Brügge : Belfried, Grachten und Flämische Meister

Von den mittelalterlichen Festungstoren und dem Burgplatz zu den stillen Grachten des Minnewaters

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  1. 1. Die Smedenpoort : Das alte Schmiedetor der Hanse

    Smedenstraat 68, 8000 Brugge, Belgium

    Treten Sie vor die trutzigen Backsteinmauern und die beiden runden Wehrtürme der Smedenpoort, des Schmiedetores, das den westlichen Zugang zur Altstadt von Brügge bewacht. Im Jahre dreizehnhundertneunundneunzig von Baumeister Maarten van Leuven auf den Fundamenten eines älteren Tores neu errichtet, sicherte dieses Festungswerk die Haupthandelsstraße nach Torhout, Ypern und den französischen Grafschaften. Die tiefen Wassergräben und massiven Schießscharten künden noch heute von der ständigen Wachsamkeit der mittelalterlichen Kommune, die sich gegen Angriffe auswärtiger Feinde wirksam zu schützen wusste.

    Schauen Sie über dem inneren Rundbogen genau hin: Dort hängt ein bronzener Totenkopf, der an ein schauriges historisches Ereignis erinnert. Im Jahre sechzehnhunderteinundneunzig versuchte der städtische Schlossermeister François van der Straeten, die Torwächter mit Schlaftrunk zu betäuben und das Tor heimlich französischen Belagerern zu öffnen; er wurde jedoch verraten, wegen Hochverrats enthauptet und sein Kopf zur ewigen Abschreckung hier über dem Torbogen aufgespießt, wo er den Bürgern über Generationen hinweg als ewige Mahnung diente.

    Die Smedenpoort ist eines von lediglich vier erhaltenen Stadttoren der einst mächtigen zweiten Stadtbefestigung von Brügge. Ursprünglich führte eine hölzerne Zugbrücke über den breiten Festungsgraben, die jeden Abend beim Erklingen der städtischen Torschlussglocke hochgezogen wurde, um die schlafende Handelsstadt vor Vagabunden und feindlichen Söldnern zu schützen, während die Torwächter die Schlüssel feierlich dem Bürgermeister übergaben und die Wachen auf den Zinnen der Festungsmauern Stellung bezogen.

    Rings um das Tor siedelten sich einst die Huf- und Waffenschmiede an, die der Pforte ihren Namen gaben. Da ihre Essen eine enorme Brandgefahr für die strohgedeckten Fachwerkhäuser der Stadt darstellten, durften sie ihr feuriges Handwerk nur hier am Stadtrand in unmittelbarer Nähe des Wassers ausüben, wo sie Hufeisen, Rüstungen und Schiffsbeschläge für den blühenden Handel fertigten.

    Wandern Sie durch das Tor stadteinwärts, folgen Sie der Smedenstraat nach Osten und betreten Sie den weiten, modernen Platz 't Zand.

  2. 2. 't Zand und das Concertgebouw : Der Puls der modernen Kultur

    't Zand 1, 8000 Brugge, Belgium

    Treten Sie auf die weitläufige Fläche von 't Zand, dem größten und lebendigsten öffentlichen Platz von Brügge. Wo heute Straßencafés, Wochenmärkte und Kulturveranstaltungen das städtische Leben prägen, verlief im zwölften Jahrhundert der sandige Festungswall der ersten Stadtumwallung. Im neunzehnten Jahrhundert entstand hier der erste Hauptbahnhof der Stadt, der Brügge an das rasch wachsende belgische Eisenbahnnetz anschloss und die Industrielle Revolution nach Flandern brachte und den Aufstieg Brügges zu einem modernen Reiseziel einläutete.

    Am südlichen Ende des Platzes zieht die monumentale, rostrote Fassade des Concertgebouw alle Blicke auf sich. Im Jahre zweitausendzwei vollendet, als Brügge gemeinsam mit Salamanca Kulturhauptstadt Europas war, wurde dieses avantgardistische Konzerthaus von den Architekten Paul Robbrecht und Hilde Daem entworfen und mit achtundsechzigtausend handgefertigten Terrakotta-Kacheln verkleidet, die die traditionelle flämische Ziegelbaukunst modern interpretieren und im wechselnden Sonnenlicht wie eine monumentale Festung der Musik erstrahlen.

