Amsterdams Altstadt: Dam, Oude Kerk und die versteckte Kirche unterm Dach
Vom Centraal Station über die Beurs van Berlage, den Königspalast und die Nieuwe Kerk bis zur Oude Kerk, der Schuilkirche auf dem Dachboden, dem Holzhaus am Zeedijk und der Waag: 750 Jahre Amsterdam auf einem Spaziergang
Amsterdam · 11 stops · 27 min audio · Generated
-
1. Amsterdam Centraal: Der Bahnhof auf drei Inseln
Stationsplein, 1012 AB Amsterdam, Netherlands
Dreh dich auf dem Stationsplein um und schau dir den Bahnhof an: roter Backstein, zwei Türme, Giebel, goldene Verzierungen und eine Fassade, so lang, dass sie eher wie ein Palast wirkt. Kommt sie dir bekannt vor? Dann vielleicht, weil derselbe Architekt auch das Rijksmuseum gebaut hat: Pierre Cuypers. An seiner Seite arbeitete der Ingenieur A. L. van Gendt, der wenig später das Concertgebouw entwarf.
Eröffnet wurde Amsterdam Centraal am 15. Oktober 1889, und der ganze Bau steht auf drei künstlichen Inseln im IJ, dem breiten Wasser, an dem die Stadt groß geworden ist. Darunter stecken 8.687 Holzpfähle im weichen Boden. Den Sand für die Inseln holte man aus den Dünen bei Velsen, wo gerade der Nordseekanal gegraben wurde, zwei Großbaustellen, die sich gegenseitig fütterten.
Viele Amsterdamer waren entsetzt. Seit dem Mittelalter hatte die Stadt mit dem Gesicht zum Wasser gelebt, mit Blick auf den Hafen und die Schiffe, die ihren Reichtum brachten. Nun schob sich ein riesiger Riegel zwischen Altstadt und IJ, und die Stadt kehrte dem Hafen buchstäblich den Rücken zu. Erst in den letzten Jahrzehnten hat Amsterdam sein Ufer zurückerobert: Hinter dem Bahnhof legen heute kostenlose Fähren nach Amsterdam-Noord ab. Dazu kam der Streit um den Stil: Cuypers war Katholik und liebte die Neugotik, und manche protestantischen Kritiker spotteten, er baue lauter Kathedralen.
Schau dir die Fassade genauer an. Wappen, Reliefs und Figuren erzählen von Handel, Seefahrt und Verkehr. Und in einem der beiden Türme zeigt das Zifferblatt keine Uhrzeit, sondern die Windrichtung, ein Erbe der Hafenstadt, in der der Wind über Ankunft und Abfahrt entschied. Man erzählt gern, der Hauptbahnhof von Tokio sei nach diesem Vorbild entstanden. Architekturhistoriker sind da allerdings skeptisch.
Vor dir öffnet sich der Damrak. Früher war das ein offener Hafenarm der Amstel, in den die Schiffe bis tief in die Stadt hineinfuhren. Folge ihm geradeaus nach Süden, bis links ein langer, strenger Backsteinbau mit einem schlanken Turm auftaucht.
-
2. Damrak und die Beurs van Berlage
Damrak 243, 1012 ZJ Amsterdam, Netherlands
Links am Damrak streckt sich ein Gebäude aus dunkelrotem Backstein über einen ganzen Block, mit einem Turm, schmalen Fenstern und beinahe ohne Zierrat. Nach dem verspielten Bahnhof wirkt es fast wie eine Provokation, und genau das sollte es auch sein: die Beurs van Berlage, gebaut zwischen 1898 und 1903.
Hendrik Petrus Berlage wollte Schluss machen mit dem Nachahmen alter Stile. Ehrlich sollte ein Bau sein: Backstein durfte Backstein sein, Eisen Eisen, und die Konstruktion sollte man sehen, nicht verstecken. Viele Amsterdamer fanden das Ergebnis karg, manche schlicht hässlich. Im Inneren tragen stählerne Bögen ein Glasdach über dem großen Saal, und Künstler wie Jan Toorop schufen Fliesenbilder, die Kunst und Handwerk wieder zusammenbringen sollten. Heute gilt die Börse als Ausgangspunkt der modernen Architektur in den Niederlanden, und ohne sie hätte es die spätere Amsterdamer Schule kaum gegeben.
