Amsterdam am Wasser: Östliche Hafeninseln, NEMO und die Python-Brücke

Vom Speicherdock über Renzo Pianos grünes Schiff bis zu Java, KNSM und Borneo-Sporenburg: wie Amsterdam seinen verlassenen Hafen in ein Labor moderner Architektur verwandelte

Amsterdam · 11 stops · 28 min audio · Generated

  1. 1. Entrepotdok: Die lange Mauer der Speicher

    Entrepotdok, 1018 Amsterdam, Netherlands

    Geh ein paar Schritte am Kai entlang und lass den Blick über die Speicher wandern: Giebel an Giebel, dunkler Backstein, Fensterläden in Reihe, ganz oben unter dem Dach die Ladebalken mit ihren Haken. Unten im Wasser schaukeln Hausboote, manche mit Blumentöpfen und Fahrrädern an Deck. Die ganze Häuserzeile wirkt wie eine einzige, sehr lange Mauer.

    Entrepot ist ein französisches Wort und bedeutet so viel wie Zwischenlager. Ab 1827 durften Kaufleute hier Waren einlagern, ohne sofort Zoll zu bezahlen: Kaffee, Tabak, Zucker, Gewürze, Wein. Abgerechnet wurde erst, wenn die Ladung in der Stadt verkauft wurde. Reiste sie weiter, nach Deutschland, nach England oder in den Ostseeraum, verdiente Amsterdam trotzdem mit, an Lagergeld, Umschlag und Handel. So wollte die Stadt nach den mageren Jahren der französischen Zeit wieder zur Drehscheibe werden.

    Mit vierundachtzig Speichern war das Ensemble eines der größten Lagerhausgelände seiner Zeit in Europa. Das Gelände war abgeschlossen und bewacht, und Zöllner kontrollierten jede Kiste, die hinein- oder hinauswollte. Die ältesten Speicher sind sogar älter als das Zolllager selbst, sie stammen noch aus dem 18. Jahrhundert. Stell dir den Lärm vor: Flaschenzüge, Rufe, rollende Fässer, der Geruch von Kaffee und Teer.

    Im 20. Jahrhundert wurde all das überflüssig. Die Schiffe wurden zu groß für die alten Docks, die Ware reiste mit Bahn und Lastwagen, und in den 1970er-Jahren standen die Speicher leer und verfielen. Dass sie überlebten, war keineswegs selbstverständlich. In den 1980er-Jahren wurden sie zu Wohnungen umgebaut, und weil die tiefen Gebäude innen dunkel waren, mussten die Architekten Licht dorthin holen, wo früher nur Säcke und Kisten im Halbdunkel lagen.

    Das ist das Leitmotiv dieses Spaziergangs: Amsterdam reißt seinen alten Hafen nicht einfach ab, es erfindet ihn neu. Du wirst gleich sehen, wie aus Kais, Speichern und Gleisanlagen ein Labor der modernen Architektur wurde. Auf der anderen Seite des Wassers beginnt übrigens der Zoo Artis. Geh jetzt nach Norden zum Oosterdok, bis über dem Eingang des IJ-Tunnels ein grüner Schiffsbug in den Himmel ragt.

  2. 2. NEMO: Renzo Pianos grünes Schiff

    Oosterdok 2, 1011 VX Amsterdam, Netherlands

    Vor dir steigt ein riesiger grüner Rumpf aus dem Wasser, schräg und kantig, wie der Bug eines Ozeandampfers, der gerade in die Stadt hineinfahren will. Die Fassade schimmert im typischen Grün von altem Kupfer, und auf seinem Rücken führt eine breite Treppe nach oben, als könnte man einfach an Deck spazieren.

    Das ist NEMO, das Wissenschaftsmuseum der Stadt, entworfen von dem italienischen Architekten Renzo Piano, der zusammen mit Richard Rogers schon das Centre Pompidou in Paris gebaut hatte. Eröffnet wurde es 1997. Das Erstaunliche ist, worauf es steht: Direkt darunter verschwindet der Autoverkehr im IJ-Tunnel unter dem Wasser. Piano musste ein Haus auf eine Tunnelrampe setzen, und er machte aus der Not eine Form. Der schräge Rumpf steigt auf, wie die Straße darunter abtaucht.

