Kafka, Rilke und das deutsche Prag: Ein Literaturspaziergang durch Alt- und Neustadt
Vom drehenden Kafka-Kopf über Kischs Bärenportal, Kafkas Geburtshaus und das Palais Kinský bis zu Rilkes Geburtshaus und dem Café Arco: die Stadt, in der Weltliteratur auf Deutsch entstand
Prague · 11 stops · 29 min audio · Generated
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1. Café Louvre: Das Kaffeehaus der Denker
Národní 116/22, 110 00 Praha 1, Czechia
Bleib auf dem Gehsteig der Národní stehen, lass die Straßenbahn vorbeirumpeln und schau hinauf in den ersten Stock. Hinter den hohen Fenstern liegt das Café Louvre, eröffnet 1902, also älter als die Tschechoslowakei selbst. Wer die Treppe hinaufsteigt, findet Kronleuchter, Zeitungshalter, einen Billardsaal... und ein Stück jenes Prags, in dem man selbstverständlich zwei Sprachen sprach.
Die Národní hieß damals Ferdinandstraße, und sie war die Flaniermeile der Tschechen. Die Deutschen promenierten ein paar hundert Meter weiter auf dem Graben. Aber hier oben, im Louvre, trafen sich um 1905 junge Akademiker beider Welten, die einen strengen Philosophen verehrten, Franz Brentano. Brentano selbst lebte da längst in Florenz, aber seine Schüler Anton Marty und Christian von Ehrenfels lehrten an der Deutschen Universität, und Kafka saß in ihren Vorlesungen. Man stritt über Wahrnehmung, Urteil und Wahrheit. Mittendrin: ein schmaler, ausgesucht höflicher Jurastudent namens Franz Kafka und sein Freund Max Brod.
Der Kreis war so streng, dass man dort keinen Spott verzieh. Die Geschichte geht so: Brod ließ in einer Erzählung eine Figur über die Lehre des Meisters lästern, und die Brentanisten machten ihm daraufhin regelrecht den Prozess. Kafka ging mit seinem Freund. Eine kleine Kaffeehausaffäre... aber ohne diese Freundschaft gäbe es heute keinen Kafka in den Bücherregalen der Welt. Warum, das erfährst du gleich um die Ecke.
Ganz in der Nähe, im Salon der Apothekersgattin Berta Fanta am Altstädter Ring, saß in denselben Jahren ein junger Physikprofessor mit am Tisch. Albert Einstein lehrte von 1911 bis 1912 an der Deutschen Universität in Prag, und er bewegte sich genau in diesen Zirkeln. Stell dir die Abende vor: Relativitätstheorie, Brentano, Geigenmusik, und am Rand ein Versicherungsjurist, der nachts Geschichten schrieb, die niemand verstand.
Nach der kommunistischen Machtübernahme 1948 war für das bürgerliche Kaffeehaus kein Platz mehr, es verschwand für Jahrzehnte. Erst 1992 öffneten sich die Türen wieder. Wer heute einen Platz am Fenster ergattert, schaut auf dieselbe Straße hinunter, auf der im November 1989 die Studenten marschierten. Geh jetzt ein paar Schritte zurück Richtung Metrostation Národní třída und biege in den Durchgang zum Einkaufszentrum Quadrio. Dort wartet ein Kopf, der niemals stillhält.
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2. Kafkas drehender Kopf von David Černý
Spálená 2121/22 (Quadrio), 110 00 Praha 1, Czechia
Stell dich vor die glänzende Säule im Hof und hab einen Moment Geduld. Gleich setzt sich alles in Bewegung: zweiundvierzig Scheiben aus poliertem Edelstahl beginnen zu kreisen, jede in ihrem eigenen Takt, das Gesicht zerfällt in Splitter... und dann, für ein paar Sekunden, rastet alles ein und Franz Kafka schaut dich an.
Gebaut hat diesen elf Meter hohen Kopf David Černý, der Bildhauer, der Prag gern provoziert. 1991 hat er einen sowjetischen Panzer, der als Denkmal auf einem Sockel stand, kurzerhand rosa angestrichen. Auch die krabbelnden Riesenbabys am Fernsehturm in Žižkov stammen von ihm. Hier, 2014, ist er fast zärtlich geworden. Ein Kopf, der sich ständig verwandelt... für einen Schriftsteller, dessen berühmteste Figur eines Morgens als Ungeziefer erwacht.
