Westminster und das Königshaus: Londons deutsche Könige von Hannover bis Windsor

Von Händels Wassermusik auf der Themse über die Krönungskirche Westminster Abbey bis zum Buckingham Palace: ein Spaziergang durch London auf den Spuren der Hannoveraner, Prinz Alberts und eines Namenswechsels mitten im Ersten Weltkrieg

London · 11 stops · 29 min audio · Generated

  1. 1. Westminster Bridge: Händels Wassermusik

    Westminster Bridge, London SE1 7PB, United Kingdom

    Geh ein paar Schritte auf die Brücke hinaus, stell dich ans Geländer und lass den Blick über das Wasser wandern: links die goldgelbe Fassade des Parlaments, darüber der Uhrturm, der ganz London den Takt vorgibt. Unter dir schiebt sich die Themse braun und eilig Richtung Meer... und genau auf diesem Wasser beginnt unsere Geschichte, mit einem deutschen König und einem deutschen Komponisten.

    Am Abend des 17. Juli 1717 stieg Georg I. in Whitehall, ein paar hundert Meter flussabwärts von hier, in eine offene Barke. Er war Kurfürst von Hannover, seit knapp drei Jahren auch König von Großbritannien, und die Londoner fanden ihn ziemlich fremd. Neben ihm trieb ein zweites Boot mit rund fünfzig Musikern. Sie spielten neue Musik von Georg Friedrich Händel, geboren in Halle an der Saale. Die Fahrt ging mit der Flut flussaufwärts bis nach Chelsea, und der König war so begeistert, dass er die Stücke mehrmals wiederholen ließ... die Wassermusik.

    Stell dir die Szene vor: Unzählige Boote drängen sich um die königliche Barke, halb London will dabei sein, Hörner und Trompeten schallen über den Fluss. Eine Brücke gab es hier damals übrigens noch nicht, die erste Westminster Bridge wurde erst 1750 eröffnet. Für Händel war der Abend ein Triumph. Er war einst Kapellmeister bei Georg in Hannover gewesen, dann nach London gegangen... und einfach geblieben. Eine hübsche Legende erzählt, die Wassermusik sei ein Versöhnungsgeschenk an den verärgerten Dienstherrn gewesen. Historiker halten das eher für eine gute Geschichte als für eine Tatsache.

    Die Brücke unter deinen Füßen stammt von 1862, und sie ist grün gestrichen. Kein Zufall... Grün ist die Farbe der Bänke im Unterhaus, das an ihrem Ende liegt. Die Lambeth Bridge auf der anderen Seite des Parlaments ist rot, wie die Bänke im Oberhaus. Und 1802 stand der Dichter William Wordsworth früh am Morgen auf der alten Brücke und schrieb ein Sonett darüber, dass die Erde nichts Schöneres zu zeigen habe als diesen Blick.

    Merk dir dieses Bild, denn heute geht es um eine Frage, die viele überrascht: Wie deutsch ist eigentlich die britische Monarchie? Die Antwort führt uns von Hannover über Coburg bis zu einem Namenswechsel mitten im Krieg. Geh jetzt über die Brücke hinüber zum Parlament und bleib am Fuß des großen Uhrturms stehen.

  2. 2. Elizabeth Tower & Houses of Parliament

    Houses of Parliament, London SW1A 0AA, United Kingdom

    Leg den Kopf in den Nacken: Vor dir ragt der Uhrturm fast hundert Meter in den Himmel, vergoldet, verschnörkelt, mit vier Zifferblättern von jeweils rund sieben Metern Durchmesser. Alle nennen ihn Big Ben, aber eigentlich heißt nur die größte Glocke darin so. Der Turm selbst trägt seit 2012 den Namen Elizabeth Tower, zum diamantenen Thronjubiläum von Elizabeth II.

    Was du hier siehst, ist fast vollständig ein Neubau. Am 16. Oktober 1834 ging der alte Palast von Westminster in Flammen auf, weil Arbeiter in den Öfen unter dem Oberhaus Berge alter Kerbhölzer des Schatzamts verbrannten. Tausende Londoner sahen vom Ufer aus zu, unter ihnen der Maler William Turner, der das Feuer später mehrfach malte. Den Wettbewerb für den Neubau gewann Charles Barry, und der junge Augustus Pugin überzog alles mit gotischen Details, von den Tapeten bis zu den Tintenfässern.

