Das Erbe der Medici: Florenz zwischen San Lorenzo und Santa Maria Novella

Vom ersten Stammhaus der Bankiersfamilie über ihre Grabkapellen bis zu den Palästen der Rivalen in der Via de' Tornabuoni und der Frau, die 1737 dafür sorgte, dass die Kunst in Florenz blieb

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  1. 1. Palazzo Medici Riccardi: Das erste Haus der Dynastie

    Via Cavour 3, 50129 Firenze FI, Italy

    Du stehst vor einem Haus, das aussieht wie eine Festung, die gelernt hat, höflich zu sein. Unten wuchtige, kaum behauene Steinbuckel, darüber glattere Quader, ganz oben fast glatte Wand, und als Abschluss ein mächtiges Kranzgesims, das wie eine Hutkrempe über die Straße ragt. Das ist der Palazzo Medici Riccardi, das erste Stammhaus der Familie, die Florenz rund dreihundert Jahre lang prägen sollte.

    Gebaut wurde er ab 1444 von Michelozzo für Cosimo den Älteren, den reichsten Bankier seiner Zeit. Vasari erzählt, Cosimo habe vorher einen Entwurf von Brunelleschi abgelehnt, weil er ihm zu prächtig erschien. Er fürchtete den Neid seiner Mitbürger mehr als ein bescheidenes Haus. Das passt zu ihm: Cosimo lenkte die Republik, ohne je einen Titel zu tragen, und sein Palast sollte reich wirken, aber nicht königlich.

    Geh ein paar Schritte zur Ecke. Die Fenster im Erdgeschoss ruhen dort auf großen Konsolen, als würden sie knien, und heißen deshalb kniende Fenster. Michelangelo hat sie entworfen, als man um 1517 die ursprünglich offene Eckloggia zumauerte. In dieser Loggia hatten die Medici einst unter freiem Himmel Geschäfte gemacht. Und im Innenhof stand damals Donatellos bronzener David, nackt, lässig, mit Hirtenhut... eine Figur, wie es seit der Antike keine mehr gegeben hatte.

    Das eigentliche Juwel versteckt sich im ersten Stock: eine winzige Hauskapelle. 1459 hat Benozzo Gozzoli ihre Wände mit dem Zug der Heiligen Drei Könige bemalt, mit Pferden in Brokat, Jagdhunden, Geparden und einer Landschaft wie ein Wandteppich. Im Gefolge, so will es die Überlieferung, reiten die Medici selbst mit, und der jüngste König mit den blonden Locken wird oft als idealisierter junger Lorenzo gedeutet. Gozzoli hat sich selbst in die Menge gemalt, mit seinem Namen auf der Mütze.

    1540 zog Herzog Cosimo der Erste in den Palazzo Vecchio, und 1659 verkauften die Medici das alte Haus an die Familie Riccardi, deren Namen es bis heute trägt. Knapp achtzig Jahre später starb die Dynastie aus... und ihre letzte Erbin traf eine Entscheidung, ohne die du heute in Florenz vor vielen leeren Wänden stündest. Ihre Geschichte begleitet uns auf diesem Weg. Bevor wir zu ihren Gräbern gehen, folg deiner Nase: die Via de' Ginori hinauf und dann links, bis du eine große Halle aus Eisen und Glas siehst.

  2. 2. Mercato Centrale: Eisen, Glas und Lampredotto

    Piazza del Mercato Centrale, 50123 Firenze FI, Italy

    Riech einmal tief ein. Brot, reifer Pecorino, Basilikum, und irgendwo dazwischen etwas Dunkleres, Herzhaftes... Du stehst vor einer riesigen Halle aus Gusseisen und Glas, umringt von Marktständen mit Lederwaren, Schals und Souvenirs. Das ist der Mercato Centrale, und er gehört zu einer ganz anderen Epoche als die Medici-Paläste ringsum.

