Eiserne Dame und Kaisergrab: Eiffelturm, Trocadéro und Invalidendom in Paris
Von der Metrobrücke über die Terrasse der Menschenrechte zum Turm eines Mannes aus der Eifel, vorbei an Napoleons Militärschule bis zu seinem Grab und in Rodins Garten, in dem Rilke das Sehen lernte
Paris · 11 stops · 27 min audio · Generated
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1. Pont de Bir-Hakeim: Die Brücke mit zwei Etagen
Pont de Bir-Hakeim, Avenue du Président Kennedy, 75016 Paris, France
Stell dich auf die Brücke, genau unter das stählerne Viadukt, und spür, wie es über deinem Kopf zittert, wenn ein Zug darüber rollt. Oben fährt die Metro, unten ziehen Autos, Radfahrer und Fußgänger über die Seine. Zwei Etagen, zwei Rhythmen. Und flussaufwärts, zum Greifen nah, ragt der Eiffelturm aus den Bäumen.
Gebaut wurde die Brücke zwischen 1903 und 1905, und damals hieß sie schlicht Pont de Passy, nach dem Viertel am rechten Ufer. An den Säulen hängen gusseiserne Figuren von Schmieden und Nietern bei der Arbeit, ein Loblied auf das Zeitalter des Eisens. Filmfans kennen diesen Ort: Marlon Brando lief hier 1972 durch Der letzte Tango in Paris, und in Inception falten sich zwischen genau diesen Säulen die Spiegel.
Ihren heutigen Namen bekam die Brücke 1949. Bir Hakeim ist ein Wüstenfort in Libyen. Im Frühsommer 1942 hielten dort Soldaten des Freien Frankreich unter General Koenig gut zwei Wochen lang den Angriffen von Rommels Truppen stand. Am Ende mussten sie die Stellung räumen, aber die Verzögerung kaufte den Briten wertvolle Zeit... und dem besiegten Frankreich ein Stück Selbstachtung zurück.
Nur ein paar Schritte vom linken Ufer entfernt stand bis 1959 das Vélodrome d'Hiver, eine Radrennbahn. Am 16. und 17. Juli 1942 nahm die französische Polizei auf Verlangen der deutschen Besatzer rund 13.000 Jüdinnen und Juden in Paris fest. Tausende, darunter mehr als 4.000 Kinder, wurden tagelang in der Halle zusammengepfercht, unter dem Glasdach in der Julihitze, mit kaum Wasser und kaum Toiletten. Fast niemand von ihnen kam aus Auschwitz zurück. Ein Denkmal am Ufer erinnert an sie, und erst 1995 erkannte Präsident Jacques Chirac die Mitschuld des französischen Staates öffentlich an.
Atme durch und schau noch einmal hinauf zu den Säulen. Diese Brücke trägt Leichtes und Schweres zugleich. Halte dich jetzt am rechten Ufer, geh ein Stück an der Seine entlang Richtung Eiffelturm und steig dann durch die Gärten hinauf zu der großen Terrasse zwischen den beiden hellen Palastflügeln.
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2. Trocadéro & Palais de Chaillot: Die Terrasse der Menschenrechte
Parvis des Droits de l'Homme, Place du Trocadéro et du 11 Novembre, 75016 Paris, France
Tritt auf die weite Terrasse zwischen den beiden geschwungenen Flügeln des Palais de Chaillot und geh bis an die Brüstung. Vor dir fallen Gärten und Wasserbecken zur Seine hinab, und dahinter steht der Eiffelturm so perfekt im Bild, als hätte jemand die ganze Stadt nur für dieses Foto gebaut.
Der seltsame Name Trocadéro ist ein Souvenir aus Spanien. Er erinnert an ein Fort bei Cádiz, das französische Truppen 1823 erstürmten. Der Palast hinter dir ist dagegen ein Kind der Weltausstellung von 1937. Man riss den alten, verschnörkelten Trocadéro-Palast von 1878 damals nicht ganz ab, sondern hüllte seine Flügel in diese strengen, hellen Fassaden... und ließ in der Mitte eine Lücke, nur für die Aussicht. Die goldenen Inschriften an den Giebeln stammen vom Dichter Paul Valéry.
