Fourvière und das Vieux Lyon: Von der gallorömischen Metropole Lugdunum zu den Renaissance-Traboules

Von den kaiserlichen Theatern und der Basilika zu den verborgenen Gassen der Altstadt

Lyon · 12 stops · 33 min audio · Generated

  1. 1. Römische Theater von Fourvière und das Antike Odeon

    Rue de l'Antiquaille 6, 69005 Lyon, France

    Treten Sie auf die antiken Steinstufen des großen römischen Theaters von Fourvière und blicken Sie über die gewaltige halbkreisförmige Cavea, die sich harmonisch in den Osthang des Hügels schmiegt. Im Jahr 43 vor Christus durch den römischen Feldherrn Lucius Munatius Plancus unter dem Namen Colonia Copia Claudia Augusta Lugdunum gegründet, stieg dieser strategische Bergsporn rasch zur glanzvollen Hauptstadt der Drei Gallien unter der Pax Romana auf. Das Große Theater, begonnen um das Jahr 15 vor Christus unter Kaiser Augustus und später unter Kaiser Hadrian für zehntausend Zuschauer erweitert, bildet zusammen mit dem benachbarten Odeon ein einzigartiges archäologisches Doppelensemble. Das intimere Odeon bot dreitausend Besuchern Platz und diente musikalischen Darbietungen, Dichterlesungen und philosophischen Streitgesprächen. Von den oberen Sitzreihen aus hellem Kalkstein öffnet sich ein unverstellter Blick über die roten Ziegeldächer der Altstadt bis hin zu den fernen Ebenen des Flusses Rhône. An klaren Vormittagen zeichnen sich am östlichen Horizont die verschneiten Bergketten der französischen Alpen ab, während der Duft von Zypressen und wildem Thymian über die Ausgrabungsstätte weht. Die morgendliche Höhenluft trägt den Geist zweitausendjähriger Stadtgeschichte heran. Die warmen Sonnenstrahlen erhellen das uralte Mauerwerk.

    Bestaunen Sie die prächtigen geometrischen Mosaikböden der Orchestra des Odeons: kostbarer roter Porphyr aus Ägypten, grüner Marmor aus Griechenland und gelber Marmor aus Numidien in Nordafrika bezeugen den unermesslichen Fernhandelsreichtum der gallischen Metropole.

    Jahrhundertelang lagen diese kolossalen Bauten vergessen unter Rebhängen und Obstgärten begraben, bis der französische Archäologe Pierre Wuilleumier 1933 systematische Ausgrabungen begann und die antiken Ruinen wieder ans Tageslicht brachte.

    Achten Sie auf die bemerkenswerte Akustik: jeden Sommer erwacht das antike Amphitheater zu neuem Leben, wenn das renommierte internationale Festival Les Nuits de Fourvière Theaterstücke, Opern und Konzerte unter freiem Sternenhimmel präsentiert.

    Gehen Sie nun nach Norden entlang der Rue Cléberg, um die unterirdische Architektur des Museums Lugdunum zu entdecken.

  2. 2. Lugdunum Museum der gallorömischen Zivilisation

    Rue Cléberg 17, 69005 Lyon, France

    Treten Sie durch das unaufdringliche Eingangsportal in das Lugdunum Museum für gallorömische Zivilisation in der Rue Cléberg ein, ein bahnbrechendes Meisterwerk moderner Museumsarchitektur. Der renommierte französische Architekt Bernard Zehrfuss versenkte das 1975 eröffnete Museumsgebäude vollständig in das Erdreich des Hügels, um das Erscheinungsbild der benachbarten antiken Theaterruinen nicht zu stören. Im Inneren führt eine monumentale schneckenförmige Rampe aus rohem Sichtbeton sanft über fünf Stockwerke hinab, unterbrochen von panoramaartigen Fensterbändern, die den Blick unmittelbar auf die Ausgrabungsstätten freigeben. Die Sammlung zählt zu den bedeutendsten archäologischen Ensembles Europas und wird von der berühmten Tabula Claudiana gekrönt: einer gewaltigen Bronzetafel aus dem Jahr 48 nach Christus, auf welcher die Rede des in Lyon geborenen Kaisers Claudius festgehalten ist, mit der er den gallischen Stammesfürsten das Recht auf den römischen Senatorensitz erstritt. Neben monumentalen Statuen römischer Götter zeigt das Museum fein gearbeitete Grabstelen, farbenfrohe Mosaiken gallischer Jagdszenen und Zeugnisse des alltäglichen Handwerkslebens an den Flüssen Saône und Rhône. Das Zusammenspiel von kühnem Beton und klassischer Antike fasziniert die Sinne. Die Ausstellungsräume strahlen erhabene Ruhe aus. Im weitläufigen Gartenbereich rund um den unterirdischen Museumsbau wachsen mediterrane Pinien, Zypressen und Zistrosen, die an die antike Landschaft des kaiserlichen Galliens erinnern. Besucher genießen hier nach dem Museumsrundgang den freien Blick über die römischen Theater.