    Von 1865 bis 1871 war Florenz die Hauptstadt des jungen Königreichs Italien. Die Stadt wollte modern aussehen, riss Stadtmauern ein, zog breite Boulevards und plante, den uralten Markt im Zentrum zu beseitigen. Als Ersatz entstand diese Halle, entworfen von Giuseppe Mengoni, demselben Architekten, der in Mailand die Galleria Vittorio Emanuele gebaut hat. 1874 wurde sie eröffnet, eine Kathedrale des Essens, ganz aus Eisen, wie sie damals Paris und London bauten. Der alte Markt im Zentrum verschwand wenige Jahre später tatsächlich, und an seiner Stelle entstand die heutige Piazza della Repubblica.

    Unten findest du bis heute die alten Stände: Metzger, Gemüsehändler, Käse, Öl. Und draußen oder an den Theken das Florentiner Arme-Leute-Essen schlechthin, Lampredotto. Das ist der vierte Magen des Rindes, stundenlang mit Gemüse gekocht, in ein Brötchen gelegt, das man kurz in die Brühe taucht, dazu grüne Kräutersoße und, wer mag, scharfes Öl. Florentiner schwören darauf. Besucher brauchen manchmal einen zweiten Anlauf. Für viele Florentiner ist ein Lampredotto-Brötchen am Vormittag so selbstverständlich wie anderswo ein Croissant.

    Das Obergeschoss war lange halb leer und ist seit einigen Jahren eine große Essenshalle, laut, voll und bis in den Abend geöffnet. Wenn du nach oben schaust, siehst du die schlanken Eisenträger, die das Glasdach halten, und begreifst, warum man das damals für Zauberei hielt.

    Was das mit den Medici zu tun hat? Ziemlich viel, auf Umwegen. Dieses ganze Viertel um San Lorenzo war ihr Revier, ihre Pfarrei, ihre Klientel, die Handwerker und Händler, deren Gunst sie über Generationen pflegten. Macht in Florenz wurde nicht nur in Palästen gemacht, sondern auch auf dem Markt. Geh jetzt zwischen den Ständen der Via dell'Ariento nach Süden, bis vor dir die rohe Ziegelfassade von San Lorenzo auftaucht.

  3. 3. San Lorenzo und Michelangelos Bibliothek

    Piazza di San Lorenzo 9, 50123 Firenze FI, Italy

    Vor dir ragt eine Fassade auf, die aussieht, als hätten die Bauarbeiter gestern Feierabend gemacht: rohe Ziegel, Löcher für Gerüstbalken, kein einziges Stück Marmor. So steht San Lorenzo seit Jahrhunderten da, die Hauskirche der Medici, und genau diese Nacktheit erzählt ihre Geschichte.

    Papst Leo der Zehnte, ein Sohn Lorenzos des Prächtigen, beauftragte 1518 Michelangelo mit einer Marmorfassade. Michelangelo verbrachte Monate in den Steinbrüchen von Carrara und Pietrasanta, ließ Blöcke brechen, baute ein Holzmodell... und 1520 wurde der Vertrag einfach aufgelöst. Das Holzmodell existiert noch, es steht heute in der Casa Buonarroti. Die Fassade nie.

    Innen ist alles Ordnung und Licht. Ab etwa 1420 hat Filippo Brunelleschi die Kirche neu gebaut, mit grauen Säulen aus Pietra serena vor weißen Wänden, ein Raum, der rechnet und atmet zugleich. Vor dem Hochaltar liegt eine schlichte Grabplatte im Boden. Darunter ruht Cosimo der Ältere, und die Stadt ließ ihm nach seinem Tod 1464 den Ehrentitel Vater des Vaterlandes einmeißeln. Ganz in seiner Nähe liegt Donatello begraben, der Bildhauer, den Cosimo ein Leben lang gefördert hat. Und die Alte Sakristei, die Brunelleschi für Cosimos Vater Giovanni di Bicci baute, gilt als einer der ersten vollendeten Räume der Renaissance überhaupt.

    Links neben der Fassade führt eine Tür in den Kreuzgang, und von dort eine Treppe hinauf zur Biblioteca Medicea Laurenziana. Papst Clemens der Siebte, ebenfalls ein Medici, ließ sie ab 1524 von Michelangelo entwerfen. Der Vorraum ist ein Rätsel aus Stein: Säulen, die in der Wand stecken, Konsolen, die nichts tragen, und eine Treppe, die wie Lava herabzufließen scheint. Bartolomeo Ammannati hat sie 1559 nach Michelangelos Anweisungen vollendet.

