Edinburgh, Stadt der Literatur: Von Walter Scotts Kindheit bis zu Jekyll und Hyde
Ein Spaziergang durch die literarische Altstadt der ersten UNESCO-Literaturstadt der Welt: Scott, Burns, Stevenson, Hume, ein treuer Hund, ein Doppelleben und die Wiege der Encyclopaedia Britannica
Edinburgh · 11 stops · 28 min audio · Generated
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1. George Square: Walter Scotts Jugend
George Square, Southside, Edinburgh EH8, UK
Du stehst an einem grünen Platz mit einer seltsamen Mischung ringsum: auf der einen Seite schlichte georgianische Stadthäuser aus hellem Sandstein, auf der anderen die Betonbauten der Universität aus den Sechzigerjahren. Genau dieser Kontrast ist die erste Geschichte unseres Spaziergangs. Denn hinter einer dieser alten Haustüren, der Nummer 25 an der Westseite, wuchs der Junge auf, der Edinburgh zur Stadt der Literatur machen sollte: Walter Scott.
Der George Square wurde ab 1766 angelegt, noch bevor drüben im Norden die berühmte New Town Gestalt annahm. Der Bauunternehmer James Brown benannte ihn, so wird erzählt, nicht nach einem König, sondern nach seinem eigenen Bruder George. Wer es sich leisten konnte, floh damals aus den engen, stinkenden Gassen der Altstadt hierher, an den Rand der Wiesen. Auch Scotts Vater, ein Anwalt, zog 1774 mit der Familie her, wohl auch, weil in der alten Wohnung mehrere seiner Kinder gestorben waren.
Walter selbst hatte als Kleinkind eine schwere Krankheit überlebt, vermutlich Kinderlähmung, und behielt ein lahmes Bein. Zur Erholung schickte man ihn auf den Bauernhof der Großeltern in den Borders. Dort hörte er die alten Balladen von Grenzräubern, Fehden und Gespenstern... und genau diese Geschichten trug er später in jedes seiner Bücher. Hier am Platz las er alles, was er in die Finger bekam, studierte Jura und blieb, bis er 1797 heiratete.
Und gleich um die Ecke, in der Buccleuch Place, gründeten 1802 ein paar junge Juristen in einer kleinen Wohnung die Edinburgh Review. Ihre gnadenlosen Kritiken waren bald in ganz Europa gefürchtet, und ein Dichter, den sie verrissen, hatte es schwer. Plötzlich war diese Stadt am Rand des Kontinents der Ort, an dem entschieden wurde, was gute Literatur ist.
In den Sechzigerjahren riss die Universität trotz heftiger Proteste große Teile des Platzes ab... nur die Westseite blieb fast so, wie Scott sie kannte. Behalte das im Kopf: Edinburgh hat seine Häuser nicht immer gut behandelt, aber es hat nie aufgehört, seine Schriftsteller zu lesen. Geh jetzt nach Norden, über den Bristo Square, bis zur breiten Chambers Street, wo Scott geboren wurde.
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2. Chambers Street: Scotts Geburtsort und ein anonymer Skandal
Chambers Street, Edinburgh EH1 1JF, UK
Vor dir liegt eine breite, gerade Straße: auf der einen Seite der mächtige Bau des National Museum of Scotland, ein paar Schritte östlich das Säulenportal des Old College der Universität. Mittendrin steht ein Herr aus Bronze im Gehrock, mit ernstem Blick. Und ungefähr dort, wo die Guthrie Street abzweigt, wurde am 15. August 1771 Walter Scott geboren.
Von seinem Geburtshaus ist nichts übrig. Der College Wynd war eine jener steilen, dunklen Gassen, in denen sich Familien aller Schichten übereinanderstapelten, und die Kindersterblichkeit war entsetzlich. Als man im 19. Jahrhundert die Altstadt sanierte, verschwand die Gasse unter der neuen Straße. Eine Gedenktafel erinnert heute an Scott... an genau dem Ort, den er als Baby verlassen musste.
