Shakespeares Ufer: Bankside, Globe und Tate Modern in London
Von der wackelnden Millennium Bridge über Theater, Bischofsbordelle und Gasthöfe bis zu Chaucer, Keats und Dickens: Londons literarisches Südufer in Southwark
London · 11 stops · 28 min audio · Generated
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1. Millennium Bridge: Die Brücke, die tanzte
Millennium Bridge, Thames Embankment, London SE1 9JE, United Kingdom
Bleib auf der flachen Stahlklinge stehen, die sich über die Themse spannt, und dreh dich einmal um dich selbst: hinter dir die Kuppel von St Paul's, vor dir am Südufer ein Backsteinkoloss mit einem einzigen hohen Schornstein. Zwei Welten, verbunden durch einen Steg, auf dem kein einziges Auto fährt.
Die Millennium Bridge, entworfen von Norman Foster, dem Bildhauer Anthony Caro und den Ingenieuren von Arup, wurde am 10. Juni 2000 eröffnet. Tausende strömten am ersten Tag herüber... und die Brücke begann zu schwanken, seitlich, rhythmisch, wie ein Schiffsdeck. Die Menschen passten ihren Schritt unbewusst dem Schwanken an und verstärkten es dadurch noch. Nach zwei Tagen wurde sie geschlossen, und London hatte einen neuen Spitznamen: die Wobbly Bridge, die Wackelbrücke.
Fast zwei Jahre lang tüftelten die Ingenieure und bauten Dutzende Dämpfer ein, die die Schwingungen schlucken. Im Februar 2002 öffnete die Brücke wieder, und seitdem liegt sie ruhig wie ein Brett. Das Phänomen dahinter, dass sich Fußgänger auf einer federnden Brücke im Gleichschritt synchronisieren, wird heute in Ingenieurkursen auf der ganzen Welt gelehrt. Eine Blamage, aus der die Wissenschaft gelernt hat. Die Londoner haben der Brücke den Spott längst verziehen; heute laufen jeden Tag Zehntausende über sie, ohne auch nur ein Zittern zu spüren.
Wer Fantasy liebt, kennt sie aus einer anderen Perspektive: Im Film Harry Potter und der Halbblutprinz von 2009 lassen Todesser genau diese Brücke in die Themse stürzen. Keine Sorge... in Wirklichkeit trägt sie dich sicher hinüber.
Das Spannendste liegt aber vor dir, am Südufer. Bankside gehörte jahrhundertelang nicht zur City, deren Stadtväter Theater für Brutstätten von Pest und Unmoral hielten. Drüben herrschten andere Herren, und so entstand dort Londons Vergnügungsviertel: Bärengruben, Wirtshäuser, Bordelle und Theater, in denen Shakespeare und Marlowe ihre Stücke zeigten. Für die Londoner hieß das: Fährboot nehmen oder über die einzige Brücke laufen, um sich zu amüsieren. Auf diesem Spaziergang folgen wir dieser Welt bis zu den Gasthöfen von Chaucer und den Kinderjahren von Dickens. Geh hinüber ans Südufer, direkt auf den großen Schornstein zu.
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2. Tate Modern: Das Kraftwerk der Kunst
Bankside, London SE1 9TG, United Kingdom
Stell dich vor die lange Backsteinfassade und lass den Blick den Schornstein hinaufwandern, der 99 Meter hoch aus der Mitte des Gebäudes steigt. Bis 1981 war das hier ein Kraftwerk, die Bankside Power Station, die mit Öl Strom für London erzeugte. Heute ist es eines der meistbesuchten Museen für moderne Kunst der Welt, untergebracht in einem Bau, der einst Rauch über die Themse blies.
Entworfen hat das Kraftwerk Giles Gilbert Scott, derselbe Architekt, von dem die rote Londoner Telefonzelle stammt. Man erzählt sich, der Schornstein sei absichtlich etwas niedriger gebaut worden als die Kuppel von St Paul's gegenüber, damit das Industriegebäude der Kathedrale nicht die Schau stiehlt. Nach der Stilllegung stand der Riese lange leer, und man stritt, ob man ihn nicht einfach abreißen sollte. Viele Londoner hielten ihn für einen Schandfleck gegenüber der Kathedrale.
