zum Bäcker oft eine halbe Stunde, weil man mit allen redet. Dann geh hinunter Richtung Rua de São Bento und dann rechts, bis vor dir eine breite Treppe und eine große weiße Säulenfassade auftauchen.

  7. 7. Palácio de São Bento

    Palácio de São Bento, 1249-068 Lisboa, Portugal

    Stell dich unten an die breite Treppe und schau hinauf zur weißen Fassade mit den Säulen, den Statuen und den Löwen am Aufgang. Das ist die Assembleia da República, das portugiesische Parlament, und an Sitzungstagen stehen hier Fernsehkameras und Polizisten.

    Bevor hier Politik gemacht wurde, wurde hier gebetet. Ende des 16. Jahrhunderts, 1598, gründeten Benediktinermönche an dieser Stelle das Kloster São Bento da Saúde. Als Portugal 1834 alle Männerklöster auflöste, zog das Parlament in die leeren Gebäude ein, und seitdem tagen die Abgeordneten dort, wo früher Mönche schwiegen. Die prächtige Fassade, die du siehst, ist allerdings viel jünger als das Kloster. Im Inneren haben sich Teile des alten Klosters erhalten, durch deren Gänge heute Abgeordnete statt Mönche eilen.

    Diese Säle haben fast zwei Jahrhunderte portugiesischer Geschichte gesehen: Monarchie, Republik, Diktatur. Unter dem Estado Novo tagte hier eine Nationalversammlung, die kaum mehr war als Kulisse für das Regime. Nach der Nelkenrevolution vom 25. April 1974 tagte hier ab 1975 die frei gewählte verfassunggebende Versammlung, und seit 1976 ist es das Haus des Parlaments der Demokratie.

    Hinter dem Palast liegt, von hier unsichtbar, ein Garten mit der Residenz des Premierministers. Dort lebte jahrzehntelang António de Oliveira Salazar, der Diktator. Er regierte Portugal von 1932 bis 1968 als Ministerpräsident. Man erzählt sich in Lissabon gern, der sparsame Bauernsohn aus der Provinz habe im Garten von São Bento Hühner gehalten, und Besucher hätten ihn manchmal zwischen Akten und Hühnerstall angetroffen. Ob jede Anekdote stimmt, sei dahingestellt... sie verrät viel darüber, wie er gesehen werden wollte.

    Wenn du jetzt die Avenida Dom Carlos I. hinunterschaust, die vom Parlament zum Fluss führt, dann stell sie dir im Mai vor, wenn ihre Jacarandás blühen und die ganze Straße violett leuchtet. Unser Weg führt aber in die andere Richtung, die Calçada da Estrela hinauf, gut 550 Meter bergauf, bis vor dir eine gewaltige weiße Kuppel erscheint.

  8. 8. Basílica da Estrela

    Praça da Estrela, 1200-667 Lisboa, Portugal

    Nach dem Aufstieg stehst du vor einer hellen Kirche mit zwei Glockentürmen und einer großen Kuppel, die man von halb Lissabon aus sieht. Die Fassade ist aus hellem Stein, und auf ihr stehen Heilige und allegorische Figuren wie auf einer Theaterbühne.

    Hinter dieser Kirche steht ein Versprechen. Königin Maria I. gelobte, eine Kirche zu bauen, wenn Gott ihr einen Sohn als Thronfolger schenkte. Der Sohn kam, und 1779 begannen die Bauarbeiten, 1790 wurde die Basilika geweiht. Sie war eine der ersten Kirchen der Welt, die dem Heiligsten Herzen Jesu gewidmet wurde. Entworfen wurde sie von Mateus Vicente de Oliveira und Reinaldo Manuel dos Santos, im Stil des späten Barock mit klassizistischen Zügen.

    Doch die Geschichte hat ein bitteres Ende. Der Kronprinz José starb 1788 an den Pocken, zwei Jahre bevor die Kirche fertig war, die seinetwegen gebaut wurde. Er war gerade 27 Jahre alt. Maria I. verfiel in den folgenden Jahren in eine schwere seelische Krankheit, und man nannte sie später Maria die Wahnsinnige. Ihr Grab liegt in dieser Kirche, auch wenn sie in Brasilien starb, wohin der Hof vor Napoleon geflohen war.

