Kuppel, Kanzlerwaschmaschine und Goldelse: Berlins Regierungsviertel und der Tiergarten
Vom Reichstag über stille Denkmäler und den Potsdamer Platz quer durch den Tiergarten bis zur Siegessäule und Schloss Bellevue: deutsche Geschichte auf ein paar Kilometern Berlin
Berlin · 12 stops · 32 min audio · Generated
-
1. Reichstagsgebäude und Glaskuppel
Platz der Republik 1, 11011 Berlin, Germany
Stell dich auf die große Wiese vor dem Reichstag und leg den Kopf in den Nacken: grauer Sandstein, vier wuchtige Ecktürme, und obendrauf eine Kuppel aus Glas, in der winzige Menschen spiralförmig nach oben laufen wie Ameisen in einer Schneekugel. Über dem Portal stehen in großen Bronzebuchstaben die Worte Dem deutschen Volke. Und nein... die hingen da nicht von Anfang an.
Paul Wallot hat das Haus zwischen 1884 und 1894 gebaut, und Kaiser Wilhelm der Zweite konnte es nicht leiden. Er soll es in einem Brief das Reichsaffenhaus genannt haben, so viel zum Respekt vor dem Parlament. Die Inschrift kam erst 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, als man dem Volk offenbar dringend etwas schuldig war. Es heißt, die Buchstaben seien aus der Bronze erbeuteter Kanonen gegossen worden... in Berlin ist eben selbst die Demokratie aus Kriegsschrott.
Am Abend des 27. Februar 1933 brannte der Plenarsaal. Festgenommen wurde der junge Niederländer Marinus van der Lubbe, und ob er wirklich allein gehandelt hat, darüber streiten Historiker bis heute. Die Nationalsozialisten nutzten den Brand sofort: Schon am nächsten Tag setzte die Reichstagsbrandverordnung die Grundrechte außer Kraft. Zwölf Jahre später, im Frühjahr 1945, kämpften sich sowjetische Soldaten bis hierher durch und schrieben mit Kohle und Kreide ihre Namen, Heimatstädte und Flüche an die Wände. Beim Umbau hat man viele dieser kyrillischen Graffiti bewusst stehen lassen. Drinnen kannst du sie heute noch lesen.
Dann der Sommer 1995. Christo und Jeanne-Claude hatten über zwanzig Jahre für ihre Idee gekämpft, der Bundestag stimmte sogar darüber ab, und plötzlich verschwand der ganze Koloss unter silbrig glänzendem Stoff und blauen Seilen. Zwei Wochen lang lag halb Berlin auf dieser Wiese, picknickte, staunte, diskutierte, und Millionen Menschen kamen. Viele Berliner sagen bis heute, erst unter der Verpackung hätten sie das Gebäude zum ersten Mal richtig gesehen.
Danach kam der britische Architekt Norman Foster, entkernte das Haus und setzte die neue Kuppel drauf, und 1999 zog der Bundestag aus Bonn hier ein. In ihrer Mitte hängt ein Trichter aus 360 Spiegeln, der Tageslicht hinunter in den Plenarsaal lenkt. Und die Idee dahinter ist herrlich simpel: Das Volk spaziert oben drüber und schaut den Abgeordneten auf die Köpfe. Geh jetzt am Nordrand des Platzes der Republik nach Westen, zu dem hellen Betonwürfel, den die ganze Stadt nur die Waschmaschine nennt.
-
2. Bundeskanzleramt und Band des Bundes
Willy-Brandt-Straße 1, 10557 Berlin, Germany
Vor dir steht ein weißer Würfel mit einem riesigen runden Loch in der Fassade, eingerahmt von zwei langen, niedrigen Flügeln. Wenn du von hier nach Osten blickst, merkst du, dass er nicht allein ist: Kanzleramt, Paul-Löbe-Haus und Marie-Elisabeth-Lüders-Haus liegen wie Perlen auf einer Schnur, quer durch den Spreebogen.