Amsterdam und die Börse, das ist eine alte Liebe. Schon 1611 bekam die Stadt am nahen Rokin ein eigenes Börsengebäude, entworfen von Hendrick de Keyser, und dort wurden die Anteile der Ostindien-Kompanie gehandelt. Deshalb gilt Amsterdam oft als Geburtsort der modernen Wertpapierbörse. Berlages Bau war bereits das dritte Börsengebäude der Stadt. Und er steht auf Boden, der kurz zuvor noch Wasser war: Für ihn wurde ein Teil des alten Hafenbeckens im Damrak zugeschüttet.
An der Fassade steht ein Wahlspruch: Beidt uw tijd, warte deine Zeit ab. Ein merkwürdiger Rat für Spekulanten... und tatsächlich zog der Wertpapierhandel schon wenige Jahre später in ein eigenes Gebäude gleich nebenan. Heute finden in Berlages Hallen Konzerte, Kongresse und Ausstellungen statt. Und 2002 gaben sich hier Kronprinz Willem-Alexander und Máxima standesamtlich das Jawort, bevor sie zur kirchlichen Trauung in die Nieuwe Kerk zogen.
Genau dorthin gehst du jetzt. Folge dem Damrak weiter bis zum Dam, dem großen Platz an seinem Ende, und halte auf die hohe gotische Kirche zu, die rechts neben dem mächtigen Palast steht.
-
3. Nieuwe Kerk: Die Kirche ohne Turm
Dam, 1012 NL Amsterdam, Netherlands
Neben dem Palast erhebt sich eine gotische Kirche mit hohen Fenstern und einem zierlichen Dachreiter, aber ohne den gewaltigen Turm, den du bei so einer Kirche erwarten würdest. Das ist die Nieuwe Kerk, die Neue Kirche... und neu ist sie nur im Vergleich zur Oude Kerk, denn ihre Geschichte beginnt schon um 1400.
Der fehlende Turm hat eine Geschichte. Nach einem verheerenden Brand im Jahr 1645 wollten die Amsterdamer einen Turm bauen, der alles in der Stadt überragen sollte, und man begann tatsächlich mit den Fundamenten. Doch gleichzeitig wuchs nebenan das neue Rathaus in die Höhe, und die Stadt musste entscheiden, wer den Dam beherrschen sollte: die Kirche oder die Bürgermacht. Die Bürgermacht gewann, und der Turm wurde nie vollendet. Deshalb wirkt die Kirche neben dem breiten Palast bis heute ein wenig wie ein großer Bruder, der sich geduckt hat.
Drinnen liegt Admiral Michiel de Ruyter in einem prächtigen Marmorgrab, der Held der Seekriege gegen England. Auch Joost van den Vondel ruht hier, der größte Dichter des niederländischen Goldenen Zeitalters. Und die geschnitzte Kanzel gehört zu den prachtvollsten Holzarbeiten des ganzen Landes, mit Figuren, Ranken und Engeln bis unter das Gewölbe. Gegenüber thront die große Orgel in einem prunkvollen Gehäuse aus der Mitte des 17. Jahrhunderts, ein Instrument, das bis heute bei Konzerten erklingt.
Vor allem aber ist die Nieuwe Kerk die Kirche der Inthronisationen. Niederländische Monarchen werden nämlich nicht gekrönt, die Krone liegt nur auf einem Kissen daneben. Sie werden eingesetzt und schwören einen Eid auf die Verfassung, und das geschieht seit 1814 hier. Als Beatrix 1980 eingesetzt wurde, lieferten sich draußen Hausbesetzer Straßenschlachten mit der Polizei, unter dem Ruf Geen woning, geen kroning, keine Wohnung, keine Krönung. Am 30. April 2013 folgte Willem-Alexander, diesmal unter Jubel und in einem Meer aus Orange.
Heute zeigt die Kirche große Ausstellungen, und Gottesdienste finden hier kaum noch statt. Tritt jetzt hinaus auf den Dam und geh hinüber zu dem weißen Obelisken auf der anderen Seite des Platzes.
