Dantes Florenz: Geschlechtertürme, Blutfehden und die Göttliche Komödie
Ein Spaziergang durch das mittelalterliche Florenz: vom Grab seines Lehrers über Wohntürme, den Mord am Buondelmonte und Dantes Viertel bis zum Bargello, wo man ihn verurteilte, und zum Turm einer anderen verbannten Familie
Florence · 12 stops · 29 min audio · Generated
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1. Santa Maria Maggiore: Das Grab von Dantes Lehrer
Vicolo di Santa Maria Maggiore 1, 50123 Firenze FI, Italy
Bleib an der Ecke stehen, wo der Verkehr der Via de' Cerretani vorbeirauscht, und schau hinauf an den alten Glockenturm. Ziemlich weit oben ragt aus dem Mauerwerk ein kleiner steinerner Frauenkopf, und die Florentiner haben ihr sogar einen Namen gegeben: Berta.
Die Legende erzählt von einer Frau, die an ihrem Fenster stand, als man 1327 den Dichter und Astrologen Cecco d'Ascoli zum Scheiterhaufen führte. Sie soll ihn verhöhnt haben, und er soll ihr geantwortet haben, sie werde nie wieder von dort herunterkommen. Und so sitzt sie seit Jahrhunderten in der Wand. Eine andere Version macht aus ihr eine fromme Gemüsehändlerin, die das Geld für die Glocke stiftete. Such dir aus, welche dir besser gefällt.
Innen ist Santa Maria Maggiore eine der ältesten Kirchen der Stadt, dunkel und kühl. Und hier liegt ein Mann, ohne den es die Göttliche Komödie vielleicht nie gegeben hätte: Brunetto Latini, Notar, Politiker und Gelehrter. Er schrieb sein großes Lehrbuch, den Tresor, auf Französisch, im Exil in Frankreich, nachdem die Guelfen 1260 bei Montaperti geschlagen worden waren. Für den jungen Dante war er so etwas wie ein geistiger Vater.
Und dann tut Dante etwas Ungeheuerliches. Im fünfzehnten Gesang der Hölle trifft er seinen Lehrer wieder, unter den Sündern, die auf einer Ebene aus brennendem Sand unter einem Regen aus Feuer umherirren. Er begegnet ihm mit größter Zärtlichkeit, nennt ihn den, der ihn lehrte, wie der Mensch sich unsterblich macht... und lässt ihn trotzdem in der Hölle. Liebe und Urteil im selben Atemzug, das ist Dante.
Brunetto starb 1294, als Dante Ende zwanzig war. Wie viele Florentiner, die das Grab in dieser stillen Kirche nie gesehen haben, haben trotzdem seinen Namen gehört, nur weil sein Schüler ihn ins Feuer gestellt hat? Geh jetzt die Via dei Vecchietti hinunter, nach Süden, bis sich vor dir ein großer, viel zu großer Platz mit einem Triumphbogen öffnet.
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2. Piazza della Repubblica und das Caffè Giubbe Rosse
Piazza della Repubblica 13, 50123 Firenze FI, Italy
Du stehst auf dem einzigen Platz der Altstadt, der sich nicht nach Florenz anfühlt: breite Arkaden, ein Triumphbogen, ein Karussell, Hotelfassaden wie in Turin oder Mailand. Und genau das war die Absicht.
Hier lag seit der Römerzeit das Herz der Stadt, das Forum und später der Mercato Vecchio, der Alte Markt, umgeben vom Ghetto, mit Kirchen, Türmen und Gassen aus Dantes Zeit. Als Florenz ab 1865 für einige Jahre Hauptstadt Italiens war, wollte man modern werden. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts riss man das ganze Viertel ab. Die Inschrift auf dem Bogen feiert, das alte Zentrum sei aus jahrhundertelangem Elend zu neuem Leben erweckt worden... viele Florentiner sahen das ganz anders. Nur die Säule mit der Figur des Überflusses erinnert noch daran, dass hier einst die Wege des römischen Florenz zusammenliefen.
Und jetzt schau zur Seite, auf das Café mit den roten Markisen: die Giubbe Rosse. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts von deutschen Brüdern als Bierlokal eröffnet, bekam es seinen Namen von den roten Jacken der Kellner. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde es das Wohnzimmer der Florentiner Avantgarde, der Maler, Dichter und Streithähne.
