Rambla und Raval: Barcelonas wilde Seite zwischen Boqueria, Liceu und Sant Pau del Camp

Vom Brunnen, der dich zurückholt, bis zu den Werften der Könige: Markthallen, eine Oper voller Wagner, Gaudís dunkler Palast und das älteste Kloster Barcelonas

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  1. 1. Font de Canaletes: Der Brunnen, der dich zurückholt

    La Rambla 129, 08002 Barcelona, Spain

    Vor dir steht ein schlanker, schwarzer Brunnen aus Gusseisen, mit vier kleinen Wasserhähnen und einer Laterne obendrauf, und um ihn herum stehen Menschen, die alle auf irgendetwas zu warten scheinen. Das ist die Font de Canaletes, ganz oben an der Rambla... und hier beginnt unser Spaziergang durch die wildeste Ecke Barcelonas.

    Die Rambla war ursprünglich gar keine Straße, sondern ein Bachbett. Das Wort stammt aus dem Arabischen, ramla, sandiger Grund. Wenn es in den Hügeln regnete, schoss hier das Wasser hinunter zum Meer, den Rest des Jahres lag der Graben trocken. Im 13. Jahrhundert zog man genau an diesem Graben die Stadtmauer entlang. Links von dir lag die Stadt, rechts davon nur Felder, Klöster und Gemüsegärten... das spätere Raval, in das wir gleich eintauchen.

    Und dann ist da die Legende. Auf Katalanisch heißt es ungefähr: Wer vom Wasser von Canaletes trinkt, kommt immer wieder nach Barcelona zurück. Manche Versionen versprechen sogar, dass man sich unsterblich in die Stadt verliebt. Du musst dich nicht entscheiden, ein Schluck reicht angeblich für beides. Der Name erinnert übrigens an die kleinen Wasserrinnen, die canaletes, die hier einst das Wasser verteilten.

    Wenn der FC Barcelona einen Titel gewinnt, verwandelt sich dieser ruhige Brunnen in ein Meer aus Blau und Granatrot. Zehntausende strömen hierher, singen, hupen, klettern auf jede Laterne. Warum ausgerechnet hier? Erzählt wird, dass in den 1930er Jahren eine Sportzeitung an der Rambla ihre Redaktion hatte und die Ergebnisse auf eine Tafel schrieb. Die Fans versammelten sich davor, um die Neuigkeiten als Erste zu erfahren... und die Gewohnheit blieb, lange nachdem die Tafel verschwunden war.

    Bevor du losgehst, merk dir eines: Die Rambla ist eine Grenze. Links das Barri Gòtic mit seinen Kathedralen und Palästen, rechts das Raval, jahrhundertelang das ärmste, dichteste und verrufenste Viertel der Stadt. Hier landeten Spitäler, Klöster, Fabriken und alle, die anderswo keinen Platz fanden. Geh jetzt die Rambla hinunter, vorbei an den Blumen- und Zeitungsständen, bis rechts eine wuchtige Barockkirche auftaucht.

  2. 2. Església de Betlem: Die Kirche, die der Rambla den Rücken zeigt

    Carrer del Carme 2, 08001 Barcelona, Spain

    Rechts von dir ragt eine schwere, fast fensterlose Steinwand auf, mit Rauten und Quadern verziert wie eine Festung. Das ist die Església de Betlem, die Kirche von Bethlehem... und das Merkwürdige ist: Sie zeigt der Rambla eigentlich den Rücken.

    Geh ein paar Schritte um die Ecke in den Carrer del Carme, dann siehst du ihr wahres Gesicht. Dort sitzt das prächtige Portal mit Heiligenfiguren und Säulen. Als die Jesuiten die Kirche bauten, war die Rambla noch kein Boulevard, sondern ein staubiger Weg entlang der alten Mauer. Wer hätte da die Schauseite zur Straße drehen sollen, auf der Fuhrwerke und Vieh vorbeizogen? Die Jesuiten waren Pragmatiker: Ihr Publikum kam aus den Gassen, also bekamen die Gassen das schönste Portal.