    Und jetzt kommt ein Deutscher ins Spiel. 1841 übernahm Prinz Albert, der junge Ehemann von Königin Victoria, den Vorsitz einer königlichen Kommission, die über die Ausschmückung des neuen Palastes entscheiden sollte. Albert war gerade zweiundzwanzig, stammte aus Coburg und bewunderte die großen Wandmalereien, die deutsche Künstler damals schufen. Viele britische Politiker hielten ihn für einen steifen Ausländer... hier konnte er zeigen, dass er von Kunst mehr verstand als die meisten von ihnen.

    Ein Detail, das kaum jemand kennt: Die große Glocke hat einen Sprung. Schon ihre Vorgängerin war beim Testen gerissen, 1858 goss man in Whitechapel eine neue, gut dreizehn Tonnen schwer, und auch die bekam bald einen Riss. Statt sie zu ersetzen, drehte man sie ein Stück und nahm einen leichteren Hammer. Den leicht scheppernden Ton, den du zur vollen Stunde hörst, verdankt London also einem Riss von 1859.

    Am anderen Ende des Gebäudes steht der noch etwas höhere Victoria Tower, benannt nach Alberts Frau. Durch seinen Torbogen fährt der Monarch zur feierlichen Parlamentseröffnung, doch das Unterhaus darf er bis heute nicht betreten: Seit Karl I. dort 1642 fünf Abgeordnete verhaften wollte, bleibt den Königen diese Tür verschlossen. Geh nun am Parlament entlang nach Süden und über die Straße zur Westminster Abbey, der Kirche, in der Könige gemacht werden.

  3. 3. Westminster Abbey: Krönungen und Händels Grab

    20 Deans Yard, London SW1P 3PA, United Kingdom

    Stell dich vor das große Westportal mit den zwei Türmen und such über dem Eingang die Reihe steinerner Figuren. Zehn Märtyrer des 20. Jahrhunderts aus aller Welt stehen dort, aufgestellt 1998, und einer von ihnen ist ein Deutscher: Dietrich Bonhoeffer, der Theologe, den die Nationalsozialisten im April 1945 hinrichteten. In den 1930er Jahren war er übrigens Pfarrer deutscher Gemeinden in London. Ein überraschender Empfang an der Kirche der Könige.

    Seit Wilhelm der Eroberer hier am Weihnachtstag 1066 gekrönt wurde, sind fast alle englischen und später britischen Monarchen in dieser Kirche gekrönt worden, zuletzt Charles III. am 6. Mai 2023. Im Mittelpunkt steht immer derselbe Stuhl aus Eichenholz, um 1300 gebaut. Generationen von Schülern der benachbarten Westminster School haben ihn mit Namen zerkratzt, und einer verewigte sich mit dem stolzen Satz, er habe im Juli 1800 eine Nacht darauf geschlafen.

    Bei jeder Krönung seit 1727 erklingt hier dieselbe Musik eines Deutschen. Händel schrieb sie für die Krönung Georgs II., des Sohnes des Königs aus Hannover. Zadok the Priest beginnt mit einer langen, leisen, wogenden Einleitung der Streicher... und dann bricht der Chor mit voller Wucht herein. Wer das einmal in diesem Kirchenschiff gehört hat, vergisst es nicht. Seitdem ist das Stück bei jeder Krönung gesungen worden, auch 2023 wieder, fast dreihundert Jahre später.

    Händel selbst ist nie wieder gegangen. Er starb 1759 in seinem Haus in Mayfair und wurde hier im Südquerschiff beigesetzt, in der Poets' Corner, angeblich vor rund dreitausend Trauergästen. Sein Denkmal zeigt ihn mit einer Notenrolle aus dem Messias, aufgeschlagen bei der Arie Ich weiß, dass mein Erlöser lebet. Ein Mann aus Halle, begraben zwischen Chaucer und Dickens.

    Auch Georg II. liegt in dieser Kirche, als letzter König, der in der Abtei bestattet wurde. Er hatte verfügt, dass eine Seitenwand seines Sarges entfernt werde, ebenso bei seiner Frau Caroline, die vor ihm gestorben war, damit sich ihr Staub vermischen könne. Nach ihm ruhen die Monarchen meist in Windsor. Geh jetzt an der Nordseite der Abtei entlang zum großen grünen Platz mit den Statuen, dem Parliament Square.