Die Straße trägt den Namen des Mannes aus Bronze: William Chambers, Verleger und in den 1860er Jahren Lord Provost, also Oberbürgermeister von Edinburgh. Mit seinem Bruder Robert gründete er den Verlag W. and R. Chambers, der gute und billige Lektüre für Leute druckte, die sich keine teuren Bücher leisten konnten. Zeitschriften, Lexika, Wörterbücher: Bildung für alle, gedruckt in Edinburgh. Das Chambers-Wörterbuch gibt es bis heute, und britische Kreuzworträtselfans schwören darauf.
Und jetzt das Geheimnis. 1844 erschien anonym ein Buch mit dem Titel Vestiges of the Natural History of Creation. Es behauptete, Sterne, Pflanzen, Tiere und sogar der Mensch hätten sich nach Naturgesetzen entwickelt... fünfzehn Jahre vor Darwins Entstehung der Arten. Ganz Großbritannien rätselte über den Autor, Kirchenleute tobten. Erst nach dem Tod des Verfassers wurde es öffentlich bestätigt: Es war Robert Chambers, der brave Verleger aus Edinburgh.
An dieser Universität studierte übrigens ab 1876 ein junger Mediziner namens Arthur Conan Doyle. Einer seiner Lehrer, der Chirurg Joseph Bell, konnte angeblich an Händen, Kleidung und Gang eines Patienten ablesen, woher er kam und was er arbeitete. Doyle hat später selbst gesagt, dass Bell ihm das Vorbild für Sherlock Holmes lieferte. Geh jetzt die Chambers Street nach Westen bis zur Kreuzung, wo ein kleiner Hund auf einem Sockel auf dich wartet.
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3. Greyfriars Bobby und die Candlemaker Row
Candlemaker Row, Edinburgh EH1 2QQ, UK
Schau auf den kleinen Brunnen an der Ecke: Oben sitzt ein Skye Terrier aus Bronze, struppig und aufmerksam, die Nase blank poliert von unzähligen Händen. Das ist Greyfriars Bobby, wahrscheinlich der berühmteste Hund Schottlands. Hinter dir führt ein Tor zum alten Friedhof von Greyfriars, und neben dir fällt die Candlemaker Row steil hinunter zur Grassmarket. Der Bildhauer der Figur hieß übrigens William Brodie... merk dir diesen Nachnamen, er begegnet dir heute noch einmal, in einer ganz anderen Rolle.
Die Geschichte geht so: 1858 starb John Gray, ein Nachtwächter der Edinburgher Polizei, und wurde auf dem Friedhof begraben. Sein Hund Bobby soll danach vierzehn Jahre lang bei seinem Grab geblieben sein, bei Wind und Regen, und nur zum Fressen in ein nahes Lokal gelaufen sein. Als 1867 eine Hundesteuer eingeführt wurde, drohte dem herrenlosen Tier das Ende. Da zahlte der Lord Provost die Lizenz und schenkte ihm ein Halsband... ja, genau, William Chambers, der Herr aus Bronze von eben.
Bobby starb 1872, und schon ein Jahr später ließ die reiche Philanthropin Angela Burdett-Coutts diesen Brunnen mit seiner Figur aufstellen. Zur Literatur wurde er erst später: 1912 erschien in Amerika ein Roman über ihn von Eleanor Atkinson, und 1961 machte Disney daraus einen Film. Ein Hund, eine Legende, ein Buch, ein Film... so funktioniert diese Stadt. Hier werden Geschichten zu Denkmälern und Denkmäler wieder zu Geschichten.
Allerdings sind manche Historiker skeptisch. Sie vermuten, dass Friedhofswärter und Wirte von der rührenden Erzählung gut lebten, und einer von ihnen hat sogar die These aufgestellt, der erste Bobby sei irgendwann heimlich durch einen jüngeren Hund ersetzt worden. Beweisen lässt sich das nicht. Und ganz ehrlich: Würdest du es überhaupt glauben wollen?
Noch eine Bitte: Reib ihm nicht die Nase. Das ständige Reiben trägt die Bronze ab, und die Stadt musste die Figur schon restaurieren lassen. Bobbys eigener kleiner Grabstein liegt übrigens gleich hinter dem Friedhofstor. Geh jetzt die George IV Bridge ein Stück nach Norden, dorthin, wo sich zwei große Bibliotheken gegenüberstehen.