    Betrachten Sie die lateinischen Schriftzeichen auf der Tabula Claudiana: die 1528 von einem Tuchmacher zufällig in einem Weinberg entdeckte Bronzetafel bewahrt den authentischen Wortlaut und den Humor des Kaisers Claudius.

    Das Museum birgt auch den rätselhaften Kalender von Coligny, den umfangreichsten erhaltenen Text in gallischer Sprache, der einen komplexen keltischen Lunisolarkalender aus dem zweiten Jahrhundert dokumentiert.

    Beachten Sie den architektonischen Kunstgriff: Zehrfuss gestaltete den spiralförmigen Abstieg bewusst wie den Schnitt durch eine archäologische Grabungsschicht, sodass Besucher körperlich in die Vergangenheit hinabsteigen.

    Wandern Sie nun nordostwärts entlang des Hügelkamms zur stählernen Spitze der Tour Métallique.

  3. 3. Tour Métallique de Fourvière und Fernmeldeturm

    Montée Nicolas de Lange 1, 69005 Lyon, France

    Blicken Sie empor zu den kühnen Stahlfachwerkträgern der Tour Métallique de Fourvière an der Montée Nicolas de Lange, dem weithin sichtbaren Wahrzeichen auf dem höchsten Gipfel Lyons. Errichtet zwischen 1892 und 1894 nach Entwürfen des Architekten Eugène Ruchon und des Ingenieurs Félix Perrin anlässlich der Weltausstellung von Lyon, misst dieser gusseiserne Turm sechsundachtzig Meter Bauhöhe. Da sein Fundament auf fast dreihundert Metern Meereshöhe liegt, übertrifft seine Antennenspitze in absoluter Höhe sogar die Spitze des Pariser Eiffelturms. Von liberalen und republikanischen Bürgern ganz bewusst als weltliches Gegenstück zur benachbarten katholischen Marienbasilika konzipiert, bot der Turm einst einen hydraulischen Aufzug zu einem Panoramarestaurant und einer Himmelssternwarte. Feine Metallverstrebungen kreuzen sich in filigraner Symmetrie, während die Aussichtsplattform früher bis zu vierhundert Gäste gleichzeitig aufnehmen konnte, die den spektakulären Rundblick über das gesamte Lyoner Becken genossen. Seit 1953 dient das stählerne Bauwerk als zentraler Rundfunk- und Fernsehsendemast der gesamten Metropolregion. Seine industrielle geometrische Silhouette bildet einen faszinierenden Kontrast zur historischen Kirchenarchitektur. Im Sonnenlicht glänzt der graue Stahl über den Baumkronen. Bei Nacht erstrahlt der Turm in wechselndem Licht, das bei besonderen Anlässen in den französischen Nationalfarben Blau, Weiß und Rot weit über das Rhônetal leuchtet. Die schlanke Silhouette dient Seefahrern auf den Flüssen seit jeher als verlässlicher Orientierungspunkt.

    Bewundern Sie die statische Eleganz der genieteten Konstruktion: rund dreihundert Tonnen Qualitätsstahl trotzen hier seit über einem Jahrhundert selbst orkanartigen Mistralwinden, die regelmäßig durch das Rhônetal fegen.

    Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 beschlagnahmte die französische Armee den Turm als geheime militärische Funkabhörstation, um feindliche Funksprüche der deutschen Streitkräfte abzufangen.

    Auch wenn die Aussichtsplattform für Besucher geschlossen ist, bleibt der Turm ein leuchtendes Leuchtfeuer für die Lyoner, dessen LED-Scheinwerfer bei Stadtfesten in bunten Farben erstrahlen.

