Arthur's Seat und Holyrood Park: Wanderung auf Edinburghs Vulkan

Vom Schottischen Parlament über die Salisbury Crags und James Huttons Gesteine hinauf auf den 251 Meter hohen Gipfel und hinunter nach Duddingston: Wildnis mitten in Edinburgh

Edinburgh · 11 stops · 27 min audio · Generated

  1. 1. Schottisches Parlament

    Horse Wynd, Edinburgh EH99 1SP, UK

    Schau dir die Fassade vor dir genau an: Fenster mit seltsamen Holzstäben davor, wie Bambus, dunkle Paneele in Formen, die an Pistolen oder Haarföhne erinnern, Betondächer, die sich wie umgedrehte Boote wölben. Nichts ist gerade, nichts symmetrisch. Und hinter dem Gebäude ragen die Felsen der Salisbury Crags auf, als gehörten sie dazu.

    Das ist das Schottische Parlament. 1707 hatte sich das alte schottische Parlament durch die Union mit England selbst aufgelöst. Fast drei Jahrhunderte später, 1999, trat ein neues zusammen, und die älteste Abgeordnete eröffnete die Sitzung mit den Worten, das am 25. März 1707 vertagte Parlament sei hiermit wieder einberufen. Ein Satz, in dem drei Jahrhunderte schottischer Geschichte stecken.

    Das Gebäude entwarf der katalanische Architekt Enric Miralles. Er wollte, dass das Parlament nicht wie eine Festung vor der Stadt steht, sondern aus dem Land herauswächst, aus den Felsen und Wiesen des Parks dahinter. Die merkwürdigen dunklen Formen an der Fassade, so erzählt man, sind von einem Gemälde inspiriert: dem eislaufenden Pfarrer auf dem Duddingston Loch. Merk dir das Bild, am Ende dieses Spaziergangs stehst du an genau diesem See.

    Miralles erlebte die Eröffnung nicht mehr. Er starb im Jahr 2000, mit nur 45 Jahren, und seine Frau Benedetta Tagliabue führte das Projekt weiter. Als die Queen das Gebäude im Oktober 2004 eröffnete, war es Jahre zu spät und um ein Vielfaches teurer als geplant, und ein offizieller Untersuchungsbericht ging der Frage nach, wie das passieren konnte. Heute gewinnt es Architekturpreise, und viele Edinburgher haben ihren Frieden damit gemacht. Achte auch auf die Fenster am Abgeordnetenhaus: Jedes Büro hat eine kleine Nische mit Sitzbank, gedacht als Ort zum Nachdenken.

    Auf dem Gelände stand übrigens bis in die 1990er-Jahre eine Brauerei. Und das Haus gegenüber, hinter den Toren, ist der Palast der Königsfamilie, der zu einem anderen Spaziergang gehört. Geh jetzt nach Süden über die Straße, auf das weiße Zeltdach zu, das wie ein gestrandetes Segel zwischen den Bäumen liegt.

  2. 2. Our Dynamic Earth & James Hutton

    112 Holyrood Road, Edinburgh EH8 8AS, UK

    Vor dir spannt sich ein weißes Membrandach über Stahlmasten, wie ein riesiges Zelt, und dahinter steigen die Felswände der Salisbury Crags auf. Das ist Our Dynamic Earth, ein Wissenschaftszentrum über die Geschichte unseres Planeten, 1999 eröffnet. Dass es genau hier steht, ist kein Zufall.

    Nur ein paar Schritte entfernt wohnte im 18. Jahrhundert James Hutton, ein Arzt, Landwirt und Chemiker, der nebenbei Steine sammelte. Von seinem Fenster aus sah er jeden Tag diese Felsen. Und er fragte sich etwas, das damals beinahe ketzerisch war: Wie lange braucht ein Fluss, um ein Tal zu graben, ein Meer, um Sand abzulagern, die Hitze der Erde, um daraus Gestein zu machen?

