Brüssel : Jugendstil, Horta und die Marolles
Von den pflanzlichen Arabesken Victor Hortas zu den Trödlern und Rebellen des Vossenplein
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1. Das Horta-Museum : Der Tempel der organischen Linie
Rue Américaine 25, 1060 Saint-Gilles, Belgium
Treten Sie auf den Bürgersteig der Rue Américaine vor die elegante Doppelfassade aus hellem Kalkstein und geschmiedetem Eisen des Horta-Museums in Brüssel, wo der Altmeister des Jugendstils von achtzehnhundertachtundneunzig bis neunzehnhundertneunzehn lebte und arbeitete. Betrachten Sie, wie die gusseisernen Balkongeländer wie lebendige Schlingpflanzen über den Werkstein ranken und radikal mit der starren Symmetrie der damaligen Neorenaissance brechen. Jedes architektonische Detail atmet den Geist einer neuen Ära, in der Natur und Baukunst zu einer untrennbaren Einheit verschmelzen, die den Beginn der modernen europäischen Architektur markiert und Brüssel zu einer europäischen Hochburg der modernen Baukunst erhob.
Der Brüsseler Jugendstil entstand in den achtzehnhundertneunziger Jahren, beflügelt durch den enormen wirtschaftlichen Reichtum Belgiens und die Meisterschaft der wallonischen Stahlwerker. Victor Horta schaffte die traditionellen, dunklen Zwischenwände der Bürgerhäuser ab und ersetzte sie durch schlanke, sichtbare Gusseisenstützen, die das Tageslicht ungehindert bis tief in das Herz des Gebäudes strömen ließen und das Wohnen revolutionierten und den Bewohnern ein Gefühl von Weite und Freiheit schenkten.
Treten Sie durch die Tür und erleben Sie ein vollendetes Gesamtkunstwerk: Jedes einzelne Element wurde von Horta persönlich gezeichnet, von den wellenförmigen Marmormosaiken des Fußbodens über die geschwungenen Treppenhandläufe aus Eschenholz bis hin zu den Messingheizkörpern und Türklinken, die sich sanft an die Handfläche des Eintretenden schmiegen und die tiefe Liebe des Meisters zum handwerklichen Detail offenbaren.
Das zentrale Treppenhaus wird von einem spektakulären Oberlicht aus Buntglas gekrönt, das goldenes Sonnenlicht hinabfließen lässt. Durch kunstvoll gewinkelte Spiegel auf den Treppenabsätzen vervielfachte Horta die Helligkeit und erzeugte eine Illusion von unendlichem Raum auf einem erstaunlich schmalen städtischen Grundstück, wodurch das Haus zu einem wahren Meisterwerk der räumlichen Illusion und Eleganz wurde.
Gehen Sie die Rue Américaine nach Nordwesten hinauf, biegen Sie rechts auf die Chaussée de Charleroi ab und folgen Sie der Rue Paul Émile Janson zum revolutionären Hôtel Tassel.
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2. Das Hôtel Tassel : Das Manifest des Weltjugendstils
Rue Paul Émile Janson 6, 1000 Bruxelles, Belgium
Blicken Sie auf die feingliedrige Steinfassade des Hôtel Tassel an der Rue Paul Émile Janson Nummer sechs in Brüssel, das mit seinem vorspringenden Erker wie ein zierlicher Schrein zwischen traditionellen Stadthäusern steht. Im Jahre achtzehnhundertdreiundneunzig für den Geometrie-Professor Émile Tassel vollendet, revolutionierte dieses Privathaus die europäische Architektur und gilt in der Kunstgeschichte als die offizielle Geburtsstunde des Jugendstils, die Architekten von Paris bis Wien nachhaltig inspirieren sollte und eine völlig neue Sprache aus Licht, Metall und freien Raumformen in die Architekturwelt brachte.