    Gehen Sie nun wenige Schritte südwärts, um den monumentalen Vorplatz der Basilika Fourvière zu betreten.

  4. 4. Basilika Notre-Dame de Fourvière und Aussichtsterrasse

    Place de Fourvière 8, 69005 Lyon, France

    Stellen Sie sich vor die strahlend weiße Kalksteinfassade der Basilika Notre-Dame de Fourvière, der spirituellen Schutzherrin und architektonischen Krone der Stadt Lyon. Nach Plänen des Architekten Pierre Bossan zwischen 1872 und 1896 im prunkvollen neobyzantinischen Stil errichtet, geht der monumentale Kirchenbau auf ein städtisches Gelübde während des Deutsch-Französischen Krieges von 1870 zurück. Vier wehrhafte achteckige Ecktürme verleihen der Basilika das Aussehen einer geistlichen Festung, was ihr im Volksmund den liebevollen Kosenamen des auf dem Rücken liegenden Elefanten einbrachte. Beim Durchschreiten der bronzenen Portale eröffnet sich eine überwältigende Pracht: über zweitausend Quadratmeter schimmernde Goldmosaike bedecken Wände und Gewölbe mit Darstellungen der Marienverehrung und der Bekehrung Galliens. Marmorsäulen aus Carrara, geschnitzte Chorgestühle und kunstvolle Kirchenfenster füllen den Raum mit farbigem Licht, während im Altarraum feine Weihrauchdüfte schweben. Direkt nördlich der Basilika liegt die berühmte Aussichtsterrasse, von der aus der Blick weit über die Presqu'île, die Flussschleifen von Saône und Rhône und bei klarer Fernsicht bis zum schneebedeckten Gipfel des Mont Blanc reicht. Das Licht der Kerzen verzaubert das Kirchenschiff. Die Erhabenheit des Ortes berührt jedes Herz. Unter den kunstvoll geschnitzten Eichenholzbänken des Kirchenschiffs liegen historische Grabplatten bedeutender Erzbischöfe, die die wechselvolle Kirchengeschichte Lyons über Jahrhunderte prägten.

    Blicken Sie zur vergoldeten Marienstatue auf dem Glockenturm empor: ihre feierliche Einweihung am 8. Dezember 1852 begründete das weltberühmte Lichterfest Fête des Lumières, bei dem alle Lyoner Kerzen in ihre Fenster stellen.

    Das Gotteshaus besteht aus zwei übereinanderliegenden Kirchen: unter der lichterfüllten goldenen Oberkirche liegt eine mystisch gedämpfte Krypta, die dem heiligen Josef geweiht ist und den irdischen Lebensweg symbolisiert.

    Treten Sie an die steinerne Brüstung der Aussichtsterrasse: mit einem Fernglas lässt sich der Zusammenfluss der beiden Ströme im Süden verfolgen, der die Wiege des Wohlstands von Lyon bildete.

    Steigen Sie nun über die schattigen Waldpfade des Rosengartens Jardin du Rosaire bergab.

  5. 5. Jardin du Rosaire und der Steg der Vier Winde

    Montée Saint-Barthélemy 12, 69005 Lyon, France

    Tauchen Sie ein in die gewundenen, schattigen Gartenwege des Jardin du Rosaire, der sich in terrassierten Hängen von Fourvière hinunter in das mittelalterliche Viertel Vieux Lyon erstreckt. Ende des neunzehnten Jahrhunderts als besinnlicher Pilgerweg von der Basilika angelegt, bezaubert dieser grüne Rückzugsort durch Sammlungen alter Rosensorten, jahrhundertealter Hortensien und geschützter Obstgehölze an steilen Hanglagen. Auf halber Höhe überqueren Sie die malerische Passerelle des Quatre-Vents, eine historische Fußgängerbrücke, die auf dem gemauerten Viadukt einer früheren dampfbetriebenen Standseilbahn errichtet wurde. Unter dem dichten Blätterdach aus Linden, Kastanien und Trauerweiden öffnen sich immer wieder traumhafte Sichtachsen auf die Ziegeldächer der Renaissance-Paläste, schlanke Kirchtürme und das silberne Band der Saône. Auf kunstvoll angelegten Rastplätzen mit steinernen Ruhebänken verweilen Spaziergänger gern, um den Duft der blühenden Rosensträucher einzuatmen und dem leisen Rascheln der Baumkronen im Wind zu lauschen. Das Zwitschern zahlloser Vögel und das ferne Rauschen der Stadt schaffen eine Oase ländlicher Stille inmitten der Großstadt. Die Kühle der schattigen Terrassen lädt zum Verweilen ein. Die historischen Trockenmauern speichern die Sonnenwärme. Entlang der gewundenen Pfade laden schattige Lauben und hölzerne Aussichtspavillons zum Verweilen ein, während alte Steintreppen den steilen Hang sicher begehbar machen. Historische Wasserfontänen kühlen die Luft an heißen Sommertagen spürbar ab.