    Schon die erste Kirche an dieser Stelle brannte im 17. Jahrhundert ab. Die Jesuiten fingen 1681 neu an und schufen einen der wenigen großen Barockbauten Barcelonas, innen überladen mit vergoldeten Altären und Bildern. Im Juli 1936, in den ersten Tagen des Bürgerkriegs, ging dieses Innere in Flammen auf. Was du heute drinnen siehst, ist weitgehend eine nüchterne Rekonstruktion, die Mauern aber stehen seit über dreihundert Jahren.

    Dieser Abschnitt der Rambla heißt Rambla dels Estudis, nach der alten Universität, die hier stand. Nach dem Fall Barcelonas 1714 ließ der neue König Philipp der Fünfte die katalanischen Universitäten schließen und verlegte sie in das kleine Landstädtchen Cervera. Weit über ein Jahrhundert lang hatte Barcelona keine eigene Universität... eine Strafe, die man bis heute nicht vergessen hat. Erst im 19. Jahrhundert kehrte die Universität in die Stadt zurück.

    Und hör einmal genau hin. Lange war dieses Stück auch die Rambla der Vögel, mit Käfigen voller Kanarienvögel, Finken und Papageien, die den Lärm der Straße übertönten. Die Vogelstände sind seit einigen Jahren verschwunden, aber viele Barceloniner nennen den Abschnitt noch immer so. Bieg jetzt rechts in den Carrer del Carme und folge den engen Gassen ins Raval, bis sich vor dir ein großer, strahlend weißer Platz öffnet.

  3. 3. MACBA und CCCB: Skater, Kunst und ein Armenhaus

    Plaça dels Àngels 1, 08001 Barcelona, Spain

    Hör erst einmal hin, bevor du schaust: dieses Klacken und Rollen, das Krachen von Holz auf Stein. Vor dir liegt ein riesiger, gleißend weißer Bau mit Glasfassade, und auf dem Platz davor üben Skater aus halb Europa ihre Sprünge. Das ist das MACBA, das Museu d'Art Contemporani de Barcelona.

    Entworfen hat es der amerikanische Architekt Richard Meier, eröffnet wurde es 1995. Ein strahlend weißes Museum mitten im Raval, damals ein Viertel mit bröckelnden Fassaden, Drogen und Armut... das war eine Kampfansage. Die Stadt setzte darauf, dass Kultur ein Viertel heilen kann, und riss dafür ganze Häuserzeilen ab, um Licht und Luft in das Gassengewirr zu bringen.

    Die Skater haben das Gebäude allerdings auf ihre Weise erobert. Die glatten Flächen, Stufen und Kanten der Plaça dels Àngels haben sich zu einem der berühmtesten Skate-Spots der Welt entwickelt. Videos von hier gingen um den Globus, und manche Besucher kommen nur wegen des Platzes, nicht wegen der Kunst.

    Dreh dich nun um und schau hinter das Museum. Dort steht ein strenger alter Bau um einen Innenhof: die frühere Casa de la Caritat, das Armenhaus der Stadt, in dem ab dem frühen 19. Jahrhundert Waisen, Alte und Mittellose lebten. Heute ist es das CCCB, das Centre de Cultura Contemporània, eröffnet 1994. Die Architekten Albert Viaplana und Helio Piñón setzten einen gläsernen Flügel hinein, dessen oberste Kante sich nach vorne neigt. Darin spiegelt sich die ganze Stadt, bis hinunter zum Meer... ein Fenster für ein Haus, aus dem früher kaum jemand herausblicken durfte.

    Raval kommt übrigens vom arabischen rabad, Vorstadt. Was draußen vor der Mauer lag, war nie vornehm: erst Klöster und Spitäler, dann im 19. Jahrhundert die ersten Textilfabriken Kataloniens und Tausende Arbeiterfamilien in dunklen Hinterhöfen. Folge jetzt dem Carrer dels Àngels und dann dem Carrer del Carme nach rechts bis zu einer kleinen Kreuzung mit einem Brunnen, auf dem eine junge Heilige steht.

  4. 4. Plaça del Pedró: Santa Eulàlia und die Kapelle der Aussätzigen

    Plaça del Pedró, 08001 Barcelona, Spain

    Mitten in diesem kleinen, dreieckigen Platz steht eine Brunnensäule, und ganz oben, zwischen Wäscheleinen und Balkonen, eine schmale Mädchenfigur mit einem Kreuz in Form eines X. Willkommen an der Plaça del Pedró, einem der ältesten Kreuzungspunkte Barcelonas.