Die berühmteste Szene: 1911 hatte der Maler und Kritiker Ardengo Soffici eine Ausstellung der Futuristen in Mailand verrissen. Marinetti, Boccioni und Carrà nahmen den Zug nach Florenz, suchten ihn hier im Café und es gab Ohrfeigen und eine Schlägerei. Kurz darauf versöhnte man sich, und 1913 gründeten Soffici und Giovanni Papini die Zeitschrift Lacerba, eines der lautesten Sprachrohre des Futurismus. Später saß hier der junge Eugenio Montale, der viele Jahre danach den Nobelpreis für Literatur bekommen sollte.
Von Dante zu den Futuristen in ein paar hundert Metern: Florenz hat nie aufgehört, um Worte zu streiten. Verlass den Platz durch die Arkaden an der Südseite und geh in die Via Porta Rossa. Nach wenigen Schritten steht links ein hoher, schmaler Palast mit einer Loggia ganz oben.
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3. Palazzo Davanzati: Wohnen wie im Mittelalter
Via Porta Rossa 13, 50123 Firenze FI, Italy
Leg den Kopf in den Nacken und folge der Fassade nach oben, Stockwerk um Stockwerk, bis zur offenen Loggia unter dem Dach. Dieser Palast ist schmal und hoch, wie ein Turm, der beschlossen hat, ein Haus zu werden, und das ist kein Zufall.
Er entstand im 14. Jahrhundert für die Kaufmannsfamilie Davizzi, in einer Zeit, in der die alten Geschlechtertürme gerade an Macht verloren. Um 1250 hatte die Stadt angeordnet, die Türme der Adelsfamilien zu kappen, und viele wurden auf eine bestimmte Höhe gestutzt. Die reichen Kaufleute bauten danach nicht mehr wehrhaft in die Höhe, aber sie dachten noch in Türmen: unten Laden und Lager, oben Wohnen, ganz oben die Küche, damit Rauch und Feuer weit weg vom Rest blieben.
Innen ist es, als hätte man die Bewohner gerade erst hinausgebeten. In der Wand läuft ein Brunnenschacht durch alle Etagen, sodass man in jedem Stockwerk Wasser heraufziehen konnte, ein Luxus im Mittelalter. Im großen Saal sind die Wände mit gemalten Stoffen und Papageien bedeckt, und es gibt sogar Abtritte, Toiletten, im Haus. Truhen, Betten und Geschirr sind so aufgestellt, wie ein reicher Haushalt um 1400 sie besessen haben könnte.
Das schönste Zimmer liegt weiter oben, ein Schlafzimmer. Ringsum läuft ein Fries, der eine ganze Geschichte erzählt: den französischen Versroman von der Kastellanin von Vergy, eine heimliche Liebe, ein gebrochenes Versprechen, ein tödliches Ende. Stell dir vor, du wachst jeden Morgen in einem Liebesroman auf, der schlecht ausgeht... Die Florentiner um 1400 lasen offenbar gern Literatur an der Wand.
1578 kaufte die Familie Davanzati das Haus. Ein Mitglied, Bernardo Davanzati, übersetzte Tacitus in ein berühmt knappes Italienisch. Anfang des 20. Jahrhunderts machte der Antiquar Elia Volpi daraus ein Museum, später übernahm es der Staat. Geh nun ein paar Schritte weiter zur Via delle Terme und dann links in den kleinen, versunkenen Platz mit der romanischen Kirche, der Piazza del Limbo.
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4. Santi Apostoli: Die Feuersteine vom Heiligen Grab
Piazza del Limbo 1, 50123 Firenze FI, Italy
Steig die paar Stufen zu diesem kleinen Platz hinunter: Er liegt tiefer als die Straßen ringsum, weil hier das Pflaster des Mittelalters erhalten geblieben ist. Vor dir eine schlichte romanische Fassade, die man übersieht, wenn man nicht weiß, dass sie da ist.
Der Platz heißt Piazza del Limbo, und der Name ist gruselig. Nach der Überlieferung lag hier ein Friedhof für Kinder, die vor der Taufe gestorben waren, und die nach damaliger Lehre im Limbus landeten, der Vorhölle. Dante hat diesen Ort der Ungetauften übrigens im vierten Gesang der Hölle beschrieben, als stillen Ort ohne Strafe, aber ohne Hoffnung.