  4. 4. Parliament Square: Wie London einen deutschen König bekam

    Parliament Square, London SW1P 3BD, United Kingdom

    Such dir einen Platz am Rand des Rasens und schau dich um: Bronzene Männer und Frauen umringen dich, Winston Churchill im schweren Mantel, Abraham Lincoln, Nelson Mandela, Mahatma Gandhi. Seit 2018 steht hier auch Millicent Fawcett, die erste Frau mit einem Denkmal auf diesem Platz, mit einem Banner in den Händen. Parlament, Kirche und oberstes Gericht schauen sich hier gegenseitig in die Fenster.

    Genau in diesem Parlament fiel 1701 eine Entscheidung, ohne die es keine deutschen Könige in London gegeben hätte. Mit dem Act of Settlement legte man fest, dass nie wieder ein Katholik den Thron besteigen dürfe. Das Problem war nur, dass die nächsten Verwandten der Krone fast alle katholisch waren. Also blätterte man im Stammbaum immer weiter... und überging dabei mehr als fünfzig Menschen mit eigentlich besserem Anspruch.

    Am Ende landete man bei Sophie von der Pfalz, Kurfürstin von Hannover, einer Enkelin des englischen Königs Jakob I. Sie war klug, belesen und eine Freundin des Philosophen Leibniz, und sie hätte die Krone wohl gern getragen. Doch im Juni 1714 brach sie mit dreiundachtzig Jahren bei einem Spaziergang in ihrem Garten in Herrenhausen zusammen und starb... nur wenige Wochen vor Königin Anne. So wurde im August 1714 ihr Sohn Georg Ludwig König von Großbritannien.

    Georg kam im September an, mit einem großen Gefolge aus Hannover, und war von seinem neuen Reich nicht gerade begeistert. Er war vierundfünfzig und sprach nur wenig Englisch. Seine Frau Sophie Dorothea saß derweil im Schloss Ahlden fest, wohin er sie nach einer Affäre für den Rest ihres Lebens verbannt hatte. Die Londoner spotteten über ihn und seine Mätressen... und trotzdem regierten seine Nachkommen von nun an das Land, bis heute.

    Noch eine Premiere erlebte diese Ecke: Im Dezember 1868 stand hier, an der Einmündung zur Westminster Bridge, die erste Verkehrsampel der Welt, mit Gaslampe und Signalarmen wie bei der Eisenbahn. Wenige Wochen später explodierte sie und verletzte den Polizisten, der sie bediente. Geh nun nach Norden in die breite Straße Whitehall, bis du in der Mitte der Fahrbahn ein weißes Ehrenmal und links die schwarzen Tore der Downing Street siehst.

  5. 5. Downing Street & Cenotaph

    10 Downing Street, London SW1A 2AA, United Kingdom

    Vor dir, hinter schweren schwarzen Eisentoren und bewaffneten Polizisten, liegt die vielleicht berühmteste Sackgasse der Welt. Am Ende der kurzen Straße erkennst du mit etwas Glück die schwarze Tür mit der weißen Zehn. Bis 1989 konnte jeder einfach hineinspazieren und sich davor fotografieren lassen; erst dann ließ Margaret Thatcher die Tore errichten.

    Dass hinter dieser Tür ein Premierminister wohnt, hat viel mit den Königen aus Hannover zu tun. Georg I. reiste immer wieder nach Hannover, kümmerte sich lieber um sein Kurfürstentum und blieb den Sitzungen seiner Minister bald fern. Man erzählt gern, das habe an seinem schlechten Englisch gelegen, Historiker sehen es heute nuancierter. Fest steht: In die Lücke trat ein Mann, der die Regierung an sich zog, Robert Walpole... nach heutigem Verständnis der erste Premierminister.

    1732 wollte Georg II. Walpole das Haus in der Downing Street persönlich schenken. Walpole lehnte ab, ein kluger Zug: Er nahm es nur als Amtssitz für den Ersten Lord des Schatzamts an, nicht als Privatbesitz. 1735 zog er ein, und genau diesen Titel trägt der Premierminister bis heute. Er steht sogar auf dem Messing des Briefschlitzes der berühmten Tür: First Lord of the Treasury.