Die Berliner haben natürlich sofort einen Spitznamen gefunden: Waschmaschine. Schau dir das Bullauge an, dann weißt du, warum. Andere sagten Kohllosseum, weil Helmut Kohl den Bau bestellt hatte, eingezogen ist 2001 dann aber Gerhard Schröder. Entworfen haben das Haus Axel Schultes und Charlotte Frank, und die Hauptstadtpresse rechnet bis heute genüsslich vor, um ein Vielfaches größer es ist als das Weiße Haus in Washington.
Das Konzept dahinter heißt Band des Bundes. Schultes und Frank gewannen 1993 den Wettbewerb mit einem Riegel aus Regierungsbauten, der von West nach Ost verläuft und die Spree zweimal überquert. Das ist kein Zufall. Gleich östlich des Reichstags verlief bis 1989 die Grenze, und das Spreeufer, an dem heute das Lüders-Haus steht, gehörte zu Ost-Berlin. Ein Band von Häusern quer über die alte Trennlinie, das war Architektur als Geste der Einheit. Zwischen Paul-Löbe-Haus und Lüders-Haus spannen sich heute Brücken über den Fluss, auf denen Abgeordnete vom ehemaligen Westen in den ehemaligen Osten laufen, ohne es überhaupt zu merken.
Und jetzt das Detail, das fast alle übersehen. Such mal das einzige alte Haus weit und breit, einen grauen Bau aus der Kaiserzeit direkt neben dem Kanzleramt. Das ist die Schweizer Botschaft. Hier lag früher das Alsenviertel, ein vornehmes Wohnquartier. Für Hitlers Germania-Pläne wurde es großteils abgerissen, an dieser Stelle sollte die Große Halle entstehen, mit einer Kuppel, unter der der Reichstag gleich mehrfach Platz gehabt hätte. Den Rest erledigte der Krieg. Nur die Schweizer blieben stehen, neutral eben, bis heute.
Hinter dem Kanzleramt liegt auf der anderen Spreeseite sogar ein eigener Kanzlergarten, verbunden durch eine Brücke. Der Weg in den Garten führt also buchstäblich über die Spree, das hat nicht jeder Regierungschef der Welt. Für uns geht es weiter nach Westen. Folge der John-Foster-Dulles-Allee am Rand des Tiergartens, bis rechts am Wasser ein Dach auftaucht, das aussieht wie eine aufgeklappte Muschel.
-
3. Haus der Kulturen der Welt: die Schwangere Auster
John-Foster-Dulles-Allee 10, 10557 Berlin, Germany
Da liegt sie, direkt an der Spree, mit ihrem weit geschwungenen Dach, das aussieht, als würde gleich jemand den Deckel einer Auster aufklappen. Davor ein flaches Wasserbecken, und darin eine große Bronzeskulptur von Henry Moore: zwei geschwungene Hälften, die sich fast berühren, aber eben nur fast.
Die Berliner haben dieses Haus nie anders genannt als die Schwangere Auster. Offiziell war es die Kongresshalle, ein Geschenk der Vereinigten Staaten zur internationalen Bauausstellung Interbau 1957. Der amerikanische Architekt Hugh Stubbins sollte zeigen, was eine freie Gesellschaft bauen kann: offen, leicht, mutig. Und das mitten in einer Stadt, die gerade erst aus Trümmern wieder aufstand, keinen Kilometer von der Sektorengrenze entfernt. Die Kongresshalle war ein Schaufenster des Westens, und jeder wusste das.
Am 21. Mai 1980 stürzte ein großer Teil des Daches ein. Ein Mensch starb, mehrere wurden verletzt. Die Ursache war banal und tückisch: Feuchtigkeit hatte über die Jahre die Stahlspannglieder im Beton rosten lassen, und die kühn auskragende Dachkante war schlicht nicht für das Berliner Wetter gemacht. Man stritt lange, ob man das Haus überhaupt retten sollte, und baute die Auster schließlich wieder auf, rechtzeitig zur 750-Jahr-Feier Berlins 1987.
Seit 1989 heißt das Haus Haus der Kulturen der Welt. Hier laufen Konzerte, Lesungen, Debatten und Ausstellungen mit Künstlerinnen und Denkern aus Lagos, Jakarta oder Bogotá, und im Sommer sitzen die Leute auf der Terrasse am Wasser und schauen den Ausflugsdampfern zu. Und wenn du Glück hast, hörst du gerade Glocken: Gleich nebenan steht der Carillon, ein schwarzer Turm mit 68 Glocken, ebenfalls zur 750-Jahr-Feier errichtet. Gespielt wird er von Hand, mit Fäusten und Füßen, an einer Art riesiger Holzklaviatur.