Eine Tafel an der Fassade behauptet stolz, Karl der Große habe die Kirche gegründet. Das ist eine Legende, gebaut wurde sie wohl im 11. Jahrhundert. Aber innen spürst du, warum Brunelleschi diese Kirche bewundert haben soll: schlanke Säulen, runde Bögen, klare Linien, als wäre die Antike nie ganz untergegangen.
Und hier liegt der Schlüssel zum verrücktesten Fest der Stadt. In der Kirche werden Feuersteine aufbewahrt, die der Legende nach ein Florentiner namens Pazzino de' Pazzi 1099 vom Heiligen Grab in Jerusalem mitbrachte, als Lohn dafür, dass er als Erster die Mauern erklomm. Jeden Ostersonntag schlägt man damit ein neues Feuer, trägt es in einer Prozession zum Dom, und dort entzündet eine Rakete in Form einer Taube einen mit Feuerwerk beladenen Wagen. Wenn alles gut knallt, gilt das für die Ernte als gutes Zeichen. Das Fest heißt Scoppio del Carro, die Explosion des Wagens.
Ausgerechnet die Pazzi. Dieselbe Familie, die 1478 im Dom versuchte, Lorenzo und Giuliano de' Medici zu ermorden, trug vorher Jahrhunderte lang das heilige Feuer. Ganz in der Nähe steht übrigens der Palazzo di Parte Guelfa, das Hauptquartier der Partei, die Dantes Florenz beherrschte. Geh nun zurück zur Via Por Santa Maria, Richtung Ponte Vecchio, bis zu einem Turm mit zwei kleinen Löwenköpfen.
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5. Torre degli Amidei: Der Mord, der Florenz spaltete
Via Por Santa Maria 9, 50122 Firenze FI, Italy
Such an der Via Por Santa Maria den schmalen, steinernen Turm, der zwischen den Nachkriegshäusern steht, und schau auf die zwei kleinen Löwenköpfe an der Fassade. Die Florentiner nennen sie liebevoll die Leoncini. Sie haben eine der blutigsten Geschichten der Stadt gesehen.
Ostern 1216, so erzählen es die Chronisten. Ein junger Adliger, Buondelmonte de' Buondelmonti, ist mit einer Tochter aus dem Haus der Amidei verlobt. Doch eine Frau aus der Familie Donati zeigt ihm ihre schönere Tochter, und er bricht das Versprechen. Für die Amidei ist das eine Schande, die nur mit Blut abzuwaschen ist. Bei der Beratung soll ein Mann namens Mosca dei Lamberti den Satz gesagt haben, den man in Florenz bis heute kennt: Cosa fatta capo ha. Was getan ist, ist getan.
Am Ostermorgen reitet Buondelmonte in weißem Gewand über den Ponte Vecchio zu seiner Hochzeit. Am Ende der Brücke, beim alten Standbild des Mars, ziehen die Verschwörer ihn vom Pferd und erstechen ihn, praktisch vor dieser Haustür. Die Chronisten sahen darin den Beginn des Streits zwischen Guelfen und Ghibellinen in Florenz, der die Stadt über ein Jahrhundert zerreißen sollte.
Dante hat das nie vergessen. In der Hölle trifft er Mosca dei Lamberti unter den Säern der Zwietracht, mit abgehackten Händen, die Stümpfe in die Luft gereckt. Und im Paradies klagt sein Ahnherr Cacciaguida, wie viel Unglück Buondelmonte über Florenz gebracht habe, als er seine Hochzeit floh. Ohne diese Fehde gäbe es wohl auch Dantes Exil nicht, denn er war am Ende selbst ein Opfer der Parteikämpfe.
Und die Straße um dich herum trägt Narben einer viel späteren Gewalt. Im August 1944 sprengten die abziehenden deutschen Truppen die Häuser an beiden Enden des Ponte Vecchio, um den Vormarsch der Alliierten aufzuhalten. Der Amidei-Turm wurde dabei schwer beschädigt und danach wiederhergestellt, deshalb wirkt er zwischen den neuen Fassaden wie ein Überlebender. Geh jetzt die Via Por Santa Maria und die Via dei Calzaiuoli nach Norden, vorbei an der Zunftkirche Orsanmichele, und biege dann rechts zu einem runden Turm ab.
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6. Torre della Pagliazza: Der runde Turm über den römischen Thermen
Piazza di Sant'Elisabetta 3, 50122 Firenze FI, Italy
Auf diesem winzigen Platz steht etwas, das es in Florenz eigentlich nicht gibt: ein runder Turm. Alle anderen Türme der Stadt sind eckig, kantig, wie Fäuste in die Luft gereckt. Dieser hier ist rund, gedrungen, aus grobem Stein, und er ist älter als fast alles um dich herum.