    Blicken Sie von der Passerelle in den tiefen Einschnitt hinab: die steilen Standseilbahnen aus den 1890er Jahren waren wahre Wunderwerke der Ingenieurskunst und wurden von den Einheimischen liebevoll les ficelles genannt.

    Der Park bewahrt botanische Rosenzüchtungen des neunzehnten Jahrhunderts, die an die historische Rolle Lyons als weltoffene Hauptstadt der Rosenzucht und Blumenveredelung erinnern.

    Spüren Sie das frische Mikroklima am Berghang: die natürlichen Quellen, die hier aus dem Granitfels entspringen, wurden bereits von römischen Baumeistern zur Wasserversorgung der kaiserlichen Thermen kanalisiert.

    Setzen Sie Ihren Abstieg auf dem historischen Pflaster fort, um die steile Montée du Gourguillon zu erreichen.

  6. 6. Montée du Gourguillon und das Mittelalterliche Pflaster

    Montée du Gourguillon 1, 69005 Lyon, France

    Setzen Sie Ihre Schritte behutsam auf das grobe Rundsteinpflaster der Montée du Gourguillon, einer der ältesten, steilsten und atmosphärisch dichtesten Straßen ganz Lyons. Die Gasse folgt exakt dem Verlauf einer vorrömischen Straße, die einst vom Saôneufer hinauf zum Zentrum von Lugdunum führte, und überwindet auf vierhundert Metern Länge mehr als fünfzig Höhenmeter. Flankiert wird der historische Weg von bemerkenswert erhaltenen Wohnbauten des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts, deren vorkragende Obergeschosse, Eichenbalkenfachwerke und gotische Türbögen das Straßenbild prägen. Der lautmalerische Name Gourguillon leitet sich vom lateinischen Wort gurgulio ab, das das gurgelnde Tosen der Regenwassermassen beschreibt, die bei herbstlichen Gewittergüssen durch die mittige Steinrinne zu Tal stürzten. Kleine Kunsthandwerkerateliers und Buchbinderwerkstätten verbergen sich hinter schweren Holztüren, während an den Fassaden noch alte schmiedeeiserne Laternenhalterungen und steinerne Brunnenbecken von der mittelalterlichen Nachbarschaftsgemeinschaft zeugen. Das Gehen zwischen diesen uralten Mauern versetzt den Besucher unmittelbar in die Zunftzeit des Mittelalters zurück. Die vom jahrhundertelangen Karrenverkehr glattgeschliffenen Steine erzählen von Händlern, Fürsten und Mönchen. Ein Hauch vergangener Epochen weht durch die Schlucht. Die kunstvollen schmiedeeisernen Gitter und die schweren Eichentore verleihen den historischen Häusern einen wehrhaften Charakter, der an die stürmischen Zeiten der Religionskriege erinnert.

    Betrachten Sie das Haus mit der Nummer 2: dieses Gebäude aus dem fünfzehnten Jahrhundert mit sichtbarem Eichenfachwerk ist eine von nur zwei erhaltenen mittelalterlichen Holzfassaden, die städtische Feuerschutzverordnungen überlebten.

    Im Jahr 1305 brach hier während des Krönungszugs von Papst Clemens V. eine Weinbergmauer ein: der Papst stürzte vom Pferd und verlor dabei einen unbezahlbaren Rubin aus seiner Tiara, der bis heute spurlos verschollen ist.