Die Skulptur im Becken heißt übrigens Butterfly, Schmetterling. Wer genauer hinschaut, sieht darin aber vor allem zwei Hälften, die zusammengehören und sich nicht ganz erreichen... In einer geteilten Stadt hat jeder darin gesehen, was er sehen wollte. Jetzt geht es quer durch den Tiergarten nach Südosten, bis zur breiten Straße des 17. Juni. Dort stehen zwei Panzer, und das ist kein Scherz.
-
4. Sowjetisches Ehrenmal im Tiergarten
Straße des 17. Juni, 10557 Berlin, Germany
Ja, da stehen sie wirklich: zwei sowjetische Panzer vom Typ T-34 auf hohen Sockeln, daneben zwei schwere Geschütze, und dahinter, auf einer geschwungenen Säulenhalle aus Stein, ein Rotarmist aus Bronze, das Gewehr über der Schulter, mehrere Meter hoch. Rundherum joggen Leute, Busse fahren vorbei, und die Panzer schauen auf die Straße des 17. Juni.
Das Ehrenmal wurde schon im November 1945 eingeweiht, ein gutes halbes Jahr nach Kriegsende, als ringsum noch die Ruinen rauchten. Hinter der Säulenhalle liegen mehr als zweitausend sowjetische Soldaten begraben, gefallen in der Schlacht um Berlin im April und Mai 1945. Der Krieg, den Deutschland angefangen hatte, kostete die Sowjetunion insgesamt rund 27 Millionen Menschenleben. Wer hier steht, sollte diese Zahl einen Moment aushalten, bevor er das nächste Selfie macht.
Und jetzt das Paradox: Dieses Ehrenmal steht im Westen. Die Rote Armee hatte den Platz ausgesucht, als ganz Berlin noch unter ihrer Kontrolle stand, und als die Stadt in Sektoren aufgeteilt war, lag es plötzlich im britischen Sektor. Die Sowjets behielten das Recht, es zu bewachen. Also zogen mitten im Kalten Krieg sowjetische Wachsoldaten durch West-Berlin hierher auf Posten. Und weil das nicht allen gefiel, mussten britische Soldaten die sowjetischen Wachen schützen. 1970 schoss ein junger Rechtsextremist auf einen der Posten und verletzte ihn, danach wurde das Gelände noch stärker abgesichert.
Bleib noch einen Moment bei dem Stein der Säulenhalle. Seit Jahrzehnten erzählt man sich in Berlin, der Marmor stamme aus den Trümmern von Hitlers Neuer Reichskanzlei, nicht weit von hier. Ob das stimmt, ist nicht sauber belegt. Aber die Geschichte ist zu gut, als dass die Stadt sie aufgeben würde: der Stein des Besiegten als Grabmal der Sieger.
Seit der Wiedervereinigung hat sich Deutschland vertraglich verpflichtet, die sowjetischen Kriegsgräber zu pflegen, und das Land Berlin kümmert sich um das Ehrenmal. Rund um den 8. und 9. Mai liegen hier Kränze und Blumen, und seit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 sind diese Tage hier oft angespannt. Geh jetzt die Straße des 17. Juni ein Stück Richtung Brandenburger Tor und biege kurz davor links in den Simsonweg, Richtung Reichstag. Hinter einer gläsernen Wand wird es ganz still.
-
5. Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma Europas
Simsonweg, 10557 Berlin, Germany
Hinter einer Wand aus Milchglas wird es plötzlich still. Vor dir liegt ein kreisrundes Wasserbecken, dunkel wie ein Spiegel, und in seiner Mitte ein flacher, dreieckiger Stein mit einer einzelnen frischen Blume. Von irgendwoher klingt leise ein Geigenton, ein einziger, lang gezogener Ton, der nicht aufhören will.