    Im Lesesaal stehen noch die hölzernen Pulte, an die man früher die Handschriften kettete. Heute bewahrt die Bibliothek Tausende von Manuskripten, darunter den Codex Amiatinus, die älteste erhaltene vollständige lateinische Bibel, geschrieben im frühen achten Jahrhundert in England. Wissen war für die Medici Macht, und sie haben es weggesperrt und zugleich zugänglich gemacht. Geh jetzt links um die Kirche herum zu ihrer Rückseite, zur Piazza di Madonna degli Aldobrandini, wo eine gewaltige Kuppel auf dich wartet.

  4. 4. Cappelle Medicee: Fürstengräber und die letzte Medici

    Piazza di Madonna degli Aldobrandini 6, 50123 Firenze FI, Italy

    Über dir wölbt sich eine der größten Kuppeln von Florenz, und sie gehört keiner Kirche, sondern einem Grab. Hinter diesen Mauern liegen die Cappelle Medicee, die Grabkapellen der Familie, und hier wird aus einer Bankiersdynastie endgültig ein Fürstenhaus.

    Die Cappella dei Principi, die Fürstenkapelle, wurde 1604 unter Großherzog Ferdinando dem Ersten begonnen. Ihre Wände sind nicht bemalt, sondern mit Halbedelsteinen und farbigem Marmor ausgelegt, Lapislazuli, Jaspis, Achat, Stück für Stück zusammengesetzt. Für solche Arbeiten hatte Ferdinando eigens eine Hofwerkstatt gegründet, das heutige Opificio delle Pietre Dure. Gearbeitet wurde an der Kapelle bis ins 20. Jahrhundert... und von den geplanten Bronzestatuen der Großherzöge wurden nur zwei aufgestellt.

    Dann gehst du durch einen Gang und stehst plötzlich in Michelangelos Neuer Sakristei. Grauer Stein, weißer Marmor, Stille. Zwei Medici-Herzöge sitzen in Nischen, unter ihnen liegen Tag und Nacht, Morgen und Abend, Figuren, die sich wälzen, als könnten sie nicht schlafen. Lorenzo der Prächtige selbst, der berühmteste von allen, liegt hier in einem schlichten Grab unter einer Madonna. Und 1975 entdeckte man in einem Raum unter der Sakristei Kohlezeichnungen an den Wänden. Manche Forscher halten sie für Werke Michelangelos, der sich hier 1530 versteckt haben könnte. Bewiesen ist es nicht.

    In der Krypta ruht eine Frau, die du kennen solltest: Anna Maria Luisa de' Medici. 1691 heiratete sie Johann Wilhelm von der Pfalz, den Düsseldorfer Jan Wellem, und lebte über zwanzig Jahre am Rhein. Sie sah dort, wie leicht Sammlungen wandern. Die Düsseldorfer Gemäldegalerie ihres Mannes kam nach ihrem Tod nach München und ist heute ein Kern der Alten Pinakothek.

    Nach dem Tod ihres Mannes kehrte sie 1717 nach Florenz zurück, und 1737 starb ihr Bruder Gian Gastone, der letzte Großherzog, ohne Erben. Toskana ging an das Haus Lothringen, und sie blieb die letzte ihres Namens. Was sie dann tat, erfährst du am Ende des Weges. Geh jetzt die Via del Melarancio hinunter, quer über die Piazza dell'Unità Italiana, bis sich der weite Platz von Santa Maria Novella öffnet.

  5. 5. Piazza Santa Maria Novella: Die Rennbahn der Großherzöge

    Piazza di Santa Maria Novella, 50123 Firenze FI, Italy

    Stell dich an das südliche Ende des Platzes, mit dem Rücken zum Säulengang, und schau über die Wiese zur Kirche. Links und rechts stehen zwei schmale Marmorobelisken, jeder auf vier kleinen Bronzeschildkröten. Sie sehen aus wie Dekoration. In Wahrheit sind sie die Wendemarken einer Rennbahn.

