Vom Tower bis St Paul's: Londons City zwischen Römern, Hanse und Blitz
Von der Tower Bridge über den Stalhof der deutschen Hansekaufleute bis zur Kuppel von St Paul's: zweitausend Jahre London auf gut drei Kilometern, mit Gefangenen, Bränden, Börsen und Glocken
London · 11 stops · 28 min audio · Generated
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1. Tower Bridge: Stahl im gotischen Kostüm
Tower Bridge Road, London SE1 2UP, United Kingdom
Bleib mitten auf der Brücke stehen, genau über der schmalen Fuge, die quer über die Fahrbahn läuft, und schau nach oben. Zwei Türme aus hellem Stein, Spitzbögen, Zinnen, ein Hauch Ritterburg... und trotzdem ist die Tower Bridge jünger als der Eiffelturm. Unter dem Steinkleid steckt ein Skelett aus Stahl, und die Fuge unter deinen Füßen ist die Stelle, an der sich die Brücke teilt.
Eröffnet wurde sie am 30. Juni 1894. London brauchte dringend eine Querung östlich der London Bridge, aber die großen Segelschiffe mussten weiter bis in den Hafen vor dem Tower fahren können. Die Lösung von Architekt Horace Jones und Ingenieur John Wolfe Barry: zwei gewaltige Brückenklappen, die sich in wenigen Minuten heben. Und damit die Brücke neben der Festung nicht wie ein Fremdkörper wirkt, bekam der Stahl eine gotische Verkleidung. Manche Kritiker fanden das damals ziemlich verlogen... heute ist es das Wahrzeichen der Stadt schlechthin.
Jahrzehntelang trieb Dampf die Hydraulik an, erst 1976 übernahmen Öl und Strom. Und im Dezember 1952 passierte etwas, das kein Busfahrer erleben möchte: Ein roter Doppeldecker war schon auf der Brücke, als sich die Klappen zu heben begannen. Der Fahrer Albert Gunter gab Gas und sprang mit seinem Bus über die wachsende Lücke auf die andere Seite. Die Fahrgäste kamen mit Schrammen davon, und er bekam eine kleine Belohnung für seine Nerven.
Dann ist da noch die schönste Londoner Legende. Als die alte London Bridge 1968 an einen amerikanischen Unternehmer verkauft und in Arizona Stein für Stein wieder aufgebaut wurde, soll er geglaubt haben, er kaufe diese Brücke hier. Der Käufer, Robert McCulloch, hat das stets bestritten... aber manche Geschichten sind einfach zu gut, um zu sterben.
Oben in den beiden Verbindungsstegen, rund 42 Meter über dem Wasser, kannst du seit 2014 durch einen Glasboden auf Autos und Schiffe hinunterschauen. Unter dir gleitet die Themse Richtung Meer, und am Nordufer wartet ein graues Gemäuer mit fast tausend Jahren Geschichte. Geh zum Nordende der Brücke und dann die Treppe hinunter, nach Westen zum Graben des Tower of London.
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2. Tower of London: Raben, Kronjuwelen und das Jahr 1941
Tower Hill, London EC3N 4AB, United Kingdom
Stell dich an das Geländer über dem trockenen Graben und lass den Blick über die Mauerringe wandern, bis er am hellen, wuchtigen Würfel in der Mitte hängen bleibt. Das ist der White Tower, mit dem Wilhelm der Eroberer ab etwa 1078 den Londonern klarmachte, wer jetzt das Sagen hat. Festung, Königspalast, Münzstätte, Tiergehege, Schatzkammer, Gefängnis... dieser Ort war schon fast alles.
Die Kronjuwelen liegen hier bis heute, bewacht von den Yeoman Warders, die alle Welt nur Beefeaters nennt. Bis in die 1830er Jahre lebten hier sogar Löwen und Bären der königlichen Menagerie, bevor sie in den neuen Zoo im Regent's Park umzogen. Und dann die Raben. Die Legende sagt: Verlassen sie den Tower, stürzt das Königreich. Deshalb leben hier immer mindestens sechs Vögel, versorgt von einem eigenen Ravenmaster, und schon König Karl der Zweite soll darauf bestanden haben, sie zu behalten. Beweisen lässt sich das nicht... aber niemand will es ausprobieren.