    Inmitten des Platzes sprudelt der monumentale Brunnen der Bildhauer Stefaan Depuydt und Livia Canestraro, geschaffen im Jahre neunzehnhundertsechsundachtzig. Seine bronzenen Skulpturengruppen erzählen die bewegte Stadtgeschichte: Ein stolzer Schiffer symbolisiert Brügges einstige Verbindung zum Meer, während die heiligen Patrone und flämischen Krieger an die blutige Sporenschlacht von dreizehnhundertzwei erinnern, in der die flämischen Bürger ihre Freiheit gegen das französische Ritterheer behaupteten und die goldenen Sporen der besiegten Adligen als Trophäen in die Liebfrauenkirche trugen, was Flanderns Identität bis heute prägt.

    Unter dem riesigen Platz verbirgt sich heute ein hochmodernes unterirdisches Tunnelsystem mit Tiefgaragen, das den historischen Stadtkern vom Autoverkehr entlastet und Brügge zu einer der fußgängerfreundlichsten Kulturstädte ganz Europas gemacht hat, in der Fußgänger und Radfahrer den Vorrang genießen und das historische Flair ungestört erlebbar bleibt und Brügge als lebendige Kulturstadt erstrahlt.

    Verlassen Sie den Platz an der nordöstlichen Ecke über die Zuidzandstraat, biegen Sie links in die Moerstraat ein und treten Sie vor die gotische Sint-Jakobskerk.

  3. 3. Die Sint-Jakobskerk : Die Pfarrkirche der Herzöge und Pilger

    Sint-Jakobsstraat 1, 8000 Brugge, Belgium

    Treten Sie vor die imposante spätgotische Backsteinfassade der Sint-Jakobskerk, die sich harmonisch in das stille Gassengewirr der Brügger Altstadt einfügt. Gegründet um das Jahr zwölfhundertvierzig als schlichte Pfarrkirche, wurde dieser Sakralbau im fünfzehnten Jahrhundert unter den burgundischen Herzögen zu einer prachtvollen dreischiffigen Hallenkirche erweitert. Als offizielle Hofkirche der burgundischen Residenz erlebte sie den Glanz der glanzvollsten Hochadelsepoche Flanderns, als Brügge im Mittelpunkt der europäischen Diplomatie und Kultur stand.

    Die Kirche verdankt ihr Patrozinium dem Apostel Jakobus dem Älteren und war über Jahrhunderte hinweg die zentrale Sammelstelle für flämische und nordeuropäische Pilger, die sich auf den mühsamen Jakobsweg nach Santiago de Compostela begaben. Eine spätgotische Statue des Heiligen mit Pilgerhut, Muschel und Reisestab über dem Portal begrüßte die Gläubigen vor ihrem weiten Marsch quer durch Frankreich und Spanien, die auf Gottes Beistand und den Schutz der Engel hofften.

    Betreten Sie das Innere und bestaunen Sie die unvergleichliche Fülle an Kunstschätzen, die der Zerstörungswut der Bilderstürmer wie durch ein Wunder entging. Meisterhafte barocke Chorgestühle, reich intarsierte Beichtstühle und prunkvolle Grabmäler wohlhabender Kaufmannsfamilien wie der spanischen Ferry-Dynastie spiegeln den weltmännischen Geist und Reichtum dieser kosmopolitischen Pfarrei wider, in der Kaufleute aus Spanien, Italien und Flandern gemeinsam die Messe feierten und die schützende Hand des Heiligen Jakobus für ihre gefahrvollen Seereisen nach Übersee erbaten.

    In der Kirche stiftete Herzog Philipp der Gute kostbare Messgewänder und Altäre für die Ritter des Ordens vom Goldenen Vlies. Die Akustik des weiten gotischen Kirchenschiffs trug die polyphonen Klänge flämischer Vokalmusik in den Himmel, die an den Höfen ganz Europas als unübertroffener Maßstab galt und Generationen von Musikern und Komponisten an den Fürstenhöfen ganz Europas nachhaltig inspirierte und weltberühmt machte.

    Gehen Sie die Sint-Jakobsstraat nach Südosten hinab, überqueren Sie die Geldmuntstraat und treten Sie auf das weltberühmte Kopfsteinpflaster des Großen Marktes.

