Amsterdam für Kunstliebhaber: Museumsviertel, Concertgebouw und Vondelpark
Vom Theaterplatz am Leidseplein durch den Radtunnel unter der Nachtwache, zu Van Gogh, Max Beckmanns Exiljahren und Mahlers Konzertsaal, bis zu einem vergessenen Picasso im Vondelpark
Amsterdam · 11 stops · 29 min audio · Generated
-
1. Leidseplein: Stadsschouwburg und Café Américain
Leidseplein 26, 1017 PT Amsterdam, Netherlands
Straßenbahnen klingeln, Fahrräder schlängeln sich durch, irgendwo spielt jemand Gitarre... und vor dir thront ein mächtiger Bau aus rotem Backstein mit Rundbögen und einem breiten Balkon. Das ist die Stadsschouwburg, das Stadttheater am Leidseplein. Schräg dahinter, an der Ecke zur Gracht, siehst du ein Hotel mit Türmchen und verspielten Fenstern. Willkommen am Tor zum Museumsviertel.
Der Name verrät, was dieser Platz früher war: das Ende der Straße nach Leiden. Bis ins neunzehnte Jahrhundert stand hier ein Stadttor, die Leidsepoort, und davor stauten sich Bauernkarren, Pferde und Reisende. Man erzählt, dass Fuhrwerke draußen bleiben mussten und der Platz deshalb so etwas wie der Parkplatz der Stadt war. 1862 wurde das Tor abgerissen, und auf der Wiese dahinter begann Amsterdam, sich neu zu erfinden. In wenigen Jahrzehnten entstanden dort Theater, Museen, ein Konzertsaal und ein Park, ein ganzes Viertel nur für die Kultur.
Das Theater, das du siehst, ist schon das dritte an dieser Stelle. Seine hölzernen Vorgänger gingen in Flammen auf, der heutige Bau wurde 1894 eröffnet. Ein Teil des geplanten Fassadenschmucks blieb aus Geldmangel weg, und die Amsterdamer lästerten über den kahlen Kasten. Heute lieben sie ihn, vor allem den Balkon: Wenn Ajax Meister wird, zeigen sich die Spieler genau dort oben mit dem Pokal, und unten tobt ein Meer aus Rot und Weiß.
Und jetzt das Hotel. Das American Hotel wurde um 1900 neu gebaut, im Stil des Jugendstils, und 1902 öffnete im Erdgeschoss das Café Américain. Bleiverglaste Fenster, Wandbilder, schwere Lampen, ein Saal wie ein Wintergarten. Schauspieler kamen nach der Vorstellung herüber, Schriftsteller schrieben an den Tischen, und manche saßen einfach da, um gesehen zu werden. Seit über hundert Jahren ist es eines der schönsten Kaffeehäuser der Stadt.
Merk dir dieses Gefühl von Bühne und Publikum, denn der ganze Spaziergang handelt davon: Kunst, Musik und die Frage, wer zuschaut. Gleich hinter dem Theater fließt die Singelgracht, die alte Grenze der Stadt. Geh ein paar Schritte nach Süden, bis sich zwischen den Häusern ein kleiner Platz mit einem riesigen Schachbrett öffnet.
-
2. Max Euweplein: Schach, Latein und ein Gefängnis
Max Euweplein, 1017 MB Amsterdam, Netherlands
Hörst du dieses dumpfe Klacken? Auf dem Boden des kleinen Platzes liegt ein Schachbrett, so groß wie ein Wohnzimmer, und die Figuren reichen dir fast bis zum Knie. Oft schieben zwei Spieler sie mit beiden Händen über die Felder, umringt von Zuschauern, die natürlich jeden Zug besser kennen... aber nichts sagen dürfen.
Der Platz heißt nach Max Euwe, einem Amsterdamer Mathematiklehrer. 1935 besiegte dieser höfliche Mann mit Brille den russisch-französischen Weltmeister Alexander Aljechin und wurde Schachweltmeister, der einzige, den die Niederlande je hatten. Zwei Jahre später holte sich Aljechin den Titel im Rückkampf zurück. Euwe blieb trotzdem eine Legende, unterrichtete weiter Mathematik und war später viele Jahre Präsident des Weltschachbundes. Gleich am Platz erinnert ein kleines Schachzentrum an ihn, und an warmen Tagen findet sich immer jemand, der dich zu einer Partie herausfordert. Trau dich ruhig, die Figuren sind schwerer, als sie aussehen.