Das ist das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas. Die Nationalsozialisten verfolgten sie als angeblich minderwertige Rasse, erfassten sie in Karteien, sterilisierten sie zwangsweise und verschleppten ganze Familien nach Auschwitz-Birkenau, in das sogenannte Zigeunerlager. Wie viele Menschen ermordet wurden, lässt sich nicht genau sagen; die Schätzungen reichen bis zu einer halben Million. Viele Roma nennen diesen Völkermord Porajmos, das Verschlingen.
Schau auf das Dreieck in der Mitte. Seine Form erinnert an die Winkel, die Häftlinge in den Konzentrationslagern auf der Kleidung tragen mussten. Jeden Tag versinkt der Stein im Wasser und taucht mit einer neuen Blume wieder auf. Entworfen hat das Denkmal der israelische Künstler Dani Karavan, und am Beckenrand steht ein kurzes Gedicht des italienischen Rom Santino Spinelli, das von Stille und einem zerrissenen Herzen spricht. Mehr Worte braucht dieser Ort nicht.
Und jetzt das Unbequeme: Eingeweiht wurde das Denkmal erst im Oktober 2012, fast siebzig Jahre nach Kriegsende. Lange wurde der Völkermord in der Bundesrepublik kaum anerkannt. Entschädigungen wurden verweigert, und 1956 urteilte der Bundesgerichtshof sogar, die Deportationen vor 1943 seien keine rassische Verfolgung gewesen. Erst 1982 erkannte Bundeskanzler Helmut Schmidt den Völkermord offiziell an, nach jahrelangem Kampf von Bürgerrechtlern aus der Gemeinschaft selbst. Auch um die Inschrift dieses Denkmals wurde jahrelang gestritten.
Bleib ruhig ein bisschen hier. Draußen rauscht der Verkehr, ein paar Meter weiter fotografieren Leute die Reichstagskuppel, und hier drinnen ist es, als würde die Stadt kurz den Atem anhalten. Dann geh hinüber zur Ebertstraße und am östlichen Rand des Tiergartens nach Süden. Gegenüber den grauen Stelen des Holocaust-Mahnmals steht im Grün ein einzelner, schiefer Betonquader.
-
6. Denkmal für die verfolgten Homosexuellen
Ebertstraße, 10785 Berlin, Germany
Unter den Bäumen am Tiergartenrand steht ein schiefer, grauer Betonblock, ein bisschen wie eine Stele, die sich vom Holocaust-Mahnmal gegenüber verlaufen hat. Auf einer Seite ist ein kleines, schräges Fenster eingelassen. Geh ruhig hin und schau hinein.
Drinnen läuft ein Film in Endlosschleife: zwei Menschen, die sich küssen. Sonst nichts. Ein Kuss, der nie aufhört. Das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen haben die Künstler Michael Elmgreen und Ingar Dragset entworfen, eingeweiht wurde es im Mai 2008. Am Anfang küssten sich im Film zwei Männer. Nach einer langen Debatte zeigt das Fenster inzwischen im Wechsel auch Frauen, die sich küssen.
Die Geschichte dahinter heißt Paragraf 175. Schon das Kaiserreich stellte Sex zwischen Männern unter Strafe, aber die Nationalsozialisten verschärften den Paragrafen 1935 drastisch. Zehntausende Männer wurden verurteilt, Tausende kamen in Konzentrationslager, wo sie einen rosa Winkel auf der Häftlingskleidung tragen mussten, und viele von ihnen starben dort. Auch lesbische Frauen gerieten ins Visier, manche wurden als sogenannte Asoziale in Lager gesperrt.
Das eigentlich Unfassbare ist, was danach kam. Die Bundesrepublik übernahm den Paragrafen in der verschärften Fassung der Nazis und verurteilte bis 1969 noch einmal Zehntausende Männer. Wer aus dem KZ zurückkam, galt nicht als Opfer, sondern weiter als Straftäter, manche saßen nach 1945 erneut im Gefängnis. Ganz gestrichen wurde Paragraf 175 erst 1994. Und erst 2017 hob der Bundestag die alten Urteile auf und rehabilitierte die Verurteilten. Für die allermeisten kam das viel zu spät.
