Venedigs Glanz: Markusplatz, Dogenpalast und die Seufzerbrücke
Ein Spaziergang durch das Herz der Serenissima—von byzantinischen Mosaiken und Seidenstraßen-Händlern bis zum geheimen Rat der Zehn
Venice · 7 stops · 9 min audio · Generated
-
1. Der Markusplatz: Das Herz der Republik San Marco
Piazza San Marco, 30124 Venezia VE
Bleib genau hier in der Mitte des Markusplatzes stehen und blicke über das weite Pflaster aus istrischem Stein. Napoleon Bonaparte nannte diesen Platz einst den schönsten Salon der Welt. Über eintausend Jahre lang war diese Piazza das repräsentative und politische Epizentrum der Seerepublik Venedig, der stolzen Serenissima, die über das gesamte östliche Mittelmeer herrschte.
Schau hinüber zur Molo am Ufer: Dort ragen zwei riesige monolithische Granitsäulen empor, die Venedig im zwölften Jahrhundert aus Konstantinopel herbeischaffte. Auf der einen Säule thront der geflügelte Markuslöwe, auf der anderen der Heilige Theodor mit seinem Krokodil. Zwischen diesen beiden Säulen fanden früher die Hinrichtungen statt—weshalb abergläubische Venezianer bis heute niemals zwischen ihnen hindurchgehen.
Vor dir ragt der fast hundert Meter hohe Campanile empor. Als der ursprüngliche Turm im Juli neunzehnhundertzwei plötzlich in sich zusammenfiel, beschlossen die Bürger, ihn genau so wiederaufzubauen, wie er war und wo er war—com'era, dov'era.
Tritt näher an die funkelnden Mosaiken des Markusdoms heran.
-
2. Der Markusdom: Die Goldene Basilika der Evangelisten
Piazza San Marco, 30124 Venezia VE
Tritt vor die Westfassade des Markusdoms und hebe deinen Blick zu den fünf byzantinischen Kuppeln und den tiefen Marmorportalen. Siehst du die goldenen Mosaiken in den Bögen? Sie erzählen die kühne Legende, wie venezianische Kaufleute im Jahr achthundertachtundzwanzig die Gebeine des Heiligen Markus aus Alexandria stahlen, indem sie den Leichnam unter Schweinefleisch versteckten, um die muslimischen Zöllner abzuschrecken.
Schau auf die Galerie über dem Hauptportal: Dort stehen die Kopien der vier berühmten Bronzepferde von San Marco. Die vergoldeten antiken Pferde wurden beim Vierten Kreuzzug im Jahr zwölfhundertvier aus dem Hippodrom von Konstantinopel geraubt und schmücken seither die Frontseite des Doms.
Im Dämmerlicht des Kirchenschiffs glänzen über achttausend Quadratmeter Goldgrundmosaiken. Hinter dem Hochaltar verbirgt sich die Pala d'Oro, eines der kostbarsten Altarbilder der Menschheit, besetzt mit fast zweitausend Edelsteinen, Perlen und byzantinischen Emailleplatten.
Biege nun nach rechts ab und blicke auf die rosafarbene Marmorfassade des Dogenpalastes.
-
3. Der Dogenpalast: Thron der Seerepublik und Rat der Zehn
Piazza San Marco 1, 30124 Venezia VE
Betrachte die atemberaubende gotische Fassade des Dogenpalastes, die auf leichten Säulenarkaden ruht und mit geometrischen Mustern aus weißem istrischem Kalkstein und rosa Veroneser Marmor verkleidet ist. Dieser Palast war über viele Jahrhunderte Wohnsitz des gewählten Staatsoberhauptes, des Dogen, und Sitz aller Ministerien der Republik.
Achte auf die Arkaden im ersten Stock: Zwischen den Arkadenbögen zur Piazzetta hin heben sich zwei Säulen aus rötlichem Marmor ab. Genau hier stand der Doge, wenn er Todesurteile verkündete und Verurteilte vor dem versammelten Volk anprangerte.
Im Inneren liegt der Saal des Großen Rates, einer der größten säulenlosen Säle Europas. An seiner Stirnwand erstreckt sich Tintorettos Paradies, ein monumentales Ölgemälde von zweiundzwanzig Metern Breite. Nebenan tagte der gefürchtete Rat der Zehn, der Geheimdienst der Republik, der anonyme Denunziationen durch die steinernen Löwenmäuler, die Bocche di Leone, entgegennahm.
Tritt hinaus an den Kanal Rio di Palazzo und schau hinauf zur Seufzerbrücke.
-
4. Die Seufzerbrücke: Letzter Blick vor dem Kerker
Piazza San Marco 1, 30124 Venezia VE
Blicke von der Ponte della Paglia hinauf zu dem filigranen Bogen aus weißem Kalkstein, der hoch über dem dunklen Wasser des Kanals den Dogenpalast mit dem Gefängnisbau der Prigioni Nuove verbindet. Dies ist die weltberühmte Seufzerbrücke, der Ponte dei Sospiri, erbaut um das Jahr sechzehnhundert von Antonio Contin.