Für deutsche Ohren hat dieser Ort ein besonderes Kapitel. Im Mai 1941 flog Rudolf Heß, Hitlers Stellvertreter, auf eigene Faust nach Schottland, um mit Großbritannien über Frieden zu verhandeln. Er sprang mit dem Fallschirm ab, wurde festgenommen und kurz darauf für einige Tage hierher gebracht, als einer der letzten Staatsgefangenen des Tower. Danach verschwand er für den Rest seines Lebens hinter Gefängnismauern, zuletzt in Berlin-Spandau.
Wenige Monate später, am 15. August 1941, fand hier die letzte Hinrichtung im Tower statt. Josef Jakobs, ein deutscher Agent, war im Januar über England mit dem Fallschirm abgesprungen und hatte sich bei der Landung den Knöchel gebrochen. Bauern fanden ihn hilflos auf einem Feld. Weil er nicht stehen konnte, saß er vor dem Erschießungskommando auf einem Stuhl. Er ist der letzte Mensch, der im Tower of London hingerichtet wurde.
Neun Jahrhunderte Macht, und am Ende ein Mann auf einem Stuhl an einem Augustmorgen... der Tower erzählt beides, Glanz und Grauen. Geh jetzt am Graben entlang nach Westen hinauf zum Tower Hill. Dort wartet eine kleine Kirche, deren Geschichte sogar noch weiter zurückreicht als die des White Tower.
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3. All Hallows by the Tower: Älter als die Festung
Byward Street, London EC3R 5BJ, United Kingdom
Tritt durch die Tür und geh nach links hinten: Unter den modernen Fenstern steht etwas, das man in der City kaum erwartet, ein schlichter Rundbogen aus Stein, durchsetzt mit flachen römischen Ziegeln. Er ist angelsächsisch, wohl aus dem 7. Jahrhundert. All Hallows by the Tower wurde um 675 von der Abtei Barking gegründet und gilt als älteste Kirche der City of London.
Unter deinen Füßen geht es noch tiefer. In der Krypta liegt ein Stück römischer Fußboden, genau dort, wo er vor fast zweitausend Jahren verlegt wurde, daneben Bruchstücke angelsächsischer Steinkreuze. Und weil die Kirche so nah am Richtplatz auf dem Tower Hill lag, brachte man immer wieder Enthauptete herüber. Erzbischof William Laud, 1645 hingerichtet, ruhte hier fast zwei Jahrzehnte, bevor man ihn nach Oxford überführte.
Am 5. September 1666 stieg Samuel Pepys, der berühmteste Tagebuchschreiber Englands, auf den Turm dieser Kirche. Unten tobte seit Tagen das Große Feuer, und Pepys notierte, es sei der traurigste Anblick der Verwüstung, den er je gesehen habe. Die Flammen kamen bis auf wenige Meter heran. Gerettet wurde die Kirche, so wird erzählt, auch weil Admiral William Penn Männer von den Werften holte, die ringsum Häuser sprengten und so eine Brandschneise schlugen.
Und dann diese Namen im Kirchenbuch: Der Sohn des Admirals, ebenfalls William Penn, wurde hier 1644 getauft, derselbe Penn, der später in Amerika die Kolonie Pennsylvania gründete. Und 1797 heiratete in dieser Kirche John Quincy Adams, der spätere sechste Präsident der Vereinigten Staaten. Ein kleines Gotteshaus am Rand der City, und seine Fäden reichen über den Atlantik.
Im Blitz 1940 brannte All Hallows fast völlig aus, nur der Backsteinturm von 1658 und die Außenmauern blieben stehen. Erst 1957 wurde die Kirche neu geweiht. Wenn du wieder hinaustrittst, geh nach Norden durch die Gassen um Mark Lane und Lime Street. Unser nächstes Ziel liegt dort, wo das Herz des römischen London schlug, unter einem viktorianischen Glasdach.