Auf derselben Weltausstellung standen sich unten am Fluss zwei Pavillons gegenüber wie Boxer im Ring: der deutsche von Albert Speer, gekrönt von einem Reichsadler, und der sowjetische mit einem riesigen Arbeiterpaar aus Stahl. Drei Jahre später, am frühen Morgen des 23. Juni 1940, stand Hitler genau hier, auf dieser Terrasse, zusammen mit Speer und dem Bildhauer Arno Breker. Es war ein Besuch von nur wenigen Stunden im eben besetzten Paris, und das Foto mit dem Turm im Rücken ging um die Welt. Soweit bekannt, kam er nie wieder.
Und doch gehört dieser Ort am Ende jemand anderem. Am 10. Dezember 1948 tagte im Palais de Chaillot die Generalversammlung der Vereinten Nationen und verabschiedete die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Deshalb heißt die Terrasse unter deinen Füßen heute Parvis des Droits de l'Homme, Vorplatz der Menschenrechte. Ein Platz, der dem Eroberer als Kulisse diente, trägt nun den Namen des Textes, der alles widerlegt, wofür er stand.
In den Flügeln stecken heute ein Architekturmuseum, das Musée de l'Homme und ein großes Theater. Am Abend, wenn der Turm zur vollen Stunde funkelt, ist diese Terrasse einer der schönsten Logenplätze der Welt. Steig jetzt die Treppen hinab, vorbei an den Wasserbecken der Gärten, bis hinunter zum Fluss und auf die Brücke, die direkt auf den Turm zuläuft.
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3. Pont d'Iéna: Napoleons Sieg über Preußen
Pont d'Iéna, 75007 Paris, France
Bleib in der Mitte der Brücke stehen und dreh dich einmal langsam um dich selbst. Hinter dir der Trocadéro, vor dir die vier gewaltigen Füße des Eiffelturms, unter dir die Seine mit ihren Ausflugsbooten. Kaum eine Brücke in Paris liegt so mitten im Postkartenblick... und kaum eine trägt einen Namen, der für deutsche Ohren so unbequem klingt.
Napoleon ließ sie ab 1808 bauen und nannte sie nach seinem Sieg bei Jena, wo er am 14. Oktober 1806 die preußische Armee vernichtend schlug. Der Ingenieur Corneille Lamandé spannte sie in fünf steinernen Bögen über den Fluss. Schau dir die Bögen an: Dort sitzen kaiserliche Adler aus Stein. Für die Pariser war die Brücke ein Triumph, für Preußen eine offene Wunde, mitten in der Hauptstadt des Gegners.
Dann drehte sich das Rad. Napoleon wurde geschlagen, die Verbündeten zogen in Paris ein, und der preußische Feldmarschall Blücher wollte die Brücke in die Luft jagen. So erzählt man es jedenfalls: Pulver sei schon gelegt worden, ein erster Versuch sei kläglich gescheitert. Und der neue König Ludwig der Achtzehnte soll gedroht haben, sich persönlich auf die Brücke zu setzen... dann müsse man ihn eben gleich mit sprengen. Ob er das wirklich sagte, ist nicht sicher, aber die Brücke blieb stehen.
Um die Preußen zu besänftigen, verschwand der Name Jena für einige Jahre, und erst nach 1830 kehrte er zurück. Später bekam die Brücke an ihren Enden vier steinerne Reiter, Krieger aus vier Kulturen: ein Gallier, ein Römer, ein Grieche und ein Araber. Für die Weltausstellung von 1937 wurde sie schließlich verbreitert, damit die Besucherströme zwischen Turm und Trocadéro Platz hatten.
Und jetzt ein kleiner Trost für deutsche Ohren. Gleich wirst du einem Mann begegnen, dessen Familie aus der Eifel stammt und der Paris sein berühmtestes Wahrzeichen geschenkt hat. Geh hinüber ans linke Ufer, über die Straße, und stell dich direkt unter die gewaltigen Bögen des Turms.