    Achten Sie auf den mittigen Streifen aus flachen Granitplatten: er wurde einst gezielt verlegt, damit Zugpferde und Lastkarren auf dem steilen Gefälle sicheren Halt fanden.

    Folgen Sie der Gasse hinab bis zu ihrer Einmündung in den idyllischen Place de la Trinité.

  7. 7. Place de la Trinité und die Kirche Saint-Georges

    Place de la Trinité 2, 69005 Lyon, France

    Halten Sie inne auf dem dreieckigen, kopfsteingepflasterten Place de la Trinité, der sich malerisch an den Fuß der Felsen von Fourvière schmiegt und den volkstümlichen Geist des Vieux Lyon verkörpert. Beherrscht wird der Platz von der berühmten Maison du Soleil aus dem achtzehnten Jahrhundert, die mit ihrem geschwungenen Giebel und einer goldgemalten Sonnenuhr zwischen hölzernen Fensterläden verzaubert. Dieser historische Winkel gilt in Frankreich als Geburtsstätte des legendären Guignol-Puppentheaters: um 1808 errichtete der arbeitslose Seidenweber Laurent Mourguet hier seine mobile Schaubühne, um die einfachen Textilarbeiter mit satirischen Possen und bissigen Dialogen der Handpuppe Guignol zu erheitern. Wenige Schritte südlich ragt die schlanke Turmspitze der Kirche Saint-Georges empor, ein elegantes neugotisches Gotteshaus, das 1845 von Architekt Pierre Bossan direkt am Fluss errichtet wurde. An den Fassaden ranken sich Kletterrosen empor, und alte gusseiserne Schilder weisen den Weg zu urigen Bistros, in denen noch heute deftige Lyoner Hausmannskost serviert wird. Die Freisitze kleiner Cafés und traditioneller Bouchons verteilen sich über das sonnenbeschienene Pflaster. Eine fast dörfliche Beschaulichkeit erfüllt den Platz. Die Zeit scheint hier langsamer zu verstreichen. Auf dem gepflasterten Vorplatz plätschert ein kleiner Brunnen, an dem früher die Lasttiere der Saône-Schiffer getränkt wurden, bevor sie ihre Fracht in die Altstadt lieferten. Heute sitzen Einheimische gern im Schatten der alten Platanen und genießen die Ruhe.

    Betrachten Sie die Fassade der Maison du Soleil genau: ihre architektonischen Züge dienten über zwei Jahrhunderte hinweg als klassisches gemaltes Bühnenbild für Guignol-Aufführungen in ganz Frankreich.

    Laurent Mourguet arbeitete ursprünglich als ambulanter Zahnbrecher: er erfand die Puppen Guignol und Gnafron, um seine ängstlichen Patienten während schmerzhafter Zahnziehungen mit Späßen abzulenken.

    Werfen Sie einen Blick in die Kirche Saint-Georges: dieses frühe neugotische Meisterwerk diente Pierre Bossan als stilistisches Versuchsfeld, bevor er die weltberühmte Basilika auf Fourvière schuf.

    Gehen Sie nun nach Norden durch die belebte Rue Saint-Jean zur monumentalen Kathedrale.

  8. 8. Kathedrale Saint-Jean und die Astronomische Uhr

    Place Saint-Jean 1, 69005 Lyon, France

    Treten Sie auf den weiten Vorplatz und richten Sie den Blick auf die reich verzierte Westfassade der Kathedrale Saint-Jean-Baptiste, dem historischen Bischofssitz des Erzbischofs von Lyon und Primas von Gallien. Über einen Zeitraum von drei Jahrhunderten zwischen 1180 und 1480 erbaut, vollzieht das gotische Meisterwerk einen faszinierenden stilistischen Wandel von der Romanik des Chores bis zur Spätgotik der drei Portale, geschmückt mit über dreihundert steinernen Reliefmedaillons biblischer Szenen und Fabelwesen. Im linken Querschiff des weiten, lichterfüllten Innenraums erwartet Sie eine weltberühmte feinmechanische Kostbarkeit: die monumentale astronomische Uhr aus dem vierzehnten Jahrhundert. Bereits 1379 urkundlich erwähnt, zeigt dieses über neun Meter hohe Wunderwerk der Zeitmessung den ewigen Kalender, die Mondphasen, den Sonnenstand sowie die Sternbilder über Lyon an, begleitet von einem stündlichen Glockenspiel mechanischer Figuren beim Krähen eines Hahns. Die feingliedrigen Chorschranken aus weißem Marmor und die hohen Fensterbänder tauchen das Chorgestühl in geheimnisvolle Farbenspiele, während das Echo leiser Orgelakkorde durch die mächtigen Seitenschiffe hallt. Das durch die gotische Fensterrose aus dem dreizehnten Jahrhundert einfallende Buntglaslicht taucht die Pfeiler in warme Farben. Eine erhabene Stille herrscht unter den Kreuzrippengewölben. In den Sommermonaten zieht die kühle Erhabenheit des gotischen Doms zahlreiche Besucher an, die vor den farbenfrohen Glasfenstern andächtig verweilen.