Darum steht der Würfel genau hier: in Sichtweite des Holocaust-Mahnmals, aber nicht mittendrin, als eigenes Erinnern an Menschen, die nach 1945 ein zweites Mal vergessen wurden. Wer genau hinschaut, findet manchmal kleine Blumen oder Regenbogenbänder am Beton. Jetzt weiter nach Süden, die Ebertstraße entlang. Nach ein paar Minuten öffnet sich der Himmel, und du stehst zwischen Glastürmen auf dem Platz, der in den Zwanzigerjahren der lauteste von ganz Berlin war.
-
7. Potsdamer Platz
Potsdamer Platz, 10785 Berlin, Germany
Mitten im Gewusel steht ein seltsamer grüner Turm mit fünf Seiten und einer Uhr obendrauf, als wäre er aus einem alten Stummfilm gefallen. Rundherum Glas, Hochhäuser, Rollkoffer, und unter deinen Füßen rauschen S-Bahn und Regionalzüge. Kaum zu glauben, dass hier vor gut dreißig Jahren nur Sand, Unkraut und Kaninchen zu sehen waren.
In den Zwanzigerjahren war der Potsdamer Platz einer der verkehrsreichsten Plätze Europas. Straßenbahnen, Busse, Autos, Pferdefuhrwerke und Fußgänger, alles kreuz und quer, und mittendrin Kaufhäuser, Hotels und Vergnügungspaläste. 1924 stellte man deshalb hier einen Verkehrsturm auf, eine der ersten Ampeln Deutschlands, und oben in der Kanzel saß ein Polizist und schaltete per Hand. Der Turm vor dir ist ein Nachbau, aber die Geschichte stimmt: Berlin musste sich das Warten an der Ampel erst mühsam beibringen. Manche sagen, es übt bis heute.
Dann kamen die Bomben, und nach 1961 lief die Mauer quer über den Platz. Wo jetzt die Leute mit Kaffeebechern stehen, lag Todesstreifen, eine riesige leere Fläche mit Wachtürmen, Hinterlandmauer und Lampen. Im Westen baute man Aussichtsplattformen, von denen Touristen in den Osten hinüberschauen konnten, und im Osten schauten Grenzsoldaten mit dem Fernglas zurück.
Nach dem Mauerfall wurde das hier die größte Baustelle Europas. Daimler und Sony bauten ganze Stadtviertel, Architekten wie Renzo Piano und Helmut Jahn zeichneten die Türme. Und weil ein Stück altes Berlin bleiben sollte, verschob man 1996 den Kaisersaal des alten Hotels Esplanade auf Luftkissen um rund 75 Meter an seinen neuen Platz. Auch das Weinhaus Huth überstand alles: Es war auf ein stabiles Stahlskelett gebaut, damit es die schweren Weinvorräte tragen konnte, und blieb als eines der wenigen Häuser des alten Platzes stehen.
Und jetzt schau auf den Boden. Eine doppelte Reihe aus Pflastersteinen zieht sich quer über den Platz. Sie markiert, wo die Mauer stand, und die meisten laufen drüber, ohne es zu merken. Von hier geht es nach Westen, die Potsdamer Straße hinunter, vorbei an der Staatsbibliothek, bis du rechts ein goldgelbes Zelt aus Beton siehst: die Philharmonie.
-
8. Kulturforum, Philharmonie und Gedenkort T4
Herbert-von-Karajan-Straße 1, 10785 Berlin, Germany
Vor dir wölbt sich ein Gebäude, das aussieht, als hätte jemand ein goldenes Zirkuszelt in Beton gegossen und dann ein bisschen zerknittert. Das ist die Philharmonie von Hans Scharoun, eingeweiht 1963. Und ganz in der Nähe, auf der Seite zur Tiergartenstraße, steht eine lange Wand aus blauem Glas, an der viele vorbeigehen, ohne stehen zu bleiben.
Die Berliner tauften den Bau schnell Zirkus Karajani, nach Herbert von Karajan, der hier jahrzehntelang die Berliner Philharmoniker dirigierte. Scharouns Idee war damals revolutionär: Das Orchester sitzt nicht vorne auf einer Bühne, sondern ungefähr in der Mitte, und das Publikum sitzt rundherum auf Terrassen, wie Weinberge an einem Hang. Von fast überall bist du nah dran an der Musik. Viele Konzertsäle auf der Welt haben dieses Weinberg-Prinzip später übernommen.