Die Verwandlung schrieb Kafka Ende 1912 in wenigen Wochen, nachts, nach dem Büro. Als sie 1915 als Buch erschien, schrieb er seinem Verleger einen bemerkenswerten Wunsch: Das Insekt selbst dürfe auf dem Umschlag nicht gezeichnet werden, nicht einmal aus der Ferne. Kafka wollte, dass Gregor Samsa im Kopf des Lesers entsteht... ungefähr so, wie dieser Kopf hier: nie ganz fertig, nie ganz zu fassen.
Dass wir Kafkas große Romane überhaupt kennen, ist beinahe ein Zufall. Er starb im Juni 1924, erst vierzig Jahre alt, und hatte Max Brod gebeten, alles Unveröffentlichte zu verbrennen. Brod tat das Gegenteil: Der Process, Das Schloss und Amerika erschienen in den folgenden drei Jahren. Und am Abend des 14. März 1939, Stunden bevor die Wehrmacht in Prag einmarschierte, saß Brod in einem der letzten Züge Richtung Grenze, im Koffer Kafkas Manuskripte.
Schau noch einmal hin, wie die Scheiben sich gegeneinander drehen und das Gesicht verlieren. Jede Schicht hat ihren eigenen Motor, und ein Computer dirigiert das Ballett. Kafka hätte vermutlich gelacht, leise und ein bisschen verlegen. Geh jetzt hinüber zur Straße Na Můstku und hinein in die enge Melantrichova, Richtung Altstädter Ring. Kurz bevor sie sich zum Platz öffnet, zweigt die schmale Kožná ab... dort warten zwei goldene Bären.
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3. Haus zu den zwei goldenen Bären: Kischs Geburtshaus
Kožná 475/1, 110 00 Praha 1, Czechia
Hier, wo die Gasse plötzlich einen Knick macht, schau dir das steinerne Portal genau an. Zwei Bären mit goldenem Fell stehen sich gegenüber, umrankt von Renaissance-Ornamenten aus der Zeit um 1590, so fein gearbeitet, dass man sie für Schnitzerei halten könnte. Viele laufen achtlos vorbei, auf dem Weg zum Altstädter Ring.
In diesem Haus kam 1885 ein Junge zur Welt, der später nirgendwo lange stillsitzen sollte: Egon Erwin Kisch. Sohn eines jüdischen Tuchhändlers, aufgewachsen zwischen Deutsch und Tschechisch, Lokalreporter bei der deutschsprachigen Prager Zeitung Bohemia. Er trieb sich nachts in Spelunken, Polizeistuben und Obdachlosenasylen herum und schrieb darüber, als wäre es Weltpolitik. 1913 landete er den Coup seines Lebens: Über einen Tipp aus seinem Fußballverein erfuhr er, dass Oberst Alfred Redl, ein hoher Offizier des Generalstabs, als Spion für Russland aufgeflogen war... was die Armee lieber vertuscht hätte.
1925 erschien sein Buch Der rasende Reporter, und der Titel klebte an ihm für den Rest seines Lebens. Kisch reiste nach China, in die Sowjetunion, in die USA. Die schönste Szene spielt 1934 in Australien: Die Behörden wollten den Kommunisten nicht an Land lassen. Also sprang Kisch einfach vom Schiff auf den Kai in Melbourne, brach sich dabei das Bein... und war die Schlagzeile des Tages. Man kann einem Reporter wohl keinen größeren Gefallen tun.
Als Jude und Kommunist musste er vor den Nationalsozialisten fliehen, die Kriegsjahre verbrachte er im Exil in Mexiko. 1946 kehrte er nach Prag zurück, in eine Stadt, aus der die deutschsprachige Welt seiner Jugend gerade verschwand. Er starb im März 1948, wenige Wochen nach der kommunistischen Machtübernahme. Seine Generation war die letzte, für die Prag ganz selbstverständlich auf zwei Sprachen dachte.
Kisch hat die Gassen rund um dieses Haus beschrieben wie kein anderer: die Händler, die Gauner, die Dienstmädchen, die Gerüchte. Sein Prag war laut und schmutzig, keine Postkarte. Geh nun ein Stück zurück und an der Südseite des Altstädter Rings vorbei nach Westen, hinüber zur Kirche St. Nikolaus. Gleich an ihrer Ecke beginnt die Geschichte von Prags berühmtestem Sohn.