    1563 führte Cosimo der Erste hier ein Wagenrennen ein, den Palio dei Cocchi, am Vorabend des Festes von San Giovanni, dem Stadtpatron. Er wollte die Zirkusspiele des alten Rom wiederbeleben, und wer Florenz regierte, sollte aussehen wie ein Cäsar. Die Wagen rasten um die Wendemarken, das Publikum drängte sich an den Rändern, und der Großherzog sah zu. Die Kurven um die Wendemarken waren eng, und Stürze gehörten zum Spektakel wie einst im Circus Maximus. Zuerst waren die Obelisken aus Holz, 1608 wurden sie durch Marmor ersetzt.

    Und die Schildkröten? Sie gelten als Werk aus dem Umfeld Giambolognas, und sie passen zu einem Motto, das die Medici liebten: Festina lente, eile mit Weile. Ein Rennen, getragen von den langsamsten Tieren der Welt... das ist florentinischer Humor in Bronze.

    Jetzt dreh dich um zum Säulengang hinter dir, der Loggia di San Paolo. Sie gehörte zu einem alten Hospital für Pilger und Kranke, und in den Bogenzwickeln sitzen weiß-blaue Terrakotta-Medaillons aus der Werkstatt der della Robbia. In der Lünette ganz am Ende begegnen sich zwei Männer in Kutten und umarmen sich: Franziskus und Dominikus, die Gründer der beiden großen Bettelorden, ein Motiv aus der Hand Andrea della Robbias.

    Dieser Platz war nie nur Bühne für Feste. Die Dominikaner, die ab 1221 hier ihre Kirche bauten, predigten auf ihm vor Tausenden, und über Jahrhunderte war er Marktplatz, Festplatz, Treffpunkt. Heute spielen hier Kinder Fußball, und Touristen aus dem nahen Bahnhof suchen ihr Hotel. Der Bahnhof gleich hinter der Kirche trägt übrigens ihren Namen, und so ist dieser Platz für viele Reisende das allererste Stück Florenz, das sie sehen. Geh nun über den Rasen zu der grün-weißen Fassade am Nordende, dem Meisterstück eines reichen Kaufmanns.

  6. 6. Santa Maria Novella: Masaccios Dreifaltigkeit

    Piazza di Santa Maria Novella 18, 50123 Firenze FI, Italy

    Lies die Inschrift, die quer über die Fassade läuft, unter dem Giebel: Iohanes Oricellarius, und dazu die Jahreszahl 1470. Das ist Giovanni Rucellai, ein Wollhändler, der hier seinen Namen größer an die Kirche schrieb als den jedes Heiligen. Er bezahlte die obere Fassade, und Leon Battista Alberti verband die alten gotischen Bögen mit Kreisen, Quadraten und Voluten zu einem Bild vollkommener Harmonie.

    Tritt ein und geh das linke Seitenschiff entlang, bis du vor einer gemalten Kapelle stehst, die es gar nicht gibt. Das ist Masaccios Dreifaltigkeit, um 1426 gemalt. Ein Tonnengewölbe mit Kassetten öffnet die Wand, als könntest du hineinsteigen, Gottvater hält das Kreuz, davor knien die Stifter. Es ist eines der ersten Gemälde überhaupt, das die neue Zentralperspektive streng durchrechnet. Masaccio war damals Mitte zwanzig und starb kurz darauf.

    Ganz unten liegt ein gemaltes Skelett auf einem Sarkophag, und darüber steht ein Satz auf Italienisch: Ich war einst, was ihr seid, und was ich bin, werdet auch ihr sein. Später verdeckte man das Fresko mit einem Altar, und erst im 19. Jahrhundert kam es wieder ans Licht.

    Hinter dem Hochaltar wartet die Tornabuoni-Kapelle. Zwischen 1485 und 1490 malte Domenico Ghirlandaio hier mit seiner Werkstatt das Leben Marias und Johannes des Täufers, und die biblischen Szenen spielen in Florentiner Wohnzimmern voller eleganter Damen. Auftraggeber war Giovanni Tornabuoni, der Onkel Lorenzos des Prächtigen, denn Lorenzos Mutter Lucrezia war eine Tornabuoni. In der Szene der Geburt Marias tritt eine junge Frau in Goldbrokat auf, die meist als Ludovica Tornabuoni gedeutet wird, die Tochter des Stifters.