Jetzt zur blauen Glaswand. An dieser Adresse, Tiergartenstraße 4, stand eine Villa, in der ab 1940 die Ermordung von Kranken und Menschen mit Behinderungen organisiert wurde. Nach der Adresse nannte man das Programm später Aktion T4. In Gaskammern sogenannter Heil- und Pflegeanstalten starben allein in dieser ersten Phase rund 70.000 Menschen, insgesamt wurden im Zuge der NS-Euthanasie etwa 300.000 ermordet. Personal und Methoden aus diesem Programm wurden später in den Vernichtungslagern eingesetzt.
Der Gedenk- und Informationsort an der Glaswand wurde erst 2014 eröffnet, fast siebzig Jahre nach Kriegsende. Lange erinnerte hier nur eine Gedenkplatte im Boden. Und daneben steht eine Skulptur, die ursprünglich gar nichts mit diesem Ort zu tun hatte: zwei geschwungene, rostige Stahlplatten von Richard Serra, Berlin Junction, aufgestellt 1987. Mit den Jahren wurde sie für viele Berliner zum stillen Mahnmal, einfach weil sie da stand.
Rundherum ließ West-Berlin nach dem Mauerbau eine ganze Kulturlandschaft entstehen, als Gegenstück zur Museumsinsel, die nun im Osten lag. Die Staatsbibliothek, in der Wim Wenders in Der Himmel über Berlin seine Engel den Lesenden zuhören ließ, die Gemäldegalerie, und die Neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe, eine schwebende Stahlplatte über Glas, 2021 nach David Chipperfields Sanierung wiedereröffnet. Jetzt raus aus dem Beton: Überquer die Tiergartenstraße, geh hinein in den Park und ein Stück nach Westen, zu einer kleinen Insel mit Blumenbeeten und einer Königin aus Marmor.
-
9. Luiseninsel im Tiergarten
Luiseninsel, Großer Tiergarten, 10785 Berlin, Germany
Hier wird der wilde Tiergarten plötzlich zum Ziergarten: Rund um eine kleine Insel, von Wassergräben umgeben, liegen akkurat gepflanzte Blumenbeete, und mittendrin steht auf einem hohen Sockel eine Frau aus weißem Marmor, mit sanftem Gesicht und einem Gewand, das in weichen Falten fällt. Darf ich vorstellen: Königin Luise von Preußen.
Luise war so etwas wie ein Popstar ihres Jahrhunderts. Jung, schön, warmherzig, eine Königin, die sich unters Volk mischte und die man in Berlin wirklich mochte. Als Napoleon Preußen 1806 vernichtend schlug, floh die königliche Familie bis ganz in den Osten, nach Memel. 1807 traf Luise den französischen Kaiser in Tilsit persönlich, um mildere Friedensbedingungen für Preußen zu erbitten. Viel genützt hat es nicht, aber diese Szene machte sie unsterblich.
Als sie im Dezember 1809 endlich nach Berlin zurückkehrte, legten Berliner Bürger ihr zu Ehren genau diese Insel im Tiergarten an, als Willkommensgruß. Nur ein halbes Jahr später, im Juli 1810, war Luise tot, gerade einmal 34 Jahre alt. Die Trauer in Preußen war gewaltig, und aus der Königin wurde ein Kult: Bilder, Gedichte, Büsten, Gedenkmünzen, und später, im Kaiserreich, eine Art nationale Heilige, mit der man Mädchen Tugend und Vaterlandsliebe beibringen wollte.
Die Statue selbst kam erst 1880 dazu, geschaffen vom Bildhauer Erdmann Encke. Und ganz in der Nähe steht auch ihr Mann, König Friedrich Wilhelm der Dritte, ebenfalls in Marmor. Er war der stille, eher spröde Mann an der Seite der Frau, die alle liebten... und wer die beiden Denkmäler vergleicht, merkt schnell, wer hier bis heute die meisten Fotos bekommt.