  4. 4. Der Grote Markt und der Belfried : Das Herz der flämischen Freiheit

    Markt 1, 8000 Brugge, Belgium

    Treten Sie in das Herz von Brügge auf den weiten Grote Markt und lassen Sie Ihren Blick hinaufwandern zu dem monumentalen dreiundachtzig Meter hohen Belfried, dem unbestrittenen Wahrzeichen der Stadt. Erbaut ab dem dreizehnten Jahrhundert über den historischen Tuchhallen, verkörpert dieser mächtige Wachturm das selbstbewusste Bürgertum, das den flämischen Grafen die Unabhängigkeit und die städtischen Privilegien abrang. Die achteckige gotische Turmspitze ragt wie eine steinerne Krone über Flandern auf und kündet von der unbezwingbaren Entschlossenheit der Bürger.

    Im Inneren des Belfrieds erklang seit Jahrhunderten die städtische Sturmglocke 'Triumphante', die die Bürger bei Feuersbrunst oder feindlichen Angriffen zu den Waffen rief. Heute beherbergt die Turmstube ein weltberühmtes Glockenspiel mit siebenundvierzig schweren Bronzeglocken, deren kunstvolles Carillon mehrmals wöchentlich traditionelle flämische Choräle und barocke Tänze über die Altstadt erklingen lässt und Besucher aus aller Welt mit seinen klaren, silbernen Tönen verzaubert.

    Inmitten des Marktplatzes steht das Bronzedenkmal der beiden Volkshelden Jan Breydel und Pieter de Coninck, geschaffen achtzehnhundertsiebenundachtzig von Paul De Vigne. Der Fleischer Breydel und der Weber De Coninck führten die Brügger Zünfte im Mai dreizehnhundertzwei während der blutigen Brügger Frühmette gegen die französische Besatzungsmacht und errangen in der legendären Sporenschlacht bei Kortrijk einen historischen Sieg, der das Selbstbewusstsein der flämischen Gilden für alle Zeiten besiegelte und Brügge zur unbestrittenen Vorkämpferin der flämischen Selbstbestimmung im Spätmittelalter erhob.

    Rings um den Platz leuchten die bunten Stufengiebel historischer Zunfthäuser, darunter das Haus Craenenburg, in dem die aufständischen Brügger Bürger im Jahre vierzehnhundertachtundachtzig ihren eigenen Landesherrn, den künftigen römisch-deutschen Kaiser Maximilian von Österreich, wochenlang gefangen hielten, um ihre städtischen Freiheiten zu erzwingen, ein dramatisches Ereignis, das die Macht des Brügger Bürgertums eindrucksvoll unter Beweis stellte und den Herrschern ihre klaren Grenzen aufzeigte.

    Verlassen Sie den Markt an der östlichen Ecke über die Breidelstraat und treten Sie auf den ehrwürdigen Burgplatz.

  5. 5. Der Burgplatz und das Rathaus : Die Wiege der Verwaltung

    Burg 12, 8000 Brugge, Belgium

    Stellen Sie sich in die Mitte des geschichtsträchtigen Burgplatzes von Brügge, der ältesten Keimzelle der gesamten Stadt. Bereits im neunten Jahrhundert errichtete Graf Balduin mit dem eisernen Arm an dieser Stelle eine befestigte Wallburg gegen die verheerenden Raubzüge der Wikinger. Aus dieser hölzernen Fluchtburg entwickelte sich das administrative Herz Flanderns, an dem sich heute gotische, Renaissance- und barocke Prachtbauten in vollendeter Harmonie aneinanderreihen und die Geschichte der Stadt wie in einem offenen Architekturbuch erzählen.

    An der Südseite des Platzes erstrahlt das gotische Stadhuis, das Rathaus von Brügge, vollendet im Jahre dreizehnhundertsechsundsiebzig. Es ist das älteste monumentale Rathaus im gesamten niederländischen Kulturraum und diente als direktes architektonisches Vorbild für die Rathäuser von Brüssel, Gent und Löwen. Seine filigrane Fassade ist mit kunstvollen Nischen und Statuen der biblischen Propheten und flämischen Grafen reich geschmückt, die dem Betrachter die reiche Vergangenheit Flanderns vor Augen führen.