    Die Figur ist Santa Eulàlia, die junge Märtyrerin und Mitpatronin der Stadt. Die Legende erzählt, sie sei um das Jahr 304, mit gerade dreizehn Jahren, unter dem römischen Kaiser Diokletian gefoltert und an genau dieser Stelle an ein Kreuz geschlagen worden. Und als man sie nackt zur Schau stellte, soll mitten in der Stadt Schnee gefallen sein, um ihren Körper zu bedecken. Ob es Eulàlia so gab, streiten Historiker bis heute... aber für Barcelona ist sie ganz und gar wirklich.

    Seit dem 17. Jahrhundert steht hier ein Denkmal für sie. Die alte Statue wurde 1936 zerstört, die heutige stammt aus der Zeit nach dem Bürgerkrieg. Pedró bedeutet übrigens so viel wie Steinsäule oder Wegkreuz: Hier trafen sich die Straßen aus dem Hinterland, und hier stand seit dem Mittelalter ein Kreuz, das Reisenden zeigte, dass die Stadt nah war. Und weil hier mehrere Wege zusammenliefen, war der Platz jahrhundertelang auch ein Ort für Händler, Bekanntmachungen und Neuigkeiten.

    Jetzt schau nach hinten, hinter das Gitter mit dem kleinen Garten. Dort duckt sich ein schlichter romanischer Bau mit runder Apsis: die Capella de Sant Llàtzer, aus dem 12. Jahrhundert. Ab dem Mittelalter war sie die Kapelle des Leprosoriums, des Spitals für Aussätzige, die man bewusst draußen vor der Stadt unterbrachte. Sankt Lazarus, Sant Llàtzer, war ihr Schutzheiliger, der arme Kranke aus dem Gleichnis, dem die Hunde die Wunden leckten.

    Jahrhundertelang war die Kapelle zwischen Wohnhäusern eingeklemmt, so dass kaum jemand ahnte, was hinter den Fassaden steckte. Heute kannst du ihre Rundung wieder sehen, eines der ältesten Gebäude des ganzen Raval. Die Nachbarn nutzen den kleinen Garten davor heute fast wie ein Wohnzimmer, mit Bänken, Kinderwagen und Gesprächen über den Zaun hinweg. Folge nun dem Carrer de l'Hospital Richtung Rambla, bis links ein gewaltiges gotisches Tor in einen stillen Innenhof führt.

  5. 5. Antic Hospital de la Santa Creu: Wo Gaudí starb

    Carrer de l'Hospital 56, 08001 Barcelona, Spain

    Tritt durch das Tor, und plötzlich wird es leise. Vor dir liegt ein Garten mit Orangenbäumen, gesäumt von gotischen Bögen, Bänken und einer barocken Säule mit einem Kreuz... der Lärm des Raval bleibt draußen wie hinter einer dicken Tür.

    Das ist das Antic Hospital de la Santa Creu, das alte Spital vom Heiligen Kreuz. Im Jahr 1401 legte die Stadt sechs kleine, verstreute Spitäler zu einem großen zusammen, und daraus entstand eines der ältesten erhaltenen Krankenhausgebäude Europas. Die langen Säle mit ihren mächtigen Spitzbögen waren Krankenstationen, in denen Hunderte Betten nebeneinander standen.

    Mehr als fünfhundert Jahre lang starben und genasen hier die Armen der Stadt. Und hier endet auch eine der traurigsten Geschichten Barcelonas. Am 7. Juni 1926 wurde ein alter Mann in abgetragener Kleidung an der Gran Via von einer Straßenbahn erfasst. Niemand erkannte ihn, man hielt ihn für einen Bettler und brachte ihn in dieses Armenspital. Erst später merkte man, wer er war: Antoni Gaudí, der Architekt der Sagrada Família. Er starb hier am 10. Juni 1926... im selben Jahr, in dem das Spital in den neuen Bau von Sant Pau umzog.