Jetzt such mal die Säulen am Rand des Platzes ab. Auf einer davon steht ein lateinischer Satz, der so würdevoll aussieht, als stamme er von Cicero: Homo sapiens non urinat in ventum. Übersetzt heißt das ungefähr: Der weise Mensch pinkelt nicht gegen den Wind. Amsterdamer Humor in Stein gemeißelt, zwischen Theater, Kasino und Schachbrett.
Hinter dem Spaß liegt eine ernste Geschichte. Gleich nebenan an der Weteringschans stand früher ein Untersuchungsgefängnis, das Huis van Bewaring. Während der deutschen Besatzung saßen dort auch Männer und Frauen des Widerstands. Am 1. Mai 1944 versuchte eine Gruppe um den Bildhauer Gerrit van der Veen, Gefangene zu befreien. Der Überfall scheiterte, van der Veen wurde verwundet, gefasst und wenige Wochen später erschossen. Ein Denkmal an der Weteringschans erinnert an diese Nacht.
So ist Amsterdam: Auf einem Fleck Kopfsteinpflaster liegen Schachspiel, Latein und Widerstand nebeneinander. Jetzt geht es hinüber in die Welt der großen Museen. Überquere die Stadhouderskade und folge dem Wasser nach Südosten. Bald siehst du ihn, den roten Palast mit den zwei Türmen. Halt auf die Durchfahrt in seiner Mitte zu.
-
3. Rijksmuseum: Radtunnel unter der Nachtwache
Museumstraat 1, 1071 XX Amsterdam, Netherlands
Halte dich am Rand, denn um dich herum klingeln die Fahrräder. Du stehst in der Durchfahrt mitten unter dem Rijksmuseum, und ja, das hier ist ein öffentlicher Radweg. Jeden Tag rollen Tausende Amsterdamer quer durch ihr Nationalmuseum, ein paar Meter unter Rembrandt, als wäre es die normalste Abkürzung der Welt.
Gebaut hat diesen roten Palast Pierre Cuypers, eröffnet wurde er 1885. Cuypers war katholisch und liebte die Gotik, und das sieht man: Türme, Spitzbögen, bunte Fliesen, fast wie eine Kathedrale. Im protestantischen Amsterdam rümpften manche die Nase. Cuypers ließ sich nicht beirren und schmückte die Fassaden mit Bildern und Figuren aus der Geschichte der niederländischen Kunst. Man erzählt, König Willem der Dritte habe gespottet, in dieses Kloster setze er keinen Fuß. Ob er es wirklich so gesagt hat? Die Geschichte hält sich jedenfalls hartnäckig.
Und dann der Kampf um diesen Tunnel. Als das Museum ab 2003 zehn Jahre lang umgebaut wurde, wollten die spanischen Architekten die Passage zur großen Eingangshalle machen. Da hatten sie die Rechnung ohne die Radfahrer gemacht. Der Fahrradverband protestierte, Zeitungen stritten, der Gemeinderat mischte sich ein. Am Ende siegte das Rad. Seit der Wiedereröffnung 2013 liegt der Eingang seitlich, und die Räder rollen weiter mitten durch.
Über dir hängt das berühmteste Bild der Niederlande, die Nachtwache, gemalt 1642. Eigentlich zeigt sie eine Bürgerwehr am helllichten Tag, nur der nachgedunkelte Firnis hat sie zur Nacht gemacht. 1715 sollte das riesige Gemälde ins Rathaus am Dam umziehen und passte nicht an die Wand... also schnitt man es an allen Seiten zurück, links verschwanden dabei zwei Figuren. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Leinwand aufgerollt und versteckt, zuletzt in den Mergelhöhlen des Sint-Pietersbergs bei Maastricht.
Seit 2019 wird das Bild vor den Augen des Publikums untersucht und restauriert, in einem gläsernen Raum. Besucher können den Restauratoren bei der Arbeit zuschauen, Millimeter für Millimeter. Kunst als offene Werkstatt, ganz Amsterdam. Geh nun durch den Tunnel hinaus auf die Rückseite, auf die große Rasenfläche, und halte dich rechts. An der Paulus Potterstraat wartet ein Museum, das einem einzigen Maler gehört.