    Seine Antwort sprengte alle Vorstellungen. Viele glaubten damals, die Erde sei wenige tausend Jahre alt. Hutton aber sah in den Gesteinen eine unvorstellbar lange Geschichte von Ablagerung, Hebung und Abtragung, die sich immer wiederholt. 1788 schrieb er den berühmten Satz, er finde keine Spur eines Anfangs und keine Aussicht auf ein Ende. Darum nennt man ihn heute den Vater der modernen Geologie. Den entscheidenden Beweis fand er an der Küste von Siccar Point, wo schräg gestellte Gesteinsschichten zeigen, dass ganze Gebirge entstanden und wieder vergangen sind.

    Und jetzt kommt Deutschland ins Spiel. In Freiberg in Sachsen lehrte zur selben Zeit Abraham Gottlob Werner, der glaubte, fast alle Gesteine hätten sich in einem Urozean abgesetzt, die sogenannten Neptunisten. Hutton dagegen setzte auf die Hitze im Erdinneren. Edinburgh wurde zum Schlachtfeld dieses Streits: Robert Jameson, ein Schüler Werners, lehrte hier an der Universität, und zu seinen Studenten gehörte der junge Charles Darwin, der die Vorlesungen später als unerträglich langweilig beschrieb. Auch Goethe hat den Streit zwischen Neptunisten und Vulkanisten in seinem Faust verarbeitet.

    Am Ende hatte Hutton recht, und ohne seine Tiefenzeit hätte Darwin seine Evolutionstheorie kaum denken können. Hutton starb 1797 und liegt im Greyfriars Kirkyard, in der Altstadt. Geh nun am Zeltdach vorbei nach Süden zum Queen's Drive und auf die Felswand zu, die dir schon die ganze Zeit über die Schulter schaut.

  3. 3. Salisbury Crags & Radical Road

    Queen's Drive, Holyrood Park, Edinburgh EH8, UK

    Vor dir steigt eine senkrechte Wand aus rötlich-grauem Fels auf, oben gerade abgeschnitten wie mit einem Messer, unten ein Hang aus Geröll und Ginster. Am Fuß der Wand zieht sich ein Pfad entlang, und an seinem Anfang steht ein Zaun mit Warnschildern. Willkommen an den Salisbury Crags.

    Der Fels ist ein sogenannter Lagergang, ein Dolerit. Vor über 300 Millionen Jahren presste sich glühendes Magma zwischen Schichten aus Sandstein und erstarrte dort, tief unter der Erdoberfläche. Eiszeitgletscher haben später das weichere Gestein darüber abgehobelt, und übrig blieb diese harte Kante, die heute über der Stadt thront. Am Südende der Wand liegt Hutton's Section, eine Stelle, an der James Hutton zeigen konnte, dass das Magma heiß in das Gestein eingedrungen war... ein Schlüsselbeweis seiner Theorie.

    Der Pfad unter der Wand heißt Radical Road, und sein Name ist Politik. 1820 erhoben sich in Westschottland Weber und Arbeiter gegen Hunger und Lohnkürzungen, der Aufstand wurde niedergeschlagen, und viele standen ohne Arbeit da. Auf Anregung von Walter Scott gab man arbeitslosen Webern die Aufgabe, diesen Weg anzulegen. Die Radikalen bauten also eine Promenade für die feinen Leute von Edinburgh.

    Seit 2018 ist der Weg gesperrt. Damals brachen große Felsbrocken aus der Wand und stürzten auf den Pfad, und seither prüfen Fachleute, wie sicher die Crags noch sind. Bitte respektiere den Zaun, auch wenn er noch so verlockend aussieht. Der Fels ist nämlich nicht nur von der Natur bearbeitet worden: Im 18. und frühen 19. Jahrhundert wurde hier im großen Stil Stein gebrochen, unter anderem für Pflastersteine, bis ein Gerichtsverfahren den Abbau beendete.

    Bedenke einmal: Du stehst keine zehn Minuten vom Parlament entfernt, und vor dir liegt eine Landschaft aus Vulkangestein, Gletscherschliff und Wildblumen. Kaum eine Hauptstadt der Welt hat so etwas in ihrem Zentrum. Folge jetzt dem Queen's Drive nach Nordosten, an den Wiesen entlang, bis zu einem kleinen gotischen Brunnenhaus, das in den Hang gebaut ist.