    Heute füllen keine Betten mehr die gotischen Säle, sondern Bücher. Seit 1940 sitzt hier die Biblioteca de Catalunya, die Nationalbibliothek Kataloniens, mit Lesesälen unter Bögen, die ein halbes Jahrtausend alt sind. Im Hof daneben, im Haus der Genesenden, erzählen bunte Kachelbilder Geschichten von Heiligen, und in der früheren Chirurgenschule wartet ein runder Hörsaal aus dem 18. Jahrhundert, mit einem Marmortisch in der Mitte, auf dem einst vor Publikum seziert wurde.

    Setz dich ruhig einen Moment unter die Orangenbäume. Rundherum sitzen Studenten, Rentner und Nachbarn, und kaum einer denkt daran, wie viele Menschen hier ihre letzten Tage verbracht haben. Geh dann durch den hinteren Ausgang hinaus, an der Rückseite einer großen Markthalle vorbei, bis du mitten im Gedränge der Boqueria stehst.

  6. 6. Mercat de la Boqueria: Achthundert Jahre Markt an der Rambla

    La Rambla 91, 08001 Barcelona, Spain

    Riech einmal tief ein: reife Mangos, frischer Fisch auf Eis, Schinken, der von der Decke hängt, und irgendwo brutzelt Knoblauch in Olivenöl. Du stehst mitten in der Boqueria, unter einem hohen Eisendach, umgeben von Pyramiden aus Obst, Bergen von Pilzen und Händlern, die quer durch die Gänge rufen.

    Ihr offizieller Name ist Mercat de Sant Josep, aber so nennt sie kaum jemand. Gehandelt wird an dieser Stelle schon seit dem Mittelalter. Aus dem Jahr 1217 stammen erste Nachrichten von Fleischtischen vor dem Stadttor an der Rambla, wo die Bauern aus dem Umland ihre Waren anboten, ohne Stadtzoll zu zahlen. Woher das Wort Boqueria kommt, ist umstritten. Eine beliebte Erklärung führt es auf boc zurück, den Ziegenbock, dessen Fleisch hier verkauft wurde.

    Wo heute die Stände stehen, war bis 1835 ein Kloster der Karmeliter, dem heiligen Josef geweiht. In jenem Sommer zogen aufgebrachte Menschenmengen durch Barcelona und steckten mehrere Klöster in Brand. Auf dem frei gewordenen Gelände entstand ab 1840 ein richtiger Markt, zunächst unter freiem Himmel mit Säulengängen, und erst 1914 kam das große Eisendach dazu, das du über dir siehst.

    Und jetzt das Wichtigste: essen! Die Barceloniner kaufen hier tatsächlich ein, auch wenn sich die Touristen in den ersten Gängen drängen. Geh deshalb ruhig weiter nach hinten, wo die Fischhändler sitzen und die Stände mit Bacallà, gesalzenem Stockfisch, in allen Varianten. An den kleinen Theken frühstücken Marktleute schon morgens um acht mit Kichererbsen, Tintenfisch und einem Glas Wein... esmorzar de forquilla nennen die Katalanen das, das Gabelfrühstück.

    Ein kleiner Tipp unter Freunden: Fotografieren ist erlaubt, aber kaufen ist freundlicher. Ein Becher Obst oder ein paar Oliven, und die Händlerinnen erzählen dir oft mehr als jeder Reiseführer. Geh jetzt wieder hinaus auf die Rambla und dort nach rechts, Richtung Meer. Schon nach wenigen Schritten trittst du auf ein Kunstwerk... ohne es zu merken.

  7. 7. Miró-Mosaik und Gran Teatre del Liceu: Bomben, Brände und Wagner

    La Rambla 51-59, 08002 Barcelona, Spain

    Schau nach unten! Unter deinen Füßen liegt ein großer Kreis aus bunten Fliesen, Rot, Gelb, Blau und Schwarz, über den täglich Zehntausende laufen, ohne den Blick zu senken. Das ist ein Mosaik von Joan Miró, 1976 hier verlegt, nur ein paar Hundert Schritte von der Gasse, in der er 1893 geboren wurde.

    Man sagt, Miró habe sich gewünscht, dass jeder, der vom Hafen heraufkommt, zuerst auf ein Werk von ihm tritt, wie auf einen Willkommensteppich. Kein Sockel, kein Rahmen, kein Eintritt... Kunst, über die man einfach hinwegläuft, das passte zu einem Maler, der sein Leben lang mit Kinderzeichnungen und Sternen spielte.

