Wiener Melange: Kaffeehauskultur, Sezession und Ringstraßen-Eleganz

Ein stilvoller Wiener Spaziergang durch weltberühmte Literatencafés, marmorne Paläste, das Looshaus und die goldene Kuppel der Secession

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  1. 1. Café Central & Palais Ferstel: Das Wohnzimmer der Dichter und Denker

    Herrengasse 14, 1010 Wien, Austria

    Tritt ein unter das gewaltige venezianisch inspirierte Kreuzrippengewölbe des Café Central im eleganten Palais Ferstel an der Herrengasse. Vor dir sitzt lebensgroß aus Pappmaché gefertigt der exzentrische Dichter Peter Altenberg an seinem angestammten Kaffeetisch, während silberne Tabletts mit feinsten Torten und dampfendem Kaffee im Marmorsaal zwischen polierten toskanischen Granitsäulen serviert werden.

    Um die Jahrhundertwende war dieses Kaffeehaus kein gewöhnliches Restaurant, sondern eine regelrechte geistige Universität und das erweiterte Wohnzimmer der Wiener Moderne. Dichter wie Stefan Zweig und Arthur Schnitzler schrieben hier Weltliteratur, Sigmund Freud diskutierte Psychologie, und der russische Revolutionär Leo Trotzki spielte hier täglich leidenschaftliche Schachpartien, bevor er im Jahr neunzehnhundertsiebzehn nach Sankt Petersburg aufbrach.

    Ein Wiener Kellner wusste damals genau: Ein Kaffeehausgast zahlt nicht für die Bohnen im Porzellan, sondern für das unveräußerliche Recht, stundenlang an einem einzigen kleinen Schwarzen zu nippen, zwanzig internationale Tageszeitungen auf hölzernen Lesestöcken zu studieren und ungestört nachzudenken.

    Tritt hinaus auf die Herrengasse und spaziere wenige Schritte in Richtung des geschichtsträchtigen Michaelerplatzes.

  2. 2. Michaelerplatz & Das Looshaus: Der architektonische Skandal von 1910

    Michaelerplatz 3, 1010 Wien, Austria

    Bleib im Halbrund des Michaelerplatzes stehen, wo Fiakerkutschen mit klappernden Hufen über das Pflaster rollen und das mächtige Michaelertor der kaiserlichen Hofburg aufragt. Wende deinen Blick direkt gegenüber auf das Gebäude Michaelerplatz Nummer drei: das berühmte Looshaus, entworfen im Jahr neunzehnhundertzehn vom visionären Architekturpionier Adolf Loos für das exklusive Herrenmodegeschäft Goldman und Salatsch.

    Was heute als Meisterwerk der europäischen Moderne gefeiert wird, löste bei seiner Errichtung einen gewaltigen Skandal im kaiserlichen Wien aus. Da die oberen Wohngeschosse vollkommen glatt verputzt und frei von jeglichem barocken Stuck oder Fenstergesimsen waren, verspotteten die Wiener das Gebäude als 'Haus ohne Augenbrauen'. Kaiser Franz Joseph war so entsetzt über den nüchternen Anblick, dass er zeit seines Lebens die Vorhänge der Hofburg zuzog.

    Schau auf den eleganten Sockelbereich: Loos verkleidete das Erdgeschoss mit kostbarem grünem Marmor aus Euböa und toskanischen Säulen, um zu beweisen, dass wahre Noblesse aus edlem Naturmaterial und handwerklicher Perfektion erwächst, nicht aus billigem Gipsstuck.

    Biege in den Kohlmarkt ein und flaniere vorbei an traditionsreichen k.u.k. Hofzuckerbäckern zum Graben.