Dann suchte die Tate einen Ort für ihre internationale moderne Sammlung, und den Wettbewerb gewann ein Architektenduo aus Basel: Jacques Herzog und Pierre de Meuron. Ihre Idee war radikal bescheiden. Sie rissen nichts ab, ließen den Backstein stehen und setzten nur einen leuchtenden Glaskasten aufs Dach. Im Mai 2000 eröffnete die Tate Modern und wurde sofort ein Publikumsmagnet, mit mehr Besuchern, als irgendwer zu hoffen gewagt hatte.
Das Herz des Hauses ist die Turbinenhalle, rund 150 Meter lang und 35 Meter hoch, eine Kathedrale für Kunst. 2003 ließ Olafur Eliasson darin eine riesige künstliche Sonne aufgehen, und die Besucher legten sich auf den Boden wie an einen Strand. 2006 baute der deutsche Künstler Carsten Höller Röhrenrutschen, die sich aus den oberen Etagen bis nach unten wanden... ein Museum, in dem Erwachsene kreischend rutschen durften.
2016 kam ein Anbau dazu, ein verdrehter Turm aus Backsteingitter, wieder von Herzog & de Meuron. Von seiner Aussichtsterrasse im zehnten Stock blickt man über halb London, und auch in die gläsernen Wohnungen nebenan. Die Nachbarn klagten bis vor den Obersten Gerichtshof und bekamen 2023 recht. Folg jetzt der Uferpromenade nach Osten, bis ein weißer Rundbau mit Strohdach auftaucht.
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3. Shakespeare's Globe: Unser Shakespeare an der Themse
21 New Globe Walk, London SE1 9DT, United Kingdom
Bleib am Ufer vor dem weißen Fachwerkrund stehen, mit seinem Strohdach, das so gar nicht in eine Großstadt passen will. Es ist tatsächlich das erste Strohdach, das London seit dem Großen Feuer von 1666 erlaubt hat. Shakespeare's Globe ist ein Nachbau, 1997 eröffnet, so genau wie möglich nach dem Theater, für das Shakespeare viele seiner großen Stücke schrieb.
Das Original stand ein paar hundert Meter weiter, an der heutigen Park Street. Gebaut wurde es 1599 aus den Balken eines älteren Theaters im Norden der Stadt, das Shakespeares Truppe nach einem Streit mit dem Grundbesitzer kurz nach Weihnachten 1598 kurzerhand abgebaut und über den Fluss geschafft hatte. 1613, bei einer Aufführung von Heinrich dem Achten, setzte eine Bühnenkanone das Strohdach in Brand. In weniger als einer Stunde war das Theater verloren, und einem Zuschauer, so berichtet ein Augenzeuge, fing die Hose Feuer, die man mit einer Flasche Bier löschte.
Hinter dem Wiederaufbau steckt ein Amerikaner: der Schauspieler Sam Wanamaker. Als er 1949 nach London kam und das Globe suchte, fand er nur eine Gedenktafel an einer Brauereimauer. Jahrzehntelang sammelte er Geld und kämpfte gegen Bedenken... und starb 1993, vier Jahre bevor hier wieder gespielt wurde.
Wirf jetzt einen Blick auf das schmale alte Haus gleich links neben dem Theater, Cardinal's Wharf. Eine Tafel behauptet, Christopher Wren habe hier gewohnt, während er St Paul's baute, und Katharina von Aragon habe hier bei ihrer Ankunft in London Zuflucht gefunden. Klingt herrlich, stimmt aber nicht: Das Haus entstand erst um 1710, als die Kathedrale schon fast fertig war, und woher die Tafel stammt, ist bis heute nicht ganz geklärt.
Und für dich hat dieses Theater noch eine Pointe: Shakespeare ist auch ein Stück deutscher Literatur. Ab 1797 übertrug August Wilhelm Schlegel ein Stück nach dem anderen in deutsche Verse, so selbstverständlich, als wären sie in Jena geschrieben. Ludwig Tieck, seine Tochter Dorothea und Wolf Graf Baudissin vollendeten das Werk. Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage... so wurde Shakespeare für Generationen zu unserem Shakespeare. Geh nun ein paar Schritte weiter und biege rechts in die Gasse Bear Gardens, Richtung Park Street.