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4. George IV Bridge: National Library und Central Library
National Library of Scotland, George IV Bridge, Edinburgh EH1 1EW, UK
Links und rechts der Straße stehen sich zwei Bibliotheken gegenüber wie zwei alte Gelehrte, die seit Jahrzehnten miteinander diskutieren: auf der einen Seite die strenge, moderne Fassade der National Library of Scotland mit ihren Reliefs, auf der anderen die verspielte, verzierte Central Library. Und du stehst auf einer Brücke, auch wenn du es kaum merkst.
Die George IV Bridge wurde in den 1830er Jahren über das tiefe Tal der Cowgate gebaut. Die Nationalbibliothek nutzt das aus: Unter deinen Füßen reichen ihre Magazine Stockwerk um Stockwerk hinab, beinahe bis auf die Höhe der alten Gasse darunter. Der Bau begann Ende der Dreißigerjahre, wurde vom Krieg unterbrochen und erst 1956 eröffnet.
Ihr Herz ist aber viel älter: die Bibliothek der Advocates, der Edinburgher Anwälte, gegründet 1689. Seit 1710 erhielt sie, wie Oxford und Cambridge, ein Exemplar jedes in Großbritannien gedruckten Buches. 1752 wurde David Hume ihr Bibliothekar, ein Philosoph, dem man wegen seines angeblichen Unglaubens die Professur verweigert hatte. Zwischen diesen Büchern schrieb er seine große Geschichte Englands, die ihn zu Lebzeiten berühmter machte als seine Philosophie. 1925 schenkten die Anwälte ihre Sammlung der Nation.
Die Nationalbibliothek besitzt auch einen Brief, der einem die Kehle zuschnürt: das letzte Schreiben Maria Stuarts, verfasst in den frühen Morgenstunden des 8. Februar 1587, wenige Stunden vor ihrer Hinrichtung. Sie schreibt an ihren Schwager, den König von Frankreich, und bittet ihn, für ihre Diener zu sorgen. Ganz ruhig. Fast höflich.
Gegenüber steht ein Geschenk von Andrew Carnegie, dem schottischen Auswanderer, der in Amerika mit Stahl reich wurde: die Central Library, 1890 eröffnet, Edinburghs erste große öffentliche Bibliothek für jedermann. Carnegie hatte als armer Junge in Amerika selbst keine Bücher kaufen können, bis ein Gönner seine Privatbibliothek für arbeitende Jungen öffnete, und das vergaß er nie. Über dem Eingang steht ein Motto: Let there be light. Gleich neben ihr zweigt die geschwungene Victoria Street ab. Lass dich von ihr hinunterziehen, bis ganz nach unten, wo sie in den West Bow übergeht.
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5. Victoria Street und West Bow
West Bow, Edinburgh EH1 2HH, UK
Hier unten, wo die Victoria Street in den West Bow übergeht, dreh dich um und schau hinauf: bunte Ladenfronten in Rot, Blau und Gelb, darüber eine Terrasse, die wie ein Balkon über der Straße hängt, und alles in einer eleganten Kurve. Viele Harry-Potter-Fans sind überzeugt, dass hier die Winkelgasse ihr Vorbild hat. Bestätigt ist das nicht... aber man versteht, warum man es glauben will.
Die Straße ist jünger, als sie aussieht. Sie wurde um 1830 angelegt und nach der jungen Prinzessin Victoria benannt, die damals noch gar nicht Königin war. Für den Bau verschwanden ganze Häuserzeilen, und mit ihnen ein Stück mittelalterliches Edinburgh. Vorher führte hier nur der West Bow hinauf, eine enge, gewundene Gasse, durch die sich Karren, Prozessionen und sogar Könige ihren Weg von der Grassmarket hinauf zur Burg bahnten.
Durch diese Gasse zerrte im September 1736 eine wütende Menge den Hauptmann John Porteous. Er hatte bei einer Hinrichtung in die Zuschauer schießen lassen, es gab Tote, und als die Regierung ihn begnadigen wollte, holten ihn die Edinburgher aus dem Gefängnis und hängten ihn unten in der Grassmarket auf. Walter Scott machte daraus 1818 den Auftakt seines Romans The Heart of Midlothian... Literatur aus echtem Zorn.