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4. Leadenhall Market: Römisches Forum unter viktorianischem Glas
Gracechurch Street, London EC3V 1LT, United Kingdom
Bleib unter der Kreuzung der Arkaden stehen und dreh dich einmal langsam im Kreis: Weinrot, Creme und Gold, schmiedeeiserne Bögen, ein hohes Glasdach, silberne Drachen der City an den Pfeilern. Leadenhall Market sieht aus wie eine viktorianische Theaterbühne... und ein bisschen ist er das auch.
Gebaut hat diese Halle 1881 Horace Jones, derselbe Architekt, der die Tower Bridge entworfen hat. Markt ist hier aber schon viel länger: Seit dem 14. Jahrhundert wurden an dieser Stelle Geflügel, Fleisch, Käse und Wolle gehandelt. Im 15. Jahrhundert ließ der Bürgermeister Simon Eyre hier außerdem einen öffentlichen Kornspeicher bauen, damit die Stadt in Hungerjahren Vorräte hatte. Der Name stammt von einem Herrenhaus mit Bleidach, einer lead hall, die damals hier stand.
Noch tiefer liegt das eigentliche Geheimnis. Unter deinen Füßen erhob sich um das Jahr 100 die Basilika des römischen Londinium, rund 150 Meter lang, das größte römische Gebäude nördlich der Alpen. Hier saßen Beamte, hier wurde Recht gesprochen, und davor öffnete sich das Forum, der Marktplatz der Provinzhauptstadt. Im Keller eines Ladens am Markt sind bis heute Mauerreste davon erhalten.
Filmleute lieben solche Kulissen, und so wurde Leadenhall Market zur Zauberwelt: Im ersten Harry-Potter-Film von 2001 spielen hier Szenen rund um die Winkelgasse, und eine Tür in der Bull's Head Passage, damals ein Optikergeschäft, wurde zum Eingang des Tropfenden Kessels. Seitdem stehen hier Fans aus aller Welt und fotografieren eine ganz gewöhnliche Haustür.
Schau jetzt nach Osten, die Lime Street hinunter: Dort glänzt das Lloyd's Building von Richard Rogers aus dem Jahr 1986, ein Bau, der sein Innerstes nach außen kehrt, Rohre, Treppen und gläserne Aufzüge an der Fassade. Lloyd's begann im späten 17. Jahrhundert in einem Kaffeehaus, in dem Kapitäne und Kaufleute Schiffe versicherten. Römisches Forum, mittelalterlicher Markt, Hightech-Versicherung, alles auf ein paar hundert Metern. Verlass die Halle nach Westen zur Gracechurch Street und folge ihr bergab Richtung Fluss, bis eine goldene Flammenkugel über den Dächern auftaucht.
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5. The Monument: Die Säule des Großen Feuers
Fish Street Hill, London EC3R 8AH, United Kingdom
Leg den Kopf weit in den Nacken: Eine Säule aus Portland-Stein schießt 61 Meter in die Höhe, und ganz oben lodert eine vergoldete Urne mit Flammen aus Bronze. Das Monument ist genau so hoch, wie es von der Stelle entfernt steht, an der in der Nacht zum 2. September 1666 das Große Feuer ausbrach, in der Backstube von Thomas Farriner in der Pudding Lane, gleich da drüben.
Vier Tage lang brannte London. Rund 13.200 Häuser und 87 Pfarrkirchen gingen in Flammen auf, dazu die alte gotische St Paul's Cathedral. Die offizielle Zahl der Toten war erstaunlich klein, doch viele Historiker glauben, dass die Opfer unter den Armen nie gezählt wurden. Zehntausende saßen plötzlich ohne Dach über dem Kopf auf den Feldern vor der Stadt.
Entworfen haben die Säule Christopher Wren und sein Freund Robert Hooke, gebaut wurde sie zwischen 1671 und 1677. Hooke, ein Universalgenie, wollte sie gleich doppelt nutzen: als riesiges Teleskop. Innen führt eine Wendeltreppe mit 311 Stufen nach oben, und durch ihren hohlen Kern sollte ein senkrechtes Fernrohr in den Himmel blicken, mit einem kleinen Labor tief unter dem Sockel. Nur zitterte die Säule wohl zu sehr im Verkehr der Stadt, und aus der Sternwarte wurde nichts.