Die Torre della Pagliazza gilt als eines der ältesten Bauwerke von Florenz. Sie steht auf den Resten römischer Thermen, und man vermutet, dass sie im frühen Mittelalter, vielleicht in byzantinischer Zeit, als Teil einer Befestigung entstand. Als man das Gebäude restaurierte, kamen römische Mauern und Böden zum Vorschein, ein paar Meter unter dem heutigen Pflaster.
Ihren Namen hat sie von einer traurigen Zeit. Im Mittelalter diente der Turm als Gefängnis für Frauen, und die Gefangenen schliefen auf Stroh, auf paglia. Daher Pagliazza, der Strohturm. In Dantes Jugend war dies also ein Ort, an dem man Frauen einsperrte, mitten im dichtesten Viertel der Stadt, ein paar Schritte von den Häusern seiner Familie entfernt.
Damit bist du mitten im Wald der Türme angekommen. Im 13. Jahrhundert ragten in Florenz Dutzende, manche sagen weit über hundert Geschlechtertürme in den Himmel, jeder einer Familie, jeder eine kleine Festung. Man verband sie mit Holzbrücken zu Bündnissen, man belagerte sie bei Fehden, man warf Steine vom einen zum anderen. Die Stadt sah aus wie San Gimignano, nur größer und lauter. Die Pagliazza selbst gehört heute zu einem Hotel, und in ihrem Inneren werden römische Funde gezeigt... ein Gefängnis, in dem man jetzt freiwillig schläft.
Als die Kommune stärker wurde, ließ sie die Türme kürzen. Was du heute siehst, sind Stümpfe einer Skyline, die Dante noch kannte, und die er in seinem großen Gedicht so vermisst wie verachtet: die alte, kleine, nüchterne Stadt gegen die neue, stolze, reiche. Geh nun die kleine Via dei Cerchi entlang und dann links, zur Via Santa Margherita. Dort beginnt Dantes eigenes Viertel.
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7. Casa di Dante, Santa Margherita de' Cerchi und die Torre della Castagna
Via Santa Margherita 1, 50122 Firenze FI, Italy
Du stehst in einer engen Gasse zwischen dunklen Steinmauern, vor einem Haus mit Zinnen und einer Büste an der Wand. Ehrlich gesagt: Das ist nicht Dantes Haus. Die Casa di Dante wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von der Stadt neu errichtet, ungefähr dort, wo die Häuser der Alighieri gestanden haben sollen. Aber die Gasse, die Kirche gegenüber und der Turm um die Ecke, die hat Dante wirklich gesehen.
Hier in diesem Viertel wurde Dante 1265 geboren, in eine Familie von bescheidenem Adel. Gleich gegenüber steht die winzige Kirche Santa Margherita de' Cerchi, die die Florentiner die Kirche Dantes nennen. Der Überlieferung nach heiratete er hier Gemma Donati, und hier soll auch Beatrice Portinari begraben sein, die Frau, die er als Neunjähriger zum ersten Mal sah und sein ganzes Leben lang besang.
Geh hinein, wenn sie offen ist. Vor einer Grabplatte steht oft ein Korb voller Zettel: Liebesbriefe, Bitten, Geständnisse, die Menschen an Beatrice schreiben, damit sie ihnen in der Liebe hilft. Ob sie wirklich hier liegt, ist unsicher... aber die Briefe werden trotzdem jeden Tag mehr.
Und jetzt zum Turm an der kleinen Piazza San Martino, der Torre della Castagna. 1282 versammelten sich hier die ersten Prioren, die neue Regierung der Zünfte, denn einen Palazzo Vecchio gab es noch nicht. Damit niemand sie bestechen oder bedrohen konnte, schlossen sie sich während ihrer Amtszeit im Turm ein. Und abgestimmt, so heißt es, wurde mit Kastanien, castagne, daher der Name.
Dante selbst war im Sommer 1300 einer der Prioren, zwei Monate lang. Er nannte diese Zeit später den Anfang all seines Unglücks: Zwei Jahre danach wurde er verbannt und kehrte nie zurück. Die Kirche gleich neben dem Turm, San Martino, war die Pfarrei seiner Familie. Geh nun durch die Via Dante Alighieri bis zur Via del Proconsolo. Rechts erhebt sich ein spitzer Glockenturm, dessen Glocken Dante noch im Paradies hörte.