Vor diesem mutigen Auftrag des damals erst zweiunddreißigjährigen Victor Horta kopierten die Brüsseler Baumeister lediglich vergangene Epochen wie Neogotik oder Neobarock. Horta durchbrach diese Starre, indem er genietete Eisenträger offen an der Außenfassade zeigte und rohes Industriemetall in zarte pflanzliche Ornamente verwandelte, was die zeitgenössischen Passanten in ungläubiges Staunen versetzte und eine Welle künstlerischer Begeisterung in der gesamten belgischen Hauptstadt auslöste, die das Stadtbild des aufstrebenden Brüssels um die Jahrhundertwende tiefgreifend verwandelte.
Im Inneren der Eingangshalle schuf Horta seine weltberühmte Peitschenhieb-Linie, ein dynamisch geschwungenes Arabeskenmotiv, das von Pflanzenstängeln und Meereswellen inspiriert ist. Die Wandmalereien setzen sich nahtlos im schmiedeeisernen Treppengeländer und den Mosaiksteinen des Fußbodens fort, wodurch Tragwerk und Zierde zu einem organischen Organismus verschmelzen.
Professor Tassel war ein leidenschaftlicher Forscher für optische Projektionen. Horta entwarf für ihn ein ausgeklügeltes Zwischengeschosssystem um einen lichten Wintergarten, sodass der Gelehrte seinen Universitätskollegen Diapositive vorführen konnte, während die Gäste im sanften Tageslicht des Innenhofs Tee tranken und die bahnbrechenden Ideen der modernen Naturwissenschaften in inspirierender Runde diskutierten, während die zarten Arabesken der Wandmalereien die Gäste in eine zauberhafte Welt entführten und die Kunstmetropole Brüssel zum strahlenden Vorbild für die gesamte europäische Moderne machten.
Gehen Sie bis zur Kreuzung vor, biegen Sie links auf die prachtvolle Avenue Louise ab und spazieren Sie nordwärts bis zum monumentalen Hôtel Solvay.
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3. Das Hôtel Solvay : Der Palast des Industrie-Mäzens
Avenue Louise 224, 1050 Ixelles, Belgium
Bewundern Sie die vollendete Ausgewogenheit und die majestätischen Rundungen der Werksteinfassade des Hôtel Solvay an der noblen Avenue Louise in Brüssel. Zwischen achtzehnhundertvierundneunzig und neunzehnhundertdrei errichtet, wurde dieser Stadtpalast von Armand Solvay in Auftrag gegeben, dem Erben des weltweiten Solvay-Chemieimperiums. Der kunstsinnige Industrielle gewährte Victor Horta ein unbegrenztes Budget und absolute künstlerische Freiheit, um ein repräsentatives Gesamtkunstwerk ohnegleichen zu schaffen, das den unermesslichen Reichtum der belgischen Belle Époque für alle Zeiten festhielt und den Namen Solvay als Synonym für wissenschaftlichen Pioniergeist und Kulturförderung unsterblich machte und der Nachwelt ein unvergleichliches Zeugnis großbürgerlicher Wohnkultur hinterließ.
Armand Solvays Vater Ernest hatte mit der industriellen Erfindung des Soda-Verfahrens ein gigantisches Vermögen aufgebaut, das die Glas- und Seifenproduktion revolutionierte. Die Familie Solvay wünschte sich eine Residenz, die den unerschütterlichen Glauben an wissenschaftlichen Fortschritt, modernste Technik und die befreiende Kraft der modernen Kunst verkörperte, getragen von einem humanistischen Ideal der Bildung und des Fortschritts, das Wissenschaft und Ästhetik zu einer vollkommenen Lebensharmonie verschmelzen wollte.
Horta wählte für diesen Prachtbau die kostbarsten Materialien der Welt: Dreiundzwanzig verschiedene Sorten seltenen Marmors aus Italien, Griechenland und Nordafrika wurden mit kostbaren Tropenhölzern wie Padauk und Ebenholz kombiniert. Die vergoldeten Messingleuchter erinnern an blühende Orchideen und verbergen raffinierte Lüftungsschlitze für ein modernes Klimasystem, das verbrauchte Luft geräuschlos abführte und im Winter für behagliche, gleichmäßige Wärme sorgte.