Eine dunkle Fußnote: 1681 ließ man auf dem Sockel einen Satz einmeißeln, der das Feuer einer katholischen Verschwörung zuschrieb. Dabei war es höchstwahrscheinlich ein Unfall am Backofen. Erst 1830 wurde die Zeile wieder herausgeschlagen... eine Lüge in Stein, die anderthalb Jahrhunderte gehalten hat.
Ein paar Schritte südlich, unten am Fluss, siehst du den Turm von St Magnus the Martyr. Ab dem 18. Jahrhundert lief der Fußweg auf die alte London Bridge direkt unter diesem Turm hindurch, und mehr als fünfhundert Jahre lang war jene Brücke, bebaut mit Häusern und Läden, die einzige Brücke Londons über die Themse. Geh nun nach Westen, an der Upper Thames Street entlang Richtung Cannon Street Station. Dort lebten einst Kaufleute aus Köln, Lübeck und Hamburg.
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6. Der Stalhof: Die Hanse an der Themse
Steelyard Passage, Cannon Street Station, London EC4N 6AP, United Kingdom
Geh in den dämmrigen Durchgang unter den Gleisen der Cannon Street Station, wo es nach Fluss und Beton riecht, und such an der Wand die Gedenktafel. Viel mehr ist nicht übrig. Und doch lag genau hier über Jahrhunderte ein Stück Deutschland mitten in London: der Stalhof, englisch Steelyard, das Kontor der Hanse.
Schon im 12. Jahrhundert hatten Kölner Kaufleute eine eigene Gildehalle an der Themse. Später kamen Lübecker, Hamburger und Danziger dazu, und der Stalhof wurde eine ummauerte kleine Stadt: Lagerhäuser, Wohnungen, eine Halle, ein Garten, eine Weinstube, in der rheinischer Wein ausgeschenkt wurde. Die Hansekaufleute lebten nach strengen eigenen Statuten, mit Torschluss am Abend, und sie zahlten auf manche Waren geringere Zölle als die Engländer selbst.
Einer hat sie unsterblich gemacht: Hans Holbein der Jüngere aus Augsburg. Um 1532 malte er in London die Kaufleute des Stalhofs, allen voran den jungen Danziger Georg Gisze an seinem Kontortisch, umgeben von Briefen, Siegeln, einer Waage und einer gläsernen Vase mit Nelken. Das Bild hängt heute in der Berliner Gemäldegalerie. Für den Festsaal des Stalhofs schuf Holbein außerdem zwei große Allegorien, den Triumph des Reichtums und den Triumph der Armut... beide sind verloren.
Doch Privilegien wecken Neid. Die englischen Kaufleute wurden selbstbewusster, und 1598 ließ Elisabeth die Erste den Stalhof schließen; die Hansekaufleute mussten London verlassen. Das Grundstück aber blieb im Besitz der Hansestädte Lübeck, Bremen und Hamburg, bis sie es Mitte des 19. Jahrhunderts verkauften. Dann kam die Eisenbahn, und 1866 eröffnete auf dem Gelände die Cannon Street Station, über dir.
Es gibt sogar eine hübsche Legende, nach der das Wort sterling von den Easterlings stammt, den Kaufleuten aus dem Osten, deren Silbermünzen als besonders verlässlich galten. Sprachforscher sind skeptisch... aber an einem Ort wie diesem hört man die Geschichte gern. Geh jetzt die Dowgate Hill hinauf zur Cannon Street. Gegenüber dem Bahnhof wartet hinter einem Gitter ein unscheinbarer Stein, um den sich die seltsamsten Prophezeiungen ranken.
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7. London Stone: Der rätselhafte Stein der Stadt
111 Cannon Street, London EC4N 5AR, United Kingdom
Bück dich ein wenig und schau durch das Gitter in der Hauswand: Dahinter liegt ein grauer, abgeschliffener Kalksteinbrocken, kaum größer als ein Koffer. Kein Schild würde dich normalerweise hier festhalten, und trotzdem ist das einer der rätselhaftesten Gegenstände Londons... der London Stone.