-
4. Van Gogh Museum: Das Erbe einer Witwe
Museumplein 6, 1071 DJ Amsterdam, Netherlands
Vor dir stehen zwei Gebäude, die sich kaum unähnlicher sein könnten: ein strenger, heller Kasten mit klaren Linien und daneben ein flacher, geschwungener Flügel aus grauem Stein, verbunden durch eine gläserne Eingangshalle zum Platz hin. Darin hängt die größte Van-Gogh-Sammlung der Welt. Und die verdanken wir nicht Vincent, sondern einer Frau, deren Namen kaum jemand kennt.
Sie hieß Johanna van Gogh-Bonger, kurz Jo. Vincent starb im Juli 1890, sein Bruder Theo, Jos Mann, nur ein halbes Jahr später. Mit achtundzwanzig Jahren war Jo Witwe, hatte einen kleinen Sohn und Hunderte Bilder, die fast niemand wollte. Freunde rieten ihr, den Kram loszuwerden. Sie tat das Gegenteil: Sie zog nach Bussum, führte dort eine Pension, organisierte Ausstellungen, verkaufte klug und sehr dosiert und veröffentlichte 1914 Vincents Briefe an Theo. Ohne ihr Gespür für den richtigen Moment wäre Vincent vielleicht eine Fußnote geblieben.
Im Februar 1890 war Theo und Jo ein Sohn geboren worden, und sie nannten ihn Vincent. Der Onkel malte ihm zur Geburt ein Bild: blühende Mandelzweige vor einem leuchtend blauen Himmel. Es sollte über dem Bett der jungen Eltern hängen. Genau dieses Bild hängt hier. Der kleine Vincent Willem wurde später Ingenieur, brachte die Sammlung in eine Stiftung ein, und der Staat baute das Museum. Heute gehören dazu rund zweihundert Gemälde, etwa fünfhundert Zeichnungen und über siebenhundert Briefe.
Den ersten Bau entwarf Gerrit Rietveld, der Meister des rot-blauen Stuhls. Er starb 1964, bevor gebaut wurde, Kollegen vollendeten seinen Plan, und 1973 öffnete das Museum. 1999 kam der ovale Flügel des japanischen Architekten Kisho Kurokawa dazu, und 2015 die gläserne Halle, durch die du heute hineingehst. Und Vincent selbst? Zu Lebzeiten verkaufte er kaum etwas. Er hätte vermutlich laut gelacht über die Schlangen vor diesen Türen... oder geweint.
Wenn du später hineingehst, such die Sonnenblumen und dann das Mandelblütenbild, und denk an Jo, die einfach nicht aufgegeben hat. Jetzt dreh dich zum großen Rasen um. Geh ein paar Schritte hinaus auf den Museumplein, bis du den Platz in seiner ganzen Weite vor dir hast.
-
5. Museumplein: Die große Wiese der Nation
Museumplein, 1071 DJ Amsterdam, Netherlands
Atme einmal tief durch. Um dich herum liegt eine riesige Wiese, Kinder rennen, Leute liegen auf dem Gras, im Norden steht das Rijksmuseum wie eine Bühnenkulisse, und im Süden blitzt auf dem Dach des Konzertsaals eine goldene Lyra. Der Museumplein ist das Wohnzimmer des Viertels... aber er war lange ein Platz ohne Plan.
Als das Rijksmuseum 1885 eröffnete, lag dahinter vor allem leeres Gelände. Schon 1883 hatte man es für etwas Großes genutzt: die Internationale Kolonial- und Exportausstellung. Hunderttausende Besucher bestaunten Waren aus aller Welt, und in einem nachgebauten Dorf wurden Menschen aus den Kolonien, aus Suriname und dem heutigen Indonesien, regelrecht ausgestellt. Die Schau sollte zeigen, wie reich die Niederlande durch ihre Kolonien geworden waren. Damals hielt man das für Bildung. Heute sieht man darin, was es war: eine Menschenschau.
Danach blieb der Platz jahrzehntelang ein Provisorium, durchschnitten von einer Straße, über die der Verkehr direkt am Rijksmuseum vorbeirauschte. Erst Ende der Neunzigerjahre bekam er sein heutiges Gesicht, entworfen vom skandinavischen Landschaftsarchitekten Sven-Ingvar Andersson. Generationen von Amsterdamern haben hier Fußball gespielt, Drachen steigen lassen und Konzerte gehört. Das Beste daran siehst du nicht: Unter deinen Füßen liegen eine Tiefgarage und ein Supermarkt, und darüber wächst einfach Gras.