    In der rechten Ecke des Platzes birgt die Heilig-Blut-Basilika eine der heiligsten Reliquien der Christenheit: eine Phiole mit geronnenem Blut Christi, die der Kreuzfahrer Thierry von Elsass im zwölften Jahrhundert aus Jerusalem nach Brügge gebracht haben soll. Jedes Jahr an Christi Himmelfahrt tragen die Bürger die Reliquie während der prächtigen Heilig-Blut-Prozession durch die festlich geschmückten Gassen der Stadt, ein feierlicher Höhepunkt des religiösen Lebens, der zum immateriellen Weltkulturerbe der UNESCO gehört und Besucher aus allen Erdteilen in andächtiges Staunen versetzt.

    Betrachten Sie neben dem Rathaus den prunkvollen Justizpalast Oude Griffie mit seinen vergoldeten Figuren der Gerechtigkeit aus dem sechzehnten Jahrhundert. Hier befand sich einst die städtische Kanzlei, in der Schreiber mit Gänsekielen die Gesetze und Privilegien der wohlhabenden Handelsmetropole für die Ewigkeit festhielten und die Verwaltung der reichen Handelsmetropole mit größter Sorgfalt führten.

    Gehen Sie durch die malerische Bogengasse der Blinde Ezelstraat zum Fischmarkt und biegen Sie rechts auf den berühmten Rozenhoedkaai ab.

  6. 6. Der Rozenhoedkaai : Das Postkartenpanorama von Brügge

    Rozenhoedkaai 1, 8000 Brugge, Belgium

    Treten Sie an die steinerne Ufermauer des Rozenhoedkaai, des Rosenkranzkais, und lassen Sie sich von dem berühmtesten und meistfotografierten Panoramablick von ganz Belgien verzaubern. An diesem Punkt vereinigen sich die Grachten des Groenerei und des Dijver vor einer Kulisse aus spitzen gotischen Ziegelgiebeln, einer tief ins Wasser hängenden alten Trauerweide und dem stolz im Hintergrund emporragenden Belfried. Das Bild fängt den zeitlosen, märchenhaften Zauber von Brügge in vollendeter Reinheit ein und zieht Reisende und Maler seit Generationen magisch an.

    Der malerische Name des Kais geht auf das Spätmittelalter zurück, als Händler an dieser Kanalbiegung Stände betrieben, an denen sie kunstvoll gefertigte Rosenkränze aus Holz, Horn und Knochen an vorbeikommende Pilger verkauften, die auf dem Weg zur Heilig-Blut-Kapelle waren. Der Kai bildete damals eine geschäftige Umschlagstelle für Devotionalien und religiöses Kunsthandwerk, an dem kein Pilger ohne ein Andenken vorübergehen durfte.

    Blicken Sie auf die kleinen Ausflugsboote, die unter der niedrigen Steinbrücke hindurchgleiten und sanfte Wellen an die mittelalterlichen Kaimauern werfen. Die Grachten waren im Mittelalter die lebenswichtigen Adern der Handelsmetropole, auf denen Kähne schwere Fässer mit französischem Wein, flandrisches Tuch und englische Wolle geräuschlos durch die gesamte Stadt transportierten und den Ruf Brügges als reiche Handelsmetropole des Nordens festigten, während die Glocken des nahen Belfrieds Tag für Tag die verlässliche Stunde für Händler und Schiffer schlugen.

    In den Abendstunden, wenn die historische Beleuchtung die Fassaden in ein warmes goldenes Licht taucht und der Nebel geheimnisvoll über dem Wasser aufsteigt, wird verständlich, warum der Dichter Georges Rodenbach Brügge in seinem berühmten Roman Bruges-la-Morte als melancholische, schlafende Traumstadt beschrieb, deren stiller Zauber in den dunklen Wasserspiegelungen ewig weiterlebt und Generationen von Dichtern verzaubert hat.

    Folgen Sie dem Uferweg des Dijver nach Südwesten, biegen Sie links in die schmale Gasse ein und betreten Sie den stillen Innenhof des Groeningemuseums.