    Und das Dach ist eigentlich gar kein Dach, sondern ein öffentlicher Platz: eine schräge Terrasse mit breiten Stufen, auf denen man sitzen, picknicken und in die Sonne blinzeln kann. Von oben siehst du über das Oosterdok, über die Dächer und Kirchtürme der Altstadt und hinüber zu den Kränen und Fähren am IJ. Für viele Amsterdamer ist das einer der schönsten Aussichtspunkte der Stadt, und er liegt mitten im Hafen.

    Der Start war allerdings holprig. Das Museum hieß zuerst newMetropolis, die Besucherzahlen blieben hinter den Erwartungen zurück, und schon nach kurzer Zeit wurde das Geld knapp. Im Jahr 2000 begann es unter dem neuen Namen NEMO noch einmal von vorn. Heute gehört es zu den meistbesuchten Museen des Landes, und an Regentagen wimmelt es drinnen von Familien und Schulklassen, die Experimente ausprobieren.

    Bei dem Namen denken viele an Kapitän Nemo aus dem Roman von Jules Verne, den Kapitän eines Unterseeboots... ziemlich passend für ein Schiff, das über einem Tunnel unter dem Wasser liegt. Schau dich noch einmal um: Ringsum im Oosterdok liegen historische Schiffe vor Anker, und Pianos Bau fügt sich zwischen sie, als gehöre er zur Flotte. Geh jetzt über die Brücke zurück und am Wasser entlang nach Westen, bis ein hoher, heller Bau mit weit vorspringendem Dach vor dir steht.

  3. 3. OBA Oosterdok: Das Wohnzimmer der Stadt

    Oosterdokskade 143, 1011 DL Amsterdam, Netherlands

    Schau an dem hellen Bau hinauf: eine glatte Fassade, große Fensterflächen, und ganz oben ragt das Dach weit über die Kante hinaus wie der Schirm einer Mütze. Wenn du hineingehst, fahren Rolltreppen durch ein offenes, lichtes Atrium nach oben, Stockwerk um Stockwerk, und überall sitzen Menschen: Studenten mit Laptops, Rentner mit Zeitungen, Kinder auf Sitzkissen.

    Das ist die OBA, die Openbare Bibliotheek Amsterdam, die Zentrale der städtischen Bibliotheken. Als sie 2007 eröffnete, wurde sie als größte öffentliche Bibliothek Europas gefeiert. Entworfen hat sie Jo Coenen, der einige Jahre lang Rijksbouwmeester war, oberster Architekt des niederländischen Staates. Merk dir den Namen: Coenen begegnet dir auf diesem Spaziergang noch einmal, weiter östlich auf dem KNSM-eiland.

    Die Idee dahinter: eine Bibliothek nicht als stiller Tempel für Bücherwürmer, sondern als Wohnzimmer der ganzen Stadt. Es gibt Arbeitsplätze und Leseecken, Musik, Computer, Ausstellungen, Bereiche für Kinder, und ganz oben ein Restaurant mit Terrasse. Von dort liegt dir Amsterdam zu Füßen: die Dächer der Altstadt, die Masten der Schiffe im Oosterdok und jenseits des IJ der Norden mit seinen neuen Türmen. Viele kommen nur wegen dieser Aussicht... und bleiben dann doch bei einem Buch hängen.

    Der Boden, auf dem du stehst, war bis vor wenigen Jahrzehnten ein ganz anderer Ort. Das Oosterdokseiland, die Insel östlich des Hauptbahnhofs, war lange ein Gelände für Bahn und Post, abgeschnitten von der Stadt, ein Ort, an den man nur zum Arbeiten kam. Erst um die Jahrtausendwende begann man, hier einen neuen Stadtteil mit Büros, Wohnungen, Hotels und dieser Bibliothek zu bauen. Die Bibliothek wurde zu seinem Herzstück.

    Ein schönes Paradox: Ausgerechnet in einer Zeit, in der alle sagten, das Internet mache Bibliotheken überflüssig, baute Amsterdam die größte, die es je hatte, und sie ist fast immer voll. Geh jetzt hinüber zum Ufer des IJ und dann nach Osten, bis vor dir ein großer gläserner Kasten auf einer Landzunge im Wasser steht.