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4. Kafkas Geburtshaus am Náměstí Franze Kafky
náměstí Franze Kafky 24/3, 110 00 Praha 1, Czechia
An der Ecke dieses unscheinbaren Hauses, direkt neben der barocken Nikolauskirche, blickt dir aus der Fassade ein bronzenes Gesicht entgegen: schmal, große Ohren, dunkle Augen. Hier, im Haus Zum Turm, wurde Franz Kafka am 3. Juli 1883 geboren. Heute trägt der kleine Platz seinen Namen.
Ganz ehrlich: Viel vom Original steht nicht mehr. Das Haus brannte 1897 und wurde danach weitgehend neu errichtet; erhalten blieb vor allem das alte Portal. Ringsum wurde zur selben Zeit das alte jüdische Viertel fast vollständig abgerissen und durch breite Straßen mit eleganten Mietshäusern ersetzt. Kafka hat also in einer Stadt gelebt, die sich unter seinen Füßen ständig verwandelte.
Seinem Hebräischlehrer soll er einmal vom Fenster aus gezeigt haben, wie klein sein Leben war: Dort das Gymnasium, da die Universität, dort das Büro. Und dann zog er mit dem Finger ein paar enge Kreise in die Luft. Fast alle seiner Adressen lagen tatsächlich nur ein paar Minuten von hier entfernt. In seinen letzten Prager Jahren wohnte er wieder bei den Eltern, im Haus Oppelt an der Ecke zur Pařížská, einen Steinwurf weiter.
Mit neunzehn schrieb er an einen Schulfreund einen Satz, der seitdem auf jeder zweiten Prag-Tasse steht: Prag lässt nicht los... dieses Mütterchen hat Krallen. Er meinte es nicht als Kompliment. Kafka war Jude, sprach Deutsch und Tschechisch, und gehörte damit zu einer Minderheit in der Minderheit. Seine Bücher erschienen zu Lebzeiten in Leipzig, München und Berlin, und in Prag kannte sie nur ein kleiner Kreis. Für die Tschechen war er ein Deutscher, für die Deutschen ein Jude, und für seinen Vater vor allem ein Sohn, der den falschen Beruf liebte.
Die Büste stammt aus den sechziger Jahren, aus einer Zeit, in der Kafka in der kommunistischen Tschechoslowakei lange als dekadent galt. Als tschechische Intellektuelle ihn 1963 auf einer Konferenz im Schloss Liblice feierlich rehabilitierten, sahen viele darin einen ersten Riss in der Mauer, fünf Jahre vor dem Prager Frühling. Geh jetzt nach Norden, an der Altneu-Synagoge vorbei, bis zur Dušní. Vor der Spanischen Synagoge reitet Kafka auf einem leeren Anzug.
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5. Kafka-Denkmal in der Dušní
Dušní, 110 00 Praha 1, Czechia
Vor dir, zwischen der maurisch verzierten Spanischen Synagoge und der Heilig-Geist-Kirche, steht eine der seltsamsten Statuen Prags. Ein riesiger Anzug läuft durch die Straße, ohne Kopf, ohne Hände, und auf seinen Schultern sitzt ein kleiner Mann im Hut: Franz Kafka. Er sieht aus, als wüsste er selbst nicht genau, wohin die Reise geht.
Der Bildhauer Jaroslav Róna hat das Denkmal 2003 geschaffen, knapp vier Meter Bronze. Die Idee stammt von Kafka selbst: In seiner frühen Erzählung Beschreibung eines Kampfes springt der Erzähler einem Bekannten auf die Schultern und lässt sich von ihm durch das nächtliche Prag tragen. Róna hat aus dem Bekannten einen hohlen Anzug gemacht... und plötzlich ist es ein Bild für Bürokratie, für Väter, für alles, was einen trägt und zugleich beherrscht.
Nicht weit von hier, in einem Café des jüdischen Viertels, erlebte Kafka 1911 etwas, das ihn völlig umkrempelte: eine wandernde jiddische Theatertruppe aus dem Osten. Er ging wieder und wieder hin, freundete sich mit dem Schauspieler Jizchak Löwy an und organisierte sogar einen Vortragsabend für ihn. Der assimilierte Prager Jude entdeckte eine lebendige, laute, fromme jüdische Welt, die sein Vater als peinlich abtat. In seinen letzten Lebensjahren lernte Kafka Hebräisch und träumte davon, nach Palästina auszuwandern.
