Lissabon-Belém und die Entdecker: Weltreich, Gewürze und die andere Seite der Geschichte
Vom Kohlekraftwerk am Tejo über Kutschen, Kloster und Kolonialgarten bis zum Turm von Belém: eine ehrliche Wanderung durch Portugals Zeitalter der Entdeckungen, mit Pfeffer, Sklavenhandel, Diktatur und Dürers Nashorn
Lisbon · 11 stops · 28 min audio · Generated
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1. Central Tejo und MAAT: Die Kathedrale der Kohle
Avenida Brasília, 1300-598 Lisboa, Portugal
Vor dir ragt ein Industriepalast aus rotem Backstein auf, mit hohen Fenstern und Schornsteinen, und gleich daneben schwingt sich ein flaches, schimmerndes Gebäude wie eine Welle aus dem Boden, über dessen Dach man bis an den Fluss spazieren kann. Ziegel und Keramik, alt und neu, nebeneinander am Ufer des Tejo. Bevor wir zu den Seefahrern kommen, beginnen wir hier... beim Feuer.
Die Central Tejo war ein Kohlekraftwerk. Ab etwa 1909 lieferte sie Strom für Lissabon, und über Jahrzehnte wurde sie immer weiter ausgebaut, bis sie die wichtigste Stromquelle der ganzen Region war. Erst in den 1970er Jahren gingen die Kessel endgültig aus. Die Kohle kam per Schiff, über denselben Fluss, auf dem Jahrhunderte zuvor die Karavellen nach Indien aufgebrochen waren.
Drinnen arbeiteten die Heizer, die Fogueiros, vor den Kesselöfen, in Hitze, Staub und Lärm. Schichten in einer Höllenglut, damit oben in der Stadt die Straßenbahnen fuhren und die Lampen brannten. Wenn du hineingehst, stehen die gewaltigen Kessel noch da, und man spürt, wie klein ein Mensch neben diesen Maschinen gewirkt haben muss.
Heute gehört das alte Kraftwerk zum MAAT, dem Museum für Kunst, Architektur und Technologie. Der geschwungene Neubau daneben wurde 2016 eröffnet, entworfen von der britischen Architektin Amanda Levete, und seine Fassade besteht aus Tausenden dreidimensionalen Keramikfliesen, die je nach Licht weiß, silbern oder fast bläulich schimmern. Eine moderne Antwort auf Lissabons uralte Liebe zu Kacheln.
Steig auf das Dach des Neubaus, wenn es offen ist, und schau nach Westen: Dort reihen sich auf wenigen Kilometern Kloster, Turm und Denkmal der Seefahrer aneinander, das Schaufenster eines Weltreichs. Wir gehen ihm jetzt Schritt für Schritt entgegen und werden dabei auch fragen, wer für diesen Glanz bezahlt hat. Denn Lissabons Geschichte handelt nicht nur von Königen und Entdeckern, sondern auch von Menschen, die schwitzten, damit andere glänzen konnten. Überquere die Gleise über die Fußgängerbrücke und geh zur Avenida da Índia, wo ein moderner Bau voller goldener Kutschen steht.
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2. Museu Nacional dos Coches: Goldene Kutschen und ein Königsmord
Avenida da Índia 136, 1300-300 Lisboa, Portugal
Du stehst vor einem kantigen Betonbau, der auf Stützen über dem Platz zu schweben scheint, und hinter seinen Wänden glänzt es golden. Hier parken die prunkvollsten Fahrzeuge, die Europa je gebaut hat: Kutschen, bemalt, vergoldet, mit Figuren beladen, schwer wie kleine Häuser.
Die Idee hatte eine Königin. Amélie von Orléans, die Frau von König Carlos I., gründete das Museum 1905 in der königlichen Reitschule beim Palast von Belém, gleich nebenan. Sie wollte die alten Staatskarossen der Krone retten, die in Remisen vor sich hin moderten. 2015 zog die Sammlung in diesen Neubau des brasilianischen Architekten Paulo Mendes da Rocha, der dafür ebenso gelobt wie verspottet wurde.