  4. 4. Muziekgebouw aan 't IJ: Ein Glaskasten für Musik

    Piet Heinkade 1, 1019 BR Amsterdam, Netherlands

    Vor dir steht ein riesiger Glaskasten auf einer Landzunge im Wasser, mit einem weit vorspringenden Dach, das wie eine Hutkrempe über den Platz ragt. Und an seiner Seite, wie angeklebt, hängt eine schwarze Box an der Fassade, als hätte jemand eine Schachtel an das Haus gesteckt und dort vergessen.

    Das ist das Muziekgebouw aan 't IJ, das Musikgebäude am IJ, eröffnet 2005 und entworfen von dem dänischen Architekturbüro 3XN. Es ist vor allem ein Haus für neue und zeitgenössische Musik, für Ensembles, die Klänge ausprobieren, die man im klassischen Konzertsaal selten hört. Abends leuchtet der Kasten wie eine riesige Laterne über dem IJ, und genau so war es gedacht: Musik, die man schon von außen ahnt. Der große Saal lässt sich für ganz verschiedene Aufführungen verwandeln, und durch die Glaswände des Foyers schaust du in den Pausen direkt auf Wasser und Schiffe.

    Die schwarze Box ist das Bimhuis, einer der bekanntesten Jazzclubs Europas. Musiker gründeten ihn Anfang der 1970er-Jahre, und jahrzehntelang spielte er in der Altstadt, bevor er 2005 hierher zog, in diese schwebende Kiste. Drinnen sitzt du nah an der Bühne, und hinter den Musikern öffnet sich ein großes Fenster auf die Lichter der Stadt und die Gleise. Ein Saxofonsolo vor vorbeifahrenden Zügen... das gibt es so wohl nur hier.

    Schau jetzt auf das Wasser. Das IJ war früher ein Arm der Zuiderzee, und hier legten einst Segelschiffe aus der ganzen Welt an. Jahrhundertelang war das Ufer ein Ort der Arbeit, voller Speicher, Kräne und Kais, für die Bewohner der Stadt kaum zugänglich. Heute pendeln Fähren hinüber nach Amsterdam-Noord, und der Kai, auf dem du stehst, ist eine Promenade für alle.

    Das ist vielleicht die größte Veränderung, die dieser Spaziergang zeigt: Amsterdam hat sich jahrhundertelang mit dem Rücken zum IJ gebaut, und jetzt dreht es ihm sein Gesicht zu. Konzerthaus, Bibliothek, Museum, alle schauen aufs Wasser. Folge jetzt der Piet Heinkade nach Osten. Gleich siehst du ein langes, flaches Gebäude mit einem geschwungenen Dach, vor dem manchmal ein schwimmendes Hochhaus liegt.

  5. 5. Passagierterminal an der Piet Heinkade: Wo die Ozeanriesen anlegen

    Piet Heinkade 27, 1019 BR Amsterdam, Netherlands

    Schau dir das lange, flache Gebäude mit dem geschwungenen Dach an, das sich hebt und senkt wie eine Welle. Liegt gerade ein Kreuzfahrtschiff am Kai, ragt dahinter eine weiße Wand mit Hunderten Balkonen auf, höher als die meisten Häuser der Altstadt. Liegt keins da, wirkt der Kai fast verlassen... und genau dieser Wechsel macht den Ort so seltsam.

    Das Passagierterminal wurde um die Jahrtausendwende eröffnet, als Amsterdam begann, sich wieder dem Wasser zuzuwenden. Der Kai selbst ist viel älter. Die Oostelijke Handelskade, der östliche Handelskai, entstand Ende des 19. Jahrhunderts, nachdem der neue Hauptbahnhof auf einer Insel vor der Altstadt die Stadt vom IJ abgeschnitten hatte. Der Bahnhof gab Amsterdam eine prächtige Fassade zum Wasser, die in Wahrheit eine Mauer war. Die Häfen wanderten nach Osten, und hier legten Dampfer an, die Kaffee, Tabak und Getreide in die Speicher entluden.

    Die Straße hinter dir trägt einen Namen, den jedes niederländische Kind kennt: Piet Hein. 1628 kaperte dieser Admiral vor der Küste Kubas die spanische Silberflotte, eine der größten Beuten, die der Westindien-Kompanie je gelang. Die Aktionäre bekamen eine gewaltige Dividende, und Piet Hein wurde zum Volkshelden. Bis heute singen Kinder ein Lied über ihn und seine Silberflotte.