Im Frühling und Sommer sind die Beete hier so üppig, dass man fast vergisst, dass ein paar hundert Meter weiter der Verkehr dröhnt. Im Winter steht Luise manchmal mit ein bisschen Schnee auf den Schultern da und sieht noch melancholischer aus. Geh jetzt nach Nordwesten durch den Park, auf breiten Wegen unter alten Bäumen, bis du auf die große Straße triffst, die den Tiergarten in zwei Hälften schneidet.
-
10. Straße des 17. Juni im Tiergarten
Straße des 17. Juni, 10557 Berlin, Germany
Stell dich an den Rand der breiten Straße und schau in beide Richtungen: Nach Osten blitzt am Ende das Brandenburger Tor, nach Westen glänzt golden die Siegessäule. Dazwischen nur Asphalt, schnurgerade, und links und rechts dichter Wald. Mitten in der Hauptstadt fühlt sich das an wie eine Landstraße, auf der jemand vergessen hat, die Autos abzustellen.
Diese Straße hatte schon viele Leben. Früher hieß sie Charlottenburger Chaussee, eine Allee durch den alten Jagdgrund der Kurfürsten. Dann ließ Hitler sie bis 1939 zur Ost-West-Achse ausbauen, breit genug für Militärparaden, rechtzeitig zu seinem fünfzigsten Geburtstag. Und wenige Tage nach dem 17. Juni 1953, als in der DDR Hunderttausende gegen die Regierung auf die Straße gingen und sowjetische Panzer den Aufstand niederwalzten, gab West-Berlin ihr den Namen, den sie bis heute trägt.
Den Tiergarten um dich herum gab es 1945 praktisch nicht mehr. Die Kämpfe hatten ihn verwüstet, und in den eiskalten Nachkriegswintern fällten die Berliner fast alle verbliebenen Bäume, um irgendwie zu heizen. Auf den Lichtungen pflanzten sie Kartoffeln und Gemüse, kleine Parzellen, wo heute Picknickdecken liegen. Vom Brandenburger Tor aus konnte man damals über eine kahle, staubige Fläche bis weit zur Siegessäule sehen.
Im März 1949 pflanzte Oberbürgermeister Ernst Reuter dann eine junge Linde, und mit ihr begann die Wiederaufforstung. Junge Bäume kamen als Spenden aus Westdeutschland, und Stück für Stück wuchs der Park zurück. Was du heute siehst, diesen dichten, fast wilden Stadtwald, ist also kaum älter als deine Großeltern... und trotzdem fühlt er sich an, als wäre er schon immer da gewesen. Den Plan für seine geschwungenen Wege hatte übrigens schon im 19. Jahrhundert Peter Joseph Lenné gezeichnet.
Später wurde die Straße Berlins größte Bühne. Ab 1996 tanzte hier die Love Parade, in den besten Jahren nach Angaben der Veranstalter mit weit über einer Million Menschen, bei großen Fußballturnieren steht hier die Fanmeile, und an Silvester feiert die halbe Stadt zwischen Tor und Säule. Geh jetzt weiter nach Westen, auf die goldene Dame zu. Und keine Sorge: Du musst nicht über den Kreisverkehr rennen, es gibt Fußgängertunnel.
-
11. Großer Stern und Siegessäule
Großer Stern 1, 10557 Berlin, Germany
Du stehst mitten im Großen Stern, fünf große Straßen münden in diesen Kreisel, und über dir ragt die Siegessäule auf. Ganz oben steht eine vergoldete Frauenfigur mit Flügeln und Lorbeerkranz, die in der Sonne so funkelt, dass man blinzeln muss. Die Berliner nennen sie seit jeher einfach Goldelse.
Gebaut wurde die Säule ab 1864 nach Plänen von Heinrich Strack, ursprünglich, um einen Sieg über Dänemark zu feiern. Dann kam 1866 der Sieg über Österreich dazu, und 1871 der über Frankreich, also wurde der Entwurf immer wieder aufgestockt. Schau dir die Rillen in den Säulentrommeln an: Darin stecken vergoldete Kanonenrohre, erbeutet in genau diesen Kriegen. 1873 wurde die Säule eingeweiht, mit der Viktoria von Friedrich Drake obendrauf.