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4. The Rose: Marlowes Bühne und der Faust
56 Park Street, London SE1 9AR, United Kingdom
Bleib vor dem unscheinbaren Eingang an der Park Street stehen. Von außen verrät nur ein Schild, dass unter diesem modernen Bürohaus ein Schatz liegt. Drinnen, in einem dunklen Raum, schimmert Wasser über dem Grundriss eines Theaters, nachgezeichnet von roten Lichtlinien: die Reste des Rose, des ersten Theaters an der Bankside.
Gebaut hat es 1587 Philip Henslowe, ein Geschäftsmann, der mit allem handelte, was Geld brachte: mit Holz, mit Pfändern, mit Bärenkämpfen und, so heißt es, auch mit Bordellen. Und er führte Buch. Sein Tagebuch, voller Einnahmen, Kostüme und Vorschüsse an Dichter, ist heute eine der wichtigsten Quellen über das Theater der Shakespeare-Zeit überhaupt. Ohne seine Kritzeleien wüssten wir viel weniger.
Auf dieser Bühne feierte Christopher Marlowe seine Triumphe, mit Tamburlaine, dem Juden von Malta und dem Doktor Faustus. Ja, Faust: Marlowe nahm den Stoff aus dem deutschen Volksbuch von 1587, gut zweihundert Jahre bevor Goethe ihn sich vornahm. Der Star der Truppe, Edward Alleyn, spielte die großen Rollen und wurde damit reich. Auch frühe Stücke des jungen Shakespeare kamen hier auf die Bretter, darunter Titus Andronicus und Heinrich der Sechste.
1989 stießen Bauarbeiter auf die Fundamente. Plötzlich standen berühmte Schauspielerinnen und Schauspieler wie Peggy Ashcroft und Ian McKellen auf der Baustelle und protestierten, damit die Bagger nicht weitermachten. Sie hatten Erfolg: Das neue Gebäude wurde so über den Ruinen errichtet, dass sie erhalten blieben. Zum ersten Mal sah man, wie ein Theater der elisabethanischen Zeit wirklich gebaut war, kleiner als gedacht und mit vieleckigem Grundriss. Man fand sogar Haselnussschalen, die das Publikum während der Vorstellungen geknabbert hatte.
Ein paar Schritte weiter östlich an der Park Street markieren Pflastersteine den Umriss des echten, ersten Globe. Folg der Straße nach Osten, an dieser Stelle vorbei und an dem alten Uferwirtshaus The Anchor, von dem aus Samuel Pepys 1666 das Große Feuer beobachtet haben soll. Dann wird es eng und dunkel: Wir biegen in die Clink Street ein.
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5. Clink & Winchester Palace: Bischöfe, Gänse und Gefangene
1 Clink Street, London SE1 9DG, United Kingdom
Geh langsam durch die Clink Street, diese schattige Schlucht zwischen hohen viktorianischen Lagerhäusern, und bleib vor der Ruine stehen, in deren Giebelwand eine riesige Fensterrose aus Stein hängt, ohne Glas, ohne Dach dahinter. Mehr ist vom prächtigen Stadtpalast der Bischöfe von Winchester nicht übrig. Einst reichten seine Gärten und Höfe bis zum Fluss, wo die Bischöfe mit dem eigenen Boot anlegten, wenn sie zum König nach Westminster fuhren.
Jahrhundertelang gehörte dieser Teil von Southwark nicht der Stadt London, sondern dem Bischof von Winchester. Er hatte hier eigene Gerichtsbarkeit, die Liberty of the Clink, und ein eigenes Gefängnis, das Clink, eines der ältesten in England. Wahrscheinlich kommt daher der Ausdruck in the clink, im Knast, den die Briten bis heute benutzen. Die Fensterrose stammt aus dem 14. Jahrhundert und schmückte einst den großen Saal des Palastes.
Und jetzt wird es pikant. Der Bischof duldete in seinem Bezirk die Badehäuser und Bordelle am Ufer, die sogenannten Stews, und er verdiente mit. Schon im 12. Jahrhundert gab es Vorschriften, die das Gewerbe unter seiner Aufsicht regelten. Die Frauen, die dort arbeiteten, nannte man spöttisch die Gänse von Winchester. Ein Kirchenfürst, der am Laster verdient... die Prediger auf der anderen Flussseite haben das nie vergessen.