    Von Kais wie diesem verließen im 19. und 20. Jahrhundert unzählige Menschen Europa für immer, auf dem Weg in die Kolonien, nach Nord- und Südamerika. Heute kommen hier Touristen für einen Tag an und fahren abends weiter. Diese Besuchermassen sind in Amsterdam umstritten: 2023 beschloss der Gemeinderat, die großen Kreuzfahrtschiffe langfristig aus der Innenstadt zu verbannen. Wie lange dieses Terminal noch seinen Zweck erfüllt, ist also offen.

    Merk dir die Auswanderer, denn auf sie triffst du auf diesem Spaziergang noch einmal, in einem Hotel, in dem die Gäste nicht ankommen, sondern fortwollten. Geh jetzt weiter nach Osten, die Piet Heinkade entlang, bis eine Brücke mitten durch einen alten Lagerhausblock aus Backstein führt. Ja, wirklich: mitten hindurch.

  6. 6. Pakhuis De Zwijger: Die Brücke durch den Speicher

    Piet Heinkade 179, 1019 HC Amsterdam, Netherlands

    Schau genau hin, das ist kein Fehler im Stadtplan: Die Brücke vor dir führt nicht neben dem alten Backsteinspeicher vorbei, sondern mitten durch ihn hindurch. Radfahrer und Fußgänger verschwinden in einem Durchgang im Lagerhaus und tauchen auf der anderen Seite wieder auf, auf dem Weg hinüber zum Java-eiland.

    Der Speicher heißt De Zwijger, der Schweiger, nach Wilhelm von Oranien, dem Anführer des niederländischen Aufstands gegen Spanien, den man Willem de Zwijger nannte. Gebaut wurde er in den 1930er-Jahren als Kühlhaus. Hier lagerten verderbliche Waren, die mit den Schiffen ankamen, hinter dicken Mauern und mit wenigen Fenstern, damit die Kälte drinnen blieb. Für ein Lagerhaus war das erstaunlich modern, ein Zeichen dafür, dass der Hafen in den 1930er-Jahren noch fest an seine Zukunft glaubte.

    Als der Hafen nach Westen zog, standen die Kühlhallen leer. Dann kamen die Pläne für die neuen Wohninseln im Osten, und die brauchten eine Verbindung zur Stadt. Der Speicher stand genau im Weg. Am Ende fand man eine Lösung, die typisch für Amsterdam ist: Die neue Brücke wurde einfach durch das Gebäude hindurchgeführt, und das alte Kühlhaus blieb stehen, mit einem Loch im Bauch.

    Die Brücke trägt den Namen von Jan Schaefer, einem Sozialdemokraten, der als Stadtrat die Stadterneuerung vorantrieb. Berühmt ist er für einen Satz, den in Amsterdam bis heute fast jeder kennt: In geouwehoer kan je niet wonen. Frei übersetzt: In Gequatsche kann man nicht wohnen. Er wollte bauen statt reden, Wohnungen statt Konferenzen... und die Inseln, die du gleich betrittst, entstanden ganz in diesem Geist.

    Und jetzt die Pointe: Heute ist De Zwijger ein Kultur- und Debattenzentrum, in dem Amsterdam über sich selbst streitet, über Wohnungsnot, Klima, Tourismus und die Zukunft der Stadt. Ausgerechnet im Haus des Schweigers wird also am meisten geredet. Jan Schaefer hätte das vermutlich mit einem Grinsen kommentiert. Geh jetzt durch den Speicher und über die Brücke auf das Java-eiland, und dann ein Stück nach Osten, bis kleine Grachten die Insel quer durchschneiden.

  7. 7. Java-eiland: Grachtenhäuser des 21. Jahrhunderts

    Java-eiland, 1019 Amsterdam, Netherlands

    Bleib auf einer der kleinen Brücken stehen und schau nach links und rechts: Eine schmale Gracht schneidet quer durch die Insel, gesäumt von hohen, schmalen Häusern, jedes ein bisschen anders, mit großen Fenstern, Balkonen und ungewohnten Farben. Es wirkt wie die Altstadt im Kleinformat, nur dass hier kaum etwas älter ist als dreißig Jahre.