Im West Bow wohnte auch Major Thomas Weir, ein frommer Mann, den alle für einen Heiligen hielten, bis er 1670 plötzlich die furchtbarsten Verbrechen gestand. Er wurde hingerichtet, und sein Haus galt danach, so erzählt man, über hundert Jahre lang als verflucht. Niemand wollte darin wohnen. Edinburgh hat eine Schwäche für diese doppelten Menschen: außen ehrbar, innen finster. Merk dir das für die nächste Station.
Unten öffnet sich die Grassmarket mit ihren alten Wirtshäusern und dem Blick hinauf zum Burgfelsen. Wir gehen aber nicht hinaus, sondern steigen wieder auf: über die Stufen beim Upper Bow, an der Victoria Terrace vorbei, hinauf zur Lawnmarket, dem obersten Stück der Royal Mile. Es geht steil bergauf. Nimm dir Zeit, die Stufen haben schon Schlimmeres gesehen.
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6. Brodie's Close: Deacon Brodie und Jekyll und Hyde
Brodie's Close, Lawnmarket, Edinburgh EH1 2PS, UK
Schau in die schmale Gasse an der Südseite der Lawnmarket: Brodie's Close, ein dunkler Durchgang unter einem Torbogen. Und schräg gegenüber, an der Ecke zur Bank Street, trägt ein altes Wirtshaus denselben Namen, Deacon Brodie's Tavern. Um diesen Mann kreist eine der berühmtesten Geschichten der Weltliteratur, auch wenn sein Name darin nie vorkommt.
William Brodie war im 18. Jahrhundert ein angesehener Bürger: Kunstschreiner, Deacon, also Vorsteher seiner Handwerkszunft, und Mitglied des Stadtrats. Tagsüber reparierte er Schlösser und Schränke in den besten Häusern der Stadt... und nahm dabei heimlich Wachsabdrücke der Schlüssel. Nachts kam er zurück. Er brauchte das Geld für Glücksspiel, Hahnenkämpfe und zwei heimliche Familien. Jahrelang verdächtigte ihn niemand: Wer würde schon den ehrbaren Herrn Deacon für einen Einbrecher halten?
1788 ging ein Einbruch ins Steueramt schief. Brodie floh bis nach Amsterdam, wurde gefasst und im Oktober 1788 vor dem alten Gefängnis an der Royal Mile gehängt. Die Legende behauptet, er habe den Galgen selbst mitentworfen und unter dem Halstuch einen Stahlkragen getragen, um zu überleben. Ob das stimmt? Edinburgh erzählt es jedenfalls seit über zweihundert Jahren mit Vergnügen.
Jetzt kommt die Literatur. Fast ein Jahrhundert später wuchs ein kränklicher Junge namens Robert Louis Stevenson in Edinburgh auf, und in seinem Kinderzimmer stand ein Schrank, den Brodie gezimmert haben soll. Als junger Mann schrieb Stevenson mit einem Freund ein Theaterstück über ihn, Deacon Brodie, or The Double Life. Und 1886 erschien seine Novelle über Dr. Jekyll und Mr. Hyde: ein Mann, zwei Gesichter. Viele sehen in Brodie das Vorbild, auch wenn Stevenson die Geschichte nach London verlegte.
Gleich nebenan liegt Riddle's Court, wo um 1751 David Hume wohnte, der große Skeptiker, der der Vernunft weniger zutraute als den Leidenschaften. Aufklärung und Doppelleben, keine zwanzig Meter voneinander entfernt: Das ist Edinburgh. Überquer jetzt die Lawnmarket und geh durch den Torbogen von Milne's Court hinunter bis zur Mound Place, wo sich der Blick nach Norden öffnet.
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7. Milne's Court, Mound Place und Ramsay Garden: Das Haus des Dichters
Mound Place, Edinburgh EH1 2LX, UK
Du bist eben durch Milne's Court gekommen, einen der ersten offenen Innenhöfe der Altstadt, um 1690 angelegt, um ein wenig Licht in das Gedränge der hohen Häuser zu bringen. Jetzt stehst du an der Mound Place. Schau nach Westen, zum Ende der Straße: Dort klettert ein Märchenschloss aus hellen Wänden, roten Dächern und Erkern den Hang hinauf. Das ist Ramsay Garden, und in seinem Kern steckt das Haus eines Dichters.