    Und noch etwas: In dieser Kirche beginnt eines der berühmtesten Bücher Europas. In Boccaccios Decamerone treffen sich im Pestjahr 1348 sieben junge Frauen hier nach der Messe und beschließen, aufs Land zu fliehen und sich Geschichten zu erzählen. Wenn du wieder draußen bist, geh links um die Kirche herum in die Via della Scala. Dort duftet es nach Rosen.

  7. 7. Officina Profumo-Farmaceutica di Santa Maria Novella

    Via della Scala 16, 50123 Firenze FI, Italy

    Hinter einem unscheinbaren Tor in der Via della Scala öffnet sich ein langer Gang, und dann trifft dich der Duft: Rosen, Iris, Lavendel, etwas Bitteres von Kräutern. Du betrittst die Officina Profumo-Farmaceutica di Santa Maria Novella, eine Apotheke, die älter ist als die meisten Staaten Europas.

    Schon bald nach ihrer Ankunft 1221 begannen die Dominikanermönche, in ihrem Klostergarten Heilkräuter zu ziehen. Sie destillierten Wässer, mischten Salben und Arzneien für die Kranken im Kloster. 1612 öffnete die Apotheke offiziell ihre Türen für die Öffentlichkeit, und die Großherzöge schätzten ihre Produkte so sehr, dass sie sie unter ihren Schutz stellten.

    Die berühmteste Geschichte des Hauses ist eine Legende. Die Mönche sollen für Caterina de' Medici, die 1533 nach Frankreich heiratete und Königin wurde, ein besonderes Duftwasser gemischt haben, das man Acqua della Regina nannte, das Wasser der Königin. Ob Caterina damit wirklich den Pariser Hof eroberte, lässt sich nicht beweisen. Aber die Erzählung zeigt, wie eng Duft, Medizin und Macht in Florenz verwoben waren.

    Wenn du weitergehst, kommst du durch Säle mit dunklen Holzregalen, Porzellangefäßen, Glaskolben und alten Destillierapparaten. Rosenwasser war damals kein Luxus, sondern Medizin: Man glaubte, gute Düfte vertrieben die schlechte Luft, aus der nach damaliger Vorstellung die Pest kam. Die Wände sind bemalt, die Decken gewölbt, und in einer früheren Kapelle des Klosters verkauft man heute Seifen und Parfums. Berühmt ist das Haus auch für seinen Alkermes, einen leuchtend roten Kräuterlikör, ohne den kein Florentiner Großmutterrezept für Zuppa inglese auskommt.

    Im 19. Jahrhundert wurden in Italien viele Klöster aufgehoben, und die Apotheke ging in weltliche Hände über. Doch sie arbeitet weiter, an demselben Ort, nach jahrhundertealten Rezepten. Für die Medici war Wissen über Pflanzen auch Wissen über Gesundheit, Gift und Gegengift... kein harmloses Hobby in einer Familie, in der Gerüchte über Vergiftungen nie verstummten. Geh jetzt die Via della Scala ein Stück weiter und dann links über die Via del Porcellana zum Arno hinunter, zur Kirche der Vespucci.

  8. 8. Ognissanti: Botticelli, Simonetta und Amerigo Vespucci

    Borgo Ognissanti 42, 50123 Firenze FI, Italy

    Vor dir öffnet sich ein Platz zum Arno hin, und an seiner Stirnseite steht eine Kirche mit einer hellen Barockfassade, eine der frühesten ihrer Art in Florenz. Das ist Ognissanti, Allerheiligen, und ihre Fassade stammt von 1637, von Matteo Nigetti, demselben Architekten, der die Fürstenkapelle der Medici baute.

    Gegründet wurde die Kirche im 13. Jahrhundert von den Humiliaten, einem Laienorden, der mit Wolle arbeitete und am Fluss Tücher wusch und färbte. Ringsum wohnten Handwerker und Kaufleute, darunter eine Familie, deren Name heute auf zwei Kontinenten steht: die Vespucci.