    Im Inneren wartet eine Überraschung: eine riesige Weihnachtskrippe mit rund 500 Figuren aus Kork und Terrakotta, geschaffen von Joaquim Machado de Castro, dem bedeutendsten portugiesischen Bildhauer seiner Zeit. Hirten, Händler, Musikanten, Tiere, eine ganze Welt im Miniaturformat. Von Machado de Castro stammt übrigens auch das Reiterstandbild von König José I. auf der Praça do Comércio. Und wenn du Kraft hast, kannst du über enge Treppen bis auf das Dach steigen und um die Kuppel herumgehen, mit Blick bis zum Tejo.

    Schau beim Hinausgehen auf die andere Straßenseite: Dort beginnt ein grünes Meer aus Baumkronen. Die Königin hatte ihren Tempel, und das 19. Jahrhundert gab der Nachbarschaft einen Garten. Die gelbe Straßenbahn 28 hält direkt vor der Kirche, falls deine Beine schon protestieren. Überquere vorsichtig die Straße mit den Straßenbahnschienen und geh durch das Tor in den Jardim da Estrela.

  9. 9. Jardim da Estrela

    Praça da Estrela, 1200 Lisboa, Portugal

    Kaum hast du das Tor passiert, öffnet sich ein Park, der eher nach London oder Paris aussieht als nach Südeuropa: geschwungene Wege, Rasen, ein Teich mit Enten, und überall Bäume aus fernen Ländern. Kinder kreischen auf dem Spielplatz, und auf den Bänken lesen Großväter die Zeitung. Hier lernen Lissabonner Kinder seit Generationen Fahrradfahren.

    Der Jardim da Estrela wurde 1852 eröffnet, in der Zeit der Romantik, als die Bürger Lissabons Gärten nicht mehr als Nutzflächen sahen, sondern als Orte zum Flanieren. Offiziell heißt er Jardim Guerra Junqueiro, nach einem Dichter, der mit scharfer Feder gegen Kirche und Monarchie schrieb. Ausgerechnet gegenüber der Basilika einer frommen Königin... Lissabon hat Sinn für Ironie. Die Idee eines öffentlichen Parks für alle Stände war damals in Lissabon noch neu.

    Geh in die Mitte des Parks zum eisernen Musikpavillon mit seinen grünen Säulen und dem verzierten Dach. Er stammt aus dem späten 19. Jahrhundert und stand ursprünglich im Passeio Público, dem eleganten Promenadengarten, der für die Avenida da Liberdade weichen musste. Man hat ihn abgebaut und hier wieder aufgestellt, damit die Musik nicht verloren geht... und im Sommer spielen hier noch immer Kapellen. Früher kam an Sonntagnachmittagen halb Campo de Ourique in Sonntagskleidung, um den Militärkapellen zuzuhören.

    Achte auf die Bäume. Hier wachsen Palmen, Araukarien und andere Bäume, die Seefahrer und Gärtner aus Afrika, Asien und Südamerika mitbrachten. Lissabons Gärten sind auch ein Archiv der Weltreisen Portugals, mit allem, was dazugehört, dem Staunen genauso wie der Ausbeutung der Kolonien. Die Pflanzen erzählen von Entdeckung, aber auch von Handel, Macht und Menschen, die nie gefragt wurden.

    Im Herbst fällt das Laub auf die Wege, im Frühling blühen die Bäume, und das ganze Jahr über ist dieser Garten das Wohnzimmer des Viertels. Verlass den Park jetzt auf der Nordseite, Richtung Rua de São Jorge, wo hinter einer hohen Mauer dunkle Zypressen in den Himmel ragen.

  10. 10. Cemitério dos Ingleses

    Rua de São Jorge, 1200 Lisboa, Portugal

    Hinter der Mauer und dem Tor wird es plötzlich sehr still. Hohe, dunkle Zypressen stehen in Reihen, dazwischen moosbedeckte Grabsteine mit englischen Inschriften, und mitten im Grün eine kleine Kirche, die aussieht, als hätte man sie aus einem Dorf in Kent hierher versetzt.

    Das ist der Cemitério dos Ingleses, der britische Friedhof von Lissabon. Jahrhundertelang durften Protestanten im katholischen Portugal nicht in geweihter Erde begraben werden. Man erzählt, dass Engländer ihre Toten oft nachts am Strand begruben oder im Fluss versenkten. In einem Land, in dem die Inquisition bis 1821 bestand, war ein protestantischer Friedhof eine bemerkenswerte Ausnahme. Ein Vertrag zwischen England und Portugal aus dem 17. Jahrhundert sah einen eigenen Friedhof vor, und 1717 wurde dieser hier endlich angelegt.