  7. 7. Das Groeningemuseum : Die Wiege der altniederländischen Malerei

    Dijver 12, 8000 Brugge, Belgium

    Betreten Sie den ruhigen Skulpturengarten des Groeningemuseums in Brügge, verborgen hinter den historischen Grachten des Dijver. Dieses renommierte Kunstmuseum hütet eine der weltweit hochkarätigsten Sammlungen altniederländischer Malerei und spannt einen faszinierenden Bogen von den revolutionären Primitiven Meistern des fünfzehnten Jahrhunderts bis hin zu den flämischen Expressionisten der Moderne, die Flanderns künstlerische Identität ins zwanzigste Jahrhundert führten.

    Brügge war im Spätmittelalter der Geburtsort einer Revolution in der Kunst: Meister wie Jan van Eyck perfektionierten hier die Technik der Ölmalerei, indem sie Farbpigmente in transparenten Schichten mit Leinöl verrieben. Dadurch gelang ihnen eine bis dahin unerreichte Leuchtkraft, eine naturgetreue Wiedergabe von Lichtreflexen auf Metall und Perlen sowie eine psychologische Tiefe in den Gesichtern der Dargestellten, wodurch die flämischen Meister das Tor zur modernen Malerei des Abendlandes weit aufstießen.

    Zu den unschätzbaren Höhepunkten der Galerie zählt Jan van Eycks berühmte Madonna mit dem Kanonikus van der Paele aus dem Jahre vierzehnhundertsechsunddreißig. Die Detailtreue, mit der Van Eyck den kostbaren Pelzkragen des Stifters, die schimmernde Rüstung des Heiligen Georg und das faltige Gesicht des alten Kanonikus malte, gilt in der Kunstgeschichte als unübertroffener Meilenstein, vor dem Kunstexperten andächtig verweilen, um die mikroskopische Genauigkeit des Meisters zu bewundern, der mit feinsten Eichhörnchenhaarpinseln jede einzelne Haarsträhne und jeden Edelstein wie lebendig auf die Eichentafel zauberte.

    Ein weiterer weltberühmter Schatz ist Gerard Davids monumentales Diptychon Das Urteil des Kambyses von vierzehnhundertachtundneunzig. Das drastische Gemälde der Häutung eines korrupten Richters hing einst im Brügger Rathaussaal, um die städtischen Schöffen unerbittlich an ihre Pflicht zu Ehrlichkeit und unbestechlicher Rechtsprechung zu mahnen, ein eindringliches Zeugnis der moralischen Verantwortung städtischer Richter, die das Recht ohne Ansehen der Person und frei von jeder Bestechung sprechen mussten.

    Verlassen Sie den Museumshof, überqueren Sie die malerische Bonifaciusbrücke und treten Sie vor das Portal der Liebfrauenkirche.

  8. 8. Die Liebfrauenkirche : Michelangelos Madonna und das Erbe Burgunds

    Mariastraat 38, 8000 Brugge, Belgium

    Blicken Sie ehrfürchtig empor zu dem gewaltigen Backsteinturm der Onze-Lieve-Vrouwekerk, der Liebfrauenkirche von Brügge, der sich unglaubliche einhundertfünfzehn Meter hoch in den Himmel reckt. Vollendet im vierzehnten Jahrhundert nach zwei Jahrhunderten unermüdlicher Bauzeit, ist dieser Koloss der zweithöchste Backsteinkirchturm der gesamten Welt nach St. Martin in Landshut und prägt die Silhouette Flanderns schon aus Dutzenden Kilometern Entfernung über das flache Land, ein bautechnisches Wunderwerk mittelalterlicher Ingenieurskunst.

    Die Kirche birgt das kostbarste bildhauerische Juwel der Benelux-Länder: die weltberühmte Brügger Madonna mit Kind, geschaffen um fünfzehnhundertvier aus strahlend weißem Carrara-Marmor von keinem Geringeren als Michelangelo Buonarroti. Es ist die einzige Skulptur des italienischen Renaissance-Genies, die noch zu seinen Lebzeiten Italien verließ, gekauft von den wohlhabenden Brügger Tuchkaufleuten Jan und Alexander Mouscron, die das Kunstwerk per Segelschiff von Florenz über die Nordsee nach Flandern brachten.