    Drinnen, in der Kapelle der Familie, malte der junge Domenico Ghirlandaio um 1472 eine Schutzmantelmadonna. Unter ihrem ausgebreiteten Mantel drängen sich die Vespucci, und die Überlieferung sagt, einer der Jungen sei Amerigo. Amerigo Vespucci arbeitete später für einen Zweig der Medici, ging nach Sevilla und segelte über den Atlantik. 1507 schrieb ein deutscher Kartograf, Martin Waldseemüller, seinen Vornamen auf eine Weltkarte... und so heißt ein ganzer Erdteil Amerika.

    Nun zur berühmtesten Vespucci, die nie eine geborene war. Simonetta Cattaneo heiratete in die Familie ein und galt als schönste Frau von Florenz. Beim großen Turnier von 1475 trug Giuliano de' Medici, der Bruder Lorenzos, ihr Bild auf seinem Banner. Ein Jahr später starb sie, erst zweiundzwanzig, und wurde hier begraben. Sandro Botticelli, der in diesem Viertel aufwuchs, liegt seit 1510 ebenfalls in Ognissanti. Die Legende will, dass er zu ihren Füßen ruhen wollte, und dass ihr Gesicht in seiner Venus weiterlebt. Belegt ist nichts davon, geglaubt wird es trotzdem.

    An den Wänden des Langhauses hängen sich zwei Gelehrte gegenüber, beide 1480 gemalt: Botticellis heiliger Augustinus und Ghirlandaios heiliger Hieronymus, ein stiller Wettstreit zweier Meister. Die Franziskaner, die die Kirche später übernahmen, bewahren hier zudem eine Kutte, die der heilige Franziskus getragen haben soll. Geh jetzt zurück in die Stadt, durch die Via della Vigna Nuova oder die Via della Spada, bis zur Piazza Antinori am oberen Ende der Via de' Tornabuoni.

  9. 9. Via de' Tornabuoni und Palazzo Antinori

    Piazza degli Antinori 3, 50123 Firenze FI, Italy

    Du stehst am oberen Ende der Via de' Tornabuoni, der elegantesten Straße von Florenz. Rechts der strenge, ebenmäßige Palazzo Antinori aus hellem Sandstein, gegenüber die barocke Kirche San Gaetano, und vor dir senkt sich die Straße mit ihren Schaufenstern sanft zum Arno.

    Die Straße trägt den Namen der Tornabuoni, einer reichen Familie, die mit den Medici eng verschwägert war. Lucrezia Tornabuoni heiratete Piero de' Medici und wurde die Mutter Lorenzos des Prächtigen. Sie war eine kluge Geschäftsfrau, schrieb religiöse Dichtung und lenkte im Hintergrund die Heiratspolitik der Familie, ein seltener Fall von Macht, die eine Frau des 15. Jahrhunderts offen ausübte.

    Nun zum Palazzo Antinori. Er wurde in den 1460er Jahren für einen anderen Bauherrn errichtet, und 1506 kauften ihn die Antinori. Die Familie war schon 1385 in der Zunft der Weinhändler eingeschrieben und handelt bis heute mit Wein, seit mehr als sechshundert Jahren und über zwei Dutzend Generationen hinweg. Wenige Familien Europas können eine solche Kette vorweisen. Der Palast selbst ist ein Lehrstück der frühen Renaissance: glatte, präzise Quader, kaum Schmuck, Strenge als Zeichen von Geschmack.

    Schau links neben dem Portal nach einer winzigen, gerahmten Öffnung in der Mauer, kaum größer als ein Buch. Das ist eine Buchetta del vino, ein Weinfenster. Durch solche Öffnungen verkauften die großen Familien den Wein von ihren Landgütern direkt an Passanten, ohne Zwischenhändler. Während der Pest im 17. Jahrhundert reichte man durch sie Flaschen hinaus, ohne dass sich Käufer und Verkäufer berührten... und 2020, in der Pandemie, öffneten einige Weinfenster in Florenz tatsächlich wieder.