    Der berühmteste Bewohner ist Henry Fielding, der Autor von Tom Jones, einem der ersten großen Romane der englischen Literatur. Schwer krank kam er 1754 nach Lissabon, in der Hoffnung, das milde Klima würde ihn heilen. Zwei Monate später, am 8. Oktober 1754, starb er hier. Sein Grabmal wurde erst 1830 errichtet, weil man lange gar nicht mehr genau wusste, wo er lag.

    Die Portugiesen nennen diesen Ort auch einfach Os Ciprestes, die Zypressen. Zypressen wachsen schmal und hoch, sie werfen kaum Schatten auf die Gräber und bleiben das ganze Jahr grün, deshalb pflanzt man sie in Südeuropa seit der Antike auf Friedhöfen. Hier stehen sie wie Wächter, und in ihrem Schatten haben Kaufleute, Seeleute, Diplomaten und Weinhändler aus Porto ihre letzte Ruhe gefunden, Menschen, die Portugal und Großbritannien über Jahrhunderte verbanden. Auch der englische Theologe und Liederdichter Philip Doddridge liegt hier, der 1751 in Lissabon starb.

    Es ist ein Ort der Fremden, die blieben, und der sanfteste Friedhof der Stadt. Geh nach dem Besuch weiter nach Westen, über die Rua Saraiva de Carvalho in das Viertel Campo de Ourique, nur etwa zweihundert Meter, bis zu einem schlichten Wohnhaus, in dem ein Dichter lebte, der Bäume besser verstand als Menschen.

  11. 11. Casa Fernando Pessoa

    Rua Coelho da Rocha 16, 1250-088 Lisboa, Portugal

    Du stehst vor einem schlichten Wohnhaus in einer ruhigen Straße von Campo de Ourique, mit Balkonen, Fensterläden und einer Haustür wie hundert andere. Nichts deutet auf den ersten Blick darauf hin, dass hier einer der größten Dichter des 20. Jahrhunderts gelebt hat, und das hätte ihm wahrscheinlich sehr gefallen.

    Fernando Pessoa wohnte hier von 1920 bis zu seinem Tod 1935, in einer Wohnung im ersten Stock. Er war in Lissabon unzählige Male umgezogen, aber hier blieb er. Tagsüber übersetzte er Handelsbriefe für Lissabonner Firmen, zwischendurch saß er in Cafés und Tavernen, und nachts schrieb er. Zu Lebzeiten veröffentlichte er nur ein einziges Buch auf Portugiesisch. Nach seinem Tod fand man eine Truhe mit über 25.000 Blättern, an denen Forscher bis heute arbeiten.

    Pessoa war nicht ein Dichter, sondern viele. Er erfand Heteronyme, erfundene Dichter mit eigener Biografie, eigenem Stil und eigener Weltsicht. Ricardo Reis war der strenge Klassizist, Álvaro de Campos der rastlose Ingenieur und Futurist. Und einer von ihnen passt perfekt an das Ende dieses Spaziergangs: Alberto Caeiro, der Dichter der Natur, ein einfacher Mann vom Land, der die Dinge einfach anschauen wollte, ohne über sie nachzudenken. Ein Baum ist für Caeiro ein Baum, nicht mehr und nicht weniger... und das ist schwerer, als es klingt.

    Seinen letzten Satz schrieb Pessoa am 29. November 1935 im Krankenhaus, auf Englisch: I know not what tomorrow will bring. Am nächsten Tag starb er, 47 Jahre alt. Seit 1993 ist das Haus ein Kulturzentrum, in dem seine private Bibliothek aufbewahrt wird, mit Randnotizen in seiner winzigen Handschrift.

    Heute bist du dem Wasser des Aquädukts gefolgt, durch einen subtropischen Wald, unter eine Zypresse, die ein ganzes Dach trägt, und an Gräbern unter Zypressen vorbei. Lissabon ist eine Stadt aus Stein, aber sie atmet durch ihre Gärten. Geh zum Abschluss noch ein paar Schritte durch Campo de Ourique und schau dir einen Baum an, irgendeinen, so wie Caeiro es getan hätte... einfach so.