Den Treppenaufgang dominiert ein monumentales pointillistisches Meisterwerk des belgischen Malers Théo van Rysselberghe mit dem Titel Die Lesung im Park. Horta stimmte die Farbtöne des algerischen Onyxmarmors und das warme Buntglas des Glasdachs akribisch auf die Pinselstriche des Gemäldes ab, um eine vollkommene Lichtsymbiose zu erzeugen, die das Auge des Betrachters in ein traumhaftes Farbenmeer aus warmen Tönen taucht.
Verlassen Sie die Avenue Louise, biegen Sie westwärts in die Rue Defacqz ein und halten Sie vor der bemalten Fassade der Maison Ciamberlani.
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4. Die Maison Ciamberlani : Der Triumph der Sgraffito-Kunst
Rue Defacqz 48, 1050 Ixelles, Belgium
Bleiben Sie stehen vor der imposanten Fassade der Maison Ciamberlani an der Rue Defacqz Nummer achtundvierzig in Brüssel und blicken Sie hinauf zu den beiden spektakulären Rundbogenfenstern im Obergeschoss. Im Jahre achtzehnhundertsiebenundneunzig von dem genialen Architekten Paul Hankar für seinen Freund, den symbolistischen Maler Albert Ciamberlani, erbaut, vertritt dieses Meisterwerk eine geometrische, farbenfrohe Spielart des Jugendstils mit deutlichen Einflüssen japanischer Holzschnitte, die dem Gebäude eine fast tempelartige Erhabenheit und zeitlose Modernität verleihen und das bürgerliche Wohnhaus in einen strahlenden Musentempel des Jugendstils verwandelten.
Während Victor Horta weiche, pflanzliche Eisenlinien bevorzugte, entwickelte Paul Hankar einen konstruktiveren Stil, der auf sichtbaren Backstein, kräftige Holzkonsolen und farbige Putzflächen setzte. Hankar forderte leidenschaftlich, dass die Fassaden der Stadt ein offenes Freilichtmuseum für alle Bürger bilden sollten, um Kunst und Alltag harmonisch zu verbinden und die Kunst aus den elitären Salons direkt zu den arbeitenden Menschen auf die Straße zu holen.
Bewundern Sie den riesigen goldenen Sgraffito-Fries, der das oberste Stockwerk überzieht und von dem Dekorateur Adolphe Crespin nach Entwürfen Ciamberlanis ausgeführt wurde. Beim Sgraffito wird feuchter Putz kunstvoll in Schichten aufgetragen und eingeritzt, um mythologische Szenen wie die Heldentaten des Herkules und die Allegorien der Lebensalter in leuchtenden Ockertönen darzustellen, ausgeführt mit einer Meisterschaft, die in ganz Westeuropa ohne Vergleich geblieben ist.
Die beiden monumentalen hufeisenförmigen Atelierfenster messen mehrere Meter im Durchmesser und wurden so berechnet, dass sie das Maleratelier im Obergeschoss mit blendfreiem, gleichmäßigem Nordlicht fluteten, wodurch Ciamberlani optimale Arbeitsbedingungen für seine großformatigen Leinwände vorfand, um seine monumentalen allegorischen Bildwerke mit größter Präzision vollenden zu können, umgeben von kostbaren japanischen Paravents und antiken Kunstgegenständen, die dem Atelier die Aura eines geheimnisvollen Zauberschlosses verliehen.
Folgen Sie der Rue Defacqz weiter nach Westen, überqueren Sie die Chaussée de Charleroi und wandern Sie zur belebten Place Stéphanie.