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8. Badia Fiorentina: Die Glocke im Paradies und Boccaccios Vorlesungen
Via del Proconsolo, 50122 Firenze FI, Italy
Stell dich an die Ecke von Via Dante Alighieri und Via del Proconsolo und schau hinauf zum Glockenturm der Badia, sechseckig, mit einer spitzen Haube, eine der schönsten Silhouetten der Stadt. Von hier aus hat diese Abtei jahrhundertelang den Florentinern gesagt, wie spät es ist.
Gegründet wurde die Badia, die Abtei, im Jahr 978 von Willa, der Mutter des Markgrafen Ugo von Tuszien. Ugo selbst liegt drinnen in einem Grabmal von Mino da Fiesole, und noch heute wird an seinem Todestag im Dezember eine Messe für ihn gelesen. Über tausend Jahre Gedenken für einen Markgrafen, das schafft kaum eine Stadt.
Jetzt zu Dante. Im Paradies lässt er seinen Ururgroßvater Cacciaguida vom alten Florenz schwärmen, als die Stadt noch innerhalb ihrer alten Mauern lag, von der aus sie noch die Terz und die Non schlägt, und in Frieden lebte, nüchtern und keusch. Diese Glocke, die die Gebetsstunden schlug, war die Glocke der Badia. Dante schreibt das im Exil, weit weg, und er hört sie trotzdem.
Und dann, im Oktober 1373, gut fünfzig Jahre nach Dantes Tod, geschah hier etwas Neues. Die Stadt, die Dante verbannt hatte, bezahlte nun einen Mann dafür, sein Gedicht öffentlich zu erklären: Giovanni Boccaccio, den Autor des Decameron. Boccaccio las und kommentierte die Gesänge vor Publikum, Vers für Vers, die erste öffentliche Dante-Vorlesung der Geschichte. Er kam allerdings nur bis zum siebzehnten Gesang der Hölle, dann wurde er krank, und 1375 starb er. Boccaccio war es auch, der das Gedicht göttlich nannte, und aus diesem Beiwort wurde später der Titel, unter dem wir es heute kennen: Göttliche Komödie.
Wenn du hineinkommst, such das Bild von Filippino Lippi, die Erscheinung der Madonna vor dem heiligen Bernhard, mit einem Heiligen, der so ruhig schreibt, als hätte er alle Zeit der Welt. Und denk daran, dass gegenüber der Mann residierte, der Dante verurteilt hat. Geh jetzt den Borgo degli Albizi entlang nach Osten, vorbei an alten Palästen, bis zu einem Platz mit einem einsamen Bogen.
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9. Piazza San Pier Maggiore: Das Revier der Donati
Piazza di San Pier Maggiore, 50122 Firenze FI, Italy
Auf diesem kleinen Platz steht ein Bogen mitten im Nichts, ein Portikus mit drei Öffnungen, hinter dem keine Kirche mehr kommt, sondern Häuser und eine Gasse. Am Rand des Platzes ragt ein gekappter Turm auf, die Torre dei Corbizzi. Dieser Platz ist ein Rest von etwas, das verschwunden ist.
Hinter dem Bogen stand die Kirche San Pier Maggiore, eine der wichtigsten der Stadt. Hierher kam jeder neue Bischof von Florenz, bevor er sein Amt antrat, und vollzog einen seltsamen Brauch: eine symbolische Hochzeit mit der Äbtissin des Klosters, mit Ring. 1784 war die Kirche baufällig und wurde abgerissen. Nur der Säulengang der Fassade blieb stehen.
Im Mittelalter war das hier das Revier der Donati, einer der stolzesten Familien von Florenz. Ihr Anführer Corso Donati war der Kopf der Schwarzen Guelfen. Gegen sie standen die Weißen, angeführt von den Cerchi, neureichen Bankiers, deren Häuser du vorhin bei Santa Margherita gesehen hast. Und Dante? Er hielt zu den Weißen. Als die Schwarzen 1301 mit Hilfe des Papstes und eines französischen Prinzen die Macht übernahmen, war sein Schicksal besiegelt: Anfang 1302 wurde er verbannt und später zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt, falls er je zurückkehrte.