Die Stars sind die Kutschen der Gesandtschaft des Marquês de Fontes, der 1716 im Auftrag von König João V. nach Rom zu Papst Clemens XI. reiste. Portugal schwamm damals im Gold aus Brasilien und wollte das den Römern zeigen. Die Kutschen wurden eigens in Rom gebaut, damit der feierliche Einzug der Gesandtschaft durch die Stadt möglichst viel Eindruck machte. Auf einer dieser Kutschen reichen sich zwei vergoldete Figuren die Hand: der Atlantik und der Indische Ozean, verbunden durch die portugiesische Seefahrt. Propaganda auf Rädern, so prachtvoll, dass ganz Rom staunte.
Zur Sammlung gehört aber auch ein offener Landauer, der eine dunkle Geschichte erzählt. Am 1. Februar 1908 fuhr die Königsfamilie in diesem Wagen über den großen Platz am Fluss, als Attentäter das Feuer eröffneten. König Carlos und Kronprinz Luís Filipe starben. Königin Amélie, die Gründerin dieses Museums, soll sich mit nichts als einem Blumenstrauß gegen die Schützen gewehrt haben. Zwei Jahre später, im Oktober 1910, war Portugal eine Republik.
Eine Frau gründet ein Museum für Kutschen, und am Ende steht darin der Wagen, in dem ihr Mann und ihr Sohn erschossen wurden... Geschichte hat manchmal einen grausamen Sinn für Symmetrie. Geh jetzt hinüber zum langgestreckten rosa Palast jenseits der Straße, in dem heute der Präsident der Republik seinen Amtssitz hat.
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3. Palácio de Belém: Das rosa Haus des Präsidenten
Praça Afonso de Albuquerque, 1349-022 Lisboa, Portugal
Vor dir liegt ein langgestreckter Palast in zartem Rosa, mit Wachen am Tor, und davor ein Platz mit Garten, aus dem eine hohe Säule mit einer Statue obendrauf aufsteigt. Kein Schloss zum Staunen, eher eines zum Arbeiten, und genau das ist es auch: Hier hat der Präsident der Portugiesischen Republik seinen Amtssitz.
Ursprünglich war das ein Adelssitz aus dem 16. Jahrhundert, mit Gärten bis hinunter zum Fluss. 1726 kaufte ihn König João V., der Herrscher mit dem brasilianischen Gold, und machte daraus eine königliche Residenz vor den Toren der Stadt. Und genau diese Residenz rettete der Königsfamilie wenige Jahrzehnte später das Leben.
Am Morgen des 1. November 1755, an Allerheiligen, war die Familie von König José I. hier draußen in Belém, als die Erde zu beben begann. Unten in der Stadt stürzten die Kirchen über den Gläubigen ein, Feuer brach aus, und dann rollte eine Flutwelle den Fluss herauf. Zehntausende starben. Die Unterstadt wurde danach unter dem Minister Sebastião José de Carvalho e Melo, dem späteren Marquês de Pombal, nach einem strengen Raster neu aufgebaut. Der König überlebte, aber er soll danach solche Angst vor steinernen Mauern gehabt haben, dass er jahrelang in Zelten und Holzbauten auf dem Hügel von Ajuda lebte.
Schau jetzt auf die Säule in der Mitte des Platzes. Oben steht Afonso de Albuquerque, Vizekönig von Indien, der für Portugal Goa, Malakka und Hormus eroberte, militärisch genial und rücksichtslos. Am Sockel siehst du Szenen seiner Feldzüge. Für die einen ist er der Baumeister eines Weltreichs, für andere ein Eroberer, der Städte mit Feuer und Schwert nahm. Beides ist wahr, und beides gehört zu dieser Wanderung.
Seit der Gründung der Republik ist der Palast Amtssitz der Staatsoberhäupter, und bei feierlichen Wachablösungen ziehen hier Reiter und Musikkapellen auf. Geh jetzt die Rua de Belém nach Westen entlang, vorbei an den bunten, niedrigen Fassaden. Schon von weitem wirst du eine Schlange sehen und Zimt riechen.