Niemand weiß genau, was er einmal war. Manche halten ihn für einen römischen Meilenstein, von dem aus die Entfernungen in der Provinz gemessen wurden, andere für den Rest eines großen Bauwerks, vielleicht eines römischen Palastes, dessen Mauern unter der Cannon Street Station gefunden wurden. Sicher ist nur, dass er schon im Mittelalter berühmt war: Der erste Bürgermeister Londons, ab 1189 im Amt, hieß Henry Fitz-Ailwin, und in den Urkunden trägt er den Beinamen von London Stone.
1450 zog der Rebell Jack Cade mit seinen Leuten in die Stadt, schlug mit seinem Schwert auf diesen Stein und erklärte sich zum Herrn von London. Shakespeare hat die Szene in Heinrich dem Sechsten verewigt. Da sitzt Cade auf dem London Stone und befiehlt großzügig, dass der städtische Pinkelbrunnen im ersten Jahr seiner Herrschaft nichts als Rotwein führen soll. Wenige Tage später war Cade auf der Flucht, und noch im selben Monat war er tot.
Und dann die Prophezeiung: Solange der Stein des Brutus sicher ist, so lange wird London blühen. Brutus, ein Trojaner, soll der Sage nach Britannien besiedelt und London gegründet haben. Das klingt uralt... ist aber höchstwahrscheinlich eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Trotzdem hat sich nie jemand getraut, den Stein einfach wegzuwerfen.
Als das Bürohaus über ihm abgerissen wurde, zog der Stein 2016 vorübergehend ins Museum of London. Seit 2018 liegt er wieder hier, in einer neuen, würdigen Nische aus Portland-Stein. Ein Stück Kalk, um das Banken und Bürotürme herumgebaut wurden. Geh jetzt ein paar Schritte zurück und dann nach Norden in die Straße Walbrook, benannt nach einem Fluss, der heute unter dem Pflaster verschwindet. Sie führt dich direkt zur Kreuzung an der Bank, dem Geldherz der City.
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8. Royal Exchange & Bank of England: Heuschrecke und alte Dame
Royal Exchange, Threadneedle Street, London EC3V 3LR, United Kingdom
Stell dich auf die Stufen vor dem großen Säulenportikus der Royal Exchange und schau auf die Kreuzung hinunter. Ringsum fließt der Verkehr zwischen der fensterlosen Mauer der Bank of England und dem Mansion House, dem Amtssitz des Lord Mayor. Mehr Geld auf weniger Quadratmetern gibt es kaum irgendwo in Europa.
Gegründet hat die Börse der Kaufmann Thomas Gresham, und er hat sich das Vorbild im Ausland abgeschaut: in der Börse von Antwerpen, wo er jahrelang Geschäfte für die Krone abwickelte. Vorher handelten Londons Kaufleute bei Wind und Wetter auf der Straße. 1571 besuchte Elisabeth die Erste den Bau und verlieh ihm den Titel königlich. Schau mal hinauf zum Dach: Dort dreht sich eine vergoldete Heuschrecke im Wind, Greshams Wappentier.
Zweimal brannte die Börse ab, 1666 im Großen Feuer und 1838 noch einmal. Das heutige Gebäude ist schon das dritte, eröffnet 1844 von Königin Victoria. Mit Aktien wird hier längst nicht mehr gehandelt, unter dem Glasdach im Innenhof sind heute Läden und Cafés... aber die Fassade spielt immer noch ihre alte Rolle. Von diesen Stufen werden traditionell neue Monarchen ausgerufen, zuletzt im September 2022 König Charles der Dritte.
Gegenüber schlummert ein Schatz, den du nie sehen wirst. In den Tresoren unter der Bank of England, gegründet 1694, lagern rund 400.000 Goldbarren, ein großer Teil davon im Auftrag anderer Staaten. Den Spitznamen der Bank, die alte Dame der Threadneedle Street, verdankt sie einer Karikatur von James Gillray aus dem Jahr 1797, auf der eine alte Frau auf ihrer Geldkiste sitzt und sie gegen den Premierminister verteidigt.
