Kaiserliches Wien: Stephansdom, Graben und Spanische Hofreitschule

Ein Spaziergang durch das Herz der Habsburger-Monarchie—vom Südturm des Stephansdoms über die barocke Pestsäule und den Kohlmarkt zur Hofburg

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  1. 1. Stephansdom: Der Steffl und die Bunte Ziegeldach-Pracht

    Stephansplatz 3, 1010 Wien, Österreich

    Treten Sie auf das weite Pflaster des Stephansplatzes und blicken Sie hinauf zum majestätischen Südturm des Stephansdoms, den die Wiener liebevoll den Steffl nennen. Mit einhundertsechsunddreißig Metern Höhe ragt seine filigrane Sandsteinspitze in den Himmel, während auf dem steilen Dach zweihundertdreißigtausend bunt glasierte Ziegel den doppelköpfigen kaiserlichen Habsburgeradler formen.

    Die Ursprünge des Doms reichen bis ins Jahr elfhundertsiebenunddreißig zurück. Im gotischen Neubau unter Herzog Rudolf dem Vierten wurde der Dom zum spirituellen Zentrum des gesamten Habsburgerreiches. Im April neunzehnhundertfünfundvierzig setzte ein verheerender Brand den Dachstuhl in Flammen und ließ die gewaltige Pummerin-Glocke zerschellen, doch die Österreicher bauten ihren Dom in beispielloser Eintracht binnen weniger Jahre wieder auf.

    Schauen Sie links neben dem romanischen Riesentor auf das Steinmauerwerk: Dort sind zwei eiserne Stangen in die Wand eingelassen, die im Mittelalter als offizielle Tuch- und Leinenmaße für den Markt dienten.

    Schlendern Sie um den Dom herum zum eleganten Prachtboulevard des Grabens.

  2. 2. Der Graben und die Pestsäule: Barocker Dank der Kaiser

    Graben, 1010 Wien, Österreich

    Flanieren Sie über die marmornen Platten der eleganten Fußgängerzone des Grabens und halten Sie vor der pyramidenartigen Marmorwolke der Wiener Pestsäule inne. Aus vergoldetem Kupfer und hellem Untersberger Kalkstein quillt eine Kaskade aus Wolken, Engeln und Putten empor, über denen die Heilige Dreifaltigkeit im Sonnenstrahlenkranz thront.

    Der Graben folgt exakt dem Verlauf des antiken Verteidigungsgrabens des römischen Legionslagers Vindobona. Als im Schreckensjahr sechzehnhundertneunundsiebzig die Beulenpest über hunderttausend Wiener dahinraffte, gelobte Kaiser Leopold der Erste auf den Knien die Errichtung eines Monuments, wenn die Stadt von der Seuche befreit würde.

    Schauen Sie auf den Sockel der Säule: Dort kniet Kaiser Leopold im kaiserlichen Krönungsornat, der seine Krone demütig ablegt und zu Gott fleht, während zu seinen Füßen eine furchterregende Pesthexe von Engeln in die Tiefen der Hölle gestürzt wird.

    Treten Sie ein paar Schritte zur Seite in die verblüffend prächtige Barockkirche Sankt Peter.

  3. 3. Peterskirche: Das Verborgene Barockjuwel der Altstadt

    Petersplatz 1, 1010 Wien, Österreich

    Biegen Sie vom Graben in die schmale Gasse zum Petersplatz ab und treten Sie durch das Portal der Peterskirche. Sobald sich Ihre Augen an das warme Licht gewöhnt haben, blicken Sie empor in die gewaltige, fünfzig Meter hohe Kuppel: Ein schwindelerregendes barockes Himmelsfresko von Johann Michael Rottmayr zeigt die Krönung der Jungfrau Maria in leuchtenden Ocker- und Azurtönen.

    Der Legende nach wurde die erste Peterskirche im vierten Jahrhundert von Kaiser Karl dem Großen gegründet; die heutige Kirche errichtete Stararchitekt Johann Lukas von Hildebrandt ab siebzehnhundertdrei nach dem Vorbild des Petersdoms in Rom auf engstem Raum zwischen den Altstadthäusern.

    In den gläsernen Schreinen unter den Seitenaltären ruhen die skelettierten Reliquien frühchristlicher Märtyrer aus den römischen Katakomben, geschmückt mit juwelenbesetzten Goldkleidern und Perlenkronen.

    Kehren Sie zum Graben zurück und biegen Sie in den noblen Kohlmarkt ein.

  4. 4. Kohlmarkt und K.u.K. Hofzuckerbäckerei Demel: Kaiserliche Süße

    Kohlmarkt 14, 1010 Wien, Österreich

    Schlendern Sie den eleganten Kohlmarkt entlang und atmen Sie vor der Hausnummer vierzehn den berauschenden Duft von warmem Apfelstrudel, Zartbitterschokolade und karamellisiertem Zucker ein. Sie stehen vor der K.u.K. Hofzuckerbäckerei Demel, wo seit dem achtzehnten Jahrhundert die feinste Konditorkunst Europas zelebriert wird.