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4. Pastéis de Belém und Beco do Chão Salgado: Süßes Geheimnis, bittere Erde
Rua de Belém 84-92, 1300-085 Lisboa, Portugal
Riechst du das? Zimt, karamellisierter Zucker und warmer Blätterteig. Vor dir liegt eine Fassade mit blauen Markisen, davor eine Schlange, die oft bis weit auf den Gehsteig reicht, und drinnen verschwinden Kellner mit Tabletts voller kleiner, goldbrauner Törtchen in einem Labyrinth aus gekachelten Sälen.
Die Pastéis de Belém gibt es seit 1837, und ihre Geschichte beginnt nebenan im Kloster. 1834 wurden in Portugal die Orden aufgelöst, die Mönche des Hieronymitenklosters standen auf der Straße, und das Rezept für ihre Puddingtörtchen gelangte, so erzählt man, an einen Geschäftsmann, der hier eine kleine Zuckerraffinerie mit Laden betrieb. Teig, Creme, Temperatur: Das alles ist bis heute ein Geheimnis, das nur wenige Konditoren kennen, in einem verschlossenen Raum, der Geheimwerkstatt.
Überall in Portugal heißen diese Törtchen Pastéis de Nata. Nur die hier dürfen sich Pastéis de Belém nennen. Bestell sie warm und mach es wie die Lissabonner: ein wenig Zimt darüber, ein wenig Puderzucker, und dann sofort hineinbeißen, auch wenn du dir dabei die Zunge verbrennst. Die Lissabonner essen sie zu jeder Tageszeit, zum Frühstück, nach dem Mittagessen, und am liebsten mit einer Bica, dem kleinen, starken Kaffee.
Und jetzt geh ein paar Schritte weiter nach Westen und such eine schmale Seitengasse mit einer kleinen Steinsäule. Das ist der Beco do Chão Salgado, die Gasse der gesalzenen Erde. In einer Nacht im September 1758 wurde auf König José I. in seiner Kutsche geschossen. Sein allmächtiger Minister, der spätere Marquês de Pombal, machte die mächtige Adelsfamilie Távora dafür verantwortlich. Im Januar 1759 wurden mehrere ihrer Mitglieder hier in Belém öffentlich und auf grausamste Weise hingerichtet.
Ihr Palast wurde abgerissen, und man streute Salz auf den Boden, damit dort nie wieder etwas wachse. Die Säule erinnert bis heute daran. Ob die Távoras wirklich schuldig waren, darüber streiten Historiker noch immer. Süßes und Bitteres liegen in Belém nur wenige Meter auseinander. Geh jetzt weiter zum Largo dos Jerónimos und durch das Tor rechts in einen großen, grünen Garten.
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5. Jardim Botânico Tropical: Palmen und eine verschwiegene Ausstellung
Largo dos Jerónimos, 1400-209 Lisboa, Portugal
Hinter dem Tor wird es grün und schattig. Vor dir ragen hohe Palmen in den Himmel, exotische Bäume strecken ihre knorrigen Äste aus, Teiche liegen still unter dichtem Grün, und über die Wege watscheln Enten, als wäre das ihr Garten. Mitten in Belém fühlst du dich auf einmal wie auf einem anderen Kontinent.
Und genau das war die Idee. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Garten als Kolonialgarten gegründet, als Labor für Pflanzen aus Afrika, Asien und Südamerika. Hier wurde erforscht, welche Nutzpflanzen sich in den Kolonien anbauen ließen, Kaffee, Kakao, Kautschuk, alles, was Geld bringen konnte. Pflanzen und Samen kamen aus den Kolonien und von Expeditionen, und manche der Bäume hier sind weit über hundert Jahre alt. Wissenschaft im Dienst eines Imperiums.
1940 aber wurde dieser Garten zu einem Ort, über den man in Lissabon lange nicht sprechen wollte. Für die große Ausstellung der portugiesischen Welt, mit der die Diktatur sich selbst feierte, baute man hier die Kolonialabteilung mit nachgebauten Dörfern. Und in diesen Dörfern lebten Menschen, die man aus Angola, Mosambik, Guinea, Timor und anderen Kolonien hergebracht hatte, damit Besucher sie anschauen konnten. Eine Menschenschau, mitten in Europa, im Jahr 1940.