Allan Ramsay kam als junger Bursche aus Leadhills, einem Bergbaudorf im Süden Schottlands, nach Edinburgh und lernte Perückenmacher. Nebenbei schrieb er Gedichte, und zwar in Scots, der Sprache der Leute auf der Straße, während die feinen Herren nach der Union mit England lieber wie Londoner schreiben wollten. Sein Hirtenspiel The Gentle Shepherd von 1725 wurde ein Erfolg, der noch Generationen später gelesen und gespielt wurde.
Ramsay wurde Buchhändler und eröffnete um 1725 eine der ersten Leihbüchereien Britanniens: Man konnte sich Bücher ausleihen, statt sie teuer zu kaufen. Fromme Leute waren entsetzt. Ein Kirchenmann klagte, nun komme jeder Lehrling an leichtfertige Romane und Theaterstücke heran. Für Ramsay war genau das der Punkt: Lesen sollte nicht nur etwas für Reiche sein.
Um 1740 baute er sich hier oben ein achteckiges Haus mit Blick über das Tal. Die Edinburgher fanden, es sehe aus wie eine Gänsepastete, und nannten es The Goose Pie. Ramsay soll sich bei einem Freund darüber beschwert haben, und der antwortete trocken, jetzt, wo er Allan darin sitzen sehe, finde er den Namen sehr passend. Eine Gans in der Pastete... Edinburgher Humor, so erzählt man ihn seit Generationen.
Rund hundertfünfzig Jahre später ließ der Stadtplaner Patrick Geddes rund um das Goose Pie die verspielten Häuser von Ramsay Garden bauen, für Studenten und Professoren, damit die Gebildeten wieder in die verarmte Altstadt zogen. Und Ramsay selbst? Sein kühnstes Abenteuer kommt später noch, ein paar Gassen weiter. Geh jetzt ein paar Schritte nach Osten zur Lady Stair's Close und steig hinauf in einen kleinen gepflasterten Hof voller Inschriften.
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8. Writers' Museum und Makars' Court
Lady Stair's Close, Lawnmarket, Edinburgh EH1 2PA, UK
Unter deinen Füßen stehen Worte. Schau auf die Pflastersteine von Makars' Court: In viele sind Zitate schottischer Dichter gemeißelt, auf Englisch, auf Scots und auf Gälisch, vom Mittelalter bis in unsere Zeit. Und vor dir erhebt sich ein Haus aus dem Jahr 1622 mit Treppenturm, Lady Stair's House, heute das Writers' Museum.
Makar ist das alte schottische Wort für Dichter, wörtlich: der Macher. Ein schönes Wort, oder? Edinburgh hat seit 2002 sogar einen offiziellen Stadtdichter, den Edinburgh Makar, und Schottland hat seit 2004 einen nationalen. Die Sammlung im Pflaster wächst immer weiter, und jeder neue Stein ist in der Stadt ein kleines Ereignis. Kaum eine Stadt nimmt ihre Poeten so ernst... und im selben Jahr 2004 wurde Edinburgh zur allerersten UNESCO-Literaturstadt der Welt.
Drinnen ist das Haus drei Männern gewidmet: Robert Burns, Walter Scott und Robert Louis Stevenson. Burns kam 1786 als gefeierter Bauerndichter in die Stadt und wohnte nur ein paar Schritte von hier in einer engen Kammer, die er sich mit einem Freund teilte. Von Scott wird eine Druckerpresse gezeigt, auf der Teile seiner Romane gedruckt worden sein sollen. Und bei Stevenson steht der Schrank, den Deacon Brodie gezimmert haben soll... der Schrank aus seinem Kinderzimmer.
Stevenson war ein schwaches, oft krankes Kind. Nachts, wenn er vor Husten nicht schlafen konnte, saß sein Kindermädchen Alison Cunningham an seinem Bett und erzählte ihm von verfolgten Predigern, vom Teufel und von Gespenstern. Er hat ihr später seinen Gedichtband A Child's Garden of Verses gewidmet. Er verließ Edinburgh schließlich für immer, auf der Suche nach einem Klima, das seine Lunge ertrug, und starb 1894 auf Samoa, weit weg von diesen kalten Gassen. Man könnte sagen, sie hat ihm das Fürchten beigebracht... und damit das Erzählen.