-
4. Der Dam und das Nationaldenkmal
Dam, 1012 JS Amsterdam, Netherlands
Mitten auf dem Dam ragt ein weißer Obelisk aus Naturstein zweiundzwanzig Meter in die Höhe, umgeben von Stufen, auf denen Tauben, Touristen und Amsterdamer gleichermaßen sitzen. Doch dieser Platz ist mehr als ein Treffpunkt. Hier ist Amsterdam entstanden.
Im 13. Jahrhundert bauten die Bewohner an dieser Stelle einen Damm in die Amstel, um das Wasser des Meeres aus dem Fluss fernzuhalten. Amstel und Dam, daraus wurde Amstelredam und schließlich Amsterdam. 1275 taucht der Name zum ersten Mal in einer Urkunde auf, als Graf Floris V. den Bewohnern Zollfreiheit gewährte. Deshalb feierte die Stadt 2025 ihren 750. Geburtstag. Der Dam war von Anfang an Marktplatz, hier wurden Fisch und Getreide verkauft, und lange stand mitten auf dem Platz eine große Stadtwaage, bis Louis Napoleon sie 1808 abreißen ließ, weil sie ihm, so heißt es, die Aussicht aus seinem Palast verstellte.
Das Nationaldenkmal enthüllte Königin Juliana am 4. Mai 1956, zur Erinnerung an die Opfer des Zweiten Weltkriegs. Entworfen hat es der Architekt J. J. P. Oud, die Figuren schuf der Bildhauer John Rädecker: ein gefesselter Mann, Frauen mit Kind, Männer, heulende Hunde. In die halbrunde Mauer dahinter sind Urnen mit Erde aus allen Provinzen und aus dem damaligen Niederländisch-Indien eingelassen. Jedes Jahr am Abend des 4. Mai wird hier der Toten gedacht, und das ganze Land schweigt zwei Minuten lang.
Der Dam hat auch seine eigene Wunde. Am 7. Mai 1945, zwei Tage nach der Kapitulation der deutschen Truppen in den Niederlanden, feierte hier eine riesige Menge die Befreiung, als deutsche Soldaten aus einem Gebäude am Platz in die Menge schossen. Mehr als zwanzig Menschen starben, an einem Tag, an dem der Krieg eigentlich schon vorbei sein sollte.
Heute trifft man sich hier, es gibt Kirmes, Demonstrationen und Straßenmusik, und das ist vielleicht die beste Antwort auf diese Geschichte. Dreh dich jetzt zu dem riesigen Gebäude auf der Westseite des Platzes um, mit der Kuppel und dem goldenen Schiff obenauf, und geh hinüber zum Königspalast.
-
5. Königspalast: Das Rathaus, das ein Palast wurde
Nieuwezijds Voorburgwal 147, 1012 RJ Amsterdam, Netherlands
Vor dir steht der Königspalast, ein gewaltiger Block aus hellem Sandstein, mit einem Giebelfeld voller Meeresgötter und einer Kuppel, auf der ein goldenes Schiff als Wetterfahne glänzt. Aber eigentlich schaust du gar nicht auf einen Palast, sondern auf ein Rathaus, das prächtigste, das das 17. Jahrhundert hervorgebracht hat.
1648 legten die Amsterdamer den Grundstein, im selben Jahr, in dem der Friede von Münster den Achtzigjährigen Krieg beendete und die Unabhängigkeit der Republik besiegelte. Der Architekt Jacob van Campen plante ein Rathaus wie einen römischen Tempel. Damit es im sumpfigen Boden nicht versinkt, rammte man 13.659 Holzpfähle in die Erde, eine Zahl, die in Amsterdam fast jedes Schulkind kennt. 1655 zogen die Ratsherren ein, und manche Zeitgenossen nannten den Bau das achte Weltwunder.
Im Inneren liegt der riesige Bürgersaal, und in seinen Marmorboden sind Karten der Erde und des Sternenhimmels eingelegt. Amsterdam sah sich buchstäblich im Mittelpunkt der Welt. Überall erzählen Skulpturen von Gerechtigkeit, Strafe und Bürgertugend, und in der Gerichtskammer im Erdgeschoss wurden die Todesurteile verkündet. Jahrelang arbeitete der flämische Bildhauer Artus Quellinus mit seiner Werkstatt an diesen Figuren, Reliefs und Giebeln.
