Magisches Prag: Golem, Alchemisten und die Geheimnisse der Karlsbrücke

Ein Spaziergang durch die verwinkelten Gassen der Goldenen Stadt, vom jüdischen Ghetto bis zur Prager Burg

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  1. 1. Altstädter Ring & Die Astronomische Uhr: Das Rad der Zeit

    Staroměstské nám. 1, 110 00 Praha 1

    Bleib genau hier auf dem Pflaster des Altstädter Rings stehen und wende deinen Blick zur Südwand des Rathauses hinauf. Du blickst auf die Prager Astronomische Uhr, die Orloj. Seit dem Jahr vierzehnhundertzehn drehen sich ihre kunstvollen Zahnräder: Sie ist die älteste noch funktionierende astronomische Uhr der Welt.

    Wenn die Glocke zur vollen Stunde schlägt, erwacht die Fassade zum Leben. Das Skelett des Todes zieht an einem Seil und dreht eine Sanduhr um, zwei blaue Fensterflügel öffnen sich, und die zwölf geschnitzten Apostel ziehen grüßend an den staunenden Menschen vorüber, bevor ein goldener Hahn laut mit den Flügeln schlägt. Neben dem Zifferblatt warnen drei weitere Figuren vor den menschlichen Todsünden: Eitelkeit mit einem Spiegel, Habgier mit einem Geldbeutel und Wollust mit einer Laute.

    Eine düstere Legende erzählt, dass die Prager Ratsherren den Uhrmacher Meister Hanuš nach Vollendung des Werkes blenden ließen, damit er nie wieder eine so prächtige Uhr für eine andere Stadt erbauen konnte. Der sterbende Meister soll daraufhin in das Uhrwerk gegriffen und den Mechanismus für Jahrzehnte zum Stillstand gebracht haben.

    Drehe dich nach Norden und folge der eleganten Pariser Straße in das Herz der historischen jüdischen Gemeinde Josefov.

  2. 2. Altneu-Synagoge & Die Legende des Golem: Der Lehmmensch

    Červená, 110 00 Praha 1-Josefov

    Tritt vor die steilen Backsteingiebel der Altneu-Synagoge und lass deinen Blick über die trutzigen Strebepfeiler wandern. Erbaut um zwölfhundertsiebzig im frühgotischen Stil, ist dieses Gotteshaus die älteste noch genutzte Synagoge in ganz Europa. Weil sie tiefer liegt als das umgebende Straßenniveau, musst du einige Stufen hinabsteigen: eine Anspielung auf den biblischen Psalm Aus den Tiefen rufe ich, Herr, zu dir.

    Schau hinauf zur schmalen eisernen Leiter an der Außenwand, die zum Dachboden führt: Dort oben ruht der Überlieferung nach das größte Geheimnis Prags: die sterblichen Reste des Golem. Im späten sechzehnten Jahrhundert formte der weise Rabbi Judah Löw ben Bezalel am Ufer der Moldau eine riesige Menschengestalt aus feuchtem Lehm.

    Durch geheime kabbalistische Formeln und ein Pergament mit dem heiligen Namen Gottes, den Schem, den der Rabbi dem Koloss unter die Zunge legte, erwachte der Golem zum Leben. Er beschützte das jüdische Ghetto vor Pogromen und Verleumdungen. Doch als der Golem eines Freitags außer Kontrolle geriet und tobte, riss ihm Rabbi Löw den Zauberzettel heraus. Der Koloss zerfiel zu Staub.

    Bis heute ist das Betreten des Dachbodens strengstens untersagt. Gehe wenige Schritte weiter zum Alten Jüdischen Friedhof.

  3. 3. Alter Jüdischer Friedhof & Rabbi Löws Grab: Wald aus Stein

    Široká, 110 00 Praha 1-Josefov

    Halte an der Friedhofsmauer inne und blicke in dieses atemberaubende, wellenförmige Meer aus zwölftausend schiefen, moosbedeckten Grabsteinen. Weil die christlichen Herrscher den Juden über Jahrhunderte verboten, Friedhofsland außerhalb der engen Ghettomauern zu erwerben, und das jüdische Religionsgesetz das Auflösen von Gräbern verbietet, schütteten die Totengräber immer wieder neue Erdschichten auf: Bis zu zwölf Schichten von Verstorbenen ruhen hier übereinander.