    Noch zwei Geheimnisse dieser Tür. Die Null der Zehn sitzt ein wenig schief, angeblich als Erinnerung an die ursprüngliche Ziffer, die ebenfalls schräg hing. Und von außen lässt sich die Tür gar nicht öffnen, es gibt kein Schlüsselloch... drinnen ist immer jemand, der aufmacht. Ganz London weiß das, aber kaum ein Besucher denkt daran, wenn er die Kameras der Fernsehteams sieht.

    Dreh dich jetzt zur Straßenmitte. Der schlichte weiße Steinblock ist der Cenotaph, das nationale Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, ein leeres Grab ohne Kreuz und ohne Namen. Georg V. enthüllte ihn am 11. November 1920, ein König, der vier Jahre lang gegen das Land seines eigenen Cousins gekämpft hatte, gegen Kaiser Wilhelm II., wie er selbst ein Enkel Königin Victorias. Von diesem Krieg und einem neuen Familiennamen hörst du am Ende mehr. Geh jetzt weiter Whitehall hinauf bis zu dem hellen Steinpalast mit den hohen Fenstern auf der rechten Seite.

  6. 6. Banqueting House: Rubens, Karl I. und die Winterkönigin

    Banqueting House, Whitehall, London SW1A 2ER, United Kingdom

    Vor dir steht ein Haus, das im London von 1622 gewirkt haben muss wie aus einer anderen Welt: klare Säulen, ruhige Fenster, strenge Symmetrie. Ringsum standen damals Fachwerk und verwinkelte Backsteinbauten des alten Palastes von Whitehall, der größten Königsresidenz Europas. Inigo Jones hatte in Italien die Bauten Palladios studiert und brachte diese Sprache als Erster nach England. Als der Palast 1698 abbrannte, blieb nur dieses Haus stehen.

    Drinnen wartet die eigentliche Sensation: eine Decke, gemalt von Peter Paul Rubens, dem großen flämischen Meister. Karl I. gab sie in Auftrag, 1636 wurden die neun Leinwände eingesetzt. Sie feiern seinen Vater Jakob I. als weisen Friedensfürsten, der am Ende in den Himmel aufsteigt... ein einziges barockes Plädoyer dafür, dass Könige ihre Macht direkt von Gott empfangen.

    Unter genau dieser Decke ging Karl I. am 30. Januar 1649 zum letzten Mal hindurch. Vor dem Gebäude hatte man ein Schafott errichtet, und durch ein Fenster trat der König hinaus. Es war ein eisiger Tag; man erzählt, er habe zwei Hemden übereinander getragen, damit niemand sein Zittern für Angst halte. Ein einziger Hieb, und England war für elf Jahre eine Republik.

    Und was hat das alles mit Deutschland zu tun? Sehr viel. Jakob I., der Mann an der Decke, hatte eine Tochter, Elisabeth Stuart. Sie heiratete 1613 Friedrich V. von der Pfalz und zog nach Heidelberg. Als Friedrich die böhmische Krone annahm und schon nach einem Winter wieder verlor, nannte man sie spöttisch die Winterkönigin. Den größten Teil ihres Lebens verbrachte sie im Exil in Den Haag, mit einer riesigen Kinderschar und wenig Geld.

    Eines dieser Kinder war Sophie, die spätere Kurfürstin von Hannover, die du am Parliament Square kennengelernt hast. So führt eine direkte Linie von der Decke hier drinnen zu Georg I. Die Hannoveraner waren also keine Fremden, die zufällig in London landeten, sondern Urenkel des Königs, den Rubens in den Himmel malte. Geh jetzt weiter nach Norden, Whitehall hinauf, bis sich vor dir der weite Trafalgar Square öffnet.

  7. 7. Trafalgar Square: Ein Hannoveraner und der Weihnachtsbaum

    Trafalgar Square, London WC2N 5DN, United Kingdom

    Hier öffnet sich die Stadt: Brunnen, vier bronzene Löwen und in der Mitte die Säule, auf der Admiral Nelson gut fünfzig Meter über dir steht und über die Dächer von Whitehall schaut. Der Platz erinnert an die Seeschlacht von Trafalgar 1805, in der Nelson siegte und fiel. Die Säule war 1843 fertig, die Löwen kamen erst 1867 dazu, und Kinder klettern auf ihnen herum, seit es sie gibt.