Noch heute stehen im Garten Büsten aus jener Zeit, die Menschen aus den Kolonien als Typen darstellen sollten. Man kann an ihnen vorbeigehen, ohne zu ahnen, was sie bedeuten. Inzwischen gehört der Garten zur Universität Lissabon, und in den letzten Jahren haben Historiker und Künstler begonnen, diese Geschichte offen zu erzählen.
Es ist ein schöner Garten, und das darf er auch sein. Aber er zeigt, dass hinter den Palmen der Entdeckungen immer auch die Frage steht, wer hier eigentlich wen entdeckt hat. Geh langsam, lies die Schilder an den Bäumen, und denk an die Gärtner und Forscher, aber auch an jene, die hier nicht freiwillig standen. Geh jetzt zurück zum Tor und dann rechts über den Platz. Vor dir wächst eine helle Steinfassade in die Länge, rund dreihundert Meter lang.
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6. Mosteiro dos Jerónimos: Ein Kloster aus Pfeffer
Praça do Império, 1400-206 Lisboa, Portugal
Vor dir zieht sich eine Fassade aus hellem Kalkstein in die Länge, die in der Sonne fast golden leuchtet, mit Türmchen, Fialen und einem Südportal, das aussieht wie aus Stein geklöppelte Spitze. Je näher du kommst, desto mehr entdeckst du: Taue, Muscheln, Korallen, Blätter, Armillarsphären... als hätte jemand das Meer in Stein gemeißelt.
Das ist der Manuelinische Stil, benannt nach König Manuel I., der das Kloster um 1501 in Auftrag gab, kurz nachdem Vasco da Gama den Seeweg nach Indien gefunden hatte. Bezahlt wurde es zu einem großen Teil mit einer Abgabe auf den Handel mit Afrika und dem Orient, auf Gewürze und Gold. Man könnte also sagen: Dieses Kloster ist aus Pfeffer gebaut. Die Baumeister Diogo de Boitaca und später João de Castilho arbeiteten Jahrzehnte daran.
An dieser Stelle stand früher eine kleine Kapelle, in der Vasco da Gama, so die Überlieferung, im Juli 1497 die Nacht vor seiner Abreise im Gebet verbrachte. Heute liegt er selbst hier, in einem steinernen Grabmal gleich am Eingang der Kirche, gegenüber dem Grabmal von Luís de Camões, dem Dichter, der seine Reise in den Lusiaden besungen hat. Der Seefahrer und sein Sänger, für immer Nachbarn. Und im Kreuzgang ruht seit 1985 auch Fernando Pessoa.
Achte in der Kirche auf die schlanken Säulen, die wie Palmenstämme in das Gewölbe wachsen, und auf die Königsgräber im Chor, die auf steinernen Elefanten ruhen. Elefanten! Sie erinnern daran, wie weit dieses Reich damals reichte. Beim Erdbeben von 1755 hielt das Gewölbe stand, während die halbe Stadt in Trümmer fiel.
Und das Kloster schreibt bis heute Geschichte. Am 13. Dezember 2007 unterzeichneten hier die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union den Vertrag von Lissabon, unter ihnen auch die deutsche Bundeskanzlerin. Ein Ort, der aus dem Gewinn eines Weltreichs entstand, wurde zur Bühne für ein Europa, das ohne Imperien auskommen will. Durchquere jetzt den großen Garten der Praça do Império und geh durch den Fußgängertunnel zum Fluss, wo ein riesiges steinernes Schiff auf dich wartet.
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7. Padrão dos Descobrimentos: Ein Denkmal und seine Lücken
Avenida Brasília, 1400-038 Lisboa, Portugal
Vor dir steigt ein gewaltiger weißer Schiffsbug aus dem Ufer, über fünfzig Meter hoch, und auf beiden Flanken drängen sich steinerne Gestalten hinauf zur Spitze: Seefahrer, Mönche, Kartografen, Dichter, Könige. Ganz vorn steht Heinrich der Seefahrer, eine kleine Karavelle in den Händen, und blickt hinaus auf den Fluss, als könne er den Atlantik schon sehen.