    Weiter unten in der Straße standen einst die Häuser der Tornabuoni selbst, und heute reihen sich hier die großen Modehäuser aneinander, in Palästen, die einst Bankiers gehörten. Geld hat in dieser Straße seine Form gewechselt, aber nie seinen Ort. Geh jetzt die Via de' Tornabuoni hinunter. Nach wenigen Schritten ragt links ein Palast auf, so riesig, dass er die ganze Straße zu beherrschen scheint.

  10. 10. Palazzo Strozzi: Der Palast der Rivalen

    Piazza degli Strozzi, 50123 Firenze FI, Italy

    Leg den Kopf in den Nacken. Dieser Palast ist ein einziger Block aus Stein, drei Seiten frei, jede Fassade mit Buckelquadern, die nach oben hin immer flacher werden. An den Ecken hängen schmiedeeiserne Laternen und Ringe für Fackeln und Pferde. Das ist der Palazzo Strozzi, und er ist größer als das Haus der Medici, mit dem du begonnen hast. Das war kein Zufall.

    Die Strozzi waren die großen Rivalen der Medici. Als Cosimo der Ältere 1434 aus dem Exil zurückkehrte, mussten führende Strozzi die Stadt verlassen. Filippo Strozzi wuchs im Exil auf, machte in Neapel ein Vermögen als Bankier und durfte 1466 heimkehren. Nun wollte er der Stadt zeigen, wer er war... aber er musste vorsichtig sein, denn ohne Lorenzos Zustimmung baute in Florenz niemand so groß.

    Man erzählt, Filippo habe sich bescheiden gestellt und von einem schlichten Haus gesprochen, bis Lorenzo selbst ihn drängte, großzügiger zu bauen, zur Ehre der Stadt. Ob die Anekdote stimmt, wissen wir nicht. Sicher ist, dass der Grundstein im August 1489 gelegt wurde, zu einer Stunde, die Astrologen berechnet hatten. Filippo starb schon 1491 und hat den Palast nie fertig gesehen.

    Schau dir das Gesims hoch oben an. Es stammt von dem Architekten, den man Il Cronaca nannte, und wenn du um die Ecke gehst, siehst du, dass es nicht ganz rundherum läuft. Das Geld ging aus. Und die eisernen Laternen schmiedete ein Meister namens Niccolò Grosso, den alle nur Caparra nannten, die Anzahlung, weil er ohne Vorschuss keinen Hammer hob.

    Die Rivalität endete blutig. Filippo Strozzi der Jüngere stellte sich gegen Herzog Cosimo den Ersten, wurde 1537 bei Montemurlo geschlagen und starb ein Jahr später im Kerker der Fortezza da Basso. Heute ist der Palast einer der großen Ausstellungsorte Italiens, und im Innenhof sitzt man ganz friedlich im Schatten. Geh jetzt in die Via della Vigna Nuova, die rechts von der Via de' Tornabuoni abzweigt, zu einem Palast, der leiser, aber revolutionärer ist.

  11. 11. Palazzo Rucellai: Die Fassade, die alles veränderte

    Via della Vigna Nuova 18, 50123 Firenze FI, Italy

    Auf den ersten Blick wirkt dieser Palast bescheiden neben dem Koloss der Strozzi. Aber schau genau hin: Flache Pilaster gliedern die Fassade, Stockwerk über Stockwerk, wie am Kolosseum in Rom, und dazwischen ein feines Netz aus Fugen. Der Palazzo Rucellai war um 1450 das erste Haus in Florenz, das sich mit der Grammatik der Antike kleidete.

    Bauherr war derselbe Giovanni Rucellai, dessen Namen du auf der Fassade von Santa Maria Novella gelesen hast. Der Entwurf stammt von Leon Battista Alberti, ausgeführt wurde er wohl von Bernardo Rossellino. Giovanni führte ein Hausbuch, das Zibaldone, und darin steht sinngemäß, er habe mehr Freude daran gehabt, Geld auszugeben, als es zu verdienen. Wenn man diese Fassade sieht, glaubt man es ihm sofort.

    Jetzt such im Fries über dem Erdgeschoss die Embleme. Da sind geblähte Segel, das Zeichen der Rucellai, das Glück, das der Wind bringt. Und daneben Ringe mit Diamanten, das Zeichen der Medici. 1466 heiratete Giovannis Sohn Bernardo die Nannina de' Medici, die Schwester Lorenzos des Prächtigen, und die Familie schrieb dieses Bündnis buchstäblich in Stein.