    Schau auf die Sockel an den Ecken. Auf dem nordöstlichen reitet ein König in antiker Tracht, ohne Sattel und ohne Steigbügel: Georg IV., der prunksüchtigste der Hannoveraner. Er selbst hatte die Statue bestellt, eigentlich für einen Triumphbogen vor seinem Palast. Aufgestellt wurde sie erst nach seinem Tod, und zwar hier. Gegenüber, auf dem nordwestlichen Sockel, stand lange gar nichts. Heute wechseln dort zeitgenössische Kunstwerke, und ganz London diskutiert jedes Mal darüber.

    Jeden Dezember steht vor der Säule ein großer Weihnachtsbaum, seit 1947 ein Geschenk der Stadt Oslo als Dank für die britische Hilfe im Zweiten Weltkrieg. Dass Briten überhaupt Weihnachtsbäume aufstellen, haben sie zu einem guten Teil Deutschen zu verdanken. Schon Königin Charlotte, die Frau Georgs III. aus Mecklenburg-Strelitz, ließ am Hof in Windsor einen geschmückten Baum aufstellen. Aber zur Mode machte ihn erst Prinz Albert.

    1848 druckte die Illustrated London News ein Bild der königlichen Familie um einen Tannenbaum auf Schloss Windsor, mit Kerzen, Süßigkeiten und Geschenken. Victoria und Albert, umringt von ihren Kindern, wie eine ganz gewöhnliche bürgerliche Familie aus Coburg oder Gotha. Das Bild ging um die Welt, und bald wollte jedes bessere Wohnzimmer in Großbritannien und Amerika so einen Baum. Ein Stück deutscher Weihnacht, mitten im Empire.

    Bevor du weitergehst, noch ein kleines Rätsel für unterwegs: Irgendwo im nächsten Bauwerk versteckt sich eine Nase. Halte die Augen offen. Geh jetzt hinüber zur Südwestecke des Platzes, zu dem gewaltigen, geschwungenen Torbau mit den drei Bögen, der den Platz von der Mall trennt.

  8. 8. Admiralty Arch & The Mall

    Admiralty Arch, The Mall, London SW1A 2WH, United Kingdom

    Geh durch einen der Seitenbögen und bleib auf der anderen Seite stehen: Vor dir liegt die Mall, schnurgerade, fast einen Kilometer lang, gesäumt von Platanen, und ganz am Ende, hell und klein, der Buckingham Palace. Fällt dir die Farbe der Fahrbahn auf? Sie ist rötlich, und man sagt, sie solle wirken wie ein roter Teppich, der direkt zum Palast führt.

    Der Bogen über dir ist ein Denkmal für eine Frau, die dir auf diesem Weg immer wieder begegnet: Königin Victoria. Ihr Sohn Edward VII. ließ ihn bauen, fertig wurde er 1912, zwei Jahre nach seinem Tod. Die lateinische Inschrift oben widmet ihn, im zehnten Jahr König Edwards, der Königin Victoria, im Namen ihrer dankbarsten Bürger. Die ganze Mall wurde damals vom Architekten Aston Webb zu einer Prachtstraße umgebaut, als Bühne für königliche Prozessionen.

    Und hier wird es wieder deutsch. Edward VII. war, genau genommen, der erste König aus dem Haus Sachsen-Coburg und Gotha. Denn ein Kind trägt den Hausnamen des Vaters, und sein Vater war Albert aus Coburg. Mit Victorias Tod 1901 endete die Linie Hannover auf dem Thron, und Coburg übernahm. Auf Münzen und Briefmarken fiel das niemandem auf... erst ein Krieg sollte aus diesem Namen ein Problem machen.

    Jetzt zum Rätsel. Schau im nördlichsten Bogen an die Innenwand, etwa in der Höhe, in der ein Reiter sie erreichen könnte: Dort steckt eine kleine Nase in der Mauer. Die Legende sagt, es sei die Nase Napoleons, und die berittenen Gardisten rieben sie im Vorbeireiten, um Glück zu haben. In Wahrheit stammt sie von einem Künstler, der in den 1990er Jahren Nasen an Londoner Gebäude klebte... aber die Legende ist einfach schöner, und die Londoner erzählen sie mit Vergnügen weiter.