    Direkt daneben steht das Gran Teatre del Liceu, das Opernhaus Barcelonas, seit 1847 hier. Es war das Theater des Bürgertums, und genau deshalb wurde es zum Ziel. Am 7. November 1893, während einer Aufführung von Rossinis Wilhelm Tell, warf der Anarchist Santiago Salvador zwei Bomben aus dem oberen Rang ins Parkett. Etwa zwanzig Menschen starben. Nur eine Bombe explodierte, die zweite fiel, so wird erzählt, in den weiten Rock einer getöteten Zuschauerin und blieb liegen. Gebrannt hat das Haus auch: 1861 und noch einmal im Januar 1994. 1999 öffnete es wieder.

    Jetzt kommt der deutsche Teil der Geschichte. Barcelona war um 1900 regelrecht wagnerverrückt, 1901 gründete sich sogar eine eigene Wagner-Gesellschaft. Wagners Erben hatten bestimmt, dass Parsifal nur in Bayreuth gespielt werden durfte, solange der Schutz galt, und der lief mit dem Neujahrstag 1914 ab. Das Liceu wollte unbedingt eines der ersten Häuser sein, das ihn danach legal zeigte, und hob den Vorhang am Abend des 31. Dezember 1913 kurz vor Mitternacht. Man erzählt, der Zeitpunkt sei so gewählt worden, dass es in Deutschland, wegen des Zeitunterschieds, schon Neujahr war.

    Stell dir den Saal vor: roter Samt, Gold, und ein Publikum, das um Mitternacht still und andächtig ein fünfstündiges Bühnenweihfestspiel erlebt, während draußen auf der Rambla das neue Jahr gefeiert wird. Geh jetzt ein paar Schritte weiter Richtung Meer und dann rechts in den Carrer Nou de la Rambla. Nach wenigen Metern siehst du ein dunkles Haus mit zwei parabelförmigen Toren.

  8. 8. Palau Güell: Gaudís dunkler Stadtpalast

    Carrer Nou de la Rambla 3-5, 08001 Barcelona, Spain

    Vor dir, in einer schmalen, etwas schmuddeligen Gasse, steht eine strenge graue Fassade mit zwei großen Toren in Form von Parabeln, dazwischen ein schmiedeeisernes Wappen mit einem Adler. Das ist der Palau Güell, einer der ersten großen Bauten von Antoni Gaudí.

    Sein Bauherr war Eusebi Güell, Textilindustrieller, Mäzen und Gaudís lebenslanger Förderer. Die Familie wohnte eigentlich an der Rambla, wollte aber ein repräsentatives Haus dazu. Und so baute Gaudí zwischen 1886 und 1888 einen Palast in eine Gasse, die damals schon keinen guten Ruf hatte. Warum hier? Wahrscheinlich, weil das Grundstück an das Haus der Familie grenzte... und weil Güell sich nicht darum scherte, was die feine Gesellschaft dachte. Er ließ Gaudí freie Hand, auch beim Geld. Erzählt wird, sein Buchhalter habe sich entsetzt über die Rechnungen beschwert... und Güell habe nur gefragt, ob das wirklich alles sei, was Gaudí ausgegeben habe.

    Durch die großen Tore fuhren die Kutschen direkt ins Haus. Im Keller lagen die Ställe, erreichbar über eine spiralförmige Rampe, damit die Pferde hinuntergehen konnten. Oben aber öffnet sich ein Saal, der durch drei Stockwerke reicht, gekrönt von einer Kuppel mit kleinen Löchern, durch die das Tageslicht fällt wie Sterne in einen Nachthimmel. Dort spielte man Orgel, hielt Konzerte und sogar Gottesdienste, mitten in einem Privathaus.

    Das Dach ist der Moment, in dem Gaudí zum ersten Mal richtig verspielt wird. Zwanzig Schornsteine und Lüftungstürme hat er dort oben aufgestellt, verkleidet mit Bruchstücken von Keramik und Glas. Diese Technik, trencadís, wird später zu seinem Markenzeichen, im Park Güell und anderswo. Hier oben probiert er sie zum ersten Mal in großem Stil aus.