Ein Palast wurde das Gebäude erst 1808, und zwar durch einen Franzosen. Napoleon hatte seinen Bruder Louis zum König von Holland gemacht, und Louis Napoleon zog ins Rathaus ein, weil es das prächtigste Gebäude im Land war. Die Stadt hat es nie zurückbekommen. Als Napoleon selbst 1811 Amsterdam besuchte, wohnte auch er hier. Heute nutzt das Königshaus den Palast für Staatsbesuche und Empfänge, wohnen aber tut der König in Den Haag.
Über dem Amsterdamer Wappen, das du überall in der Stadt siehst, schwebt eine Kaiserkrone, und die hat eine Geschichte mit deutschem Bezug. Die erfährst du gleich. Geh dafür links am Palast vorbei in die Kalverstraat, die belebteste Einkaufsstraße der Stadt, und folge ihr nach Süden bis zu einem alten Torbogen auf der rechten Seite.
-
6. Amsterdam Museum: Waisenkinder und die Kaiserkrone
Kalverstraat 92, 1012 PH Amsterdam, Netherlands
Mitten im Gedränge der Kalverstraat öffnet sich auf der rechten Seite ein alter Torbogen mit einem steinernen Relief von Waisenkindern darüber. Geh ein paar Schritte hindurch, und der Lärm der Einkaufsstraße bleibt hinter dir zurück, als hätte jemand eine Tür zugezogen.
Dahinter lag einst das Kloster der heiligen Lucia. Nachdem Amsterdam 1578 protestantisch geworden war, zog 1580 das städtische Waisenhaus hier ein, das Burgerweeshuis. Mehr als drei Jahrhunderte lang wuchsen hinter diesen Mauern Waisenkinder auf, und man erkannte sie überall in der Stadt an ihrer Kleidung: halb rot, halb schwarz, in den Farben Amsterdams. Seit 1975 gehört der Komplex dem Amsterdam Museum, dem großen Museum der Stadtgeschichte. Ein überdachter Durchgang führt von hier weiter zum Begijnhof, und darin hängen riesige Gruppenbilder der Amsterdamer Bürgerwehren.
Und nun zur versprochenen Krone. Ganz in der Nähe, zwischen Kalverstraat und Rokin, stand im Mittelalter die Heilige Stede, eine Kapelle für das Wunder von Amsterdam. 1345 soll eine geweihte Hostie unversehrt aus einem Feuer geborgen worden sein, und bald strömten Pilger von weit her in die kleine Stadt. Einer von ihnen war Maximilian von Habsburg, damals römisch-deutscher König und später Kaiser. Die Legende sagt, er sei krank gekommen und geheilt wieder abgereist.
1489 erlaubte Maximilian der Stadt, die Krone über ihrem Wappen zu führen, die Krone des Heiligen Römischen Reiches. Ob aus Dankbarkeit für seine Heilung oder eher für die großzügigen Kredite, mit denen Amsterdam seine Kriege mitfinanzierte, darüber streiten die Historiker. Seitdem sitzt die Kaiserkrone auf den drei Andreaskreuzen, an Brücken, Laternenmasten und Kirchtürmen der Stadt. Und bis heute ziehen jedes Jahr im März Tausende Gläubige nachts schweigend durch die Altstadt, in der Stillen Omgang, zur Erinnerung an das Wunder.
Geh jetzt zurück auf die Kalverstraat und dann nach links, nach Osten, über den Rokin und durch die Gassen hinüber, bis zu einer Ecke, an der gleich drei Grachten zusammenstoßen.
-
7. Huis aan de Drie Grachten: Ein Haus mit drei Gesichtern
Oudezijds Voorburgwal 249, 1012 EZ Amsterdam, Netherlands
An dieser Ecke stoßen drei Grachten zusammen, die Oudezijds Voorburgwal, die Oudezijds Achterburgwal und die Grimburgwal, und genau in der Spitze steht ein Haus, das sich offenbar nicht entscheiden konnte, wohin es schauen soll. Also hat es einfach drei Treppengiebel bekommen, einen für jede Seite.