    Am Ende der Mall wartet der Palast, doch vorher machen wir einen kurzen Abstecher. Folge der Mall ein paar Schritte und biege dann links ab, durch die Bäume, zu dem großen kiesbedeckten Paradeplatz hinter Whitehall, der Horse Guards Parade.

  9. 9. Horse Guards Parade: Der zweite Geburtstag des Königs

    Horse Guards Parade, London SW1A 2AX, United Kingdom

    Vor dir öffnet sich ein riesiger, fast leerer Platz aus feinem Kies, an seiner Ostseite das lange, helle Gebäude der Horse Guards mit dem kleinen Uhrturm in der Mitte. An gewöhnlichen Tagen wirkt alles wie ein vergessener Exerzierplatz, über den nur Tauben und Touristen spazieren. Aber an einem Samstag im Juni ist das hier die wichtigste Bühne der britischen Monarchie.

    Dann findet Trooping the Colour statt, die Geburtstagsparade des Monarchen: weit über tausend Soldaten, rund zweihundert Pferde, Militärkapellen, rote Röcke und hohe Bärenfellmützen. Der König nimmt die Parade ab, die Fahne eines Regiments wird feierlich an den Reihen vorbeigetragen, und danach fährt die Familie zurück zum Palast, wo die Flugzeuge der Royal Air Force über den Balkon donnern. Ein Schauspiel, das seit Generationen fast genauso abläuft.

    Aber warum im Juni, wenn Charles III. im November geboren ist? Die Antwort hat wieder mit einem Hannoveraner zu tun. Georg II. kam im Herbst zur Welt, nach unserem heutigen Kalender im November, und das Londoner Wetter im Spätherbst ist nichts für Paraden. Also, so erzählt man, verlegte man die große Feier in den Sommer. Seitdem haben britische Monarchen zwei Geburtstage, einen echten im Familienkreis und einen offiziellen auf diesem Platz.

    Das Gebäude selbst stammt aus der Zeit Georgs II., entworfen von William Kent und in den 1750er Jahren nach seinem Tod vollendet. Von hier aus führte später der Herzog von Wellington als Oberbefehlshaber die britische Armee. Und 2012 verwandelte sich dieser Platz in ein Stadion: Bei den Olympischen Spielen wurde hier Beachvolleyball gespielt, mit Sand, Flutlicht und Tausenden Zuschauern, direkt unter den Gartenmauern der Downing Street.

    Wenn du durch den Torbogen in der Mitte blickst, siehst du auf der Whitehall-Seite die berittenen Wachen der Household Cavalry, regungslos, mit glänzenden Helmen. Schilder warnen, dass die Pferde treten oder beißen können, also lieber mit Abstand bewundern. Für uns geht es in die andere Richtung: Überquere die Horse Guards Road nach Westen und tauche ein in den grünen St James's Park.

  10. 10. St James's Park: Pelikane und Nashs See

    St James's Park, London SW1A 2BJ, United Kingdom

    Stell dich auf die schmale blaue Brücke mitten über dem See und dreh dich einmal langsam um dich selbst. Nach Westen siehst du durch die Bäume den Buckingham Palace, nach Osten, hinter einer Insel mit Weiden, eine Silhouette aus Kuppeln und Türmchen, die eher nach Märchenschloss als nach Ministerien aussieht. Es ist einer der schönsten Ausblicke von ganz London. Ringsum schnattern Enten und Gänse aus aller Welt, und im Sommer dösen Londoner in gestreiften Liegestühlen am Ufer.

    Dies ist der älteste königliche Park der Stadt. Heinrich VIII. erwarb das sumpfige Gelände als Jagdrevier, und Jakob I. hielt hier exotische Tiere: Kamele, Krokodile und sogar einen Elefanten, der angeblich jeden Tag seinen Wein bekam. Die Stuart-Könige ließen außerdem Vogelhäuser aufstellen, und daher hat die Straße am Südrand des Parks bis heute ihren Namen: Birdcage Walk.