Diese Wiese ist auch der Ort, an dem die Niederlande ihre Stimme erheben. Am 21. November 1981 versammelten sich hier rund vierhunderttausend Menschen gegen die Stationierung neuer Atomraketen, eine der größten Demonstrationen in der Geschichte des Landes. Und von 2004 bis 2018 standen hier die roten und weißen Riesenbuchstaben I amsterdam, das beliebteste Fotomotiv der Stadt. Die Stadt ließ sie entfernen, weil sie ihr zu sehr zum Symbol des Massentourismus geworden waren.
Im Winter wird hier übrigens oft Schlittschuh gelaufen, und an Sommerabenden weht manchmal Musik aus dem Konzertsaal herüber. Dreh dich einmal um dich selbst: drei Museen und ein Konzertsaal auf einen Blick, so viel Kunst auf einem Fleck bietet kaum eine andere Stadt. Genau dorthin gehst du jetzt. Lauf über die Wiese ans Südende des Platzes, auf das Gebäude mit der goldenen Lyra zu.
-
6. Concertgebouw: Der Saal, der fast versank
Concertgebouwplein 10, 1071 LN Amsterdam, Netherlands
Stell dich vor die Fassade und lass den Blick nach oben wandern: roter Backstein, heller Stein, Säulen, ein großer Giebel und ganz oben die goldene Lyra. Das ist das Concertgebouw, eröffnet am 11. April 1888. Damals stand es fast allein auf feuchtem Wiesenland vor der Stadt, und die Amsterdamer fragten sich, wer denn so weit hinaus zu einem Konzert fahren sollte.
Der Architekt hieß Adolf Leonard van Gendt, und du wirst ihm auf diesem Spaziergang noch einmal begegnen. Weil der Boden hier aus Torf und Schlick besteht, ruht das Gebäude auf über zweitausend Holzpfählen. Ein Jahrhundert später kam der Schock: Die Pfähle faulten, der Saal sackte langsam ab. In den Achtzigerjahren wurde das Fundament durch Betonpfähle ersetzt, während das Haus stehen blieb, und der Architekt Pi de Bruijn setzte einen gläsernen Anbau an die Seite.
Und dann der große Saal. Er gilt als einer der drei, vier besten Konzertsäle der Welt, neben Wien und Boston. Das Kuriose: Van Gendt war kein Akustiker, eine Wissenschaft davon gab es kaum. Die Form, die Höhe, das Holz und der lange Nachhall ergaben zusammen einen Klang, den Musiker seither als warm und tragend beschreiben. Berühmt ist auch die lange Treppe, über die Dirigenten und Solisten von oben auf die Bühne hinabsteigen, vor den Augen des ganzen Saals. Ein Glückstreffer, sagen manche. Genie, sagen andere.
Gustav Mahler kam mehrmals hierher und dirigierte seine eigenen Sinfonien, eingeladen vom Chefdirigenten Willem Mengelberg, der ihn verehrte. Doch dieser Saal hat auch dunkle Jahre erlebt. Während der deutschen Besatzung mussten die jüdischen Musiker das Orchester verlassen, und der Name Mendelssohn verschwand von der Wand im großen Saal. Mengelberg arbeitete mit den Besatzern zusammen und durfte nach dem Krieg in den Niederlanden nicht mehr dirigieren.
Heute steht der Name Mendelssohn wieder dort oben, zwischen Bach, Beethoven und Brahms. Wenn du Glück hast, hörst du durch eine offene Tür eine Probe. Geh nun ein kleines Stück zurück, die Van Baerlestraat entlang nach Norden, zu dem Museum mit dem weißen Anbau, den die Amsterdamer liebevoll Badewanne nennen.
-
7. Stedelijk Museum: Die Badewanne und Max Beckmanns Exil
Museumplein 10, 1071 DJ Amsterdam, Netherlands
Betrachte diesen Gegensatz: ein Backsteinbau von 1895 mit Türmchen und Sandsteinschmuck, und direkt daran angedockt ein riesiger, glatter, weißer Körper, der über dem Eingang schwebt. Seit 2012 hat Amsterdam dafür nur ein Wort: die Badewanne. Das ist das Stedelijk Museum, das städtische Museum für moderne Kunst und Design. Drinnen wechseln sich Malerei, Möbel, Plakate und Design ab.