Die Mauer ringsum stammt vom Architekten John Soane und hat zur Straße hin kein einziges Fenster, aus gutem Grund. Sicherheit war schon damals das schönste Ornament. Geh jetzt nach Westen in die Poultry und biege dann rechts in die King Street ein. An ihrem Ende öffnet sich ein weiter Platz vor dem Rathaus der City, und unter seinem Pflaster liegt eine Arena.
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9. Guildhall: Rathaus über der römischen Arena
Guildhall Yard, Gresham Street, London EC2V 7HH, United Kingdom
Tritt hinaus auf den weiten Platz vor der Guildhall und senk den Blick auf das Pflaster: Eine große dunkle Kurve zieht sich durch die hellen Steine, ein riesiges Oval. Das ist keine Spielerei der Stadtplaner. Es markiert die Arena eines römischen Amphitheaters, das genau unter dir liegt.
Jahrhundertelang wusste niemand davon. Erst 1988, als für die neue Kunstgalerie gegraben wurde, stießen Archäologen auf die Mauern, Londons einziges römisches Amphitheater. Die ersten Ränge aus Holz entstanden wohl schon um das Jahr 70, wenige Jahrzehnte nach der Gründung von Londinium, später wurde die Arena in Stein ausgebaut. Mehrere tausend Zuschauer passten hinein; hier kämpften Gladiatoren, wurden Tiere gehetzt und Verbrecher hingerichtet. Die Reste kannst du im Untergeschoss der Guildhall Art Gallery sehen, sogar die hölzernen Abflussrinnen der Römer sind im feuchten Londoner Boden erhalten geblieben.
Über dem Rund erhebt sich die Guildhall selbst, erbaut ab 1411, seit Jahrhunderten das Rathaus der City of London. Teile der Krypta darunter stammen sogar noch aus dem 13. Jahrhundert und haben sowohl das Große Feuer als auch den Blitz überstanden. Hier wählen die Zünfte bis heute jedes Jahr den Lord Mayor, und in der großen Halle finden Staatsbankette statt. Dort wachen zwei hölzerne Riesen, Gog und Magog, die sagenhaften Hüter der Stadt. Die alten Figuren verbrannten im Krieg, die heutigen wurden 1953 geschnitzt.
Die Halle hat auch finstere Tage gesehen. 1553 wurde hier Lady Jane Grey der Prozess gemacht, der Neun-Tage-Königin, damals etwa sechzehn Jahre alt, und mit ihr dem Erzbischof Thomas Cranmer. Beide wurden zum Tode verurteilt. Und in der Nacht des 29. Dezember 1940 brannte das Dach der Guildhall im Bombenhagel nieder; die mittelalterlichen Mauern aber hielten stand.
So liegen hier zweitausend Jahre übereinander: Römer, die Blut im Sand sehen wollten, Ratsherren in Pelz, Richter, Brandbomben, und heute Touristen, die über eine Linie im Pflaster stolpern, ohne zu wissen, was darunter liegt. Verlass den Platz nach Süden durch die schmale Lawrence Lane bis zur Cheapside. Dort hörst du vielleicht schon die berühmtesten Glocken der Stadt.
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10. St Mary-le-Bow: Die Glocken der Cockneys
Cheapside, London EC2V 6AU, United Kingdom
Bleib auf dem Gehweg der Cheapside stehen und folg dem hellen Kirchturm mit den Augen bis zur Spitze, wo ein goldener Drache als Wetterfahne sitzt. In diesem Turm hängen die Bow Bells, und um sie dreht sich ein ganzes Stück Londoner Identität: Ein echter Cockney, so heißt es, ist nur, wer in Hörweite dieser Glocken geboren wurde.
Der Name kommt von den Bögen, englisch bows, in der normannischen Krypta unter der Kirche. Dort tagte jahrhundertelang ein Kirchengericht, das bis heute Court of Arches heißt, Gericht der Bögen. Die Krypta selbst hat das Große Feuer überstanden und gehört zu den ältesten Kirchenräumen der City. Nach dem Großen Feuer baute Christopher Wren die Kirche neu, und dieser Turm, um 1680 vollendet, gilt als einer seiner schönsten.