    Und dann sind da die Pelikane. 1664 schenkte der russische Botschafter Karl II. die ersten, und seitdem leben fast ununterbrochen welche hier. Wenn du Glück hast, sitzt einer dieser riesigen Vögel auf einer Parkbank, als warte er auf den Bus. Vor einigen Jahren filmten Spaziergänger, wie einer von ihnen eine lebende Taube verschluckte... seither schauen die Tauben hier etwas misstrauischer.

    Seine heutige Gestalt verdankt der Park wieder einem Hannoveraner. Georg IV. beauftragte in den 1820er Jahren den Architekten John Nash, aus dem steifen, geraden Kanal einen romantisch geschwungenen See zu machen, mit Inseln, Buschwerk und gewundenen Wegen, ganz im Stil eines englischen Landschaftsgartens. Nash war damals schon über siebzig und der Lieblingsarchitekt des Königs; von ihm stammen auch die weißen Stuckterrassen am Regent's Park. Gleichzeitig ließ derselbe König das Haus am Ende des Parks zum Palast ausbauen... und die Kosten liefen so aus dem Ruder, dass Nash nach dem Tod des Königs entlassen wurde.

    Genau dieses Haus ist unser Ziel. Geh von der Brücke nach Westen am Seeufer entlang, vorbei an Enten, Gänsen und Liegestühlen, bis sich die Bäume öffnen und du vor dem weißen Marmordenkmal mit der goldenen Siegesgöttin stehst. Dahinter wartet das letzte Kapitel unserer deutschen Königsgeschichte.

  11. 11. Buckingham Palace: Von Mecklenburg bis Windsor

    Buckingham Palace, London SW1A 1AA, United Kingdom

    Da ist er: der Buckingham Palace, mit seiner hellen Fassade, dem berühmten Balkon in der Mitte und der Fahne auf dem Dach. Weht dort die königliche Standarte, ist der König zu Hause; sonst flattert der Union Jack. Vor dir thront das Victoria Memorial, über zwanzig Meter weißer Marmor, mit der Königin auf dem Thron und ganz oben der vergoldeten Siegesgöttin.

    Angefangen hat alles mit einer deutschen Prinzessin. 1761 kaufte Georg III. das damalige Buckingham House für seine junge Frau Charlotte von Mecklenburg-Strelitz, die mit siebzehn Jahren nach England gekommen war, ohne ein Wort Englisch. Bald nannte man es einfach das Queen's House. Hier brachte sie die meisten ihrer fünfzehn Kinder zur Welt, in einem Haushalt, in dem selbstverständlich auch Deutsch gesprochen wurde.

    Ein richtiger Palast wurde daraus erst später. Victoria zog 1837 als erste Monarchin ein, wenige Wochen nach ihrer Thronbesteigung, und mit Albert und bald neun Kindern wurde es eng. Also schloss man den Hof nach vorn mit einem neuen Ostflügel, dem, auf den du gerade schaust. 1851 zeigte sich die königliche Familie zum ersten Mal auf dem Balkon, bei den Feiern zur Eröffnung von Alberts Weltausstellung, und seitdem gehört dieser Auftritt zu jedem großen Fest.

    Und dann kam der Sommer 1917. Deutsche Großflugzeuge vom Typ Gotha bombardierten London, bei einem einzigen Angriff im Juni starben über hundertsechzig Menschen. Der König, Georg V., trug als Hausnamen ausgerechnet Sachsen-Coburg und Gotha. Am 17. Juli 1917 verkündete er, sein Haus heiße von nun an Windsor, nach dem Schloss an der Themse, und die Familie legte ihre deutschen Titel ab. Sein Vetter Kaiser Wilhelm II. soll gespottet haben, er wolle sich nun Die lustigen Weiber von Sachsen-Coburg-Gotha ansehen.

    Von Hannover über Coburg bis Windsor... die Familie hat ihren Namen geändert, nicht ihre Geschichte. Händels Musik erklingt bei jeder Krönung, Alberts Weihnachtsbaum steht in unzähligen Wohnzimmern, und der Palast vor dir war einst das Haus einer Prinzessin aus Mecklenburg. Hier endet unser Spaziergang. Wenn du noch Lust hast, führt dich der Green Park rechts vom Palast unter alten Bäumen zurück in die Stadt.