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5. Die Place Stéphanie : Die Schwelle der Prachtboulevards
Place Stéphanie 1, 1050 Ixelles, Belgium
Legen Sie eine kurze Pause ein auf der belebten Place Stéphanie in Brüssel, wo die elegante Avenue Louise auf die aristokratischen Boulevards der Oberstadt trifft. Benannt im Jahre achtzehnhundertfünfundsiebzig nach Prinzessin Stephanie von Belgien, der Tochter von König Leopold dem Zweiten und späteren Gemahlin des österreichischen Kronprinzen Rudolf, bildete dieser Platz das glanzvolle Entree für Ausfahrten der feinen Gesellschaft in den Stadtwald Bois de la Cambre, wo die Aristokratie unter schattigen Buchenkronen flanierte und sich zur Schau stellte, während Musikkorps in den Pavillons aufspielten und der Duft von gerösteten Kastanien durch die Alleen zog und das vornehme Brüssel seine glanzvollen Sonntagsspaziergänge zelebrierte.
Im späten neunzehnten Jahrhundert war dieser Verkehrsknotenpunkt der eleganteste Treffpunkt Brüssels. Hochrädrige Kutschen und offene Landauer paradierten an den exklusiven Boutiquen der Pariser Modistinnen, Juweliere und Reitausstatter vorbei, während die Bürger in vornehmen Kaffeehäusern bei feinsten Pralinen die neuesten Hofnachrichten debattierten und die aufstrebende Metropole Brüssel als zweites Paris gefeiert wurde.
Lauschen Sie dem charakteristischen Quietschen der gelben Straßenbahnen auf den Schienen: Brüssel gehörte zu den ersten Hauptstädten Europas, die ihr Straßenbahnnetz bereits achtzehnhundertvierundneunzig elektrifizierten, um die aufstrebenden Villenvororte von Ixelles rasch mit den Bankenpalästen und Ministerien des Zentrums zu verbinden, was der wirtschaftlichen Dynamik der gesamten Region einen gewaltigen Schub verlieh.
Blicken Sie nach Nordwesten, wo sich über den Dächern die kolossale Kuppel des Justizpalastes abzeichnet. Dieser steinerne Gigant markiert die geologische und soziale Grenze zwischen der wohlhabenden Oberstadt und dem volkstümlichen Handwerkerviertel der Marolles, das sich tief in der Senke ausbreitet und mit seinen engen Gassen eine ganz eigene Welt der Tradition und des Widerstands bewahrt, die sich mutig gegen jede Vereinheitlichung und Enteignung zur Wehr setzte.
Folgen Sie der Rue de la Régence nach Nordwesten, passieren Sie die Ministerien und treten Sie auf den windigen Vorplatz des Justizpalastes an der Place Poelaert.
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6. Der Justizpalast und die Place Poelaert : Das Gebirge des Gesetzes
Place Poelaert 1, 1000 Bruxelles, Belgium
Blicken Sie voller Ehrfurcht empor zu den gigantischen Säulenkolonnaden, den zyklopischen Quadersteinen und der goldenen Kuppel des Justizpalastes von Brüssel an der Place Poelaert. Erbaut zwischen achtzehnhundertsechsundsechzig und achtzehnhundertdreiundachtzig nach Entwürfen des genialen Architekten Joseph Poelaert, übertrifft dieses steinerne Monument an Grundfläche den Petersdom in Rom und war das größte im neunzehnten Jahrhundert in Europa errichtete Gebäude aus Haustein, ein unübersehbares Machtsymbol der jungen und stolzen belgischen Nation, das selbst aus der Ferne wie ein thronender Olymp der Gerechtigkeit über der Hauptstadt ragt.