    Gegründet im Jahr siebzehnhundertsechsundachtzig, wurde der Demel zum kaiserlich-königlichen Hoflieferanten ernannt. Kaiserin Elisabeth—die berühmte Sisi—ließ sich von hier täglich ihre geliebten kandierten Veilchenblüten direkt in ihre Gemächer in die nahegelegene Hofburg liefern, um ihre legendäre Wespentaille mit zarter Blumensüße zu verwöhnen.

    Bis heute werden Gäste im Demel von den schwarz gekleideten Kellnerinnen—den Demelinerinnen—in der traditionellen dritten Person angesprochen: Haben schon gewählt? oder Ist der Herr zufrieden?

    Gehen Sie bis zum Ende des Kohlmarkts und treten Sie auf den majestätischen Michaelerplatz.

  5. 5. Michaelerplatz und Looshaus: Kaiserliche Pracht trifft Moderne

    Michaelerplatz, 1010 Wien, Österreich

    Treten Sie auf das weite Halbrund des Michaelerplatzes. Zu Ihrer Rechten wölbt sich die monumentale, geschwungene Neobarockfassade des Michaelertraktes der Hofburg mit seiner vierundfünfzig Meter hohen grünen Kuppel; blicken Sie direkt gegenüber zur Hausnummer drei: dem berühmten Looshaus.

    Als der Architekt Adolf Loos neunzehnzehn dieses schlichte Gebäude mit seiner fensterlosen, schmucklosen Putzfassade errichtete, erfasste Wien ein beispielloser Skandal. Kaiser Franz Joseph war so angewidert von dem Haus ohne Augenbrauen, dass er schwor, nie wieder durch das Michaelertor zu fahren, und die Vorhänge seiner Hofburg-Schlafgemächer stets geschlossen hielt, um den Anblick zu meiden.

    In der Mitte des Platzes können Sie in die offene archäologische Ausgrabungsstätte hinunterblicken: Dort liegen die Fundamente antiker römischer Soldatenhäuser von Vindobona aus dem ersten Jahrhundert nach Christus frei zutage.

    Schreiten Sie durch das gewaltige Michaelertor hinein in den Stallburg-Komplex der Spanischen Hofreitschule.

  6. 6. Spanische Hofreitschule und Stallburg: Das Ballett der Weißen Hengste

    Michaelerplatz 1, 1010 Wien, Österreich

    Betreten Sie die Galerie der barocken Winterreitschule und blicken Sie hinab auf das makellos geharkte Reitsandviereck. Unter sechsundvierzig korinthischen Säulen und funkelnden Kristalllüstern bewegen sich strahlend weiße Lipizzaner-Hengste in vollkommener Harmonie zur klassischen Musik von Mozart und Strauss.

    Gegründet im Jahr fünfzehnhundertfünfundsechzig von den Habsburgern, ist die Spanische Hofreitschule die älteste Reitschule der Welt, an der die Hohe Schule der klassischen Reitkunst seit über vierhundertfünfzig Jahren unverändert gepflegt wird. Der Name spanisch erinnert an die spanischen Pferde, aus denen das Gestüt Lipizza im heutigen Slowenien gezüchtet wurde.

    Vor jeder Vorführung lüften die Bereiter im braunen Zweispitz und Hirschlederhosen traditionell ihren Hut vor dem großen Ölporträt von Kaiser Karl dem Sechsten, der diese Prachtreithalle siebzehnhundertfünfunddreißig erbauen ließ.

    Gehen Sie durch das Schweizer Tor zum Josefsplatz und zur Augustinerkirche.

  7. 7. Augustinerkirche und Herzgruft: Die Hochzeitskirche der Kaiser

    Augustinerstraße 3, 1010 Wien, Österreich

    Treten Sie in das stille, kühle gotische Kirchenschiff der Augustinerkirche am Josefsplatz. Im rechten Seitenschiff zieht eine monumentale, schneeweiße Marmorpyramide Ihren Blick magisch an: das von Starbildhauer Antonio Canova geschaffene Grabdenkmal für Erzherzogin Marie Christine, die Lieblingstochter von Maria Theresia.

    In dieser Kirche fanden die glanzvollsten kaiserlichen Hochzeiten der europäischen Geschichte statt: Hier heiratete Maria Theresia ihren Franz Stephan, Napoleon Bonaparte vermählte sich per Stellvertreter mit Marie Louise von Österreich, und achtzehnhundertvierundfünfzig gaben sich der junge Kaiser Franz Joseph und die sechzehnjährige Sisi hier das Ja-Wort.

    Hinter einer kleinen Holztür verbirgt sich die sagenumwobene Herzgruft: Hier stehen vierundfünfzig kleine Silberurnen mit den balsamierten Herzen der Habsburger Herrscher, deren Körper in der Kapuzinergruft und deren Eingeweide im Stephansdom ruhen.

    Treten Sie hinaus auf den Josefsplatz unter das Reiterstandbild Kaiser Josephs des Zweiten. Sie haben das Herz des kaiserlichen Wien durchschritten.