    Das Java-eiland ist eine künstliche Insel, um 1900 im IJ angelegt für eine Reederei, deren Dampfer nach Niederländisch-Ostindien fuhren, nach Java, Sumatra und Batavia, dem heutigen Jakarta. Daher der Name. Die Insel war lang, schmal und hatte nur einen einzigen Zweck: Schiffe beladen und entladen. Gewohnt hat hier niemand, gearbeitet haben hier Hunderte.

    Als der Hafen verschwand, bekam der Architekt Sjoerd Soeters den Auftrag, hier ein Wohnviertel zu planen. Soeters baut gern mit Witz, Farbe und einem Augenzwinkern, und das sieht man bis heute. Seine Idee war so frech wie einfach: Er holte das alte Amsterdam auf die Insel. Vier kleine Grachten wurden quer durch das Land gegraben, mit Brücken darüber, und an ihren Ufern stehen schmale Häuser, entworfen von vielen verschiedenen Architekten. So entsteht dieselbe lebendige Abfolge von Fassaden wie an der Herengracht, nur eben in der Sprache unserer Zeit.

    Schau dir die Brücken über die Grachtjes genauer an: Jede sieht anders aus, mal geschwungen, mal kantig, mit eigenwilligen Geländern, fast wie kleine Skulpturen. Kinder rennen darüber, Bewohner sitzen mit einem Kaffee auf den Stufen am Wasser, und an den langen Außenkais liegen Hausboote. Zwischen den Grachten verbinden ruhige Innenhöfe und Wege die Wohnblöcke, und Autos spielen hier kaum eine Rolle.

    Vergiss bei aller Idylle nicht, woher der Name kommt. Die Schiffe, die hier ablegten, versorgten eine Kolonie, deren Reichtum mit Zwang und Gewalt erwirtschaftet wurde, und das Geld floss zu einem guten Teil in diese Stadt zurück. Heute erinnert daran auf der Insel kaum mehr als ein Name auf den Schildern. Geh jetzt weiter nach Osten, bis die Insel ohne Bruch in die nächste übergeht: das KNSM-eiland.

  8. 8. KNSM-eiland: Piraeus und die Schiffe nach Süden

    KNSM-laan, 1019 Amsterdam, Netherlands

    Vor dir steht ein mächtiger Wohnblock aus dunklem Klinker, dessen Dachlinie an einer Seite abknickt und ansteigt, als hätte jemand an einer Ecke gezogen. Lange Fensterreihen, dahinter ein großer Innenhof. Das ist Piraeus, und schon der Name verrät, wohin von hier aus einmal die Schiffe fuhren.

    Die Insel trägt den Namen der Koninklijke Nederlandsche Stoomboot-Maatschappij, der Königlich Niederländischen Dampfschiff-Gesellschaft, kurz KNSM. Die Gesellschaft war 1856 gegründet worden und wurde zu einer der großen Reedereien des Landes. Ab Anfang des 20. Jahrhunderts hatte sie hier ihren Heimathafen. Ihre Schiffe fuhren ins Mittelmeer und in die Levante und über den Atlantik nach Surinam und in die Karibik. Deshalb heißen die Kais hier Levantkade und Surinamekade, und ein Wohnblock nebenan heißt Barcelona.

    Mit der Zeit der Container war es damit vorbei. Die Schifffahrt zog in größere, modernere Häfen, die Hallen standen leer, und in den 1980er-Jahren zogen Künstler und Hausbesetzer ein. Sie lebten in alten Büros und Kantinen, richteten Ateliers und Werkstätten ein und feierten Feste am Kai. Als die Bagger kamen, gab es Streit, und am Ende überlebten ein paar der alten Gebäude den Umbau.

    Den Plan für die neue Insel zeichnete Jo Coenen, derselbe Architekt wie bei der Bibliothek am Oosterdok. Er setzte auf das Gegenteil von Java: keine kleinen, schmalen Häuser, sondern große, monumentale Blöcke, die mit dem weiten Wasser und dem riesigen Himmel mithalten können. Piraeus, entworfen von dem Berliner Architekten Hans Kollhoff, ist das berühmteste Beispiel, fertiggestellt Mitte der 1990er-Jahre. Kollhoff ließ den Block nicht stur rechteckig, sondern faltete und hob ihn, damit Licht und Ausblicke für alle bleiben.