Das Verrückte ist: Dantes eigene Frau war eine Donati. Gemma, Corsos Verwandte. Und in der Komödie tauchen die Donati gleich mehrfach auf. Seinen Freund Forese Donati trifft er im Purgatorium, ausgemergelt unter den Schlemmern. Foreses Schwester Piccarda begegnet ihm im Paradies, sanft und leuchtend. Und Corso, den mächtigen Bruder, lässt Dante in einer Prophezeiung von einem Pferd zu Tode geschleift werden. Corso starb tatsächlich 1308 auf der Flucht.
Eine Familie, drei Schicksale: Hölle für den Politiker, Läuterung für den Freund, Paradies für die Schwester. So rechnet ein Dichter ab, der keine Armee hat. Geh nun nach Süden, über die Via Giuseppe Verdi und an der Flanke von Santa Croce vorbei, fast bis an den Arno. Dort wartet ein großer Bau aus dem frühen 20. Jahrhundert.
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10. Biblioteca Nazionale Centrale: Bücher im Schlamm
Piazza dei Cavalleggeri 1, 50122 Firenze FI, Italy
Vor dir steht ein mächtiger Bau am Arno mit einer langen, feierlichen Fassade, ganz anders als die mittelalterlichen Gassen, durch die du gekommen bist. Hier liegt das Gedächtnis Italiens in Papier: die Biblioteca Nazionale Centrale, die Nationalbibliothek.
Ihr Kern ist das Vermächtnis eines einzigen, besessenen Lesers. Antonio Magliabechi, Bibliothekar der Medici, lebte im 17. Jahrhundert zwischen Bücherbergen, schlief angeblich angezogen in einem Sessel zwischen seinen Bänden und vermachte bei seinem Tod 1714 seine riesige Sammlung der Stadt, unter der Bedingung, dass sie öffentlich sei. Daraus wuchs die Bibliothek, die seit dem 19. Jahrhundert ein Exemplar jedes in Italien gedruckten Buches erhalten sollte. Das heutige Gebäude entstand im frühen 20. Jahrhundert, nahe am Fluss.
Und genau diese Nähe wurde zum Verhängnis. Am 4. November 1966 trat der Arno über die Ufer. Das Wasser stieg in diesem Viertel um Santa Croce auf mehrere Meter, voller Schlamm und Heizöl. In den Kellern der Bibliothek standen Zeitungen, Bücher, Handschriften, nach Schätzungen weit über eine Million Bände wurden beschädigt.
Was dann geschah, hat die Stadt nie vergessen. Aus ganz Italien und aus dem Ausland kamen junge Leute, Studenten, Freiwillige, die man bald die Angeli del fango nannte, die Engel des Schlamms. Sie bildeten Menschenketten aus dem Keller heraus und reichten die nassen, stinkenden Bücher von Hand zu Hand. Die Restaurierung dauerte Jahrzehnte, und in dieser Arbeit entstanden Methoden der Papierrestaurierung, die heute weltweit benutzt werden. Florenz spricht bis heute mit großer Dankbarkeit von ihnen, und zu den Jahrestagen der Flut kehren viele, inzwischen grauhaarig, in die Stadt zurück.
Für einen Dante-Spaziergang ist das kein Umweg, und gleich wirst du sehen, wo sein Unglück begann. Dante hat Florenz verloren, aber seine Worte hat die Stadt aufbewahrt, abgeschrieben, gedruckt, kommentiert und am Ende sogar aus dem Schlamm gezogen. Geh jetzt über die Piazza Santa Croce und durch den Borgo dei Greci nach Westen, bis eine mittelalterliche Festung mit Zinnen vor dir aufragt. Dort wurde Dante verurteilt.
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11. Bargello: Der Palast, der Dante verurteilte
Via del Proconsolo 4, 50122 Firenze FI, Italy
Vor dir ragt eine Festung auf: grober Stein, Zinnen, ein Turm, kleine Fenster weit oben. Kein Palast, um zu gefallen, sondern einer, um Angst zu machen. Wenn du um die Ecke auf die Piazza San Firenze trittst, steht dir gegenüber die barocke Fassade von San Firenze, und der Kontrast könnte nicht größer sein.
Ab 1255 gebaut, war dies der Palast des Podestà, des obersten Richters der Stadt, den man immer von auswärts holte, damit er keiner Florentiner Partei gehörte. Später saß hier der Polizeichef, der Bargello, und das Gebäude wurde Gefängnis. Im Innenhof wurden Todesurteile vollstreckt, bis Großherzog Pietro Leopoldo 1786 die Todesstrafe in der Toskana abschaffte, als einer der ersten Herrscher in Europa.