Groß wurde das Stedelijk nach dem Krieg durch Willem Sandberg, einen Grafiker, der das Haus ab 1945 leitete. Während der Besatzung hatte er Ausweise gefälscht und war an der Planung des Anschlags auf das Amsterdamer Einwohnermeldeamt 1943 beteiligt, mit dem der Widerstand Unterlagen vernichten wollte, die den Besatzern bei der Verfolgung halfen. Danach musste er untertauchen. Als Direktor holte er die Avantgarde ins Haus, und das Stedelijk besitzt heute eine der größten Sammlungen von Kasimir Malewitsch außerhalb Russlands.
Und jetzt eine deutsche Geschichte. Im Juli 1937 eröffneten die Nationalsozialisten in München die Hetzschau Entartete Kunst, und auch Bilder von Max Beckmann wurden dort an den Pranger gestellt. Am Tag nach Hitlers Kunstrede verließ Beckmann mit seiner Frau Quappi Deutschland. Ihr Ziel war Amsterdam, eigentlich nur als Zwischenstation. Doch 1940 marschierte die Wehrmacht ein, und aus der Durchreise wurden zehn Jahre.
Beckmann wohnte am Rokin, mitten in der Stadt, und malte in einem Dachatelier eines ehemaligen Tabaklagers. Isoliert, mit wenig Geld und unter ständiger Angst, schuf er dort einige seiner mächtigsten Werke, darunter mehrere seiner großen Triptychen, voller Masken, Gaukler und Gefangener. Er führte in diesen Jahren Tagebuch, knapp und oft düster, und malte trotzdem fast jeden Tag. Erst 1947 konnte er in die USA ausreisen, wo er 1950 in New York starb. Bilder aus seinen Amsterdamer Jahren hängen heute in Museen auf beiden Seiten des Atlantiks.
Wenn du also an der Badewanne vorbeigehst, denk an den Mann im Dachatelier, der hier im Exil gegen die Dunkelheit anmalte. Geh nun die Van Baerlestraat nach Norden, über den Vondelpark hinweg, und bieg dann in die Roemer Visscherstraat ein, die ruhig parallel zum Park verläuft.
-
8. Roemer Visscherstraat: Sieben Länder in sieben Häusern
Roemer Visscherstraat 26, 1054 EZ Amsterdam, Netherlands
Auf dieser ruhigen Wohnstraße wartet eine kleine Europareise auf dich, und sie dauert genau sieben Häuser. Rund um die Hausnummern 20 bis 30 stehen sieben Fassaden nebeneinander, und jede verkleidet sich als ein anderes Land. Geh langsam an ihnen entlang, als würdest du durch einen Katalog blättern.
Gebaut wurde die Reihe 1894 vom Architekten Tjeerd Kuipers. Die Länder sind Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien, Russland, die Niederlande und England. Am leichtesten zu finden ist Russland: Es trägt eine kleine Zwiebelkuppel, als wäre ein Stück Moskau in den Amsterdamer Westen gefallen. Spanien zeigt maurisch angehauchte Bögen und gestreiftes Mauerwerk. Und die anderen? Die musst du selbst entlarven.
Natürlich ist auch ein deutsches Haus dabei. Such es ruhig und urteile selbst, ob ein niederländischer Architekt des neunzehnten Jahrhunderts den deutschen Geschmack getroffen hat. Solche Bauten waren damals Mode: Die Welt rückte durch Eisenbahn, Weltausstellungen und Zeitschriften zusammen, und wer es sich leisten konnte, wohnte gern ein bisschen exotisch. Man nennt diese Lust an Stilen aus fremden Ländern und vergangenen Zeiten Historismus, und diese Straße treibt sie auf die Spitze: sieben Stile auf wenigen Dutzend Metern. Ein Haus als Reiseandenken, nur dass man den Koffer nie packen musste.
Und wer war Roemer Visscher? Ein Kaufmann und Dichter des Goldenen Zeitalters, geboren 1547. Sein Haus in der Altstadt war ein literarischer Salon, in dem Maler, Gelehrte und Dichter ein und aus gingen. Seine Töchter Anna und Maria Tesselschade wurden selbst gefeierte Dichterinnen, und die Straße gleich nebenan trägt Tesselschades Namen. Zu den Gästen dieses Kreises gehörte auch ein junger Dichter, dem du gleich in Bronze begegnest.