    Achte auf die Größe: Ein einziger dieser Blöcke hat mehr Wohnungen als manches Dorf. Und doch fühlt sich die Insel ruhig an, fast wie am Meer, mit Wind, Möwen und weitem Blick über das Wasser. Geh jetzt zurück nach Westen und über den Damm nach Süden, bis an der Oostelijke Handelskade ein großes, ernstes Backsteingebäude vor dir steht.

  9. 9. Lloyd Hotel: Das Hotel der Auswanderer

    Oostelijke Handelskade 34, 1019 BN Amsterdam, Netherlands

    Vor dir steht ein großes, ernstes Gebäude aus Backstein, streng gegliedert, mit regelmäßigen Fensterreihen. Es sieht eher nach Behörde aus als nach Urlaub. Und doch war es von Anfang an ein Hotel... nur eines, in dem die Gäste nicht ankommen, sondern fortwollten.

    Die Reederei Koninklijke Hollandsche Lloyd ließ das Haus als Unterkunft für Auswanderer bauen, die mit ihren Schiffen nach Südamerika fahren wollten, vor allem nach Brasilien und Argentinien. 1921 wurde es eröffnet. Viele der Gäste kamen aus Mittel- und Osteuropa, darunter zahlreiche jüdische Familien, die Armut und Verfolgung hinter sich lassen wollten. Hier warteten sie auf ihr Schiff, wurden untersucht, registriert, und schliefen in großen Sälen, oft zum ersten Mal in ihrem Leben in einem fremden Land.

    Doch das Geschäft mit den Auswanderern brach bald ein, und die Reederei geriet in Schwierigkeiten. Was danach kam, ist eine düstere Abfolge. Im Zweiten Weltkrieg nutzten die deutschen Besatzer das Haus als Gefängnis. Nach dem Krieg blieb es ein Ort hinter Gittern, jahrzehntelang eine Strafanstalt für Jugendliche. Wo einmal Menschen auf ein neues Leben gewartet hatten, warteten nun junge Häftlinge auf ihre Entlassung.

    Ende der 1980er-Jahre zogen die Gefangenen aus und Künstler ein, die die alten Zellen als Ateliers nutzten. Und dann kam eine Idee, so kühn wie typisch für Amsterdam: Das Gebäude sollte wieder werden, was es einmal war. 2004 eröffnete es erneut als Hotel, umgebaut unter anderem vom Rotterdamer Büro MVRDV, mit Zimmern von ganz schlicht bis luxuriös, jedes anders, für jeden Geldbeutel. Gerade diese Mischung war Programm: ein Haus für alle, wie damals.

    Denk daran, wenn du einen Blick in die Halle wirfst: Vor gut hundert Jahren saßen hier Menschen mit allem, was sie besaßen, in ein paar Koffern und warteten auf ein Schiff über den Ozean. Viele von ihnen sahen Europa nie wieder. Geh jetzt nach Osten auf die schmale Halbinsel Sporenburg, bis du vor einem riesigen, schrägen Block mit einer Haut aus grauem Metall stehst.

  10. 10. De Walvis: Ein Wal aus Zink auf Sporenburg

    Baron G.A. Tindalplein, 1019 Amsterdam, Netherlands

    Da liegt er, der Wal: ein mächtiger Wohnblock mit einer Haut aus grauem Zink, dessen Dach sich an den Enden hebt und senkt wie der Rücken eines Tieres, das gerade auftaucht. An den angehobenen Ecken kannst du unter dem Gebäude hindurch in einen grünen Garten in seiner Mitte schauen.

    De Walvis, der Wal, wurde um das Jahr 2000 fertig, entworfen vom Architekten Frits van Dongen. Das Problem, das er lösen musste: Ein großer, geschlossener Block in einem so dicht bebauten Viertel hätte seinen Innenhof in ewigen Schatten getaucht. Also hob er den Block an zwei Ecken schräg an. So fällt die Sonne in den Hof, und von der Straße aus sieht man hinein. Aus einem praktischen Problem wurde die Form, die dem Haus seinen Spitznamen gab.