Poelaert platzierte seinen Koloss bewusst auf dem Galgenberg, dem alten Hinrichtungsplatz der Stadt, wo seit dem dreizehnten Jahrhundert Verurteilte öffentlich geköpft und aufgehängt wurden. Der Palast umfasst unglaubliche sechsundzwanzigtausend Quadratmeter Grundfläche mit acht Innenhöfen, siebenundzwanzig großen Verhandlungssälen und einer Wandelhalle, deren Kuppel einhundertvier Meter hoch aufragt, in der die Schritte der Richter und Anwälte wie in einer antiken Totenstadt widerhallen.
Doch dieser gigantische Monumentalbau forderte einen grausamen sozialen Preis von den kleinen Leuten Brüssels. Um Platz für das Fundament zu schaffen, ließ die Regierung Hunderte winzige Wohnhäuser im Arbeiterviertel der Marolles rücksichtslos abreißen und vertrieb tausende mittellose Familien. Aus diesem Trauma entstand die berüchtigtste Beschimpfung des Brüsseler Dialekts: Schieven Architek, schiefer Architekt, mit der man Poelaert bis heute schmäht, wenn man im Brüsseler Dialekt über eigensinnige Baumeister und die Arroganz der Mächtigen spottet.
Poelaert selbst rieb sich auf der Riesenbaustelle körperlich und geistig völlig auf. Er verfiel in Wahnvorstellungen und verstarb achtzehnhundertneunundsiebzig, vier Jahre vor der Einweihung. Die Volkssage der Marolles behauptet gar, alte Hexen des Viertels hätten den Baumeister verflucht, um die Zerstörung ihrer Heimat zu rächen und dem Palast ein unheilvolles Schicksal auf ewige Zeiten einzuweben.
Treten Sie an die Aussichtsbrüstung der Place Poelaert, genießen Sie den weiten Panoramablick über die Unterstadt und gehen Sie zum gläsernen Aufzug der Marolles.
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7. Der Aufzug der Marolles : Die Brücke zwischen Arm und Reich
Place Poelaert 1, 1000 Bruxelles, Belgium
Treten Sie auf die luftige Stahlbrücke des Aufzugs der Marolles, der spektakulär über dem Abhang der Poelaert-Terrasse in Brüssel schwebt. Bevor Sie die verglaste Kabine betreten, lassen Sie den Blick über das Häusermeer der belgischen Hauptstadt schweifen: Am fernen Nordhorizont funkeln die silbernen Kugeln des Atomiums im Sonnenlicht, während sich direkt zu Ihren Füßen das rote Ziegeldach-Labyrinth der Marolles ausbreitet, über dem der Duft von geröstetem Kaffee und frischen Spekulatius-Keksen in der Luft liegt und das Stimmengewirr der Händler schon früh am Morgen die Gassen erfüllt.
Über ein Jahrhundert lang bildete eine steile, mühsame Steintreppe, die Rampe des Marolles, den einzigen Fußweg für Wäscherinnen, Schornsteinfeger und Tagelöhner, die früh morgens zur Arbeit in die reiche Oberstadt hinaufsteigen mussten. Im Jahre zweitausendzwei weihte die Region Brüssel diesen kostenlosen gläsernen Schrägaufzug ein, der die beiden einst verfeindeten Stadtviertel barrierefrei miteinander versöhnte und den Bürgern der Unterstadt einen schnellen und würdevollen Zugang zur Stadtspitze eröffnete.
Während der zwanzig Meter tiefen Lautlosfahrt im gläsernen Lift erleben Sie den abruptesten sozialen Übergang der Stadt: Sie verlassen die feierlichen Marmorsäle der Justiz und betreten binnen weniger Sekunden das Herz des lebendigsten, frechsten und herzlichsten Arbeiterviertels Belgiens, in dem das Leben noch unverfälscht auf den Straßen und vor den Haustüren pulsiert.
Die Bewohner der Marolles bewahren bis heute ihren eigenen Dialekt, das Marollien, eine urige Mischung aus Brabanter Flämisch, volkstümlichem Französisch und alten spanischen Ausdrücken aus der Zeit der Habsburger. Hier zelebriert man die Zwanze, einen warmherzigen Selbsthumor, der die Eitelkeiten der Obrigkeit in den Schankstuben genüsslich aufs Korn nimmt und mit schlagfertigem Witz jedem noch so hochmütigen Politiker den Spiegel vorhält.