    Tief im Chorraum der Kirche ruhen die letzten Herrscher des mächtigen Hauses Burgund in prunkvollen Renaissance-Mausoleen: Herzogin Maria von Burgund, die im Jahre vierzehnhundertzweiundachtzig bei einem tragischen Reitunfall in den Brügger Wäldern starb, und ihr tapferer Vater Karl der Kühne, der vierzehnhundertsiebenundsiebzig vor den Toren von Nancy fiel. Ihre vergoldeten Bronzeliegefiguren auf schwarzem Marmor zeugen von unvergänglicher fürstlicher Majestät, umgeben von Wappenschilden, die an die weitgespannte Herrschaft des Hauses Burgund erinnern, dessen Fürstenhof im fünfzehnten Jahrhundert als der glanzvollste und prunkvollste aller europäischen Herrscherhäuser galt.

    Während der Französischen Revolution und im Zweiten Weltkrieg wurde Michelangelos Madonna zweimal geraubt, von den Bürgern Brügges und alliierten Kunstschutz-Offizieren der Monuments Men jedoch jedes Mal unversehrt aus Salzbergwerken und Geheimverstecken zurückgeholt, damit dieses unschätzbare Meisterwerk für immer in seiner Heimatkirche verbleiben möge, wo sie bis heute Gläubige und Kunstfreunde aus aller Welt tief berührt.

    Treten Sie durch das Westportal hinaus auf die Mariastraat und betreten Sie direkt gegenüber das historische Hospital Sint-Jan.

  9. 9. Das Sint-Janshospitaal : Acht Jahrhunderte Nächstenliebe

    Mariastraat 38, 8000 Brugge, Belgium

    Treten Sie durch das romanische Portal des Sint-Janshospitaal in Brügge und tauchen Sie ein in eine der ältesten erhaltenen Krankenanstalten des europäischen Kontinents. Gegründet in der Mitte des zwölften Jahrhunderts, pflegten Augustiner-Schwestern und Mönche an diesem Ort über achthundert Jahre lang ohne Unterbrechung Kranke, Pilger und mittellose Sterbende, geleitet vom christlichen Gebot der selbstlosen Barmherzigkeit, die jedem Notleidenden ohne Ansehen der Person offenstand.

    Die mittelalterlichen Krankensäle beeindrucken durch ihre gigantischen Eichendachstühle aus dem dreizehnten Jahrhundert, die wie umgedrehte Schiffsrümpfe über den Patientenbetten schwebten. Hier lagen Kranke aller Stände Seite an Seite, erhielten nahrhafte Mahlzeiten, Kräutermedizin und seelischen Trost vor dem Altar der Hospitalkapelle, die direkt in den Krankensaal integriert war.

    In der historischen Spitalkapelle bewahrt das Museum heute sechs weltberühmte Hauptwerke des Malers Hans Memling, der im fünfzehnten Jahrhundert eng mit dem Hospital verbunden war. Das unbestrittene Glanzstück ist der Ursulaschrein von vierzehnhundertneunundachtzig: ein vergoldetes Holzkästchen in Form einer gotischen Kapelle, verziert mit minutiösen Miniaturbildern der Legende der heiligen Ursula, gemalt mit einer derart feinen Pinselführung, dass die Details nur mit der Lupe vollständig erfassbar sind. Dieses Meisterwerk der flämischen Gotik verbindet tiefe Frömmigkeit mit einer meisterhaften Beobachtungsgabe, die in der europäischen Kunstgeschichte ihresgleichen sucht.

    Eine hartnäckige Brügger Legende besagt, Hans Memling sei als verwundeter Söldner nach der Schlacht von Nancy im Sint-Janshospitaal aufgenommen und gesundgepflegt worden und habe seine Meisterwerke aus tiefer Dankbarkeit für die aufopferungsvolle Pflege gestiftet. Auch die historische Spitalapotheke aus dem siebzehnten Jahrhundert ist bis heute intakt geblieben, mit handbeschrifteten Fayencegefäßen und uralten Rezeptbüchern der Klostermedizin, die von der heilkundigen Erfahrung der Ordensschwestern zeugen und die Jahrhunderte unversehrt überdauert haben, um künftigen Generationen von der gelebten Nächstenliebe dieses Hospitals zu künden.