Das Gefängnis selbst war gefürchtet. Wer hier saß, musste für Essen, Kerzen und sogar leichtere Ketten bezahlen. Im 16. Jahrhundert landeten Glaubensabweichler hier, unter Maria der Katholischen die Protestanten, unter ihren Nachfolgern die Katholiken. 1780 stürmten Aufständische bei den Gordon Riots das Clink und brannten es nieder; es wurde nie wieder aufgebaut. Im Keller nebenan erzählt heute ein kleines Museum seine Geschichte.
Am Ende der Straße liegt in einem winzigen Dock ein Segelschiff, das sich in der Zeit verirrt zu haben scheint: ein Nachbau der Golden Hinde, mit der Francis Drake zwischen 1577 und 1580 die Welt umsegelte. Gleich dahinter ragt der Turm einer gotischen Kirche auf, älter als alles, was du bisher an diesem Ufer gesehen hast. Geh an dem Schiff vorbei auf den Turm zu.
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6. Southwark Cathedral: Shakespeare, Gower und Harvard
London Bridge, London SE1 9DA, United Kingdom
Geh hinein ins Kirchenschiff und an der Südwand entlang, bis du einen Mann aus hellem Alabaster entdeckst, der halb liegend, den Kopf in die Hand gestützt, vor sich hin träumt. Das ist William Shakespeare, oder besser sein Denkmal, aufgestellt 1912. Über ihm leuchtet ein Glasfenster mit Gestalten aus seinen Stücken, und jedes Jahr rund um seinen Geburtstag im April wird hier ein Gottesdienst für ihn gefeiert.
Shakespeare lebte um 1599 hier in der Gegend, und diese Kirche, damals St Saviour's, war die Pfarrkirche der Bankside mit all ihren Schauspielern. Im Dezember 1607 wurde hier sein jüngerer Bruder Edmund begraben, ebenfalls Schauspieler, erst 27 Jahre alt. Laut Kirchenbuch wurde dafür die große Glocke am Vormittag geläutet, eine teure Ehre. Wer das bezahlt hat, steht nicht da... vielleicht der große Bruder.
Ein paar Schritte weiter liegt ein Dichter, der zwei Jahrhunderte älter ist: John Gower, Freund von Geoffrey Chaucer, gestorben 1408. Auf seinem bunten Grabmal ruht sein Kopf auf drei Büchern, seinen Hauptwerken, eines auf Latein, eines auf Französisch, eines auf Englisch. Ein Dichter, der seinen Kopf buchstäblich auf seine Werke bettet... schöner kann man es kaum sagen. Und Shakespeare kannte ihn: In seinem Stück Perikles lässt er Gower als Erzähler auftreten.
Dann gibt es eine Kapelle mit einem Namen, den jeder kennt: Harvard. John Harvard wurde 1607 in dieser Kirche getauft, Sohn eines Metzgers aus Southwark. Er wanderte nach Neuengland aus, starb jung und vermachte seine Bücher und die Hälfte seines Vermögens einem neuen College bei Boston, das seitdem seinen Namen trägt.
Die Kirche selbst ist über achthundert Jahre alt, ihr Chor gehört zu den ältesten gotischen Räumen Londons, und doch wurde sie erst 1905 zur Kathedrale. Draußen rumpeln die Züge auf dem Viadukt vorbei, so nah, dass man sie beim Gebet hört. Überquere jetzt die Borough High Street und geh in die St Thomas Street hinein, bis zum Innenhof des Guy's Hospital. Dort sitzt ein junger Dichter und wartet.
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7. John Keats bei Guy's Hospital: Der Dichter in der Brückennische
Guy's Hospital, Great Maze Pond, London SE1 9RT, United Kingdom
Im stillen Innenhof des Guy's Hospital, mitten zwischen Klinikgebäuden, steht eine steinerne Nische mit gewölbtem Dach, und darin sitzt ein junger Mann aus Bronze, das Kinn in die Hand gestützt, den Blick irgendwo über den Dächern. Das ist John Keats, einer der größten Dichter der englischen Romantik. Und er sitzt in einem Stück der alten London Bridge.