Treten Sie unten an der Rue de l'Épée aus dem Lift, wenden Sie sich nach links in die Rue Blaes und schlendern Sie zum Trödelmarkt auf der Place du Jeu de Balle.
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8. Die Place du Jeu de Balle : Das tägliche Paradies der Trödler
Place du Jeu de Balle 1, 1000 Bruxelles, Belgium
Betreten Sie das weite Kopfsteinpflaster-Rechteck der Place du Jeu de Balle, dem pulsierenden Herzen der Brüsseler Marolles, und lassen Sie sich von dem bunten Stimmengewirr des Vieux Marché verzaubern. An jedem einzelnen Tag des Jahres, egal ob bei strahlendem Sonnenschein, strömendem Regen oder Schneegestöber, breiten Hunderte von Händlern ihre Decken und Holzkisten auf dem Boden aus und bieten Trödel, antike Uhren, alte Schallplatten und vergessene Familienerbstücke feil, sodass jeder Spaziergang über den Platz zu einer abenteuerlichen Schatzsuche wird, bei der man mit etwas Glück kostbares Brüsseler Porzellan oder alte Stiche für wenig Geld entdecken kann.
Der Platz wurde achtzehnhundertdreiundfünfzig von Joseph Poelaert für das populäre Ballspiel Balle pelote angelegt, bei dem flämische Arbeiter einen kleinen Lederball mit der bloßen Handfläche über die Plätze schlugen. Im Jahre achtzehnhundertdreiundsiebzig verlegte die Stadtverwaltung den alten Lumpen- und Alteisenmarkt hierher, woraus der berühmteste Flohmarkt Belgiens entstand, von den Einheimischen liebevoll Vossenplein genannt, der als Inbegriff der bodenständigen Brüsseler Volksseele gilt und jeden Tag aufs Neue die bunte Vielfalt der Brüsseler Bevölkerung feiert.
Comic-Liebhaber auf der ganzen Welt kennen diesen Schauplatz genau: Genau hier, auf den Pflastersteinen des Vossenplein, lässt Hergé seinen berühmten Reporter Tim das Modell des Dreimasters Einhorn im Album Das Geheimnis der Einhorn aus dem Jahre neunzehnhundertdreiundvierzig für ein paar Francs erstehen, womit der Platz weltberühmt wurde und Generationen von Lesern den Zauber dieses Trödelmarktes nahebrachte.
Rings um den Marktplatz laden urige Traditionskneipen wie Chez Richard oder Le Brocanteur zum Verweilen ein. Hier sitzen Trödler, Künstler und Nachbarn schon im Morgengrauen bei einem dampfenden Kaffee, einem Glas Geuze oder einem belegten Brötchen mit weißem Brüsseler Frischkäse, dem Plattekeis, beisammen, begleitet von den schmetternden Klängen flämischer Akkordeonmusik und lautem Gelächter.
Gehen Sie zur Ostecke des Platzes, biegen Sie in die Rue Blaes ein und treten Sie vor das Backsteintor der denkmalgeschützten Cité Hellemans.
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9. Die Cité Hellemans : Das soziale Vorbild des Jugendstils
Rue Blaes 160, 1000 Bruxelles, Belgium
Schreiten Sie durch den hohen gemauerten Torbogen an der Rue Blaes in die überraschend stillen, begrünten Gassen der Cité Hellemans in Brüssel, wo farbenfrohe Backsteingiebel in rotem und gelbem Klinker in den Himmel ragen. Zwischen neunzehnhundertfünf und neunzehnhundertfünfzehn von dem Stadtarchitekten Émile Hellemans erbaut, gilt diese vorbildliche Arbeitersiedlung als eines der frühesten und ambitioniertesten Projekte des modernen, hygienischen Sozialwohnungsbaus in Europa, das den bedürftigen Arbeiterfamilien erstmals ein gesundes und würdiges Zuhause schenkte und als leuchtendes Vorbild für Stadtplaner in ganz Europa und darüber hinaus gefeiert wurde.