    Bewundern Sie das untere Kalenderzifferblatt: lange vor dem Zeitalter moderner Computer berechnen die mechanischen Zahnräder das bewegliche Osterdatum nach kirchlichem Computus bis weit über das Jahr 2019 hinaus.

    Im Dezember 1600 feierte der französische König Heinrich IV. in dieser Kathedrale seine prunkvolle königliche Hochzeit mit Maria von Medici, was Lyons Rang als Finanz- und Kulturmetropole Europas unterstrich.

    Achten Sie auf das Fehlen einer Hauptorgel im Altarbereich: der uralte Lyoner Ritus, der hier bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil gepflegt wurde, untersagte Orgelmusik, um die Reinheit des gregorianischen Chorals zu wahren.

    Gehen Sie nun nach Norden durch die Rue du Bœuf, um den berühmten Innenhof der Tour Rose zu betreten.

  9. 9. Maison du Crible und die Tour Rose

    Rue du Bœuf 16, 69005 Lyon, France

    Schreiten Sie durch das kunstvoll gemeißelte Sandsteinportal der Rue du Bœuf Nummer 16 und folgen Sie dem gewölbten Durchgang in den malerischen Innenhof der Maison du Crible. Vor Ihren Augen erhebt sich der berühmte Turm der Tour Rose, das meistfotografierte und romantischste Renaissance-Baudenkmal der Stadt Lyon. Zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts für den königlichen Steuereinnehmer Martin de Troyes errichtet, besticht der zylindrische Treppenturm durch seinen warmen rosa Putz, offene Rundbogenloggien und eine elegante steinerne Wendeltreppe. Die offenen Arkaden dienten keineswegs nur der Zierde: sie spendeten der Wendeltreppe natürliches Tageslicht und belüfteten die herrschaftlichen Wohnräume, ohne dass teure Fensterverglasungen nötig waren. An den Mauern rankt dichter wilder Wein empor, dessen Blätter im Herbst feuerrot leuchten und mit dem ockerfarbenen Ziegelwerk der Dachtraufen harmonieren, während das Pflaster des Hofes von jahrhundertealtem Leben glänzt. Beim Verweilen in diesem geschützten Hof mit Efeuranken und Terrakotta-Dachtraufen wird der venezianisch und florentinisch geprägte Architekturgeschmack spürbar, den wohlhabende Seidenbankiers zur Blütezeit der Lyoner Messen einführten. Die Ausstrahlung des rosafarbenen Steins wirkt betörend schön. Ein zauberhafter Friede umfängt den Besucher. An sonnigen Nachmittagen zeichnen die runden Steinbögen malerische Schattenrisse auf den rosa Verputz, die von Fotografen und Malern gleichermaßen geschätzt werden.

    Achten Sie auf das runde Steinrelief über dem Portal zum Turm: es zeigt ein Sieb, im Französischen crible genannt, ein humorvolles bildliches Wortspiel auf das Amt von Martin de Troyes, der Steuern für die Krone aussiebte.

    König Heinrich IV. von Frankreich logierte im Dezember 1600 in diesem Patrizierhaus, während er auf das Eintreffen seiner florentinischen Braut Maria von Medici wartete.

    Dieser Innenhof bildet zugleich eine klassische Traboule: ein offener Durchgang, der es ermöglichte, Häuserblöcke trockenen Fußes zu durchqueren und kostbare Seidenballen vor Regengüssen zu schützen.