Gleich nebenan an der Lawnmarket steht Gladstone's Land, ein hohes Kaufmannshaus, das 1617 ein gewisser Thomas Gledstanes kaufte und ausbaute, mit bemalten Holzdecken, die erst Jahrhunderte später wiederentdeckt wurden. So wohnten die Leute, die Burns' Gedichte kauften. Geh jetzt die Royal Mile hinunter, an der Kathedrale vorbei, bis zur Anchor Close auf der linken Seite.
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9. Anchor Close: Die Wiege der Encyclopaedia Britannica
Anchor Close, High Street, Edinburgh EH1 1SE, UK
Diese unscheinbare Gasse, die von der High Street nach Norden abfällt, sieht nach nichts aus: ein Torbogen, ein Schild, ein paar Stufen ins Halbdunkel. Stell dir vor, wie es hier vor zweihundertfünfzig Jahren roch: nach Druckerschwärze, nassem Papier, Talglicht und Bier. Und doch wurde hier im 18. Jahrhundert ein Werk gedruckt, das bis heute fast jeder kennt: die Encyclopaedia Britannica.
In der Anchor Close hatte der Drucker William Smellie seine Werkstatt. Er war ein Universalgelehrter mit Druckerschwärze an den Fingern: Naturforscher, Übersetzer, Spötter und begeisterter Trinker. Der Kupferstecher Andrew Bell und der Drucker Colin Macfarquhar beauftragten ihn mit einem Lexikon, und zwischen 1768 und 1771 erschien es in Heften, am Ende in drei Bänden. Herausgeber laut Titelblatt: eine Gesellschaft von Gentlemen in Schottland. In Wahrheit war diese Gesellschaft vor allem Smellie, der später spottete, er habe das Ganze mit der Schere gemacht.
Manche Einträge sind herrlich knapp. Unter dem Stichwort Woman stand nur: das Weibchen des Mannes, siehe Homo. Dafür bekamen Fächer wie Chirurgie oder Landwirtschaft lange Abhandlungen mit gestochenen Tafeln. Die Bilder zur Geburtshilfe waren so deutlich, dass empörte Leser, so heißt es, die Seiten herausrissen.
1787 kam ein junger Mann aus Ayrshire in diese Druckerei: Robert Burns. Smellie druckte die Edinburgher Ausgabe seiner Gedichte, und Burns saß hier, so erzählt man, auf einem bestimmten Hocker und korrigierte die Fahnen. Die beiden verstanden sich sofort... auch weil Smellie einen geselligen Club gegründet hatte, die Crochallan Fencibles, die sich in einer Taverne in derselben Gasse trafen. Dort sang man Lieder, die man besser nicht drucken ließ.
Burns sammelte diese derben Lieder trotzdem, und nach seinem Tod erschienen sie heimlich als The Merry Muses of Caledonia. Ein Lexikon des gesamten Wissens und ein Buch voller Zoten, beide aus derselben Gasse: Das ist die Edinburgher Aufklärung. Geh jetzt weiter die High Street hinunter, über die Kreuzung bei der Tron Kirk, und bieg dann links in die Carrubber's Close.
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10. Carrubber's Close: Allan Ramsays verbotenes Theater
Carrubber's Close, High Street, Edinburgh EH1 1SX, UK
In der Carrubber's Close wird es still: hohe Mauern, der schlichte Eingang einer alten Kirche, ein paar Stufen hinunter Richtung Jeffrey Street. Kaum jemand bleibt hier stehen. Dabei hat in dieser Gasse ein Mann versucht, Edinburgh das Theater zu schenken, und ist an der Kirche und an einem Gesetz aus London gescheitert.
Du kennst ihn schon: Allan Ramsay, Perückenmacher, Dichter, Buchhändler, der Mann mit der Gänsepastete an der Mound Place. Ramsay liebte das Theater. Sein Gentle Shepherd wurde von Schülern und Liebhabern gespielt, und er träumte von einer richtigen Bühne mit richtigen Schauspielern in seiner eigenen Stadt. Leicht war das nicht: Für die strenge presbyterianische Kirche war das Theater Teufelszeug, und Schauspieler galten als lasterhaft.