Aber ursprünglich stand die Säule gar nicht hier, sondern auf dem Königsplatz, dem heutigen Platz der Republik vor dem Reichstag. 1938 und 1939 ließ Hitler sie hierher versetzen, weil der alte Platz für seine Germania-Pläne gebraucht wurde, und ließ gleich noch eine zusätzliche Säulentrommel einfügen, damit sie höher wurde. Mit ihr zogen auch die Denkmäler für Bismarck, Moltke und Roon um, die du am Rand des Sterns findest. Nach dem Krieg ließen die Franzosen die Bronzereliefs am Sockel abnehmen, die ihre Niederlage zeigten. Erst in den Achtzigerjahren kamen sie zurück.
Von der Aussichtsplattform, nach 285 Stufen, hast du einen der schönsten Blicke über den Tiergarten. Hier oben saßen in Wim Wenders Film Der Himmel über Berlin die Engel und hörten den Gedanken der Menschen zu. 2008 sprach Barack Obama, damals noch Präsidentschaftskandidat, vor rund 200.000 Menschen am Fuß der Säule. Und ganz nebenbei ist die Goldelse eine Ikone der queeren Szene: Berlins bekanntes queeres Stadtmagazin heißt seit den Achtzigern einfach Siegessäule.
Ein Siegesdenkmal für drei Kriege, das heute vor allem für Partys, Liebesfilme und Regenbogenfahnen steht... das ist sehr Berlin. Zum Schluss geht es nach Norden, den Spreeweg hinauf. Am Ende der Straße wartet ein weißes Schloss, und wenn auf dem Dach eine Fahne weht, ist der Hausherr gerade zu Hause.
-
12. Schloss Bellevue
Spreeweg 1, 10557 Berlin, Germany
Am Ende des Spreewegs liegt hinter einem Gitterzaun ein schneeweißes Schloss, ein Mittelbau mit zwei Flügeln, die einen Ehrenhof umarmen. Schau aufs Dach: Weht dort die Standarte des Bundespräsidenten, der Adler auf goldenem Grund, dann ist das Staatsoberhaupt gerade im Haus. Weht sie nicht, ist er unterwegs, und du hast auf jeden Fall freie Sicht.
Gebaut wurde Bellevue 1786 für Prinz August Ferdinand, den jüngsten Bruder Friedrichs des Großen. Es gilt als erster klassizistischer Schlossbau in Deutschland, entworfen von Philipp Daniel Boumann. Der Name ist Programm, schöne Aussicht, denn hinter dem Schloss fließt die Spree vorbei. Damals lag das hier weit draußen vor der Stadt, ein Sommersitz im Grünen, wo man mit der Kutsche hinfuhr, um der engen, stickigen Residenz zu entkommen.
Das Schloss hat jede Epoche mitgemacht. In den Zwanzigerjahren kaufte es der preußische Staat, zeitweise war es ein Museum, in der NS-Zeit wurde es zum Gästehaus der Reichsregierung umgebaut, und im Krieg brannte es aus. Nach dem Wiederaufbau wurde es 1959 zum Berliner Amtssitz des Bundespräsidenten, in einer Stadt, die gar nicht Hauptstadt der Bundesrepublik war. Das war ein Statement: In Bonn wurde regiert, aber der Präsident hielt einen Fuß in der Tür von Berlin.
Seit 1994 ist Bellevue der erste Amtssitz des deutschen Staatsoberhaupts. Hier werden Staatsgäste empfangen, Orden verliehen, Minister ernannt und Gesetze unterschrieben. Die eigentliche Verwaltung arbeitet nebenan im Schlosspark, in einem ovalen, dunklen Bürobau aus den späten Neunzigern. Und weil in dieser Gegend jedes Gebäude einen Spitznamen bekommt, ob es will oder nicht, heißt der Bau bei den Berlinern das Präsidentenei.
Und damit endet dein Spaziergang dort, wo die Republik ihre Gäste empfängt, nur ein paar Schritte vom S-Bahnhof Bellevue entfernt. Du hast die Spuren des Reichstagsbrands gesehen, Panzer von 1945, einen Kuss, der nie aufhört, und eine Königin aus Marmor, alles auf ein paar Kilometern Tiergarten. Berlin erzählt seine Geschichte nicht der Reihe nach. Es legt sie einfach nebeneinander... und lässt dich selbst laufen.