    Gehen Sie nun nordwärts zur Rue Saint-Jean und betreten Sie den geschäftigen Place du Change.

  10. 10. Place du Change und der Protestantische Tempel

    Place du Change 1, 69005 Lyon, France

    Erreichen Sie den geschichtsträchtigen Place du Change, der während der Renaissance als pulsierendes finanzielles Nervenzentrum und Geldwechselplatz von ganz Europa fungierte. Viermal im Jahr strömten die mächtigsten Kaufleute, Wechselmakler und Bankiersfamilien aus Florenz, Genua, Augsburg und Nürnberg hierher, um auf den berühmten Lyoner Messen Wechselbriefe einzulösen, Seidenkontrakte zu schließen und Edelmetalle zu wiegen. Die Westseite des Platzes wird von der monumentalen Fassade der Loge du Change beherrscht, einem prachtvollen Handelsgebäude, das zwischen 1748 und 1750 von keinem Geringeren als Jacques-Germain Soufflot klassizistisch umgestaltet und erweitert wurde. Das Gebäude mit seinen ionischen Kolossalsäulen und vier offenen Bogenportalen diente der städtischen Kaufmannschaft als Börse, bevor es nach der Revolution der protestantischen Gemeinde Lyons als Tempel übergeben wurde. Rund um den Platz zeugen kunstvoll verzierte Fensterstürze, heraldische Familienwappen und steinerne Eckskulpturen von den sagenhaften Vermögen, die hier bei internationalen Warengeschäften den Besitzer wechselten. Die Fassaden der umliegenden Bürgerhäuser zeigen reiche Renaissance-Giebel und gotische Fenstergewände. Das Klappern des Geschirrs aus den Altstadtlokalen vermischt sich mit dem Murmeln der Passanten. Der Platz strahlt kaufmännischen Stolz aus. Die mächtigen Portale aus massiver Eiche und die eisernen Beschläge zeugen von der sorgfältigen Sicherung der kostbaren Handelsbücher und Wechselbriefe vor Diebstahl und Brand.

    Betrachten Sie die monumentale Uhr auf der Giebelspitze der Loge du Change: das Zifferblatt besitzt zwei Uhrwerke, von denen eines die bürgerliche Tageszeit und das andere die astronomischen Gezeiten anzeigte.

    Im sechzehnten Jahrhundert wickelten Bankhäuser wie die Medici und die Fugger hier Finanzgeschäfte ab, die das Budget französischer Könige übertrafen und Lyon zur reichsten Bankenstadt nördlich der Alpen machten.

    Achten Sie auf die Hausnummer 2: dort befindet sich die historische Maison Thomassin aus dem vierzehnten Jahrhundert mit prächtigen gotischen Zwillingsfenstern und Wappensteinen des Königs Karl VII.

    Gehen Sie nun nach Norden in die schmale, von Renaissance-Palästen gesäumte Rue Juiverie.

  11. 11. Rue Juiverie und die Galerie von Philibert Delorme

    Rue Juiverie 8, 69005 Lyon, France

    Biegen Sie in die schmale, von hohen Steinmauern eingefasste Rue Juiverie ein, eine der vornehmsten Patrizierstraßen des Renaissance-Zeitalters in Lyon. Die Straße, deren Name an die jüdische Gemeinde erinnert, die sich im Mittelalter bis zu ihrer Vertreibung hier angesiedelt hatte, wurde im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert zur bevorzugten Wohnadresse königlicher Richter, reicher Tuchhändler und königlicher Berater. Treten Sie durch den Torbogen der Hausnummer 8 in den Innenhof des Hôtel Bullioud ein, um eine weltberühmte architektonische Pioniertat zu bestaunen: die im Jahr 1536 errichtete Galerie von Philibert Delorme. Der damals erst sechsundzwanzigjährige Lyoner Baumeister kehrte frisch von Studienreisen aus Rom zurück und schuf diese hängende Galerie, die zwei Gebäudeflügel über einem engen Hof verbindet. Gestützt auf zwei kühne steinerne Trompenkraggewölbe, trug die Galerie ionische Halbsäulen und Rundbogenfenster, ohne einen einzigen Pfeiler auf den Hoffrieden zu stellen. Durch diese meisterhafte mathematische Schnitttechnik der Werksteine bewies der junge Architekt, wie antike Formenlehre und gallische Steinhauerkunst zu einer revolutionären Synthese verschmelzen konnten. Der Anblick dieser antikisierenden Meisterschaft inmitten des engen Altstadthofes überwältigt. Das goldene Sonnenlicht bricht sich an den feinen Steinprofilen. Im Treppenhaus des Patrizierhauses sind noch alte Steinmetzzeichen und heraldische Reliefs zu erkennen, die die bürgerliche Vornehmheit der früheren Bewohner eindrucksvoll unterstreichen.