    Der Wal ist mit Absicht ein Riese zwischen Zwergen. Rings um ihn plante das Büro West 8 unter dem Landschaftsarchitekten Adriaan Geuze ein Viertel aus niedrigen, dichten Reihenhäusern, meist drei Stockwerke hoch, mit Dachterrassen und kleinen Patios statt Gärten. Dazwischen setzte der Plan ein paar große Blöcke wie diesen, damit das Auge Halt findet. Zusammen fassen Borneo und Sporenburg rund zweieinhalbtausend Wohnungen, und trotzdem fühlt es sich hier an wie in einem Dorf am Wasser.

    Nicht allen gefiel das. Kritiker fanden die schmalen, hohen Häuser mit ihren kleinen Höfen zu eng, und Familien mit Kindern vermissten einen echten Garten. Andere sahen darin genau die richtige Antwort auf eine Stadt, in der Platz knapp und teuer ist. Amsterdam wollte zurück zur Dichte der alten Grachtenhäuser, statt immer weiter in die Wiesen am Stadtrand zu wuchern... und dieses Viertel war der Beweis, dass es geht.

    Schau zum Schluss noch einmal an der Zinkhaut hinauf: Bei Regen wird sie dunkel, bei Sonne fast silbern. Der Wal wechselt seine Farbe mit dem Himmel über dem Hafen. Geh jetzt weiter nach Osten, bis eine leuchtend rote Brücke wie eine Achterbahn über das Wasser springt.

  11. 11. Python-Brücke und Borneo: Ein Haus, ein Architekt

    Stuurmankade, 1019 Amsterdam, Netherlands

    Da ist sie: eine knallrote Brücke, die sich in steilen Wellen über das Wasser schlängelt, hinauf und hinunter, als hätte sich eine riesige Schlange über das Hafenbecken gelegt. Die Amsterdamer nennen sie einfach die Python. Steig hinauf, auch wenn es steil ist... oben wartet der Blick.

    Die Brücke wurde 2001 fertig, entworfen von West 8, dem Büro, das das ganze Viertel geplant hat. Warum so hoch? Unter ihr sollen Boote hindurchfahren können, denn das Spoorwegbassin, das Eisenbahnbecken, ist bis heute ein Hafen. Die Form ist trotzdem mehr Spiel als Pflicht. Die Python verbindet Sporenburg mit Borneo und macht aus einer simplen Überquerung ein kleines Abenteuer, besonders für Kinder.

    Auf der anderen Seite, auf Borneo, liegt die Scheepstimmermanstraat, die Schiffszimmermannstraße. Hier konnten Käufer ihr Haus von einem Architekten ihrer Wahl entwerfen lassen. Die Grundstücke sind schmal, die Häuser stehen Wand an Wand, aber jede Fassade sieht anders aus: eine aus Holz, eine fast ganz aus Glas, eine aus rauem Beton. Vorgegeben waren nur wenige Dinge, vor allem die Höhe und die schmale Breite der Parzellen. Dutzende Architekten haben in dieser einen Straße gebaut, und zusammen ergibt das eine Art Grachtenhäuser-Katalog des 21. Jahrhunderts.

    Dreh dich jetzt um und schau zurück auf den Weg, den du gegangen bist: Speicher, die zu Wohnungen wurden, ein Museum auf einem Tunnel, ein Kühlhaus mit einer Brücke im Bauch, ein Gefängnis, das wieder ein Hotel ist. Nichts davon war selbstverständlich. Als der Hafen starb, hätte man das Gelände ebenso gut mit Bürotürmen und breiten Straßen zubauen können, wie es viele Hafenstädte getan haben.

    Amsterdam hat etwas Mutigeres versucht: Es hat seinen alten Hafen nicht vergessen, sondern bewohnbar gemacht, Insel für Insel, Experiment für Experiment, jedes anders als das davor. Bleib noch einen Moment oben auf der Python stehen, lass dir den Wind um die Nase wehen und schau zu, wie die Stadt ihr Gesicht dem Wasser zuwendet. Hier endet dein Spaziergang. Zurück in die Innenstadt bringt dich die Straßenbahn, die am Rand der Inseln entlang zum Hauptbahnhof fährt.