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4. Eiffelturm: Die eiserne Dame von 1889
Champ de Mars, 5 Avenue Anatole France, 75007 Paris, France
Stell dich zwischen die vier Pfeiler, leg den Kopf in den Nacken und folge den Linien aus Eisen, die sich hoch über dir zu einer Spitze zusammenziehen. Von hier unten wirkt der Turm nicht zierlich, sondern wie ein riesiges Gewebe... fast durchsichtig, voller Luft und Licht.
Gebaut wurde er in nur zwei Jahren, zwei Monaten und fünf Tagen, von Januar 1887 bis März 1889, als Eingangstor zur Weltausstellung zum hundertsten Jahrestag der Revolution. Rund 18.000 Einzelteile, etwa zweieinhalb Millionen Nieten, jedes Stück im Werk vorgefertigt und genau berechnet, sodass auf der Baustelle kaum etwas angepasst werden musste. Mit gut 300 Metern war er über vierzig Jahre lang das höchste Bauwerk der Welt, bis 1930 das Chrysler Building in New York ihn überholte.
Geliebt wurde er anfangs keineswegs. 1887 veröffentlichten Künstler und Schriftsteller einen empörten Protest gegen diesen nutzlosen und monströsen Turm, unterschrieben unter anderem von Charles Garnier, dem Architekten der Oper, und von Guy de Maupassant. Über Maupassant erzählt man, er habe später gern im Restaurant des Turms gegessen, weil es der einzige Ort in Paris sei, von dem aus man ihn nicht sehen müsse.
Eigentlich sollte der Turm nach zwanzig Jahren wieder abgebaut werden. Gerettet hat ihn die Wissenschaft. Gustave Eiffel ließ oben Versuche zu Wetter und Luftwiderstand machen und bot den Turm als Antenne für die drahtlose Telegrafie an. Im Ersten Weltkrieg fing man hier deutsche Funksprüche ab. Und als im Juni 1940 die Wehrmacht einmarschierte, sollen die Aufzüge plötzlich nicht mehr funktioniert haben... Hitler stieg nicht hinauf. Ob die Kabel wirklich absichtlich durchtrennt wurden, gehört zu den Pariser Geschichten, die man einfach gern glaubt.
Am Nordpfeiler, dem Pfeiler zur Seine hin, steht übrigens eine vergoldete Büste des Erbauers, geschaffen von Antoine Bourdelle. Merk dir sein Gesicht mit dem gepflegten Bart. Geh jetzt unter dem Turm hindurch auf die große Rasenfläche dahinter, das Marsfeld, und dreh dich nach ein paar hundert Schritten um.
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5. Champ de Mars: Gustave Eiffel, eigentlich Bönickhausen
Champ de Mars, 75007 Paris, France
Dreh dich auf dem Rasen des Marsfelds um: Jetzt steht der Turm in voller Größe vor dir, eingerahmt von Baumreihen, Spaziergängern und Picknickdecken. Zeit für die Geschichte des Mannes, dessen Namen er trägt.
Gustave Eiffel wurde 1832 in Dijon geboren, aber im Familiennamen steckte noch etwas anderes: Bönickhausen. Ein Vorfahr war Anfang des 18. Jahrhunderts aus der Eifel nach Paris gezogen, und weil die Franzosen sich an Bönickhausen die Zunge brachen, nannte man die Familie nach ihrer Herkunft... Eiffel. Offiziell ließ Gustave den Namen erst 1880 ändern. Damals, zehn Jahre nach dem Krieg von 1870, klang ein deutscher Name in Frankreich alles andere als harmlos, und Gegner warfen ihm seine Herkunft gelegentlich vor.
Das Marsfeld selbst war einst der Exerzierplatz der Militärschule, die du am anderen Ende der Wiese siehst. Am 14. Juli 1790, ein Jahr nach dem Sturm auf die Bastille, feierten hier Hunderttausende das Föderationsfest, mit dem König auf der Tribüne... ein Moment, in dem Monarchie und Revolution noch versöhnt schienen. Ludwig der Sechzehnte schwor vor einem riesigen Altar des Vaterlands den Eid auf Nation und Gesetz. Ein Jahr später, im Juli 1791, schoss die Nationalgarde auf demselben Feld in eine Menge, die die Absetzung des Königs forderte. Wie viele Menschen starben, ist bis heute umstritten. Die Versöhnung jedenfalls war vorbei.