Die Nische war einst eine der Schutzbuchten auf der alten Brücke, in die Fußgänger vor Karren und Kutschen flüchteten. Als die Brücke 1831 abgerissen wurde, kamen einige dieser Alkoven an verschiedene Orte der Stadt, einer davon hierher. Erst 2007 bekam er seinen Bewohner: Keats, der hier ganz in der Nähe Medizin studierte.
Keats war kein verträumter Lord, sondern der Sohn eines Mietstallbetreibers, früh verwaist und ohne Geld. Im Oktober 1815 schrieb er sich mit neunzehn Jahren am Guy's Hospital ein. Er sah Operationen ohne Narkose, verband Wunden als Gehilfe der Chirurgen und bestand 1816 die Prüfung als Apotheker... und hängte dann die Medizin an den Nagel, um nur noch zu dichten. Sein Vormund, der Teehändler Richard Abbey, hielt das für blanken Wahnsinn.
Noch als Student, im Herbst 1816, las er mit einem Freund eine ganze Nacht lang Homer in der alten Übersetzung von George Chapman. Als der Freund am nächsten Morgen aufwachte, lag auf seinem Frühstückstisch schon ein Sonett darüber, das bis heute zu den berühmtesten der englischen Sprache gehört. Drei Jahre später entstanden die großen Oden, an eine Nachtigall, an eine griechische Urne, Gedichte über Schönheit und Vergänglichkeit.
Lange blieb ihm nicht. Er pflegte seinen Bruder Tom, der an Tuberkulose starb, und als er selbst Blut hustete, erkannte er als Mediziner sofort, was es bedeutete. 1821 starb er in Rom, mit fünfundzwanzig Jahren. Auf seinem Grabstein steht, sein Name sei in Wasser geschrieben... und doch liest man ihn bis heute. Geh zurück durch die St Thomas Street zur Borough High Street. Gegenüber, ein Stück nach links, führt ein Torbogen in einen Hof mit hölzernen Galerien.
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8. The George & The Tabard: Wo Chaucers Pilger aufbrachen
75-77 Borough High Street, London SE1 1NH, United Kingdom
Tritt durch den Torbogen von der Borough High Street in den gepflasterten Hof und schau an der langen, schwarz-weißen Fassade hinauf: hölzerne Galerien übereinander, kleine Sprossenfenster, schiefe Dielen. The George ist das letzte erhaltene Gasthaus mit Galerien in London, ein Überlebender aus der Zeit der Postkutschen.
Southwark war jahrhundertelang das Tor nach London für alle, die aus dem Süden kamen, aus Kent, aus Canterbury, aus Dover und vom Kontinent. Wer abends ankam, wenn die London Bridge geschlossen war, übernachtete hier, und so reihte sich an dieser Straße ein Gasthof an den nächsten. Das heutige George wurde 1677 neu gebaut, nach einem großen Brand in Southwark im Jahr zuvor. Seit 1937 gehört es dem National Trust, und Charles Dickens erwähnt es in seinem Roman Klein Dorrit.
Nur ein paar Schritte südlich, in der Hofeinfahrt Talbot Yard, stand das Gasthaus Tabard. Dort lässt Geoffrey Chaucer gegen Ende des 14. Jahrhunderts seine Canterbury-Erzählungen beginnen. An einem Apriltag kehrt eine bunt gemischte Gesellschaft ein, unterwegs zum Grab des heiligen Thomas Becket: ein Ritter, ein Müller, eine Priorin, ein Ablasshändler und die lebenslustige Frau aus Bath, die schon fünf Ehemänner hinter sich hat.
Der Wirt, Harry Bailly, schlägt einen Wettbewerb vor: Jeder soll unterwegs Geschichten erzählen, und wer die beste erzählt, bekommt bei der Rückkehr ein Abendessen auf Kosten aller anderen. Das Schöne: Einen Gastwirt namens Henry Bailly gab es in Southwark wirklich, er taucht in Urkunden jener Zeit auf. Chaucer hat also einen echten Nachbarn in die Weltliteratur geschrieben. Und er schrieb nicht auf Latein oder Französisch, sondern im Englisch der Londoner Straßen, deshalb nennt man ihn den Vater der englischen Literatur.