Schau auch auf die Synagoge hinter dem Denkmal. Kafkas Familie gehörte zur jüdischen Gemeinde dieses Viertels, und sie hat nicht überlebt. Seine drei Schwestern Elli, Valli und Ottla wurden im Holocaust ermordet. Ottla, die Lieblingsschwester, begleitete 1943 freiwillig einen Kindertransport aus Theresienstadt nach Auschwitz. Kafka selbst war da schon fast zwanzig Jahre tot. Manche seiner Leser sagen, er habe dieses Jahrhundert vorausgeahnt... er selbst hätte das wohl zurückgewiesen.
Die Prager haben das Denkmal schnell ins Herz geschlossen, gerade weil es so gar nicht feierlich ist. Kafka als Reiter, als kleiner Junge auf den Schultern eines Erwachsenen, ein Held ohne Pferd. Geh jetzt durch die Dlouhá oder die Kozí zurück zum Altstädter Ring und an seine Ostseite. Das rosafarbene Rokokopalais dort hat Kafka als Schüler jeden Morgen betreten.
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6. Palais Kinský: Kafkas Gymnasium und Suttners Geburtshaus
Staroměstské náměstí 606/12, 110 00 Praha 1, Czechia
Vor dir leuchtet eine Fassade wie eine Torte: rosa und weiß, mit Stuck, Figuren und einem eleganten Balkon in der Mitte. Das Palais Kinský, erbaut ab 1755 nach Plänen von Kilian Ignaz Dientzenhofer, ist das schönste Rokokogebäude Prags. Und es hat mehr Literaturgeschichte gesehen als manche Bibliothek.
1843 wurde hier eine Gräfin Kinsky geboren, die später Bertha von Suttner hieß. Ihr Roman Die Waffen nieder! von 1889 wurde zu einem der meistgelesenen Bücher seiner Zeit, und 1905 erhielt sie als erste Frau den Friedensnobelpreis. Eine Pazifistin aus einem Adelsgeschlecht von Offizieren... geboren in einem Palast, in dem man über Kriege eher bei Tisch plauderte.
Fünfzig Jahre später zog in die oberen Stockwerke ein Gymnasium ein, das deutsche Staatsgymnasium der Altstadt. Von 1893 bis 1901 lernte hier Franz Kafka Latein, Griechisch und vor allem Angst vor Prüfungen. Er war ein guter Schüler, der fest überzeugt war, beim nächsten Mal durchzufallen. Und im Erdgeschoss betrieb später sein Vater Hermann ein Galanteriewarengeschäft: Stöcke, Schirme, Knöpfe, Handschuhe. Das Firmenzeichen des Ladens war eine Dohle, auf Tschechisch kavka... der Familienname als Logo. Vater und Sohn, unter einem Dach... das hätte Kafka nicht besser erfinden können.
Von genau diesem Balkon verkündete Klement Gottwald am 21. Februar 1948 vor der Menge die kommunistische Machtübernahme. Es schneite, und sein Genosse Vladimír Clementis setzte ihm fürsorglich die eigene Pelzmütze auf. Vier Jahre später wurde Clementis gehängt und aus dem berühmten Foto wegretuschiert. Übrig blieb nur seine Mütze auf Gottwalds Kopf. Mit genau dieser Szene beginnt Milan Kundera sein Buch vom Lachen und Vergessen.
Heute zeigt die Nationalgalerie im Palais Ausstellungen, und durch die Fenster schaut man auf das Gewimmel des Platzes. Gymnasium, Ladenkasse, Friedensnobelpreis, Diktatur, ein Roman über das Vergessen: alles an einer Fassade. Geh jetzt über die Celetná nach Osten und dann rechts durch die kleine Gasse zum Obstmarkt, dem Ovocný trh. Dort steht die älteste Universität Mitteleuropas einem Theater gegenüber, in dem Mozart Geschichte schrieb.
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7. Karolinum und Ständetheater
Ovocný trh 560/5, 110 00 Praha 1, Czechia
Stell dich auf den kleinen Platz und dreh dich einmal langsam: Auf der einen Seite der gotische Erker des Karolinum, auf der anderen das grün-weiße klassizistische Ständetheater. Zwischen diesen beiden Gebäuden liegen kaum fünfzig Schritte... und mehr als sechs Jahrhunderte Prager Geistesgeschichte.