  4. 4. St Margaret's Well

    Queen's Drive, Holyrood Park, Edinburgh EH8, UK

    Such am Fuß des Hangs nach einer niedrigen Steinfassade mit einem Spitzbogen und einem Gitter davor, fast versteckt im Gras. Wenn du durch das Gitter spähst, siehst du im Halbdunkel ein kleines Gewölbe und vielleicht das Glitzern von Wasser. Das ist St Margaret's Well, und es ist ein Flüchtling.

    Ursprünglich stand dieses Brunnenhaus nicht hier, sondern im Dorf Restalrig, ein Stück weiter östlich. Es stammt aus dem späten Mittelalter, und unter seinem Gewölbe sammelte sich eine Quelle, der man heilende Kräfte nachsagte. Im 19. Jahrhundert sollte an der Stelle ein Eisenbahngelände entstehen, und das Häuschen drohte unter Schienen und Schuppen zu verschwinden.

    Also trug man es Stein für Stein ab und baute es hier im Park wieder auf, über einer anderen Quelle. Ein mittelalterliches Bauwerk, das umgezogen ist wie ein Möbelstück, das passt zu einer Stadt, die ganze Seen trockenlegt und Hügel aus Kellerschutt aufschüttet.

    Der Name erinnert an Margaret, die Königin Schottlands im 11. Jahrhundert. Sie war eine englische Prinzessin, die im Exil in Ungarn aufgewachsen war, heiratete König Malcolm den Dritten und brachte Frömmigkeit, Kirchenreformen und eine Fähre über den Firth of Forth ins Land, nach der bis heute der Ort Queensferry benannt ist. Sie starb 1093 und wurde später heiliggesprochen. Ihr Sohn David der Erste gründete, so will es die Legende, nicht weit von hier die Abtei von Holyrood, nachdem ihm auf der Jagd ein Hirsch mit einem leuchtenden Kreuz zwischen dem Geweih erschienen war. Holy Rood bedeutet heiliges Kreuz.

    Der ganze Park war jahrhundertelang königliches Jagdrevier, und im 16. Jahrhundert ließ König Jakob der Fünfte eine Mauer darum ziehen. Die Hirsche sind längst verschwunden, aber Füchse, Hasen und Greifvögel leben hier noch, mitten in der Stadt. Geh nun weiter am Queen's Drive entlang nach Osten, bis sich rechts ein See öffnet, auf dem Schwäne ihre Kreise ziehen, und über dem eine Ruine auf dem Felsen steht.

  5. 5. St Margaret's Loch

    Queen's Drive, Holyrood Park, Edinburgh EH8, UK

    Vor dir liegt ein flacher See, Schwäne gleiten über das Wasser, Graugänse zupfen am Ufer, und auf dem Felsen darüber steht eine einzelne zerbrochene Mauer mit einem leeren Fensterbogen. Es sieht aus wie eine romantische Landschaft aus dem Bilderbuch... und genau so war es auch gedacht.

    Denn dieser See ist nicht natürlich. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts lag hier ein sumpfiges Feuchtgebiet. Dann kam ein Mann mit Plänen, und er kam aus Deutschland: Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, der Ehemann von Königin Victoria.

    Albert war ein leidenschaftlicher Verbesserer. Er interessierte sich für Landwirtschaft, Wissenschaft, Kanalisation und Parkgestaltung, und als die königliche Familie in den Palast nebenan kam, gefiel ihm der verwilderte Park gar nicht. Auf seine Anregung hin wurden Sümpfe trockengelegt, Wege angelegt und eine Straße rund um den Berg gebaut, der Queen's Drive, auf dem du gerade gegangen bist. Und in den 1850er-Jahren wurde dieser See ausgehoben.