Danach wurde das Feld zur Bühne der Weltausstellungen, 1867, 1878, 1889, 1900 und 1937. Hier bestaunten Millionen Besucher Telefone, Phonographen und elektrisches Licht, und immer wieder entstanden Paläste, die nach ein paar Monaten wieder abgerissen wurden. Nur der Turm blieb stehen. Bei den Olympischen Spielen 2024 wurde hier, direkt vor dem Turm, Beachvolleyball gespielt.
Eiffel selbst behielt sich übrigens ganz oben eine kleine Wohnung vor, in der er Gäste empfing, darunter Thomas Edison. Spaziere jetzt über das Marsfeld nach Südosten, bis zu dem langen, hellen Gebäude mit der flachen Kuppel am Ende der Wiese. Dort lernte ein junger Korse das Kriegshandwerk.
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6. École Militaire: Napoleons Schule
1 Place Joffre, 75007 Paris, France
Vor dir schließt ein langer Palast aus hellem Stein das Marsfeld ab, mit Säulen, einem Giebel voller Figuren und einer flachen, viereckigen Kuppel. Das ist keine Königsresidenz, sondern eine Schule... und wohl eine der prächtigsten Schulen der Welt.
Gegründet wurde die Militärschule 1751 von Ludwig dem Fünfzehnten, angestoßen von seiner Mätresse Madame de Pompadour und dem Finanzier Pâris-Duverney. Die Idee war erstaunlich modern: Söhne verarmter Adelsfamilien sollten hier kostenlos zu Offizieren ausgebildet werden. Den Bau entwarf Ange-Jacques Gabriel, derselbe Architekt, der die Place de la Concorde schuf. Nur fehlte ständig das Geld, und man finanzierte den Bau unter anderem mit einer Steuer auf Spielkarten und mit einer Lotterie.
Im Oktober 1784 trat hier ein fünfzehnjähriger Kadett aus Korsika ein, mit starkem Akzent, wenig Geld und großem Ehrgeiz: Napoleone Buonaparte. Im Februar 1785 starb sein Vater, und der junge Kadett musste plötzlich an das Auskommen der ganzen Familie denken. Er schaffte die Ausbildung in nur einem Jahr, als Leutnant der Artillerie, und landete auf Platz 42 von 58. Kein glänzendes Ergebnis. Doch einer seiner Lehrer soll in die Beurteilung geschrieben haben, dieser junge Mann werde es weit bringen, wenn die Umstände ihn begünstigen. Die Umstände taten es.
Bis heute wird das Gebäude militärisch genutzt, hier sitzen Hochschulen, an denen Offiziere aus Frankreich und vielen anderen Ländern ausgebildet werden. Der Platz vor dir heißt Place Joffre, nach dem Marschall, der im September 1914 an der Marne den deutschen Vormarsch auf Paris stoppte. Seine Reiterstatue steht vor der Fassade, den Blick auf das Marsfeld gerichtet. Napoleon selbst gründete als Herrscher 1802 eine neue Offiziersschule, die später nach Saint-Cyr zog und bis heute seinen Ruf als Kaderschmiede trägt.
Achte auf die Gesichter der Leute, die hier ein und aus gehen: Uniformen, Aktentaschen, ein Stück Alltag in einem Bau, den andere nur fotografieren. Geh jetzt links an der Militärschule entlang auf ihre Rückseite, zur Place de Fontenoy. Dort wartet ein Gebäude, das das genaue Gegenteil von Säulen und Kuppeln ist.
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7. UNESCO an der Place de Fontenoy: Bauhaus in Paris
7 Place de Fontenoy, 75007 Paris, France
Auf der Place de Fontenoy, hinter der Militärschule, blickst du auf einen weiten Bogen aus Beton und Glas, der auf schlanken Stützen zu schweben scheint. Von oben betrachtet hat das Gebäude die Form eines riesigen Y. Nach so viel Barock und Klassizismus wirkt es wie ein Satz in einer anderen Sprache.