Kaiser Karl IV. gründete die Universität 1348, die erste in Mitteleuropa, älter als Wien, Krakau oder Heidelberg. Das Karolinum ist bis heute ihr feierliches Herz, in seiner Aula werden noch immer die Doktorhüte verliehen, mit Talaren und silbernen Zeptern. 1882 wurde die Universität geteilt, in eine tschechische und eine deutsche Hälfte, mit getrennten Professoren und getrennten Studenten. Am 18. Juni 1906 wurde hier ein junger Mann zum Doktor der Rechte promoviert: Franz Kafka. Er hatte Jura studiert, weil es, wie er später sinngemäß schrieb, das Fach war, das am wenigsten mit seinen eigentlichen Interessen zu tun hatte.
Jetzt dreh dich zum Theater. Graf Franz Anton Nostitz ließ es 1783 bauen, und am 29. Oktober 1787 stand Mozart selbst am Dirigentenpult: Uraufführung des Don Giovanni. Die Legende sagt, er habe die Ouvertüre erst in der Nacht davor zu Papier gebracht, während seine Frau ihn mit Punsch und Geschichten wach hielt. Wien hatte Mozart oft kühl empfangen... Prag liebte ihn.
Das Haus war lange das Theater des deutschsprachigen Prag. Und doch erklang hier 1834, in einer tschechischen Posse, zum ersten Mal das Lied Kde domov můj, wo ist meine Heimat... die spätere tschechische Nationalhymne. Im November 1920 besetzten tschechische Schauspieler das Haus, und die deutsche Bühne verlor ihre traditionsreichste Spielstätte. Zwei Sprachen, ein Theater, und keine war bereit zu teilen.
Wenn dir die Fassade bekannt vorkommt: Miloš Forman drehte hier Szenen für seinen Film Amadeus, weil es eines der wenigen Theater ist, in dem Mozart selbst gespielt hat und das noch steht. Geh jetzt die Straße Na Příkopě hinauf, den alten Graben. Auf diesem Boulevard flanierte früher das deutsche Prag, und eines seiner wichtigsten Häuser wartet gleich auf der rechten Seite.
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8. Deutsches Haus am Graben (Slovanský dům)
Na Příkopě 859/22, 110 00 Praha 1, Czechia
Spazier auf der Na Příkopě bis zu dem langgezogenen Palais mit dem stillen Innenhof, in dem heute Geschäfte und ein Kino Platz finden. Über dem Eingang steht Slovanský dům, Slawisches Haus. Der Name ist eine Antwort... denn jahrzehntelang hieß dieses Gebäude ganz anders.
Ab 1873 war es das Deutsche Haus, das Kasino der Prager Deutschen. Hier tanzte man auf Bällen, las Zeitungen aus Wien und Berlin, hielt Vorträge und Vereinssitzungen. Und die Straße davor, der Graben, war ihr Boulevard. Am Sonntagvormittag flanierte das deutsche Prag hier auf und ab, während die Tschechen auf der Ferdinandstraße promenierten. Man grüßte, man wurde gesehen... und man blieb unter sich. Wie dünn der Frieden war, zeigte der Dezember 1897: Nach dem Sturz des Ministerpräsidenten Badeni, dessen Sprachenverordnungen die Deutschen in Böhmen erbittert bekämpft hatten, zogen tagelang aufgebrachte Menschenmengen durch Prag, Fenster deutscher und jüdischer Geschäfte gingen zu Bruch, und über die Stadt wurde das Standrecht verhängt.
Dabei war diese Welt viel kleiner, als ihr Selbstbewusstsein vermuten ließ. Um 1900 gab nur noch eine kleine Minderheit der Prager, deutlich unter zehn Prozent, Deutsch als Umgangssprache an. Viele von ihnen waren Juden, Beamte, Kaufleute, Professoren. Man hat diese Welt später oft eine Insel genannt. Und auf dieser Insel entstand, eingeschnürt zwischen tschechischem Nationalismus und deutschem Misstrauen, eine Literatur von Weltrang.