    Gehen Sie die Mariastraat südwärts, biegen Sie rechts in die Katelijnestraat und wandern Sie über das kopfsteingepflasterte Walplein.

  10. 10. Das Walplein und die Brauerei De Halve Maan : Das flüssige Gold

    Walplein 26, 8000 Brugge, Belgium

    Treten Sie auf das kopfsteingepflasterte, von alten Platanen beschattete Walplein in Brügge, wo das Klappern von Pferdehufen der Touristenkutschen widerhallt. Dieser malerische Platz entstand im zwölften Jahrhundert unmittelbar hinter der ersten Stadtmauer und hat seinen ruhigen, fast dörflichen Charakter über die Jahrhunderte hinweg bewahrt. An seiner Südseite dominiert die historische Brauerei De Halve Maan das Bild, die letzte noch im Altstadtkern brauende Familienbrauerei der Stadt.

    Bereits seit dem Jahre fünfzehnhundertsechsundvierzig wird an diesem Standort Bier gebraut. Im Jahre achtzehnhundertsechsundfünfzig übernahm Henri Maes die Brauerei und begründete eine Brauerdynastie, die heute weltberühmte Spezialitäten wie das obergärige Brügger Stadtbier Brugse Zot und das kräftige Starkbier Straffe Hendrik nach überlieferten Familienrezepten herstellt und damit die Tradition der handwerklichen Braukunst mit Stolz fortführt.

    Im Jahre zweitausendsechzehn schrieb die Brauerei weltweite Verkehrs- und Technikgeschichte: Um den Schwerlastverkehr durch die engen mittelalterlichen Gassen der UNESCO-Altstadt vollständig zu stoppen, baute De Halve Maan eine über drei Kilometer lange unterirdische Bierpipeline. Durch diese Rohrleitung fließen täglich tausende Liter frisch gebrautes Bier vom Walplein direkt zur modernen Abfüllanlage im Industriehafen, wodurch über achtzig Prozent des städtischen Lastwagenverkehrs dauerhaft vermieden werden. Diese weltweit einzigartige Bierleitung wurde mit Crowdfunding-Mitteln der Brügger Bürger finanziert, die sich als Belohnung lebenslanges Freibier sicherten.

    Schauen Sie auf die bronzene Skulpturengruppe auf dem Platz: Sie stellt Zeus, Leda und Prometheus dar und wurde von dem Künstler Jef Claerhout geschaffen. Ringsherum laden gemütliche Schankgärten dazu ein, das frische, unfiltrierte Bier direkt am Brauereitor zu verkosten und die unvergleichliche Gemütlichkeit der flämischen Lebensart auf sich wirken zu lassen, während die Pferdekutschen draußen über das Pflaster klappern und das lebendige Treiben des Marktes widerspiegeln und zu einer unvergesslichen Rast einladen.

    Verlassen Sie das Walplein nach Westen durch die schmale Stoofstraat und treten Sie durch das weiße Torhaus in den Beginenhof.

  11. 11. Der Beginenhof Ten Wijngaerde : Das Kloster der weißen Stille

    Begijnhof 30, 8000 Brugge, Belgium

    Schreiten Sie über die steinerne Dreibogenbrücke und durch das weiße barocke Torhaus in den Beginenhof Ten Wijngaerde in Brügge, wo Sie augenblicklich von einer vollkommenen, fast greifbaren Stille umfangen werden. Im Jahre zwölfhundertfünfundvierzig von Margarete von Konstantinopel, der Gräfin von Flandern, gestiftet, bildete dieses von einer Mauer umgebene Areal eine autonome religiöse Frauengemeinschaft mitten in der mittelalterlichen Stadt, geschützt vor den Einflüssen der weltlichen Obrigkeit und den Gefahren der Straße.

    Die Beginen waren fromme Frauen aus dem Bürgertum und Adel, die ein Leben der Ehelosigkeit, des Gebets und der Nächstenliebe führten, ohne jedoch ewige Klostergelübde abzulegen. Sie durften ihr persönliches Eigentum behalten, verdienten ihren Lebensunterhalt durch feine Spitzenklöppelei und Krankenpflege und konnten die Gemeinschaft jederzeit wieder verlassen, um zu heiraten, was den Beginen eine im Mittelalter völlig neuartige Selbstbestimmung ermöglichte.