    Die Fassade selbst ist dagegen fast abweisend, wie eine Festung zur Straße. Seit 1984 gehört der Palast zum UNESCO-Welterbe. Und über ihm liegt bis heute der Geruch des Raval, Wäsche auf den Balkonen, Stimmen aus allen Sprachen der Welt. Folge dem Carrer Nou de la Rambla weiter stadtauswärts, dann rechts durch die Gassen, bis du auf eine breite, palmengesäumte Promenade stößt.

  9. 9. Rambla del Raval: Boteros Katze und das alte Barri Xino

    Rambla del Raval, 08001 Barcelona, Spain

    Am Ende dieser breiten Promenade mit Palmen und Bänken sitzt eine riesige, kugelrunde Bronzekatze mit Schnurrbart, so dick und zufrieden, dass sie aussieht, als hätte sie gerade den ganzen Markt leer gefressen. Kinder klettern auf ihren Rücken, und ihr Schwanz ist von den vielen Händen schon ganz blank poliert.

    Das ist El Gat, die Katze von Fernando Botero, dem kolumbianischen Bildhauer, der alles rund und üppig macht, Menschen, Pferde und eben Katzen. Die Stadt kaufte sie Ende der 1980er Jahre, und dann begann eine richtige Odyssee: Die Katze wurde mehrmals umgesetzt, stand jahrelang an verschiedenen Orten der Stadt, wie ein Streuner ohne festes Zuhause. Erst hier, in der neuen Rambla del Raval, durfte sie sich endgültig niederlassen.

    Die Rambla selbst ist gar nicht alt. Sie wurde um das Jahr 2000 angelegt, und dafür riss man mehrere ganze Häuserblocks ab. Es war der größte Eingriff in das Raval seit Jahrhunderten: Licht und Luft für ein Viertel, in dem manche Wohnungen nie die Sonne sahen. Viele Nachbarn verloren dabei ihre Häuser, und bis heute wird darüber gestritten, wem die Erneuerung wirklich genützt hat.

    Denn dieser südliche Teil des Raval hatte einen berüchtigten Namen: Barri Xino, das Chinesenviertel, obwohl hier kaum Chinesen lebten. Ein Journalist prägte den Namen in den 1920er Jahren, in Anlehnung an die Unterwelt amerikanischer Hafenstädte. Hier gab es Bars, Bordelle, Hafenarbeiter, Matrosen, Anarchisten. Ganz in der Nähe wurde 1923 der Gewerkschafter Salvador Seguí, genannt El Noi del Sucre, der Zuckerjunge, auf offener Straße erschossen, in einer Zeit, in der Pistoleros beider Seiten die Stadt in Angst hielten.

    Heute hörst du hier Urdu, Tagalog, Arabisch und Katalanisch durcheinander. Das Raval ist eines der vielfältigsten Viertel Europas, und die Katze schaut dem Ganzen gelassen zu. Geh nun zum Carrer de Sant Pau und dort nach rechts. Nach wenigen Minuten stehst du vor einem kleinen, uralten Kloster in einem Garten.

  10. 10. Sant Pau del Camp: Das Kloster auf dem Feld

    Carrer de Sant Pau 101, 08001 Barcelona, Spain

    Hinter einem Gitter und ein paar Bäumen duckt sich eine kleine, gedrungene Steinkirche mit einem achteckigen Glockenturm, so schlicht, dass man fast an ihr vorbeigeht. Dabei ist sie älter als alles, was du auf diesem Spaziergang bisher gesehen hast.

    Das ist Sant Pau del Camp, Sankt Paul auf dem Feld. Der Name verrät, wo sie entstand: weit draußen vor der Stadtmauer, zwischen Äckern und Weinbergen. Benediktinermönche lebten hier schon im 10. Jahrhundert. Man fand auf dem Gelände die Grabplatte des Grafen Guifré Borrell, der 911 starb, ein Hinweis darauf, wie früh dieser Ort bedeutend war. Die Kirche, die du heute siehst, stammt im Wesentlichen aus dem 12. Jahrhundert. Damit gilt sie als älteste erhaltene Kirche Barcelonas.