Das ganze Viertel entstand Ende des neunzehnten Jahrhunderts für wohlhabende Familien, die am neuen Park wohnen wollten, weit weg vom Gestank der alten Grachten. Viele Häuser tragen bis heute verspielte Details, Türmchen, Erker und Giebel. Geh jetzt hinüber in den Vondelpark und dort ein kurzes Stück nach Westen. Zwischen den Bäumen thront ein Dichter auf einem hohen Sockel und schaut über seinen Park.
-
9. Vondel-Denkmal: Ein Kölner als Nationaldichter
Vondelpark, 1071 AA Amsterdam, Netherlands
Hoch über dem Weg sitzt er in Bronze, mit langem Gewand und nachdenklichem Blick, während unter ihm Jogger, Hunde und Kinderwagen vorbeiziehen. Das ist Joost van den Vondel, der größte Dichter des niederländischen Goldenen Zeitalters. Für die Niederländer ist er, was Shakespeare für die Engländer und Goethe für die Deutschen ist.
Und jetzt kommt die Überraschung: Der Nationaldichter der Niederlande war ein Kölner. Vondel wurde 1587 in Köln geboren. Seine Eltern waren Mennoniten aus Antwerpen, die wegen ihres Glaubens fliehen mussten, und erst als Junge kam er mit der Familie nach Amsterdam. Er übernahm das Geschäft des Vaters und handelte mit Seidenstrümpfen. Gedichtet hat er nebenbei... und schrieb dabei die Sprache seiner neuen Heimat neu.
Sein Stück Gijsbrecht van Aemstel eröffnete 1638 das neue Theater der Stadt. Es erzählt vom Untergang des mittelalterlichen Amsterdam, und es wurde zur Tradition: Über drei Jahrhunderte lang spielte man es fast jedes Jahr zu Neujahr, und sein Chor über die Weihnachtsnacht ist bis heute berühmt. Andere Werke hatten weniger Glück. Sein Drama Lucifer, über den Aufstand der Engel, wurde 1654 nach wenigen Aufführungen verboten, weil die Kirche keine Engel auf der Bühne sehen wollte.
Das Alter war hart. Vondel verlor sein Vermögen, weil er für die Schulden seines Sohnes einstand, und arbeitete noch mit über siebzig Jahren als Schreiber im städtischen Pfandhaus. Er starb 1679 mit einundneunzig Jahren, ein berühmter Mann ohne Geld. Seine Zeitgenossen nannten ihn trotzdem den Fürsten der Dichter.
Der Park, in dem du stehst, wurde 1865 von Bürgern als Nieuwe Park eröffnet, als Grünanlage für die neuen Villenviertel. 1867 stellte man dieses Denkmal auf, geschaffen vom Bildhauer Louis Royer, und schon bald sagte jeder nur noch Vondelpark. Der Name wurde offiziell. Geh nun ein paar Schritte weiter nach Nordwesten und verlass den Park am Ausgang zur Vondelstraat. Dort wartet ein Palast, in dem keine Menschen wohnen, sondern Pferde.
-
10. Hollandsche Manege: Ein Palast für Pferde
Vondelstraat 140, 1054 GT Amsterdam, Netherlands
Von außen wirkt das Haus an der Vondelstraat wie ein vornehmes Stadtpalais. Doch geh durch den Torweg, und plötzlich riechst du Heu und Leder und hörst das gedämpfte Trommeln von Hufen auf Sand. Willkommen in der Hollandsche Manege, der ältesten Reitschule der Niederlande. Schau dich ruhig um, und mach Platz, wenn gerade ein Pferd hinausgeführt wird.
Die Reitschule selbst ist schon 1744 gegründet worden, dieses Gebäude stammt von 1882. Und jetzt kommt der Name, den du schon kennst: Adolf Leonard van Gendt, der Architekt des Concertgebouw. Als Vorbild nahm er sich die Spanische Hofreitschule in Wien. Die Halle hat ein Dach aus Eisen und Glas, eine Galerie für Zuschauer und viel Stuck. Hier ritt das feine Amsterdam, während die Damen von oben zusahen.