    Betrachten Sie den weiten, grasbewachsenen Innenhof, auf dem uralte, vom Wind geneigte Pappeln Schatten werfen und im Frühling tausende gelbe Narzissen blühen. Ringsherum reihen sich etwa dreißig schneeweiß gekalkte Grachtenhäuser aus dem sechzehnten bis achtzehnten Jahrhundert aneinander, deren schlichte Eleganz das Ideal von Demut und innerer Einkehr widerspiegelt, die jeden Wanderer sofort in ihren Bann zieht und eine tiefe Ruhe schenkt, die von der jahrhundertealten Gebetstradition der flämischen Frauen kündet.

    Die letzte Brügger Begine verstarb im Jahre neunzehnhundertdreißig. Um die klösterliche Tradition des Ortes nicht verwaisen zu lassen, siedelten sich benediktinische Ordensschwestern im Beginenhof an, die bis heute in ihren traditionellen schwarzen Habitgewändern über den stillen Hof wandeln und mehrmals täglich gregorianische Gesänge in der Kirche anstimmen und das spirituelle Erbe der Gründerzeit mit großer Andacht weitertragen und den Beginenhof als geistliches Refugium im Herzen der geschäftigen Touristenstadt bewahren und den Zauber der Stille lebendig halten.

    Verlassen Sie den Beginenhof durch das südliche Pfortentor am Kanal und treten Sie an das verträumte Ufer des Minnewaters.

  12. 12. Das Minnewater und der Pulverturm : Der See der ewigen Liebe

    Minnewater 1, 8000 Brugge, Belgium

    Beenden Sie Ihren unvergesslichen Rundgang an den ruhigen, baumbestandenen Ufern des Minnewaters in Brügge, dem legendären See der Liebe. Am südlichen Ende der Altstadt gelegen, diente dieses künstlich aufgestaute Wasserbecken im Mittelalter als oberer Speichersee für das gesamte Grachtensystem der Stadt. Hier legten die großen Lastboote und Frachtbarken an, die Waren zwischen Brügge und der benachbarten Handelsstadt Gent transportierten und den Binnenhafen von Brügge mit regem Leben erfüllten.

    Eine rührende Sage erzählt, dass ein schönes Mädchen namens Minna einst vor einer erzwungenen Heirat in die dichten Wälder an diesem See floh, um auf ihren geliebten Krieger Stromberg zu warten. Als dieser sie schließlich fand, starb die erschöpfte Geliebte in seinen Armen; der trauernde Stromberg staute das Wasser des Baches auf, um Minna auf ewig auf dem Grund dieses Sees zu betten, was dem Gewässer seinen Namen gab und den See zu einem unvergänglichen Symbol ewiger Liebe und Treue machte.

    Am Ufer erhebt sich der mächtige runde Poertoren, der Pulverturm von dreizehnhundertachtundneunzig. Erbaut von Jan van Oudenaerde als Bestandteil der südlichen Stadtbefestigung, diente dieser wehrhafte Turm zur Lagerung von Schießpulver und sicherte mit Schleusenanlagen den Wasserstand der gesamten Stadtgrachten, um die Schiffbarkeit der Wasserstraßen auch in trockenen Sommermonaten zu gewährleisten.

    Gleiten Sie mit Ihren Blicken über die schneeweißen Schwäne, die majestätisch über das spiegelglatte Wasser ziehen. Nach einer Stadtverordnung aus dem Jahre vierzehnhundertachtundachtzig ist Brügge verpflichtet, auf ewige Zeiten Schwäne auf den Stadtgewässern zu halten: Kaiser Maximilian bestrafte damit die Bürger, die seinen Schöffen Pieter Lanchals, dessen Wappen einen Schwan trug, grausam hingerichtet hatten, wodurch die eleganten Vögel bis zum heutigen Tage als Brügger Wahrzeichen gelten.

    Ruhen Sie sich auf einer Parkbank am Minnewater aus, beobachten Sie das Glitzern der Sonne auf den Wellen und lassen Sie die unvergleichliche Pracht der flämischen Meister, Zünfte und Kanäle von Brügge noch einmal in Ihrem Herzen nachklingen.