Rilke, Kafka, Werfel, Brod, Kisch, Leo Perutz, Paul Leppin, Johannes Urzidil... alle aus derselben Handvoll Straßen. Ihre Zeitung war das Prager Tagblatt, eine der besten deutschsprachigen Zeitungen Mitteleuropas, für die Brod und viele andere schrieben. Man hat dieses Prag oft als Dreieck beschrieben, aus Tschechen, Deutschen und Juden, die einander brauchten und einander misstrauten. Genau diese Reibung war der Motor.
1945, nach Besatzung, Krieg und Holocaust, wurde die deutschsprachige Bevölkerung vertrieben, und das Haus bekam seinen neuen Namen. Eine siebenhundertjährige Geschichte des Prager Deutschtums endete in wenigen Monaten. Geh jetzt weiter bis zum Ende des Grabens und dann rechts in die Jindřišská, die alte Heinrichsgasse. Dort wurde ein Junge geboren, den seine Mutter wie ein Mädchen kleidete.
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9. Rilkes Geburtshaus in der Jindřišská
Jindřišská 889/19, 110 00 Praha 1, Czechia
Bleib in der Jindřišská stehen, der Straße, die vom Wenzelsplatz hinüberführt zum freistehenden Glockenturm von St. Heinrich. Um dich herum Bürohäuser, Hotels, Straßenbahnschienen. Nichts schreit hier nach Poesie... und doch kam an dieser Adresse, damals Heinrichsgasse 19, am 4. Dezember 1875 ein Junge namens René Maria Rilke zur Welt.
Seine Mutter Phia hatte vor ihm eine Tochter verloren, die schon als Säugling gestorben war. Und so zog sie den kleinen René in seinen ersten Jahren an wie ein Mädchen, mit Kleidchen und langen Locken, und nannte ihn manchmal bei Mädchennamen. Der Vater, ein Eisenbahnbeamter mit gescheiterter Offizierskarriere, wollte dagegen einen Soldaten. Zwischen diesen beiden Wünschen wuchs ein sehr empfindsames Kind auf.
Mit zehn Jahren wurde René auf eine Militärschule geschickt, erst nach Sankt Pölten, dann nach Mährisch Weißkirchen. Er hat diese Jahre später als Hölle beschrieben. Krank, gequält, unfähig zum Drill, wurde er schließlich herausgenommen und machte in Prag sein Abitur nach. Dann schrieb er sich an der Deutschen Universität ein... und schrieb vor allem Gedichte.
Sein früher Band Larenopfer von 1895 ist eine Liebeserklärung an diese Stadt: an die Kleinseite, die Moldau, die Gassen, sogar an die tschechischen Nachbarn, für die er ungewöhnlich viel Sympathie zeigte. Kurz darauf entstanden auch die Zwei Prager Geschichten, die 1899 erschienen. Aber Prag war ihm zu eng. 1896 ging er nach München, und dort riet ihm Lou Andreas-Salomé, den verspielten René gegen einen kräftigeren Namen zu tauschen. So wurde aus René Rainer.
Rilke hat danach in Paris, in der Schweiz, in Russland und Italien gelebt, aber die Prager Kindheit ist in seinen Gedichten nie ganz verschwunden: die Angst, die Mutter, die Engel. Der berühmte Anfang der Duineser Elegien, wer, wenn ich schriee, hörte mich denn, klingt wie die Frage eines Kindes in einem dunklen Zimmer. Geh jetzt Richtung Norden, über den Senovážné-Platz hinüber zur Straße Na Poříčí. Dort arbeitete Kafka vierzehn Jahre lang im Büro.
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10. Kafkas Büro: Die Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt
Na Poříčí 1075/7, 110 00 Praha 1, Czechia
Schau dir dieses repräsentative Bürohaus an der Na Poříčí an: solide, ordentlich, mit dem Selbstbewusstsein einer kaiserlichen Behörde. Heute ist darin ein Hotel. Von 1908 bis 1922 aber saß hier, im Dienst der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen, ein Jurist namens Dr. Franz Kafka.
Man stellt sich Kafka gern als verlorenen Träumer vor, gequält von Akten. Die Wahrheit ist überraschender: Er war gut in seinem Job. Sehr gut sogar. Er bearbeitete Unfälle in Steinbrüchen und Fabriken, schrieb Gutachten und kämpfte für mehr Sicherheit an Holzhobelmaschinen, an denen sich Arbeiter reihenweise die Finger abtrennten. Er setzte sich für runde Messerwellen ein, die weniger gefährlich waren, und illustrierte seine Berichte mit eigenen Zeichnungen. Er verhandelte mit Fabrikanten, die ihre Betriebe gern in eine niedrigere Gefahrenklasse einstufen ließen, um Beiträge zu sparen, und hielt Vorträge vor Unternehmern. Seine Vorgesetzten lobten ihn, er stieg bis zum Obersekretär auf.
