Geheimes Antikes Rom: Kaiserpaläste, Schattengänge und der Circus Maximus

Ein Spaziergang durch die antiken Geheimnisse Roms jenseits der Massen, von Wagenrennen bis zur Ermordung Caesars

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  1. 1. Circus Maximus & Blick zum Palatin: Die Arena der hundertfünfzigtausend

    Via del Circo Massimo, 00186 Roma

    Bleib genau hier am Aussichtspunkt des Circus Maximus stehen und blicke hinab in diese gewaltige grüne Senke. Du blickst auf die größte Sportarena, die die Menschheit je erbaut hat: sechshundert Meter lang und einhundertvierzig Meter breit. Während das Kolosseum fünfzigtausend Menschen fasste, jubelten und schrien in diesem Talkessel zu Zeiten von Kaiser Trajan weit über hundertfünfzigtausend römische Bürger auf steinernen Rängen.

    Schau hinüber zur steilen Felswand des Palatin-Hügels auf der linken Seite: Dort thronen die kolossalen Backsteinbögen des kaiserlichen Palastes Domus Augustana. Kaiser Septimius Severus ließ im zweiten Jahrhundert eine eigene kaiserliche Loge errichten, sodass die Herrscher vom Speisesaal direkt auf die wirbelnden Rennwagen hinabschauen konnten, ohne das Volk berühren zu müssen.

    Die viergespannten Rennwagen rasten siebenmal um die Spina, die gemauerte Mittelachse der Rennbahn, auf der riesige vergoldete Delfine und Eier die Runden zählten. Die Wagenlenker riskierten in den scharfen Kurven ihr Leben: Kollisionen, genannt Naufragia oder Schiffbrüche, rissen Pferde und Männer in den Staub. Erfolgreiche Fahrer wie Diokles wurden reich wie heutige Superstars und verdienten mehr Gold als kaiserliche Statthalter.

    Wo heute Jogger ihre Runden im Gras drehen, stand einst der Obelisk von Pharao Ramses dem Zweiten, den die Päpste später auf die Piazza del Popolo versetzten. Der leise Wind im Schilfgras trägt noch immer das Rumpeln hölzerner Wagenräder über zweitausend Jahre Geschichte.

  2. 2. Forum Boarium & Tempel des Portunus: Der Rindermarkt der Götter

    Piazza Bocca della Verità, 00186 Roma

    Schau einmal auf diese beiden kleinen, vollkommen erhaltenen antiken Tempel, die friedlich auf dem Rasen nahe dem Tíber stehen. Du befindest dich auf dem Forum Boarium, dem uralten Rindermarkt der Gründerzeit Roms. Schon Jahrhunderte vor Julius Caesar trieben hier etruskische und griechische Händler ihre Ochsen und Schafe zusammen, um mit Salz und Wein zu handeln.

    Schau dir den rechteckigen Tempel genauer an: Das ist der Tempel des Portunus, des Gottes der Häfen und Schleusen, errichtet im ersten Jahrhundert vor Christus. Mit seinen ionischen Tuffsteinsäulen und dem glatten Stucküberzug ist er einer der am reinsten erhaltenen Sakralbauten der gesamten römischen Republik.

    Daneben steht der runde Tempel des Hercules Victor mit zwanzig korinthischen Marmorsäulen, den viele fälschlicherweise für einen Tempel der Vesta halten. Dass diese beiden heidnischen Bauten zweitausend Jahre unversehrt überstanden haben, grenzt an ein Wunder: Im frühen Mittelalter weihte die christliche Kirche beide Gebäude kurzerhand zu Gotteshäusern um und bewahrte sie so vor den Steinräubern der Renaissance.

    Unter dem Boden dieses Platzes mündete die Cloaca Maxima, der riesige Abwasserkanal der Tarquinier-Könige, in den Tíber. An diesem Schlickufer legten einst die griechischen Galeeren an, die den Mythos von Herkules nach Rom brachten.

  3. 3. Bocca della Verità: Der steinerne Schreck der Lügner

    Piazza Bocca della Verità, 18, 00186 Roma

    Tritt unter die romanische Säulenvorhalle der Basilika Santa Maria in Cosmedin und blicke in dieses riesige, bärtige Gesicht aus antikem Marmor. Die Bocca della Verità, der Mund der Wahrheit, wiegt fast dreizehnhundert Kilogramm und starrt dich mit offenen Augen und einem dunklen Schlund an. In der Antike war diese Maske vermutlich nichts weiter als ein kunstvoll verzierter Kanaldeckel oder ein Brunnenabfluss für den nahegelegenen Herkules-Altar.