Dann die Geschichte vom armen Dick Whittington: Ein Junge vom Land sucht in London sein Glück, findet keins und gibt auf dem Hügel von Highgate auf... da hört er die Bow Bells läuten. Sie scheinen zu rufen: Kehr um, Whittington, dreimal Bürgermeister von London! Er kehrt um, und am Ende macht ihn ausgerechnet seine Katze reich. Den echten Richard Whittington gab es übrigens, er war um 1400 mehrmals Lord Mayor und ein steinreicher Tuchhändler... nur die Katze ist wohl erfunden.
Im Mai 1941, bei einem der schwersten Luftangriffe des ganzen Blitz, wurde St Mary-le-Bow von Bomben getroffen und brannte aus. Die Glocken stürzten in die Tiefe und zersprangen. Es war die Nacht vom 10. auf den 11. Mai, dieselbe Nacht, in der Rudolf Heß nach Schottland flog, der Mann, von dem du am Tower gehört hast. Erst 1961 läuteten wieder neue Glocken über der Cheapside.
Während des Krieges sendete die BBC eine Aufnahme dieser Glocken als Erkennungszeichen in das besetzte Europa, ein Klang von Freiheit für Menschen, die heimlich unter der Bettdecke Radio hörten. Geh jetzt die Cheapside nach Westen hinunter. Am Ende der Straße wächst eine Kuppel über die Dächer, die alles überragt, was du auf diesem Weg gesehen hast.
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11. St Paul's Cathedral: Die Kuppel, die den Blitz überstand
St Paul's Churchyard, London EC4M 8AD, United Kingdom
Stell dich vor die breite Freitreppe an der Westfront und schau hinauf zur Kuppel, die über den beiden Glockentürmen thront. Über dreihundert Jahre ist sie alt, und sie sieht immer noch aus, als hätte jemand sie behutsam vom Himmel auf die Stadt herabgelassen.
Nach dem Großen Feuer von 1666 stand von der alten, gotischen Kathedrale nur noch eine Ruine. Christopher Wren brauchte mehrere Entwürfe und viel Geduld, bis 1675 der Grundstein gelegt wurde, und 1710 erklärte das Parlament den Bau für vollendet. Wren war da fast achtzig. Sein Trick: Die Kuppel besteht eigentlich aus drei Schalen, einer inneren, die du von unten siehst, einem verborgenen Ziegelkegel, der die steinerne Laterne trägt, und der äußeren Hülle aus Holz und Blei.
Dann kamen die Bomben. In den Nächten des Blitz stiegen Freiwillige der St Paul's Watch auf das Dach und löschten Brandbomben, oft nur mit Sandeimern und Handpumpen. Im September 1940 bohrte sich eine Bombe, die nicht explodierte, neben der Kathedrale tief in den Boden. Ein Räumtrupp grub sie in tagelanger Arbeit aus, fuhr sie durch die Stadt und sprengte sie draußen in den Hackney Marshes.
In der Nacht des 29. Dezember 1940 brannte die City ringsum lichterloh. Der Fotograf Herbert Mason stand auf einem Dach und drückte ab, als sich der Rauch für einen Moment lichtete: die Kuppel von St Paul's, unversehrt über einem Meer aus Qualm. Das Bild wurde zum Symbol des Durchhaltens. Ganz verschont blieb die Kathedrale trotzdem nicht; Bomben trafen den Chor, und der alte Hochaltar wurde zerstört. Der heutige Baldachin ersetzt ihn seit 1958.
Christopher Wren selbst liegt in der Krypta, unter einer schlichten Platte. Daneben steht auf Latein: Leser, wenn du sein Denkmal suchst, schau dich um. Das gilt heute für diesen ganzen Weg, Römer und Hanse, Feuer und Bomben, und London hat sich jedes Mal wieder aufgerichtet. Hier endet unsere Runde durch die City... und die Stufen vor dir sind der beste Platz, um noch eine Weile sitzen zu bleiben und der Stadt zuzusehen.