Und doch: Er nannte das seinen Brotberuf. Die Dienststunden endeten am frühen Nachmittag, dann schlief Kafka, ging spazieren, aß mit der Familie... und schrieb nachts, oft bis zwei oder drei Uhr. In der Nacht vom 22. auf den 23. September 1912 schrieb er Das Urteil in einem einzigen Zug, von zehn Uhr abends bis sechs Uhr früh. Am Morgen ging er ins Büro.
Nach 1918 wurde die Anstalt tschechisch, viele deutsche Beamte mussten gehen. Kafka durfte bleiben, auch weil er ausgezeichnet Tschechisch sprach. Doch seit 1917 wusste er von seiner Lungentuberkulose. Immer längere Krankenurlaube folgten, 1922 wurde er in den Ruhestand versetzt, mit 38 Jahren. In all den Akten, Unfallberichten und Instanzenwegen kann man, wenn man will, die Welt von Der Process und Das Schloss wiedererkennen.
Vielleicht ist das das Geheimnis: Kafka hat die Bürokratie nicht erfunden, er hat sie verstanden, von innen. Geh jetzt ein kurzes Stück zurück und dann über die Havlíčkova hinüber in die Hybernská. An der Ecke zur Dlážděná lag das Kaffeehaus, in dem sich die jungen Prager Dichter jeden Abend trafen.
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11. Café Arco: Das Kaffeehaus des Prager Kreises
Hybernská 1004/16, 110 00 Praha 1, Czechia
Bleib an der Ecke stehen, wo die Dlážděná auf die Hybernská trifft, und stell dir hinter den Fenstern im Erdgeschoss Rauch, Zeitungen und erregte Stimmen vor. Hier lag das Café Arco, eröffnet 1907. Das Kaffeehaus gibt es längst nicht mehr, aber für ein paar Jahre war es der lauteste literarische Salon Mitteleuropas.
Die Stammgäste nannten sich die Arconauten. Franz Werfel, damals Anfang zwanzig, deklamierte seine Gedichte so lautstark, dass die Nachbartische mithörten. Sein Gedichtband Der Weltfreund erschien 1911 und machte ihn über Nacht berühmt. Max Brod, Egon Erwin Kisch, Willy Haas, Ernst Pollak... und manchmal, still in einer Ecke, Franz Kafka. Aus Wien kam ein boshafter Vers, der Karl Kraus zugeschrieben wird: Es werfelt und brodelt und kafkat und kischt. Spott, natürlich. Aber auch eine Liste, die heute in jeder Literaturgeschichte steht.
Ernst Pollak hatte eine junge tschechische Frau, eine Journalistin mit wachem Blick: Milena Jesenská. Über diesen Kreis lernte sie Kafka kennen. 1920 übersetzte sie seine Erzählung Der Heizer ins Tschechische, die erste Übersetzung eines Kafka-Textes überhaupt. Und daraus wurde ein Briefwechsel, der zu den bewegendsten Liebesgeschichten der Literatur gehört: die Briefe an Milena.
Milena blieb nicht bei Worten. Unter der deutschen Besatzung half sie Verfolgten bei der Flucht und schrieb gegen die Besatzer an. 1939 wurde sie verhaftet und starb 1944 im Konzentrationslager Ravensbrück. Die meisten Gäste des Arco haben die Stadt verlassen, sind geflohen, vertrieben oder ermordet worden. Werfel schrieb im amerikanischen Exil, Brod in Tel Aviv. Das Arco blieb zurück wie eine leere Bühne.
Und das ist vielleicht das Seltsamste an diesem Spaziergang: Das deutsche Prag existiert nicht mehr, aber seine Bücher sind lebendiger als je zuvor. Kafka ist heute der berühmteste Prager überhaupt, Rilke wird auf der ganzen Welt gelesen, und Kischs Reportagen klingen frisch wie gestern. Der Bahnhof Masarykovo nádraží ist gleich nebenan... und von Prag aus fuhren sie fast alle irgendwann hinaus in die Welt. Danke, dass du ihre Stadt mit mir gelesen hast.