    Doch wie entstand die weltberühmte Legende? Im Mittelalter entstand der Aberglaube, dass dieser steinerne Meeresgott jeder Person, die ihre Hand in seinen Mund legt und eine Lüge schwört, mit einem kräftigen Biss die Hand abtrennt. Richter brachten untreue Ehefrauen und Meineidige hierher, um ihr Urteil vor den Augen der versammelten Bürgerschaft zu fällen.

    Eine berühmte Anekdote erzählt von einer schlauen Patrizierin, die des Ehebruchs beschuldigt wurde. Sie wies ihren heimlichen Geliebten an, sich als Wahnsinniger zu verkleiden, sie vor der Kirche zu umarmen und zu küssen. Als sie ihre Hand in den Mund legte, schwor sie: Außer meinem Ehemann hat mich noch nie ein Mann berührt, außer diesem Verrückten eben! Der Mund blieb stumm, und sie war gerettet.

    Unsterblich wurde die Fratze neunzehnhundertdreiundfünfzig durch den Hollywood-Film Ein Herz und eine Krone, als Gregory Peck die ahnungslose Audrey Hepburn mit einem vorgetäuschten abgebissenen Arm zu Tode erschreckte.

  4. 4. Teatro di Marcello: Das Kolosseum vor dem Kolosseum

    Via del Teatro di Marcello, 00186 Roma

    Sieh dir diese geschwungenen Travertinarkaden an, die sich am Fuß des Kapitols erheben, und blicke hinauf zu den Renaissancefenstern auf den antiken Bögen. Das Teatro di Marcello ist eine der spektakulärsten architektonischen Schichtungen der Weltgeschichte. Noch bevor das Kolosseum überhaupt geplant war, ließ Kaiser Augustus dieses Theater errichten und weihte es im Jahr dreizehn vor Christus dem Andenken an seinen früh verstorbenen Lieblingsneffen und Wunscherben Marcellus.

    Erkennst du die Ähnlichkeit mit dem Kolosseum? Dieses Theater war der Prototyp für alle römischen Arenen: Hier erfanden die römischen Baumeister die sogenannte Superposition der Säulenordnungen: unten schlichte dorische Säulen, darüber elegante ionische Kapitelle. Fünfzehntausend Zuschauer saßen auf den Rängen, um Komödien von Plautus und Tragödien zu erleben.

    Im Mittelalter verwandelten die mächtigen Feudalherren der Familie Pierleoni das Theater in eine Trutzburg gegen ihre Rivalen. Im sechzehnten Jahrhundert baute Baldassarre Peruzzi für die Fürstenfamilie Savelli einen prachtvollen Renaissance-Palast direkt auf das dritte antike Stockwerk. Bis heute leben Nachfahren römischer Adelsfamilien in den exklusiven Wohnungen hinter diesen zweitausend Jahre alten Arkaden.

    Neben den Bögen ragen drei schneeweiße korinthische Marmorsäulen des Apollo-Sosianus-Tempels in den Himmel. Hier verschmilzt das antike Theater nahtlos mit dem lebendigen Rom der Gegenwart.

  5. 5. Area Sacra di Largo Argentina: Die Iden des März

    Largo di Torre Argentina, 00186 Roma

    Tritt an die Brüstung des Largo di Torre Argentina und schau hinab in diese fünf Meter tiefe Ausgrabungsstätte mitten im dichten Großstadtverkehr. Hier liegen vier antike Tempel aus der Zeit der Römischen Republik, bezeichnet mit den Buchstaben A bis D. Doch hinter den Tempeln verbirgt sich der Schauplatz des berühmtesten politischen Mordes der Weltgeschichte.

    Am fünfzehnten März des Jahres vierundvierzig vor Christus, den Iden des März, betrat der Diktator Gaius Julius Caesar die Curia Pompeia, die Versammlungshalle des Senats im Theaterkomplex des Pompeius, genau an diesem westlichen Rand des Platzes. Eine Gruppe von sechzig Senatoren um Brutus und Cassius umringte ihn mit gezückten Dolchen unter ihren Togen.