Das ist das Hauptquartier der UNESCO, der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur, eingeweiht im November 1958. Drei Architekten aus drei Ländern haben es entworfen: der Franzose Bernard Zehrfuss, der Italiener Pier Luigi Nervi, ein Meister des Betons, und Marcel Breuer, ein gebürtiger Ungar, der am Bauhaus in Weimar und Dessau studiert und gelehrt hatte, bevor er Deutschland verließ und schließlich in Amerika arbeitete.
Damit steht hier, mitten im Paris der Könige und Kaiser, ein Stück Bauhaus. Statt Säulen tragen Betonstützen das Haus, die Fassade ist ein Raster aus Glas und Sonnenblenden, alles folgt der Funktion. Für die Kunst holte man die Größten der Zeit: Picasso malte ein riesiges Wandbild, Joan Miró schuf Keramikwände, Henry Moore eine liegende Figur, und der japanisch-amerikanische Künstler Isamu Noguchi legte einen Garten an.
Die Idee hinter dem Haus wurde 1945 formuliert, in den Trümmern des Krieges: Weil Kriege im Geist der Menschen entstehen, muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden. Heute führt die UNESCO die Liste des Welterbes. Auch die Ufer der Seine in Paris stehen seit 1991 darauf, und 2022 wurden sogar das Handwerk und die Kultur des französischen Baguettes als immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt.
Der Platz selbst erinnert an eine Schlacht: Fontenoy, im heutigen Belgien, wo Ludwig der Fünfzehnte 1745 siegte. Kriegsnamen und Friedensarbeit, Tür an Tür, typisch für dieses Viertel. Wenn du nun Lust auf ein Baguette bekommen hast, bist du auf dem richtigen Weg: Geh nach Norden, an der Militärschule vorbei und über die Avenue de La Motte-Picquet, bis zur Rue Cler, der Marktstraße des Viertels.
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8. Rue Cler: Die Marktstraße des siebten Arrondissements
Rue Cler, 75007 Paris, France
In der Rue Cler riecht es nach reifem Käse, frischem Brot und Blumen. Die Straße ist hier weitgehend für Autos gesperrt, Obstkisten stehen bis aufs Pflaster, und vor den Cafés sitzen Leute aus dem Viertel, als hätten sie den ganzen Vormittag Zeit.
Der Name hat mit Essen nichts zu tun. Jean-Joseph-Gustave Cler war ein General, der 1859 in der Schlacht von Magenta in Italien fiel. Das ganze Viertel ist voller solcher Namen, Straßen nach Generälen und Schlachten, weil die Militärschule und die Invaliden gleich nebenan liegen. Und ausgerechnet diese Straße ist zum friedlichsten Ort der Gegend geworden.
Die Rue Cler ist eine typische Pariser Geschäftsstraße für den Alltag. Käsehändler stapeln Laibe von Comté und kleine Rollen von Ziegenkäse, dazu Weinhändler, Fischhändler, Metzger, Bäcker und Konditoren. Viele Pariser kaufen nicht einmal pro Woche im Supermarkt, sondern jeden Tag ein bisschen, bei Händlern, die ihren Namen kennen. Und wenn du ein frisches Baguette kaufst: Die Spitze isst man traditionell schon auf dem Heimweg ab. Charles de Gaulle soll einmal gestöhnt haben, wie man ein Land regieren solle, das mehr als zweihundert Käsesorten hat... ein Blick in die Auslagen hier gibt ihm recht.
Wusstest du, dass das Baguette in Frankreich sogar gesetzlich geregelt ist? Seit 1993 legt ein Dekret fest, was eine baguette de tradition française enthalten darf: nur Mehl, Wasser, Salz und Hefe oder Sauerteig, keine Zusatzstoffe, und eingefroren werden darf der Teig auch nicht. Und jedes Jahr kürt die Stadt Paris in einem Wettbewerb das beste Baguette der Stadt... der Gewinner darf ein Jahr lang den Präsidenten im Élysée-Palast beliefern.
