Haus zu den zwei goldenen Bären: Kischs Geburtshaus
Why is it significant?
Hier, wo die Gasse plötzlich einen Knick macht, schau dir das steinerne Portal genau an. Zwei Bären mit goldenem Fell stehen sich gegenüber, umrankt von Renaissance-Ornamenten aus der Zeit um 1590, so fein gearbeitet, dass man sie für Schnitzerei halten könnte.
Key Facts
| Place | Haus zu den zwei goldenen Bären: Kischs Geburtshaus |
|---|---|
| Address | Kožná 475/1, 110 00 Praha 1, Czechia |
| Geo Coordinates | 50.08610, 14.42090 |
| Part of Walk | Kafka, Rilke und das deutsche Prag: Ein Literaturspaziergang durch Alt- und Neustadt |
| Generated | Generated |
Hier, wo die Gasse plötzlich einen Knick macht, schau dir das steinerne Portal genau an. Zwei Bären mit goldenem Fell stehen sich gegenüber, umrankt von Renaissance-Ornamenten aus der Zeit um 1590, so fein gearbeitet, dass man sie für Schnitzerei halten könnte. Viele laufen achtlos vorbei, auf dem Weg zum Altstädter Ring.
In diesem Haus kam 1885 ein Junge zur Welt, der später nirgendwo lange stillsitzen sollte: Egon Erwin Kisch. Sohn eines jüdischen Tuchhändlers, aufgewachsen zwischen Deutsch und Tschechisch, Lokalreporter bei der deutschsprachigen Prager Zeitung Bohemia. Er trieb sich nachts in Spelunken, Polizeistuben und Obdachlosenasylen herum und schrieb darüber, als wäre es Weltpolitik. 1913 landete er den Coup seines Lebens: Über einen Tipp aus seinem Fußballverein erfuhr er, dass Oberst Alfred Redl, ein hoher Offizier des Generalstabs, als Spion für Russland aufgeflogen war... was die Armee lieber vertuscht hätte.
1925 erschien sein Buch Der rasende Reporter, und der Titel klebte an ihm für den Rest seines Lebens. Kisch reiste nach China, in die Sowjetunion, in die USA. Die schönste Szene spielt 1934 in Australien: Die Behörden wollten den Kommunisten nicht an Land lassen. Also sprang Kisch einfach vom Schiff auf den Kai in Melbourne, brach sich dabei das Bein... und war die Schlagzeile des Tages. Man kann einem Reporter wohl keinen größeren Gefallen tun.
Als Jude und Kommunist musste er vor den Nationalsozialisten fliehen, die Kriegsjahre verbrachte er im Exil in Mexiko. 1946 kehrte er nach Prag zurück, in eine Stadt, aus der die deutschsprachige Welt seiner Jugend gerade verschwand. Er starb im März 1948, wenige Wochen nach der kommunistischen Machtübernahme. Seine Generation war die letzte, für die Prag ganz selbstverständlich auf zwei Sprachen dachte.
Kisch hat die Gassen rund um dieses Haus beschrieben wie kein anderer: die Händler, die Gauner, die Dienstmädchen, die Gerüchte. Sein Prag war laut und schmutzig, keine Postkarte. Geh nun ein Stück zurück und an der Südseite des Altstädter Rings vorbei nach Westen, hinüber zur Kirche St. Nikolaus. Gleich an ihrer Ecke beginnt die Geschichte von Prags berühmtestem Sohn.