Im zwanzigsten Jahrhundert wurde es eng. Autos verdrängten Kutschen, die Stadt wuchs, und in den Achtzigerjahren drohte der Abriss. Anwohner und Reiter kämpften um das Gebäude, und es wurde gerettet und restauriert. Licht fällt durch das Glasdach, und der Sand in der Bahn dämpft jeden Schritt. Heute gibt es hier noch immer Reitstunden, mitten in einer Großstadt, nur ein paar Schritte vom Park entfernt.
Schau auf dem Rückweg zur Straße ein Stück nach Osten, zum hohen Kirchturm nebenan. Das ist die Vondelkerk, gebaut ab 1872 von Pierre Cuypers, demselben Mann, der das Rijksmuseum entwarf. Ihr ursprünglicher Turm brannte 1904 ab und wurde von Cuypers' Sohn Joseph neu errichtet. Heute wird darin nicht mehr gebetet, die Kirche dient anderen Zwecken. Und die Vondelstraat selbst hat Geschichte geschrieben: Im März 1980 rückten hier Panzerwagen gegen Hausbesetzer an, eine Szene, die die ganze Stadt erschütterte.
Ein Konzertsaal und eine Reitschule vom selben Architekten, ein Museum und eine Kirche vom selben Baumeister. Das Amsterdam des späten neunzehnten Jahrhunderts war eine kleine Welt, und alle bauten für ein Publikum, das Kunst, Musik und Sport gerade als Teil des modernen Stadtlebens entdeckte. Kehr jetzt in den Park zurück und folge den Wegen nach Südwesten, an Teichen und alten Bäumen vorbei, bis auf einer Wiese eine graue Betonfigur auftaucht.
-
11. Picasso im Vondelpark: Der Fisch, den keiner sieht
Vondelpark, 1071 AA Amsterdam, Netherlands
Auf dem Rasen vor dir steht eine flache, graue Figur aus Beton, mehrere Meter hoch, mit Kanten, als hätte jemand sie mit einer riesigen Schere aus Papier geschnitten. Radfahrer sausen vorbei, ohne hinzusehen. Dabei stammt dieses Ding von Pablo Picasso.
Offiziell heißt sie Figure découpée, ausgeschnittene Figur, mit dem Beinamen der Vogel. Die Amsterdamer nennen sie trotzdem meist einfach den Fisch, und je nachdem, von wo du schaust, haben beide recht. 1965 wurde der Vondelpark hundert Jahre alt, und zum Jubiläum schenkte Picasso den Entwurf. Ausgeführt hat ihn der norwegische Künstler Carl Nesjar, der Picassos Zeichnungen mit einer besonderen Technik in Beton übertrug, mit Sandstrahl in die Oberfläche graviert. Beton statt Bronze war für Picasso kein Notbehelf, sondern ein Experiment, das ihn in seinen späten Jahren reizte.
Denk mal kurz darüber nach: In einer Stadt, in der Menschen stundenlang vor Rembrandt und Van Gogh anstehen, steht ein Picasso einfach auf der Wiese. Ohne Eintritt, ohne Absperrung, ohne Wächter. Kinder lehnen sich dagegen, Hunde schnüffeln daran, und im Sommer picknickt jemand in seinem Schatten. Ein Weltstar, der sich benimmt wie ein Nachbar. Vielleicht ist das die amsterdamerischste Art, mit einem Weltstar umzugehen.
Auch der Park selbst ist ein Kunstwerk, entworfen von den Landschaftsarchitekten Zocher im englischen Stil, mit geschwungenen Wegen, Teichen und Sichtachsen. Er liegt auf weichem Torf und sackt immer wieder ab, deshalb musste er mehrfach aufgeschüttet und erneuert werden. In den frühen Siebzigerjahren schliefen hier im Sommer Tausende junger Rucksackreisende unter freiem Himmel, und der Vondelpark wurde zum Symbol des freien Amsterdam. Seit 1996 steht er unter Denkmalschutz, und jedes Jahr kommen Millionen Besucher.
Und damit endet dein Weg. Du hast am Theater angefangen, bist unter Rembrandt hindurchgeradelt, hast Jo van Gogh-Bonger, Max Beckmann und Gustav Mahler getroffen, einen Dichter aus Köln und eine Reitschule nach Wiener Vorbild. Und jetzt stehst du vor einem Picasso, den fast niemand bemerkt. Setz dich ruhig ins Gras... in Amsterdam ist die Kunst eben nicht nur hinter Glas.