Nimm dir ruhig einen Moment, kauf dir eine kleine Wegzehrung und schau dem Treiben zu. Dann folge der Straße nach Norden bis zur Rue de Grenelle und biege rechts ab, Richtung Osten. Nach wenigen Minuten öffnet sich vor dir eine weite Rasenfläche, und dahinter eine endlos lange Fassade mit Kanonen davor.
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9. Hôtel des Invalides: Das Haus der Veteranen
129 Rue de Grenelle, 75007 Paris, France
Vor dir erstreckt sich eine fast 200 Meter lange Fassade aus hellem Stein, davor ein Graben und eine Reihe alter Bronzekanonen, die auf die Esplanade zielen. Über dem Mittelportal reitet Ludwig der Vierzehnte in Stein, und oben in den Dachgauben siehst du gemeißelte Rüstungen, Helme und Schilde.
Der Sonnenkönig gründete das Haus 1670 für die Veteranen seiner endlosen Kriege. Bis dahin endeten verwundete Soldaten oft als Bettler auf den Straßen von Paris. Hier bekamen sie ein Bett, Essen, ärztliche Versorgung und Arbeit in Werkstätten, in denen Schuhe, Teppiche und sogar kostbare Handschriften entstanden. Krankenhaus, Kaserne und Kloster in einem, zeitweise für mehrere tausend Invaliden... daher der Name. Der Architekt Libéral Bruant ordnete die Säle um rund ein Dutzend Höfe an, damit Licht und frische Luft zu den Kranken kamen, damals ein großer Fortschritt.
Und jetzt ein Detail, das fast alle übersehen. Im großen Ehrenhof hinter dem Portal späht aus einer der Dachgauben ein Wolf heraus. Das ist ein Wortspiel. Der Kriegsminister, der den Bau vorantrieb, hieß Louvois, und auf Französisch klingt loup voit, der Wolf sieht, fast genauso. Ein Minister, der sich in Stein verewigt hat... mit einem Augenzwinkern.
Am Morgen des 14. Juli 1789 stürmte eine aufgebrachte Menge dieses Haus. Sie suchte Waffen und fand sie: rund 30.000 Gewehre aus den Kellern. Die königlichen Truppen, die ganz in der Nähe auf dem Marsfeld lagerten, griffen nicht ein. Was fehlte, war Pulver. Und das lagerte in einer alten Festung im Osten der Stadt, in der Bastille. Ohne die Gewehre von den Invaliden am Morgen hätte es den Sturm auf die Bastille am Nachmittag vermutlich nicht gegeben.
Heute beherbergt das Haus das große Armeemuseum, und noch immer leben hier Kriegsversehrte in einer Einrichtung für Veteranen, wie vor über dreihundert Jahren. Geh jetzt außen am Gebäude entlang auf seine Südseite. Dort erhebt sich die goldene Kuppel, unter der ein Kaiser liegt.
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10. Invalidendom: Napoleons Grab
Place Vauban, 75007 Paris, France
Auf der Südseite, an der Place Vauban, siehst du die Kuppel in ihrer ganzen Pracht: über hundert Meter hoch, überzogen mit Gold, das in der Sonne fast weiß aufblitzt. Darunter Säulen, Statuen, eine Fassade wie ein Thron aus Stein.
Jules Hardouin-Mansart, der Architekt von Versailles, baute diese Kirche ab 1677, fast dreißig Jahre lang, als königliche Kapelle für Ludwig den Vierzehnten. Manche Historiker glauben, der König habe hier eine Grablege für seine Familie im Sinn gehabt. Doch die Geschichte entschied anders: Heute ruht hier ein Mann, der die Bourbonen vom Thron verdrängt hatte.