Das Denkmal ist jünger, als es aussieht. Zuerst entstand es 1940 aus vergänglichem Material für die große Propagandaausstellung der Diktatur, und 1960 wurde es aus Beton und Stein neu errichtet, zum fünfhundertsten Todestag Heinrichs. Den Entwurf lieferte der Architekt Cottinelli Telmo, die Figuren schuf der Bildhauer Leopoldo de Almeida. Zähl die Figuren: Unter all den Männern gibt es genau eine Frau, Philippa von Lancaster, Heinrichs englische Mutter. Davor liegt eine riesige Windrose im Pflaster, ein Geschenk Südafrikas, mit einer Weltkarte, auf der die Jahreszahlen der portugiesischen Fahrten eingetragen sind.
Doch dieses Denkmal erzählt nur die halbe Geschichte. Die Fahrten entlang der afrikanischen Küste, die Heinrich organisierte, brachten nicht nur Gold und Wissen. Schon 1444 wurden in Lagos an der Algarve Afrikaner versteigert, die portugiesische Schiffe verschleppt hatten, und daraus wurde ein System. Auf portugiesischen und brasilianischen Schiffen wurden über die Jahrhunderte fast sechs Millionen Menschen über den Atlantik verschleppt, mehr als unter jeder anderen Flagge.
Auch das Jahr 1960 ist kein Zufall. Während hier die Seefahrer in Stein gehauen wurden, gärte es in den Kolonien, und Anfang 1961 begann in Angola der Krieg, der Portugal dreizehn Jahre lang bluten ließ. Das Denkmal feierte ein Weltreich genau in dem Moment, in dem es zu zerbrechen begann. In Lissabon wird heute darüber gestritten, wie man an die Opfer des Sklavenhandels erinnern soll, und dass gestritten wird, ist ein gutes Zeichen.
Wenn du magst, fahr hinauf auf die Aussichtsplattform an der Spitze, von dort siehst du Kloster, Fluss und Brücke auf einen Blick. Danach geh am Ufer entlang ein kurzes Stück nach Westen, bis zu einem weißen, kantigen Pavillon, der ebenfalls aus dem Jahr 1940 stammt.
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8. Museu de Arte Popular: Die Kulisse der Ausstellung von 1940
Avenida Brasília, 1400-038 Lisboa, Portugal
Vor dir steht ein strenger, weißer Bau mit klaren Kanten, fast ein bisschen wie aus einem Baukasten. Neben dem Denkmal der Seefahrer wirkt er unscheinbar. Aber er ist einer der letzten Zeugen eines Sommers, in dem Belém zur Bühne einer Diktatur wurde.
1940 feierte Portugal gleich zwei Jubiläen: 1140, das Jahr, das das Regime als Geburtsstunde des Königreichs ausgab, und 1640, die Wiedererlangung der Unabhängigkeit von Spanien. Dafür ließ Salazar zwischen Kloster und Fluss die Exposição do Mundo Português errichten, die Ausstellung der portugiesischen Welt, mit Pavillons, Brunnen, nachgebauten Schiffen und Dörfern. Den großen Garten vor dem Kloster, die Praça do Império, durch den du eben gegangen bist, legte man eigens dafür an.
Die Ausstellung war Propaganda von Anfang bis Ende. Architekten, Maler und Bildhauer wurden in ihren Dienst genommen, und viele machten mit, aus Überzeugung oder weil es Aufträge gab. Ein Land, das von Armut und Analphabetismus geprägt war, zeigte sich als glückliche, fromme, ewige Nation mit einem Weltreich auf mehreren Kontinenten. Und das im Jahr 1940, während im übrigen Europa der Krieg tobte, den Deutschland entfesselt hatte. Portugal blieb neutral und präsentierte sich als Insel des Friedens... unter einem Regime, dessen Geheimpolizei Gegner verhaftete und folterte.
Dieser Pavillon zeigte damals das Leben auf dem Land. 1948 wurde daraus das Museum der Volkskunst: Keramik, Trachten, Körbe, Ochsenjoche, säuberlich nach Regionen geordnet. Der Chef der Propaganda, António Ferro, wollte so ein idealisiertes Bild vom einfachen, zufriedenen Volk festhalten. Die Wandmalereien in den Sälen stammen aus jener Zeit und sind heute selbst ein Stück Geschichte, ein Blick in das Selbstbild des Regimes.