    Schau auf die kunstvoll gemeißelten Symbole auf den verwitterten Steinen: Segnende Hände kennzeichnen Nachkommen des Hohepriesters Aaron, Weinkannen stehen für den Stamm der Leviten, und Tiere wie Hirsche, Bären oder Löwen verweisen auf die Namen der Verstorbenen.

    Im Schatten alter Holunderbäume steht das Grabmal von Rabbi Judah Löw, der im Jahr sechzehnhundertneun starb. Noch heute kommen Menschen aus aller Welt hierher, um kleine Kieselsteine und handgeschriebene Zettelchen mit ihren sehnlichsten Wünschen auf den Sarkophag zu legen, in der Gewissheit, dass der Schöpfer des Golem Fürsprache einlegt.

    Atme die andächtige Stille ein, bevor wir durch die Kreuzherrengasse zum Ufer der Moldau und zur Karlsbrücke treten.

  4. 4. Karlsbrücke: Die Heiligen über der Moldau

    Karlův most, 110 00 Praha 1

    Tritt unter dem mächtigen gotischen Altstädter Brückenturm hindurch auf die breiten Sandsteinquader der Karlsbrücke. Spüre den Wind von der Moldau und blicke entlang dieser fünfhundertsechzehn Meter langen Allee aus dreißig barocken Statuen hinauf zur Prager Burg. Kaiser Karl der Vierte ließ das Wunderwerk im Jahr dreizehnhundertsiebenundfünfzig durch Hofbaumeister Peter Parler errichten.

    Der Kaiser war besessen von Astrologie und Numerologie. Hofastrologen berechneten den exakten kosmischen Glücksmoment für die Grundsteinlegung: das Jahr dreizehnhundertsiebenundfünfzig, am neunten Juli um fünf Uhr einunddreißig. Liest man diese Zahlenreihe aneinander, ergibt sich ein vollkommenes Palindrom: eins, drei, fünf, sieben, neun, sieben, fünf, drei, eins! Der Volksmund weiß zudem, dass zehntausende Eier in den Kalkmörtel gerührt wurden, um die Brücke unzerstörbar zu machen.

    Halte an der Bronzestatue des Heiligen Johannes von Nepomuk an: Er war Beichtvater der Königin und weigerte sich, König Wenzel dem Vierten das Beichtgeheimnis zu verraten. Im Jahr dreizehnhundertdreiundneunzig ließ ihn der jähzornige König von dieser Brücke in die Moldau stürzen.

    Berühre das blankgeriebene Relief unter Nepomuks Füßen für ewiges Glück. Wir erreichen das Kleinseitner Ufer.

  5. 5. Kleinseite & Die Nerudagasse: Die Zeichen der Vorväter

    Nerudova 213/20, 118 00 Praha 1

    Beginne den steilen Aufstieg über das Kopfsteinpflaster der Nerudagasse und hebe deinen Blick zu den barocken Fassaden empor. Du befindest dich auf dem steilsten Abschnitt des königlichen Krönungswegs. Bevor Kaiserin Maria Theresia im Jahr siebzehnhundertsiebzig fortlaufende Hausnummern einführte, orientierten sich die Prager Bürger ausschließlich an den kunstvollen Hauszeichen über den Portalen.

    Schau dich um: Dort siehst du das Haus Zu den zwei Sonnen, das Haus Zum goldenen Kelch, Zum roten Löwen und Zu den drei Geigen. Im Haus Zu den drei Geigen lebten im siebzehnten Jahrhundert drei berühmte Geigenbauerfamilien nacheinander, deren Instrumente an Europas Fürstenhöfen hoch begehrt waren.