Das Huis aan de Drie Grachten wurde um 1609 gebaut, in den Jahren, in denen Amsterdam förmlich explodierte. Innerhalb weniger Jahrzehnte hatte sich die Einwohnerzahl mehr als verdreifacht. Flüchtlinge aus den südlichen Niederlanden, vor allem aus Antwerpen, brachten Kapital, Handwerk und Ideen mit. 1585 hatten spanische Truppen Antwerpen erobert, und Zehntausende Protestanten verließen die Stadt, mit ihnen der Handel, der Antwerpen groß gemacht hatte. Jedes Grundstück war kostbar, und dieser spitze Zipfel Land wurde so klug bebaut, dass man das Haus von drei Grachten aus bewundern kann.
Schau dir die Giebel an: roter Backstein, helle Sandsteinbänder, kleine Voluten und Zierelemente, ganz im Stil der Amsterdamer Renaissance, die in diesen Jahren der Baumeister Hendrick de Keyser prägte. Es ist eines der fotogensten Häuser der Altstadt, und trotzdem laufen viele Menschen achtlos vorbei, weil sie aufs Wasser schauen statt nach oben.
Vor der Reformation war diese ganze Ecke voller Klöster. Nonnen und Mönche lebten an diesen Grachten, bis Amsterdam 1578 protestantisch wurde und die Stadt die Gebäude für Waisenhäuser, Spitäler und Schulen übernahm. Aus manchen Klöstern wurden später Hörsäle, und gleich gegenüber an der Grimburgwal beginnt das alte Viertel der Universität, in dem Studenten heute dort radeln, wo einst Nonnen beteten. Die Universität ging aus dem Athenaeum Illustre hervor, das 1632 in der Agnietenkapel ganz in der Nähe gegründet wurde.
Folge jetzt der Oudezijds Voorburgwal nach Norden, immer am Wasser entlang. Unterwegs wirken die Giebel wie ein Katalog der Baustile, Treppengiebel, Halsgiebel, Glockengiebel. Nach einigen hundert Metern taucht vor dir der mächtige Turm der ältesten Kirche Amsterdams auf.
-
8. Oude Kerk: Das älteste Gebäude der Stadt
Oudekerksplein 23, 1012 GX Amsterdam, Netherlands
Vor dir steht die Oude Kerk, die Alte Kirche, ein gotischer Riese aus Backstein, um den sich kleine Häuschen drängen wie Küken um eine Henne. Sie ist das älteste Gebäude Amsterdams, und rund um ihren Turm schlägt das Herz der Stadt seit über siebenhundert Jahren.
Angefangen hat alles wohl mit einer kleinen Holzkapelle im 13. Jahrhundert. 1306 wurde dann eine Kirche geweiht, dem heiligen Nikolaus, dem Schutzpatron der Seeleute. Über die Jahrhunderte wuchs sie in alle Richtungen, Kapelle für Kapelle, so wie die Stadt mitwuchs. Im Bildersturm von 1566 und nach der Reformation von 1578 verlor sie Altäre und Heiligenbilder, und die bunten Wände wurden weiß gekalkt. Das hölzerne Gewölbe im Inneren stammt aus dem 15. Jahrhundert und gilt als eines der größten mittelalterlichen Holzgewölbe Europas.
Der Boden der Kirche ist ein einziger Friedhof: Rund zweitausendfünfhundert Grabplatten bedecken ihn, und darunter liegen Zehntausende Amsterdamer. Eine von ihnen ist Saskia van Uylenburgh, Rembrandts Frau, die 1642 hier beigesetzt wurde. Auch Jan Pieterszoon Sweelinck ruht hier, Organist und Komponist, zu dem so viele junge Musiker aus Norddeutschland in die Lehre kamen, dass man ihn den Organistenmacher nannte. Seine Orgel gibt es nicht mehr, doch die große Orgel von 1724 stammt aus der Werkstatt des deutschen Orgelbauers Christian Vater.