    So hat ein Prinz aus Coburg einem schottischen Vulkan seinen Feinschliff verpasst. Die viktorianische Idee dahinter: Natur sollte erhaben und malerisch sein, aber zugleich geordnet und zugänglich, für die Königin in ihrer Kutsche ebenso wie für die Arbeiter aus der Altstadt, die hier am Sonntag frische Luft schnappten. Diese Mischung aus Wildnis und Gestaltung prägt den Park bis heute.

    Albert starb 1861, mit nur 42 Jahren, und Victoria trauerte für den Rest ihres langen Lebens. Edinburgh setzte ihm ein Denkmal, ausgerechnet am Charlotte Square in der New Town: ein Reiterstandbild von John Steell, das die Königin 1876 selbst enthüllte. Wer den Spaziergang durch die New Town kennt, ist dem Prinzen dort vielleicht schon begegnet. Hier im Park aber steht sein eigentliches Denkmal, eines aus Wasser, Schilf und Wegen. Ein kleiner Hinweis noch: Füttere die Vögel bitte nicht mit Brot, es schadet ihnen und dem Wasser. Jetzt wird es ein wenig steiler. Nimm den Pfad, der vom Ostende des Sees den Hang hinaufführt, zu der Ruine, die du schon die ganze Zeit siehst.

  6. 6. St Anthony's Chapel

    Holyrood Park, Edinburgh EH8, UK

    Lehn dich an die alte Mauer und schau nach Norden. Unter dir der See, dahinter die Dächer von Leith und das graue Band des Firth of Forth, und am Horizont die Hügel von Fife. Von der Kapelle selbst ist nicht viel geblieben: eine hohe Giebelwand mit einem Fenster, durch das der Wind pfeift, und ein paar Grundmauern im Gras.

    St Anthony's Chapel wird im 15. Jahrhundert erstmals erwähnt. Wer sie gebaut hat und wozu genau, ist bis heute nicht ganz geklärt. Viele Historiker verbinden sie mit dem Orden des heiligen Antonius, der in Leith ein Spital betrieb und sich um Kranke kümmerte, besonders um Menschen mit dem sogenannten Antoniusfeuer, einer qualvollen Vergiftung durch Mutterkorn im Brot. Die Kranken litten an brennenden Schmerzen in Händen und Füßen, und im Mittelalter hielt man den heiligen Antonius für ihren Schutzpatron. Eine Kapelle hoch über dem Hafen, mit Blick auf das Spital in Leith, würde gut zu diesem Orden passen.

    Und dann ist da noch eine reizvolle Theorie. Die Kapelle steht so auffällig auf ihrem Felsvorsprung, dass man sie von den Schiffen auf dem Firth gut sehen konnte. Manche glauben, dass hier ein Licht brannte, eine Art Leuchtfeuer für Seeleute. Belegt ist das nicht, aber wenn du aufs Wasser schaust, verstehst du, warum die Idee so verlockend ist.

    Nach der Reformation im 16. Jahrhundert verfiel die Kapelle, wie so viele katholische Bauten in Schottland. Steine wurden weggetragen, das Dach stürzte ein, und übrig blieb diese Wand. Walter Scott hat die Gegend um den Park in seinem Roman Das Herz von Midlothian zum Schauplatz gemacht, und seit seiner Zeit gehört die Ruine zu den Lieblingsmotiven der Maler und Fotografen.

    Unterhalb der Kapelle, zwischen den Felsen, siehst du vielleicht einen großen Stein, an dem früher eine Quelle entsprang, St Anthony's Well. Hier beginnt der eigentliche Aufstieg. Steig hinunter in die kleine Senke hinter der Kapelle, das Dry Dam, und folge dem Pfad nach Süden ins lange, grüne Tal zwischen den Crags und dem Gipfel.

  7. 7. Hunter's Bog

    Holyrood Park, Edinburgh EH8, UK

    Bleib einen Moment stehen und hör hin. Links die Rückseite der Salisbury Crags, rechts die Flanke von Arthur's Seat, und dazwischen ein langes, stilles Tal aus Gras, Binsen und Ginster. Du hörst Vögel, Wind, vielleicht einen Hund in der Ferne... aber keinen einzigen Motor.