  3. 3. Der Graben & Die Pestsäule: Barocker Prunk und gelobte Dankbarkeit

    Graben 28, 1010 Wien, Austria

    Der Graben & Die Pestsäule: Barocker Prunk und gelobte Dankbarkeit

    Photo: Володимир Макух

    Flaniere über die breite Flaniermeile des Grabens, dessen Name auf den alten römischen Verteidigungsgraben des Legionslagers Vindobona zurückgeht. Inmitten der prachtvollen Palais und Boutiquen ragt wie eine goldglänzende Wolkensäule die barocke Wiener Pestsäule empor, ein atemberaubendes Kunstwerk des Hochbarock, geschaffen von Bildhauern wie Mathias Rauchmiller und Johann Bernhard Fischer von Erlach.

    Im Jahr sechzehnhundertneunundsiebzig wütete die Pest so verheerend in Wien, dass zehntausende Bürger ihr Leben verloren. Kaiser Leopold der Erste floh aus der Stadt, legte jedoch das feierliche Gelübde ab, eine monumentale Gnadensäule zu errichten, sobald die Seuche endlich erlöschen würde.

    Schau auf die pyramidal aufsteigenden Marmorwolken: Aus der goldenen Spitze strahlt das Auge Gottes der Heiligen Dreifaltigkeit, während weiter unten der Kaiser selbst in demütiger Haltung im Gebet kniet und ein geflügelter Engel die scheußliche Fratze der Pesthexe mit einer Fackel in den Abgrund stößt.

    Folge dem Straßenverlauf bis zum Stephansplatz, wo der mächtige Südturm des Stephansdoms in den Himmel ragt.

  4. 4. Stephansplatz & Café Hawelka: Der Mythos der Buchteln und Künstler

    Dorotheergasse 6, 1010 Wien, Austria

    Biege vom Stephansplatz mit seinem majestätischen gotischen Dom in die schmale Dorotheergasse ein und öffne die alte Holztür des Café Hawelka. Drinnen empfängt dich ein gedämpftes, bernsteinfarbenes Licht: Abgewetzte Thonet-Stühle, dunkel vergilbte Tapeten voller originaler Künstlerplakate und das leise Murmeln der Gäste schaffen eine Atmosphäre, die seit den neunzehnhundertdreißiger Jahren vollkommen unberührt geblieben scheint.

    Leopold und Josefine Hawelka führten dieses Lokal über ein halbes Jahrhundert hinweg persönlich mit legendärer Herzlichkeit. In den fünfziger und sechziger Jahren wurde das Café zum Treffpunkt der Wiener Avantgarde, von Friedensreich Hundertwasser und Ernst Fuchs bis hin zu Schauspielern und Schriftstellern, die hier bis tief in die Nacht bei Kaffee und Zigaretten philosophierten.

    Punkt zweiundzwanzig Uhr geschah jeden Abend das wahre Wunder: Josefine Hawelka brachte ofenfrische, dampfende Buchteln mit süßer Pflaumenmusfüllung aus der winzigen Küche, deren herrlicher Duft die gesamte Gasse erfüllte und selbst die skeptischsten Kritiker verstummen ließ.

    Tritt wieder ins Freie und folge der eleganten Kärntner Straße in Richtung der weltberühmten Wiener Staatsoper.

  5. 5. Kärntner Straße & Hotel Sacher: Der Schokoladenstreit um die Torte

    Philharmoniker Str. 4, 1010 Wien, Austria

    Schau auf die rote Markise und die vornehme Fassade des Hotel Sacher an der Philharmoniker Straße, direkt hinter der prächtigen Wiener Staatsoper. Seit seiner Eröffnung im Jahr achtzehnhundertsechsundsiebzig durch Eduard Sacher gilt dieses Haus als Inbegriff Wiener Aristokratie und Gastfreundschaft, vor allem aber als Wiege der berühmtesten Schokoladentorte des gesamten Planeten.

    Die Torte wurde bereits im Jahr achtzehnhundertzweiunddreißig erfunden, als Fürst Metternich seiner Hofküche befahl, ein besonders raffiniertes Dessert für hochrangige Staatsgäste zu kreieren. Da der Chefkoch erkrankt war, sprang der erst sechzehnjährige Lehrling Franz Sacher ein und zauberte einen saftigen Schokoladenbiskuit mit feiner Marillenmarmelade und glänzender Schokoladenglasur, der die fürstliche Tafel restlos verzauberte.