Und dann ist da die Nachbarschaft. Die Oude Kerk steht mitten in den Wallen, dem ältesten Teil der Stadt, in dem Seeleute seit Jahrhunderten Kneipen, Herbergen und Bordelle fanden. Kirche und Rotlichtviertel leben hier seit jeher Wand an Wand, und Amsterdam hat diese Nachbarschaft nie verdrängt, sondern zu regeln versucht. Im Pflaster neben der Kirche liegt eine kleine Bronzefigur namens Belle, gewidmet den Frauen, die hier arbeiten, mit der Bitte, Sexarbeiterinnen überall auf der Welt mit Respekt zu begegnen.
Geh jetzt ein paar Schritte weiter nach Norden an der Oudezijds Voorburgwal, bis zur Nummer 40. Von außen ein ganz gewöhnliches Grachtenhaus... aber unter seinem Dach verbirgt sich ein Geheimnis.
-
9. Ons' Lieve Heer op Solder: Die Kirche unterm Dach
Oudezijds Voorburgwal 38-40, 1012 GE Amsterdam, Netherlands
Von außen siehst du an der Oudezijds Voorburgwal nur ein schmales Grachtenhaus aus dem 17. Jahrhundert, mit hohen Fenstern und einem Giebel, nicht anders als seine Nachbarn. Doch steig in Gedanken die steilen Treppen hinauf, vorbei an Küche und Stuben, immer weiter bis unters Dach... und plötzlich stehst du in einer Kirche.
Ons' Lieve Heer op Solder heißt Unser Lieber Herr auf dem Dachboden. Nach der Alteratie von 1578 durften Katholiken in Amsterdam keine öffentlichen Gottesdienste mehr feiern. Ihr Glaube war nicht verboten, aber er durfte nicht sichtbar sein. Also entstanden überall in der Stadt Schuilkerken, versteckte Kirchen in Wohnhäusern, Speichern und Hinterhöfen.
Der wohlhabende Kaufmann Jan Hartman kaufte dieses Haus 1661 und ließ die Dachböden von drei Häusern zu einem einzigen Kirchenraum verbinden, mit Galerien auf zwei Etagen, einem Altar mit Gemälde und sogar einer Orgel. 1663 wurde die Kirche geweiht. Wer unten auf der Gracht vorbeiging, sah ein ganz normales Wohnhaus, während oben zwischen den Dachbalken Weihrauch aufstieg und gesungen wurde. Die Gläubigen kamen einzeln und unauffällig über eine Seitengasse, wie zu einem Besuch bei Nachbarn.
Dabei war das Geheimnis eigentlich ein offenes. Die Stadtobrigkeit wusste genau, wo sich die Katholiken trafen. Man duldete die Schuilkerken, solange sie von der Straße aus nicht als Kirchen zu erkennen waren, und mitunter half eine diskrete Zahlung an den Schout, damit es so blieb. Das war Amsterdamer Toleranz: nicht Gleichberechtigung, sondern pragmatisches Wegschauen, solange die Geschäfte liefen.
Erst 1887 bekamen die Katholiken mit der großen Sint-Nicolaaskerk gegenüber dem Bahnhof wieder eine Kirche mit Türmen, die man von weitem sieht, und die Dachbodenkirche hatte ausgedient. Seit 1888 ist das Haus ein Museum, eines der ältesten der Stadt, und man sieht dort auch die Wohnräume einer Kaufmannsfamilie mit Küche, Salon und Bettnischen. Geh jetzt an der Gracht weiter nach Norden und dann rechts hinüber zum Zeedijk, der alten Deichstraße der Seeleute. Gleich an seinem Anfang steht ein kleines, dunkles Haus aus Holz.
-
10. Zeedijk 1: Das Holzhaus und die Affen
Zeedijk 1, 1012 AN Amsterdam, Netherlands
Am Anfang des Zeedijk, gleich an der Ecke, steht ein Haus mit dunkler Holzfassade, das sich leicht nach vorn neigt, als wolle es dir etwas zuflüstern. Es ist eines von nur zwei Holzhäusern, die im alten Amsterdam überlebt haben, gebaut um 1550, als Karl V. noch über die Niederlande herrschte.
Warum so wenige? Weil Amsterdam einst fast ganz aus Holz bestand und immer wieder brannte. Nach den großen Stadtbränden des 15. Jahrhunderts verlangte die Stadt nach und nach Stein statt Holz, und die hölzernen Fassaden verschwanden eine nach der anderen. Dieses Haus und sein Zwilling im Begijnhof sind die letzten Zeugen jener hölzernen Stadt. Das Vorneigen der Fassade hatte übrigens einen praktischen Grund: So konnte man Waren mit dem Seil nach oben ziehen, ohne dass sie gegen die Mauer schlugen.