    Das ist Hunter's Bog, und es ist einer der seltsamsten Orte Edinburghs. Du bist kaum einen Kilometer von der Royal Mile entfernt, und doch sieht man von hier unten kein einziges Haus. Die Hügel ringsum schirmen die Stadt vollständig ab, und es fühlt sich an, als wärst du irgendwo in den Highlands. Im Frühsommer blüht der Ginster hier leuchtend gelb und duftet nach Kokos, und über dem Gras hängen Feldlerchen und singen, als gäbe es keine Stadt.

    Der Name erzählt von der Vergangenheit. Bog heißt Moor oder Sumpf, und lange war dieses Tal nass und kaum zu begehen. Die Jäger im Namen erinnern an die Zeit, als der Park königliches Jagdrevier war und schottische Könige von ihrem Palast aus hier Hirsche und Wild jagten. Später, als man das Tal entwässerte, nutzte das Militär es eine Zeit lang als Schießplatz, gut geschützt durch die Felswände ringsum.

    Geologisch liest du hier die Anatomie eines Vulkans. Arthur's Seat ist der Rest eines Vulkans, der vor rund 340 Millionen Jahren aktiv war, in einer Zeit, als Schottland nahe am Äquator lag. Gletscher der Eiszeiten haben ihn später zerschnitten und abgeschliffen, und dieses Tal folgt einer der weicheren Zonen, die das Eis ausgeräumt hat. Die Felsen, auf die du gleich steigst, sind erstarrte Lava und Schlote aus dieser Zeit.

    Jetzt kommt der anstrengendste Teil des Spaziergangs. Der Pfad steigt am Ende des Tals deutlich an, wird oben felsig und kann bei Nässe rutschig sein, also nimm dir Zeit und achte auf deine Schritte. Folge dem Weg nach Südosten bergauf, über den Sattel, und dann die letzten Felsstufen hinauf zum höchsten Punkt von Edinburgh.

  8. 8. Gipfel von Arthur's Seat

    Arthur's Seat, Holyrood Park, Edinburgh EH8, UK

    Geschafft. Du stehst auf dem höchsten Punkt von Edinburgh, 251 Meter über dem Meer, neben dem kleinen Vermessungspunkt auf dem nackten Fels, und der Wind zerrt an deiner Jacke. Dreh dich langsam einmal im Kreis: die Burg, die Altstadt, das Meer, die Hügel von Fife, die Pentland Hills im Süden.

    Woher der Name kommt, weiß niemand genau. Die schönste Erklärung verbindet ihn mit König Artus, und tatsächlich spielen manche alten Artus-Erzählungen im Süden Schottlands. Andere Forscher vermuten ein gälisches Wort dahinter, Àrd-na-Saighead, was so viel wie Höhe der Pfeile bedeuten könnte. Bewiesen ist keine dieser Deutungen, und vielleicht ist das auch gut so.

    Eine der rätselhaftesten Geschichten des Bergs begann 1836. Ein paar Jungen, die an den Hängen nach Kaninchen suchten, fanden in einer kleinen Felsnische siebzehn winzige Holzsärge, jeder kaum länger als eine Hand, und in jedem eine geschnitzte Puppe, sorgfältig gekleidet. Wer sie dort versteckt hat und warum, ist bis heute ungeklärt. Manche sehen darin einen Zauber, andere ein stilles Gedenken an die Opfer von Burke und Hare. Acht der Särge sind erhalten und liegen heute im National Museum of Scotland.

    Und wenn du am 1. Mai im Morgengrauen hier oben bist, wirst du nicht allein sein. Seit Generationen steigen Edinburgher dann auf den Berg, um die Sonne aufgehen zu sehen und sich das Gesicht mit dem Morgentau zu waschen, der nach altem Glauben schön macht. Unten am Südhang, über der Straße nach Duddingston, siehst du übrigens die Samson's Ribs, eine Wand aus mächtigen Basaltsäulen, die beim Abkühlen der Lava entstanden.