Fast alle anderen Bauten der Ausstellung wurden wieder abgerissen. Geblieben sind der Garten, das Denkmal der Seefahrer und dieser Pavillon, wie Requisiten nach dem Ende eines Theaterstücks. Geh jetzt weiter am Ufer entlang nach Westen, vorbei am Jachthafen. Nach gut fünfhundert Metern siehst du ein glänzendes Flugzeug aus Metall, das scheinbar gerade über dem Wasser abhebt.
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9. Denkmal der ersten Südatlantik-Überquerung: Gago Coutinho und Sacadura Cabral
Avenida Brasília, 1400 Lisboa, Portugal
Am Ufer, mit der Nase zum Wasser, schwebt ein Doppeldecker aus glänzendem Edelstahl auf seinem Sockel, mit Schwimmern statt Rädern, als würde er gleich abheben. Möwen setzen sich auf die Tragflächen, Jogger laufen vorbei. Es ist ein Wasserflugzeug, und es erinnert an eine der kühnsten Reisen des 20. Jahrhunderts.
Am 30. März 1922 starteten in Lissabon auf dem Tejo zwei Marineoffiziere, der Pilot Sacadura Cabral und der Navigator Gago Coutinho, in einem kleinen Wasserflugzeug aus Holz und Stoff, mit offenem Cockpit. Die Etappen führten über die Kanaren und die Kapverden hinaus auf das offene Meer. Ihr Ziel war Rio de Janeiro, quer über den Südatlantik, zum hundertsten Jahrestag der Unabhängigkeit Brasiliens. Niemand hatte diese Strecke je zuvor durch die Luft bewältigt.
Das eigentliche Wunder war die Navigation. Über dem offenen Meer gab es nichts, woran man sich halten konnte, keine Küste, keine Funkfeuer. Gago Coutinho hatte deshalb einen Sextanten mit künstlichem Horizont weiterentwickelt, mit dem man auch in der Luft Sonne und Sterne messen konnte. Und so fanden sie mitten im Atlantik ein paar winzige Felsen, kaum mehr als Punkte im Ozean... genau dort, wo sie sein sollten.
Leicht war es nicht. Das erste Flugzeug wurde bei der Landung in rauer See an diesen Felsen schwer beschädigt, das zweite musste notwassern und ging verloren. Erst mit einer dritten Maschine, der Santa Cruz, erreichten die beiden am 17. Juni 1922 Rio, wo eine riesige Menge sie feierte. Das Original der Santa Cruz steht heute im Marinemuseum, im Flügel des Klosters, das du vorhin gesehen hast.
Es passt, dass dieses Denkmal ausgerechnet hier steht. Gut vierhundert Jahre nach Vasco da Gama trugen zwei Portugiesen die alte Kunst der Navigation von diesem Ufer aus in den Himmel. Gago Coutinho war übrigens auch Geograf und hatte zuvor jahrelang in Afrika Grenzen vermessen, die Grenzen der Kolonien. Geh jetzt ein Stück weiter am Wasser entlang. Vor dir taucht schon der Turm auf, das Wahrzeichen von Belém.
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10. Torre de Belém: Der Wächter und das Nashorn
Avenida Brasília, 1400-038 Lisboa, Portugal
Da steht er, im Wasser vor dem Ufer, mit dem Land nur durch einen schmalen Steg verbunden: ein weißer Turm wie aus einem Märchen, mit Zinnen in Form von Kreuzschilden, kleinen Wachtürmchen mit Kuppeln und einer zierlichen Loggia. Ein Kriegsbau, der aussieht wie ein Schmuckkästchen.
Die Torre de Belém wurde zwischen 1514 und 1519 unter König Manuel I. gebaut, nach Plänen von Francisco de Arruda, als Wachposten an der Einfahrt nach Lissabon. Damals stand sie weiter draußen im Fluss, auf einem Felsen. Seitdem hat sich das Ufer verschoben, und heute wirkt sie fast, als sei sie ans Land gespült worden. Für viele Seeleute war sie das Letzte, was sie von der Heimat sahen, und das Erste bei der Rückkehr, falls sie zurückkehrten.