Im neunzehnten Jahrhundert litten die Marolles unter unvorstellbarer Armut, Überbevölkerung und verheerenden Choleraepidemien. Ganze Großfamilien hausten in stockdunklen Sackgassen ohne Fenster, Belüftung oder sauberes Trinkwasser. Der Brüsseler Stadtrat beauftragte Hellemans damit, diese Elendsquartiere abzureißen und durch lichtdurchflutete, gesunde Wohnungen für Fabrikarbeiter zu ersetzen, um Seuchenherde endgültig auszulöschen und das soziale Elend der Industriestadt zu lindern.
Anstatt freudlose Mietskasernen zu errichten, bereicherte Hellemans die Siedlung mit den Zierformen des Jugendstils. Er gliederte die Fassaden mit glasierten Ziegelbändern, zierlichen Schmiedeeisenbalkonen und weiten Bogenfenstern, während jede Wohnung über eine eigene Querlüftung und einen privaten Sanitärbereich verfügte, was für die damalige Zeit eine sensationelle Neuerung darstellte, die den Lebensstandard der kleinen Leute über Nacht auf ein ungeahntes Niveau hob.
Die verkehrsberuhigten Innenwege der Siedlung tragen liebevolle Vogelnamen wie Rue des Hirondelles oder Rue des Moineaux. Diese Planung schuf einen geschützten Raum, in dem Kinder sicher spielen konnten und Nachbarn auf den Schwellen Neuigkeiten austauschten, wodurch der legendäre Gemeinschaftssinn der Marolles gestärkt wurde, der die Marolles bis zum heutigen Tage als unverwechselbares Gemeinschaftsviertel prägt, in dem Solidarität und gegenseitige Hilfe keine leeren Worte, sondern gelebter Alltag sind.
Treten Sie durch den hinteren Durchgang auf die historische Rue Haute hinaus, wenden Sie sich nach links und gehen Sie zur Hausnummer einhundertzweiunddreißig.
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10. Die Rue Haute und das Bruegel-Haus : Die Lebensader der Jahrhunderte
Rue Haute 132, 1000 Bruxelles, Belgium
Spazieren Sie über das geschäftige Pflaster der Rue Haute in Brüssel und halten Sie vor dem malerischen Treppengiebel mit den Steinkreuzfenstern bei der Hausnummer einhundertzweiunddreißig. Der festen Überlieferung der Brüsseler Bürger nach war dieses stolze Bürgerhaus aus dem sechzehnten Jahrhundert das Wohnhaus und letzte Atelier des Malers Pieter Bruegel der Ältere, der hier bis zu seinem Tode im Jahre fünfzehnhundertneunundsechzig seine berühmtesten Werke schuf, die das Alltagsleben der einfachen Leute mit unvergleichlicher Tiefe und Menschlichkeit porträtierten und bis heute das Herz jedes Kunstliebhabers tief berühren.
Die Rue Haute ist die älteste befahrbare Straße von Brüssel: Sie folgt der Trasse einer antiken Römerstraße, die einst die Römerstadt Bavay mit Köln am Rhein verband. Da sie auf einem trockenen Sandrücken hoch über den unpassierbaren Sümpfen des Flusses Senne verlief, bildete sie bereits im frühen Mittelalter die zentrale Achse für Händler, Pilger und Handwerker, die ihre Waren sicher vor Überschwemmungen in die blühende Handelsstadt transportieren konnten.