    Im Haus Zu den zwei Sonnen am oberen Ende der Gasse wuchs der berühmte tschechische Schriftsteller Jan Neruda auf, dessen Kleinseitner Geschichten das Alltagsleben dieses Viertels unsterblich machten. Der chilenische Nobelpreisträger Ricardo Reyes war so fasziniert von ihm, dass er den Dichternamen Pablo Neruda als sein Pseudonym wählte.

    Oben angelangt öffnet sich der weite Hradschin-Platz mit einem grandiosen Blick über die roten Ziegeldächer Prags.

  6. 6. Prager Burg & Der Veitsdom: Das Herz Böhmens

    Hradčany, 119 08 Praha 1

    Schreite durch das Ehrentor der Prager Burg, bewacht von steinernen Riesen und den Burgwachen, und tritt in den dritten Burghof. Plötzlich erhebt sich vor dir die gigantische Westfassade des Veitsdoms: Mit ihren fast einhundert Meter hohen Türmen und Strebepfeilern raubt die Kathedrale jedem Betrachter den Atem. Mit einer Fläche von fast siebzigtausend Quadratmetern gilt die Prager Burg laut Guinness-Buch der Rekorde als das größte geschlossene Burgareal der Welt.

    Der Bau des Veitsdoms begann im Jahr dreizehnhundertvierundvierzig unter dem französischen Baumeister Matthias von Arras und dem genialen Peter Parler. Doch Kriege und Geldmangel verzögerten die Fertigstellung um sage und schreibe sechshundert Jahre: Erst im Jahr neunzehnhundertneunundzwanzig wurde die Kathedrale endgültig feierlich geweiht!

    Tief im Inneren der Wenzelskapelle ruhen die böhmischen Kronjuwelen mit der goldenen Wenzelskrone hinter einer eisernen Tür mit sieben Schlössern. Die Schlüssel werden von sieben Spitzenvertretern des tschechischen Staates getrennt verwahrt. Eine finstere Legende besagt: Wer sich die Krone unrechtmäßig aufs Haupt setzt, stirbt binnen eines Jahres eines gewaltsamen Todes.

    Blicke zur bunten Jugendstil-Glasmalerei von Alfons Mucha, bevor wir zum Goldenen Gässchen spazieren.

  7. 7. Das Goldene Gässchen: Die Alchemisten von Rudolf II.

    Zlatá ulička u Daliborky, 119 00 Praha 1

    Beende deinen Spaziergang im verträumten Kopfsteinpflaster des Goldenen Gässchens. Drücke deinen Rücken an die alte Burgmauer und staune über die winzigen, bunt bemalten Häuschen, die wie Puppenstuben direkt in die spätgotischen Wehrmauern der Burg hineingebaut wurden. Ende des sechzehnten Jahrhunderts erlaubte Kaiser Rudolf der Zweite den Schützen der Burgwache, diese schmalen Verschläge zu errichten.

    Rudolf der Zweite war besessen von Okkultismus, Alchemie und Magie. Er verwandelte Prag in die Hauptstadt der Alchemisten Europas und lud illustre Geister wie Edward Kelley und John Dee ein, um aus unedlem Blei Gold zu brennen und das Elixier des ewigen Lebens zu brauen. Obwohl viele Goldmacher in Wirklichkeit im Prager Burgviertel residierten, gab der Volksmund dieser Gasse ihren legendären Namen.

    Schau auf das kleine blaue Haus Nummer zweiundzwanzig: Im eisigen Winter von neunzehnhundertsechzehn bis neunzehnhundertsiebzehn mietete der kränkelnde Franz Kafka dieses winzige Häuschen von seiner Schwester Ottla. In der absoluten nächtlichen Stille dieser Gasse schrieb Kafka viele seiner unheimlichsten Erzählungen für den Band Ein Landarzt.

    Wenn die Dämmerung herabsinkt und die Laternen ihr goldenes Licht auf das Pflaster werfen, spürst du die unvergängliche Magie Prags: der Stadt der Könige, Träumer und unsterblichen Geschichten.