    Geh an die rechte Kante des Palastes. Die Fassade hört dort mitten im Muster auf, mit ausgefransten Steinen, als hätte jemand ein Stück abgebrochen. Geplant war eine breitere Front, doch das Nachbarhaus ließ sich nicht dazukaufen, und so blieb der Palast unvollendet. Gegenüber steht die kleine Loggia der Rucellai, in der die Familie ihre Feste feierte. Eine solche Loggia war die Bühne, auf der eine Familie bei Hochzeiten, Taufen und Trauerfeiern öffentlich zeigte, wer zu ihr gehörte.

    Und ganz in der Nähe, in der ehemaligen Kirche San Pancrazio, ließ sich Giovanni von Alberti ein marmornes Nachbild des Heiligen Grabes von Jerusalem bauen, als Grabkapelle. Zur gleichen Zeit, als die Medici von ihren Grabkapellen träumten, hatte ein Wollhändler sich schon ein kleines Jerusalem vor die Haustür geholt. Geh jetzt durch die Via del Parione oder die Via del Purgatorio nach Süden zur Piazza Santa Trinita, wo eine Säule mitten auf dem Platz steht.

  12. 12. Santa Trinita und die Sassetti-Kapelle: Ein Schluss mit Weitblick

    Piazza di Santa Trinita, 50123 Firenze FI, Italy

    Mitten auf dem Platz steht eine Granitsäule, oben eine Figur der Gerechtigkeit. Die Säule stammt aus den Caracalla-Thermen in Rom, ein Geschenk des Papstes an Cosimo den Ersten, und sie markiert die Stelle, an der der Herzog 1537 die Nachricht vom Sieg bei Montemurlo erhalten haben soll. Der Sieg über die Strozzi, die du gerade kennengelernt hast.

    Hinter dir liegt die Kirche Santa Trinita, mit einer Fassade von Bernardo Buontalenti aus den 1590er Jahren. Geh hinein und rechts nach vorn zur Kapelle neben dem Altarraum. Francesco Sassetti, der Generaldirektor der Medici-Bank, ließ sie zwischen 1483 und 1485 von Domenico Ghirlandaio ausmalen, mit dem Leben des heiligen Franziskus.

    Nun der Trick: Die Bestätigung der Ordensregel spielt nicht in Rom, sondern auf der Piazza della Signoria, mit dem Palazzo Vecchio im Hintergrund. Und am Rand steht, als wäre er zufällig vorbeigekommen, Lorenzo der Prächtige neben seinem Bankdirektor. Vorne steigen die Söhne Lorenzos mit ihrem Lehrer, dem Dichter Poliziano, eine Treppe empor. Ein Heiligenbild als Familienalbum der Macht.

    Nur wenige Jahre später zerbrach dieses Florenz. Lorenzo starb 1492, die Medici-Bank brach zusammen, die Familie wurde 1494 vertrieben. Sie kam zurück, wurde zu Herzögen und Großherzögen... bis 1737 Gian Gastone als Letzter starb. Und hier schließt sich unser Kreis. Im Oktober 1737 unterzeichnete Anna Maria Luisa, die Witwe aus Düsseldorf, mit dem neuen Haus Lothringen den Familienpakt. Alle Kunstschätze der Medici, Gemälde, Statuen, Bibliotheken, Juwelen, sollten für immer in Florenz bleiben, zur Zierde des Staates, zum Nutzen der Öffentlichkeit und um die Neugier der Fremden anzuziehen.

    Denk an die Alte Pinakothek in München, wohin die Sammlung ihres Mannes gewandert war. Anna Maria Luisa wusste, wie schnell eine Stadt ihre Schätze verlieren kann, und sie hat Florenz davor bewahrt. Jedes Jahr am 18. Februar, ihrem Todestag, gedenkt die Stadt ihrer. Wenn du heute in den Uffizien vor Botticelli stehst, dann auch ihretwegen. Geh zum Lungarno hinunter, schau auf den Fluss... und sag ihr leise danke.