    Hier oben, auf dem Kopf eines Vulkans, der seit Hunderten Millionen Jahren schweigt, schrumpft eine ganze Hauptstadt auf Spielzeuggröße. James Hutton hätte seine Freude gehabt. Steig jetzt vorsichtig auf der Ostseite hinunter, der Weg ist steil und steinig, bis zu einem kleinen See, der in einer Mulde unter einem grünen Hügel liegt.

  9. 9. Dunsapie Loch

    Queen's Drive, Holyrood Park, Edinburgh EH8, UK

    Nach dem steilen Abstieg öffnet sich vor dir eine kleine, runde Wasserfläche, eingebettet in eine Mulde, mit Schilf am Rand und Gänsen, die mit Ausdauer um jeden Krümel streiten. Darüber wölbt sich ein grüner, kegelförmiger Hügel, und hinter dir ragt noch einmal der Gipfel auf, von dem du gerade kommst. Das ist Dunsapie Loch.

    Wie St Margaret's Loch ist auch dieser See ein Werk des 19. Jahrhunderts, angelegt im Zuge der großen Parkverbesserung, als auch die Straße rund um den Berg entstand. Man staute das Wasser in einer natürlichen Senke auf, und so entstand ein Spiegel, der bei ruhigem Wetter den Hügel darüber verdoppelt. Fotografen lieben diesen Ort, besonders am Abend.

    Der Hügel über dem See, Dunsapie Hill, ist viel älter als jede Parkgestaltung. Auf seiner Kuppe erkennen Archäologen die Spuren eines Forts aus der Eisenzeit, Wälle aus Erde und Stein, die vor über zweitausend Jahren eine Siedlung schützten. Überhaupt ist der Holyrood Park voller solcher Spuren: alte Ackerterrassen an den Hängen, Reste weiterer Befestigungen. Lange bevor es eine Stadt Edinburgh gab, lebten hier oben Menschen und hielten Ausschau. Von diesen Höhen aus sahen sie jedes Boot im Firth und jeden Rauch in der Ebene, und wer den Berg hielt, kontrollierte das Land ringsum.

    Schau von hier aus nach Osten. Du siehst über die Vororte hinweg nach East Lothian, auf die Küste und bei klarem Wetter bis zum kegelförmigen North Berwick Law, einem weiteren alten Vulkan. Die ganze Landschaft um Edinburgh ist gespickt mit diesen erloschenen Feuerbergen, auch der Burgfelsen und der Calton Hill gehören dazu. Edinburgh ist, geologisch gesprochen, eine Stadt, die auf und zwischen Vulkanen gebaut wurde.

    Genieße die Stille noch einen Moment, denn gleich geht es wieder bergab. Der nächste See, den du siehst, ist kein künstlicher Spiegel mehr, sondern ein echter, alter, natürlicher Loch, mit Schilf, Vögeln und einer langen Geschichte. Folge dem Pfad nach Süden den Hang hinunter, bis du auf die schmale Straße am Ufer des Duddingston Loch stößt.

  10. 10. Duddingston Loch

    Duddingston Low Road, Holyrood Park, Edinburgh EH15, UK

    Vor dir breitet sich ein stiller See aus, gesäumt von dichtem Schilf, mit Enten, Reihern und vielleicht einem Kormoran, der seine Flügel zum Trocknen ausbreitet. Am anderen Ufer leuchtet ein weißer Kirchturm zwischen den Bäumen. Das ist Duddingston Loch, der einzige natürliche See, den Edinburgh noch hat.

    Erinnerst du dich an das Gemälde, von dem am Parlament die Rede war? Hier spielt es. Ein Pfarrer in schwarzem Rock und mit Hut gleitet mit verschränkten Armen über das Eis, elegant und ein bisschen komisch zugleich. Das Bild, der Skating Minister, wird meist Henry Raeburn zugeschrieben und zeigt der Überlieferung nach den Reverend Robert Walker. Es hängt in der Scottish National Gallery und ist so etwas wie Schottlands Mona Lisa geworden, auch wenn Kunsthistoriker über den Maler noch streiten.