Im Erdgeschoss ist eine alte Seemannskneipe, In 't Aepjen, Im Äffchen, und ihr Name verweist auf eine Legende. Im 17. Jahrhundert sollen Matrosen, die ihre Zeche nicht bezahlen konnten, mit Affen bezahlt haben, die sie aus den Tropen mitgebracht hatten. Bald war das Haus angeblich voller Affen, und mit den Affen kamen die Flöhe. Daher, so erzählt man, stammt die niederländische Redensart in de aap gelogeerd zijn, beim Affen übernachtet haben, für jemanden, der ordentlich in der Klemme steckt.
Der Zeedijk selbst war einmal der Deich, der die junge Stadt vor dem Wasser schützte, später eine Straße der Seeleute mit Herbergen und Kneipen. In den 1970er- und 1980er-Jahren wurde er zum Zentrum des Heroinhandels, eine Straße, die viele Amsterdamer mieden. Anwohner und Stadt haben ihn danach Haus für Haus zurückerobert, und weiter südlich liegt heute Amsterdams Chinatown mit einem buddhistischen Tempel.
Folge jetzt dem Zeedijk, der sich in einer langen Kurve nach Süden windet, bis er auf einen weiten Platz mündet. Dort steht ein Gebäude mit runden Türmen und spitzen Hauben, wie eine kleine Burg mitten auf dem Markt.
-
11. Nieuwmarkt und die Waag: Vom Stadttor zum Anatomiesaal
Nieuwmarkt 4, 1012 CR Amsterdam, Netherlands
Mitten auf dem Nieuwmarkt steht die Waag, ein gedrungener Bau aus Backstein mit runden Türmen und spitzen Hauben, der aussieht, als hätte jemand eine mittelalterliche Burg auf einen Marktplatz gestellt. Sie gilt als ältestes erhaltenes weltliches Gebäude Amsterdams, und rund um sie herum herrscht bis heute Marktbetrieb.
1488 wurde sie als Stadttor gebaut, die Sint Antoniespoort, Teil der Mauer, die Amsterdam damals umschloss. Doch die Stadt wuchs so schnell über ihre Mauern hinaus, dass das Tor bald nutzlos wurde. Man schüttete den Graben zu, und 1617 wurde aus dem Tor eine öffentliche Waage: Hier wog man Waren, Anker und Kanonen, und in den Räumen darüber zogen die Gilden der Stadt ein.
Eine von ihnen war die Gilde der Chirurgen. Ab 1691 sezierten sie oben in einem der Türme, im Theatrum Anatomicum, vor Publikum die Leichen hingerichteter Verbrecher. Rembrandts berühmte Anatomie des Dr. Tulp von 1632 malte er zwar für diese Gilde, aber noch bevor sie hierher zog, und das Bild hängt heute im Mauritshuis in Den Haag. Übrigens öffnete 1932 ausgerechnet hier, in der Waag, das Jüdische Historische Museum zum ersten Mal seine Türen.
Der Nieuwmarkt hat auch wilde Tage erlebt. Im März 1975 sollten für den Bau der U-Bahn ganze Häuserzeilen in der Nachbarschaft abgerissen werden. Anwohner und Hausbesetzer verbarrikadierten sich, die Polizei räumte mit Gewalt, und die Bilder der Nieuwmarktrellen gingen durchs ganze Land. Die U-Bahn wurde gebaut, die geplante breite Schnellstraße durch das Viertel aber nicht, und Amsterdam begann, seine alten Viertel zu erneuern statt abzureißen.
Hier endet dein Weg durch die Altstadt, vom Bahnhof über den Dam und die stolzen und die versteckten Kirchen bis zu diesem alten Tor. Setz dich an den Rand des Platzes, schau zu, wie das Licht über die Türme der Waag wandert, und denk daran: Fast alles, was du heute gesehen hast, steht auf Holzpfählen im weichen Moor... und hält trotzdem seit Jahrhunderten.