    Schau dir das Portal genau an. Über dem Eingang siehst du grob gemeißelte Figuren, eine Hand Gottes, Symbole der Evangelisten, und an den Säulen Kapitelle, die vermutlich von noch älteren Bauten stammen. Und wenn du hineingehen kannst, wartet der kleinste Kreuzgang der Stadt: Bögen, die wie Kleeblätter in mehrere kleine Rundungen gelappt sind, eine Form, in der viele Kunsthistoriker den Einfluss der islamischen Baukunst sehen. Und am Portal entdeckst du Tierfiguren und Gesichter, deren Bedeutung bis heute niemand sicher kennt.

    Die Mönche hatten kein leichtes Leben hier draußen. Ohne Schutz der Mauern wurde das Kloster bei Angriffen auf die Stadt immer wieder geplündert. Später, als die Stadt wuchs und das Raval mit Fabriken und Mietskasernen füllte, verschwand das Feld, aber die Kirche blieb, eingeklemmt zwischen Häusern und Lärm, wie ein Stück Mittelalter, das sich nicht vertreiben ließ. Die Mönche zogen irgendwann ganz fort, und aus dem Kloster wurde die Pfarrkirche des Viertels, die es bis heute ist.

    Wenn es ruhig ist, hörst du vielleicht nur die Tauben und das Wasser im Kreuzgang. Mitten im dichtesten Viertel Barcelonas, ein paar Hundert Meter von den Touristenströmen der Rambla, bleibt dieser Ort erstaunlich still. Geh nun hinunter zur breiten Avinguda del Paral·lel und folge ihr Richtung Hafen, bis du vor langen, gotischen Hallen mit gewaltigen Dächern stehst.

  11. 11. Drassanes Reials: Die Werften der Könige

    Avinguda de les Drassanes s/n, 08001 Barcelona, Spain

    Vor dir ziehen sich lange Steinhallen mit breiten Satteldächern hin, und daneben ein Stück alte Stadtmauer mit einem Tor. Das sind die Drassanes Reials, die königlichen Werften von Barcelona, und sie gehören zu den größten erhaltenen Werftanlagen des Mittelalters überhaupt. Daneben siehst du das Portal de Santa Madrona, eines der letzten Tore der Mauer, die im 14. Jahrhundert das Raval umschloss.

    Gebaut wurden sie ab dem 13. Jahrhundert, als die Krone von Aragón das Mittelmeer beherrschen wollte, von Sardinien bis nach Sizilien und Griechenland. Unter diesen Dächern entstanden Galeeren, lange Kriegsschiffe mit Ruderern, die nur bei schlechtem Wetter an Land blieben. Damals reichte das Meer noch fast bis an die Mauern heran, und die fertigen Schiffe glitten direkt vom Hallenboden ins Wasser.

    Geh hinein, wenn du kannst, und schau nach oben. Die Halle ist ein Wald aus Steinbögen, so hoch und weit, dass sie eher an eine Kathedrale erinnert als an eine Fabrik. In der Mitte liegt ein Schiff, das jeden Besucher erschlägt: die Nachbildung der Galeere Real, des Flaggschiffs von Don Juan de Austria in der Seeschlacht von Lepanto 1571. Gebaut wurde die Kopie 1971, zum vierhundertsten Jahrestag der Schlacht, und sie ist so lang wie ein Wohnblock, mit Ruderbänken für Hunderte Männer.

    Und denk an diese Männer. Auf solchen Galeeren ruderten Gefangene, Sträflinge und Sklaven, angekettet an ihre Bänke, oft jahrelang. Die prächtige Vergoldung am Heck hatte mit ihrem Leben nichts zu tun. Heute erzählt das Museu Marítim in diesen Hallen von Ruhm und Elend der Seefahrt zugleich. Als die Galeeren ausgedient hatten, nutzte das Militär die Hallen noch lange als Kaserne und Depot, bevor die Stadt sie übernahm und das Museum einzog.

    Damit endet unser Weg durch das Raval: vom Brunnen, der dich zurückholt, über Märkte, Spitäler, Opern und Klöster bis hierher, wo Barcelona einst seine Flotten baute. Gleich gegenüber steht Kolumbus auf seiner Säule und zeigt aufs Meer. Und wer weiß... vielleicht hast du oben an der Rambla ja vom Wasser getrunken. Dann sehen wir uns wieder.