Das Tabard selbst überlebte Jahrhunderte, wurde später in Talbot umbenannt und 1873 abgerissen; nur eine Tafel erinnert daran. Schau beim Weitergehen in die Einfahrt hinein. Folg dann der Borough High Street nach Süden, bis rechts die Kirche St George the Martyr mit ihrem hellen Turm auftaucht. Dort beginnt eine ganz andere Geschichte, die eines zwölfjährigen Jungen namens Charles Dickens.
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9. Marshalsea & St George the Martyr: Die Mauer der kleinen Dorrit
St George the Martyr, Borough High Street, London SE1 1JA, United Kingdom
Geh am Nordrand des kleinen Kirchgartens hinter St George the Martyr entlang, bis zu einer hohen, alten Backsteinmauer. Sie wirkt wie eine gewöhnliche Grundstücksgrenze, ein bisschen Moos, ein bisschen Ruß, daneben spielen Kinder und sitzen Büroleute mit ihrem Mittagessen. Dabei ist sie eines der letzten Stücke des Marshalsea, eines berüchtigten Gefängnisses für Schuldner.
Im Februar 1824 wurde John Dickens hier eingesperrt, weil er einem Bäcker Geld schuldete. Seine Frau und die jüngsten Kinder zogen mit ins Gefängnis, wie es damals üblich war. Sein Sohn Charles, gerade zwölf, musste die Schule verlassen und in einer Fabrik am Themseufer Etiketten auf Töpfe mit Schuhwichse kleben, zehn Stunden am Tag, zwischen Ratten und feuchten Wänden.
Charles schämte sich so sehr, dass er sein Leben lang fast niemandem davon erzählte. Nicht einmal seine eigenen Kinder wussten es. Erst nach seinem Tod enthüllte sein Freund und Biograf John Forster die Geschichte. Aber in seinen Romanen schrieb Dickens sie immer wieder auf, verschlüsselt, wie eine Wunde, die nicht heilen will... und in David Copperfield kommt sie der Wahrheit erstaunlich nahe.
Am deutlichsten wird sie in Klein Dorrit, erschienen ab 1855. Amy Dorrit wird im Marshalsea geboren, wo ihr Vater seit Jahrzehnten wegen Schulden sitzt, und wächst zwischen diesen Mauern auf. In der Kirche St George the Martyr verbringt sie eine Nacht, als das Gefängnistor schon geschlossen ist, und hier heiratet sie am Ende des Romans. Im Ostfenster der Kirche erinnert eine kleine kniende Figur an sie.
Das Marshalsea wurde 1842 geschlossen, die meisten Gebäude verschwanden, doch diese Mauer blieb, als stilles Zeugnis eines Systems, in dem man Menschen einsperrte, bis sie zahlten, was sie im Gefängnis gar nicht verdienen konnten. Dickens hat mit seinen Büchern mitgeholfen, solche Zustände zu beenden; 1869 schaffte England die Schuldhaft weitgehend ab. Geh jetzt ein Stück nach Westen in die Lant Street, eine ruhige Wohnstraße. Dort wohnte der zwölfjährige Charles allein, während seine Familie hinter dieser Mauer saß.
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10. Lant Street: Die Dachkammer des jungen Dickens
Lant Street, London SE1 1QP, United Kingdom
Schau dich in dieser stillen Straße mit ihren Backsteinhäusern um, und lies dann die Namen der Seitenstraßen ringsum: Weller, Pickwick, Copperfield, Little Dorrit Court, Quilp. Southwark hat sich Dickens buchstäblich in den Stadtplan geschrieben. Und die Grundschule in dieser Straße heißt natürlich Charles Dickens Primary School.
Hier wohnte 1824 der zwölfjährige Charles, während seine Familie im Marshalsea saß. Zuerst hatte man ihn allein bei einer alten Dame im weit entfernten Camden Town untergebracht. Er bat seinen Vater so lange, bis der ihm hier eine Dachkammer fand, ganz nah am Gefängnis. Morgens frühstückte er mit der Familie hinter den Mauern, dann lief er zur Fabrik, und abends kehrte er zu ihnen zurück, bis das Tor schloss.