In der Rue Haute lebte Bruegel mitten unter den Menschen, die er in seinen Bildern verewigte. Zeitgenossen berichten, dass sich der Maler oft im Gewand eines einfachen Bauern unter ländliche Hochzeitsgesellschaften und Wirtshauskirmessen mischte, um die Gesichter der Zecher, Dudelsackspieler und Tänzer in seinen Skizzenbüchern naturgetreu festzuhalten, um die pure Wahrheit des Lebens auf Leinwand und Holztafel zu bannen.
Heute ist die Rue Haute die lebendigste Antiquitäten- und Künstlermeile von Brüssel. Zwischen urigen Trödlern, Galerien für zeitgenössische Kunst und Buchhandlungen finden sich gemütliche Estaminets, in denen man noch heute Blutwurst, Trockenwürste und die herben Lambic-Biere der Senne-Region nach alter Väter Sitte genießt und bei einem Krug Bier die jahrhundertealte Seele von Brüssel in vollen Zügen einatmet.
Folgen Sie der Rue Haute weiter nach Nordosten, biegen Sie rechts in die Rue Joseph Stevens ein und steigen Sie zum Grand Sablon hinauf.
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11. Der Grand Sablon : Die aristokratische Hochburg der Chocolatiers
Place du Grand Sablon 1, 1000 Bruxelles, Belgium
Betreten Sie den weiten, sanft ansteigenden Dreiecksplatz des Grand Sablon in Brüssel, wo der verlockende Duft von feinstem Kakao, frischem Espresso und belgischen Waffeln in der Luft liegt und das Stimmengewirr der Händler schon früh am Morgen die Gassen erfüllt. Gesäumt von herrschaftlichen Stadtpalais des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts mit ihren Mansarddächern, gilt dieser Platz als das vornehmste Freiluft-Wohnzimmer Brüssels, weltbekannt für renommierte Kunstgalerien und die Spitzenklasse der belgischen Schokoladenmacher, deren Schaufenster wie kostbare Juwelierläden das Auge jedes Wanderers verführen und Brüssel den unbestrittenen Ruf als Schokoladenhauptstadt der Welt sichern.
Der Name Sablon leitet sich vom französischen Wort für Sand ab und erinnert an die Zeit, als dieser Hügel außerhalb der ersten Stadtmauer nur eine öde Sanddüne war. Im dreizehnten Jahrhundert schenkte Herzog Heinrich der Erste von Brabant das Gelände der Schützengilde der Armbrustschützen, die hier ihren Schießplatz einrichteten und das Areal in ein Festgelände verwandelten, auf dem spektakuläre Ritterturniere und Armbrustwettkämpfe vor großem Publikum stattfanden.
Inmitten des Platzes sprudelt der Minerva-Brunnen aus weißem Marmor, geschaffen siebzehnhunderteinundfünfzig von Jacques Bergé. Er war ein persönliches Geschenk des britischen Adligen Thomas Bruce, Earl of Ailesbury, der vierzig glückliche Jahre im Brüsseler Exil verbrachte und den Bürgern der Stadt aus tiefster Dankbarkeit dieses Kunstwerk hinterließ, das die Göttin der Weisheit als Symbol für Frieden und Wohlstand im Herzen Brüssels ehrt.
Heute ist der Grand Sablon das weltweite Epizentrum für Gourmets und Schokoladenliebhaber. Hier konkurrieren die Flagship-Stores der legendärsten Chocolatiers Belgiens: Pierre Marcolini mit seltenen Kakaobohnen aus Madagaskar und Ecuador, das königliche Traditionshaus Wittamer und Neuhaus, der Erfinder der gefüllten Praline, die belgische Schokolade zu einer weltumspannenden Legende der Genusskultur machten.
Nehmen Sie Platz auf einer sonnigen Terrasse am Grand Sablon, bestellen Sie eine heiße Schokolade mit hausgemachten Trüffeln und feiern Sie die faszinierende Reise durch den Brüsseler Jugendstil, die Volksseele der Marolles und den fürstlichen Zauber dieser Stadt.