    Jahrzehnte später entbrannte zwischen dem Hotel Sacher und dem k.u.k. Hofzuckerbäcker Demel ein erbitterter juristischer Streit über das Alleinrecht auf die Bezeichnung Original Sacher-Torte, der die Wiener Gerichte jahrelang beschäftigte und erst durch einen Vergleich über die Lage der Marmeladenschicht beigelegt wurde.

    Überquere die Ringstraße und gehe weiter nach Süden in Richtung des Karlsplatzes und der Wiener Secession.

  6. 6. Wiener Secession: Der goldene Lorbeer der künstlerischen Rebellion

    Friedrichstraße 12, 1010 Wien, Austria

    Bleib an der Friedrichstraße stehen und lass die schimmernde goldene Lorbeerkuppel der Wiener Secession auf dich wirken. Über dem strahlend weißen, kubischen Gebäude wölbt sich eine filigrane Kugel aus zweitausendfünfhundert vergoldeten Lorbeerblättern, die im Sonnenlicht funkelt und von den Wiener Bürgern humorvoll als goldenes Krauthappel bezeichnet wurde.

    Im Jahr achtzehnhundertsiebenundneunzig spaltete sich eine Gruppe junger, rebellischer Künstler um Gustav Klimt, Koloman Moser und Joseph Maria Olbrich vom konservativen Wiener Künstlerhaus ab, um eine völlig freie, moderne Kunst jenseits historistischer Konventionen zu schaffen. Olbrich entwarf dieses bahnbrechende Ausstellungsgebäude in nur einem Jahr als revolutionären Tempel des Wiener Jugendstils.

    Über dem vergoldeten Eingangsportal prangt das unvergessliche Leitmotiv der Bewegung: 'Der Zeit ihre Kunst. Der Kunst ihre Freiheit.' Im Untergeschoss verbirgt sich Gustav Klimts monumentaler, vierunddreißig Meter langer Beethovenfries, den er neunzehnhundertzwei als meisterhafte Hommage an Beethovens Neunte Symphonie und die Erlösung der Menschheit durch die Poesie schuf.

    Schlendere wenige Schritte weiter zum nahen Karlsplatz, um Otto Wagners grüne Jugendstil-Pavillons zu bestaunen.

  7. 7. Karlsplatz-Pavillons & Majolikahaus: Otto Wagners goldene Vision

    Karlsplatz, 1040 Wien, Austria

    Bewundere die feinen Linien des Stadtbahn-Pavillons am Karlsplatz, dessen weißer Marmor, apfelgrünes Schmiedeeisen und vergoldete Sonnenblumenreliefs zu den Höhepunkten des europäischen Jugendstils zählen. Gestaltet von Stararchitekt Otto Wagner Ende des neunzehnten Jahrhunderts, bewies dieser Bau, dass selbst zweckmäßige Infrastruktur wie ein U-Bahnhof zu vollendeter Kunst erhoben werden kann.

    Otto Wagner revolutionierte die Wiener Architektur mit seinem Leitsatz, dass etwas Unpraktisches niemals schön sein kann. Wenige Schritte weiter an der Linken Wienzeile errichtete er das berühmte Majolikahaus, dessen gesamte Fassade mit wetterfesten, farbenfrohen Keramikfliesen in Form blühender roter Pfingstrosen verkleidet ist, die sich leicht mit Wasser und Seife reinigen lassen.

    Schau auf die Details des Pavillon-Dachs: Die geschwungenen Messingbögen und die elegante Typografie künden vom Stolz der Wiener Moderne, die das neue zwanzigste Jahrhundert mit Optimismus, Schönheit und technischer Brillanz begrüßen wollte.

    Schließe deine Reise durch Wien am bunten Naschmarkt ab, wo sich bei einem Glas Grüner Veltliner die Lebensfreude dieser Stadt vollendet.