Sein Vermieter arbeitete für das Konkursgericht und lebte mit einer gutmütigen Frau und einem erwachsenen Sohn. Jahre später verwandelte Dickens die drei in die freundliche Familie Garland in seinem Raritätenladen. Und auch die Straße selbst kommt vor: In den Pickwick Papers wohnt hier der Medizinstudent Bob Sawyer, und Dickens schreibt sinngemäß, in der Lant Street liege eine Ruhe, die die Seele mit sanfter Melancholie erfülle. Ein liebevoller Spott über eine Straße, die er besser kannte, als seine Leser ahnten.
Für den Jungen war es eine Zeit der Angst. Er glaubte, er sei für immer zum Fabrikarbeiter verurteilt, und streifte abends hungrig durch die Straßen, das Geld für die Woche in kleine Päckchen eingeteilt. Nach wenigen Monaten erbte der Vater etwas Geld, die Schulden wurden bezahlt, und die Familie kam frei. Doch die Mutter wollte, dass Charles weiter in der Fabrik arbeitete... das hat er ihr nie ganz verziehen, so schrieb er später selbst.
Aus diesem Kind wurde der Schriftsteller, der Armenhäuser, Schuldgefängnisse und Kinderarbeit anprangerte wie kaum ein anderer in seinem Jahrhundert. Oliver Twist, David Copperfield, die kleine Dorrit, sie alle tragen ein Stück dieses Jungen in sich. Geh jetzt nach Norden Richtung Union Street, bis zur Ecke der Redcross Way. An einem Gittertor, behängt mit Bändern, endet unser Weg.
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11. Cross Bones: Der Friedhof der Ausgestoßenen
Redcross Way, London SE1 1TA, United Kingdom
Bleib vor dem rostigen Eisentor stehen und schau dir an, was daran hängt: Hunderte Bänder in allen Farben, Federn, Perlen, Zettel mit Namen, verwelkte Blumen, kleines Spielzeug. Hinter dem Gitter liegt ein kleiner, etwas wilder Garten. Das ist Cross Bones, ein Friedhof, den die Stadt lange lieber vergessen hätte.
Schon der Chronist John Stow schrieb 1598 von einem Friedhof in Southwark für die alleinstehenden Frauen, gemeint waren die Frauen aus den Bordellen, die Gänse von Winchester, denen die Kirche ein christliches Begräbnis verweigerte. Ob dieser Friedhof wirklich genau hier lag, ist nicht ganz sicher. Sicher ist, dass Cross Bones später zum Armenfriedhof der Gemeinde wurde, bis man ihn 1853 schloss, weil er hoffnungslos überfüllt war.
In den 1990er Jahren gruben Archäologen hier, als die Jubilee Line verlängert wurde. Sie fanden 148 Skelette, dicht übereinander gelegt, viele davon Kinder und Säuglinge, manche mit Spuren von Krankheiten, die damals jeden Armen treffen konnten. Fachleute schätzen, dass hier insgesamt rund fünfzehntausend Menschen begraben liegen, die Ärmsten der Armen von Southwark.
Und dann kam, wie so oft an diesem Ufer, die Literatur. Der Londoner Dichter John Constable, nicht zu verwechseln mit dem Maler, schrieb in den 1990er Jahren die Southwark Mysteries, Verse, die ihm nach eigenen Worten der Geist einer jener Gänse von Winchester eingegeben hat. Daraus wurde eine Bewegung: Seit Jahren treffen sich Menschen hier jeden Monat zu einer Andacht für die Ausgestoßenen, und das Tor wurde zum Schrein.
So endet ein Weg, der mit Shakespeare und Marlowe begann, bei denen, über die nie jemand ein Stück geschrieben hat... bis ein Dichter es doch tat. Bankside war immer beides, Bühne und Hinterhof, Glanz und Elend Tür an Tür, und genau das hat Chaucer, Shakespeare und Dickens hierher gezogen. Vielleicht bindest du in Gedanken ein Band an das Gitter. Von hier bist du in wenigen Minuten an der London Bridge Station... und die Themse wartet, wie immer, ein paar Straßen weiter.