1302 wurde von einem Podestà, Cante de' Gabrielli aus Gubbio, das Urteil gegen Dante gesprochen: Bestechlichkeit im Amt, eine Anklage, die heute niemand mehr glaubt. Dante sollte zahlen, er erschien nicht, und so verlor er alles. Und 1479 hing aus einem Fenster dieses Palastes einer der Mörder des Giuliano de' Medici. Der junge Leonardo da Vinci stand unten und zeichnete ihn, mit Notizen zur Farbe seiner Kleider.
Jetzt die Pointe. Oben im Palast liegt die Kapelle des Podestà, ausgemalt von der Werkstatt Giottos. Jahrhunderte lang war sie Gefängniszelle, Lagerraum, übertüncht. 1840 legte man die Fresken frei, und unter den Seligen des Paradieses erkannte man ein junges Profil mit Kappe: Dante. Es gilt als das älteste erhaltene Bildnis des Dichters. Im selben Gebäude, in dem man ihn verurteilte, steht er mitten im Himmel.
Heute ist der Bargello das Nationalmuseum der Skulptur, mit Donatellos Bronze-David, Werken von Michelangelo und Cellini. Wenn du später wiederkommst, such oben das Gesicht im Paradies. Geh nun über die Piazza San Firenze und durch die Via dei Neri nach Osten bis zur Via de' Benci. An der Ecke zum Borgo Santa Croce steht ein Turm mit einer offenen Loggia.
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12. Torre degli Alberti: Eine Familie im Exil und die Sprache Dantes
Via de' Benci 1, 50122 Firenze FI, Italy
An der Ecke von Via de' Benci und Borgo Santa Croce steht ein schlanker Steinturm, und unten öffnet er sich zu einer kleinen Loggia mit Säulen, wo früher Geschäfte gemacht und Neuigkeiten getauscht wurden. Such am Mauerwerk nach dem Wappen mit den gekreuzten Ketten: Es gehört den Alberti, einer der reichsten Kaufmannsfamilien des alten Florenz.
Die Alberti handelten mit Tuch und Geld bis nach Flandern und England, und das ganze Viertel zwischen Santa Croce und dem Fluss war ihr Revier. Doch Reichtum schützte in Florenz vor nichts. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts gerieten sie mit der herrschenden Partei um die Albizzi aneinander, und die Familie wurde verbannt, über Jahrzehnte.
Das ist Dantes Schicksal, nur hundert Jahre später. 1404 kam im Genueser Exil ein Junge zur Welt, der Florenz erst als junger Mann richtig kennenlernte: Leon Battista Alberti. Er wurde Architekt, Mathematiker, Theoretiker der Malerei, ein Universalgelehrter, bevor man das Wort kannte. Die Fassade von Santa Maria Novella stammt von ihm, und sein Buch über die Malerei widmete er Brunelleschi.
Aber hier zählt etwas anderes: die Sprache. Gelehrte schrieben damals Latein und hielten das Toskanische für eine Sprache für Marktfrauen. Alberti widersprach. Er schrieb seine Bücher über die Familie auf Italienisch, und 1441 veranstaltete er im Dom einen Dichterwettstreit, den Certame coronario, bei dem nur Gedichte in der Volkssprache zugelassen waren. Die gelehrten Richter vergaben den Preis an niemanden... und spendeten ihn dem Dom. Die Volkssprache, die Dante mit seiner Komödie geadelt hatte, musste sich ihren Platz immer noch erkämpfen.
Schau jetzt die Via de' Benci hinunter zum Fluss. Dort liegt der Ponte alle Grazie, den Dante noch als Ponte Rubaconte kannte. Im zwölften Gesang des Purgatoriums nennt er ihn und die Kirche San Miniato oben auf dem Hügel, die über der gut regierten Stadt thront... ein bitterer Spott aus dem Mund eines Verbannten. Die alte Brücke sprengten deutsche Truppen im August 1944, die heutige ist ein Neubau. Dante starb 1321 in Ravenna, und erst 2008 hob der Stadtrat von Florenz sein Urteil symbolisch auf. Du aber bist heute durch seine Stadt gegangen, vom Grab seines Lehrers bis hierher. Geh noch die paar Schritte bis zum Arno und schau zu San Miniato hinauf, so wie er es im Exil vor sich gesehen hat.