1736 wagte er es trotzdem und eröffnete hier in der Carrubber's Close ein Theater. Doch schon 1737 verabschiedete das Parlament in London ein Gesetz, das Theater ohne königliche Lizenz verbot. Ramsays Haus musste schließen, nach kaum einer Saison, und er verlor vermutlich eine Menge Geld. Bald danach zog er sich in sein achteckiges Haus hoch über dem Tal zurück.
Eine bittere Pointe: Die Stadt, die bald einige der klügsten Köpfe Europas beherbergen sollte, tat sich jahrzehntelang schwer mit dem Theater. Als 1756 der Pfarrer John Home sein Drama Douglas in Edinburgh auf die Bühne brachte, gab es einen Sturm in der Kirche, und Home musste sein Pfarramt aufgeben. Der Legende nach rief ein begeisterter Zuschauer bei der Premiere in den Saal, wo denn jetzt euer Shakespeare sei. Heute ist Edinburgh jeden August die größte Theaterbühne der Welt... Ramsay hätte gelacht.
Ramsays Sohn, ebenfalls Allan Ramsay, wurde übrigens einer der besten Porträtmaler seiner Zeit und Hofmaler König Georgs III. Der Vater hatte ihm offenbar beigebracht, genau hinzuschauen. Geh jetzt zurück zur High Street und dann bergab, über die Stelle, an der einst das Stadttor stand, hinein in die Canongate. Es sind gut fünf Minuten, leicht abwärts, bis zu einer schmalen Gasse auf der rechten Seite.
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11. Scottish Poetry Library: Finale in der Stadt der Literatur
5 Crichton's Close, Canongate, Edinburgh EH8 8DT, UK
Am Ende der schmalen Crichton's Close, zwischen alten Mauern, steht ein Haus aus Glas, Holz und Stein, das sich nicht aufdrängt: die Scottish Poetry Library, eine Bibliothek nur für Gedichte. Unterwegs ist dir vor der Canongate Kirk ein junger Mann aus Bronze entgegengekommen, mitten im Schritt. Das war Robert Fergusson, der Dichter, den Robert Burns mehr verehrte als jeden anderen.
Fergusson schrieb in Scots brillante Verse über das Leben in den Gassen von Edinburgh, über Kneipen, Nebel und Rauch, und nannte die Stadt liebevoll Auld Reekie. Er starb 1774 mit nur vierundzwanzig Jahren in einer Anstalt für Geisteskranke. Als Burns 1787 sein Grab auf dem Kirchhof der Canongate fand, ohne jeden Stein, ließ er auf eigene Kosten einen Grabstein setzen. Ein Dichter, der einen anderen vor dem Vergessen rettet.
Die Poetry Library wurde 1984 von der Dichterin Tessa Ransford gegründet, mit einer Handvoll Bücher und der einfachen Idee, dass Gedichte einen eigenen Ort verdienen. 1999 zog sie in dieses Haus. Hier stehen Gedichte in Englisch, in Scots und in Gälisch, den drei Sprachen Schottlands, nebeneinander im selben Regal. Und ein paar Schritte weiter, an der Mauer des schottischen Parlaments, sind Zitate schottischer Autoren in den Stein geschnitten. Diese Stadt schreibt ihre Literatur buchstäblich an die Wände.
2004 hat die UNESCO Edinburgh zur ersten Literaturstadt der Welt ernannt, und wenn du jetzt zurückdenkst, weißt du, warum. Du hast Scotts Elternhaus gesehen, das Geheimnis des Verlegers Chambers, einen Hund, der zum Roman wurde, Humes Bibliothek, Brodies Doppelleben, die Wiege der Britannica und Ramsays verbotenes Theater. Und das alles auf kaum drei Kilometern Altstadt.
Vielleicht nimmst du nur einen Gedanken mit: In Edinburgh sind Geschichten nie bloße Dekoration. Sie haben Häuser gebaut, Straßen benannt und sogar einem Hund ein Denkmal gesetzt. Wenn du magst, setz dich einen Moment in die Stille dieser Bibliothek, schlag irgendein Buch auf... und lies eine Zeile leise für dich. Hier endet unser Spaziergang durch die Stadt der Literatur.