Such jetzt an der Westseite, unter einem der Wachtürmchen, einen steinernen Tierkopf. Mit etwas Fantasie erkennst du ein Nashorn. 1515 kam in Lissabon ein echtes Panzernashorn an, ein Geschenk eines Sultans aus Gujarat in Indien an König Manuel, das erste lebende Nashorn in Europa seit der Römerzeit. Ganz Lissabon lief zusammen, und der König ließ es sogar gegen einen Elefanten antreten, um die alte Frage zu klären, wer stärker sei. Der Elefant floh.
Und hier kommt Deutschland ins Spiel. Ein Buchdrucker aus Mähren, der in Lissabon lebte, Valentim Fernandes, schickte eine Beschreibung des Tieres nach Nürnberg. Dort schuf Albrecht Dürer nach Brief und Skizze, ohne das Tier je gesehen zu haben, seinen berühmten Holzschnitt, mit Panzerplatten wie bei einer Ritterrüstung und einem kleinen Horn auf dem Rücken, das es nie gab. Bis ins 18. Jahrhundert stellte sich halb Europa Nashörner genau so vor.
Das echte Tier hatte weniger Glück. Manuel schickte es weiter als Geschenk an den Papst, doch das Schiff sank vor der italienischen Küste, und das Nashorn ertrank. Der Turm aber blieb und diente später auch als Gefängnis, mit Verliesen tief unten, in die, so erzählt man, bei Flut das Wasser stieg. Geh jetzt die letzten Meter am Ufer entlang nach Westen, zu einer niedrigen Festung, vor der eine Flamme brennt.
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11. Forte do Bom Sucesso: Die Namen der Kolonialkriege
Avenida Brasília, 1400-038 Lisboa, Portugal
Vor dir liegt eine niedrige Festung aus grauem Stein, flach geduckt am Ufer, und davor eine moderne Gedenkstätte mit einer Flamme, die nicht erlischt. An den Mauern ringsum stehen Namen, Reihe um Reihe, Tausende Namen, eingraviert in Stein. Manchmal siehst du ältere Männer, die nach einem bestimmten Namen suchen, mit dem Finger über den Stein fahren und dann ganz still werden.
Das Forte do Bom Sucesso wurde Ende des 18. Jahrhunderts gebaut, um gemeinsam mit dem Turm die Einfahrt in den Tejo zu sichern. Heute beherbergt die Festung ein Museum der Veteranen, und davor wurde 1994 dieses Denkmal eingeweiht, für die Soldaten, die in Übersee gefallen sind. Übersee, das klingt fern und abstrakt. Gemeint sind Angola, Guinea-Bissau und Mosambik.
Ab 1961 kämpften dort Befreiungsbewegungen für die Unabhängigkeit, und das Regime in Lissabon, das sich weigerte, die Kolonien aufzugeben, schickte Hunderttausende junge Männer in einen Krieg an drei Fronten. Mehr als achttausend portugiesische Soldaten kamen ums Leben, ihre Namen stehen hier. Die Zahl der getöteten Afrikaner, Kämpfer wie Zivilisten, war um ein Vielfaches höher, und ihre Namen stehen auf keiner Wand in Lissabon.
Am Ende zermürbte der Krieg die Armee selbst. In der Nacht zum 25. April 1974 putschten junge Hauptleute, die genug hatten, und stürzten die Diktatur, fast ohne Blutvergießen. Die Menschen steckten den Soldaten rote Nelken in die Gewehrläufe, daher der Name Nelkenrevolution. Innerhalb von etwa anderthalb Jahren wurden die afrikanischen Kolonien unabhängig, und Hunderttausende Portugiesen kehrten aus Afrika zurück, oft mit kaum mehr als einem Koffer.
Damit schließt sich der Kreis dieser Wanderung. Vom Kloster, das aus dem Gewinn der Gewürze gebaut wurde, über das Denkmal der Entdecker bis zu diesen Namen am Ufer: Hier, wo die Karavellen aufbrachen, ging das portugiesische Weltreich auch zu Ende. Bleib noch einen Moment stehen und schau auf den Fluss, der die Schiffe der Entdecker und später die Truppentransporter hinausgetragen hat. Unsere Wanderung durch Belém endet hier.