    Untersuchen Sie die beiden steinernen Eck-Trompen unter der Galerie: Delorme meißelte diese konischen Gewölbe mit vollendeter Stereotomie aus Werksteinblöcken, sodass sie gigantische Lasten mühelos in die Hausmauern ableiten.

    Der wohlhabende Auftraggeber Antoine Bullioud forderte eine gedeckte Verbindung zwischen seinen Wohntrakten, verlangte jedoch ausdrücklich, dass der kostbare Hofraum für Pferdekutschen frei bleiben müsse.

    Philibert Delorme begründete mit diesem Frühwerk seinen kometenhaften Aufstieg zum Hofarchitekten der französischen Krone, der später das Schloss Anet und Teile des Pariser Louvre gestaltete.

    Folgen Sie der Rue Juiverie weiter nach Norden, um die Kirche Saint-Paul und die Saône-Quais zu erreichen.

  12. 12. Kirche Saint-Paul und die Quais der Saône

    Place Saint-Paul 1, 69005 Lyon, France

    Beenden Sie Ihre Entdeckungsreise durch das geschichtsträchtige Herz von Fourvière und Vieux Lyon vor der ehrwürdigen Kirche Saint-Paul am nördlichen Ausgang der Altstadt. Gegründet im sechsten Jahrhundert durch Bischof Sacerdos als eine der frühesten Pfarrkirchen Lyons, erhebt sich das heutige Bauwerk als faszinierende Synthese aus romanischer und gotischer Baukunst. Besonders eindrucksvoll ist der achteckige romanische Vierungsturm aus dem zwölften Jahrhundert, der sich mit seinen Blendarkaden, Biforienfenstern und gelblichen Kalksteinquadern majestätisch über das Quai-Viertel der Saône erhebt. Beim Betreten des Kircheninneren faszinieren die romanischen Chorkapellen mit ihren skulptierten Kapitellen sowie die nachträglich im fünfzehnten Jahrhundert angefügten spätgotischen Seitenkapellen wohlhabender Bürgerfamilien. Treten Sie anschließend hinaus an die Uferpromenade der Saône, wo der Blick über die Passerelle Saint-Vincent hinüber zur Presqu'île und den bewaldeten Hängen des Croix-Rousse-Hügels schweift. Weiße Schwäne gleiten gemächlich über die sanften Wellen des Flusses, während sich die alten Patrizierhäuser der Uferzeile im ruhigen Wasser spiegeln. Hier schließt sich der Bogen zwischen der kaiserlichen Römerstadt auf den Höhen und der weltoffenen Handelsstadt am Wasser. Das leise Glucksen der Saône begleitet die letzten Gedanken dieser Reise. Die Schönheit Lyons bleibt unvergesslich.

    Betrachten Sie den Vierungsturm vom Uferquai aus: seine archaische romanische Laterne bildet die älteste erhaltene Kirchturmsilhouette im gesamten historischen Stadtgebiet von Lyon.

    Der Vorplatz war über Jahrhunderte der zentrale Fisch- und Gemüsemarkt des Viertels, an dem flache Kähne aus dem Burgund und der Bresse anlegten, um frische Flussfische und Geflügel anzuliefern.

    Unter dem Kirchenboden wurden Reste einer fränkischen Nekropole und antiker römischer Hafenanlagen freigelegt, die belegen, dass dieser Ort seit zweitausend Jahren ununterbrochen besiedelt ist.

    Hier, am Schnittpunkt zwischen dem romanischen Erbe der Saône-Schiffer und den Höhen des antiken Lugdunum, beschließen wir unseren Weg durch das Vieux Lyon, dessen Steine die Seele, den Mut und den Glanz zweier Jahrtausende europäischer Kulturgeschichte in sich tragen.