    Mit dreiundzwanzig Stichen streckten die Verschwörer Caesar nieder. Er brach blutüberströmt am Sockel der Statue seines alten Rivalen Pompeius zusammen, nachdem er der Überlieferung nach auf Griechisch zu Brutus flüsterte: Auch du, mein Kind? Die Ermordung sollte die Republik retten, stürzte Rom jedoch in blutige Bürgerkriege, aus denen das Römische Kaiserreich hervorging.

    Heute wird dieses historische Heiligtum von einer ganz anderen Gemeinschaft bewacht: Seit den neunzehnhundertzwanziger Jahren leben in den antiken Ruinen hunderte herrenlose Katzen, die von der örtlichen Katzenkolonie gepflegt werden und faul auf den Säulenstümpfen der Tempel schlafen.

  6. 6. Piazza Mattei & Fontana delle Tartarughe: Der Schildkrötenbrunnen

    Piazza Mattei, 00186 Roma

    Tritt ein in die stille, adlige Piazza Mattei und bewundere die filigrane Schönheit der Fontana delle Tartarughe. Dieser Brunnen gilt unter Kunsthistorikern als einer der elegantesten Renaissancebrunnen Italiens. Geschaffen zwischen fünfzehnhunderteinundachtzig und fünfzehnhundertachtundachtzig von Giacomo della Porta und Bildhauer Taddeo Landini, zeigt er vier bronzene Jünglinge, die Delfine unter ihren Füßen bändigen und Schildkröten ins obere Becken heben.

    Die zarten Schildkröten aus Bronze gehörten gar nicht zum ursprünglichen Entwurf. Erst fast ein Jahrhundert später, im Jahr sechzehnhundertachtundfünfzig, fügte Meister Gian Lorenzo Bernini bei einer Restaurierung die vier Kriechtiere hinzu, um die ausgestreckten Hände der Jünglinge harmonisch mit dem Beckenrand zu verbinden.

    Die römische Stadtlegende erzählt jedoch eine ganz andere, herzerwärmende Geschichte. Der junge Herzog Muzio Mattei verspielte in einer einzigen Nacht sein gesamtes Vermögen beim Kartenspiel. Sein künftiger Schwiegervater löste daraufhin empört die Verlobung mit seiner Tochter auf. Um zu beweisen, dass ein Mattei selbst mittellos mächtiger ist als jeder Bürger, ließ der Herzog diesen prächtigen Brunnen angeblich in einer einzigen Nacht vor den Fenstern seines Palastes errichten.

    Am Morgen rief er die Braut ans Fenster, zeigte auf das sprudelnde Meisterwerk und ließ das Fenster anschließend für immer zumauern. Schau hoch zur Fassade des Palazzo Mattei: Das zugemauerte Fenster zeugt bis heute von dieser Legende.

  7. 7. Pantheon: Die unzerstörbare Kuppel der Götter

    Piazza della Rotonda, 00186 Roma

    Bleib auf der belebten Piazza della Rotonda vor den sechzehn gewaltigen Granitsäulen des Pantheons stehen und schau hinauf zum dreieckigen Giebel. Hier steht das am vollkommensten erhaltene Bauwerk der gesamten Antike. Kaiser Hadrian ließ diesen Tempel aller Götter zwischen einhundertachtzehn und einhundertfünfundzwanzig nach Christus errichten, ließ aber die historische Inschrift von Marcus Agrippa aus dem Jahr siebenundzwanzig vor Christus am Portal eingravieren.

    Tritt durch die riesigen antiken Bronzetüren und schau senkrecht nach oben: Du stehst unter der größten unbewehrten Betonkuppel der Welt. Ihr Durchmesser misst exakt dreiundvierzig Meter und dreißig Zentimeter, und die Höhe entspricht genau dem Durchmesser, sodass eine vollkommene Kugel in den Innenraum passen würde. Im Scheitelpunkt öffnet sich das berühmte Oculus, ein neun Meter breites offenes Auge zum Himmel.

    Wenn es in Rom regnet, fällt der Regen ungehindert durch dieses Auge auf den Marmorboden. Zweiundzwanzig winzige Abflusslöcher im sanft gewölbten Steinboden leiten das Wasser sofort ab. Die römischen Ingenieure mischten leichten Bimsstein in den Beton der Kuppeloberseite, sodass die Decke nach oben hin immer dünner und leichter wird.

    In diesem Tempel ruht der Renaissance-Maler Raffael neben den ersten Königen des vereinten Italien. Das Pantheon ist der lebendige Beweis dafür, dass die römische Baukunst die Ewigkeit nicht nur versprach, sondern tatsächlich baute.