Ihren romantisch klingenden Namen erhielt die Brücke nicht von Liebenden, sondern von Lord Byron im neunzehnten Jahrhundert. Er dachte an das schwere Seufzen der Verurteilten, die nach ihrem Spruch vor den Inquisitoren über diese geschlossene Doppelgangbrücke in die dunklen Zellen geführt wurden und durch die kleinen Steinvergitterungen ihren allerletzten Blick auf die freie Lagune warfen.
Unter dem Bleidach des Palastes lagen die gefürchteten Piombi, die Bleikammern, in denen Giacomo Casanova siebzehnhundertfünfundfünfzig eingesperrt war. Casanova gelang in einer legendären Nacht die spektakuläre Flucht durch das Bleidach und die Dachfenster in die Freiheit.
Wende dich nun der weiten Uferpromenade der Riva degli Schiavoni zu.
-
5. Riva degli Schiavoni: Die Uferstraße der dalmatinischen Händler
Riva degli Schiavoni, 30122 Venezia VE
Atme die salzige Brise des Meeres ein, während du an der Riva degli Schiavoni stehst und die Gondeln beobachtest, die sanft an ihren blauen Holzpfählen tanzen. Ihr Name erinnert an die Händler aus Schiavonia, dem heutigen Dalmatien, die im Mittelalter hier mit ihren Frachtschiffen anlegten, um Fleisch, Holz und edle Stoffe auf die venezianischen Märkte zu bringen.
Blicke über das Wasser des Bacino di San Marco hinüber zur Insel San Giorgio Maggiore: Die weiße Marmorfassade der Klosterkirche wurde von Andrea Palladio entworfen und spiegelt sich im Licht der Adria wie ein Gemälde von Canaletto.
In den Palästen entlang dieser Promenade stiegen die berühmtesten Reisenden der Geschichte ab: Im Hotel Danieli logierten George Sand und Alfred de Musset, während Charles Dickens, Marcel Proust und Richard Wagner stundenlang auf das schaukelnde Wasser blickten.
Biege nun landeinwärts ab und folge den engen Gassen zum Campo Santa Maria Formosa.
-
6. Campo Santa Maria Formosa: Masken, Glocken und Paläste
Campo Santa Maria Formosa, 30122 Venezia VE
Tritt heraus auf den weitläufigen Campo Santa Maria Formosa, wo spielende Kinder, Gemüsestände und elegante Palastfassaden das authentische venezianische Alltagsleben zeigen. Formosa bedeutet im Altitalienischen wohlgeformt oder schön: Der Legende nach erschien die Jungfrau Maria im siebten Jahrhundert dem Bischof San Magno als stattliche, schöne Matrone und befahl den Bau der ersten Kirche.
Schau an den Fuß des Glockenturms: Über dem Portal grinst eine groteske Fratze mit weit aufgerissenem Mund und herausgestreckter Zunge herab. Der Baumeister meißelte diese Teufelsmaske im siebzehnten Jahrhundert in den Marmor, um böse Geister daran zu hindern, in den Campanile zu fahren und die Glocken zu verhexen.
Um den Platz reihen sich Paläste der mächtigsten Familien: der gotische Palazzo Donà und der Palazzo Querini Stampalia, der heute eine weltberühmte Kunstsammlung und einen von Meisterarchitekt Carlo Scarpa gestalteten Wassergarten birgt.
Gehe weiter nach Norden zum gewaltigen Campo Santi Giovanni e Paolo.
-
7. Campo Santi Giovanni e Paolo: Das Pantheon der Dogen
Campo Santi Giovanni e Paolo, 30122 Venezia VE
Bleib ehrfürchtig vor der monumentalen Backsteinfassade von San Zanipolo stehen, wie die Venezianer die Kirche Santi Giovanni e Paolo nennen. Zusammen mit den Frari auf der anderen Kanalseite ist dies der gewaltigste Sakralbau Venedigs und das offizielle Pantheon der Serenissima: Nicht weniger als fünfundzwanzig Dogen der Republik wurden in den prunkvollen Marmorgrabmälern dieser Kirche beigesetzt.
Schau auf das bronzene Reiterstandbild auf dem Platz: Es zeigt den Söldnerführer Bartolomeo Colleoni auf einem stolzen Streitross, geschaffen von Andrea del Verrocchio, dem Lehrer von Leonardo da Vinci. Colleoni vermachte Venedig ein riesiges Vermögen unter der Bedingung, dass ihm ein Denkmal vor San Marco errichtet werde. Die schlauen Ratsherren stellten es kurzerhand vor die Scuola Grande di San Marco hier auf diesem Platz, um das Testament buchstabengetreu zu erfüllen, ohne den Markusplatz zu entweihen!
Rechts daneben strahlt die weiße Renaissancefassade der Scuola Grande di San Marco mit ihren meisterhaften Scheinperspektiven von Pietro Lombardo, heute das städtische Krankenhaus Venedigs.
Blicke über das Wasser des Rio dei Mendicanti. Du hast das stolze, unvergängliche Herz der Seerepublik Venedig ergründet.