Napoleon starb 1821 in der Verbannung auf Sankt Helena, mitten im Südatlantik. Erst im Dezember 1840 holte Frankreich seinen Leichnam zurück, und der Trauerzug zog bei klirrender Kälte durch Paris. Doch die Krypta war erst 1861 fertig. Seitdem liegt er unter der Kuppel in einem gewaltigen Sarkophag aus rotem Quarzit, umgeben von einem Mosaikboden mit den Namen seiner Siege... und unter ihnen steht auch Jena. Im Sarkophag, heißt es, liegt er in sechs ineinander geschachtelten Särgen.
Und jetzt eine Geschichte, die in Wien beginnt. Napoleons einziger ehelicher Sohn, der Herzog von Reichstadt, wuchs am Hof seines Großvaters, des österreichischen Kaisers, auf und starb 1832 mit nur 21 Jahren in Schönbrunn. Begraben wurde er in der Kapuzinergruft, bei den Habsburgern. Im Dezember 1940 ließ Hitler seinen Sarg nach Paris bringen, genau hundert Jahre nach der Rückkehr des Vaters, als Geste an das besiegte Frankreich. Die Pariser froren in jenem Kriegswinter, und man spottete, so wird erzählt, man nehme ihnen die Kohle und bringe ihnen Asche.
Neben Napoleon ruhen unter dieser Kuppel auch zwei seiner Brüder und große Feldherren wie Turenne, Vauban und Marschall Foch. Verlass jetzt die Place Vauban nach Osten zum Boulevard des Invalides und geh ihn nach Norden hinauf bis zur Rue de Varenne. Dort, hinter einer hohen Mauer, wartet ein Garten voller Bronze.
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11. Musée Rodin: Der Denker und Rilke
77 Rue de Varenne, 75007 Paris, France
Hinter dem Tor an der Rue de Varenne öffnet sich ein Garten mit Rosen und Buchsbaum, und darin sitzt er: der Denker, nackt, aus dunkler Bronze, das Kinn auf die Hand gestützt, als grübelte er seit über hundert Jahren über dieselbe Frage. Hinter ihm steht ein eleganter Stadtpalast aus dem 18. Jahrhundert, das Hôtel Biron.
Der Denker war ursprünglich gar nicht als Einzelfigur gedacht. Er saß oben auf dem Höllentor, Auguste Rodins riesigem Bronzeportal nach Dantes Göttlicher Komödie, und sollte wohl den Dichter selbst darstellen, der auf die Kreise der Hölle hinabblickt. Erst später wurde er vergrößert und zum Sinnbild für das Denken schlechthin.
Und jetzt die deutschsprachige Geschichte dieses Gartens. 1902 kam ein junger Dichter aus Prag nach Paris, um ein Buch über Rodin zu schreiben: Rainer Maria Rilke. Der Bildhauer gab ihm einen Rat, der sein Schreiben veränderte: genau hinschauen, lange, geduldig, bis ein Ding sich zeigt. So entstanden Rilkes Dinggedichte, darunter Der Panther aus dem Jardin des Plantes. 1905 wurde Rilke sogar Rodins Sekretär und wohnte bei ihm in Meudon... bis Rodin ihn 1906 nach einem Streit um einen Brief vor die Tür setzte.
Die Versöhnung kam über dieses Haus. 1908 wohnte Rilke im Hôtel Biron, das damals verfallen war und günstig an Künstler vermietet wurde. Er schrieb Rodin, wie wunderbar es hier sei, und der Bildhauer mietete sich ein, zuerst in ein paar Räume, später in viel mehr. Auch Henri Matisse, Jean Cocteau und die Tänzerin Isadora Duncan hatten hier zeitweise Räume. Rodin vermachte dem Staat sein Werk unter der Bedingung, dass daraus ein Museum würde, und 1919, zwei Jahre nach seinem Tod, öffnete es.
Hier endet dein Weg: von der Brücke der Metro über die Terrasse der Menschenrechte, den Turm des Mannes aus der Eifel und das Grab des Kaisers bis in diesen stillen Garten. Rodin soll Rilke gesagt haben, man müsse arbeiten, immer nur arbeiten. Vielleicht nimmst du von hier etwas Leichteres mit: noch einmal hinzusehen. Setz dich auf eine Bank, schau dem Denker eine Weile zu... und lass Paris ein bisschen warten.