    Eislaufen auf dem Duddingston Loch hatte Tradition. Im 18. Jahrhundert gründete sich in Edinburgh einer der ersten Eislaufclubs der Welt, und es heißt, wer aufgenommen werden wollte, musste auf einem Fuß einen Kreis fahren und über drei übereinandergelegte Hüte springen. Auch Curling wurde hier gespielt, und Anfang des 19. Jahrhunderts schrieb die Curling-Gesellschaft von Duddingston eines der frühesten Regelwerke dieses Sports.

    Noch viel älter ist ein Fund aus dem Schlamm. 1778 holten Arbeiter beim Ausbaggern Schwerter, Speerspitzen und andere Bronzegegenstände aus dem See, Waffen aus der Bronzezeit, die hier vor fast dreitausend Jahren versenkt worden waren, vielleicht als Opfergabe. Seen waren für die Menschen damals Grenzen zu einer anderen Welt, und vieles von dem, was Archäologen in Europas Mooren und Seen finden, wurde ganz bewusst dort hineingeworfen. Ein Teil des Funds wird heute in Edinburghs Museen aufbewahrt.

    Heute ist der See ein Vogelschutzgebiet, und das Schilf gehört Teichhühnern, Rohrsängern und im Winter Scharen von Zugvögeln. Bitte bleib auf den Wegen. Geh jetzt die Straße nach Osten entlang ins Dorf Duddingston, zu der weißen Kirche auf ihrem kleinen Hügel, dem letzten Halt dieses Spaziergangs.

  11. 11. Duddingston Kirk & Sheep Heid Inn

    Old Church Lane, Duddingston, Edinburgh EH15, UK

    Bleib am Kirchentor stehen, bevor du hineingehst. Links an der Mauer hängt an einer Kette ein eiserner Halsring, und daneben liegt ein steinerner Treppenblock. Und am Eingang des Kirchhofs steht ein kleiner, zweistöckiger Turm, der so gar nicht nach Kirche aussieht.

    Jedes dieser Dinge erzählt eine eigene Geschichte. Der Halsring heißt Joug, ein Pranger: Wer in der Gemeinde gesündigt hatte, wurde hier angekettet und musste die Blicke der Kirchgänger ertragen. Der Steinblock ist ein Loupin-on Stane, eine Aufstiegshilfe, damit Kirchgänger bequem auf ihre Pferde steigen konnten. Und der Turm am Tor wurde in den 1820er-Jahren gebaut, damit Wächter nachts die frischen Gräber bewachen konnten, gegen die Leichendiebe, die Tote an die Anatomen der Universität verkauften.

    Die Kirche selbst ist eine der ältesten in Edinburgh, ihre Ursprünge reichen ins 12. Jahrhundert zurück, und an der Südseite erkennst du noch einen romanischen Torbogen mit Zickzackmuster. Im 19. Jahrhundert war hier John Thomson Pfarrer, zugleich einer der besten Landschaftsmaler Schottlands, befreundet mit Walter Scott und William Turner. Unten am Seeufer steht noch ein kleiner Turm, den er als Atelier nutzte. Wenn unangemeldeter Besuch kam, so erzählt man, ließ er ausrichten, er sei in Edinburgh, was streng genommen ja auch stimmte, denn der Turm hieß bei ihm Edinburgh.

    Und jetzt geh ein paar Schritte die Dorfstraße hinauf zum Sheep Heid Inn. Das Gasthaus behauptet von sich, seine Wurzeln reichten bis ins Jahr 1360 zurück, was es zu einem der ältesten Wirtshäuser Schottlands machen würde, und es besitzt eine historische Kegelbahn im Hinterhof. Im September 1745 lagerte Bonnie Prince Charlie mit seinem Jakobitenheer hier in Duddingston, bevor er bei Prestonpans die Regierungstruppen schlug.

    Damit endet dein Weg: vom modernsten Gebäude Schottlands über einen 340 Millionen Jahre alten Vulkan bis in ein Dorf, in dem die Zeit stehen geblieben scheint. Hutton hat gelehrt, dass alles, was du heute gesehen hast, nur ein Augenblick in einer endlosen Geschichte ist. Setz dich also ruhig für einen Moment hin... du hast dir diese Pause wirklich verdient.